VON DER HöLLE BIS ZUM HIMMEL – DIE JENSEITIGE FüHRUNG DES ROBERT BLUM

Band 2 (RB)

Durch das innere Wort empfangen durch Jakob Lorber.

Lorber-Verlag – Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.

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(Ältere Ausgabe von 1929)

 

151. Kapitel – Eintritt in das Museum im Hause Roberts. Eine Art Seelenfriedhof.

[RB.02_151,01] Rede Ich: "Ja, du Mein liebster Freund, wenn du schon das für einen vollkommenen Himmel ansiehst, was im Grunde noch so ganz eigentlich kein Himmel ist, sondern nur eine etwas bessere Geisterwelt, in welcher der eigentliche Himmel erst anfängt, in den Geist des Menschen einzufließen, auf daß er aus demselben heraus es neu gestaltet wird - was wirst du denn erst dann sagen, so du in den wirklichen Himmel aus dir selbst heraus eingehen wirst?

[RB.02_151,02] "Ich sage dir für ganz bestimmt, daß dies alles nur ein Voranfang des Voranfanges zum Eingange ins wahre Himmelreich ist. Schau, diese Urväter, Propheten, Apostel und die Mutter Maria mit dem Joseph könntest du ja gar nicht ansehen und das Leben behalten, so sie sich dir zeigeten in ihrer eigentlichen Himmelsgestalt. Aber mache dir nur nichts daraus, denn deshalb bin Ich Selbst da, um euch alle nach und nach in den wahren Himmel einzuführen. Und Ich meine, daß Ich den besten Weg wohl am besten kennen werde!"

[RB.02_151,03] Spricht der Franziskaner: "Ja, Herr, dann ist der Robert Blum ja doch auch noch lange nicht in dem eigentlichen Himmel?" - Rede Ich: "Ja freilich noch nicht! Dies Haus ist zwar schon seinem Herzen entsprossen und ist, insoweit wir es jetzt kennen und sehen, schon so ziemlich vollendet. Aber da gibt es noch zahllose Fächer und Gemächer, die dem Robert noch ebenso unbekannt sind wie dir. Aber mit der Weile und rechten Geduld wird euch noch alles bekannt werden.

[RB.02_151,04] "Nun aber begeben wir uns durch die uns gegenüberstehende große Pforte in das Museum. Alldort werden euch allen die Augen ein wenig weiter aufgetan werden."

[RB.02_151,05] Spricht der Franziskaner: "Herr, was werden wir in dem Museum denn doch wohl alles zu sehen bekommen?" - Rede Ich: "Wirst es bald ersehen! Siehe, ein Teil unserer Gäste ist schon drinnen. Du hörst doch deren unbegrenztes Erstaunen! Und wir werden sogleich uns auch darinnen befinden. Siehe nur genau durch die Pforte, die hoch und breit genug ist, und du wirst so manches zu erschauen anfangen. Sage Mir aber, was du allenfalls schon erschaust!"

[RB.02_151,06] Der Franziskaner sieht hier sehr emsig von ferne noch durch die große Pforte und sagt nach einer Weile: "Herr, das ist ganz verzweifelt sonderbar! Ich kann schauen, wie ich unr immer will, und erschaue nichts, als einen nach meinem Dafürhalten nahezu endlosen Friedhof mit einer Unzahl von Grabmälern. Wahrlich, ein sehr sonderbares Museum das! Und je näher wir der Pforte kommen, desto klarer stellt sich ein unendlicher Friedhof meinen Blicken dar. Ich sehe nun auch schon eine Menge unserer vorangeeilten Gesellschaftsglieder sich um die Denkmäler, die über den Gräbern aufgerichtet sind, herumtummeln. Aber von irgendeinem freudigen Erstaunen vernehmen meine Ohren nichts, wohl aber hie und da Ausrufe wie von großem Entsetzen. - Herr, in diesem Museum werden wir sicherlich ganz verzweifelt wenig Amüsantes (Ergötzliches) finden!"

[RB.02_151,07] Rede Ich: "Oh, sei du dessen unbesorgt! Ich sage dir: Da wirst du unaussprechlich viel und wunderbar Amüsantes finden! - Und nun schaue recht genau, da wir soeben durch die große Pforte in dies Museum eintreten, und sage Mir abermals, was du nun siehst!"

[RB.02_151,08] Spricht der Franziskaner: "Herr, was ich früher gesehen habe, das sehe ich nun auch wieder. Nur klarer und ausgeprägter tritt nun alles vor meine Augen. Aber so unsere Gäste sich schon überall herumtummeln und wie geschäftig sie sind! Mir kommen sie gerade so vor, als wie eine große Lämmerherde, die im Frühjahre zum erstenmale auf die frische Weide hinausgetrieben wird. Da gibt's des Springens und Blöckenns auch kein Ende.- Ich muß denn doch einmal so ein recht prachtvolles Grabdenkmal auch so recht fest in den Augenschein nehmen!"

[RB.02_151,09] Der Franziskaner tritt einem solchen Grabmale näher und bemerkt alsbald eine erhabene Schrift aus einer schwarzen ovalen großen Platte. Er bemüht sich, diese Schrift zu lesen, bringt aber dennoch keinen Sinn heraus, weil da einige ihm ganz Unbekannte Buchstaben vorkommen. Ganz demutsvoll wendet er sich daher an Mich und bittet Mich, daß Ich ihm dieses Grabmales Schrift lesen und erläutern möchte.

[RB.02_151,10] Ich aber sage zu ihm: Mein Freund, so wir in diesem Museum eines jeden Grabmales Denkschrift lesen und sie aus dem Gelesenen entziffern wollten, da hätten wir die ganze Ewigkeit vollauf allein nur damit zu tun. Und es wäre dies gerade solch eine Arbeit, wie wenn du berechnen wolltest, wieviel Samenkörner für eine künftige Fortpflanzung, die ins vollkommen unendliche geht, schon in einem Samenkorne sich befinden. Siehe, um solche unendliche Dinge zu begreifen, muß man nie beim Einzelnen anfangen, auch nicht bei dem Gegenstande, den man ergründen möchte, sondern allemale ganz einfach bei sich selbst. Verstehst du dein eigen Wesen, so wirst du auf alles andere verstehen und ergründen können. Aber solange du dir selbst nicht zur vollsten Klarheit geworden bist, da kann auch alles andere in dir zu keiner Klarheit werden. Wenn das Auge blind ist, woher soll der Mensch dann ein Licht bekommen und wissen, woraus er steht und was ihn umgibt. Ist aber das Auge hell, dann ist auch alles hell im Menschen und um den Menschen herum. Und geradeso ist es auch hier mit dem Geistmenschen.

[RB.02_151,11] "Die Seele, als die eigentliche äußere substanzielle Form des Menschen, hat in sich eigentlich gar kein Licht, außer das, welches von außen in sie hineindringt von anderen Wesen, die schon lange ein eigenes inneres Licht haben, und ihr Erkennen ist darum auch nur ein stückweises. Denn welche Teile (des seelischen Weltbildes) in ihr gerade unter den Brennpunkt eines von außen dringenden Strahles zu stehen kommen, die werden dann von der Seele auch in ihrer Einzelheit erkannt und also beurteilt, wie sie sich der Seele (als erleuchtet) vorstellen. Fällt das Licht aber von irgendeinem Tei auf einen andern Teil, so tritt dadurch eine volle Vergessenheit des früher Gesehenen ein und etwas ganz anderes taucht dann wie ein Meteor in der Seele auf und wird von ihr so lange erkannt und beurteilt, als es sich im Lichte befindet. Weicht durch eine Wendung das von außen hereindringende Licht auch wieder vom zweiten erleuchtet gewesenen Teile, dann ist es auch mit dem Verständnisse der Seele über den zweiten erleuchteten Teil aus. Und so könnte die Seele eine Ewigkeit um die andere sich von außen her in einem fort erleuchten lassen und würde nach einer Ewigkeit doch immer noch auf demselben Erkenntnispunkte stehen, auf welchem sie zuvor gestanden ist.

[RB.02_151,12] "Aber etwas anderes und für dich noch ganz Unbegreifliches ist es, so in der Seele der eigentliche, lebendige Geist vollkommen auftaucht und die ganze Seele von innen heraus auf das hellste erleuchtet. Das ist dann ein ewiges, hellstes Licht, das da nimmer erlischt und alle endlosen Teile in der Seele durch und durch erleuchtet, ernährt und wachsen und vollkommen sich entfalten macht. So also das in der Seele bewerkstelligt wird, dann braucht die Seele nicht mehr einzelne Teile zu lernen, sondern da ist dann alles auf einmal in der Seele zur vollen Klarheit gediehen. Und der also völlig wiedergeborene Geistmensch braucht dann nicht mehr zu fragen und zu sagen: »Herr, was ist dies und was ist jenes?" Denn der also Wiedergeborene dringt dann selbst in alle Tiefen Meiner göttlichen Weisheit.

[RB.02_151,13] "Damit du aber die Wahrheit des dir nun Gesagten desto gründlicher einsehen mögest, so will Ich dir nun auch diese Schrift lesen. Und du wirst dadurch sogleich tausend Fragen in dir entstehen sehen. Und so habe denn acht! Denn so lautet das hier Geschriebene:

[RB.02_151,14] "»Die Ruhe ruht gleich dem Tode tatlos. Aber dies Ruhen ist dennoch kein Ruhen, sondern eine Hemmung der Bewegung. Räumet hinweg die Hemmpunkte, und die Ruhe wird wieder zur Bewegung. Die Bewegung selbst aber ist dennoch keine Bewegung, sondern ein Suchen eines Ruhepunktes. Und ist der Ruhepunkt gefunden und die Bewegung zur Ruhe geworden, dann ist die Ruhe wieder keine Ruhe, sondern ein fortwährendes Streben nach der Bewegung, die auch sobald wieder erfolgt, als die Hemmpunkte hinwegeschafft werden, durch die aus der Bewegung eine Ruhe ward. Und so gibt es eine Ruhe ohne Ruhe und eine Bewegung ohne Bewegung. Die Ruhe ist eine Bewegung, und die Bewegung ist eine Ruhe. Ja, es gibt im Grunde weder eine Ruhe noch eine Bewegung. Denn beide heben sich fortwährend auf, so wie eine gleich bejahende und eine gleich verneinende Größe. - O Welt, die du unter diesem Steine ruhest, du ruhest nicht, sondern bewegest dich in deinem Bestreben, das da ist deine sündige Schwere. Jetzt reifest du dem Leben entgegen. Deine Hemmbande suchst du unablässig zu zerreißen. Und so sie zerrissen sein werden, dann wirst du hinaus ins Unendliche stürzen und wirst im Unendlichen wieder suchen, was du nun hast. - Ein Leben weilt, ein Leben flieht; aber das weilende will fliehen, und das fliehende sucht die Weile. - Gott, Du Urquell des wahren Lebens, gib der Ruhe die wahre Ruhe und der Bewegung die wahre Bewegung!"

[RB.02_151,15] "Sage Mir nun, hast du diese Inschrift verstanden?" Spricht der Franziskaner: "Herr, das war für mich rein japanisch! Mehr kann ich mir darüber nicht sagen. Aber erläutere uns das doch ein wenig mehr!"

 

152. Kapitel – Gefangene der Materie. Wie sollen sie erlöst werden? Vorschlag des Franziskaners.

[RB.02_152,01] Rede Ich: "Siehe, das erläutert dir das Gefühl deinem eigenen Lebens, dem Ruhe und Bewegung zu gleichen Teilen beigegeben ist! - Du kannst natürlicherweise gehen und stehen, sitzen oder gar liegen. So du lange irgend umhergegangen und dadurch etwas müde geworden bist, was für ein Bedürfnis empfindet dann dein Leben?" - (Antwort: "Nach Ruhe!") Gut, sage Ich dir, und du suchst dann auch Ruhe und nimmst dir dieselbe. So du aber wieder völlig ausgeruht hast und siehst muntere Bewegung um dich her - etwa eine Herde muntere Lämmer, ihre lebensfrohen Hirten, die Vöglein von Ast zu Ast durch die bewegte reine Luft schlüpfen, einen Bach ganz rasch durch die Fluren dahinrauschen sind dergleichen mehreres - sage Mir, welch ein Bedürfnis fängt dann dein durch die Ruhe neu gestärktes Leben wieder zu empfinden an?" - (Antwort: "Oh, nach Bewegung, nach viel Bewegung!")

[RB.02_152,02] "Wieder gut! Da du nun dieses fassest, so wird es dir ja doch auch andererseits aus dieser Inschrift klar sein müssen, daß sowohl die Ruhe wie die Bewegung an und für sich nichts sind, als bloß nur abwechselnde Bedürfnisse jedes Seins und Lebens. Dinge, die notwendig gerichtet sind, müssen freilich sich entweder in einer ununterbrochenen Ruhe oder in einer unausgesetzten Bewegung befinden. Aber Wesen, die ein freieres Leben in sich bergen, haben Ruhe und Bewegung unter einem Dache zum freien Gebrauche anheimgestellt. Daher die Bitte: »Herr, gib der Ruhe eine wahre Ruhe und der Bewegung eine wahre Bewegung« nichts anderes besagt als: Herr, gib uns die Ruhe und die Bewegung frei und halte uns nicht mehr im Gerichte!« Oder noch deutlicher gesagt: »Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns vom Übel des Gerichtes!« - Sage Mir, hast du das nun wohl verstanden? Oder ist dir etwa auch da noch kein Licht aufgegangen?"

[RB.02_152,03] Spricht der Franziskaner: "Ja, Herr und Vater, das ist mir nun ganz klar! - Aber wer sind denn die, welche da untern ruhen und aus dren lang erfühltem Bedürfnisse soch eine Inschrift sich hier beschaulich vor unsere Augen stellt? Wer sind sie, die hier nach Erlösung dürsten?"

[RB.02_152,04] Rede Ich: "Höre! Alle, die von der Materie gefangen sind, ruhen unter diesen Denkmälern, die ihnen das notwendige Gericht über alle Materie zum ewigen Gedächtnisse Meiner urgöttlichen Weisheit, Macht und Stärke gesetzt hat.

[RB.02_152,05] "Deine Seele ging ebenfalls aus einem solchen Grabe hervor und wurde in ein anderes Grab gelegt, bereitet aus Blut und Fleisch. In diesem Grabe spann sie sich wie eine Seidenraupe wieder in eine leichtere und eines sich fortentwickelnden Naturlebens fähige Materie, die sie nach ihrer eigenen Form modelierte und ausbildete. Als ihr die Form gelang, da hatte sie dann eine größere Freude an der Form, als an sich selbst, und hin sich ganz an die tote Form des Fleisches.

[RB.02_152,06] "Das Fleisch aber ist wie alle Materie in sich selbst tot. Wenn nun die Seele mit der Materie eins wird, wie soll sie dann ungerichtet bleiben, so ihre materielle Form wie alle Materie in ihr selbst notwendig dem unvermeidlichen Gerichte anheimfallen muß!? - In die Seele ist zwar wohl ein neuer Geist gelegt und, mit ihm eins zu werden, sollte die Seele eigentlich alles aufbieten. Aber so die Seele alles nur aufbietet, um mit ihrer Materie eins zu werden - wie soll dann der Geist in der Seele ein Herr seines Hauses werden?!

[RB.02_152,07] "Ich sage dir: Da wird der Geist selbst in die Materie begraben! - Und hier siehst du solche begrabenen Geister in einer Unzahl! Jedes Grab birgt seinen eigenen. Und dessen Worte sind es, die du hier auf der schwarzen ovalen Tafel gelesen hast und ferner noch lesen kannst auf zahllosen anderen Tafeln. Aber der noch lebendige Geist ächzet und seufzet aus seinem harten Grabe um Erlösung. - Und da sage du Mir und bezeuge es, was wir hier machen sollen!"

[RB.02_152,08] Spricht der Franziskaner: "Herr, wenn so - da wird niemand, der nur einen Funken Liebe in seinem Herzen trägt, um eine rechte Antwort auch nur eine Sekunde verlegen sein können. Man helfe ihnen, so man helfen kann, will und mag! Und man helfe ihnen bald, so es möglich! Denn eine Hilfe nach Verlaufe von einer Ewigkeit dürfte wohl kaum eine Hilfe genannt werden können. - Sie sollen hervorgehen aus ihren Gräbern, samt der Materie! Die Materie lassen wir wie durch einen chemischen Dampfapparat sich verflüchtigen, und das rein Geistige soll dann frei werden!

[RB.02_152,09] "Daß die Menschen nun auf der Welt zumeist schlecht und somit gröbst materiell werden, kann ihnen mein Herz durchaus zu keiner besonderen Sünde rechnen. Denn man betrachte nur ihre leiblich-irdische Stellung, ihre unverschuldete Armut, dann in moralischer Beziehung ihre totale Erziehungslosigkeit, die meist eine Folge der zu großen allgemeinen wirtschaftlichen Verarmung ist, die wieder rein aus den ehernen Herzen der reichen Geizhälse folget - und man richte dann einen armen, aller Not und Verzweiflung preisgegebenen Dieb, eine Hure, die monatelang Dienst suchte und keinen fand; und fand sie schon einen, so war er sicher schlechter als die Hölle selbst. Bei vielen Dienstgebern werden arme Dienstmädchen zufolge eines zu schlechten Lohnes zu Huren, damit sie sich durch solche Nebenverdienste ihre Lebenslage doch ein wenig verbessern. Denn von einer Moral und höheren geistigen Bildung kann da keine Rede sein, wo der bei weitem größere Teil der Menschen mit dem besten Gewissen von der Welt sagen kann: »Es gibt des Sandes viel an den Ufern des Meeres; aber von uns kann niemand rechtlichermaßen sagen: Siehe, diese Handvoll ist mein! Denn so ich ihn mir eigenmächtig nehme, da bin ich ein Sanddieb!« Die Erde gehört noch immer wie - einst dem Adam und der Eva - nur einzelnen. Alle anderen Millionen aber sind hart gehaltene Knechte, Sklaven, Lasttiere und dergleichen Elendes mehr (was man nur haben will) - und sind somit auch notgedrungen auf der Welt schon sozusagen rein des Teufels. Es gibt wohl hie und da noch Staaten auf der Welt, wo man zur Hintanhaltung zu großer Not wenigstens für den leiblichen Bedarf der armen Menschheit etwas tut. Aber für die Bildung des Geistes, Herr, da geschieht für die Armen nichts, außer daß sie genötigt werden, an Sonn- und Feiertagen in eine sogenannte Kirche zum lateinischen oder chinesischen Gottesdienst zu gehen und sich im Winter nicht selten Füße und Hände zu erfrieren und noch andere Krankheiten abzuholen!

[RB.02_152,10] "Wenn nun die meisten Menschen auf diese Art, wie sie auf der Erde nun allgemein ist (denn eine Schwalbe hie und da macht noch keinen Sommer!), in jeder Hinsicht schlecht werden, wenn sie zu morden, rauben und plündern anfangen, wenn sie sich gegen alles Gesetz empören, ja sogar zu scheußlichen Gottesverächtern oder Gottesleugnern werden - wer kann es ihnen im Ernste verargen, so er diese und noch viele andere, die Menschheit von Gott ablenkende und sie stets schlechter und schlechter machende Umstände genau erwägt! Ich nicht, wahrlich, bei Deinem heiligsten Namen nicht! - Darum helfen, aber wahrhaft helfen, zuerst leibich und dann erst moralisch - dann wird es mit der Erde bald besser aussehen als nun!

[RB.02_152,11] "Die Erde ist nun eine barste Hölle für die Menschheit. Man mache sie wenigstens zu einem Viertel-Paradiese, und die Menschen werden Gott wieder anerkennen! Denn in der Hölle tut sich's mit dem Studium der Theosophie und höheren Moral auf keinen Fall mehr; dessen bin ich vollkommen überzeugt. - Also helfen, wo zu helfen ist! Aber ganz helfen! Und dann heraus mit allen, die in den Gräbern schmachten! - Das ist und bleibe für ewig mein lebendigster Wahlspruch!"

 

153. Kapitel – Wichtige Lebenswinke. Satan – Stammvater der Materie und aller Menschenseelen. Gottes Erlösungsplan.

[RB.02_153,01] Rede Ich: Mein lieber Freund! Dein Herz in sich Selbst ist gut, weil du ein gebührendes Mitleid mit deinen Brüdern hast - eine Eigenschaft, die gar vielen deiner irdischen Ordens- und Glaubensgenossen mangelt. Aber deine Erkenntnis ist sozusagen noch unter dem Hunde!

[RB.02_153,02] "Meinst denn du, Ich kümnmere Mich etwa um die Menschheit auf der Erde nicht mehr? Oder glaubst du, daß dein Herz zum Besten der Menschheit mehr Liebe hat als das Meinige? Oder bin Ich etwa gar dumm und blöde geworden, daß Ich deshalb nicht mehr einsehen könne, was der jeweilig auf der Erde lebenden Menschheit frommen möchte? - Siehe, siehe, dein Herz, ja das ist gut. Aber gut wie ein Blinder, der einen Geier koset in der Meinung, es sei eine sanfte Taufe, und eine Natter für einen guten Aalfisch in seine Tasche schiebt! Weißt du wohl schon, woher der Erde meiste Menschen ursprünglich stammen und wie sie jeweils gehalten und geführt werden müssen, um durch allerlei Erlösungsmittel zu wahren freien Menschengeistern herangebildet zu werden? Siehe, das weißt du nicht und hast es auch noch nie gewußt und eingesehen und dennoch willst du Mich so ganz leise beschuldigen, als hätte Ich die Schuld, daß es nun auf der Erde mit der Menschheit so schlecht und elend stehe. - Aber siehe, das ist sehr eitel von deines Herzens Weisheit!

[RB.02_153,03] "Hast du denn auf der Erde nie gesehen, wie die Metalle aller Art und wie das Glas bereitet wird? - So du je in einen Schmelzofen geschaut und da gesehen hast das Erz erglühen und dann brausend, zischend und tobend in ein Becken sich ergießen, was mußte dein Gefühl dabei denken, so es an die Möglichkeit dachte, daß solche Materie denn doch etwa irgendeine stumm-intelligente Empfindung haben könnte!? Welch ein Schmerz muß ihr innewohnen, so sie durch des Feuers Allgewalt in ihrer ersten Form gänzlich zerstört und in eine neue überzugehen genötigt wird! Und so du dann das abgekühlte, feste, blanke und nützliche Metall ansiehst, wird es dir dabei auch so wehmütig zu Mute? Siehe, dann hast du eine Freude und lobst den Verstand der Menschen, die durch die Kraft des Feuers so nützliche Metalle und so herrlich schimmerndes Glasgeschirr zuwege bringen!

[RB.02_153,04] "Siehe, so ist es auch mit der Bildung des Menschen. So er krank ist hier oder da, lahm an den Füßen, kontrakt (verkümmert, gelähmt) an den Händen, blind, taub, stumm und manchmal voll Unflat und Aussatz - da wird ein weiser Arzt alles aufbieten, um den Kranken wieder gesund zu machen. Aber so die Krankheit starke und schmerzliche Heilmittel fordert, ohne die dem Kranken in keinem Falle zu helfen ist - sage oder urteile, ob es vom Arzte wohl weise und liebevoll wäre, aus einem unzeitigen Mitleidsgefühle dem Heilsbedürftigen jene Mittel vorzuenthalten, durch die dem Kranken einzig und allein zu helfen ist!?

[RB.02_153,05] "So du ein paar Ohren zu hören hast, so höre! - Der Satan ist als ein ursprünglicher Geist geschaffen worden. Als er aber durch ein Gesetz seine volle Freiheit hätte erkennen und annehmen sollen, da ward er unwillig und fiel durch die Verachtung des Gesetzes und somit auch durch die Verachtung Gottes. Da er aber gleich dem Adam ein Urvater der ferneren Menschen für die Ewigkeit hätte werden sollen, so trug er auch gleich einem Samenkorne zahllose Äonen von künftigen Menschen in sich und riß sich sogestaltet (d.h. samt den ihm innewohnenden zukünftigen Geschlechtern) von Mir, seinem Schöpfer, los. Und die Folge davon war die materielle Schöpfung aller Welten, welche da ist ein notwendiges Gericht. - Er ganz allein für sich kann wohl noch lange bleiben, was er ist; aber die zahllosen Keime der Menschen werden ihm genommen auf dem freilich harten Wege durch die Materie. Diese Keime aber gehen aus seinem gesamten Wesen hervor, bald aus seinen Haaren, bald aus seinem Haupte, bald aus seinem Halse, seiner Zunge, seinen Zähnen, seiner Brust, aus seinen Eingeweiden, aus seiner Haut, seinen Händen und Füßen. Und siehe, je nachdem die jeweilige Menschheit aus des gefallenen Satans einem oder dem andern Teile hervorgeht, so muß sie auch entsprechend behandelt und geführt werden, um die Stufe der wahren Vollendung zu erreichen.

[RB.02_153,06] "Wenn man das weiß, kann man dann mit Grund gegen mich auftreten und fragen: »Herr, warum hilfst Du den Elenden nicht und lässest sie verschmachten und zugrunde gehen?« - Siehe, Ich lasse niemanden verschmachten und zugrunde gehen, selbst den Satan und die barsten Teufel nicht. Aber so lassen kann Ich sie nicht, wie sie - wider alle Meine Ordnung (von der die Erhaltung aller Dinge abhängt) - es in ihrer eigensüchtigsten Blindheit wollen; sondern Ich muß auf jede mögliche ordnungsmäßige Weise sorgen, daß sie alle am Ende doch jenes Ziel erreichen, das ihnen von Meiner Ordnung von Ewigkeit her gestellt ist.

[RB.02_153,07] "Meinst du aber etwa, daß da in diesen Gräbern lauter armes Proletariat, das gewisserart wegen seiner Armut zu sündigen genötigt ist, im Gerichte gefangen rastet!? - Oh, wenn du so etwas meinst, da bist du in großer Irre! Siehe, die da unten sind lauter Großstämmler, lauter Wesen, die in den verschiedensten Dingen wohl unterrichtet waren. Aber da sie alles, was sie kannten und hatten, nur zum Vorteile ihres Hochmutes, ihrer harten Unversöhnlichkeit, ihrer fleischlichen Wollust, ihres Neides und Geizes verwendet und somit ihre Seele zu sehr vermaterialisiert haben - so stecken sie nun auch in den Gräbern desselben Gerichtes, das sie sich selbst bereitet haben!

[RB.02_153,08] "Dort hinter dem Grabmale wirst du eine Öffnung entdecken. Gehe hin und schaue hinein - und sage Mir, was du siehst! Dann erst wollen wir weiter diese Sache miteinander erörtern!"

 

154. Kapitel – Grabesgeheimnisse und jenseitige Kuren. Der große Sammelplatz göttlicher Gnade.

[RB.02_154,01] Der Franziskaner geht darauf sogleich, die besagte Öffnung aufzusuchen, und als er sie findet, schaut er sehr aufmerksam hinein. Anfangs ist alles stockfinster. Aber nach einer kleinen Weile wird es dennoch soweit heller, daß er mit genauer Not wahrnehmen kann, was alles in der innern Höhlung sich vorfindet und welche Erscheinungen an dem vorgefundenen bemerkbar sind.

[RB.02_154,02] Nach einer Weile seines sehr aufmerksamen Betrachtens fängt er zu reden an und spricht: "O Herr, um Deines heiligsten Namens willen, da gibt es aber Geschichten! Ich entdecke das Zimmer eines Gelehrten; in einer Ecke einen ganz wahnsinnig großen Bücherschrank voll mit allerlei sehr bestaubten Schartecken und in der andern Ecke einen Schreib- und Studiertisch mit einer Menge übereinandergelegter Schriften. An der hinteren Wand aber befindet sich ein großes Lotterbett, auf dem ein ganz nacktes, fettes, aber sonst sehr unästhetisch aussehendes Weibsbild liegt, und zwar in keiner moralisch zu nennenden Situation. Und nun kommt soeben auch der Gelehrte sehr häßlichen Aussehens an das Lotterbett und sagt: »Weiba, laß uns des Lebens höchste Wonne genießen! Denn das Leben ist nur dann Leben, so es im Wonnegenusse schwelget!« - O du verzweifelter Kerl von einem Gelehrten! Nun entkleidet er sich auch und - o du Haupt-Vieh! Nein, das ist zu arg! Herr, ist denn kein Wasser irgendwo bei der Hand, daß ich damit dem grauslichen Schweinekerl seine wahre Eselsbrunst ein wenig abkühlen könnte! Ich glaubte hier unten etwa einen toten Leichnam zu entdecken. Nein, das wäre mir ein sauberer Leichnam! Herr, ist dieses Museum durchaus so bestellt? Das ist wahrlich ein sonderbares Schweine-Museum das! Ich bitte Dich, Herr, verschaffe mir doch so ein gutes Schaff voll Wasser, ich muß den grauslichen Schweinekerl angießen!"

[RB.02_154,03] Rede Ich: "Lasse du das nur gut sein! Denn dadurch würdest du ihn zum Zorn reizen und an ihm mehr verderben als gut machen! Solche Menschtiere sind sehr zornsüchtig, und es ist nicht gut, sie in ihrer Brunst zu stören. So er aber mit seinem Vorhaben fertig sein wird, dann wird ihm seine Natur schon von selbst zeigen, welch sehr schmerzliche Verdienste er sich dadurch gesammelt hat. Warte nur noch ein wenig, er wird mit diesem seinem Wonneakte bald zu Ende sein, und dann wirst du sogleich einen andern Akt zu sehen bekommen. - Gebe nun nur acht!" - Der Franziskaner gibt nun weiter sehr aufmerksam acht und sagt bald darauf: "Oh, oh, oh, ohhh! O du verzweifelte Mette! Des Gelehrten wie seiner fetten Coiba wollüstiges Wonnegefühl hat einen ganz verzweifelten Ausgang genommen. - Schmerz über Schmerz! - Furchtbares Weheklagen, fürchterliche Verwünschungen dieses Aktes werden nun ganz deutlich vernehmbar, und beide krümmen sich wie getretene Würmer, vor Schmerz am Boden herumkriechend. Ah, das ist ein äußerst widerwärtiger Anblick! Wahrlich, so beide nicht gar so schändliche Schweinspelze wären, ich würde Dich, o Herr, für sie um Erbarmen anflehen. Aber da tue ich's gerade nicht! Dies Lumpenpack soll es recht ex fundamento (von Grund aus) empfinden, was die Unzucht für ein höllisches Labsal ist!"

[RB.02_154,04] Spricht Miklosch: "Freund, lasse mir's auch zu, daß ich da ein wenig hineingucke!" Spricht der Franziskaner: "Komm nur her und schaue!" - Miklosch kommt und sieht durch die Öffnung hinein und spricht: "Ah, Tausend! Das ist wahrlich sehr arg! O Herr, o Herr,die beiden müssen einen ungeheuren Schmerz empfinden! Vielleicht wäre denn doch eine Linderung nicht am unrechten Platze?"

[RB.02_154,05] Sage Ich: "Lasset das nur gut sein! Wenn solche verknöcherte Buhler gebessert werden sollen, da müssen sie zu Zeiten ganz absonderlich ernst angepackt werden. Denn geringe Rupfser sind für solche materielle Seelen von gar keiner Wirkung. Ich sehe dieser Art Menschenwesen ohnehin lange durch die Finger; aber so alle sanfteren Mahnungen und Rupfer nichts nützen, dann werden sie aber auch mit all Meinem Vollernste angegriffen. Und nur durch die Fülle des Schmerzes fangen sie ein wenig an, in sich zu gehen, und werden dann für etwas Höheres aufnahmefähig. Daher lassen wir sie nur ganz ruhig die glühschmerzliche Frucht ihrer lustigen Tätigkeit genießen!"

[RB.02_154,06] Spricht Miklosch: "Aber Herr, es ist wahrlich nimmer zuzusehen! Sie schreien fürchterlich und fangen vor Verzweiflung förmlich sich zu zerfleischen an! Welch schaudererregende Verwünschungen sie über den begangenen Akt ausstoßen! Ah, das ist wahrlich entsetzlich! Bruder Cyprian, schaue nur wieder du diese Geschichte an, denn ich habe mich schon für ewig daran satt gesehen! - Herr, geht es denn unter allen diesen zahllosen Denkmälern und Leichensteinen also zu?"

[RB.02_154,07] Rede Ich: "Hie und da noch viel schlechter, aber hie und da auch etwas besser. Denn alle diese haben aus der Erde nicht zu klagen gehabt, als hätten sie kein Licht über das geistige Leben erhalten. Aber da sie das Licht nicht in ihr Herz, sondern nur in ihr loses Gehirn aufnahmen und dabei im Herzen die alten Böcke geblieben sind voll schmutzigen Sinnes und danebst auch voll Hochmut, Mißtrauen und auch voll geheimen Zornes, so müssen sie in diesem Museum erst wieder ganz neu umgestaltet werden. Nützen alle sanften Operationen nicht, so muß dann leider zu den schärferen vorgegangen werden, ansonst sie nimmer zu retten wären. Lassen wir aber nun diese und gehen wir zu einem anderen Grabe über!"

[RB.02_154,08] Spricht einmal der Graf Bathianyi: "Herr, Du bester Vater, da gleich daneben steht ein ganz vergoldetes Grabmal, und zwar, so ich recht lese, mit der sehr mystischen Inschrift:

[RB.02_154,09] "»Gott, Freiheit, Glückseligkeit! Mensch, Kettenhund, Elend, Tod! Der Mensch, ein Schmarotzertier auf dem weiten Gewande der göttlichen Heiligkeit, möchte Gott lieben wie eine Laus den Leib eines Menschen. Aber das ist der Gottheit lästig, daher tötet Sie in einem fort das menschliche Ungeziefer. Welcher Mensch weiß es denn, welche Liebe die Läuse zu ihm haben? Je mehr Läuse der Mensch über seine Haut bekommt, von desto mehr Lausliebe wird er umfangen sein. Aber an solch einer lausigen Liebe hat der große, weise Mensch kein Wohlgefallen; daher wendet er alles an, um sich dieser lausigen Liebschaften zu entledigen. Und so macht es (auch) die große Gottheit! Sie ist stets bemüht, sich der lausigsten Menschenliebe zu entledigen. - Aber die Gottheit sollte keine Läuse erschaffen und ihnen kein Bewußtsein geben, so Ihr die Lausliebe ein Greuel ist! Denn ist die Laus auch endlos klein gegen die endlos große Gottheit, so hat sie aber doch ein sehr zartes Gefühl und empfindet den göttlichen Abscheu-Druck um ebensoviel schmerzlicher, als das schreckliche Übergewicht der göttlichen Machtschwere größer ist denn das elendeste Sein einer Laus (vulgo Mensch) (gemeinhin genannt Mensch). - Daher sei gnädig, Du große Gottheit, Deinen Läusen, und vernichte sie für ewig ganz und gar!"

[RB.02_154,10] "Wahrlich eine sehr sonderbar schmutzige, merkwürdige Inschrift! Da möchte ich denn selbst eine Einsicht nehmen, von welcher Art etwa doch der Einwohner dieses Grabes ist."

[RB.02_154,11] Sage Ich: "Mein lieber Ludwig, dieses Vergnügen kann Ich dir sehr leicht gewähren! Gehe hin an die Rückseite dieses Grabmales, allwo du eine runde Öffnung finden wirst, dort sieh hinein, und du wirst sogleich im klaren sein!" Der Graf Ludwig Bathianyi tritt sogleich hinter das Grabmal und entdeckt auch die vorbesagte Öffnung. Er beugt sich nieder und richtet seine Blicke fest durch die Öffnung in das Innere des Grabes. Nach einer kurzen Weile spricht er ganz erstaunt über den Befund: "Oh, das ist ja im höchsten Grade grauslich srappant! Ein äußerst schmutziger Affe größter Art, ganz mit zerzausten Pfauenfedern behangen, spaziert in einem Saale auf und ab, legt öfter einen Finger auf die Nase und bald wieder auf die sehr niedere Stirne, dieselbe ein wenig philosophisch reibend. Und dort auf einem Ruhebette kauern etwa sieben oder acht etwas kleinere, höchstwahrscheinlich weibliche Affen und wispern sich gegenseitig etwas ins Ohr. Nun aber spricht der große Affe mit einer sehr kreischenden Stimme: »Ja, ja, Russen und Türken taugen nicht füreinander! Der Bem, der berühmte General, hat sie schon beim Schopf. Und hintendrein kommen die Engländer und Franzosen und werden dem Russen zeigen, wie weit's von Europa nach Sibirien ist! Hahaha, das hab ich immer g'wunschen, und jetzt g'schieht's! Und's liebe Österreich wird zu einem schleißigen Abwischfetzen und wird am Ende tanzen müssen, wie's die andern haben wollen. Hahaha, no, no, das geht jetzt halt grad so, wie ich mir's g'wunschen hab! O ihr armen Deutschen, ihr dummen Slaven, ihr welschen Esel und ihr ungarischen Ochsen! G'schieht euch ganz recht, daß ihr alle miteinander englisch, französisch und türkisch werdet! Denn ihr habt's ja so gehandelt und habt es so hab'n wollen! Jetzt wird's euch hernach leichter sein! O ihr Hauptviecher! Im Parlament habt's nicht einig werden können! Aber am Galgen der allgemeinen Armut und Verzweiflung und als amerikanische Plantagesklaven werd't ihr euch dann vereinen können! Habt's a fette, milchreiche Kuh g'habt und habt sie statt bei den Euterzitzen beim Schweif gemöleket, wo's ka Milch hat geb'n können! Da, nun g'schieht's euch recht, ihr welschen, deutschen, ung'rischen und slavischen Rindviecher! Hahaha! Mi geht's zwar nix mehr an, denn ich bin versorgt. Aber a Freud hab ich ganz unsinnig, daß es jetzt so kimmt, wie i's mir auf der Welt oft gedacht hab!«"

[RB.02_154,12] Spricht der Graf weiter: "Ach Herr, Du guter heiliger Vater, was dieser Affe zusammenschwärmt, das ist ja der Welt ungleich! Sage uns doch allergnädigst, ob daran denn doch so etwas Wahres sein könnte." - Sage Ich: "Alles ist möglich auf der Welt, je nachdem die Menschen irgendwo noch mit Mir wandeln oder auf ihre eigengestaltete Macht vertrauen. - Höre du aber diesen Affen nur weiter an!"

[RB.02_154,13] Der Graf legt Aug und Ohr wieder an die Öffnung, und der Affe spricht nach einigem Räuspern weiter: "Wo nur meine Malla so lange bleibt! - Aha, aha, da kommt sie schon, sicher mit einer Menge Neuigkeiten von der Welt!" - (Malla tritt in den Saal.) - "Grüß dich! No, was gibt's denn Neues auf der Lauswelt?"

[RB.02_154,14] Spricht die Malla, die auch sehr äffisch aussieht: "Nit zum sagen, meim Mallwit! Alles is konfus, kaner waß mehr, wer da is Koch oder Kellner! Die Minister in Österreich arbeit'n auf einem Türl, wo's leicht werden durchgehen können, wann's die Suppen ganz werden versolzen hobn. Aus die Kleinen mochn's Große und aus die Groß'n mochn's Kleine. Da fluchen die Großen, und die großgemochten Kleinen stehn wie d' Ochsen am Berg! Gelt, mein lieber Mallwit, das Ding geht lustig und ganz nach deinem Wunsch!" - Der Mallwit lacht dazu freudig. -

[RB.02_154,15] Die Malla spricht weiter: "Die Reichen werden große Steuern zu zahlen kriegen und schimpfen drum schon jetzt wie d' Rohrspatzen. Die Geistlichen können über d' Regierung nit gnua fluchen und sie verdammen. D' Landleut wollen von zahlen nix wissen. Die Künstler und Professionisten geben sich langsam der Verzweiflung hin. Das Militär hofft immer aufs Silbergeld und Gold; aber es kimmt holt koans; und daher haben sie a ka großes Fiduz auf den Staat! - No, und den Spaß! Der Papst hot holt no immer d' Franzosen und hot sich dofür schun von Neapel, Spanien und Österreich Ärzte verschrieben; aber es es gleich umsonst, er wird holt von die Franzosen nit los, und do moanen die Gescheitern af der Welt: Das wird dem lieben Papst wohl's Garaus mochn! - Hahaha! Nit wohr, dös is doch spaßi gnua!? - Und du, das is a neuer Spaß, Rußland hätt jetzt mit England an Zwirnhandelstraktat abgeschlossen, und dös dorum, weil Rußland jetzt in allen Ort'n den schönsten Zwirn zu schei - hätt i bald g'sagt, anheben tät. - Na du, da gibt's dir Gschicht'n!"

[RB.02_154,16] Spricht der Affe Mallwit: "Ganz nach meinem Wunsch! Wie i's auf der Welt oft gesagt hab, so, aber grad so kommt's jetzt! - Aber der Spaß vom Papst ist im Ernst nicht schlecht, und es ist so, und es wird, muß und kann nicht anders werden! Wie leicht wär's im Jahr 1848 g'west, wie wir noch auf der Welt waren, so die dummen Menschen sich nur einigermaßen verstanden hätten oder verstehn hätt'n woll'n. Aber da wollt, ein jeder Esel ein Deputierter sein und überschrie den Philosophen in der Kammer! - Jetzt habn sie den saubern Dreck. Aber es g'schieht ihnen allen vollkommen recht! - Jetzt aber schau, daß ich was zu essen bekomm; denn ich bin schon ganz verdammt hungrig und unsre Töchter auch dort auf dem Sofa."

[RB.02_154,17] Spricht der Graf weiter: "Jetzt lauft die Äffin Malla zu einer Tür hinaus! - Bin doch auf das Traktament (Speisegricht) neugierig! - Aha, da kommt sie schon wieder mit einem ganzen Korb voll! Aber was das für eine Speise ist, das mag jemand anders bestimmen! Dem Gesichte nach zu urteilen sieht die Geschichte wahrlich gerade so aus, als wenn das lauter halbgesottene weibliche und mitunter auch männliche Leibesteile wären! Er fällt mit einem Heißhunger über den Korb her und klaubt sich nun gleich die größten heraus. Die kleinen und magern läßt er im Korbe. Die Malla und ihre Töchter aber machen sich über die Teile männlichen Aussehens! - Ah, das ist ja doch rein zum wahnsinnig werden! Und mit welcher förmlich neidischen Begierde das alles zusammengepackt und verschlungen wird! Nein, so was hätte sich auf Erden wohl nie ein Mensch träumen lassen können! - Jetzt ist er fertig und macht sehr wollüstige Mienen, als hätte er noch einen größeren Appetit! Aber dennoch sagt er nun: Gottlob, jetzt wär' ich wieder satt! Das waren vortreffliche Austern! Es müssen auch die marinierten Schnecken recht gut gewesen sein; aber mein Magen verträgt sie nicht. Jetzt könnt ihr schon wieder hinausgehen, so ihr euch im Freien ein wenig vergnügen wollt!«

[RB.02_154,18] "Spricht die Malla: »Lieber Mallwit! Is jetzt mit ratsam! Denn es streichen allerlei wilde Tiere draußen herum, als wenn die ganze Höll los wär. Und wann sie was erwischen, no, Gott sei dem gnädig! Drum moan i, wir bleiben so hübsch fein zu Hause. Wenn d' Höll Jagd holten tut, dann es mit gut ins Freie zu gehn!« - Spricht der Mallwit: »O weh, o weh! Gute Welt, kannst dich freuen, wann's so ist! Du wirst bald wieder sehr blutig in deinem Gesicht, aussehen! - Aber ich merke, daß da von dem Dunstloche ein sehr unangenehmer Luftzug herabweht! Geh doch ein wenig nachsehen, was es etwa da für Geschichten hat.- Spricht die Malla: »Ah, was wird's denn sein!? Geht holt a bißl a höllischer Wind! Müss'mer holt's Dunstloch zustopfen, da wird der Luftzug sogleich sein End habn!« Die Malla bringt sogleich aus einem Winkel eine Menge schmutziger Fetzen und bemüht sich, das Loch zu verstopfen; aber es gelingt ihr diese Arbeit nicht."

[RB.02_154,19] Spricht der Graf weiter: "Herr, wie wäre es denn, so man sie durch dieses Loch anredete?"

[RB.02_154,20] Rede Ich: "Das ist noch lange nicht an der Zeit! Lassen wir sie aber nun! Die Angst ob der vermeintlichen Höllenjagd wird das beste an ihnen tun. Du mußt von seiner anscheinenden Tugend wegen der Anrufung und Belobung Gottes dir keinen zu großen Begriff machen, wie auch wegen seiner ebenso scheinbaren politischen Nüchternheit nicht; denn alles das, was er spricht, ist sein Wunsch und seine Liebe. Aus seiner Kost aber hast du hinlänglich entnehmen können, wessen Geistes Kind er samt seiner Familie ist. Aus seiner Gestalt hast du das noch sehr Unmenschliche seines Wesens wahrgenommen. Daher ist hier vorderhand nichts anderes zu tun, als ihn gehen zu lassen wie eine unzeitige Frucht und abzuwarten, bis er reif wird.

[RB.02_154,21] "Dies aber ist darum ein ganz besonderes Museum, weil hier ganz verdorbene Geister durch einen ganz besonderen Akt Meiner Gnade wie die Pflanzen in einem Treibhause wieder zum Lichte und Leben zurückgeführt werden. Dies Museum oder der Kunstsammelplatz Meiner Gnade und besonderen Erbarmung hat seine Aufseher und Wärter, die wie echte Kunstwärtner mit aller zu diesem Zwecke nötigen Weisheit bestens versehen sind. Und du kannst versichert sein, daß alles, was ihrer Pflege anvertraut ist, zur sicheren Reife kommen muß.

[RB.02_154,22] "Und so verlassen wir nun diese Stelle und begeben uns dorthin vorwärts, wo du bei einem großen, sehr kunstreichen Denkmale fast alle unsere Gäste versammelt siehst. Dort wirst du und ihr alle Meine neuangekommenen Freunde noch deutlicher gewahr werden, warum dieser Ort, der sich eigentlich noch immer unter dem Dache des Robertschen Hauses befindet, das Museum eben dieses Hauses heißt.

[RB.02_154,23] "Ich sagte einst auf der Welt zu Meinen Brüdern: "Ich hätte euch noch vieles zu sagen; allein ihr könntet es jetzt nicht ertragen. Wenn aber der Geist der Wahrheit zu euch kommen wird, der wird euch in alle geheime und vor den Augen der Welt verborgene Weisheit Gottes leiten!« - Und siehe, also ist es nun auch hier! Ich kann euch nicht auf einmal alles sagen, zeigen und erläutern. Aber durch die Umstände wird der ewigen Wahrheit Geist in euch selbst erweckt; und dieser wird euch alles klar machen, was euch jetzt noch dunkel und unerklärlich sein muß. Daher gehen wir nun schnell weiter dorthin, wo sich alle versammeln, da wird euch allen ein mächtiges Licht angezündet werden! Denn wo ein Aas ist, da sammeln sich die gewaltigen Adler! Und nun vorwärts!"

 

155. Kapitel – Das große Pyramidendenkmal. Licht- und Lebensworte des Herrn über Geist, Seele und Leib. Die wahre Auferstehung des Fleisches.

[RB.02_155,01] In ein paar Augenblicken sind wir an Ort und Stelle. Die vielen anderen Gäste, die von den Aposteln geführt wurden, wie auch Urväter machen uns in größter Ehrerbietung Platz. Und wir treten dem großen Denkmale näher, das beinahe so aussieht wie allenfalls eine der größten Pyramiden Ägyptens, nur nicht in dem alten, rohen Baustile.

[RB.02_155,02] Auf der Spitze der Pyramide ist eine große Goldkugel angebracht. Und jede stufe der Pyramide ist mit einem breiten Goldreife umfangen, in welchem allerlei Inschriften eingegraben sind. In die Pyramide führt von der Nordseite her nur eine Türe, durch die man ordnungsgemäßerweise ins Innere gelangen kann. Einige Ellen hinter dem Eingange sind nach rechts und links zwei Seitengänge, und noch etwas tiefer hinter diesen beiden Seitengängen befindet sich eine Treppe in die Tiefe hinab und eine in die Höhe hinaufführend. Obschon aber die Pyramide äußerlich von lauter undurchsichtigen, schweren Steinen erbaut zu sein scheint, durch die kein Licht ins Innere dieses riesigen Denkmales zu dringen vermöchte, so sind aber im Innern dennoch alle die vielen Räume so hell erleuchtet, daß man alles ganz gut wahrnehmen kann, was sich darinnen vorfindet.

[RB.02_155,03] Der schon überaus neugierige Franziskaner Cyprian fragt Mich. Sagend: "Herr, Du bester Vater, was hat wohl dieses zu bedeuten? - So eine ungeheure Pyramide muß auch eine ungeheure Bedeutung haben!" Rede Ich: "Mein lieber Freund, habe nur eine kleine Geduld! Denn so einen Baum haut kein Holzknecht mit einem Hiebe auseinander! Es hat wohl auf der Erde einen heidnischen König von Mazedonien namens Alexander gegeben, der den berühmten gordischen Knoten mit einem mächtigen Schwerthiebe entwirrte; aber auf diese Art und Weise werden hier im Reiche der reinen Geister die Wirrknoten nicht gelöst, sondern mit der gerechten Weile und Geduld! Daher also nur ein wenig mehr Geduld, Mein lieber Freund Cyprian!"

[RB.02_155,04] Der Franziskaner gibt sich auf diese Worte ganz zufrieden und sagt bloß hinzu: "Herr, Du bester Vater. Du hast ewig vollkommen recht! Wir leben ja nun nicht mehr in der naturmäßigen Welt, wo die lose, flüchtige Zeit wie ein Sturmwind dahineilt. Hier ist die unvergängliche Ewigkeit, und in ihr dürften wir denn doch Weile in größter Fülle haben, um uns alle Einsicht zu verschaffen, die uns hier not tut. Was bliebe uns am Ende aber auch übrig, so wir mit einem Schlage in alle die himmlische Weisheit hineinfielen (nichts) als bald darauf eine ewige Langweile! Daher nur langsam voran und voraus; sonst wird aus der ewigen Freude noch eine ewige Langweile!" Spricht der Graf: "Aber Freund, mir scheint, du fängst schon wieder an, ein wenig satirisch zu werden! Ich sage es dir, nimm dich in acht! Denn der Ort, wo du stehst, heilig! Daher lasse endlich ab von solchen faden Witzeleien!"

[RB.02_155,05] Rede Ich: "Nur keinen Streit hier! Du, Bruder Ludwig, hast zwar recht; aber des Cyprian Bemerkung hat auch etwas für sich. Daher nun allen Streit beiseite! Denn wir haben hier viel wichtigere Dinge vor uns, als einen Streit über eine einzelne Schafswollocke. - Gehe du, Freund Cyprian, dafür lieber hin zu Robert und beheiße ihn samt seiner Gemahlin zu Mir! Denn er muß hier bei dieser Gelegenheit die Hauptrolle übernehmen."

[RB.02_155,06] Cyprian verneigt sich tiefst vor Mir und richtet schnell den Auftrag an Robert aus. Robert kommt auch samt seiner Helena schnell zu Mir und bittet Mich um die Kundgabe Meines Willens.

[RB.02_155,07] Ich sage zu ihm: "Liebster Freund, Bruder und Sohn Robert! Siehe, dies Museum, das du mit deiner Gemahlin nach allen Richtungen hin mit großer Aufmerksamkeit betrachtet hast, ist ebenfalls ein wesentlicher Teil deines Hauses, und Ich will ihn gerade dir ganz besonders ans Herz legen. Du hast bisher schon viel getan und große Dinge vollbracht, so daß Ich mit dir hoch zufrieden zu sein allen Grund habe. Dein Geist ist ganz in der schönsten Ordnung. Aber deine Seele hat noch hie und da zu wenig Konsistenz (Haltbarkeit, innere Festigkeit), was auch nicht anders sein kann, weil die Verwesung deinen Leib noch nicht völlig ausgelöst hat. Aber hier ist der Ort, wo du zur vollen Konsisitzenz deiner Seele gelangen kannst und auch gelangen wirst. Aber es ist dazu so manches sehr wohl zu beachten!

[RB.02_155,08] "Siehe, der Leib eines jeden Menschen ist ein wahres Millionengemenge von allen möglichen Leidenschaften der Hölle, die in eine gerichtete Form zusammengefaßt sind. Du hast doch einmal etwas von der Auferstehung der Toten wie der Lebendigen gehört, wie auch von einer Auferstehung des Fleisches und auch nicht minder von einem sogenannten Jüngsten Tage, an dem von Mir alle, die in den Gräbern sind, nach ihren Werken auferweckt werden, entweder zum Leben oder zum ewigen Tode.

[RB.02_155,09] "Siehe, hier ist der Ort, wo Ich dir diese Geheimnisse eröffnen muß, und das nach deiner eigenen Natur und Beschaffenheit! Und durch dich (sollen sie) dann erst allen (kund werden), die mit dir nahezu der gleichen Ursache wegen hierher in die Geisterwelt gekommen sind und in deinem Hause Aufnahme finden mußten, weil sie schon auf der Erde durch Gedanken, Gesinnungen, Worte, Wünsche und mitunter auch Werke mehr oder weniger in deinem Geiste lebten.

[RB.02_155,10] "Du Warst von allen diesen der erste, den Ich hier aufnahm und für dessen ferneres Bestehen und Fortkommen Ich hier sorgte. Also mußt du hier, wo es sich um die endliche Vollendung handelt, auch der erste sein, der diese an sich zu bewerkstelligen anfängt und vollführt, auf daß sie dann auch an alle anderen übergehen kann.

[RB.02_155,11] "Ich habe es schon erwähnt, daß deine Seele noch keine eigentliche Konsistenz oder Festigkeit hat. Wie aber soll diese erreicht werden? Ich Sage es dir und somit auch allen andern:

[RB.02_155,12] "Wie Ich als der Herr Meinem Menschlichen nach euch allenthalben voranging und eine gute, unverwüstbare Bahn legte, so müsset ihr alle Mir auf dieser selben Bahn in allem nachwandeln, so ihr zum ewigen Leben wahrhaftig gelangen wollet!

[RB.02_155,13] "Ich bin nicht nur der Seele und dem Geiste nach auferstanden, sondern hauptsächlich dem Leibe nach. Denn Meine Seele und Mein urewigster Gottgeist bedurften wohl keiner Auferstehung, da es doch zu der Unmöglicheiten größten gehört hätte, als Gott getötet zu werden? - Wie Ich Selbst aber also dem Leibe nach auferstanden bin als ein ewiger Sieger über allen Tod, also müsset ihr alle auch euren Leibern ("Leib" und "Fleisch" ist hier nicht buchstäblich, sondern im übertragenen Sinne zu nehmen. Es ist darunter nach den folgenden Aufführungen der grobsinnliche Teil, die aus Satan stammende "Fleischeskraft im Fleische unseres Naturwesens - Kap.156,1 - zu verstehen.) nach auferstehen. Denn Mich als vollendeten Gott, könnet ihr erst in euerm auferstandenen, geläuterten und verklärten Fleische anschauen. - Das Fleisch aber ist im Gericht, und dieses muß dem Fleische benommen werden, ansonst es nimmer zur Festung der Seele dienen kann.

[RB.02_155,14] "Siehe diese Gräber an - sie alle bergen dein ganz vollkommen eigenes Fleisch, gesondert nach seinen Millionen von gerichteten Teilen, aus denen es zusammengefügt war! Die Wesen, die du unter den Grabmälern entdeckt hast, sind im Grunde nur Erscheinlichkeiten der verschiedenen Wünsche, Begierden und Leidenschaften, die du in deinem Fleische als gerichtete Teile deines ganzen Naturwesens beherbergtest (Dargestellt durch das Charakterbild verschiedener Sonderpersönlichkeiten). Diese müssen nun geläutert werden durch allerlei Mittel, um so dann deiner Seele zu einem wahrhaften, festen, lebendigen Kleide zu werden.

[RB.02_155,15] "Wie aber Ich aus Meiner höchsteigenen Kraft und Macht Mein Fleisch erweckte, also müsset auch ihr alle euch durch die Kraft Meines Geistes in euch an dies wichtigste Werk machen und es zur wahren Vollendung bringen. Denn wer wahrhaft Mein Kind sein will, der muß Mir in allem gleichen und alles das tun, was Ich getan habe und noch tue und tun werde!

[RB.02_155,16] "Aber nun machst du, Robert, große Augen und fragst Mich in deinem Herzen: »Herr, was ist das, wie werde ich das zu bewerkstelligen imstande sein?« - Geduld, du sollst es sogleich

erfahren!"

 

156. Kapitel – Erklärung des Pyramidendenkmals. Wanderung in die Unterwelt. Fegfeuer, Himmel und Paradies.

[RB.02_156,01] Rede Ich weiter: "Siehst du hier vor uns diese Pyramide? Sie ist deines Leibes Herz! Wie aber das Herz der Träger aller zahllosen Keime zum Guten und zum Bösen ist, so ist auch dieses Denkmal in der Form einer Pyramide der Inbegriff alles dessen, was da rastete und handelte als Fleischeskraft im Fleische deines Naturwesens. - Gehe du nun mit deiner Gemahlin in diese Pyramide und besehe alles wohl, was sich darinnen aufhält in der Höhe wie in der Tiefe und an all den Wänden.

[RB.02_156,02] "So du alles besehen haben wirst, dann komme du alsbald wieder zurück und sage es vor allen, was du alles angetroffen hast. Und Ich werde dir die weitere Weisung geben, was dir zu tun noch übrigbleibt. - Aber verweilen darfst du bei nichts! Sollte dich aber irgendeine Lust, bei einer oder der andern Sache länger zu verweilen, anwandeln, so sehe auf deine Helena, und sie wird dich davon abziehen!

[RB.02_156,03] "Nun weißt du, wie du dich zu benehmen hast. Und so trete denn nun deine Wanderung in die Unterwelt an, begleitet von Meiner Gnade und Liebe, mutig und voll des besten Trostes! - Denn auch Meine Seele mußte vor der Auferstehung Meines Fleisches in die Unterwelt hinabsteigen und dort alle frei machen, die da im Fleische Meines Fleisches noch der Erlösung harreten."

[RB.02_156,04] Nach diesen Worten verneigt sich Robert tief und tritt sogleich seine Wanderung an.

[RB.02_156,05] Der Franziskaner aber fragt Mich, ob er nicht etwa auch mitgehen dürfe? - Ich aber sage zu ihm: "Mein Lieber, so du ganz reif wirst, dann wird schon auch auf dich ein Gleiches zu tun kommen, wenn schon deiner Beschaffenheit wegen in einer andern Form. Denn nicht allen ist eine und dieselbe Form entsprechend; diese hängt vielmehr von der hervorragendsten Begründung (Hauptneigung) ab, die irgendeine Seele ihrem Fleische einprägte. - Bleibe du daher nur hier und warte da schön ab, was der Robert alles für Dinge hervorbringen wird! Dadurch wirst du dann auch schon mehr oder weniger innewerden, auf welche Art du (selbst) in die Unterwelt steigen wirst."

[RB.02_156,06] Spricht der Franziskaner: "Herr, ist denn diese Unterwelt etwa so eine Art Vorhölle, eigentlich sozusagen das gewisse Fegefeuer?" - Rede Ich: "Ja, ja, so was dergleichen! Aber dennoch ganz anders, als wie du es in deinem noch ziemlich römisch befangenen Herzen herumträgst."

[RB.02_156,07] Spricht der Franziskaner: "Also kommt denn eigentlich doch niemand sogleich, wie man sagt, vom Mund auf in den Himmel?" - Rede Ich: "Nicht leichtlich, Mein Lieber! Denn so Ich Selbst zur Unterwelt mußte, der Ich doch der Herr Selbst bin - so wird schon auch ein jedes Meiner Kinder es tun müssen! Denn ein jedes Obst muß vollkommen reif sein, bevor man es genießen kann. Blöde und unwissende Kinder meinen freilich, eine Kirsche sei schon reif, wenn sie nur ein wenig gerötet aussieht; aber der kundige Gärtner weiß es genau, wie rot die Kirsche aussehen muß, um völlig reif zu sein. - Also ist's nichts, durchaus nichts mit dem »vom Munde aus gleich in den Himmel kommen«! Wohl aber in das geistige Paradies, allwo ihr euch nun an Meiner Seite befindet! Denn es ist genug, so Ich zu einem Sünder sage: »Sei getrost, denn heute noch wirst du bei mir im Paradiese sein!« Aber nun Ruhe; denn Robert wird bald wieder da sein."

[RB.02_156,08] Der Franziskaner möchte noch gerne etwas sagen auf diese Meine Worte. Aber der General, der sich mit dem Dismas und dem verklärten Pater Thomas gerade dem Franziskaner am nächsten befindet, legt sogleich die ganze flache Hand auf den Mund des Franziskaners und sagt nichts als: "Subordination! (Unterordnung, Gehorsam)! Der Herr Gott Vater hat es geboten, nun stille zu sein, und so heißt es zu gehorchen! - Verstanden?! - Da heißt es gehorchen!?«

[RB.02_156,09] Rede Ich: "Lasse das gut sein, Freund Mathia! Hier gibt es von Mir aus kein positives Gesetz, will der Cyprian reden, so soll es ihm nicht verwehrt sein!" Spricht der Franziskaner: "Nein, nein, ich will nicht reden, obschon es mich ein wenig gejuckt hatte. Der General Mathia hat ganz recht gehabt, daß er mir mit seiner Handfläche 's Maul zustopfte. Denn soeben kommt aus der Pyramide der Robert zurück, und ich freue mich nun schon ganz kindlich auf seine Erzählung. Es wäre daher sehr dumm von mir gewesen, so ich zu plaudern angefangen hätte. Aber er steht nun schon vor uns und macht eben nicht das zufriedenste Gesicht - auch seine Gefährtin nicht! Es muß ihnen die Sache nicht ganz zusammengegangen sein! Aber jetzt nur stille!"

 

157. Kapitel – Bericht von seiner Unterwelt. Die heiligen Inschriften auf den Pyramidenstufen. Große Heilslehre und deren Wirkung auf Robert.

[RB.02_157,01] In diesem Augenblicke tritt Robert mit seiner Gemahlin vor Mich und beginnt wie folgt zu reden: "O Herr, Du guter heiliger Vater aller Menschen und Engel! Da sieht es schlimm, ja sehr schlimm aus! Wäre dieser Pyramide Inneres ein Augiasstall, wenn auch noch ums Zehnfache ärger, dann wäre es ein Leichtes, ihn zu reinigen. Aber so übersteigt der Sündenmist des Innern und besonders das Untere dieser Pyramide den Augiasstall ums Millionenfache! Und da ist wahrlich an keine Reinigung mehr zu denken, und könnte man auch alle Flüsse und Bäche der Erde hineinleiten. - In den oberen Regionen dieser Pyramide präsentiert sich eine Unzahl von tausenderlei allerleichtfertigsten Bildern aus meinem gesamten Erdenleben. Die untern Gemächer aber sind erfüllt von allerlei unbeschreiblichem Unflate, der noch dazu vom übelsten Geruche oder Gestanke begleitet ist. - O weh, o weh! Wer wird mir Armem helfen, diesen Stall zu reinigen?!"

[RB.02_157,02] Rede Ich: "Mein lieber Freund Robert! Keine Arbeit ist so groß, als daß sie mit den tauglichen Mitteln nicht könnte verrichtet und in die beste Ordnung gebracht werden. Aber es gehört dazu eine rechte Einsicht und Geduld! Siehe an die ganze, unermeßliche Schöpfung von ihrem Beginne bis zu ihrem einstigen, notwendigen Ende und von ihren notwendigen kleinsten organischen und unorganischen Teilchen bis zu ihrenm für dich unermeßlich großen, geordneten Ganzen - und du wirst darin sicher die nach deiner gegenwärtigen Einsicht fast nimmer mögliche Ausführung, Ordnung, Erhaltung und Leitung zum rechten Endzwecke gewahren. Und doch steht dies große Schöpfungsgebäude best geordnet da, und kein Atom kann seiner Bestimmung entgehen? - Wie aber dies möglich ist, so ist es um so mehr möglich, deinen irdischen Augiasstall zu reinigen! Aber, wie gesagt, es gehört dazu die rechte Einsicht und Geduld und, was sich schon von selbst versteht, ein fester, durch nichts beirrbarer Wille!

[RB.02_157,03] "Damit du aber vor allem zur rechten Einsicht gelangen magst, so gehe hin zu den äußeren Staffeln der Pyramide, die mit einem beschriebenen Goldreife umfaßt sind, und lies, was darauf geschrieben stehet! - Das wird dir sagen, was du da alles zu tun haben wirst!"

[RB.02_157,04] Robert geht hin und liest zuerst die Inschrift des untersten Reifes. Diese lautet: "»Kommet alle zu Mir, die ihr mühselig und beladen seid, es soll euch Erquickung werden!« - Und weiter liest er: »Haltet euch an die alleinige Liebe! Wahrlich, so die Zahl eurer Sünden wäre wie die des Sandes am Meere und des Grases auf der Erde, so wird die Liebe sie ganz und gar tilgen. Und wäre eure Schande vor Gott gleich wie das Blut der Sündenböcke, so soll sie von der Liebe weiß gewaschen werden wie weiße Wolle und wie der feinste Byssus!«

[RB.02_157,05] Und weiter liest er an der zweiten Stufe: "»Die Liebe ist das Leben, das Gesetz, die Ordnung, die Kraft, die Macht, die Sanftmut, die Demut, die Geduld und dadurch der Kern aller Weisheit! Der Weisheit sind nicht alle Dinge möglich, weil die Weisheit nur einen gewissen Weg geht und sich mit dem, was unrein ist, nicht befassen kann. Aber der Liebe sind alle Dinge möglich: Denn sie ergreift auch das, was verworfen ist, mit derselben Innigkeit, wie das, was in sich selbst schon das Reinste ist. Die Liebe kann alles brauchen. Die Weisheit aber nur, was die Liebe gereinigt hat.«"

[RB.02_157,06] Und wieder weiter liest er an der dritten Stufe: "»Frage dein Herz, ob es sehr lieben kann, ob es Gott über alles lieben kann ohne Interesse, außer dem süßesten der Liebe selbst? - Frage dein Herz, ob es um Gottes Willen den Bruder mehr als sich selbst - wie einen zweiten kleinen Gott, lieben kann? - Frage dein Herz, ob es wahrhaft und völlig rein lieben kann? Kann es Gott darum lieben, wil Gott - Gott ist? Und kann es den Bruder wie aus Gott heraus wegen Gott und aus purer Liebe zu Gott wie einen Gott lieben? - Kann dein Herz das, so ist deine Verwesung zu Ende, und du selbst stehst vollendet vor Gott, deinem Herrn, Vater und Bruder!«"

[RB.02_157,07] Und weiter liest er auf der vierten Stufe: "»Gott Selbst ist die urewige, reinste Liebe, und ihr Feuer ist das Leben und die Weisheit in Gott. Und (die Liebe ist) also aus Gott wie in Gott das Leben und das Licht aller Wesen. Die Funken aus dem Essenfeuer der reinsten Liebe Gottes sind die Kinder Gottes gleichen Ursprungs aus dem einen Herzen Gottes! - Auch du bist ein solcher Funke! Fache dich an zu einem lebendigen Brande und du wirst in deinem Herzen Gott schauen!«"

[RB.02_157,08] Und weiter liest er aus der fünften Stufe: "»Das Wort aus dem Gottes-Herzen ist der Liebe Allkraft. Daher ist das Wort und der ewige Sohn aus Gott eins. Ja Gott Selbst ist das volle Wort, das im Feuer der Liebe gezeuget wird. - Du aber bist auch ein Gotteswort, erzeugt im Gottes-Herzen! Darum werde wieder ein volles Wort Gottes! Werde ganz Liebe, volle Liebe in Gott - so wirst du zum Gottes-Sohne gelangen und eins sein mit Ihm! Aber du gelangst nicht zu Ihm außer durch den Vater, der da ist die Liebe und das Wort Selbst in Sich, von Ewigkeit zu Ewigkeit stets derselbe!«"

[RB.02_157,09] Und weiter liest er auf der sechsten Stufe: "»Christus ist allein der Mittler zwischen Gott und der Menschennatur. Durch den Tod Seines Fleisches und durch Sein vergossenes Blut hat Er allem Fleische, das da ist die alte Sünde des Satans, den Weg gebahnt zur Auferstehung und Rückkehr zu Gott! - Christus aber ist die Grundliebe in Gott, das Hauptwort alles Wortes, das da ist Fleisch geworden und dadurch geworden zum Fleische alles Fleisches und zum Blute alles Blutes. Dieses Fleisch nahm freiwillig alle Sünde der Welt auf sich und reinigte sie vor Gott durch Sein heilig Blut. Mache dich teilhaftig dieses größten Erlösungswerkes Gottes durch das Fleisch und durch das Blut Christi, so wirst du rein sein vor Gott! Denn kein Wesen und kein Ding kann rein werden durch sich, sondern allein durch die Verdienste Christi, die da sind die höchste Gnade und Erbarmung Gottes. Du allein vermagst nichts, alles aber vermag Christus!«"

[RB.02_157,10] Und weiter liest er aus der siebenten Stufe: "»Dein irdisch Wohnhaus ist voll Unflates; wer wird es reinigen? Wer hat die Kraft und die Macht allein? - Siehe, Christus, der ewige Hohepriester vor Gott. Seinem ewigen Vater! Denn Christus und der Vater sind eins von Ewigkeit. In Christo allein wohnt alle Fülle der Gottheit körperlich. Und diese Fülle ist der Vater als die reinste Gottliebe. Diese ergreife mit deiner Liebe, und Sie wird dein Fleisch reinigen und erwecken, wie Sie erwecket hat das Fleisch Christi, das Sie Selbst in Sich barg.«"

[RB.02_157,11] Und wieder weiter liest er auf der achten Stufe: "»Du erschrickst über die große Menge deiner argen Geister, die auf der Welt dein Fleisch und Blut beherrscht hatten, und fragst mit Paulus: Wer wird mich erlösen von meinem Fleische und frei machen von den Banden des Todes? - Siehe hin, Christus, der getötet ward, ist auferstanden und lebet, ein Herr von Ewigkeit! - Wäre er im Tode verblieben, so es möglich gewesen wäre, da wäre dir ebenfalls der ewige Tod sicher. Aber da Christus auferstanden ist, wie du Ihn nun selbst siehst, so ist es unmöglich, daß da jemand im Grabe belassen werden könnte. - Denn wie durch eine Schlange der Tod kam über alles Fleisch, kam auch das Leben durch den einen Gottmenschen über alles Fleisch der Menschen der Erde - aber (zugleich) auch ein neues Gericht, obschon das alte Gericht, das den Tod in sich barg, durch dieses Einen Auferstehung für ewig vernichtet ward. Aber dies neue Gericht ist dennoch auch ein Tod; aber kein Tod zum Tode, sondern ein Tod zum Leben! - Mache dich an die Liebe durch deine Liebe, damit dies neue Gericht deines Fleisches durch die Werke des Einen zu einem wahren Leben wird. - Du stehest an der Quelle, trinke des lebendigen Wassers in der Fülle!"«

[RB.02_157,12] Und auf der neunten Stufe liest er weiter: "»Die pure Weiberliebe ist Eigenliebe! Denn wer von der Weiberliebe sich so weit verziehen läßt, daß ihm daneben die Nächstenliebe und aus dieser die Gottesliebe zur Last wird, der liebt sich selbst im Wesen des Weibes! Lasse dich daher von der reizenden Gestalt eines Weibes nicht gefangennehmen übers gerechte Maß, ansonst du untergehst in der Schwäche des Weibes, während doch das Weib in deiner Kraft erstehen soll zu einem Wesen mit und in dir! - Wie du aber ein oder das andere Glied deines Weses liebst, also liebe auch das Weib, auf daß es eins werde mit dir! Aber Gott liebe du über alles, auf daß du in seiner mächtigen Liebe neu geboren werdest zu einem wahren, freiesten Bürger der reinsten Himmel Gottes für ewig und dein Weib wie ein Wesen mit dir!"«

[RB.02_157,13] Und noch weiter liest er auf der zehnten Stufe: "»Suche, suche, suche, daß du dich nicht übernimmst, so du groß wirst! - Siehe an des Herrn Demut, Sanftmut und Güte! Sieh, Er ist der Herr von Ewigkeit. Alles, was die Unendlichkeit fasset, vom Größten bis zum Kleinsten, vom geistigsten bis zum materiellsten Atom, ist alles sein höchsteigenstes Werk, und Seine Kraft ist so groß, daß alle zahllosen Werke der Unermeßlichkeit sich vor dem leisesten Hauche Seines Mundes in ein ewiges Nichts zurücksinken müßten. Und dennoch steht Er gar so einfach und ganz ohne allen Anspruch bei Seinen Kindlein, als wäre Er nahezu der Allergeringste unter ihnen, und liebt sie und unterhält Sich mit ihnen, als hätte Er bloß sie allein in der ganzen Unendlichkeit, die doch von zahllosen Myriaden der allerwundersamst herrlichen und liebweisesten, reinsten Wesen strotzet! - Also suche, suche, suche der Geringste zu sein und zu werden und zu bleiben für ewig!«"

[RB.02_157,14] Auf dieser letzten Stufe wird Robert so mächtig gerührt vor Liebe zu Mir, daß er laut zu weinen anfängt. Er sieht bald diese letzte und oberste Inschrift, bald wieder Mich und manchmal auch sein neues Weib an und sagt nach einer Weile des Staunens: "O du heilige Inschrift! Du bist so einfach, ohne allen Wortprunk hier auf reinstes Gold geschrieben und dabei doch so ewig wahr wie Derjenige Selbst, Dessen allmächtiger Finger dich hier in dies Gold gegraben hat! Gott! Jetzt, jetzt erst fängt mich eine ungeheure Liebe zu Dir ganz allein zu durchdringen an. Und in diesem Durchdringen der mächtigsten Liebe zu Dir allein gewahre ich erst so ganz innig, daß ich Dich noch nie völlig wahr geliebet habe! Aber nun ist es anders geworden! Du allein, ja Du ganz allein bist nun der Herr meines Herzens, meines Lebens! - Ewige, unbesiegbarste Liebe. Dir allein nichts als Liebe, Liebe und Liebe. Du mein süßester Gott und Vater Jesus!

[RB.02_157,15] "Als Du mir die schönste Helena zu meinem Weibe gabest, da fühlte mein Herz zu Dir mehr nur eine innigste Dankbarkeit als irgendeine rechte Liebe. Und mit dem pünktlichsten Gehorsame gegen alle Deine Gebote meinte ich schon sicher die oberste Vollendung zu besitzen. Aber wie weit war ich da vom wahren Ziele! Ja, ich wußte nicht einmal so recht, wie man Dich neben der Helena mehr als diese lieben könne und hielt solch eine Liebe heimlich bei mir auch für ein wenig albern. Aber nun ist es anders geworden! Ich liebe nur Dich allein über alles und sehe in dieser Liebe ein ganz neues Leben erwachen! - O Herr, o Herr und Vater Jesus. Du meine einzige Liebe!"

 

158. Kapitel – Roberts feurige Gottesliebe. Helenas gute Rede. Ihre Scheu vor dem Allerheiligsten. Des Herrn stärkende Erwiderung.

[RB.02_158,01] Mit diesen Worten springt Robert förmlich von der Höhe der Pyramide und eilt so hastig zu mir hin, daß er sogar seines schönsten Weibes vergißt. Bei Mir angelangt, will er Mir sogleich zu Füßen fallen und sein Herz vor Mir ganz ausschütten. - Aber Ich halte ihn davon ab und mache ihn darauf aufmerksam, daß er diesmal der Helena, seines Weibes, vergessen habe.

[RB.02_158,02] Daraus spricht Robert ganz seligst ergriffen: "O Herr, Vater Jesus, wer kann in Deiner, nun mir wohl und rein erkannten Nähe für etwas anderes Sinn und Gedanken haben, als nur allein für Dich!? Ich liebe die wahrlich überaus schöne und ebenso fromme Helena wie ein gutes Glied meines Wesens oder meines geistigen Leibes - aber mein alles über alles bist nun für ewig Du ganz allein, mein Gott, mein Herr und Vater! - Was wäre mir ohne Dich eine ganze Welt voll Helenas?! Nichts! Ich würde verzweifeln in ihrer Mitte! Habe ich aber Dich, so kann ich auch ohne eine Helena vollkommen glücklich sein. Aber ich will sie dennoch holen darum, weil sie eine Gabe aus Deiner Hand ist und darum mir auch endlos wert, teuer und angenehm."

[RB.02_158,03] Rede Ich: "Ja, ja, gehe hin und hole sie! Denn sie sieht ganz traurig nach uns her und meint, dich beleidigt zu haben, dieweil du sie so ganz verlassen hast!".

[RB.02_158,04] Robert geht nun eilends zur Helena und sagt zu ihr: "Komm, komm, mein geliebtes Weibchen! Ich habe nur aus übergroßer Liebe zum Herrn deiner auf ein paar Augenblicke vergessen. Aber nun ist schon wieder alles in der schönsten Ordnung! Komme daher jetzt nur mit mir hin zum Herrn und sei ja nicht mehr traurig!"

[RB.02_158,05] Spricht Helena: "Mein liebend Herz dem Herrn und dir (zum Danke) dafür, daß du mich wieder anschaust! Denn mir kam wahrlich ein Kummer ins Herz, daß ich in meiner Seele mich irgend versündigt zu haben meinte, dieweil du mich verließest und dich nicht umsahest nach mir. Aber nun ist alles wieder gut und mehr als gut - denn dich zog die allein gerechte und wahre Liebe von mir hin zu Gott, dem heiligen Vater! - Nun ziehe aber du auch mich hin vor Ihn, der noch immer der alleinige Besitzer meines Herzens ist und auch ewig verbleiben wird. Lasse unsere Herzen eins werden vor Ihm, der sie zuerst erfüllet hat mit Seiner Liebe, auf daß so nun dein irdisch Fleisch lauter wird durch die Auferstehung im Feuer der Gottesliebe in deinem Herzen - auch das meinige mit geläutert werde und wir dann wie ein Herz, ein Sinn, eine Liebe, ein Leben und Wesen vor Ihm uns des seligsten Lebens erfreuen können!"

[RB.02_158,06] Robert zerfließt nahezu vor Liebe und bringt nun die Helena zu Mir. Als sie bei Mir ist, will auch sie auf ihr Angesicht niederfallen. Ich aber verhindere sie ebenfalls daran und sage zu ihr: "Ja, Meine allerliebste Helena, getraust du dich denn nicht mehr, Mich so zu lieben, wie du Mich ehedem geliebt hast? Schau, schau! Ich bin ja stets der Gleiche!" Spricht Helena ganz weinerlich: "Fürs Auge ja! Aber fürs Herz, da bist Du schon viel anders geworden viel größer und heiliger! Das Herz bebt nun vor Deiner Größe und Heiligkeit! Denn Du bist wahrhaftig der einige Gott!"

[RB.02_158,07] Rede Ich: "Ja, Meine allerliebste Helena, das hast du denn doch schon früher gewußt und eingesehen und hast doch keine gar so gewaltige Heiligenscheu vor Mir gehabt! Ja du hast Mich sogar - wie Mir und dir nichts - nach deiner ganzen Herzenslust geküßt! Wie sollst du denn wohl nun eine solche Heiligenscheu vor Mir überkommen haben?! Denke zurück und bleibe dir gleich, so wie Ich Mir unwandelbar gleich bleibe - so wirst du in keine solch unnötige Furcht vor Meiner göttlichen Majestät verfallen!"

[RB.02_158,08] Spricht Helena: "O Herr, Du überguter, heiliger Vater! Das tut sich wohl in gar keinem Falle mehr! Denn es ist ein großer Unterschied zwischen dem Dich-Kennen und abermals Dich-Kennen. Beim ersten Erkennen hat Dein Göttliches doch stets noch mehr so einen menschlichen Anstrich, und Du bist für das Herz eines armen Sünders zu ertragen. Aber wenn einem die stets größer und wunderbarer werdenden Vorkommnisse und Erscheinungen in einem fort bei allen Sinnen einzudonnern anfangen und nur zu klar den endlosen Unterschied zeigen zwischen Dir, o Herr, und einem Geschöpfe, das sich nach den Gesetzen Deiner Ordnung selbst frei auszubilden hat - dann ist's mit diesem menschlichen Anstriche aus. Und wie unverhüllt steht dann Deine Gottheit in aller Heiligkeit vor unseren erstaunten Augen! - Daß uns da alle, wenn wir die Sache so recht beim Lichte betrachten, mehr oder weniger eine gewisse Heiligenscheu vor Deiner Gottheit anwandeln muß, das ist ja doch ganz klar.

[RB.02_158,09] "Ich habe sozusagen schon in den zwei Sälen, die mir in diesem Hause meines Robert zuerst zu Gesichte kamen, des Wunderbaren zur Übergenüge gehabt, um mich darüber allein schon eine ganze Ewigkeit genüglich zu verwundern und Dich wegen Deiner Güte, Liebe und Weisheit zu preisen. Aber da führte uns Deine Liebe, Güte und Weisheit in dieses Museum, durch welches das fleischliche Wesen Roberts entsprechend bildlich dargestellt werden soll, und da hat es der Wunder kein Ende. Und besonders jene merkwürdigsten Inschriften an den Stufen der großen Pyramide, der erhabene Sinn - ja, da könnte man doch ganz rein bis aus den letzten Tropfen zerfließen vor lauter Ehrfurcht und Anbetung, von der das arme, erstaunte Herz für Dich, o Herr, ergriffen wird! Daher kann von meiner ersten Stellung, die sich gar so furchtlos gestaltete, wohl keine Rede mehr sein!

[RB.02_158,10] "Siehe, als ich noch auf der Welt, und zwar in der schlechten Wienerwelt, ein, wie man in Wien sagt, ,schlabutziges Menschl' machte und ums Geld und um ein gemütliches Wörtl für alles zu haben war, da ist auch oft ein recht sehr großer Herr zu mir gekommen, und ich hatte keine Furcht vor ihm, weil ich seine glänzende Umgebung und seine Macht nicht sah, aber so ich dann und wann zu einem solchen recht großen Herrn etwa gar in seine Amtsstube kam, da, da konnte ich nicht mehr so furchtlos vor ihm sein, wie so er in seiner Einfachheit bei mir war, wo es auch sehr einfach aussah. - Man sollte hier zwar so einen schmutzigst sündhaften Vergleich nicht aufstellen, da dieser Ort zu heilig ist; aber weil er schon gar so richtig herpaßt, so konnte ich nicht umhin, ihn hier aufzustellen. Herr, Vater! Du wirst mir deshalb ja doch etwa nicht gram werden?"

[RB.02_158,11] Rede Ich: "Nicht im allerentferntesten Sinne! Denn über deine Sünden haben wir schon lange die Rechnung abgeschlossen. Aber darum gelten doch bei Mir deine Entschuldigungen eben nicht gar viel! - Was du nun fühlst und noch ferner fühlen wirst, so du noch größerer Wunder gewärtig wirst, das weiß Ich wohl am allerbesten. Aber das weiß Ich auch, daß es geschrieben stehet: »Seid vollkommen, wie auch euer Vater vollkommen ist im Himmel!« - Wie möglich aber kann das ein Kind, so es vor dem Vater einen noch größeren Ehrfurchtsrespekt hat als ein Hase vor dem Donnergebrüll eines Löwen?"

 

159. Kapitel – Gleichnis vom Kunstmaler und seinen Schülern. Des Herrn liebweise Belehrung bringt Helena wieder zur himmelsbräutlichen Liebe.

[RB.02_159,01] Rede Ich weiter: "Siehe, du hast Mir ehedem aus deiner ,schlabutzigen' irdischen Lebenszeit ein gar nicht schlechtes Gleichnis vorgeführt, das da die Furcht entschuldigen soll, die du nun vor Mir hast. Ich werde dir aber dagegen auch ein anderes Gleichnis erzählen. Und wir werden sehen, wie sich die Sache, die Ich von dir verlange, darinnen ausnehmen wird. - Höre!

[RB.02_159,02] "Es gab einmal auf der Erde einen großen Meister in der Malerei, dessen Bildern wahrlich nichts abging als das Leben, auf daß die dargestellte Sache auch zum vollsten Wahrheit würde. Dieses Meisters Werke zogen aus allen Gegenden der Erde eine große Menge Bewunderer herbei und unter diesen Bewunderern auch so manches Talent, das sich bei dem großen Meister gerne ausbilden wollte. Das freute den Meister, und er bot auch alles aus, um aus den jungen Talenten etwas zu machen.

[RB.02_159,03] "Unter den vielen Kunstjüngern dieses Meisters waren einige mit nahezu den besten Talenten begabt; diese hatten aber vor der unübertrefflichen Kunstgröße ihres Meisters einen so ungeheuren Respekt und eine derartig große Achtung, daß sie es mit größter und demütigster Selbstverleugnung kaum wagten, einen Pinsel zur Hand zu nehmen; denn sie glaubten, daß da all ihre noch so große Mühe rein vergeblich sei, um (auch nur) ein Atom von der Größe ihres Meisters zu erreichen. Die anderen, minder talentierten aber dachten und sagten: »Wohl wissen wir, daß unser Meister bis jetzt unerreichbar als einziger in seiner Art dasteht und wir ihm auch nie das Wasser reichen werden; aber mit dem Respekte vor seiner Kunst wollen wir's doch nicht gar so weit treiben, daß wir darob uns nichts zu malen getrauen. Wir wollen im Gegenteile ihm sehr zugetan sein und von ihm lernen, soviel wir nur immer imstande sind. Das wird ihn gewiß noch mehr freuen, als so wir in seinem Kunstatelier bloß als stumme Bewunderer ganz zerknirscht von einem Werke zum andern kriechen würden. Denn es muß dies ja auch ein Lob des großen Meisters sein, wenn Tausende, von seinen großen Kunstwerken hingerissen, sich nach Möglichkeit ihrer Kräfte beeifern, dem großen Meister in einem oder anderem näher zu kommen. - Und siehe du, Meine liebe Helena, die ersten, von zu großer Ehrfurcht Hingerissenen lernen von dem großen Meister wenig oder nichts, während sich die anderen durch ihren Fleiß und Eifer unter der Leitung des großen Meisters zu ganz tüchtigen Künstlern heranbilden.

[RB.02_159,04] "Sage Mir nun so ganz nach deiner Meinung, welcher von diesen beiden Jüngergattungen wird der Meister den vorzug geben - den zu Ehrfurchtsvollen, oder den weniger Ehrfurchtsvollen aber desto eifrigeren Nachahmern seiner Kunst, für die ihr Herz glüht?

[RB.02_159,05] "Oder wer wäre denn dir lieber für dich selbst - einer, der von deiner Schönheit so niedergedrückt ist, daß er sich um keinen Preis den Mut zu nehmen getraut, dir seine Liebe zu bekennen, sondern bloß einen sich in einer gewissen Entfernung haltenden stummen Bewunderer macht - oder einer, den deine Schönheit wohl zur Liebe sehr anfacht, der aber darob dennoch seiner Sinne mächtig bleibt und den Mut hat, dir zu gestehen, daß er dich unbeschreiblich liebt!? - Sage Mir da deine Ansicht!"

[RB.02_159,06] Spricht Helena: "Herr, die zweiten, die zweiten! Ich ergebe mich schon ganz, denn ich sehe meinen Irrtum nun ein!"

[RB.02_159,07] Rede Ich: "Nun gut! So du deinen Irrtum einsiehst, was wirst du dann Mir gegenüber tun? Wirst du wohl wieder so zutraulich sein, sie ehedem, bald nach deiner Erlösung vom Joche deines geistigen Todes?"

[RB.02_159,08] Spricht Helena etwas stotternd: "Hm, soll freilich, a-b-er hm, wenn Du nur nicht gar so entsetzlich heilig wärest! - Wenn ich bedenke, daß Du Gott, der ewig Allmächtige, Heilige und Allweiseste bist und ich eigentlich nichts als bloß nur so ein allerkleinstes Gedankenfünkchen aus Dir bin - da kommt mir so eine ungeheure Ehrfurcht vor Dir von Deinen heiligsten Augen entgegen, daß ich in die tiefste Tiefe vor Dir versinken könnte!

[RB.02_159,09] "Du siehst zwar wohl so sanftmütig aus wie ein allerfrömmstes Lämmchen und so herzensgut wie eine Großmutter, so ihre liebsten Enkelchen ihr die Hände abküssen. Aber große Stürme, Blitz, Hagel und Donner und eine Menge solcher Dinge mehr kommen denn doch wohl auch so manchmal aus Deinen allerholdseligsten Augen über die ganze Welt für alle Menschen zum erschreckendsten Vorscheine. Und wohl siehst Du dem Äußern nach auch gar nicht kräftiger aus als etwa unsereins, aber die hübsch passabel großen und sehr vielen Weltkugeln, besonders die lichten Sonnen, mit denen Du noch viel leichter sozusagen spielest als ein geschaffener Mensch mit Erbsen - sagen mir so ganz heimlich: Der Allmächtige sieht wohl aus wie ein Mensch; aber Er ist dennoch ganz was anderes als ein Mensch, und Spaß versteht Er schon gar keinen. Er ist wohl unendlich gut denen, die Er liebt; aber mit jenen, die sich Seine Ordnung nicht wollen gefallen lassen, die kuriert Er ganz anders!

[RB.02_159,10] "Und solcher Gedanken mehr dringen sich ganz ungebeten meinem Herzen auf, und ich kann dann freilich nicht dafür, daß sich meines Wesens stets eine größere Ehrfurcht vor Dir bemächtigt! - - Ja, ich möchte sogar behaupten, daß Du Selbst als Gott es nicht einmal so recht geschöpflich (d.h. in der Art und Weise wie ein Geschöpf) begreifen und wahrnehmen kannst, was ein schwaches Geschöpf fühlen muß, so es sich vor Dir befindet. Dir ist es sicher ein wahrer Spaß, vor Trillionen Deiner Geschöpfe zu stehen und sie ganz frei nach Deiner göttlichen Lust zu lieben. Aber wir Geschöpfe können das nur mit einem geheimen Ehrfurchtsschauder.

[RB.02_159,11] "Wenn ich mir's getrauete, wie ich's möchte, da könnte ich Dich freilich, wie man so zu sagen pflegt, rein zu Tode lieben und mich in Dich so ganz ordentlich hineinverbeißen. Aber ja, da ist ein ungeheures Aber dazwischen!"

Ehrfurchtsschauder.

[RB.02_159,12] Rede Ich: "Aber schau, schau, was du nun für ein grundgescheites Wesen bist! Ich werde bei dir schon noch Unterricht nehmen müssen! - Aber schau, schau, du furchtsames Lapperl, wenn Ich nicht fühlen könnte, was du als ein Geschöpf zu fühlen vermagst, so du vor Mir, deinem Schöpfer, stehest - von wem andern könnte dir dann überhaupt ein Gefühl eingepflanzt sein? Schau! Ich - habe dich ja ganz und nicht halb erschaffen! Aber Helenerl, jetzt hast du wohl einmal wieder einige Überbleibsel aus deiner Wiener Weisheit hervorgeholt!?

[RB.02_159,13] "Schau du, Mein allerliebstes Helenerl, auf der Welt hast zu öfter gesagt: »Nur keinen schwachen Mann! Wenn der Mann nicht aus einen Streich einen Ochsen niedermacht, so möcht, ich ihn gar nicht zu einem Manne!« - Aber nun hier, im Geisterreiche, möchtest du etwa gar einen fliegenschwachen Herrgott haben!? - Schau, schau, zu was wäre denn so ein schwacher Herrgott gut? - Der Herrgott muß allmächtig sein und über alles weise, sonst müßte Er ja am Ende samt dir zugrunde gehen! - Nun, was meinst du denn jetzt, bin Ich noch so fürchterlich oder vielleicht etwa doch nicht?"

[RB.02_159,14] Hier fängt die Helena wieder an zu schmunzeln und sagt nach einer etwas beschämten Weile: "Na, aber Du liebster himmlischer Vater! Du kannst einem aber schon so zureden, daß man am Ende richtig alle übertriebene Furcht vor dir verlieren muß! Aber jetzt sollst Du von mir auch geliebt werden ohne Maß und Ziel!"

 

160. Kapitel – Pater Cyprian nimmt Ärgernis an Helenas Liebessturm. Gewaltige Donnerworte gegen Priesteranmaßung.

[RB.02_160,01] Als Helena eine gute Weile so an Meiner Brust in ihrer Liebe höchstem Enthusiasmus schwelget, kommt der Pater Cyprian etwas näher hinzu und sagt: "Nun, nun,ich glaube, die will Dich schon ganz allein besitzen! Was wird denn hernach auf uns noch überkommen? Diese Robertus-Gemahlin scheint Dich, O Herr, nicht nur über alles zu lieben, sondern sie ist in Dich ganz eisen- und nagelfest verliebt, und das scheint mir denn doch ein bißchen zu viel zu sein! Siehe, die allerseligste Jungfrau und noch eine Menge hier anwesende seligste Jungfrauen und andere Frauen lieben Dich sicher auch über alles, aber solche Spanbonaden machen sie denn doch nicht. Du bist zwar der Herr, und ich werde Dir ewig nichts vorschreiben; aber etwas sonderbar kommt mir diese Geschichte doch vor! Denn die verbeißt sich ja förmlich in Dich! Nein, so ein verliebtes Ding habe ich aber doch in meinem ganzen Natur- und Geistesleben nicht gesehen! - Sie gibt noch nicht nach!"

[RB.02_160,02] Rede Ich: "Gelt das nimmt dich wunder! Und es wandelt dich auch zugleich so ein kleiner Ärger an! Aber Ich sage dir: Es ist nicht gut dem, der an Mir ein Ärgernis nimmt! - Und wieder sage Ich dir: Wer Mich nicht liebt wie diese Helena, wahrlich, der wird an Meinem Reiche einen ganz geringen Anteil haben!

[RB.02_160,03] "Liebtest du Mich auch wie diese, so würde dich ihre Liebe nicht ärgern und dir nicht übertrieben vorkommen. Aber da du an der wahren Liebe viel ärmer bist als diese da, so ist dir ihr großer Reichtum ein Dörnchen in deinen Augen, und dich geniert darum ihre große Liebe! - Aber was dabei Mich Selbst betrifft, so sage Ich dir, daß Mich ihre große Liebe nicht im geringsten geniert. Aber deine Bemerkungen haben Mich wahrlich ein wenig zu genieren angefangen!

[RB.02_160,04] "Daß da die Mutter Maria und noch eine Menge anderer Weiber ihre innere, inbrünstige Liebe zu Mir nun hier im Paradiese nicht auf eine also offenbar auffallende Weise äußern, hat seinen Grund darinnen, weil sie als schon lange rein himmlische Wesen dieselbe Liebe innerlich in sich bergen, die diese Helena nun äußerlich erscheinlich kundtut. - Nun weißt du genug! Und trete (du jetzt) ein wenig in den Hintergrund - da sonst diese hier ihrem Herzen nicht den Mir erwünschtesten freien Lauf lassen könnte!"

[RB.02_160,05] Spricht der Franziskaner noch ein wenig verweilend: "Herr, so aber mein Herz zu Dir in aller Liebe auch so heftig sich entzünden möchte, als wie nun das dieser Helena? - Werde ich da auch noch im Hintergrunde zu verbleiben haben?"

[RB.02_160,06] Rede Ich: "Die wahre Liebe ist hier der allein gültige Maßstab, nach dem es bemessen wird, wie nahe sich jemand bei mir befinden kann! - Hast du eine rechte, von allem Eigennutze freie Liebe, da bist du Mir auch am nächsten. Je mehr Fünklein aber aus deinem Herzen emporsprühen, die da zucken nach Eigennutz, desto weiter kommst du von Mir zu stehen!

[RB.02_160,07] "Siehe, die römischen Bischöfe halten nun Sitzungen auf der Erde über ihre kirchlichen Dinge, als da sind Geld, Ansehen, Konzessionen über noch weitere und fernere Verfinsterungen der Menschen. Dazu treibt sie der Eigennutz, und sie sind daher ungeheuer ferne von Mir, und ihre Sitzungen werden fruchtlos und ihr Rat unnütz sein und bleiben. Und das darum, weil sie sich ein Vorrecht bei Mir anmaßen. - Aber Ich sage dir: Diese sind die allerletzten!

[RB.02_160,08] "Wer da vorgibt, daß er Mich liebe, ist aber dabei um Meine Liebe, über die Ich allein Herr bin, andern neidig - der ist Mein Freund nicht und Meiner Liebe nimmer wert! - Und wer da sagt: »Nur durch diese oder jene bußfertige Weise kannst du dich der Liebe Gottes und durch sie des ewigen Lebens im Himmel versichern« - der ist ein Lügner und gehört zu seinesgleichen in die Hölle! Denn Ich bin ein Herr und liebe, wen Ich will, und bin gnädig, wem Ich will, und mache selig, wen Ich will, und binde Mich nie an eine gewisse, von herrsch-, ehr- und selbstsüchtigen gemästeten Propheten erfundene und die schwache Menschheit in schwersten Ketten der Knechtschaft haltende Art und Weise. Wehe allen solchen, die sich erfrecht haben, Meine Liebe an die Menschheit auszuspenden, als ob sie dazu allein das Recht hätten! Ihr Recht soll ihnen bald ganz gewaltig verkürzt werden! Und sie werden es ehestens mit allen Laternen suchen und doch keines mehr finden!

[RB.02_160,09] "Und siehe, du Mein Freund Cyprian, gleich wie die römischen Bischöfe nun auf der Erde ihre löblichen Sitzungen und Beratungen halten, durch die sie nichts als nur ihre alte Herrlichkeit, Macht- und Glanzstellung aufrechterhalten wollen, während ihnen nun das wahre Heil Meiner Völker noch bei weitem weniger gelegen ist als dir um den Schnee, der tausend Jahre vor Adam den gemäßigten Zonen der Erde ein weißes und kaltes Kleid lieh - ebenso ist in dir auch noch etwas echt römisch-katholisches, das dieser Meiner lieben Tochter Meine Liebe neidet und dein Herz deshalb mit einem geheimen Ärger erfüllt. Und darum sagte Ich auch zu dir, daß du darob in den Hintergrund zurücktreten sollst, weil dein Neid und dein Ärger diese Meine liebe Tochter in ihrer Liebe zu Mir beirret. - Aber gebieten will Ich es dir darum dennoch nicht, weil du vor Mir auch schon einige Proben von einer etwas geläuterten Liebe abgelegt hast. Kannst du bleiben, so bleibe! Gestattet dir aber dein geheimer Neid und Ärger das Bleiben nicht, dann gehe!"

[RB.02_160,10] Der Franziskaner macht bei diesen Worten ein ganz trübes Gesicht und sagt so mehr bei sich: "Nein, so strenge hatte ich mir Ihn nimmer vorgestellt! Du mein Gott und mein Herr, was wird denn aus mir, so Er mir die Türe weiset!? Ja, ja, Er hat ewig recht, an uns römisch-katholischen Pfaffen ist kein gutes Haar vorhanden! Aber was wird aus uns, was mit uns, so Er uns gehen heißt!? - In den Hintergrund soll ich zurücktreten - wo ist dieser? Was hat vor Gott dies ominöse (nichts Gutes verheißende) Wort zu bedeuten? Aber ich kann ja auch bleiben, sagte Er auch! - Bin ich aber auch geeignet, zu bleiben? Bin ich frei vom Neide und Ärger? Nein, leider nein, ich bin noch stark ein Pfaffe! - Aber es soll, es muß anders werden! - Ja, ja, der Herr sagte mir auch früher einmal, daß die Menschen ihrer Seele und ihrem Leibe nach aus dem gefallenen und gerichteten Satan sind, und das entsprechend aus einem oder dem andern Teile des Fürsten der Lüge. Ich werde sicher aus dessen Hörnern sein, weil sich in meinem Herzen stets von neuem nichts als lauter abstoßendes Zeug bekundet. Und noch andere Dinge werden aus Satans bösestem Herzen selbst sein, weil sie aus nichts als Neid, Geiz, Herrschsucht, Hochmut und noch einer Menge dergleichen Teufeleien zu bestehen scheinen! O Herr, treibe auch bei mir den Satan aus!"

[RB.02_160,11] Sage Ich: "Nun kannst du schon wieder hier bei Ludwig und seinem Freunde verbleiben! - Bespreche dich aber unterdessen mit deinem Amtsgenossen Thomas und seinem Freunde Dismas - die werden dir das Teufelsrestchen schon austreiben!"

[RB.02_160,12] Der Cyprian tut nun das viel heiteren Angesichtes. - Ich aber berufe den Robert zu Mir.

 

161. Kapitel – Wunderbare Verwandlung der Seelengrüfte. Robert empfängt seinen himmlischen Namen. Der Engel Sahariel als Führer.

[RB.02_161,01] Als Robert, von übergroßer Liebe bemeistert, schnell zu Mir kommt und eine beinahe davidisch (nach Art des David - 2.sam.6,14) ausgelassene Freude darüber hat, daß seine Helena vor Mir so viel Gnade gefunden - da verschwinden auf einmal alle die Grabmäler, und an ihrer Statt steigen mächtige Lichter empor, gleich aufgehenden Sonnen. Und diese erheben seich in einer allerlieblichsten Ordnung, aufwärts und aufwärts schwebend, bis sie wie am hohen Himmelsgewölbe als starkleuchtende Sterne allererster Größe in den herrlichsten Gruppen Ruhe nehmen.

[RB.02_161,02] Nach einer Weile voll Staunens seitens aller Anwesenden kommt aus der Höhe herabschwebenden Fluges ein sehr leuchtender Geist und bleibt auf derselben Stelle stehen, wo ehedem die bekannte Pyramide stand, ein himmelblaues, mit vielen leuchtenden Sternen besetztes Faltenkleid in seiner Rechten haltend.

[RB.02_161,03] Alle die neuen Ankömmlinge (d.h. Personen, welche im Laufe der im 1. Band geschilderten Ereignisse in der Sphäre Robert Blums gekommen sind) überrascht diese Geschichte so, daß sie sich vor lauter Ehrfurcht kaum zu atmen getrauen. Selbst Robert, der sich erst vor wenigen Augenblicken vor lauter Heiterheit kaum zu helfen wußte, steht nun ganz betroffen vor Mir und getraut sich kaum, die Zunge zu rühren, geschweige erst, um etwas über diese Erscheinung zu fragen. Nur die Helena, zwar auch voll Staunens, faßt den Mut und fragt Mich, was denn dies um Meinetwillen doch zu bedeuten habe?

[RB.02_161,04] und Ich sage darauf: "Siehe, Meine Tochter, dies alles kommt aus dem Fleische deines Robert! Und siehe, der Engel dort hat daraus ein Gewand zusammengefaßt und hat es auf Mein Geheiß nun dem Robert wie aus den Himmeln überbracht. Zur Erreichung dieses Hauptzweckes hast aber du nun auch sehr viel beigetragen. Denn die große Liebesmacht deines Herzens half sehr, das Fleisch auflösen und reinigen. Daher gehe du denn nun auch zu dem Engel hin und führe ihn hierher, auf daß er vor Meinen Augen dem Robert das Himmelsgewand überreiche und anziehe! Denn das ist schon ein wahres Kleid zum ewigen Leben!"

[RB.02_161,05] Helena, ganz entzückt über diese Erscheinung und noch mehr über Meinen erläuternden Antrag, eilt schnell zum leuchtenden Engel hin und bittet ihn, sich mit ihr zu Mir hinbegeben zu wollen. Und der Engel zieht auch sogleich mit ihr zu Mir hin. - Als er bei Mir anlangt, macht er eine ehrerbietigst tiefe Verbeugung und überreicht das Kleid freundlichsten Angesichtes dem beinahe vor Liebe und Ehrfurcht zerfließenden Robert, der sich aber auch in dem (selben) Augenblicke schon angekleidet erschaut, als ihm der Engel das Kleid überreicht.

[RB.02_161,06] Als Robert nun also mit dem Kleide der Unsterblichkeit angetan vor Mir steht, frage Ich ihn, sagend: "Nun, Freund und Bruder Robert-Uraniel, wie gefällt dir dieses Gewand? Und wie kommt dir überhaupt diese Verwandlung vor?" - Spricht Robert-Uraniel: "Herr, Du alleiniger, der höchsten und reinsten Liebe vollster heiliger Vater! Ich habe es dann und wann schon auf der Erde, freilich nur ganz dumpf, empfunden, daß es im Verlaufe des reineren Lebens manchmal Augenblicke gibt, die des Menschen Zunge verstummen machen; ja selbst die Gedanken stehen stille und können sich bei so manchen wunderbaren Begebnissen nicht um ein Haar breit weiter bewegen; und wollte man darüber auch etwas sagen, so findet man keine Worte. So es aber schon aus der gerichteten Erde solche Augenblicke gibt, deren Außerordentlichkeit einem armen Sünder den Mund schließen muß - um wieviel mehr muß das hier im Geisterreiche der Fall sein, wo sozusagen ein außerordentliches Wunder das andere verdrängt! - Daher wirst du, o Herr, mir es wohl vergeben, daß ich hier vor zu großer Freude und Liebe zu Dir beinahe ganz sprachunfähig bin. Diese zu heilig erhabenste Sache ist zu plötzlich gekommen, als daß ich darüber mich sogleich fassen könnte. Aber so Du, o heiligster Vater, mir eine kleine Weile zur nötigen Fassung gönnen wolltest, so werde ich dann über alles das doch etwa ein nüchterneres Wörtchen zuwege bringen."

[RB.02_161,07] Rede Ich: "Nun gut, so gehe du mit diesem Engel! Er wird dir nun dieses ganze Museum als wirklich wahrhaftiges Museum zeigen! Am Ende aber komme wieder hierher und sage allen, was alles du in diesem großen Museum gesehen und gehört haben wirst, auf daß du aber desto eher mit der Mühe fertig wirst, so sollst du an der Seite dieses Meines Engels mit einer wahrhaft geistigen Bewegung wandeln. Diese Bewegung aber ist jene Schnelle, von der du auf der Welt schon oft gesprochen hast. Du nanntest sie den Gedankenflug!" - (Mich an den Engel wendend:) "Sahariel, siehe an deinen Bruder Uraniel! Führe ihn durch diese Wunder seiner Seele und zeige ihm auch seine erste Erde, von der auch du ausgegangen bist! Es sei und es geschehe!"

[RB.02_161,08] Und Sahariel spricht zu Robert-Uraniel: "Komme Bruder und schaue, lerne und bewundere des Vaters endlose Weisheit!" - Und sogleich erheben sich beide und verschwinden vor den Augen aller, die hier (in der geistigen Welt) mit Robert-Uraniel angekommen waren.

 

162. Kapitel – Helena im Zwiegespräch mit dem Herrn. Wesen und Bewohner der Hölle.

[RB.02_162,01] Es sieht sich aber auch die Helena nach Robert-Uraniel um, und da sie ihn nirgends erschaut, so fragt sie Mich gar überaus sanft, wohin nun der Robert möge entschwunden sein samt dem Engel, der ihm das Sternengewand aus dem Himmel gebracht hat.

[RB.02_162,02] Ich aber frage noch sanfter die Helena, ob es ihr bange sei um den Robert-Uraniel? - Und Helena erwidert: "O Du heiligster, süßester Vater! Wie könnte mir das sein an Deiner von der heiligsten, höchsten und reinsten Liebe erfüllten Brust? Wohin könnte Robert auch gelangen, daß er Deinen Augen unsichtbar würde!? Wer aber im Lichte Deiner Augen wandelt, der verirrt sich sicher ewig nimmer und kommt wieder, begleitet von einer heiligen Freudenträne aus Deinem Vaterauge und begrüßt von seiner an Deinem Herzen ruhenden Liebe! - Oh, er wird nun sehr viele und sehr große Wunder Deiner Allmacht, Weisheit und Güte schauen. Und so er wiederkehrt, was wird er uns, die wir in Deinem endlosen Geisterreiche noch ganz und gar nicht bewandert sind, für Herrlichkeiten zu erzählen wissen! O das wird recht herrlich sein!"

[RB.02_162,03] Rede Ich: "Ja, ja, so wird es auch sein! Aber was meinst du denn, könnte Ich dir unterdessen etwa nicht auch so einige sehr merkwürdige Wunderdinge erzählen, die vielleicht noch seltsamer wären als jene, die du nun traulich vom Robert-Uraniel erwartest!? Was meinst du da?"

[RB.02_162,04] Spricht Helena: "O liebster, heiligster Vater, das könntest zu freilich unendlichmale besser als alle zahllosen Engel aller Deiner Himmel! Aber Dich darum zu bitten, würde ich wohl ewig mir nicht getrauen; denn du bist da zu endlos groß, mächtig und heilig! Und so Du mir etwas erzählen würdest aus Deiner höchsteigenen Gottesgeschichte, so würden wohl etwa Trillionen von Erdjahren erforderlich sein, bis ich nur ein Wort aus Deinem Munde so recht in der Tiefe fassen könnte - obschon ich sehr neugierig wäre, von Dir, dem Schöpfer aller Dinge, über so manches etwas zu vernehmen.

[RB.02_162,05] "Für mein Herz von besonders hohem Interesse wäre es, von Dir zu erfahren, worin etwa doch das bestanden haben mochte, was Du, o Herr, mit Deinen lieben Aposteln nach Deiner heiligsten Auferstehung magst gesprochen haben und worüber der Evangelist Johannes sagte: Du habest noch vieles mit ihnen geredet, was er nicht aufgezeichnet habe; denn hätte er es auch aufgeschrieben in viele Bücher, so würde sie die Welt doch nimmer fassen und begreifen mögen! - Ich habe auf der Erde einst von einer lutherischen Freundin das Neue Testament zum Lesen bekommen und muß es hier zu meiner Schande gestehen, daß mir nichts so sehr meine Neugierde unbefriedigt gelassen hat, als eben diese nun erwähnte Schlußbemerkung des Apostels Johannes. Ja, so Du, o heiligster Vater, mir darüber irgendeine Erleuchtung möchtest zukommen lassen! - O da mußt Du ja ganz entsetzlich wunderbare Sachen Deinen lieben Aposteln kundgetan haben!"

[RB.02_162,06] Rede Ich: "Ja freilich wohl, Du Meine liebste Helena! Aber dieselben Sachen und Geschichten waren so großartig und tief, daß du sie auch in der Geisterwelt unmöglich fassen und begreifen könntest! Aber es wird schon noch in Kürze eine Weile kommen, wo du das alles sehen und verstehen wirst. Denn in Meiner großen Himmelsbibliothek sind derlei Dinge allergetreuest und bestens aufbewahrt. Wenn du einmal zu dieser Meiner großen Bibliothek gelangen wirst, da wirst du ein vollkommenstes Evangelium zu lesen bekommen! - Daher verlange du nun von Mir nur irgendeine andere Geschichte!"

[RB.02_162,07] Spricht Helena: "O Du süßester Vater, so erzähle mir etwas von dem Falle des Luzifer! Denn das ist auch so etwas, das mir auf der Welt stets dunkel geblieben ist." - Rede Ich: "Meine Allerliebste, auch das wäre etwas zu früh noch für dein Herz! Denn diese Geschichte würde dich zu sehr angreifen. Darum wähle dir lieber etwas anderes!"

[RB.02_162,08] Spricht Helena: "O heiligster, liebster Vater! So sage mir denn, da zu mich schon aus Deiner höchsten Liebe aufgefordert hast, Dich um etwas anderes zu fragen - was hat es denn da mit der Hölle, von der auf der Erde von den Geistlichen bei weitem mehr als von den Himmeln gepredigt wird, für eine Bewandtnis, und wer kommt so ganz einentlich in die Hölle? Gibt es eine Hölle, oder gibt es keine? Denn sieh, Du liebster und heiligster Vater und Herr und Gott Jesus! Ich war auf der Welt doch gewiß schlecht genug, ein schlabutzigs Wienerfrüchtl, wie man nur eines suchen kann. Zehntausend Liguorianer, so sie mich gekannt hätten, samt dem Papste und samt allen anderen Geistlichen hätten mich ohne alle Gnade und Barmherzigkeit festweg in die Hölle verdammt. Ich muß es wahrlich jetzt noch zu meiner großen Schande eingestehen, daß ich sie deshalb gar nicht einmal eines Unrechtes in meinem Herzen hätte beschuldigen können. Und trotz aller meiner Schlechtigkeit bin ich nun dennoch seligst hier bei Dir, mein Gott und mein Herr! Und so dürften noch so manche hier in Deiner heiligsten Gesellschaft sich des ewigen, seligsten Lebens freuen, von denen auf der Erde so mancher Erzpapist sagen würde: »Nein, das ist denn doch zu arg! Diese Kerls sind denn doch schon sogar für die Hölle zu schlecht!« - Und siehe, sie sind hier in Deinem Heiligtume, freuen sich ihres Daseins und loben in ihrem Herzen nun, zarten Lämmern gleich, Deine unendliche Güte, Weisheit, Macht und Stärke! Wie schlecht müssen sonach jene sein, die da in die Hölle kommen, so es überhaupt eine gibt!"

[RB.02_162,09] Rede Ich: "Meine allerliebste Helena! Siehe, diese deine Frage ist nicht ganz ohne Interesse, und die Beantwortung wird nicht ohne Nutzen sein. Aber anstatt dir darüber ein Langes und Breites zu erzählen, werde Ich dir so ein höllisches Individuum vorführen lassen, das nun gerade auf dem Sprunge ist, in die Hölle zu kommen, und auch sicher in die unterste, ärgste Hölle kommen wird. An diesem argen Wesen wirst du am allereinleuchtendsten ersehen, wer so ganz eigentlich in die Hölle kommt. Denn es gibt eine Hölle, die in drei Grade geschieden ist, und da ist der unterste der allerschlimmste. - Und du wirst Mich dann loben, so du ersehen wirst, wer, wie und warum einer in die Hölle kommt. Fürchte dich aber nicht! Der Arge wird sogleich da sein!"

 

163. Kapitel – Auftrag an Petrus und Paulus, den einstigen Beduinenhäuptling Cado vorzuführen. Des Petrus vergebliche Liebesmühe um Gewinnung des frechen Geistes.

[RB.02_163,01] Ich berufe darauf Petrus und Paulus zu Mir und sage zu ihnen: "Ihr beiden gehet hin und bringet Mir den Cado, der vor zehn Erdtagen hierher in diese Welt kam! Es ist fürs erste sein Wunsch, und fürs zweite (geschehe es), damit diesen neuen Brüdern auch der leiseste Schimmer der Meinung benommen werde, als stecke da hinter Mir trotz aller Meiner Liebe etwas despotisch tyrannisches. Also gehet hin und bringet ihn!"

[RB.02_163,02] Die beiden verschwinden nun plötzlich und sind in diesem Augenblicke auch schon bei dem berüchtigten Cado. - Als sie sich so, wie aus den Wolken gefallen, plötzlich bei ihm befinden, prallt er förmlich zurück und schreit: "Alle Teufel! Was sind denn das für zwei Bestien mit Menschenlarven? Wahrscheinlich so ein paar lumpige arme Schlucker schon wieder! O du verfluchtes Bestienvolk, das wird mich noch an den Bettelstab bringen!"

[RB.02_163,03] Spricht Paulus: "Freund, wir kommen nicht, um von dir irgendein Almosen zu erbetteln oder irgendein Geld zur Leihe zu nehmen. Denn dergleichen bedürfen wir nicht, da uns ohnehin alle Schätze der Himmel und der Erde zu Gebote stehen. Aber anderes haben wir mit dir vor, was dir viel heilsamer wäre denn alle Schätze der Erde. Und das besteht darin, dich, so noch möglich, vor dem ewigen Tode in der Hölle zu retten. Denn du warst auf der Erde ein vollendeter Teufel in Menschengestalt und sonach ein schon ganz höllisches Wesen. Und du stehest nun in der Geisterwelt auf dem Sprunge zur untersten Hölle, ja bist eigentlich deinem Innern nach schon lange in ihr. So du es aber nun noch willst, so haben wir die Macht und das Vermögen, dich davon zu retten. Aber du mußt uns folgen und alles das willigst tun, was zu tun wir dir anraten werden."

[RB.02_163,04] Spricht Cado: was!? Was was faselt ihr zwei Hauptspitzbuben da?! Bin ich denn je gestorben? Bin ich etwa nicht mehr auf der Erde im Besitze aller meiner Güter, meines Goldes und Silbers? - O ihr feinen schwarzen Jesuitencanaillen! Auf welch eine feine Art ihr mir einige Goldstücke herauslocken möchtet für einen Himmel, den es mirgends gibt, und mich erretten von einer Hölle, die nichts als eine Erfindung hungriger und arbeitsscheuer Pfaffen ist! Sehet, daß ihr weiterkommt, sonst rufe ich alle meine Hausteufel zusammen und lasse euch mit meinen bösesten Hunden hinaushetzen! Da schaue man einmal solche Lumpen an! Von der Hölle retten und den Himmel verschaffen könnten sie einem - ums Geld! Schaut, daß ihr weiterkommt, sonst werde ich euch sogleich Himmel und Hölle austreiben!"

[RB.02_163,05] Spricht Paulus: "Freund, solche Rede aus deinem Munde ficht uns nicht an! Und, wie du es leicht merken kannst, wir haben (auch) keine Furcht vor dir! Aber das sei dir gesagt, so du uns nicht gutwillig folgst, dann wirst du unsere Gewalt zum Verkosten bekommen! Denn für das ist schon gesorgt, daß dir auf dein Rufen keine Teufel zu Hilfe kommen und deine bösen Hände uns nicht beißen werden. Wir wissen es übrigens sehr wohl, wie du auf der Erde zu deinem großen Reichtum gekommen bist. Da waren wohl eine schwere Menge hungriger Teufel in deinen Diensten, und ein Heer großer reißender Hunde umlagerte dein Schloß, fiel Reisende an und hielt sie fest, bis deine Hausteufel kamen und sie um ein bedeutendes Lösegeld von den Bestien befreiten. Wohl bist du öfter verklagt worden; aber die Kläger richteten nichts aus, weil die Richter in deinem Solde standen! O wir könnten dir von deinen Räubereien vieles erzählen, so hier der Ort dazu wäre. Aber am rechten Orte wirst du deine unmenschlichsten Greueltaten alle vor dir erschauen, und es wird sich da zeigen, ob du vor ihnen einen Abscheu und eine wahre Reue bekommen wirst, wirst du das, so bist du noch zu retten. Wirst du aber das nicht, so ist die unterste Hölle dein Anteil! - Und nun komme mit uns gutwillig, sonst werden wir Gewalt brauchen!"

[RB.02_163,06] Schreit Cado: "Ihr Hunde! Ihr wollt mir Gewalt antun!? Alle Teufel herbei!! - Wir wollen sehen, wie weit ihr mit eurer Gewalt ausreichen werdet!" Er harret eine Weile unter gräßlichem Zähneknirschen auf seine Hausteufel. Aber es kommt niemand und kein Gebell irgendeines Hundes läßt sich von irgendwoher vernehmen. Auch sein Schloß, das er bisher noch immer, wie auf der Welt, als sein vermeintliches Eigentum vor sich sah, samt den Gärten und Äckern, Wiesen und Waldungen, fängt an, sich ganz neblig zu gestalten und zu verrinnen gleich einer Eisblume auf einer Glasscheibe, so sie von einer erwärmten Luft bestrichen wird.

[RB.02_163,07] Als Cado solches nur zu ersichtlich zu merken beginnt, da schreit er auf: "Verrat, Verrat! Ihr elenden Hunde, ihr habt mir etwas angetan! Fort mit euch! Weichet von mir, ihr Hunde!! - Bei allen Teufeln, ich will euch nicht folgen! Ihr seid ein paar Zauberer, ihr habt meine Sinne verhext, meinen Augen habt ihr Gift eingestreut! Hinweg, hinweg von mir, ihr Höllenhunde!"

[RB.02_163,08] Bei diesen letzten Ausrufen aber befindet sich Cado schon vor Mir und der Helena wie auch vor all den anderen Gästen, ohne aber außer Petrus und Paulus irgendwen von uns zu sehen. Die Helena erschrickt vor ihm, da er vor Zorn förmlich glüht und dampft. Aber Ich stärke sie, daß sie ihn ruhiger betrachten und behorchen kann. - Ich aber gebe nun dem Petrus einen Wink, mit dem Cado einen Bekehrungsversuch zu machen und ihn auf Augenblicke paradiesische Gegenden schauen zu lassen.

[RB.02_163,09] Petrus beginnt sogleich äußerst Weise und gar sanfte Worte an den Cado zu richten und sagt: "Freund Cado, sei vernünftig! Sieh, die Erfahrung aller Zeiten muß dich ja belehrt haben, daß auf der Erde alle Güter eitel und nur zu sicher und zu bald vergänglich sind, und daß am Ende der Reichste wie der Ärmste das ganz gleiche Los des Sterbens völlig ungeschmälert miteinander teilen. Alles Fleisch muß sterben und wie alle Materie vergehen! Nur der inwendige Geist bleibt unverwüstbar! Sieh, du bist dem Leibe nach gestorben und lebst jetzt nur in deiner mit Geist erfüllten Seele unverwüstbar fort. Hänge daher nicht mehr an dem, was für dich wie für jeden, der das Zeitliche verlassen mußte, für ewig vergangen ist, Bekenne aber deine großen Weltschulden vor uns, und wir wollen für dich Zahler sein und dich dann aufnehmen in unsere bessere, wahre und für ewig beständige Welt, in der es dir ewig nimmer an irgend etwas gebrechen soll. Da siehe hin gen Morgen! Alle jene herrlichen Ländereien und Paläste sind unser, und du sollst sie haben! Aber deine Schulden mußt du uns bekennen, auf daß wir sie auf uns nehmen können!"

[RB.02_163,10] Cado sieht flüchtig gen Morgen hin und beschaut die herrlichen Ländereien. Nach einer Weile sagt er ganz höhnisch: "Wisset, Mäuse und Ratten fängt man am leichtesten vermittelst eines Köders, und so manche Narren zahlen ein doppeltes Eintrittsgeld ins Theater, so ihnen ein Zauberkünstler Nebelbilder zeigt. Aber so ein dummer Hecht bin ich nicht, daß ich sogleich in die Angel beiße, so an deren Spitze statt einer Goldmücke ein Pfifferling steckt. Glaubst du, dummer Tagdieb, ich werde deinem Blendwerke irgendeinen Beifall zollen? O da bist du in großer Irre! Ich weiß es, was und wer du bist, und kenne auch mich sicher sehr genau. So ich nun außer dem Leibe bin, da bin ich um so freier und werde tun, was mich freut. Aber ein dummer Jude wird mir nie ein Wegweiser sein! Verstehst du dieses, dummster Esel!? So du schon solch eine Macht besitzest, mittelst welcher etwa gar alle Berge der Erde vor dir sich verneigen müssen, was hast du dann nach meinen Schulden auf der Erde zu fragen? Bist du so allmächtig und allweise, so wirst du ja doch auch schon lange von irgendwoher erfahren haben, worin sie bestehen! Sehe sie an und berichtige sie dann auch, wenn du schon so eine Lust zum Schuldenzahlen für andere hast! - Was gehen dich aber überhaupt meine Verbrechen an? Habe ich dich denn um deine je gefragt? - Schauet daß ihr bald weiterkommet, sonst werdet ihr an mir den rechten Teufel finden! Habe ich euch etwa angerufen gleich irgendeiner alten Betfrau? Nein, das tut ein Cado, der Schrecken der Wüste Armeniens, nimmer! Denn Cado ist mehr, als was ihr dummen Schöpfe euch von euerm Gott Abrahams, Jakobs und Isaaks eingebildet habt. Cado ist ein Herr, und die Erde bebt vor seinem Namen! Aber euer Jehova ist ein Bettler und ein Hauptpfuscher in allen Dingen! Glaubst du, ein Cado kennt etwa den Jehova nicht und seine ans Kreuz gehängte Jesuspfuscherei!? O ein Cado kennt alles, sogar seine ganze Lehre kennt er besser als du, der du sein Fels hättest sein sollen für alle Zeiten. Aber der Fels ist anstatt aus fester Steinmasse aus Schafbutter angefertigt worden und daher auch zerronnen. Und somit ist von diesem Felsen bis auf diese Zeiten auch nichts anderes übrig geblieben als dessen nichtssagender Name und eine Menge hölzerner Statuen, Bilder und falscher Reliquien! Du bist der Peter und dein Begleiter ist der etwas gescheitere Paul, Saul oder Faul (der letzte Name dürfte der ganz richtige sein!). Saget mir lieber, was es denn da mit euerm Meister in dieser Geisterwelt für eine Bewandtnis hat!? Richtet er noch fleißig die Toten und die Lebendigen? Ist er auch so dumm, wie ihr (beiden) da seid?"

[RB.02_163,11] Spricht Petrus: "Der hat uns eben an dich abgesandt, auf daß wir dich vor dem ewigen Untergange erretten sollen!" Spricht Cado: "Warum ist er denn nicht lieber selbst gekommen? Er hat sich vielleicht bei den jetzt sehr häufig vorkommenden Gerichten verkühlt und hat darauf einen Schnupfen bekommen und wird jetzt nicht ausgehen können? Daher hat er euch als seine wahrscheinlich ersten Gesellschafter, die sich schon durch ihren warmen Hauch bei seiner Geburt um ihn verdient gemacht haben, an mich abgesandt, auf daß ihr auch mich erwärmen sollet durch euren starken Atem!? Aber der Cado ist kein Schaf, als wie es der zu Bethlehem in einem Schafstalle geborene Messias der Juden war, darum ihm denn auch seine Landsleute am Kreuze ihre Ehre bezeugt haben. O ihr dummen Schöpfe! Meinet ihr denn, daß ein Cado auch so dumm ist und sich bei der Nase herumziehen läßt wie irgendein hungriger Jude? O weit geirrt, meine lieben Schafe Gottes! Der Cado ist ein Löwe und ewig nimmer ein Gottesschaf! Versteht ihr das? so ihr zu euerm Meister kommet, so richtet ihm einen schönen Gruß aus von mir und saget ihm, daß es mir sehr leid tut, daß er auf der Erde kein Cado, sondern ein ganz gewöhnliches - Schaf war!"

[RB.02_163,12] Spricht Petrus: "Freund, auf diesem Wege wirst du nicht weiter kommen! Dieser dein Weg führt zur Hölle und zur ewigen Qual aus dir selbst! Denn du bist verdorben bis in die innerste Faser deines Lebens! Damit du aber weißt, wer nun Jesus der Gekreuzigte ist, war und ewig sein wird, so sage ich es dir als einer Seiner getreuesten Zeugen: Er ist Gott, der Einige und Alleinige, der Ewige, ein Herr und Meister, heilig in der ewigen Unendlichkeit! Er allein kann dich erhalten, aber auch fallen lassen für ewig! - Sieh noch einmal gen Morgen hin den Himmel offen! - Siehe aber auch gen Mitternacht der Hölle Rachen weit aufgetan! - Wohin willst du ziehen? - Kein Gott wird dich richten und kein Engel und wir beide auch nicht! Aber dein Wille sei dein Richter!"

[RB.02_163,13] Spricht Cado: "Also dort der sogenannte Himmel, und da gegen Mitternacht die romantische Hölle!? So, so, das ist sehr schön! Was kostet denn dieses von euch hergezauberte Spektakel? - Ihr seid ja ein paar Magier non plus ultra (höchster Art)! - Saget mir, ist die Hölle nach alter jüdischer Art oder neu-römisch-katholisch, griechisch, türkisch oder ostindisch? - Der Himmel ist (wohl) persisch!?"

[RB.02_163,14] Spricht Petrus: "Cado, Cado! Du bist ein frecher Geist und treibst einen schnöden Unfug mit der unendlichen Güte und Erbarmung Gottes! Sieh, wir sind dir überaus wohlwollend gut und bereit, dir jeden wahrhaft nach der Ordnung Gottes erprießlichen Dienst zu leisten, haben dich noch mit keinem nur einigermaßen harten Worte beleidigt, außer daß wir dir zeigten, wie es der urgerechtigkeit Gottes gegenüber mit dir steht. Und du bist wie ein wütender Tiger gegen uns blutdürstigst entbrannt! - Warum denn das, Freund? Sei doch gegen uns in deiner nur zu außerordentlichen Ohnmacht so, wie wir im Besitze aller Macht aus Gott gegen dich sind, und wir werden uns leichter verständigen, als dies bisher der Fall war! - Glaube es mir, der ich dich durch und durch kenne, daß es mit dir wahrlich äußerst schlecht stehet! Nicht etwa von uns aus, sondern von der bösesten Liebe deines Herzens aus! - Du kannst dir ewig nimmer helfen. Denn zu verdorben ist dein Herz, aber so du vor uns alle deine Missetaten bekennst und dadurch dein Herz vor uns auftust, so setzest du uns dadurch in den Stand, daß wir dein Herz ausfegen können. Verschließest du es aber stets mehr vor uns, so wird dein arger Unflat im Herzen erstarren, und es wird dann nimmer möglich sein, dich zu erretten vor dem ewigen Tode! Cado, bedenke doch diese heilsamsten und sicher freundlichsten Worte!"

[RB.02_163,15] Spricht Cado: "Ich bitte euch, ersparet euch jede fernere Mühe und ärgert mich nicht vergeblich! Habt ihr es denn nie gehört, das jene, die schon von Kindheit an gewohnt sind, zu herrschen, nimmer gehorchen können und wollen? Ihr könnet von mir nur im Wege meiner Gnade und Großmut etwas erreichen; aber auf dem Wege eures gut sein sollenden Rates werdet ihr ewig nichts von mir erreichen. Denn ein rechter König darf sich niemals raten lassen, so er für alle Zeiten sein gebieterisches Ansehen behaupten will. Er muß allezeit herrschen!"



[RB.02_164,01] Spricht daraus abermals Petrus: "Aber du warst doch dein ganzes irdisches Leben hindurch kein König! Wie kannst du da vor uns sagen, daß du schon von der Wiege an zum Herrschen geboren gewesen wärest? Du bist nichts als ein Beduinenhäuptling gewesen, und das nur in den letzten Jahren deines Lebens. Früher warst du ein Schafhirte und danebst ein getreuer Helfershelfer deiner löblichen Vorgänger und bist erst durch die schmähliche Heirat mit der ältesten Beduinenhäuptlingstochter zum Häupllinge erhoben worden. Du hast somit auf der Erde gar lange blindlings gehorchen müssen und hast erst in den letzten Jahren deines Lebens, wie ich schon eher bemerkt habe, eine höchst schnöde Art von Herrschaft über dein allerlumpigstes Räubergesindel und über deine echten Bluthunde ausgeübt. Und so meine ich denn, daß dir das Herrschen eben nicht in dem Grade angeboren sein möchte, wie du es uns ehedem gesagt hast!"

[RB.02_164,02] Spricht Cado: "Das ist gleich! Was ich nicht will, das will ich durchaus nicht! Und ihr möget selbst Götter sein, so werdet ihr mich doch so lange nicht auf eine andere Idee bringen, bis ihr mir ein anderes Herz und einen andern Willen einhauchen werdet. - Glaubet ihr denn, daß ich die Hölle fürchte? Oh, da irret ihr euch sehr an mir! Einem allmächtigen Gotte gehorchen kann ein jeder feige Esel; aber einem anmächtigen Gotte den hartnäckigsten Trotz bieten und alle seine Weisheit zuschanden machen, das kann nur ein starker Geist, der keine Furcht kennt, auch vor einem ewigen Schmerze in der ärgsten Hölle nicht! Werfet mich in kochendes Erz, und ich werde euch im höchsten Brandschmerze dieselbe Antwort erteilen, die ihr nun hier vernommen habt. Denn groß ist der Geist, der seinen Schöpfer verachten kann, auch unter den größten Schmerzen! - Welchen Dank soll ich dem Schöpfer denn auch schuldig sein? Ich bin nur dann gegen jemanden Dankes verpflichtet, so er mir das tat, um was ich ihn ersucht habe. Den Schöpfer aber habe ich sicher nie ersucht, daß er mich hätte erschaffen sollen. Er hat es eigenmächtig getan! Es ist dann Schande genug für seine angepriesene höchste Weisheit und Macht, daß er an mir eine barste Pfuscherei von einer Schöpfung zuwege gebracht hat. Oder vielleicht muß ich wegen der Erhaltung des Ganzen gerade so sein, wie ich bin. Und ihr werdet daher weder auf die eine noch auf eine andere Art mit mir etwas ausrichten. Sehet daher, daß ihr weiterkommet!"

[RB.02_164,03] Hier wird Cado ganz schwarz, und seine Gestalt wird entsetzlich, so daß die Helena sich recht sehr zu fürchten anfängt. Seine Augen werden glühend wie die eines wütenden Hundes, und er macht Miene, die beiden (Apostel) anzufallen. - Aber Petrus sagt zu ihm: "Im Namen Jesu des Gekreuzigten gebiete ich dir, daß du dich vor uns ruhig verhaltest, sonst sollst du die schärfe des Gotteszornes zum verkosten bekommen, sobald du es wagst, nur einen Finger gegen uns emporzuheben!"

[RB.02_164,04] Cado bebt nun vor Wut und wird in seinem Innersten ganz glühend, äußerlich aber aller Kleidung bar. So steht er häßlichsten Anblickes vor uns, ohne jedoch unser ansichtig werden zu können.

[RB.02_164,05] Ich frage nun die Helena und sage: "Nun, Meine geliebteste Tochter, was sagst du zu dieser Seele? Findest du, daß von Meiner Seite auch nur im geringsten etwas unterlassen oder unternommen worden sei, das nicht für ihre Beseligung beabsichtigt wäre? Du sagst mir in deinem edelsten Herzen ein gewichtiges Nein! Und also ist es auch. Es ist bei diesem Geiste alles aufgeboten worden, was nur immer als ein Meiner Liebe entsprechendes sanftes Mittel gedacht werden kann. Aber, wie du dich nun selbst überzeugt hast - ohne den geringsten Erfolg! Dieser Geist wurde sozusagen auf den Händen getragen. Starke Engel wurden zu seiner Bewahrung beordert. Aber sein Wille, der frei bleiben muß, war stets mächtiger als Meine Liebefesseln, die Ich ihm durch die mächtigsten Engel anlegen ließ. Er zerriß sie alle und spottete ihrer allzeit gräßlich. Es fehlte ihm nicht an der Erkenntnis; er kennt jeden Buchstaben der Schrift und hatte sogar das Vermögen, mit der gesamten Geisterwelt zu verkehren. Er kennt Mich und Meine Göttlichkeit und kann doch Meiner spotten. Für ihn ist jeder Herrscherstuhl ein Fluch, so er ihn nicht sein nennen kann. Ein Greuel ist für ihn jedes Gesetz, das er nicht gegeben. Er kennt nur seinen Willen, und der Wille eines andern ist für ihn ein Verbrechen, das er nie zur Genüge rächen könnte! Sage Mir, was kann da Meine Liebe noch ausrichten bei solch einem Wesen?"

[RB.02_164,06] Spricht die Helena: "Ach du großer, lieber, heiliger Vater! Solch ein Wesen verdient denn doch eine fernere Gnade nimmer von Dir; wohl aber so lange eine gerechte Züchtigung, bis es nicht mehr sich selbst als etwas zu sein dünket, sondern in aller Demut zu Kreuze kriechen wird."

[RB.02_164,07] Rede Ich: "Wäre alles recht, so die Züchtigung als von Mir ausgehend nicht auch schon ein Gericht wäre! - So Ich irgend die Menschen ihrer großen Bosheit wegen züchtige, so muß die Züchtigung ja so gestellt sein, daß sie soviel als nur immer möglich als eine natürliche Folge der Böswilligkeit erscheint, gleichwie, so sich jemand selbst einen Schlag versetzt, der daraus folgende Schmerz als eine notwendige und ganz natürliche Folge (seines Tuns) sich darstellen muß - obschon eigentlich von Mir die Natur ursprünglich schon so eingerichtet ist, daß der Schlag auf das Fleisch einen Schmerz nach sich ziehen muß, weil er eine Sünde gegen die bestimmte Ruhe des Fleisches ist, und so muß jede von Mir ausgehende Züchtigung beschaffen sein, wenn durch sie die Freiheit des Geistes und der Seele nicht untergraben werden soll.

[RB.02_164,08] "Also aber darf auch bei diesem argbösen Geiste keine andere Züchtigung angewendet werden, als die er sich selbst aus seinem höchsteigenen bösen Willen, aus der Ausgeburt seiner Liebe, geben wird. So er dann aus solch eigener Schöpfung des Schmerzes satt bekommen und sich gewisserart selbst ersticken wird in seiner Wut, dann erst wird es wieder möglich sein, sich ihm auf einem gelinderen Wege zu nahen. Er kommt somit nach und nach in die unterste und allerärgste Hölle - aber nicht etwa von Mir dahin verdammt, sondern durch sein eigenes Wollen. Denn er erschafft sich diese Hölle selbst aus seiner Liebe! Was aber jemandes Liebe ist, das ist auch sein Leben, und dieses darf ihm ewig nimmer genommen werden!"

[RB.02_164,09] Spricht Helena: "Aber Herr, der Du allein die wahrste und vollkommenste Liebe und Erbarmung bist! So er dann in solcher allerbösesten Liebe für ewig verharret und Dir zum Trotze lieber ewig das Ärgste und Gräßlichste erleidet, als seinen starren Willen zu beugen unter Deinen allersanftesten - was dann mit solch einem Geiste? - Wäre denn bei solchen gar argen Geiste nicht ein glimpfliches Gericht in eine vielleicht recht sehr nützliche Anwendung zu bringen? Der Geist würde sich mit der Zeit vielleicht daran gewöhnen und am Ende aus solch einer Gewohnheit eine Tugend machen, wie es zu Zeiten auch schon auf der Welt der Fall war.

[RB.02_164,10] "Zum Beispiel eine Dirne findet Versorgung in einem eingezogenen Hause, mit der streng gemessenen Weisung, sich von der Zeit ihrer Ausnahme an so zu betragen, als wäre sie einem strengen Kloster einverleibt geworden! Und sieh, o Herr, das ist für eine rechte Nachtwandlerin sicher ein kleines Gericht. Sie überlegt sich die Sache wohl eine Weile. Aber da der Vorteil eines guten, geregelten Lebens doch sehr anspricht, so läßt sie sich gerne das Gericht gefallen, gewöhnt sich endlich an die Ordnung, wird darauf eine ganz züchtige Person und bleibt und stirbt dann auch als solche! - Und so meine ich denn, daß so etwas vielleicht bei diesem Cado auch der Fall sein könnte."

[RB.02_164,11] Rede Ich: "Ja, Meine geliebteste Helena, siehe, das ist bei diesem Geiste schon vielfältigst auf allerlei Art und Weise angewendet worden - aber leider allzeit ohne den allergeringsten Erfolg, wie Ich es dir schon früher bemerkt habe. Und so bleibt uns nun nichts mehr übrig, als ihn ganz sich selbst zu überlassen. Will er durchaus die Hölle - gut, so genieße er sie denn auch in aller Fülle! Denn dem, der etwas Böses selbst will, geschieht auch für die nimmer endende Ewigkeit kein Unrecht! Wer in der Hölle verharren will, der verharre! Ich werde keinen bei den Haaren herausziehen wider seinen Willen. So ihm die Geschichte denn doch etwa einmal zu derb wird, da wird er dann sich schon von selbst auch einen Weg daraus bahnen. Macht ihm aber die Hölle eine Freude, ist ihm die ewige Nacht lieber als das ewige, alles beseligende Licht, so freue er sich dessen, was ihm Freude macht! - Bist du damit einverstanden?"

[RB.02_164,12] Spricht Helena: "Herr, du bester Vater! Jetzt vollkommen! - Habe auch gar kein Mitleid mehr mit solch einem allerdümmsten Esel! - Aber was wird mit diesem wahrhaft dümmsten Teufel denn jetzt geschehen?" Rede Ich: "Das wirst du nun gleich sehen. Ich werde nun den beiden Aposteln einen Wink geben, ihn völlig freizulassen und ihn aber nur in seiner Sphäre - tun zu lassen, was er will. Und da wirst du dann schon sehen, was es da mit diesem Geiste für einen weiteren Vorgang nehmen wird."

[RB.02_164,13] Ich gebe nun den beiden den vorbezeichneten Wink. Und Petrus sagt zu Cado: "Da wir beide uns nun zur vollsten Genüge überzeugt haben, daß du dich durch uns, die wir von Gott dem Herrn an dich abgesandt worden sind, nicht für die Himmel Gottes vorbereiten lassen willst, so gehe von hinnen und tue, was dir Freude macht! Denn das will auch dein Gott und unser Gott Jesus Jehova Zebaoth! - Von nun an wird Gott keine Boten mehr an dich absenden. Wir beide waren die letzten!" Nach diesen Worten werden die beiden für ihn unsichtbar, während er selbst allen Anwesenden gar wohl sichtbar wie auch mit jeglichem Gedanken und Worte vernehmbar bleibt.

 

165. Kapitel – Cado im Höllenschwitzbad. Des Herrn unverbrüchliche Willensfolgenordnung.

[RB.02_165,01] Als Cado sich nun allein befindet, sagt er bei sich: "Dank der Hölle, daß ich diese beiden faden Luder endlich einmal losgeworden bin! - Ha, da seh ich ja Bekannte, mehrere meiner Gesellen, ja sogar meinen einstigen Häuptling! Na, das wird ein Jubel sein, so wir zusamenkommen werden und uns gar leicht wieder erkennen! Sehen doch noch alle wie auf der dummen Welt aus!"

[RB.02_165,02] Die Schar nähert sich ihm stets mehr und mehr, und sein vormaliger Häuptling, ihn erkennend, stürzt mit grauser Hast auf ihn los, packt ihn an der Kehle und schreit fürchterlich pfeifend: "Ha! Schurke! Elender Hund! Bist du einmal hier, damit ich dir's zahle für das, daß du durch ein schändlichstes Mittel dir meine Königstochter zum Weibe zu verschaffen dich erfrecht hast! Warte, du elender Schurke der Schurken, diese Schmach sollst du mir nun in einem Schwitzbade büßen, daß dir darob das Hören und Sehen für ewig vergehen soll! Ich hatte viel auszustehen, unbeschreibliche Schmerzen sind mir hier zugefügt worden durch Flammen und Glut, aber keiner ärger als der, daß ich hier am Orte der Qualen und Schrecken erfahren mußte, daß ein elendester, gemeinster Hund meine erhabenste Königstochter sich zum Weibe gemacht hat! Aber dafür sollst du Hund mir nun auch auf eine Art gezüchtigt werden, wovon der ganzen Hölle noch nie etwas geträumt hat!"

[RB.02_165,03] Aus diese Worte macht Ludwig Bathianyi folgende Bemerkung zu Dismas, Pater Thomas und dem General: "Nun, das ist ein sehr löblicher Empfang! Ganz gehorsamer Diener! Der König-Häuptling scheint auch ein ganz verzweifelt starker Kerl zu sein; denn der Cado kann trotz all seines gräßlichen Ringens auf den mächtigen Krallen seines Häuptlings sich nimmer loswinden. Nun kommen auch wahrscheinlich dessen alte Helfershelfer herbei, und - o verflucht! - nein, da vergeht wahrhaft dem beherztesten Geiste buchstäblich das Hören und Sehen! Mit ganz glühenden Stricken umwickeln sie ihn nun wie die Spinne mit ihrem zähen Fadenschleime eine Fliege, die sich zufällig in ihr Netz verirrt hat. - Cado raucht nun von allen Seiten und schreit erbärmlich um Hilfe! - O Herr, das ist gräßlich! - Da, da, sehet hin, wie sie ihn vor sich nun stoßen und hinwälzen wie einen Glühknaul! - Und dort im hinstersten Hintergrunde sehe ich einen Thron wie von ganz weißglühendem Metalle. Gegen diesen Thron wälzen sie stets heftiger den sehr zu bedauernden Cado-Knaul? - Was wird denn da geschehen? sollte etwa da das verheißene Schwitzbad sein?! O verflucht! Herr, gar sehr bitte ich dich, vergebe mir meine Sünden! Aber das ist zu arg! _Sie stellen ihn richtig auf den Thron hinaus, von dem nun auf allen Seiten lichterlohe Flammen schlagen. Und er wird extra noch mit glühenden Ketten an den Thron gefesselt. - Oh, dies schaudererregendste Schmerzgeheul von Seite des geknebelten Cado! - Herr, willst Du mir so viel Macht einräumen, daß ich hingehe und den Cado frei mache? Und da, da sieh! Nun kommen andere mit glühenden Spießen und fangen an, von allen Seiten ihn zu durchstoßen! Von jeder Wunde fließt eine gräßlich dampfende Glühmasse! - Herr, ich bitte Dich um alles, was Du willst, gebe mir Macht und laß mich hineilen, diesen wahrhaftig ärmsten Teufel zu befreien!"

[RB.02_165,04] Rede Ich: "Lasse du das gut sein und sei froh, daß zwischen uns und ihnen eine unübersteigliche Kluft gestellt ist - sonst würden auch die Auserwählten zur Qual kommen. Warte aber nur ein wenig ab! Es wird diese Sache bald ein ganz anderes Gesicht bekommen. Denn der zu große, allerunausstehlichste Schmerz wird den Cado bald zum Meister seiner Fesseln machen. Dann wirst du den zweiten Akt eines höllischen Dramas zu Gesicht bekommen."

[RB.02_165,05] Spricht Bathianyi: " O Herr! Ich bin schon mit diesem über alle Maßen zufrieden und, wie ich's aus allen Gesichtern lese, auch alle anderen hier Seienden. Auch die allerliebste Helena scheint mehr als genug zuhaben!" Spricht die Helena ganz erschüttert: "Mehr als übergenug! Denn das ist gräßlich, übergräßlich!"

[RB.02_165,06] Rede Ich: "Meine lieben Kindlein! Ich sage es euch, ihr müsset das sehen, auf daß ihr vollkommen rein werden möget. Denn ein jeder Engel muß auch die Hölle kennen, wie sie beschaffen ist und was da für Früchte aus ihrer bösen Liebe erwachsen. - Denket ja nicht, als ließe Ich so etwas sie aus einer Art Zorn und Rache geschehen. O das ist ferne Meinem Vaterherzen! Aber ihr wisset, daß ein jeglicher Same seine bestimmten Früchte trägt und jede Tat auch eine bestimmte Folge haben muß, wie jedwede Ursache ihre bestimmte Wirkung - und das alles wegen der ewigen Ordnung aus Mir Selbst, ohne die nie auch ein Atom hätte erschaffen werden können und ohne die noch viel weniger an irgendeine Erhaltung des Geschaffenen zu denken wäre. Nun aber hat dieser Geist so sehr wider die für ihn notwendig frei gestellte Ordnung gehandelt, daß er durch solches Handeln sich selbst die notwendig höchst traurige Folge hat bereiten müssen, die wir wegen der Erhaltung der allgemeinen, ewigen Ordnung nicht früher abändern dürfen und können, als bis dieses vor unseren Augen nun höchst unglückliche Wesen durch die schmerzhaften Folgen seiner früheren Handlungen aus sich selbst zu anderen Handlungen getrieben wird, die dann auch andere, bessere oder aber wohl auch noch schlimmere Folgen nach sich ziehen werden!

[RB.02_165,07] "So jemand einen guten Samen in die Erde legt, so wird daraus auch eine gute Frucht erwachsen. Legt aber jemand statt des Weizenkornes den Samen einer Tolkirsche ins Erdreich, so wird Er wegen der ewigen Ordnung doch auch nur wieder eine Tollkirsche und keinen Weizen ernten.

[RB.02_165,08] "Es dürfte Mir aber leichtlich jemand einwenden und sagen: »Wäre alles recht, o Herr; aber Du hättest Deine Ordnung denn doch nicht in so ungeheuer grelle Extreme (Höchstgrade) treiben sollen!« - Gut, sage Ich und füge aber dazu die Frage: Ist das Lichtextrem einer Sonne darum als ein Fehler Meiner Ordnung zu beklagen, weil wegen seiner außerordentlichen Stärke jedes Auge erblindet, das da so toll wäre, stundenlang unverwandt in die Sonne zu schauen? Oder ist das alles verzehrende Feuer etwa doch mit einem zu heftigen Hitzegrad begabt? Ist nicht die Last eines Berges zu gewaltig, die Schnelligkeit des Blitzes zu groß, die Kälte des Eises zu scharf und die Masse des Meerwassers zu ungeheuer? Wie sähe es aber mit einer Welt aus, auf der die Ordnung in den Elementen nicht also bestellt wäre? So des Feuers höchster Hitzegrad nur lau wäre, könnte es wohl die harten Metalle zerschmelzen? Oder wie weich müßten die Metalle wohl sein, auf daß sie schon bei einer geringen Wärme in Fluß kämen? Wären aber die Metalle also weich, wozu könnten sie dann nütze sein? Wäre aber die ganze Erde etwa so weich wie eine Butter, welches Geschöpf von nur einigem Gewichte würde auf so einer butterweichen Welt oder Erde bestehen können? Und so die Sonne nicht ein so intensivstes Licht besäße, würde je dann wohl auch imstande sein, aus Entfernungen von sehr vielen Millionen Meilen (nach irdischem Maße) die für den Planeten erforderliche Wärme und das über alle Maßen nötige Licht zu bieten?

[RB.02_165,09] "Es möchte vielleicht jemand den Gedanken haben und bei sich selber sagen: »Es sollen ja alle Extreme sein und bestehen, aber wozu ist denn beim Menschen die außerordentlich große Schmerzfähigkeit gut? Warum hat er eine tausendfach größere Empfindlichkeit für Schmerzen und Leiden als für Wohltun und für Empfindungen beseligender Reize?« - Die Antwort auf diese Frage ist eine überaus handgreiflich leichte. Stellet euch die Menschheit als rein schmerzunfähig vor; gebet ihr dann ein vollkommen freies Erkenntnisvermögen und einen völlig freien Willen. Sanktionieret dann aber auch die Gesetze wie ihr wollet, und es wird niemand ein Gesetz beachten! Denn wer keine Empfänglichkeit für Schmerzen hat, der hat auch keinerlei Lust, und würden wollüstige Menschen, so sie nur mit einer puren Lustempfindlichkeit begabt wären, sich nicht in aller Kürze gänzlich verstümmeln, so sie bei einem allfälligen Abtrennen eines oder des andern Gliedes, statt des schützenden Schmerzes nur Lust und Wohltun empfänden?

[RB.02_165,10] "Dieser vor uns aus übergroßem Schmerze heulende Cado wäre sicher für ewig verloren, wenn er schmerzunfähig wäre. So aber wird er in seinem Hochmutswahne wohl vielleicht noch eine sehr geraume Zeit den schroffsten Trotz bieten; aber wenn ihn der Schmerz zu gewaltig erfaßt, so wird er am Ende anfangen, mit sich auch sehr handeln zu lassen und wird sich auf bessere Wege begeben!

[RB.02_165,11] "Ihr sehet nun aus diesen Meinen Worten sehr leicht, daß da jede Fähigkeit und Beschaffenheit eines Menschen wie auch jedes andern Wesens aus Meiner ewigen Ordnung bestens beraten und berechnet ist, und es darf an ihr kein Häckchen fehlen, so der Mensch vollkommen das werden soll, was er werden kann. Wenn aber alles das also sein muß, dann müsset ihr hier neben Mir auch keine so schiefen Gedanken in euch aufsteigen lassen, sondern sollet stets denken: »Was jemand selbst will, trotz der großen damit verbundenen und ihm wohlbekannten Nachteile, dem geschieht auch ewig kein Unrecht, und ginge es ihm noch tausend Male schlechter als es ihm geht!« - Nun aber gebet weiter acht auf die vor euren Augen vor sich gehende Handlung! - Und du, Meine allerliebste Helena, sehe ebenfalls hin und erzähle uns, was du siehst!"

[RB.02_165,12] Spricht Helena: "O Herr, da ist es ja nimmer (möglich) hinzusehen! Denn das ist zu ungeheuer gräßlich! O wohl dir, Robert-Uraniel, daß du das nicht mit uns schauest! Du würdest erstarren vor Grauen!" Rede Ich: "Meine allerliebste Helena, sorge dich nicht um den Robert! Er sieht diese Szene ebensogut, wo nicht noch besser als du! Denn im Geisterreiche gibt es keine Ferne, von der aus man irgendein Geschehnis weniger klar sehen würde, als so man ganz in der Nähe sich zu befinden meint. In dieser Welt gibt es ganz andere Nähen und Fernen, und diese befinden sich lediglich im Herzen eines jeden Geistes. Je inniger sich irgend Geister lieben, desto näher sind sie sich. Je schwächer aber da ist die gegenseitige Liebe, desto ferner sind sie sich auch. - Verstehst du das? - Ja, du verstehst es! Darum sehe jetzt nur mutig die Szene an!"

[RB.02_165,13] Helena schaut nun mit mehr Mut und Ergebung nach der Szene hin, da sie nun einsieht, daß die Sache, wie sie sich auch immer gestalten möge, unmöglich anders sein kann, als wie sie wegen des Gesamtbestandes der ewigen Ordnung sein muß.

 

166. Kapitel – Cado wird frei und nimmt Rache. Der Häuptling lenkt ein. Satanischer Höllenplan.

[RB.02_166,01] Es macht aber auch der Franziskaner Cyprian mit dem Grafen Bathianyi und dessen Freunde Miklosch eine etwas größere Annäherung zu Mir und richtet seine Augen scharf nach dem Schreckensorte hin. Nach einer Weile unverrückten Betrachtens wird seine Zunge locker, und er fängt unaufgefordert also zu reden an: "O du entsetzliche Schwerenot! Der Cado, von sicher zu namenlosestem Schmerze gedrungen, zerreißt nun alle seine Fesseln, als wären sie ein lockerstes Spinnengewebe, fällt über seine Peiniger wie ein wütender Tiger her und, wen er ergreift, den zerreißt er auch in kleine Stücke! Und die Stücke krümmen sich und hüpfen am ganz glühend aussehenden Boden umher als wie abgehauene Stücke einer Schlange! Den glühenden Thron zermalmt er zu Staub! Die Spieße werden vernichtet, und nun stürzt er sich aus seinen irdischen Häuptling, der sich zwar zur Wehr stellt und auf den wütenden Cado mit gräßlich klingender Stimme entgegenruft:

[RB.02_166,02] "»Rühre mich nicht an, Hund! Sonst sollst du meine Rache an dir erst in aller ihrer unergründlichen Tiefe und namenlosen Schärfe kennenlernen! Glaube ja nicht, daß ich hier verlassen und ohnmächtig vor dir stehe! Wie du mich nur mit einem Finger anrührst, wirst du von Millionen mächtigster Geister umringt und in eine derartige Qual geworfen werden, gegen die alles, was du bis jetzt verkostet hast, nur ein kühlender Balsam war! Willst du aber, da ich in dir nun einige Kraft entdeckt habe, mit mir gegen einen andern Fürsten einen Bund machen, so soll der auf der Erde an mir begangene Frevel völlig nachgelassen werden, und es soll hinfür von mir gegen dich von keiner weiteren Rache mehr die Rede sein. Du sollst von nun an mein intimer Freund sein und an meiner Seite mein königliches Ansehen als mein Schwiegersohn im Vollmaße teilen!«

[RB.02_166,03] "Der Cado wird nun etwas stutzend und schreit nach einer kurzen Pause noch sehr grimmig: "Elendster Teufel! So du mir nun - da du ein kleines Pröbchen von meiner unbesiegbarsten Macht und Kraft gesehen hast und gar wohl fühlest, daß ich mit dir es nun ebenso machen kann, wie es dir diese zerstreut herumhüpfenden Teile deiner ohnmächtigsten Helfershelfer nur zu klar zeigen - solch friedlich schimmernde Anträge machst, warum hast du denn das nicht eher getan, als ich dir, von der Welt herkommend und an deinem Wiedersehen eine rechte Freude habend, doch so harmlos freundlich als nur immer möglich entgegenkam? Wahrlich, hättest du mir da meine Freundlicheit erwidert, so hättest du an mir einen Freund gefunden, mit dessen Hilfe du die ganze Schöpfung aus den Angeln hättest heben können. So aber hast du dir an mir einen Feind gezogen, wie die ganze Hölle keinen zweiten soll aufzuweisen haben. Du glaubtest, mich vernichten zu können und unschädlich zu machen; bist aber nun gräßlich enttäuscht worden und machst als weidlichst Besiegter mir nun friedlich schimmernde Anträge. Aber Cado kennt seinen Mann und wird daher deinen Worten auch ein ganz verdammt kleines Gehör schenken und dir tausendfach vergelten, was du ihm geliehen hast!"

[RB.02_166,04] "Hier streckt Cado seine Hände nach dem Häuptlinge aus. Aber der Häuptling macht einen Sprung zurück und schreit: "Blinder Esel! Mußte ich dir denn das nicht antun, ansonst du nimmer zu dieser deiner Kraft gekommen wärest! Denn hier, wie auch schon auf der Welt werden Menschen und Geister nur durch große Leiden geläutert und zu mächtigen Helden umgestaltet! Und so habe ich dir durch meine grausamst scheinende Behandlung ja nur einen wahrhaft größten Freundschaftsdienst geleistet und nicht meinen vorgeschützten Rachedurst gekühlt - was ich dir aber auch nur wegen der nähen Verwandtschaft tat, auf daß du schnell zu jener Kraft gelangen sollst, ohne die sich in diesem Reiche kein Wesen behaupten kann und mag. So du aber das nicht anerkennen willst, da versuche immerhin dein loses Vorhaben am mir zu vollziehen und du wirst dich überzeugen, daß du noch lange nicht der Mächtigste in dieser Welt bist!«

[RB.02_166,05] "Hier stutzt Cado noch mehr und sagt nun nach einigem Umherschauen: »Dummes Luder von einem Beduinenhäuptlinge, wenn sich die Sache so verhält, warum hast du mir denn das nicht gleich anfangs gesagt? Hintendrein, wenn sich eine Sache einmal von selbst durch die Umstände gestaltet hat, kann ein jeder daran beteiligte Esel sagen: ,Siehe, das war mein wohlberechnetes Werk!' - Ich will dir's aber in Rücksicht dessen, daß du denn doch mein Schwiegervater bist, in allen Teufelsnamen für jetzt gelten lassen und halbwegs annehmen, daß es also sei. Aber wehe dir, so ich nur irgend je dahinterkomme, daß du nur um dich vor mir zu schützen, mich nun also beredet hast! Dann sollst du mir's millionenfach büßen! Verstehst du diese meine allmächtige Sentenz?! Aber nun sage mir, wie der Ort heißt, wo wir uns nun befinden, und ob es hier keine Burgen und keine reichbeladenen Karawanen gibt, die man so um etwas leichter machen könnte? Denn unser irdisches Handwerk werden wir hier ja etwa doch nicht ausüben müssen!?«"

[RB.02_166,06] Cyprian fortfahrend: "Schönes Vorhaben! Zwei Kerls, wie sie nur in der untersten Hölle ausgeheckt werden können! - Der Häuptling bedenkt sich nun ein wenig und sagt dann mit einer geheimnisvollen Würde: »Freund, auf der Erde waren wir nur pure Mückenfänger, weil wir Fledermäuse waren! Hier aber sind wir zu mächtigen Löwen herangereift! Daher hat's da denn auch mit dem verächtlichen Mückenfangen ein Ende, da uns ganz andere Pläne durchzuführen vorgesteckt sind. Du weißt es, daß bis jetzt noch immer die alte Gottheit die drückend tyrannischste, aller Freiheit bare Obergewalt ausgeübt hat und hat diese durch ihre Menschwerdung neuerlich noch mehr befestigt. Wir ersten Geister dieses großen Reiches der unbegrenztesten Freiheit aber haben mit unserer scharfsinnigsten Weisheit die sehr verborgenen, allerbedeutendsten Schwächen dieser alten Gottheit aufgefunden und werden sie nun in aller Kürze von ihrem alten Throne stürzen und mit ihr machen, wie du ehedem mit diesen deinen Peinigern getan hast. Dann werden wir die ganze alte, urzopfige Schöpfung zerstören und an ihre Stelle eine neue und allerfreieste setzen! - Wie gefällt dir dieser Plan?«

[RB.02_166,07] "Cado zuckt hier mit den Achseln und sagt nur: »Der Plan wäre wohl unser würdig; aber ich zweifle sehr, daß er uns je gelingen wird! Denn die alte, grausame Gottheit ist stets von größter Schlauheit und sieht da am besten, wo wir an ihr eine Blindheit zu gewahren wähnen. Daher meine ich, daß es mit der Ausführung dieses großartigen Planes schon durchaus nicht gehen wird.«

[RB.02_166,08] "Spricht nun wieder der Häuptling: »Du bist hier ein Anfänger und redest, wie du mit deiner noch sehr beschränkten Einsicht die Sache auffassest! Du hast noch zu irdisch-dunkle Ansichten von der Gottheit und unterstellst ihr noch jene Allwissenheit und unbegrenzte Macht, die du als ein Hirtenknabe an der Brust deiner schwachen Mutter eingesogen hast. Du siehst die Gottheit noch immer als ein ungeteiltes und ungeschwächtes, allwaltendes Wesen, das nur zu wollen braucht, um eine Myriade neuer wohlbestellter Welten aus sich in ein mächtiges Dasein zu rufen. Das kann sie zwar und tut es auch immer fleißig, weil das ihr höchstes Vergnügen ist, aber wir kennen das und (wissen), wohin solch eine Lust die Gottheit mit der Zeitenfolge bringen muß - wie auch ein jeder nur einigermaßen gewandte Politiker es einem von höchstem Luxus und unbegrenzter Prachtliebe sich hinreißenlassenden Könige an den Fingern vorzählen wird, wie lange es mit ihm noch währt und wie solch eine unbegrenzte Prachtliebe eines Fürsten seine Hauptschwäche ist, die ihn vom Throne am allerehesten herabfallen machen wird. - Sieh Freund, geradeso verhält es sich auch mit der alten, schwachgewordenen Gottheit! Sie ist bettelhaft kindisch geworden! Ihre Sache ist, nur immer erschaffen und erschaffen, gehe es wie es auch immer gehen mag. Hast du denn auf der Erde nicht schon oft bemerkt, wie dann und wann der Gottheit der Zwirn ausgeht? Sie überhäuft die Bäume mit zahllosen Blüten und hat am Ende zu wenig Stoff, alle die Blüten zu einer Frucht zu ernähren. So setzt sie Menschen auf Menschen in die Welt, geht ihr endlich der Erhaltungsfaden aus, so muß sie ihre Lieblinge wieder wie die Fliegen dahinsterben lassen. Und in allem und jedem wirst du sicher ähnliche göttliche Verlegenheiten bemerkt haben, aber freilich leider nicht ahnen können, worin davon der Grund liegt. Wir aber wissen das nur zu gut und sehen es klarst, wie die Gottheit schwächer und schwächer wird und samt ihrer großen Haushaltung am Ende auf den Hund kommen muß. Und so ist es uns auch möglich, Pläne zu entwerfen, die ihren Untergang notwendig befördern müssen.«"

 

167. Kapitel – Cados wahnsinniger Höllentrotz. Vermessener Umsturzplan des Häuptlings. Der Höllenschlund tut sich auf.

[RB.02_167,01] Cyprian berichtet weiter: "Cado schüttelt abermals den Kopf und sagt: »Freund, das ist noch alles eine Rechnung ohne den Wirt, und die Pläne sind eitel! Ich bin zwar der Gottheit entschiedener Feind, aber nicht ihrer Schwäche, sondern ihrer nur zu ungeheuren Macht wegen. Ich versichere dich, es ist mein vollkommen freier Wille, entweder hier im Orte der Qualen zu verbleiben oder umzukehren und Besitz zu nehmen an allen möglichen Freuden eines himmlischen Lebens. Aber ich ziehe es dennoch vor, hier zu verbleiben, weil ich der Gottheit endlose und ewige Macht nur zu gut kenne. Wäre die Gottheit nur um einen Grad schwächer und besiegbarer als sie ist, da hielte ich's sogleich mit ihr und würde sie verteidigen gegen jeden Angriff. Aber eben da sie so unendlich mächtig und unbesiegbar ist, so bin ich ihr entschiedenster Feind. Ich weiß, daß meine Feindschaft gegen die allmächtige Gottheit eine barste Torheit ist und sie mich jeden Augenblick vernichten kann; aber solange ich einen freien Willen habe, will ich ihr den entschiedensten Trotz bieten, bloß um ihr zu zeigen, daß sie mit aller ihrer Allmacht und Weisheit mit mir dennoch nichts richten kann, solange sie mich in der gegenwärtigen Willensfreiheit beläßt. Es ist für einen Helden wahrlich der größte Hochgenuß, als ein Atom gegen die endlose Größe Gottes sich derart zu stemmen, daß sie nichts dagegen auszurichten vermag! Ich werde daher auch nie ihre (fälschlich) eingebildeten chimärischen (sagenhaft, erdichteten) Schwächen, sondern vor allem nur ihre unendliche Kraft aufzusuchen und zu erforschen bemüht sein. Und je mehr Kraft und Stärke ich in ihr entdecken werde, desto unbeugsamer werde ich mich ihr gegenüber gebärden. Siehe, das ist mein Sinn, der sich für einen Helden ziemt! Aber dein die Gottheit entthronen wollender Plan gehört offenbar zu den größten Lächerlichkeiten und ist ewig unausführbar. Meinst denn du, daß die wirkliche Gottheit eine persische oder chinesische Pagode (Götzenbild) ist, die jedermann vom Throne oder Altare herabreißen und ins Feuer oder in den Kot werfen kann!? Da irrst du dich ganz verdammt gewaltig! Die Gottheit ist das unendlichste Wesen in jeder Hinsicht! Daher gebe du deinen lächerlichen Plan auf und tue, was ich tue, so wirst du dadurch in dir selbst einen Hochgenuß haben darin und dadurch, daß du dir durch dein Bewußtsein selbst das Zeugnis geben kannst, der höchsten Gottesmacht mit deiner barsten Nullkraft dennoch einen härtesten Trotz bieten zu können!«

[RB.02_167,02] "Spricht der Häuptling: »O du dummer Esel! Meinst denn du, daß du aus dir selbst heraus bist, wie du bist? Sieh, du bist ja also gerichtet und kannst nimmer anders wollen, als wie du nu¤ vor mir dich dumm genug ausgesprochen hast! Und du meinst dadurch der Gottheit zu trotzen, so du bist, wie sie will, und nicht, wie du willst! Komme mit mir, so du frei werden willst! - Solange irgend Gesetze und sanktionierte Fesseln ein Wesen binden, ist es nicht frei, sondern ein Sklave einer höhern Macht! Und solange die Gottheit unserem Wirken fortwährend unübersteigliche Grenzen setzt, sind wir die elendsten Sklaven, und von einer Freiheit kann bei uns so lange keine Rede sein, als wir aus unserer eigenen Macht das harte Joch der Gottheit nicht völlig von uns zu weisen imstande sein werden. Können wir aber der Gottheit trotzen, und muß die Gottheit diese Schmach erdulden und kann's nicht ändern, so ist das ja doch sicher ein Zeichen, daß sie schwach ist. Ist sie aber in einem schwach, so wird sie auch in vielem andern schwach und vielleicht noch schwächer sein! Daher ist es an uns, alle ihre schwachen Seiten sorglichst auszukundschaften und sie dann bei diesen mit aller unserer Übermacht anzugreifen und gänzlich zu verderben.«~"

[RB.02_167,03] Der Franziskaner Cyprian für sich: "O du ganz verzweifelter Lump! Was der für löbliche Ideen hat! Schau, schau! Also: "hinc lacrimae (darum jene Tränen)! - Ich habe immer noch gemeint, daß die höllischen Geister in ihrer fürchterlichsten Qual eine ewig vergebliche, brennendste Reue über ihre begangenen großen Sünden fühlen müssen, ohne dadurch je eine allerleiseste Hoffnung auf Erlösung haben zu dürfen. Aber so (wie ich sehe) ist die Sache ganz anders! Sie wollen das alles selbst, bloß um Dir, o Herr, einen allerhartnäckigsten Trotz bieten zu können! - Ah da sieh einmal jemand solch eine niederträchtigste Lumperei an! Die Kerle haben nur eine Freude über ihre grenzenlose Verstocktheit! Ah das ist wahrlich nicht übel! Aber Herr, solchen Lumpen, wie die beiden dort sind, möchte ich an Deiner Stelle denn doch ein bißchen ihre Freude versalzen, so daß sie es über alle Maßen empfinden sollen, wozu ihre Freude gut ist! - O ihr Hauptlumpen ihr! Nein, wartet, wartet! Dieser seltene Freudenbecher soll euch mit einer Galle gefüllt werden, an der ihr für ewig hinreichend sollet zu lecken haben!"

[RB.02_167,04] Sage Ich: "Mein lieber Cyprian! Diese Erscheinung mußt du ganz leidenschaftslos beobachten können, sonst füllst du dem eigen Herz mit demselben Stoffe, mit welchem der beiden höllischen Geister Herz erfüllt ist. Denn Drohung, Rache und Krieg sind Eigentümlichkeiten der Hölle, wie sie sich dir soeben zur Schau stellen! Siehe nur hin, wie soeben eine Horde gleich glühenden Drachen aus einer mächtig qualmenden Höhle zum Vorscheine kommt und unsere beiden armenischen Räuberhäuptlinge umstellt, begrüßt und sie belobt ob ihrer gut höllischen Gesinnung und wie die beiden sich nun auch in eine ganz gut ausgebildete Drachengestalt umzuwandeln beginnen, was so viel sagen will, daß sie nun vollends ins echt Höllische übergehen, da sich dasselbe, nach ihrem gegenseitigen Gespräche zu urteilen, in ihnen nun völlig ausgebildet hat.

[RB.02_167,05] "Ich sage dir, es bleibt diesen Geistern nichts geschenkt! Jedes Lästerwort wird zu einem glühenden Stein auf ihrem Haupte. Und sie werden bei solch einer Last schon nach und nach inne, ob sie stärker seien als die Gottheit, und ob sie fähig seien, ihre argen Pläne gegen Mich je in Ausführung zu bringen! Denke du dir (die Sache) nur stets also: Gott ist durchgehends die reinste Liebe, und aus solcher Liebe die höchste Weisheit, Ordnung und Macht. Alles das, und mag es dir noch so arg und schrecklich vorkommen, ist Meine Liebe, Weisheit und Ordnung, und es muß alles so geschehen, damit alles bestehe und nichts verlorengehe!

[RB.02_167,06] "Die eigentliche Höllenqual wird (für diese Geister) erst jetzt ihren Anfang nehmen; denn das frühere war nur so eine Art Einleitung! - Du siehst nun auch die ehedem von Cado zerrissenen Quälgeister sich wieder ergänzen und zusammengreifen nur nicht in einer menschenähnlichen, sondern in einer Schlangengestalt! - Passe jetzt nur recht auf und du wirst sogleich der eigentlichen Hetze ansichtig werden! Aber du, Helena, darfst nun nicht mehr hinsehen, weil das für dich zu arg wäre! - Ihr andern aber sehet nur alle hin! Und du Cyprian kannst auch flüchtig nebenher erzählen, was du siehst und sehen wirst!"

 

168. Kapitel – Gewalten der Finsternis. Höllische Tücke und himmlische Wachsamkeit.

[RB.02_168,01] Der Franziskaner Cyprian geht nun einige Schritte fürbaß, um so die Szene desto ungehinderter betrachten zu können. Aber Ich sage zu ihm: "Cyprian, nähern darfst du dich dem Orte des Greuels nicht, weil das einen üblen Eindruck auf dich machen könnte! Daher mache du die Schritte nur wieder fein zurück, die du soeben vorwärts gemacht hast! Du wirst die Sache auch von deinem frühern Standpunkte ganz gut übersehen können."

[RB.02_168,02] Cyprian tritt auf diese Anrede sogleich zurück und sagt:"O Herr, ich danke Dir für diese Deine väterliche Ermahnung und Zurechtweisung! Ohne diese wäre ich am Ende noch ganz hingezogen worden, was wahrhaftig etwas höchst Unglückliches für mich hätte werden können; denn weit wie von dem Schusse ist immer am sichersten! Aha, aha, es fängt aber nun auch dort die höllische Geschichte an, ein ganz verzweifeltes Aussehen zu bekommen! Daher aufgepaßt! - O Kreuz, Blitz und Donner und alle nur möglichen Elemente! Diese Nordgegend bekommt nun ein sehr schauderhaftes Aussehen! Eine finsterste gähnende Grotte öffnet sich weit durch die schroffsten Wände eines wahren Milliongebirges, aus dessen Schluchten, Gräben und gigantischen Spaltungen sich ein stets dichterer und finsterer Qualm zu entwickeln beginnt. Auch vernehme ich ein ungemein unheimliches Toben, gleich dem eines entfernten großen Seesturmes! O Million, Blitz und Donner! Das fängt an, sehr bedenklich zu werden! Aber nun erschaue ich auch zu oberst des Gebirges gerade über der schaudervollen Grotte zwei Engel sehr düstern und ernsten Aussehens! - Wer etwa doch diese zwei Engel sind?"

[RB.02_168,03] Sage Ich: "Sehe sie nur besser an, und du wirst sie leicht erkennen!" - Cyprian beschaut sie nun schärfer und erkennt bald den Sahariel und den Robert-Uraniel. Er will sie Mir nennen; aber Ich untersage ihm solches, wegen der Helena, deren Herz zu zartfühlend ist, als daß es ohne Vorbereitung das Geschäft ihres Gemahls auf einer für ihre Begriffe so gefährlich scheinenden Stelle mit der rechten Ruhe betrachten könnte. Cyprian versteht solchen Wink und schweigt. - Aber die Helena, wennschon an Meiner Brust mit ihrem Gesichte ruhend, fragt dennoch den Cyprian, ob er die zwei Engel noch nicht erkannt habe. - Cyprian aber entschuldigt sich recht klug und sagt: "Jawohl! Aber ich habe nun vor lauter schauen keine Weile, dir ihre Namen zu nennen. Gedulde dich nur! Sie werden ohnehin bald selbst hierherkommen." Die Helena gibt sich damit zufrieden und verbirgt ihr Gesicht ganz außerordentlich an Meiner Brust vor den angekündigten Greuelszenen der Hölle, damit sie davon ja nichts zu Gesicht bekommen möchte; denn ein stets mächtiger werdendes Tosen und Toben zeigt nur zu bestimmt an, daß die Hölle wieder etwas außerordentlich Arges auszuführen beabsichtige. Daher wird auch das Gemüt der Helena sehr eingeschüchtert, so daß sie sogar an Meiner Brust ein kleines Fieberchen verspüren läßt.

[RB.02_168,04] Der Cyprian aber, dem dieses stets mächtigere Toben, Tosen und donnerähnliche Dröhnen ebenfalls nicht munden will, sagt zu Mir: "Aber Herr, Du ewig heiligster, bester Vater! Was soll denn endlich aus dieser stets gröber werdenden Brummerei werden? Es fängt sogar dieser Boden, auf dem wir nun stehen, zu beben und sich zu heben an! Und dort, wo die schaudereregende Grotte (aus nun stoßweise Flammen mit massenhaftem Qualm herausschlagen) sich weiter und weiter auszudehnen scheint, wälzen sich jetzt auch übers Gebirge herab die fürchterlichsten Gewitterwolken gleich losgerissenen großen Felsstücken. Die Sache bekommt ein ganz niederträchtiges Aussehen, obschon die höllische Gruppe sich noch ganz friedlich und wie nichts Arges ahnend vor dem Eingange der schrecklichen Grotte befindet und nicht einmal eine Miene macht, als ob sie etwas zu unternehmen im Sinne habe. - Ich bitte Dich, Herr, sage uns doch, was denn da aus dieser sonderbaren Vorbereitung am Ende herauswachsen wird!? - Ich schaue mir nun schon fast die Augen aus und entdecke sonst nichts Neues, als bloß nur stets mehr Flammen, die aus der Grotte schlagen, und ebenso auch stets mehr des dicksten Rauches aus der Grotte sowohl wie aus anderen Klüften und Ritzen des Gebirges und auch ein stetes Anwachsen der Gewitterwolken von oben herab! - Die beiden Engel zu oberst der höchsten Spitze des Gebirges, und zwar gerade über der Grotte sind auch ganz ruhig und scheinen diese grauenhaftesten Vorbereitungen gar nicht zu merken. Und der stets unerträglicher werdende Sturmlärm scheint nicht bis zu ihren Ohren zu dringen."

[RB.02_168,05] Rede Ich: Mein lieber Freund! Die Hölle ist nie gefährlicher und unheilbringender, als so sie sich äußerlich ganz ruhig verhält, aber dafür innerlich mit einer desto größeren Wut zu toben beginnt - wie dies soeben der Fall ist. Dagegen aber ist auch der Himmel nie wachsamer gegen die Hölle gestellt, als so er sich bei solch inneren Umtrieben der Hölle ganz ruhig und gleichmütig zu verhalten scheint. So lange die Hölle bloß innerlich gährt und tobt, schreitet der Himmel nicht ein. Aber so sie, mit der Weile ermutigt, ihre Wut nach außen hin in Wirksamkeit treten läßt, dann wird schon auch der Himmel seine kräftigen Gegenmittel in die nachdrücklichste Wirksamkeit treten lassen. Daher gebe nur auf alles genau acht, wie die Hölle nun ihren alten Versuch, Mich zu fangen und zu stürzen, ganz tückisch unter dem Deckmantel äußerer Ruhe und Gelassenheit erneuern wird. Sie wird es viel pfiffiger anstellen wollen, als wie sie es vor ein paar Jahren angestellt hat. Aber sie wird dabei desto wirksamer eingehen. So du nun einen Blick auf die Erde werfen magst, zu welchem Behufe du bloß über deine Achsel links zu schauen brauchst - so wirst du es genau gewahren, wie die Hölle nun auch gleichermaßen an den Höfen tätig einzuwirken sich bemüht, um die ganze Erde in einen allerverheerendsten Krieg zu entflammen. Sie wird solch ihr Vorhaben auch hie und da zum Ausbruche bringen; aber dann passe auf, auf welch eine noch nie dagewesene Weise ihr da das Handwerk gelegt wird! Betrachte daher aber jetzt nur diesen Höllenausbruch und seine Folge, so wirst du entsprechend auch leicht schließen können, wie sich auf der Erde alles das, was hier nun vorgeht, mit der entsprechenden Weile nachbilden wird. Siehe, der Rumor wird schon wieder stärker, die Flammen in der Grotte werden intensiver und der Qualm selbst glühend! Die Rotte vor der Grotte wird zahlreicher und fängt an, sich zu bewegen, und zwar gegen uns her! Nun wird es bald losgehen!"

 

169. Kapitel – Der höllische Himmelssturm bricht los. – Friedensgeister in der Höhe. Furchtbare Wendung für die Scharen der Finsternis.

[RB.02_169,01] Cyprian wendet nun kein Auge ab von der Szene. - Ich aber gebe Meinen Dienern einen Wink, und diese verstehen, was sie zu tun haben.

[RB.02_169,02] Nach einer kurzen Weile sagt Cyprian ganz ängstlich: "Herr, wir werden uns am Ende dennoch zu einem Rückzuge bequemen müssen; denn die Hölle scheint nun alle ihre viele tausend Jahre alten Gefangenen freizulassen, auf daß sie wahrscheinlich mit vereinten Kräften Dich samt dem ganzen Himmel in Beschlag zu nehmen vermöchten. Sie wandern nun ganz keck auf uns los! Und diese Gestalten - wahrlich mitunter lächerlich gräßlich! Wie sich einige aufblähen und bald darauf wieder zusammensinken bis zur Größe eines kleinsten Affen! Ah, das ist doch alles, was man sagen kann! Auch allerlei Waffen fange ich an zu entdecken! Spieße, Lanzen, Schwerter und Schießgewehre aller Art und Gattung! Das geht ja auf einen ordentlichen Krieg los! Aber gegen wen denn? Gegen uns ja etwa doch nicht? Sehen sie uns denn auch, weil sie sich gerade gegen uns her richten?"

[RB.02_169,03] Sage Ich: "Freilich gilt der Krieg von seiten der Hölle allzeit und somit auch jetzt - uns! Aber sehen können sie uns nimmer; wohl aber vermuten sie uns hier, weil sie an der Stelle gegen uns her, die eigentlich der geistige Mittag ist, eine Art Helle wahrnehmen. Aber sie mühen sich vergeblich ab, uns näher zu kommen. Sie meinen wohl, daß sie vorwärts gehen; aber ihr scheinbares Vorwärtsgehen ist ein Rückgehen und ein stets mehr sichentfernen von uns. Daher lassen wir sie auch traben und sich bewegen, da wir wissen, wie weit und wohin sie mit dieser Bewegung kommen können und werden.

[RB.02_169,04] "Sie werden aber mit der Weile inne, daß sie um nichts vorwärtskommen, trotz all ihres Mühens. Und dies Innewerden wird das Zeichen zum Ausbruche ihrer inneren Wut sein, in der sie sich selbst gegenseitig ohne alle Schonung anfallen und zerreißen werden gleich wilden Bestien. Gebe jetzt nur recht acht, ganz besonders auf ihre Bewegung!"

[RB.02_169,05] Cyprian gibt nun sehr wohl acht auf alles, was sich in der Bewegung der Höllenrotte ergibt. Miklosch und der Graf Bathianyi aber sagen einstimmig: "Herr, wohl übergroß ist Deine Langmut und Geduld, daß Du solchem Treiben noch stets mit all Deiner sanftmütigsten Gelassenheit zusehen kannst! So es auf uns ankäme, so würden wir diesem Gesindel einen ganz kuriosen Ernst entgegensenden, der es sicher für ewig gehörig demütigen sollte. Nein, solch eine Frechheit, sich Dir entgegenstemmen zu wollen, ja Dich sogar, so es möglich wäre, gänzlich zu vernichten! Nein, nein, das ist zu über- oder zu unterhöllisch arg! Solch ein Gedanke würde von uns aus schon einer ewigen Züchtigung wert sein, geschweige erst eine unternommene Handlung in solch einer allerhöllischesten Absicht."

[RB.02_169,06] Rede Ich: "Meine lieben Kindlein, lasset beiseite, was nur immer den Namen Ärger hat! Denn sehet, aller noch so geringer Ärger entstammt der Hölle und verträgt sich nie mit der reinen Natur Meiner himmlischen, noch kleinen Kindlein, als wie ihr es nun noch seid. Ihr müsset euch überhaupt über gar keine Erscheinung, wie böse sie auch immer aussehen möge, auch nur im geringsten ärgern. Denn das Ärgern der Kinder der Himmel verleiht der Hölle einen Vorschub und gibt ihr Stoff zum Wiederärger, den sie nur zu leicht und zu bald vergrößert und in einen neuen Wirkungsstand setzt. Denket aber dafür in euerm Herzen, daß dies alles also geschehen muß, so in jene Grotte auch einmal ein sanfteres Licht dringen soll! Denket, daß die ganze Hölle aus Wesen besteht, die gewisserart teils wohl durch ihre Geschichte und zum Teile durch die Geschichte der Weltgroßen zu solchen Teufeln geworden sind und ihr geistiges Leben gänzlich verwirkt haben. Sie sind nun unendlich unglücklich und werden noch stets unglücklicher werden. An uns aber, die wir alle Macht innehaben, liegt es nun - ihnen so viel als möglich zu helfen, und zwar durch jedes Mittel, durch das eine Hilfe noch als möglich erscheint.

[RB.02_169,07] "Dieser nun bevorstehende Kampf, den sie gegen uns unternehmen, setzt ihr mattes Scheinleben in eine größere Tätigkeit, durch die sie vor der völligen Auflösung geschützt werden. Durch den fehlgeschlagenen Versuch werden sie dann wieder in Kenntnis gesetzt, daß sie gegen Gott nichts vermögen; und es werden dann viele aus ihrer Rotte bescheidener werden und sich bei einer ähnlichen künftigen Unternehmung nicht mehr beteiligen. Und das ist dann ein wirklicher Fortschritt dieser verlorenen Schafe. Für sie stehen uns dann schon wieder eine zahllose Menge der wirksamsten Mittel zu Gebote, sie in eine etwas hellere Belebung zu leiten, ohne uns direkt an ihrem freien Willen, der ihr Leben ist, zu vergreifen. Daß aber derlei Bäume nicht mit einem Hiebe gefällt werden dürfen, das werdet ihr hoffentlich einsehen?"

[RB.02_169,08] Spricht Miklosch: "O ja, Herr und Vater! Nun ist uns schon wieder alles klar, und es ist alles gut, was Du, o Herr, anordnest! - Aber nun entdecke ich, daß aus den Spitzen der überhohen Gebirge sich auch lichte Geister stets mehr und mehr anzuhäufen beginnen. Auch auf der höchsten Spitze stehen neben den zwei ersten eine Menge anderer uns ganz unbekannter kräftigster Engel! - Und da, da seht in die Lüfte empor! Ungeheure Scharen schweben in wohlgeordneten Reihen und haben ein scharfes Auge auf die Bewegungen der höllischen Rotte. Und die Höllenrotten scheinen sie zu bemerken, weil sie nun aus einmal ihre allergrimmigsten Gesichter erheben und ihre Wurfgeschütze aufwärts zu richten beginnen."

[RB.02_169,09] Spricht Cyprian: "Ja, ja, Bruder Miklosch, hast recht! Dort nahe an der wahren Teufelsgrotte habe ich schon eine Art Raketen in die Höhe steigen gesehen, die aber nicht bis zur Achtelhöhe des Gebirges gekommen sind. Auch sehe ich nun, wie ganze Massen an den schwarzgrauen Felswänden auswärts zu klimmen anfangen, aber ganz verzweifelt schlechte Forschritte machen. Von unten her werden sie ganz entsetzlich bedroht, und zum weiteren Emporklimmen scheinen sie auch keine bedeutende Lust zu haben. Nein, die Geschichte fängt an, ein ganz entsetzlich tragisches Aussehen zu bekommen! - O Million! Nun ist eine ganze Rotte über eine sehr hohe und steile Wand herabgestürzt und wird nun sogleich wieder angetrieben, neu auswärts zu klimmen. Sie sträubt sich, indem sie auf die Unmöglichkeit hinweist; aber man fängt an, sie mit glühenden Spießen zu bearbeiten. Ah, das ist schauderhaft!"

[RB.02_169,10] Rede Ich: "Gebet jetzt nur alle genau acht; denn nun beginnt die eigentliche Hetze! - Nun soll aber der Miklosch, der mehr gelassenen Geistes ist, die Szene weiter erzählen, gerade wie sie vor sich geht - und zwar ohne alle verwunderlichen Zwischenrufe! - Also sei es!"

[RB.02_169,11] Spricht Miklosch: "Herr und Vater! Ich armes, sündiges Wesen danke Dir aus aller Tiefe meines Herzens für diesen herrlichen und großen Auftrag, den Bruder Cyprian abzulösen in diesem wahrlich jeden noch so standhaften Beobachter höchst in Anspruch nehmenden Geschäfte. Aber ich muß es danebst auch sogleich offen bekennen, daß es mir dabei um nichts besser gehen wird. Denn die Erfolge jener höllischen Mühen sind selbst für die Hölle und ihre Streiter zu grell und schaudererregend, als daß selbst das beherzteste Gemüt dabei ohne Erschütterung bestehen könnte. Daher bitte ich Dich zu diesem Zwecke wohl um eine ganz besondere Stärkung, so ich da nicht mitten in der Nacherzählung des Geschauten schon beim dritten Satze steckenbleiben soll. In Deinem allmächtigsten und heiligsten Namen will ich dann versuchen, wie es mir mit dem Nacherzählen gehen wird.

[RB.02_169,12] "Soeben stürzt eine ganze große Felswand über eine große Menge, die hinaufzuklimmen genötigt wurden, und begräbt und zerschlägt eine große Masse der höllischen Streiter. Und hinter der eingestürzten Wand ergießt sich lichterloh eine gräßlich brausende und zischende Lavaflut und begräbt in ihrem raschen Vordringen bei weitem mehrere als eheden die eingestürzte Wand. Nun ersehe ich auch wieder den schon sehr verunstalteten Cado und dessen Häuptling. Sie scheinen im Vordergrunde Rat zu halten, was da weiteres zu tun und zu unternehmen sei, da, wie es scheint, kein Teufel mehr eine Lust zeigt, über die schroffen und steilen Felsenhänge für nichts und wieder nichts hinaufzuklettern. Die mächtigeren Teufel treiben die schwächeren wohl noch echt höllisch-energisch an; aber wie ich merke, so ist da von irgendeinem Gehorsam gar keine Rede mehr, und ein jeder, vor dem Lavastrome fliehend, scheint nun allein nur dem eigenen Willen zu gehorchen. Welch ein gräßliches Jammergeschrei, welch ein Elend, welch eine namenlose Not! Es brechen nun aus mehreren Ritzen und Spalten des Gebirges glühende Lavaergüsse hervor und stürzen gleich gewaltigsten Wasserfällen in die Tiefe herab. Dort, mehr rechts, über eine ungeheure Felsenwand, stürzt gleich einem Niagarafalle in Nordamerika eine ungeheuer große Masse des glühenden, geschmolzenen Erzes unter dem furchtbarsten Krachen und Donnern in die Tiefe hinab. Und die Rotten, groß und klein, fliehen vor den gegen sie herwogenden Feuerfluten und heulen und fluchen ganz entsetzlich.

[RB.02_169,13] "Cado und sein Häuptling machen ebenfalls eine ziemlich schnelle Bewegung mehr gegen uns her und klimmen nun auf einen mäßig hohen Hügel, der sich zu unserer Linken befindet. Cado macht dem Häuptlinge, wie ich nun recht deutlich vernehme, recht scharfe Vorwürfe ob dessen von ihm, Cado, zum voraus als unausführbar widerratenen allerwahnsinnigsten Planes, die allmächtige Gottheit besiegen zu wollen. Nun habe er den Sieg vor seinen dümmsten Krokodilsaugen! Er solle nun die Löcher zustopfen, aus denen die Gottheit über ihn und sein über alle Begriffe mißhandeltes Heer so reichlich Feuerfluten hervorsprudeln läßt, und soll auch die Begrabenen hervorholen. Aber der Häuptling macht ihm die Bemerkung, daß dies alles bloß nur so ein blinder Lärm sei und diese Feuerflut bald erschöpft sein werde.

[RB.02_169,14] "Cado lacht dazu gräßlich höhnisch und sagt: »O du verflucht dümmster Teufel! Da sieh ein wenig hinaus, wie da stets neue, allergewaltigste Quellen sich auftun und wie die rasche Glühflut in wenig Augenblicken auch unsern Hügel, der uns bis jetzt noch schützt, umspülen wird, und du wirst leicht gewahren, wie bald (nach deiner dümmsten Idee!) der Gottheit Zornquellen versiegen werden! Da sieh hin gegen die Grotte, deren löbliches Innere wahrscheinlich deine Königswohnung ist, sie ist bereits voll des glühend fließenden Erzes, auf dessen wogendem und dampfendem Spiegel ganze Scharen deiner mächtigsten Kämpfer schaudererregend schwimmen und mit des Feuerstromes breiter und rascher Flut höchstwahrscheinlich in einen endlosen Abgrund hinabgeschwemmt werden. Das wäre mir ein Sieg, ganz gehorsamer Diener! Ich hoffe, du wirst doch wieder bald einen Feldzug gegen die Gottheit unternehmen!? O herrje - ! Die Flut hat bereits auch unsern Hügel erreicht, nun heißt es weiter fliehen, sonst werden auch wir beide in diese Schwimmanstalt der Gottheit aufgenommen werden!« Der Häuptling ersieht nun die höchste Gefahr und schreit: "Dorthin, gen Abend, wo einige tapferste meiner Kämpen hinfliehen, fliehen auch wir! Aber nur eiligst, sonst sind wir verloren!«

[RB.02_169,15] "Spricht Cado: »Schöne Tapferkeit bei einem so gräßlichen Fersengelde! - Oh, ich war ein großer Esel und überdümmster Teufel! Zwei so grundehrliche Boten hatte die Gottheit an mich schlechtestes Luder abgesandt, und ich verschmähte sie! Nun sehe ich meinen allergräßlichten Untergang, und kein Retter mehr naht sich mir!« - Schreit der Häuptling: "Fliehe, sonst bist du verloren! Denn diese Flut ist arg! Wen sie begräbt, der ist begraben für ewig! - Ich fliehe nun!« - Mit diesen Worten stürzt der Häuptling jählings den Hügel hinab.

 

170. Kapitel – Untergang der Höllenmacht. Cado als Überlebender zeigt bessere Regungen. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.

[RB.02_170,01] Miklosch berichtet weiter: "Cado schaut nun bebend und sehr erschreckt seinem fliehenden Häuptlinge nach und sieht, wie einer mächtigen Feuerglut rascher Wogensturz dem Fliehenden schon sehr nahe an die Fersen kommt. Der Fliehende heult nun ganz entsetzlich, und schon so mancher aus der glühenden Flut hervorzuckende Funke leckt an seiner empfindlichen Haut. Das entsetzt den Cado, und es scheint eines jeden Funken Brand, der seines Herrn Häuptlings Haut berührt, auch die seine ganz gewaltigst zu stechen.

[RB.02_170,02] "Nun aber hat die Flut den fliehenden Häuptling auch erreicht. - Und Cado schreit: »O herrje, o Du allmächtige Gottheit - er ist verschlungen! Wie ein Tautropfen vom glühenden Erze so ward auch er sicher allerschmerzlichst verzehrt! Und kein Wesen kommt ihm zu Hilfe! Wer aber sollte ihm auch zu Hilfe kommen?! Seine Mächtigen sind bereits alle begraben. Ich bin auf diesem Hügel (der bereits auch zur Hälfte von der gräßlichen Flut umflossen ist und wo nur ein schmaler Streif gen Morgen hin noch schlechtweg passierbar ist) auch auf dem Punkte, in einigen Augenblicken sein Los zu teilen; und wollte ich auch an die unglückliche Stelle hinrennen, so würde ihm das nun dennoch nichts mehr nützen. Kurz, ich bleibe, wo ich bin, und die göttliche Allmacht soll mit mir machen, was sie will; denn zu entfliehen ist Ihr nimmer. Dies Feuermeer muß aber auch eine unermeßliche Brennhitze haben, da es mich schon hier so unausstehlich brennt, wo es doch nach meinem Augenmaße noch mehrere hundert Schritte von mir entfernt sein dürfte.

[RB.02_170,03] "»Großer Gott, welch eine Marter, welche Schmerzen in der höchsten Schärfe werden nur zu bald mein ewiger Anteil sein! - Das ist also die fürchterliche Hölle, deren Wurm nimmer stirbt und deren entsetzliches Feuer nimmer erlischt! - O Gottheit, o Gottheit! Habe Erbarmen mit einem Kinde der Hölle, das zwar überaus schlecht war und ist, aber doch wenigstens seine Greuel erkennt und nun, leider zu spät, bereut! Ich habe zwar schon eine entsetzlich schmerzliche Höllentour durchgemacht; aber ich fühlte da im höchsten Schmerzensübermaße eine Kraft in mir, durch die ich mich meiner Peiniger habe entledigen können. Aber beim Anblicke dieser rein göttlichen Strafmacht hat mich alle Kraft verlassen. Und ich fühle nun kaum die Kraft eines Insektes in mir und muß mich demnach gefangennehmen lassen von der gegen mich - leider - gerechten Zornflut des göttlichen Rachefeuers.«"

[RB.02_170,04] Miklosch fortfahrend: "Nun sinkt Cado auf seinem Hügel zusammen und erwartet die ihn verzehrende Flut, die ich zwar wohl noch ganz mächtig hin und her wogen, aber dennoch nicht mehr steigen sehe. Denn bis auf den Cado ist nun alles, was da gegen uns zu Felde ziehen wollte, weidlichst von ihr verschlungen. Nur das einzige kommt mir noch unerklärlich vor, daß da die mächtigen Himmelsfürsten sich noch nicht entfernen wollen. Auch die schauerliche Grotte, obschon über die Hälfte erfüllt mit dem Feuerstrome, der nun etwas zu erhärten beginnt, hat ihr scheußlich drohendes Aussehen noch nicht verloren."

[RB.02_170,05] Rede Ich: "Der Kampf ist noch nicht zu Ende und der Cado noch nicht völlig verloren! - Gebet aber nur acht, was nun weiter geschehen wird! Darauf erst soll euch allen eine genügende Aufklärung zuteil werden!"

[RB.02_170,06] Miklosch beobachtet jetzt nur hauptsächlich den Hügel, auf dem Cado also zusammengekauert liegt, als wäre er tot, und berichtet weiter: "Aber da die schreckliche Flut denn doch über des Cado beiläufige Berechnung nicht an seine Haut gelangen will, so fängt er langsam sich wieder emporzurichten an, um zu sehen, was es denn nun da mit diesem Zornsturme aus der Gottheit Rachekammern für einen Fortgang nehme. Er ersieht zwar noch das Feuermeer in seiner gleichen, wogenden Tätigkeit, nur merkt er, daß es sich nicht mehr weiter ausbreitet und auch nicht höher steigt, als es sich gleich anfangs über eine unübersehbar weite Fläche ausgebreitet hatte und zu einer bedeutenden Höhe gestiegen war.

[RB.02_170,07] "Diese Erscheinung flößt dem Cado mehr Mut ein, und er spricht nun bei sich: »Was haben nun alle diese Esel und Ochsen davon, daß sie sich wieder einmal den argen Spaß gemacht haben, mit der allmächtigen Gottheit einen Kampf zu wagen?! Aber ich selbst bin eigentlich auch ein Esel und Ochse zugleich! Warum habe ich denn ehedem den Antrag jener zwei Boten nicht angenommen, denen es von der Gottheit gegeben war, mich von dem schauervollsten Untergange zu retten!? - Wo sind diese Herrlichen nun? - Rings um mich her ist Nacht, nur das glühende Feuermeer wirft einen matten Zornschimmer über mein verfluchtes bärenzottiges Wesen. Gegen Morgen - dort in weitester Ferne, wie es mir vorkommt - entdecke ich einen freundlicheren Schimmer als dieser dahier ist, der vom Spiegel dieses Qualmeeres über mein Wesen sich verbreitet. Wie wäre es etwa doch, so ich längs dieser Hügelzunge mich dahin zöge? Schrecklicher und gefährlicher kann es doch nirgends mehr sein, als eben hier in der Mitte der untersten Hölle!«

[RB.02_170,08] "Nun macht sich Cado auf die Beine und fängt ganz rasch an, sich gegen uns her zu bewegen. Aber, wie ich merke, so gibt seine Bewegung eben nicht sehr aus. Und es hat sein ganzes Bewegen ein Aussehen, als ob er sich selbst mit seiner Schnellfüßlerei foppen möchte. Denn er zippelt und zappelt fast immer auf einem und demselben Punkte. Was kann davon wohl die Ursache sein, daß er bei seinem sicher festen Willen nicht weiterkommen kann?"

[RB.02_170,09] Rede Ich: "Der Grund davon liegt in dem, daß solche Geister auch bei den besten Vorsätzen und bei guter Erkenntnis dennoch ein Herz voll Unflat haben, aus dem fortwährend böse Dünste in die Kammer des Willens aufsteigen und allda stets einen Rücktritt bewirken, wo der bessere aber schwächere Willensanteil einen Fortschritt tun wollte. Es geht ja vielen auf der Welt auch so: sie kennen das Gute und das Wahre und nehmen sich auch immer vor, es auszuüben - aber gemeiniglich in den Augenblicken, da sie das Gute und Wahre in ihrem Willen aufnehmen wollen, da dunstet dann auch ihr Fleisch am meisten; sie werden schwach und kommen trotz ihres Strebens nicht vom Flecke. Und so ist denn der Geist stets willig, aber das Fleisch ist schwach! - Und da an diesem Cado habt ihr nun ein lebendiges Beispiel, wie ein Mensch oder Geist aus seiner eigenen Kraft nichts vermag - ohne Mich. Mit Mir aber vermag er alles!"

 

171. Kapitel – Veränderte Szene – Versuchungsvolle Höllengeister. Cado ruft die Gnade und Hilfe der Gottheit an.

[RB.02_171,01] Rede Ich weiter: "Nun aber gebet nur weiter acht, und du, Miklosch, mache den Erzähler. Denn es ist hier in dieser Gesellschaft nicht jedem gegeben, das Kommende zu schauen. Aber in der Unkenntnis soll niemand belassen werden."

[RB.02_171,02] Miklosch richtet nun wieder ganz fest seine Augen auf die höllische Szene und fängt nach einer kurzen Weile also zu erzählen an: "He der Taufend! Ah, das ist wahrlich im höchsten Grade tragikomisch! Aus dem Feuermeere, das noch immer ganz verzweifelt grauenerregend mit donnerartigem Getöse dahinwogt und aus einer jeden der Milliarden Wellen eine zahllose Menge Blitze entsendet - erheben sich nun ganz muntere Gestalten, und das, gleich den Wellen und Blitzen, ebenfalls in einer Unzahl. Von vorne sehen sie ganz rar aus, recht anmutig; aber vom Rücken aus wie halbverweste Totengerippe! Das starke Wogen der glühenden Flut scheint sie nicht im geringsten zu genieren, und die sicher allergewaltigste Glühhitze unter ihren Füßen scheint ihnen nur ein höchst angenehmes Gefühl zu verursachen. Die Blitze fahren durch sie durch, als wie das Wasser durch ein Sieb, ohne daß sie die muntern Gestatten nur im geringsten inkommodieren (belästigen) möchten! Das ist wahrlich im höchsten Grade sonderbar! Ah, ah, sie mehren sich stets mehr und mehr und machen einen förmlichen Reigen! Eine wahrlich von vorne sehr elegant aussehende Gruppe bewegt sich in den zierlichsten Schritten gegen unsern Cado hin, der diese Erscheinung auch mit der größten Aufmerkamkeit betrachtet, ohne jedoch daran ein sichtliches Wohlgefallen zu haben. Aber mit der fruchtlosen Bewegung seiner Füße hat er dennoch Einhalt gemacht und staunt nun ganz verblüfft diese vielen Tänzergruppen an. Die eine Gruppe macht jetzt schon ganz knapp am Hügel ihre Sprünge und sonstigen graziösen Bewegungen und scheint den Cado zu unterhalten; denn er hat sie schon ein paar Male nun recht wohlgefällig angelächelt. Aber den Rücken bekommt er nicht zu Gesichte.

[RB.02_171,03] "Nun eilen ein paar Tänzerinnen recht graziösen Ansehens zu ihm auf den Hügel hinauf mit rosenfarbigen Schleifen in ihren Händen und winken ihm, ihnen auf den glühenden Tanzboden zu folgen. - Aber Cado entschuldigt sich und spricht: »Meine Füße würden sich auf solch einem Tanzboden nicht halten; daher bleibe ich, wo ich bin. Ihr aber bleibet, wo es euch gut zu gehen scheint. Ich brauche von solch einem zu brennheißen Vergnügen wahrlich nichts!« Aber die zwei kommen ihm näher und geben sich alle Mühe, ihn auf das glühende Eis zu locken. Aber Cado bleibt stehen und gebietet ihnen, sich ihm ja nicht noch mehr zu nahen, ansonst er wider sie Gewalt gebrauchen müßte. Je mehr er aber ihnen droht, desto mehr zeigen sie ihn von ihren Vordergrundsreizen und bestreben sich, ihn ganz zu bezaubern. Es ist das wahrlich ein ganz sonderbarstes Schauspiel! Merkwürdig ist die Haltung dieser wahrsten Höllengrazien, daß sie bei allen ihren verlockenden Bewegungen doch nicht irgend derart aus der Haltung kommen, daß der Cado ihrer Rückenteile ansichtig werden könnte. Na, eine bemüht sich, ihm nun die Schleife gleich einer Schlinge um den Hals zu werfen.

[RB.02_171,04] "Cado aber weicht einige Schritte zurück, hebt einen Stein auf und schleudert ihn der Grazie gerade an die Brust und schreit nun mit einer wahren Donnerstimme: »Zurück Höllenbestie! Wenn Satan, dein Gebieter, kein besseres Verführungsmittel mehr hat, um einen armen Teufel noch tiefer in die Hölle hinabzuziehen, als er ihn schon gezogen hat, dann soll er sich heimspielen lassen! Glaubt denn dieses uralte, der Gottheit widerspenstige Rindvieh, Vögel meines Gelichters werden auch - so recht dummen Weltfinken, Gimpeln umd Zeisigen gleich - sich auf seine alten, saudummen und alles Leimes baren Spindeln setzen und sich dann von ihm fangen lassen? Da irrt er sich! Ein Aar setzt sich nie auf eine Leimspindel! Saget das euerm Ochsen von einem Gebieter!«

[RB.02_171,05] "Nun spricht die zweite Kameradin, nach der Cado noch keinen Stein geworfen hat: "Aber lieber Freund! Du irrst dich gewaltig über unsere große Fürstin Minerva! Siehe, sie kennt deinen großen Geist und will dir durch uns, als ihren Genien (Engelsboten), eine kleine Vorauszeichnung zuteil werden lassen, nach der sie dann selbst im höchsten Majestätsglanze ihrer Macht und Kraft dir liebreichst entgegenkommen wird, um dich einzuführen zu den allerhöchsten Ehren - dieweil du der einzige warst, der diesen von der alten, außer allen Kurs gekommenen Gottheit gegen einige Feiglinge der großen Fürstin gerichteten Feuerwogen den beharrlichsten Widerstand geleistet hat. Erkenne daher die höchste Gnade, die dir deiner unbezwingbaren Kraft wegen die allerhöchste Fürstin der ganzen Unendlichkeit zuerkannt hat!«

[RB.02_171,06] "Spricht Cado: »Ist eure hohe Fürstin auch so dumm, oder vielleicht noch dümmer als ihr hundsgemeinsten Höllenfetzen?!« - Spricht ganz pomphaft die Ungesteinigte: »Was ist doch das für eine entsetzliche Frage! Die hohe Minerva, die Göttin aller Weisheit, bei der sogar alle Götter in die Schule gehen müssen, sogar Zeus und Apoll nicht ausgenommen!« Spricht Cado: »Oh, ja das habe ich nicht gewußt, daß hier das alte Göttergesindel auch noch existiert! Ihr seid gewiß auch eine Art von Göttinnen?« Spricht sie: »Nun freilich, ich bin ja die berühmte Terpsichore (Göttin des Tanzes)! Und diese hier, nach der du grausamermaßen einen Stein geschleudert hast, ist die herrliche Euphrosine (Göttin des Frohsinns)! Die Arme leidet nun einen starken Schmerz; aber sie leidet ihn geduldig aus großer Liebe zu dir!"

[RB.02_171,07] "Spricht Cado: "Na, na, nun weiß ich genug, um euch mit aller Macht meines unbeugsamsten Ernstes sagen zu können, daß ich die Minerva im höchsten Grade verachte und von ihr ewig nie eine Ehre annehmen werde. Saget ihr, ich bin zwar ein entschiedener eines gewissen Juden Je- Jes- ja, ja, so heißt er, Jesus, richtig Jesus heißt er. Und ich bin auch mehr oder weniger ein Feind seiner Lehre in mancher Hinsicht. Aber so ich nun diesem verachteten Judenpropheten als ein Esel Dienste leisten sollte, so bin ich dazu bei weitem eher erbötig, als von eurer Minerva die höchste Ehre anzunehmen! Und nun fahret ab, ihr sauberen Geniusinnen! Aber sehet zu, daß euer Tanzboden nicht zu heiß wird!« - Spricht sie: »Na warte nur, da wir dich nicht erweichen können, so sollst du die Minerva selbst zu sehen bekommen, aber von ihr keines Blickes gewürdigt werden!« Spricht Cado: »Oh, das wird nur sehr angenehm sein - aber hauptsächlich das letzte, verstanden!?«"

[RB.02_171,08] Miklosch fortfahrend: "Nun entfernen sie sich und hüpfen ihren Solotanzschritt unter den andern zahlreichen Gruppen fort. Und jetzt verlieren sie sich so ganz und gar, daß ich sie nirgends mehr zu entdecken vermag. Aber nun wird das Glühmeer schon wieder unruhiger; die wogen fangen an, stärker zu gehen, und die Oberfläche wird glühender und daher auch leuchtender. Die zahllosen Tänzerinnen fliehen jetzt wie von höchster Angst gepeitscht in wildester Unordnung über die schreckliche Oberfläche gegen die Grotte hin und stürzen sich unter gräßlichem Schmerzgestöne und Schrei des Entsetzens in einen alle meine Einbildungskraft weit übersteigenden furchtbaren Abgrund.

[RB.02_171,09] "Cado selbst macht hier eine sehr bedenklich kleinlaute Miene und sagt bei sich selbst: "Nun, nun, die Gottheit sei aller Kreatur gnädig! Und so an der Hilfe des Propheten Jesus, der ein Liebling der Gottheit sein soll, etwas wahrhaft wirksames ist, so helfe auch er! Denn diese Qualen sind für jedes lebende Wesen, ob Leib. Seele oder Geist, denn doch zu unaussprechlich groß und hart! - Übrigens muß die weiseste Minerva diese ihre Dienerschaft eben nicht gar zu artig empfangen haben, weil sie gar so entsetzlich haben zu wehklagen angefangen! - O Du große, allmächtige Gottheit, habe ich auch eine Strafe verdient, so lasse mir nur ein bißchen Gnade für ein zu scharfes Recht widerfahren! Denn diese Strafe für zeitliche Vergehen, wie sie auch immer beschaffen sein mögen, ist doch als ewig während zu ungeheuer und unverhältnismäßig schrecklich grausam! Lasse uns zunichte werden, und wir sind für ewig damit zufrieden! Denn wer nicht ist, dem ist doch sicher alles recht. - Ich habe Dir, Du allmächtiger Gott, wohl ehedem trotzen wollen, als ich noch nicht die Macht des gräßlichsten Schmerzes verkostet hatte; aber da ich nun so eine wahrscheinlich nur höchst geringe Einleitung zum großen, ewig dauernden höllischen Schmerzenstraktamente schon verkostet habe, so ist mir auch wahrlich für ewig alle Lust vergangen, mich Dir je wieder einmal widerspenstig zu bezeigen. Ich bin gewiß kein Feigling; aber was zuviel, ist zuviel! Zugleich aber danke ich Dir, du große, allmächtige Gottheit, als ein wahrlich vielseitig ärmster Teufel für so viel Gnade, daß Du mich bis jetzt noch nicht in den Pfuhl geschleudert hast. O wie gräßlich qualvollen Anblickes ist doch dies erschreckliche Glühmeer! Welch unerklärbare Schmerzen müssen die empfinden, die unter seinen weißglühenden Wogen begraben ruhen! O eine erschrecklichste Ruhe!«

[RB.02_171,10] "Hier wird Cado stille und scheint zu weinen. Ja, ja, er seufzt recht bitterlich, und nun ruft er wieder in einem sehr klagenden Tone aus: »O du elendestes Geschöpf! Du für den höchsten Schmerz best befähigter Spielball in den Händen einer unerforschlichen ewigen Macht! Was ist dein Los sonst wohl, als eine ewige, allergräßlichste Verzweiflung im Gefühle deiner entschiedensten Ohnmacht!? Die Erde ward dir beschieden, auf daß du durch ihre tausend Lockungen zu einem Teufel werden mochtest. Dann ward dir der elende Leib genommen, und du stehst nun als ein nackter und allerärmster Teufel, ein ewiger Fluch der unerbittlichen Gottheit, vor den Pforten der ewigen Qual! Und weil du ein Teufel bist, so reicht dir auf all dein Bitten auch keine helfende Macht irgendeinen leisesten Hoffnungsstrahl zu einer Erlösung! - Wo seid ihr beiden Freunde nun, die ihr mich vor einer noch nicht gar zu langen Weile habt ins Paradies bringen wollen? Damals war ich blind, und nun bin ich sehend. Warum kommet ihr denn jetzt nicht zu mir, um mich zu retten als einen Sehenden, da ihr mich doch ehedem als einen Blinden habt retten wollen vor dem Abgrunde des ewigen Entsetzens! - Aber ich schreie und weine jetzt vergeblich, denn das Jammergeschrei aus der verdammten Tiefe eines armen Teufels dringt nimmer an ein göttliches Ohr. Wer verflucht ist, der ist auch verflucht, und die ewige schmerzvollste Verzweiflung ist sein erschrecklichstes Los! Wehe mir! Dies ist erst der Anfang, dem aber kein Ende folgen wird!«"

 

172. Kapitel – Cados irdische Lebensgeschichte – Weitere Herzenserprobung. Die höllische Minerva im Staatswagen. Cados geweihte Steine der Abwehr.

[RB.02_172,01] Miklosch fortfahrend: "Nun starrt er wieder ganz trübsinnig vor sich hin und wirft dann und wann einen Blick nach der entsetzlichen Grotte hin, aus deren schaudervollem Hintergrunde nun stets gewaltigere Flammen emporschlagen, begleitet von einem fürchterlich unheimlichen Tosen und von zahllosen Stimmen, wie sie nur ein höchster Schmerz einem Gemarterten erpressen kann.

[RB.02_172,02] "Dem Cado stehen die Haare zu Berge. In seiner Miene malt sich Furcht und Verzweiflung, und in seinem Innern wird es zornglühend. Nun faßt er einen Stein fest in seine Hand und spricht mit bebender Stimme: »O komm nur, du mir durch deine Quälteufel angesagte Minerva, du Urgrund alles Übels! Dieser Stein soll dir dein Gehirn messen, wieviel der grausamsten Weisheit etwa doch in selbem vorhanden sein möchte. Ein Gott oder ein Teufel gebe mir Antwort: Wer sind die Gequälten, wer quält sie, und was ist ihre Schuld? - Keine Antwort?! - Auch aus der Hölle keine?! Das ist schon die Art der Mächtigen, daß sie die Stimme eines armen Teufels als rein null und nichtig betrachten. - Mein Herz, du fragst umsonst! Die Hölle ist taub und der Himmel zu entsetzlich ferne von hier! Hier gibt es keinen Trost mehr für dich! Du bist verloren,verloren auf ewig! - Gewöhne dich an die Greuel, so hier eine Angewöhnung überhaupt möglich ist - das ist noch dir einzige Scheintrost, den ich dir bieten kann! Gewöhne dich an die Verzweiflung, an die Diamanthärte der Höllenbeherrscher, an die Ferne von Gott und an die ewige Unzulänglichkeit jeder deiner am den Himmel gerichteten Bitten! Aber welch eine schaudervollste Angewöhnung wird das werden?! Auf der Erde ging es zwar, das Ich mich an alle die Greuel gewöhnen konnte, die zu verüben ich von meinem Häuptling genötigt wurde. Aber damals war ich ein rohestes und aller Menschenbildung barstes menschliches Raubtier; ich hatte von keiner Religion auch nur einen allerleisesten Begriff. Erst als ich Selbstherrscher ward, griechisch lesen und schreiben lernte und dabei zu einer geraubten griechischen Bibel kam, da ward ich in meinem Leben zum ersten Male auch über das Dasein eines altmächtigen Gottes belehrt.

[RB.02_172,03] "»Ich las das Neue Testamemt und machte da Bekanntschaft mit dem berühnmten Juden Jesus, dessen Lehre sehr viel für sich hatte, bis auf einige Widersprüche. Ich ließ mir einen sogenannten Geistlichen an meinen Hof bringen, daß er mir diese alte Schrift erläutere. Aber was war das für eine Erklärung!? Ein jedes alte Weib hätte mir sicher eine ebenso gute, wo nicht bessere gegeben! Der Pfaffe verlangte von mir bloß Opfer zur Sühne meiner Sünden und verbot mir das weitere Forschen in solchen Büchern, durch die des Menschen Geist getötet werde. Ich sah, daß der Geistliche ein Lump war, ärger denn ich, und ließ ihn darum gehen und legte auch die Schrift zur Seite. So ich nun dadurch zu einem Teufel ward, so frage ich, ob ich daran wohl alle Schuld trage? Aber frage, mein Herz, die Allmacht, und sie wird dich keiner Antwort würdigen.

[RB.02_172,04] "»So der Soldat, der mit Schlingen und Ketten zu diesem Berufsstande gezogen ward, aus dem Schlachtfelde Menschen ermorden muß - kann eine höchstweise Gottheit ihm das in sein Schuldbuch schreiben und ihn dann als einen Mörder rechtens verdammen? Nein und ewig nein! Das kann Sie nicht mit dem Rechte wahrer Weisheit! - Ist aber der Gottheit Weisheit auch mit dem eitlen Dunste ihres göttlichen Allmachtsdünkels umnebelt, dann freilich muß einem armen Teufel in aller seiner Nichtigkeit und Schwäche alles recht sein, was die Allmacht über ihn verfügt. – Aber was hadre ich!? Geht es etwa für die armen Teufel nicht schon auf der Erde vorbereitungsweise also zu? Die allmächtige Gottheit ruft sie ins Dasein auf einem Boden, auf dem für sie kein Gräschen wächst, und nehmen sie sich eines ohne den Willen des berechtigten Besitzers, so haben sie als Diebe schon das Gesetz am Genicke, während der Reiche im eigentlichsten Sinn gar nicht stehlen kann, da ja ohnehin alles sein ist. O du schöne Weisheit und Gerechtigkeit, die dem Reichen gibt im Übermaße und den Armen verhungern läßt!«"

[RB.02_172,05] Miklosch fortfahrend: "Nun werden die Flammen, die da aus dem Hintergrunde der Grotte hervorbrechen, sehr tätig, und Blitze fahren in Unzahl von eben diesen Flammen in allen Richtungen hin über die große Fläche des stets schauderhaft wogenden Glühmeeres. Ich gewahre jetzt ein starkes Drängen im Hintergrunde der entsetzlichen Grotte. Ich kann mir in meinem Gefühle wahrlich nicht helfen - es sieht zwar die Grotte an und für sich nicht anders aus, als wie ich auf der Erde schon so manche gesehen habe, nur mit dem einzigen Unterschiede, daß da diese Grotte voll des allesverzehrendsten Feuers ist; aber dessenungeachtet macht sie auf mein Gemüt dennoch einen gräßlichen Eindruck. Wie muß sie erst dem Cado vorkommen, der da in der vermeinten sichern Anwartschaft steht, über kurz oder lang in diese (Schreckenshöhle) zu gelangen! O Tausend, o Tausend! Nun fängt es aber in der Grotte schon ganz entsetzlich du toben und zu wüten an! Flammen schießen hervor, als ob sie von einer gewaltigsten Esse getrieben würden. Und ganze Bündel der mächtigsten Blitze fahren empor zu den noch in unverrückter Ordnung weilenden Himmelsscharen, die all dieser greuelhaften Machination (Machenschaft, Veranstaltung) ganz gleichgültig zusehen, als sehen sie gar nicht, was da alles vor sich geht.

[RB.02_172,06] "Aber nun läßt sich aus der Grotte wie ein gar heftiges Angstgejammer vernehmen! - Das Gejammer kommt näher und näher, und der Cado hält sich die Ohren zu. Nun, der muß dieses elendeste Geschrei, Geheul und Gebrüll gar gut vernehmen! - Ah, ah, ah, das ist großartig teuflisch-merkwürdig! Nun kommt aus der inneren Grotte ein Prachtexemplar von einem nach Römer Art gemachten kaiserlichen Galawagen, von 6 glühenden Drachen bespannt, zum Vorscheine! Und im Wagen, der selbst ganz glühend zu sein scheint, sitzt im Ernste eine Art Minerva, in ihrer Rechten eine Art Szepter und in ihrer Linken eine glühende Lanze haltend.

[RB.02_172,07] "Sie gebietet nun dem Glühmeere Ruhe. Doch siehe, das Meer scheint ihre Sprache nicht zu verstehen, denn es ist stets gleich unruhig. Aber jetzt winkt sie mit dem Szepter in den Hintergrund zurück, und sogleich stürzen eine Unzahl ganz verzweifelt teuflisch aussehender Geister aus den Flammen unter gräßlichem Geheul hervor. Sie gebietet ihnen, die Wogen des Glühmeeres zu bändigen und niederzuhalten. Die Teufel, unter allen erdenklichen Geschmeißgestaltungen, werfen sich sogleich auf die glühenden Wogen und bringen richtig eine etwas bedeutendere Ruhe zuwege. Aber es scheint diese Ruhe der Göttin noch nicht zu behagen; deshalb ruft sie noch eine größere Menge solcher Geister herbei. Diese stürzen mit großer Wut hervor und decken mit ihrer Scheußlichkeit beinahe die ganze sichtbare Oberfläche des Glutenmeeres. Und es ist die Oberfläche jetzt ganz ruhig, so weit sie von diesen Scheusalen bedeckt ist.

[RB.02_172,08] "Nun erst fängt die Minerva an weiterzufahren, und wie ich merke, nimmt sie die Richtung gerade gegen den vor Entsetzen schon nahezu ganz starr gewordenen Cado. Dieser aber versieht sich nun mit Steinen, und wie ich merke, so bezeichnet er dieselben zum Teile mit dem Namen ,Jeoua' und zum Teile auch mit Deinem Namen ,Jesus von Nazareth, König der Juden'. Er sieht ganz verzweifelt grimmig aus und droht schon von weitem der sich ihm nahenden Minerva.

[RB.02_172,09] "Diese, Minerva, aber herrscht ihm entgegen: »Wage es nur, meine Majestät zu beleidigen, so du in tausendmal tausend Stücke zerrissen sein willst! Siehe, ich komme zu dir, um dich glücklich zu machen - und du willst mich steinigen! O du elender, blinder Tor! Was ist deine Macht gegen die meinige!? Sieh, die ganze Schöpfung, alle zahllosen Sterne und Welten sind aus mir! Ein Hauch aus meinem Munde verwehet sie auf ewig in einem Nu! Und du willst mit mir einen Kampf beginnen!?- O du tollster Tor! Sehe und höre mich vorerst - dann versuche dich an mir!« - Spricht Cado: »Das ist mir ein Teufel, ob schön oder häßlich, ob mächtig oder schwächer als eine Mücke! Das ist, wie gesagt, mir ganz gleich! Ich warne dich, nahe dich mir nicht, sonst sollst du ganz verdammt schlecht bedient werden! Denn ich verachte dich bis in den tiefsten Abgrund der Hölle, die von A bis Z dein Werk ist, o du bildschöner Satan von einer Minerva, meinst du denn, mit deiner reizendsten Gestalt wirst du mich bestechen oder verlocken, daß ich mich dir ergebe! Packe ein mit allen deinen Reizen! Wahrlich, nicht einmal mit meinem Kote möchte ich deiner Haut zarteste Stellen beschmieren! Fahre ab, sonst sollst du die Wurfkraft meiner Hände zum Verkosten bekommen. Sieh diesen Stein, ,Jeoua' ist sein Name!«"

 

173. Kapitel – Cado und Minerva im Zwiegespräch. Schreckensproben der Höllenfürstin. – Cados wahrer Stein der Weisen. Gott Jesus ist Sieger! Sein Name ist der Hölle ein Greuel.

[RB.02_173,01] Miklosch berichtet weiter: "Spricht die Minerva: »Aber Cado, für so unverschämt, roh und grob hätte ich dich wahrlich nicht gehalten! Es haben mir's ein paar Favoritinnen (Bevorzugt, Lieblinge) meines Hofes erzählt, welch ein grober und roher Schroll du sein sollst. Aber ich nahm ihre Aussagen nicht sogleich als bare Münze an, sondern wollte mich erst selbst von allem überzeugen. Aber da ich mich nun von deiner höchst ungebildeten Weise, mit hohen Geistern zu verkehren, selbst überzeugt habe (wo ich dir doch gewiß nicht unartig entgegengekommen bin!) - so bin ich denn auch genötigt, mit dir in einem ganz andern Tone zu diskutieren! - Zuerst sollst du einer kleinen Exekution (Strafvollzug) zusehen und daraus entnehmen, wie ich mit Geistern so ganz von deiner Art umzugehen pflege. Und sollte dich dieser Anblick für mein Herz noch nicht mürbe machen, so werde ich dann auch unverzüglich dich meine Schärfe verkosten lassen - weil dir meine Herablassung, Milde und Sanftmut nicht munden will!«

[RB.02_173,02] "Die Minerva winkt, und in einem Augenblicke werden von allerschrecklichst aussehenden Teufeln eine unübersehbare Menge von allen erdenklichen Marterwerkzeugen herbeigeschafft und in einem weiten Kreise um die Minerva ordnungsmäßig ausgestellt. Auf einen zweiten Wink werden von andern noch gräßlicheren Teufeln eine ungeheure Menge noch ganz menschlich aussehender, wahrhaft allerärmster Deliquententeufeln (Sträflingen) auf eine Weise aus der schauderhaften Grotte herbeigeschleppt, die selbst einen Stein empören müßte. Diese Delinquenten schreien und heulen furchtbar und viele winden sich entsetzlich aus tiefster Verzweiflung bittend vor der Minerva, daß sie ihrer schonen möchte. Aber diese winkt nur ganz stumm den vor Martergier ordentlich glühenden Teufeln, und diese ergreifen mit wildester Hast ihre Opfer und beginnen sofort dieselben auf das allerunbeschreiblichste zu martern und zu quälen!

[RB.02_173,03] "Ah, Herr, das ist noch der allergräßlichste Anblick! Wenn diese ärmsten Teufel auch so wie wir schmerzfähig sind, so ist das etwas, worüber selbst der tiefweiseste Cherub verstummen muß. Das Martern geht nur sehr langsam und ganz planmäßig vor sich. O Herr, du ewige Liebe! Erbarme dich dieser ärmsten und allerunglückseligsten Teufel und lasse den armen Cado nicht in die vollste Verzweiflung übergehen! Ich höre von ihm nun nichts mehr und nichts anderes als: O Gott, o Gott, o Gott! Wo bist Du? Ist es denn möglich, daß Du so etwas ruhig mitansehen kannst?! Ich bin verloren, ich bin verloren!« - Er fällt nun wie ohnmächtig zusammen.

[RB.02_173,04] "Jetzt ruft die Minerva dem Cado so ganz höhnisch gelassen zu: »Nun, du tapferster Held, wo ist denn jetzt dein Mut und dein Starrsinn?! Beliebt es dir, mir etwa noch länger trotzen zu wollen? Versuche es, so du noch den Mut besitzest, und ich werde dir dann sogleich meinen Mut und meine Kraft zeigen! Wie gefällt dir dies kleine Pröbchen, das ich nun bloß nur so aus meiner Laune vor deinen Augen aufführen lasse? Nicht wahr, die Sache macht sich!?«

[RB.02_173,05] "Der Cado springt plötzlich auf wie neu gestärkt und heult der Minerva zu: »Satan! Grund alles Bösen! Was haben diese verschuldet vor dir, daß du sie alle quälen lässest?! Wenn dir nur ein Funke Weisheit innewohnt, so forsche in dir dem Grunde nach und gebe mir ihn kund! Und so er mich befriedigt, dann will ich dich anbeten! Rede, oder ich zerreiße dich in Atome!« - Hier bricht die Minerva in ein gellendes Gelächter aus und sagt darauf: »O du elendester Wurm, du wagst es noch, bei all dem Gesehenen mich als die Herrin der Unendlichkeit um eine förmliche Rechenschaft anzuheulen! Warte, es soll dir sogleich die verheißene Züchtigung zukommen! Und diese wird es dir sagen, aus welchem Grunde die Allmacht so manches zu tun pflegt nach ihrem launigen Belieben, ohne ein geschaffenes Wesen zuvor um eine Genehmigung anzubetteln.«

[RB.02_173,06] "Nun winkt die Minerva ihren Büttelteuflen, daß sie den Cado ergreifen und auf eine allerärgste Martermaschine schleppen sollen. Und sogleich springen eine starke Menge der grimmigsten Teufel auf ihn zu, um ihn zur Martermaschine zu schleppen. Aber da sehe man den Cado an! Nein, eine solche Kraft hätte ich in ihm nicht gesucht! Im Augenblicke, als ihn die Teufel ergreifen wollen, wirrft er allergewaltigst einen Stein unter sie, daß sie dadurch wie durch einen Zauber derart auseinanderstieben, als wäre ein gewaltiger Blitz unter sie gefahren! Und es scheint keiner mehr die Lust zu haben, einen wiederholten Angriff zu wagen.

[RB.02_173,07] "Als Cado nun ersieht, daß ihm der mit Deinem Namen, o Herr, bezeichnete Stein einen so ausgiebigen Dienst geleistet hat, legt er die Hände auf seine Brust und sagt: »Nicht mehr du Juden-Prophet Jesus, sondern Du Gott Jesus! Du hast mir geholfen!- Dir sei all mein Dank und alle meine Achtung auch aus der Hölle, in der ich mich befinde, für ewig geweiht!«"

[RB.02_173,08] Miklosch fortfahrend: "Mehr als überaus merkwürdig ist es aber, daß bei der Nennung Deines allerheiligsten Namens die sämtlichen Teufel samt der Minerva wie von einer Million Blitzen zu Boden geschmettert worden sind und gar keine Lust mehr zeigen, sich wieder zu erheben.

[RB.02_173,09] "Cado aber fragt nun die zusammengekauerte Minerva: »Nun du holdeste Beherrscherin der Unendlichkeit, wie geht es dir denn nun?! - Mir scheint, du bist ein wenig angegriffen? - Möchtest du dich denn nicht ein wenig näher zu mir begeben? Vielleicht könnte ich dir helfen mit noch so einem Steine der Weisen!"

[RB.02_173,10] "Die Minerva richtet sich nun wieder auf, findet aber zu großen Leidwesen, daß ihre Lanze gebrochen und ihr Szepter beschädigt ward. Sie betrachtet ihre Herrschaftsabzeichen eine Weile und sagt: »Das ist sehr übel für meine Herrschaft! Denn es sagte einst das nichtige Fatum zu mir: ,Minerva, du weiseste und mächtigste Königin über alle Sterne, gib acht auf deine Lanze und auf dein Szepter! So es je geschehen sollte, daß dir deine Lanze gebrochen und dein Szepter beschädigt würde, dann wird es mit deiner Herrschaft auch ein baldiges Ende nehmen, und du wirst verabscheut werden ärger als ein Aas!'- Ja, ja, das Fatum, das unerbittliche Fatum hat wahr gesprochen! Kein Engel der Himmel konnte je meine Macht brechen. Aber einem niedrigsten Teufel, der doch bei aller Bosheit ein dümmster Teufel war, wurde es vom Fatum vorbehalten, daß er mich stürze!«

[RB.02_173,11] "Nach diesem Selbstgespräche wendet sie sich jetzt an den Cado und sagt: »O du dümmster aller Teufel, wie ist es dir denn nun, daß du mich so schmählich hintergangen hast!? Wirst du nun als das Sinnbild der rohesten Dummheit die Welten, Sonnen und alle Elemente lenken? Wirst du sie aufhalten, so sie nun bald, da ich sie nicht mehr erhalten kann, über dich hereinstürzen werden? Meinst du, auch eine ganze Welt mit all ihrer Schwere wird sich von deinen allerschmutzigsten Steinen im Falle aufhalten lassen?« - Spricht Cado: »Wenn du als allmächtige Beherrscherin der Unendlichkeit dich vor meinen Steinen nicht schützen konntest, wie werden sich dann deine miserablen Werke schützen vor ihnen? Wer so eine saubere Gottheit, wie du eine bist, besiegt - für den werden wohl ihre Werke auch nicht unbesiegbar sein! Kümmere dich dessen nicht! Da weiß es schon eine andere Gottheit als du, was sie aus deinen seinsollenden Werken machen wird. Sage mir aber lieber, wie viele so arme Teufel hinter jener Grotte noch weilen, wie diese da sind, die du nun so bloß zu deinem Privatvergnügen auf das allerscheußlichste hast martern lassen? Und wie viele sind schon von jeher so und vielleicht noch ärger gequält worden? Sage mir die genaueste Wahrheit, sonst sollst du von mir auf das übelste bedient werden!«

[RB.02_173,12] "Spricht die Minerva: »Sieh, du blinder Tor! Alles das, was du hier gesehen, war nichts als bloß nur eine flüchtige Ausgeburt meiner Phantasie - also gestellt zur Probe deines Mutes! Ich allein bin eine Wirklichkeit; alles andere war ja nur ein Schein und kein Sein. Daher hattest du mit dem Scheine auch einen leichten Kampf zu bestehen! Denn wäre dir hier eine Wirklichkeit entgegengetreten, dann hätten dir deine allerschmutzigsten Steine sicher keinen Sieg verliehen - aus welchem Grunde aber an deinem Siege über mich auch nicht so viel liegt, wie du nun etwa meinen dürftest. Denn du hast nur einen Schein und keine Wirklichkeit besiegt!« - Hier denkt die Minerva etwas nach und sagt nach einer Weile: »Auf deine Frage, wie es sich schon von selbst versteht, kann ich dir daher auch keine Antwort geben - zumal auch mein gerechter Stolz nie zugeben könnte, daß ich mich mit so einem miserabel dümmsten Teufel in eine Weisheitsberechnung einlassen möchte. Verstehst du miserabel dümmster Teufel solches?«

[RB.02_173,13] "Spricht Cado mit spöttisch lächelnder Miene: »Schau, schau, was du doch bist für ein kluges Tier! Also nur bloß den Schein und keine Wirklichkeit hätte ich besiegt durch den Gottnamen Jesus?! Und doch sagtest du, die du auch völlig geschlagen bist, soeben von dir selbst aus, daß du eine allmächtige Wirklichkeit bist! Wenn ich mit meinen Steine nach deiner Behauptung bloß nur deine allergrausamsten Phantasiebilder besiegt habe, wie kommt es denn, daß du als Wirklichkeit nun auch besiegt und ganz gelähmt vor mir dich befindest? Rede nun und mache mir diese Sache erklärlich! Wie ist das?«

[RB.02_173,14] "Spricht die Minerva: »Das ist auch nur ein Scheinsieg, da ich mich nur so stelle, als wenn ich besiegt wäre um mit dir ganz aufrichtig zu sprechen! Denn wäre ich wirklich besiegt, so stünde ich nicht mit aller meiner vollsten Entschlossenheit vor dir und wäre nicht bereit, mit dir noch zahllose Male den glühendsten Kampf zu erneuen! Ich gebrauchte gegen dich, der du ein reinstes Nichts gegen mich bist, dieses Scheingefecht nur aus Schonung für dein mir leider zu wohlgefälliges Wesen, welches mein Herz mit der unverdientesten Liebe gegen dich erfüllte und noch erfüllt. Hätte ich nicht diese zarte Rücksicht für dich, so hätte ich bloß so ein paar allerschwächste Mückengeister über dich gesendet, die all deine Macht und Kraft rein in nichts verwandelt hätten. Und wenn du mir viel Flausen machst, so werde ich am Ende denn doch noch mit der Wirklichkeit dir entgegenzukommen genötigt sein!«

[RB.02_173,15] "Spricht Cado: »Hm, hm, merkwürdig! Nein, nein, du bist wirklich ein scharmantes Wesen! Schau, schau, so viel Herzensgüte hätte ich bei dir nicht erwartet! Daß du überaus gut sein mußt, das haben mir ja deine Phantasiebilder hinreichend bewiesen, wie auch deine schönen Ideen der Gottes-Entthronung, welche du früher durch deine Hauptmacht ausführen wolltest, die nun unter diesem Glutmeere begraben liegt! - Sage mir, war etwa das auch bloß so eine ganz leere Spiegelfechterei? - Der erste Empfang von Seite deiner Apostel war an mir wenigstens ganz verdammt wirklich, was ich zu einer ewigen Witzigung nur zu klar verspürt habe. Dieselben Apostel aber sind hernach, als sie an mir scheiterten, in einer ungeheuer vermehrten Anzahl gegen die wahre, allmächtige Gottheit zu Felde gezogen, um an Ihr höchstwahrscheinlich deinen uralten Plan auszuführen. Aber die liebe, allmächtige Gottheit war gleich so keck, die Feuerschleusen dieses Gebirges zu öffnen und begrub deine Hauptmacht unter den Wogen dieses Glühmeeres. - Sage mir gütigst, ob das auch alles bloß nur so ein Schein war ohne alle Wirklichkeit!?«

[RB.02_173,16] "Spricht die Minerva ganz trotzig und mit zornverbissenen Lippen: »Das war leider kein Schein! Daß es aber so ungünstig für mich ausgefallen, daran ist leider dein dümmster Häuptling schuld. Denn ich habe es ihm tausend Male gesagt, daß es jetzt noch nicht an der Zeit sei. Aber er ließ sich nicht raten, handelte eigenmächtig und hat nun den Lohn für seine Wahnwitzige Tollkünheit! Wann wird sich wieder so eine Gelegenheit darbieten?«

[RB.02_173,17] "Spricht Cado: "Ich glaube, in alle Ewigkeiten nimmer! - Packe daher ein mit deinem allerdümmsten Plane! Gott ist und bleibt Gott ewig! Und du - ein allerdümmstes Wesen, schlecht und elend genug, so du solch einen allerdümmsten Plan nicht aufgeben wirst! - Schau, was für ein ungeheuer schönes Wesen wärest du, wenn du nicht so bösdumm sein möchtest! Lege einmal dein uraltes, stets fruchtloses Handwerk, und nehme an den Willen der Allmacht, der du ewig nimmer wirst zu widerstreben imstande sein! - Ergebe dich, du sonst deiner Gestalt nach unbeschreiblich Herrliche, und ich selbst will dich mit einer Liebe umfassen, von der unter den geschaffenen Geistern die ganze Unendlichkeit kein Beispiel gesehen hat - ansonst ich dich trotz deiner höchsten Schönheit dennoch alltiefst verachten muß!«

[RB.02_173,18] "Spricht die Minerva etwas weniger leidenschaftlich: »Wüßtest du, was ich weiß, so würdest du von deiner Gottheit anders reden! Ober dennoch hast du recht, daß du also zu mir redest, denn es ist auch also. Aber ich kann mich ewig nimmer ändern! Denn ändere ich mich, so ist im nächsten Augenblicke außer Gott und mir kein geschaffenes Wesen mehr in der ganzen Unendlichkeit; keine Sonne und keine Erde mehr! Ich muß daher in der ewigen Qual stecken, auf daß die Geschöpfe aus mir in aller Seligkeit schwelgen können. - Aber nun habe ich es satt, und es muß denn doch einmal anders werden!«

[RB.02_173,19] "Spricht Cado: »O du arme Mutter der Unendlichkeit! Geh, komm her zum mir, ich werde dich zu unserm lieben Herrgott Jesus führen, nachher wird schon alles wieder gut werden!«

[RB.02_173,20] "Schreit die Minerva: »Nur diesen Namen nenne mir nimmer - sonst ist es gleich rein ganz aus mit uns beiden! Denn dieser Name ist mir ein Greuel!!!«

 

174. Kapitel – Cados Weisheit gegen Minervas Verblendung. Anerkenne den Gottmenschen Jesus!

[RB.02_174,01] Miklosch berichtet weiter: "Spricht Cado: »Aber liebe Mutter der Unendlichkeit, allerholdeste und schönste Minerva! Warum denn gerade vor diesem gewiß sehr menschenfreundlich klingenden Namen einen solchen Widerwillen? Was hat er dir denn getan? - Ich meines Teiles finde gerade in diesem Namen sehr viel Tröstendes und Beruhigendes! Also heraus mit der Farbe, was für einen Haken hat es denn da?«

[RB.02_174,02] "Spricht die Minerva ganz erbost: »Freund, da hat es den allerunendlich größten Haken, den wohl alle Ewigkeiten nicht gerade biegen werden! Denn in diesem Namen ist die Gottheit wahnsinnig geworden, hat ihre Urhöhe und Tiefe verlassen und hat sichaus einer alleralbersten Liebe zu ihren Phantasiegeschöpfen in einen engen Schlafrock gefercht , aus dem sie nun nicht mehr herauszubringen ist! - Denke dir eine aus purer Affenliebe zu Ihren Geschöpfen von ihren allermistigsten Kreaturen mißhandelte, ans Kreuz gehängte Gottheit - eine Gottheit, die sich zu einem Aase heruntergewürdigt, anstatt auf ihrer unendlichen Höhe und Glorie in meiner lichtvollsten Gesellschaft zu bleiben und über die vollendetsten Wesen zu herrschen, die das aus mir ihr unverwüstbares Dasein nehmen! Was, frage ich, was kann ich als die höchste und noch durch nichts getrübte Weisheit von solch einer toll gewordenen Gottheit denken und halten?! Ich könnte vor Schande und Schmach vergehen, wenn ich auf solch eine entsetzliche Erniedrigung schaue - und schauen muß, weil sie wirklich da ist! - Siehe, Tor, da hat es den Haken! Würde ich auch mit der Gottheit toll, so geht die ganze Unendlichkeit in Trümmer und alle Wesen haben zu sein aufgehört, wie ich dir's schon früher sagte. Siehe, das ist der verzweifelte Haken!«

[RB.02_174,03] Spricht Cado: »Merkwürdig, merkwürdig! - Aber was ist denn hier so ganz eigentlich merkwürdig?! - O nicht die Erniedrigung der Gottheit zu Ihren Geschöpfen herab; o nein, das ist in meinen Augen noch lange nicht so merkwürdig, als daß die mir sich als höchstweise darstellende, höchste Göttin Minerva so schauderhaft geistesbeschränkt ist, sich von der großen Gottheit eine gar so überaus dumme Vorstellung als dauernd feststehen zu machen! - Erlaube mir - wie kann die Gottheit, als der reinste Urgeist aller Geister, als die mächtigste Urkraft aller Ur- und (von ihr ausgehenden) abgeleiteten Kräfte, je schwach werden? Sie, die die Unendlichkeit umspannt und danebst aber der ewige und festeste Mittelpunkt aller Mittelpunkte ist - könnte je schwach, ja (was ganz unglaublich erscheint!) am Ende sogar wahnsinnig werden!? - Nein, Minerva, dieser Witz ist dir nicht gelungen! Du magst sonst sehr weise sein, ja sogar so weise, wie du - im Ernste gesagt - ungeheuer verführerisch schön bist; aber der Witz mit der göttlichen Schwäche und Tollheit ist dir nicht gelungen, und ich möchte dir beinahe mit dem Ausrufe des alten griechischen Malers: ,Schuster bleib bei deinen Leisten!' zurechtweisend entgegenkommen. Aber ob deiner übergroßen Schönheit, die sicher einen jeden armen Sünder zur Anbetung auffordern müßte, so er dich zu sehen bekäme, verschone ich dich ernstlicherweise damit. Zudem sehe ich, daß du außerordentlich herrschsüchtig bist, und daß es dir beliebt, mit mir einen Spaß zu machen. Und so ärgere ich mich gar nicht mehr über deine wenigstens mir bezeigte Dummheit.

[RB.02_174,04] "»Aber so du es annehmen willst, weil ich gar so ein großes Wohlgefallen an deiner allerhervorragendsten Schönheit habe, und dich sogar im Ernste etwas liebe und noch mehr lieben möchte, so ich mir's getrauete - so gebe ich dir einen Rat, und dieser besteht darin, daß du dich mit dem Gottmenschen Jesus auf einen freundschaftlichen Fuß stellen sollest! Lasse wenigstens Seinen Namen in deinem Reiche (oder was es sonst noch ist?!) öfter ausrufen - zu deiner eigenen Überzeugung, was daraus doch etwa entstehen könnte. Und ich bin überzeugt, daß du schon dadurch in aller Kürze für bleibend zu ganz anderen Begriffen und Vorstellungen über die Gottheit gelangen wirst. Siehe, ich bin auch ein Teufel, vielleicht ein viel ärgerer noch als du, und kenne, wie gesagt, Jesum nur dem Namen und einigen Bestimmungen Seiner Lehre nach, die wahrlich höchst göttlich weise sind und sogar jedem nur einigermaßen redlich denkenden Geist- oder Fleischteufel die höchste Bewunderung abnötigen müssen. Aber es kommt mich wahrlich gar nicht schwer an, Ihm die tiefste Achtung zu zollen. Warum soll denn das gerade dir gar so schwer und unausführbar vorkommen?

[RB.02_174,05] "»Geh und mache nun einmal eine Gescheite! Denn dumm warst du ja ohnehin schon lange genug! Schau, wir zwei taugeten denn doch so hübsch füreinander. Es wird deswegen noch Schlechtes genug geben, wenn es auch gerade nicht mehr von uns ausgehen wird. Denn für junge Teufel haben wir, glaube ich, doch so hübsch gesorgt. Und der gute Herrgott wird noch eine hübsche Weile zu tun haben, bis Er all unserer Nachkommenschaft vollends Meister wird - so wir auch unser beinahe ewig währendes Teufelmacher-Geschäft für immer aufgeben. Es darf dir darum schon wahrlich nimmer leid sein. Denn du hast davon noch allzeit einen scheußlichsten Lohn empfangen. Und so du dein Geschäft fortsetzest, so wird dafür dein Lohn statt besser nur immer scheußlicher werden! Und am Ende könnte es der allmächtigen Gottheit so bei einer launigen Gelegenheit irgend einmal denn doch einfallen, dich für ewig ganz zu vernageln! Und was hättest du dann von all deiner allersauersten Mühe und Arbeit? - Daher folge meinem Rate, und das um so mehr, da du dabei sicher am wenigsten verlieren kannst, da du mir doch selbst ehedem deutlich genug zu verstehen gabst, daß deine Existenz so wie die der Gottheit für ewig unverwüstbar sei!«

[RB.02_174,06] "Die Minerva ist hierauf stumm, steht als ein unbeschreiblich schönstes Weib knapp am Hügel auf ihrer Phaethon (offenen Wagen) und scheint - manchmal einen Blick aus Cado werfend über dessen Worte nachzudenken."

 

175. Kapitel – Minervas Bedingungen der Ergebung – Cados Erwiderung.

[RB.02_175,01] Miklosch berichtet weiter: "Nach einer Weile von einigen irdischen Minuten richtet Minerva ihr Angesicht wieder fest gegen den am Hügel weilenden Cado und sagt: »Freund, ich muß dir offen gestehen, daß du mich sehr interessierst, denn es liegt im deiner schönen morgenländischen Gestalt wie auch in deinen Worten mehr Geist und Wahrheit, als du es selbst nun zu ahnen imstande bist, aber demungeachtet kann ich deiner Rede nicht eher Gehör bieten, als bis die von mir geschaffene Erzhure des neuen Babel vollends gestürzt ist. Ich habe sie aufgerichtet zu einer von der Gottheit mir gestatteten Feuerprobe für alle, die da auf den mir widrigsten Namen getauft wurden, und wollte der Gottheit gegenüber nur beweisen, daß auch ihre Lehre in ein allerabgefeimt-tollstes Heidentum umgestaltet werden kann. Mir ist scheinbar mein Werk gelungen, und die neuen Babylonier wissen sich nun vor Nacht und Grauen nicht mehr zu raten und zu helfen. Sie haben allen Geist verloren. Vom Christentum ist keine Spur mehr zu entdecken. Sie haben nur noch ein morsches Gerippe vor sich und erwürgen sich nun der äußersten toten Haut wegen, in der schon seit nahe einem vollen Jahrtausend kein Leib und um so weniger irgendeine Seele mit ihrem Geiste sich befindet. - Aber das muß nun also geschehen! Meine Greuel müssen durch aus sich gezeugte neue Greuel vernichtet werden, und die Menschheit muß in eine neue Pflanzschule versetzt werden. Wann solches bewerkstelligt wird, dann sollst du mir unter die Arme greifen, und ich werde eines Sinnes sein mit dir ewig!«

[RB.02_175,02] "Spricht Cado: "Allerholdestes und reizend schönstes Weib der ganzen Schöpfung Gottes! O mache mir keine so schweren Bedingungen, deren endliche Erfüllung wahrlich nicht abzusehen ist! Lasse das hundemäßige Neu-Babel! Lasse die Gottheit allein walten, der es ein leichtes sein wird, alle von dir angelegten Krummwege zu ebnen! Du aber folge mir und werde fortan glücklich! Gedenke nicht mehr dessen, was du warst in irgendwelcher Hinsicht; sondern gedenke vielmehr, wie glücklich du wieder werden kannst und wie glücklich ich (sein werde) an deiner unbegreiflich schönsten Seite und (mit uns) zahllose Myriaden in der Anschauung deiner unendlichen Schönheit. Und du wirst meinen Worten dann leichter Gehör leihen können, als du Herrlichste es dir vorstellst. Denke dir meinen Schmerz, so ich dich verachten müßte deines tollen Starrsinnes wegen - dich, für die in meinem Herzen Milliarden Sonnen brennen! Ich bitte dich, du unbeschreiblich Schönste, folge meinem Rate! Bei aller Allmacht der Gottheit und all deiner unendlichen Schönheit schwöre ich dir, daß du von mir nicht hintergangen sein sollst! Unbeschreiblich holdestes, schönstes Weib, du Zentralsonne alles Lichtes, gehe, verlasse deinen Phaethon, werfe das morsche Szepter und die zerbrochene Lanze von dir und ziehe an den herrlichen Schild der Liebe! Komme also gerüstet an diese meine Brust, und du sollst für alles Ungemach, das dir je begegnet ist, die reichliche Entschädigung finden! Mit deiner gegenwärtigen Scheinmacht wirst du mich nie besiegen; aber mit der Liebe wirst du mich zum Sklaven deines Herzens machen!«

[RB.02_175,03] "Spricht die Minerva: »Cado, Cado! Du wagst mit mir ein gefährliches Spiel! Was wirst du aber dann tun, so dich der eifersüchtige Himmel meinetwegen aus das härteste verfolgen wird!" Blicke auf, und du wirst sehen, wie ich von zahllosen Milliarden in meiner Unterredung mit dir belauscht werde und du mit mir! Meine unbegrenzte, mit nichts zu vergleichende Schönheit ist ja eben mein ewiges Unglück! Ich sollte nur Einen lieben, für den in meinem Herzen keine Liebe thront. Will ich aber meine Liebe jemand anders zuwenden, dann ist aller Himmel voll Zorn und Rache gegen mich und gegen den, dem ich mein Herz zuwende! - Daher begreife, so ich dich warne, mit mir ein so gewagtes Spiel zu treiben! Möglich, daß es dir vielleicht gelingt, da dir schon manches gelungen ist, aber wehe dir und mir, so es dir nicht gelingen sollte!«

[RB.02_175,04] "Spricht Cado: »Du hast in Hinsicht der Milliarden himmlischer Belauscher über uns wohl recht! Ich ersehe sie nun auch; aber ich ersehe in ihnen Freunde und keine Feinde. Siehe, sie alle winken mir Beifall zu! Wahrlich, diese tun uns nichts. Und sollte ihre Freundlichkeit eine Kriegslist sein, so werden sie alle es allein mit mir zu tun bekommen! Kurz, ich lasse nimmer ab von dir! Du bist mein, und keine böse Macht soll dich mir nehmen! Denn auch ich bin unverwüstbar und bin mächtig aus Gott und aus keinem Teufel, der ich selbst einer bin!«

[RB.02_175,05] "Spricht die Minerva: »Cado, Cado, Cado! Reize die Götter nicht, denn du bist nur ein schwacher Mensch! Siehe, die da oben werden mich bald in ein häßliches Kleid werfen, was wirst du dann sagen und tun?«

[RB.02_175,06] "Spricht Cado: »Holdeste, so sie das täten, dann sind sie Teufel und wir Engel! Nein, nein, sieh hinauf! Sie alle geben mir ein Zeugnis, daß sie solch einer Tat unfähig sind! Alle die Zahllosen haben eine Freude darüber, daß du in solcher deiner urwahrsten Gestalt so lange verharrest und sie Gelegenheit haben, die erste ,Urschönheit', den ersten ,Grundgedanken alles Seins aus Gott' vor sich zu haben und anzustaunen - mehr als alles, was (außer Gott) der höchsten Geister nie erschöpfbare Weisheit als schön bezeichnen kann! O ,Lichtträgerin' alles dessen, was der geschaffene Geist schön nennen und selbst als schön gestalten kann, mache keine Bedingungen mehr und komme! Denn mein Inneres sagt es mir, daß auf deine Rückkehr alle Himmel schon äußerst lange Zeitenläufe vergeblich harreten und sich nach der Lust sehnten, dich als die Krone endlicher Vollendung aller Dinge und Wesen die Ihrige nennen und ehren zu können. - Wende daher deinen Willen! Lasse erweichen dein Herz! Komme und genieße an meiner Seite der freiesten Seligkeiten höchste! Fühle einmal auch die Wonne, für die du - als erste, größte und vollendetste, in mächtigst lebendiger Wirklichkeit aus Gott hervorgehende Idee -bestimmt warst und noch bist!«

[RB.02_175,07] "Die Minerva sieht den Cado nun recht freundlich, aber doch immer noch mit Herrscheraugen an und sagt: »Cado, hast du dir's denn wohl im Ernste vorgenommen, mich schwach zu machen?! Meinst denn du, mich zu besiegen und für irgendeine Sache geneigt zu machen sei etwas leichtes, was so einem aus mir geschaffenen Erdwurme ebenso gelingen werde wie der Fang einer matt gewordenen Fliege? - Oh, hoffe nicht zu voreilig! Denn gar mächtigste, größte Geister haben sich an mir versucht und sind am Ende mit Spott und Schande unverrichteterdinge abgezogen. Wie mag es dir denn träumen, mich durch die Macht des Stromes deiner Rede fesseln zu können?! Sieh, solche Kleinmannöver gegen mich habe ich schon zahllose bestanden und zurückgeschlagen! Wie kann es dir nun beifallen, du werdest mich gewinnen für dein Herz und am Ende gar für die mir über alles verhaßten Himmel, die ich besser kenne als du armer, blinder Teufel! Dich allein lasse ich mir gefallen. Aber so du mir als Teufel von den Himmeln etwas vorzuschwärmen beginnst, dann bist du von mir aus des Anspuckens nicht wert. Jedes Wesen muß sich selbst treu bleiben! Es muß entweder ganz vollkommen ein starker Teufel - oder umgekehrt ein dummer Himmelsbote sein, der bei mir allzeit nichts ausrichtet, aber von mir demnoch geachtet wird wegen seiner (obschon wahnmäßigen) Selbsttreue. Aber so ein Teufel wie du, der zugleich auch eine Art Engel sein will, muß im Verfolge (mit der Zeit) mir widrig werden, obschon er sonstige Eigenschaften besitzt, vor denen ich selbst eine gerechte Achtung habe! Mein lieber Cado, so du mein Herz für dich gewinnen willst, dann mußt du es ganz anders anfangen als es bisher der Fall war! Wahrlich, ich bin dir nicht abgeneigt; willst du mich aber gewinnen, so mußt du mir folgen und zu mir kommen aber nicht von mir verlangen, daß ich das tun (d.h. zu dir kommen) solle.«

[RB.02_175,08] "Spricht Cado: »Aber Herrliche! Ich will dich ja nur für mich und nicht für jemand anders gewinnen! Ob sich die dir verhaßten Himmel darob freuen oder ärgern wollen, das ist mir gleich! Ich will ja nur dich und nicht die dir verhaßten Himmel und beharre für ewig nur bei diesem Verlangen! Aber den offenbar mächtigsten Himmeln trotzen werde ich ebenfalls ewig nicht - auch deinetwegen nicht, obschon ich dich mehr liebe als alle Gottesschätze der Unendlichkeit!

[RB.02_175,09] "»Siehe, ich halte ein jedes Wesen, dich nicht ausgenommen, für höchst dumm, das da mehr tun will, als es vermag. Und überaus dumm aber ist ein Wesen, das selbst die bittersten, endlos vielen Erfahrungen nicht klüger zu machen imstande sind. - Sage mir ganz aufrichtig, was und wie viel wohl hast du gewonnen durch deinen allerunbeugsamsten Starrsinn? Bist du dadurch mächtiger oder reicher oder schöner geworden? Oder waren dir die dezillionenfachen Züchtigungen, derer du allerschärfst teilhaftig wurdest, eine Wollust? Siehe, du gleichst in jeder Hinsicht jenen eselhaften Völkerbeherrschern, die lieber ihr ganzes Reich zugrunde richten, als daß sich ihre höchstgestellte, aber auch offenbarste Dummheit von irgendeinem niederen Weisen etwas raten ließe.

[RB.02_175,10] "»Du zwar endlos schönstes, aber dabei, wie ich nun an dir nur zu klar merke, auch allerdümmstes Weib - Wenn ich dich besiegen wollte, da brauchte ich auch nicht ein Wort mit dir zu verlieren! Denn da genügten diese Steine! Und da sieh, eine neue Waffe zu meinen Füßen; es ist eine Wurfschlinge, mit der ich umzugehen verstehe! Ich brauche sie nur nach dir zu werfen, und kein Teufel und Gott deines Maßes befreit dich mehr aus meiner Macht! Aber ich selbst will dich nicht fangen und nötigen, sondern alles dir selbst überlassen, damit der Sieg über dich nicht mein, sondern ganz allein dein freies Werk sein soll!

[RB.02_175,11] "»Meinst du denn, daß ich mit dir eine Freude hätte, so du mir zu eigen würdest durch meine Macht über dich? Nein, da möchte ich dich nicht einmal, trotz deiner endlosen Schönheit! - Aber so du, meine wohlgemeinten Worte beherzigend, dich selbst besiegst und dich mir gibst zur ewig treuen Gefährtin, dann bist du für mich eine ewige Unendlichkeit aller Seligkeiten! - Was wirst du nun tun? Wirst du in deiner Tollheit noch länger verharren und dadurch höchst elend sein? Oder wirst du meinen Worten Folge leisten? Lichträgerin, um deiner endlosen Schönheit Willen bitte ich dich: ermahne dich und lasse ab von deinem Starrsinn! - Siehe, es nützt dir nichts; du kommst mir ewig nimmer aus! Denn richte ich mit dir nichts durch alle meine Liebe, so werde ich mit meiner Liebe auch die Gewalt gebrauchen und dich also an mich ketten! Denn meiner Gewalt widerstehst du wahrlich ewig nimmer!«

[RB.02_175,12] "Spricht Minerva: "Aber lieber Freund, warum soll denn gerade ich mich besiegen und mich dir ergeben?! Kannst denn du nicht ebenfalls dasselbe frischweg tun? Denn ich dürfte für dich denn doch wohl mehr Anlockendes haben, als du für mich! Zudem wäre es denn hoffentlich doch ordnungsmäßiger, daß der Bräutigam zur Braut hinginge als die Braut zu ihm!«

[RB.02_175,13] "Spricht Cado: »O allerdings! Ich wäre auch schon lange bei dir, so der Boden, auf dem du stehst, ein anderer wäre. Ich verstehe mich aber wahrlich nicht, auf solch einem Boden zu stehen und zu wandeln und kann daher nimmer zu dir kommen. Dich aber trägt jeder Boden, und so kannst du wohl eher zu mir kommen als ich zu dir!"

[RB.02_175,14] "Spricht die Minerva: "Was wirst du dann aber mit mir machen, so ich zu dir komme?« - Spricht Cado: "Alberne Frage! Lieben und möglichst glücklich machen werde ich dich, und aus diesem Hügel ein neues Paradies gestalten der Gottheit zur Ehre, die mich mit Kraft versieht!"

[RB.02_175,15] "Spricht die Minerva: "In einem Paradiese bin ich schon einmal eingegangen (hintergangen), und das schändlich! Mein Adam, dieser deiner -Erde Erstling, hat mich auf eine Art angesetzt, daß ich mir's wohl für die ganze Ewigkeit gemerkt habe! Es war ein Paradies, und das was für eins! Noch auf keinem Weltkörper ist es der Gottheit gelungen, mich so hinters Licht zu führen, als eben auf dieser Erde! Und daran war das schmähliche Paradies schuld! Ich brauche es dir gar nicht weiter zu erzählen, wie dies vor sich ging. Aber ich bin da zum ersten Male der Gottheit aufgesessen und genieße nun über 6000 Jahre hindurch die elendsten Früchte davon! Daher komme du mir mit keinem Paradiese, so du mich im Ernste für dich gestimmt machen willst! - Ich aber mache dir einen Vorschlag - so du diesen annimmst, dann bin ich die Deine für ewig!

[RB.02_175,16] "»Der Vorschlag aber lautet: Gelobe es mir, den Namen Jesus, daran ich fast allzeit ersticke, nimmer auszusprechen, und wirf alle die Steine von dir und die Schlinge auch, so soll dir dafür mein Herz zum Lohne werden, und du sollst an mir Genüsse finden, von denen keiner Gottheit noch je etwas geträumt hat! Tue das, und ich bin dein für ewig und werde dir allein leben! Fasse meine Schönheit, meine Anmut, meine Reize und meine göttliche Erhabenheit nur einmal recht ins Auge und in dein Herz - und du müßtest vom härtesten und gefühllosesten Steine sein, so du solchen Reizen widerstehen könntest!«

[RB.02_175,17] "Spricht Cado: »Meine allerdings allerreizendste Minerva! Weißt du, bevor du das Lügen erfunden hast, wäre ich auf deinen Vorschlag ohne weiteres eingegangen. Denn Jesus oder kein Jesus das wäre mir ein Ding! Und diese Steine und diese Götterschlinge - ich könnte sie entbehren und deiner auch ohne ihre Hilfe Herr sein, verstehst du?! - Aber da bekannterweise du zu allen Zeiten eine größte Künstlerin im Lügen, Anschmieren und Sitzenlassen warst und sicher noch bist, was ehedem deine Schein-Strafvollstreckung hinreichend bewies - so kann ich so lange keinen Vorschlag von dir annehmen, als bis du den ersten, von mir (gemachten) annehmen wirst, Mache aber bald, denn ich merke, daß die himmlischen Zeugen über uns unruhig werden. Meinen Willen kennst du nun! Entschließe dich rasch, sonst wird es bald ein Mordsspektakel absetzen! Denn meine Geduld geht nun auch schon zu Ende.«

[RB.02_175,18] Miklosch fortfahrend: "Der Minerva Gesicht wird nun finsterer und herrschsüchtiger. Sie sinnt nach Widersätzen; aber es scheint ihr kein rechter unterkommen zu wollen. Sie möchte sich vor heimlicher Wut in ihre eigenen Lippen verbeißen, so sie sich nicht scheute vor dem Cado. Es ist wahrlich recht komisch anzusehen, wie sich die Erfinderin des Hochmutes und der Lüge alle erdenkliche Mühe gibt, dem Cado ja keine ihrer Schwächen zu verraten. - Aber der Cado scheint es ihr doch auf ein Haar abzulauschen, da er sie nun keinen Augenblick aus den Augen läßt und die Wurfschlinge in solcher Bereitschaft hält, daß er sie in jedem Augenblicke loslassen kann. - Nein, da bin ich wahrlich neugierig, was nun die Satana (Satana ist der weibliche Urname des großen, gefallenen Lichtgeistes der hier als "Minerva" auftritt) für ein Manöver wird ausführen wollen!"

 

176. Kapitel – Cado erhält stärkeren Engelsschutz. – Minervas Gegenvorschläge. Die Hölle zeigt neue Schreckensmienen.

[RB.02_176,01] Miklosch berichtet weiter: "Nun begeben sich aber auch unser Freund Robert-Uraniel und sein Gefährte Sahariel ganz unvermerkt auf den Hügel zu Cado hin, der ihrer aber nicht ansichtig ist, da sie sich hinter seinem Rücken aufgestellt haben.

[RB.02_176,02] "Auch die Schein-Minerva scheint diese Ortsveränderung der beiden nicht zu merken, weil sie kein Auge daraus verwendet, sondern nur allein den Cado mit verstohlenen Blicken zu mustern scheint, um höchstwahrscheinlich ihm irgendeinen schwachen Augenblick abzulauschen. Sie mustert hin und mustert her; aber Cado steht wie eine chinesische Mauer auf seiner Hut. Diese Hut des Cado scheint der Minerva nicht zuzusagen, daher sie denn auch immer auf den Boden hinstarrt und sehr nachdenkt, was sie nun tun soll. Sie macht und schneidet allerlei Gesichter; bald ein ernstes, bald ein freundliches, bald ein weises, bald nun wieder ein herrscherisches; aber überall schaut der alte, heimliche Sünder heraus.

[RB.02_176,03] "Diese Geschichte scheint dem Cado bedeutend langweilig werden zu wollen. Er räuspert sich nun kräftig und fragt die Minerva sagend: »Nun, Holdeste, wie sieht es denn aus, wirst du anbeißen oder nicht? - Ich habe nun ein ziemliches Weilchen geharret; aber es kommt von deiner Seite zu keinem Entschlusse und sonach auch um so weniger zu irgendeiner Tat nach meinem Wunsche! - Ich gebe dir daher nur noch eine äußerst kurze Bedenkzeit! Wird dich diese zu nichts vermögen, dann sollst du sogleich meine Fertigkeit im Gebrauche der Wurfschlinge zu bewundern bekommen! Ich sage es dir im vollsten Ernste, seit deinem Sein hast du aus den zahllosen Myriaden der von dir verführten Geister noch keinen gefunden, der dir ein Meister gewesen wäre; denn sie alle waren deiner List nicht gewachsen. Aber an mir wirst du dich ganz verdammt verrechnen! Ich Sage dir, traue mir nicht! Denn wo du hindenkst, da bin ich schon vorne (weit voraus), verstehst du diese Sprache?! Ich sage dir zu wiederholten Malen: Mich fängst du nicht! Es mochte dir wohl einmal ein Erzengel Michael aufgesessen sein (auf deine Bosheit hereingefallen), daß er dir halbe Ewigkeiten lange Bedenkzeiten zukommen ließ; aber bei mir ist da nichts (zu machen)! Der Erzengel bebte vor Gott und ahmte dessen Geduld nach und gab dir Fristen auf Fristen, die du dazu benütztest, um schlechter und schlechter zu werden. Ein Teufel Cado aber macht sich aus Gott, Tod und Teufel nichts, und Himmel und Hölle sind ihm einerlei. Vestehst du das?! Der Cado steht unter keinem Kommando, außer unter dem seines höchsteigenen Verstandes und Willens! Was er tun Will, das wird er auch tun, weil er es will und weil er es kann! - Verstehst du das?! - Daher entschließe dich nun sogleich, sonst fliegt die Schlinge dir an deinen herrlichen Nacken!«

[RB.02_176,04] "Spricht die Minerva: "Aber ich bitte dich, lieber Cado, sei doch ein wenig manierlicher! Ich kann ja doch nicht so urplötzlich aus allen meinen alten, üblen Gewohnheiten heraushüpfen wie eine Bachstelze aus ihrem Neste, so eine Natter dasselbe umschleicht. Ich glaube, so du zu deinem Heldentume auch ein wenig mehr Geduld hinzufügst, so wird dir das etwa auch nicht schaden! Daß ich, dich prüfend, so manches zu dir sagte und dem Scheine nach nicht sogleich auf deine Ideen und auf dein Begehren einging - - das, Freund, hat seinen Grund! Denn auch mir muß es zustehen, den durch und durch zu erproben, mit dem ich, als der ganzen Unendlichkeit erste und unerreichbar größte Schönheit, mich verbinden möchte. Dazu glaube ich dir ein hinreichender Preis für dein bißchen Geduld zu werden! So ich an dir kein Wohlgefallen hätte, wäre ich schon lange eine ganze Ewigkeit von dir entfernt. Aber dein noch nie dagewesenes höchst sonderbares Wesen fesselt mich mit zauberischer Gewalt an deine Brust, und ich lasse mir von dir nun schon Dinge gefallen, die ich mir selbst von der Gottheit noch nie habe gefallen lassen! Bist du damit noch nicht zufrieden?«

[RB.02_176,05] "Spricht Cado: »Herrlichste der Schöpfungen Gottes! Ich liebe dich unendlich, und daher habe ich wahrlich keine Geduld mehr! Aber um dir gegenüber nicht unartig zu sein, will ich mich noch einige Augenblicke gedulden. Aber länger wolle du meine Geduld nicht erproben!«

[RB.02_176,06] "Die Minerva lächelt nun und wirft während des Lächelns ihre zerbrochene Lanze in das beruhigte Glutmeer, aus dem noch immer zahllose breitgeschlagene Geister liegen und dessen Wogen darniederhalten.

[RB.02_176,07] "Als die Lanze von dem Meere nun verzehrt ist, was Cabo für ein günstiges Zeichen zu halten scheint - erheben sich auf einmal aus dem Glühpfuhl eine große Menge der allerschrecklichst aussehenden Gestalten und umlagern die Minerva. - Einer, der die Gestalt aller Drachen und aller furchtbarsten Bestien in sich vereinigt, donnert der Minerva mit dem gräßlichsten tausendstimmigen Wolfs-, Hyänen-, Löwen- und Tigergebrülle zu:

[RB.02_176,08] "»Elendste! Ist das dein Dank für die Trillionen getreuester Dienste, die wir dir eine ganze Ewigkeit hindurch geleistet haben, indem wir dir zuliebe kein Opfer, keine Mühe und selbst die ungeheuersten Schmerzen und Qualen nicht scheueten, um uns nur endlich einmal deiner uns so oft versprochenen Liebe und Hingebung zu versichern - daß du uns nun aus Liebe zu einem neuen, modernsten Teufel, der erst kaum die Nase auf einige Sekunden in die Hölle gesteckt und für dich noch gar nichts getan hat, schmählichst verlassen willst, und das auf immer?! - Nein, schreien wir alle, die ersten und mächtigsten Teufel der Hölle, nimmermehr wirst du uns das tun! Eher zerstören wir dich, die Hölle und alle Himmel, bevor du einen Schritt von dieser Stelle tun wirst! Siehe, unsere Diener bändigen dies Meer und leiden entsetzliche Qual, auf daß du als unsere Gebieterin ruhig auf demselben umherwandeln kannst, und du willst uns verlassen und ewig nimmer jene Lust gewähren, die du uns so zahllos oft verheißen hast! - O wage es nur, du elendeste Hure eines elendesten Mastdarmwurmes des schmutzigsten Staubes, Erde genannt! Dir soll dafür von uns ein Lohn werden, von dem selbst der tieften Phantasiefülle der höchsten aller Gottheiten nie etwas geträumt hat! Rede nun! Was wirst du tun? Schaue nur hin auf jene Mastdarmmilbe auf dem Hügel! Rufe sie dir zur Hilfe! Sie soll nun Gebrauch machen von ihren Waffen; sie suche uns zu vertreiben, wenn sie so mächtig ist! Sieh nur hinauf, wie dein Held den großen Mut sinken läßt und sich nun nach allen Seiten umsieht, ob es nicht irgendwo ein Loch zum Durchgehen gäbe! - O rufe ihn dir zur Hilfe! Das gestatten wir dir schon, du schönste Hure und Geliebte eines Mastdarmwurmes! Rufe, rufe ihn! Warum rufst du ihn denn nicht, deinen Erwählten?!"

[RB.02_176,09] "Die Minerva scheint vor Schande, Zorn und Wut vergehen zu wollen. Sie bebt am ganzen Leibe und scheint vor lauter Grimmfieber keines Wortes fähig zu sein. - Der Cado aber gebärdet sich noch grimmiger und scheint in sich zu beraten, was er nun tun soll. Diese gräßlichsten Giganten flößen ihm denn doch eine Art Respekt ein, so daß er eben nicht die größte Lust hat, sich mit ihnen in einen Kampf einzulassen, und zugleich erfährt er ein Zeugnis über die Minerva, das ihn über deren Treue und Liebe sehr bange macht. Deshalb ist er denn auch unschlüssig, was er jetzt tun soll. - Aber die Minerva macht so sehnsüchtige Blicke, daß er sich von ihr nicht trennen mag, und er fängt daher an, seine Steine zu mustern und zu ordnen.

[RB.02_176,10] "Nach einer kleinen, aber allerschrecklichsten Weile richtet sich Cado auf und sagt zu diesen gräßlichen Unholden: »Eure Macht kenne ich, und eure gegenwärtige Trugkunst ist mir nicht fremd - sie ist nicht euer Werk! Denn ihr für euch selbst seid - als leere Schemen und pure Phantasiegebilde dieser einen, der ihr eine leere und nichtigste Scheindrohung machet - keiner Tat fähig! Aber wäret ihr wirkliche Wesen, so möchte ich euch sogar belohnen für diesen wichtigen Dienst, den ihr mir nun geleistet habt. Denn durch dies euer Benehmen wie durch eure gräßliche Gestalt und eure Worte, die diese eine selbst in euerm Rachen geformt hat, bin ich mit ihrem Charakter wieder näher vertraut worden, und das ist für mich, von größter Wichtigkeit. Ich stehe dadurch dem Ziele näher als je! - Zerreißet sie, so ihr es könnet! - Ich könnte es tun, so ich es wollte. Aber ich will es nicht, weil sie solch einer Mühe von meiner Seite aus gar nicht wert ist.

[RB.02_176,11] "»Satana, so dir noch ein Ppröbchen ähnlicher Art vor mir auszuführen möglich ist, so tue es nur! Denn dabei bekomme ich desto mehr Gelegenheit, dich so recht durch und durch kennenzulernen. - Mit euch, ihr Schemen, aber werde ich nun im Namen Gottes, Jesu des Gekreuzigten, sogleich fertig werden! - Sehet diesen Stein an! Er ist bezeichnet mit dem Gottnamen Jesus nebst drei Kreuzen! Dieser Stein wird euch sogleich zeigen, wessen Geistes ihr seid!«

[RB.02_176,12] "Hier hebt Cado einen Stein vom Boden und fängt an, ihn zu einem kräftigen Wurfe zu schwingen. - Die Minerva aber schreit nun ängstlichst mit heftiger Stimme auf: »Cado, um alles, was dir heilig ist, tue du nur das nicht! Denn du bist im selben Augenblicke für ewig verloren, in dem der Stein deine Faust verlassen wird! - Die Macht dieser Geister, die du irrig für Ausgeburten meiner Phantasie hälst, ist unbändig; was sie ergreifen, das entreißt ihnen keines Gottes Macht mehr! Verhalte dich ruhig! Vielleicht gelingt es mir, sie zu beschwichtigen und sodann meine Befreiung mit dir ins Werk zu setzen!"

[RB.02_176,13] "Cado, der jetzt dem geheimen Einflusse der hinter ihm stehenden beiden Schutzgeister mehr und mehr ausgesetzt ist, spricht nun ganz ernstlichst: "Deine Worte sind gleich wie Seifenblasen, und es ist keine Wahrheit in ihnen! Du bist eine Lügnerin von jeher gewesen, hast aber dadurch niemanden mehr geschadet als gerade dir selbst. Darum sei versichert, daß ich allezeit nur das tun werde, was zu tun du mir am meisten widerraten wirst! Daher im Namem meines Gottes, meines Heilandes Jesus!«

[RB.02_176,14] "Hier wirft Cado den Stein dem ersten großen Unholde an dessen Drachenkopf. Ein fürchterlicher Knall wie aus tausend Kanonen vom schwersten Kaliber geschieht, als der Stein den Kopf des Unholds berührt. Und alles bis auf die Minerva verschwindet, die nun bebend auf einem Sandhaufen ganz nackt steht und sich vor dem Cado zu verbergen sucht, was ihr aber nicht gelingt.

[RB.02_176,15] "Cado aber fragt sie: »Nun, Holde, wie siehst du nun aus?! Wo ist die von dir mir angedrohte Gefahr?! Und wo sind nun die gar so drohend aussehenden Machtgeister, die ehedem Himmel, Hölle, Gott und alle Erde mit einem Bisse zerstören und dich Arme der Untreue wegen auf das beispielloseste züchtigen wollten?! Wo, wo sind sie nun? - Sieh, es tut sich nimmer mit deiner Kunst! Sie ist keines Schusses des schlechtesten Pulvers mehr wert, und es ist alle deine Mühe vergeblich! Du kommst mir nicht mehr aus! - Sieh, ein anderer würde dir nun fluchen und dich auch züchtigen nach Gebühr, so er meine Macht besäße! Aber ich vergebe dir alles! Nur folgen mußt du mir, sonst gebrauche ich eine Gewalt, der du mit gar nichts mehr einen Widerstand wirst leisten können! - Was wirst du nun tun? - Siehe, du bist verlassen von allem, was dir je irgendeinen Schein von einer Macht verliehen hat. Nichts hast du außer mich und deine unbeschreibliche Formen-Schönheit! Lehne dich daher frei- und festwillig an mich, und ich werde dich einen rechten Weg führen, nicht einen Weg der knechtischen Demütigung, sondern einen ganz freien Weg der wahrsten Liebe meines Herzens zu dir! - Aber frei mußt du mir folgen!«

[RB.02_176,16] "Spricht die tiefst beschämte Schein-Minerva: »Ja, ja, ich will, ich werde, ich muß dir folgen! Aber nur einen Schritt näher zu mir tue auch du, so du wirklich eine Liebe zu mir in deinem Herzen hast! Denn da ich mich dir nun schon über tausend Schritte genähert habe, so könntest du ja doch auch einen Schritt näher zu mir her wagen!«

[RB.02_176,17] "Spricht Cado: »Du weißt nun ja, daß ich einer bin, der auch nicht um ein Haar mit sich handeln läßt und nie deinem Verlangen eher folgen wird, als bis du dich auf dem Standpunkte völliger Umwandlung deiner urbösen und ungetreuesten Gesinnung befinden wirst. - Daher unterlasse für die Folge alle deine Anforderungen an mich! Denn sie werden kein Gehör finden. Ich bin böser als du, obschon deine Urbosheit die Unendlichkeit mit dem härtesten Gerichte hätte erfüllen können. Aber da zu deiner Wiedergewinnung aller Engel Mühe an deinem unbeugsamen Starrsinn scheiterte, so muß dich ein Teufel der Teufel dahin wiederbringen, von wo du ausgegangen. Aber dieser Teufel ist kein Teufel deiner Art, sondern einer ganz andern Art! Seine Macht hat er von oben; aber sein Wesen gehört der Hölle an.- Kennst du solch einen Teufel? - Du allein bist sein Lohn - den er aber verschmähen wird, so er ihm nicht frei, sondern gezwungen zuteil wird! Darum folge mir!«"

 

177. Kapitel – Minerva wittert eine List der Gottheit. – Cado erklärt ihr den Grund. Ein Kleid fällt vom Himmel. – Minervas Neugier.

[RB.02_177,01] Miklosch berichtet weiter: "Spricht die Minerva: "Freund Cado, wahrlich, ich liebe dich! Es ist wohl die erste wahre Liebe, durch die mein Herz je bewegt ward. Aber so du mir zuliebe denn schon gar nichts tun willst, so tue mir doch den Gefallen und erkläre den Grund von solcher deiner Hartnäckigkeit gegen mich! Denn es muß da ein großer und zugleich allerfeinster Plan zugrunde liegen. Man hat mit mir etwas vor von der allerhöchsten Seite, und du bist deren verkapptes Werkzeug, entweder dir bewußt oder möglicherweise dir auch unbewußt! Der Plan muß mir enthüllt werden, sonst bringst du mich ungezwungen nicht um ein Haarbreit weiter von dieser wennschon höchst lockern Stelle! - Was wird es dir auch nützen, an mir selbst Gewalt zu üben?! So du dir mein Herz und meinen Willen nicht frei aus mir selbst dienstbar und innigst geneigt machen kannst, so hast du mit all deiner Gewalt an mir wenig oder nichts gewonnen. Denn du weißt, welch einen unbesiegbar hartnäckigsten Trotz ich der Gottheit selbst bieten kann und geboten habe; um wieviel mehr dir! Die Gottheit ist endlos mächtig und kann aus mir machen, was sie will - jedoch nur durch ewigen Zwang. Aber das Herz und der Wille sind mein und verstehen jeder Macht zu trotzen, und, verstehe! - auch der deinigen - obschon du der einzige bist, der meinem Herzen seit meinem Urbeginne am allernächsten gekommen ist. Und wäre es nicht also, so hättest du statt dieser meiner wahren Urgestalt schon lange ein allerhäßlichstes Scheusal vor dir! - Nun weißt du, wie ich bin und sein kann. Daher gebe mir, wie verlangt, den Grund an, warum du, bei aller meiner ersichtlichen Aufrichtigkeit gegen dich, mir gegenüber so unbeugsam bist!«

[RB.02_177,02] "Spricht Cado: »Was verlangst du von mir das, was ich dir frei, ohne daß du mich dazu aufgefordert hast, schon sonnenklar dargetan habe!? - Ich kann und darf in nichts eingehen, was du willst, weil ich dich dann nimmer freimachen könnte! Du mußt (daher) zum frei und ungezwungen dich in meinen Willen begeben und mußt ihn zu dem deinigen machen! So du das getan haben wirst, dann werde ich auch alles tun, was du aus dir selbst wollen wirst!«

[RB.02_177,03] "Spricht nun die Minerva: »Ja, ja, das ist gewiß, so ich nur das will, was du willst, dann wirst du freilich meinem Willen leicht nachkommen! Aber wo ist denn dann meine höchsteigene Willensfreiheit?!« - Spricht Cado: »In dem, daß du frei das willst, was ich will, und sonach deinen Willen mit dem meinigen zur Einheit machst! Denn ohne diese ist ewig an keine höhere, wahre Wirkung zu denken.«

[RB.02_177,04] "Spricht die Minerva: »Das ist mir zu dunkel! Ich verstehe dich nicht! Erläutere die Sache genauer!« - Spricht Cado: »O du sonderbare Trägerin alles Lichtes und Leuchtens, das da ausgegossen ist durch alle endlosen Räume! So du solche Dinge nicht fassest, die doch so klar sind, wie wirst du dann Tieferes aus dem ewig unversiegbaren borne der rein göttlichen, freiesten Weisheit zu erfassen imstande sein?! - Höre denn! So zwei Ehegatten miteinander in einem fortwährenden Hader sich befinden und das Weib nimmer in den Willen des Mannes eingehen will, so wird solch eine Ehe wahrlich nie zu einer lebendigen Nachkommenschaft kommen. - Man kann da freilich auch sagen: Ja, dasselbe kann auch vom Manne gelten! - Das ist richtig, so der Mann nachher stützig (unsinnig, störrisch) würde und zu seinem Weibe sagen möchte: Ich erkenne meinen alleinigen Willen in deinem Begehren. Aber weil er nun auch dein Wille ist, so will ich ihn nicht! Siehe, das wäre eine große Torheit von seiten des Mannes, und das Weib hätte dann das vollste Recht, dem Manne keines seiner Begehren zu erhören. Aber da das Weib schon gleich Anfangs der Ehe in das Begehren des Mannes eingeht, ohnedem es nie eines Mannes Weib werden könnte, und dadurch des Mannes Willen zu dem ihrigen macht - so hat dann im Stande der Ehe auch das Weib aus dem vom Manne in sich aufgenommenen Willen das vollste Recht, auch aus ihrem eigensten Willen etwas zu verlangen, was ihr dann ein weiser und redlicher Mann auch sicher gewähren wird, wenn das Verlangte nur irgend mit seinem Willen in einem harmonischen Einklange steht. Es müßte des Weibes Verlangen nur an und für sich ganz das Gegenteil wollen von dem, was sich in der Ordnung des männlichen Wollens ausspricht, in welchem Falle dann der Mann freilich, um sich selbst nicht zu vernichten, dem Begehren des Weibes nicht nachkommen könnte. Solch ein Begehren des Weibes aber wäre dann auch der alleroffenbarste Ehebruch, durch den der schwächere Teil dem Gerichte aus ihm selbst verfiele, weil keine Kraft für sich ganz allein sich als wirksam erhalten kann, und so sie erhalten werden soll, auch in eine Gerichtskammer eingesperrt werden muß, wie es mit dir nun schon nahezu eine Ewigkeit der Fall ist. Denn wäre über dich nicht sogleich ein hartes Gericht verhängt worden, so beständest du schon ganz entsetzlich lange nimmer!

[RB.02_177,05] "»Aber nun sollst du wieder frei werden und deshalb in eine rechte Ordnung eingehen! Und darum mußt du zuerst in meine Willensordnung eintreten, damit dadurch dann auch dein eigener Wille frei wird. - Mache wenigstens einen Versuch! Behagt es dir nicht, nun, so kannst du ja immer in dein altes Gericht zurückkehren!"

[RB.02_177,06] "Spricht die Minerva heitereren Angesichts: »Nun denn, auf diesen deinen Antrag will ich eingehen! So mir der Rücktritt, wenn mir der neue Zustand nicht behagen sollte, nicht verwehrt ist - dann sei es, wie du willst! - Aber ich bin nackt und schäme mich vor dich also hinzutreten! Verschaffe mir ein Kleid, und ich werde sogleich mich zu dir hinbegeben!« - Spricht Cado: »Auch das kann ich dir nicht eher gewähren, als bis du meinem ersten Verlangen nachgekommen sein wirst. - Komm her und siehe soeben ist ein herrlich Gewand wie vom Himmel herab zu meinen Füßen gefallen! - Es ist für dich - in einer Art, wie die Himmel noch kein ähnliches gesehen haben! - Also komm und nimm es als ein würdiges Brautkleid aus meinen Händen!«

[RB.02_177,07] Miklosch in seinem Berichte fortfahrend: "Die Minerva stutzt nun ein wenig und richtet ihre großen, feurigen Augen nach der Stelle hin, wo nun im Ernste bei den Füßen Cados ein Gewand, in ein rotes Tuch eingewickelt, sich befindet. Sie möchte es wahrscheinlich näher besichtigen und sehen, ob es ihrer Annahme wert sei. Sie strengt sehr ihre Augen an, um etwas vom eigentlichen Kleide zu erspähen. Aber es ist so gut in das rote Tuch eingewickelt, daß nirgends etwas von demselben zu erspähen ist. - Die Neugierde der Minerva wächst stark. - Bin denn nun doch wahrlich selbst voll Neugier, was dies allestützigste und mit allen bösesten Salben geschmierte Satanswesen jetzt tun wird!? Herr, unser allerbester, liebster, heiligster Vater Jesus! Wird dies Wesen, dieser alte Lügner, sich wohl einmal bekehren für immer? Und wird es dann besser werden auf den Weltkörpern, besonders auf unserer Erde?"

[RB.02_177,08] Rede Ich: Mein liebster Freund Miklosch! Das wird alles die Folge zeigen! - Betrachte du nur den ferneren Verlauf der Szene und mache dieser Gesellschaft einen Dolmetscher wie bisher, und du wirst samt allen diesen Brüdern und Schwestern ins klare kommen! - Daher gebe jetzt nur weiter acht!"

 

178. Kapitel – Minerva lenkt ein und nähert sich. Letzte Schritte vor dem Ziel.

[RB.02_178,01] Miklosch kehrt nun wieder seine Augen der Szene zu und spricht nach einer Weile: "Aha, aha, die Minerva wird nun ganz unruhig, und man sieht es aus jeder ihrer Bewegungen, wie sie nur zu gerne das rote Bündel vor sich enthüllt hätte!

[RB.02_178,02] "Cado merkt solches gar wohl und fragt sie: »Bist du denn an den Boden geheftet? Erhebe deine Füße und begebe dich hierher! Da wirst du es leichter haben, in das Geheimnis dieses Bündels zu dringen, als von deinem gegenwärtigen Standpunkte. Bist du aber angeschmiedet auf deinem Boden, so sage es mir! Deine Füße will ich dir auch von hier aus frei machen.« Spricht die Minerva: »Ah, das ist keine Notwendigkeit, denn ich bin frei und kann gehen, wohin ich will! Wie sieht das Kleid aus? Geh. Sag mir's, lieber Cado!«

[RB.02_178,03] "Spricht Cado: »Nein, das kann nicht sein, wie vorderhand alles nicht, was du willst! Komme, und du wirst es sehen und dich darob sehr erstaunen!« - Spricht die Minerva: »Ei, ei, du bist aber doch hart! - Aber was will ich machen? - Muß ich aber auch in dich vernarrt werden! Nein, so etwas hat die Ewigkeit an mir noch nie erlebt! - Nun denn, ich will's wagen! Aber so du mir etwas tust, dann kehre ich sogleich wieder um und komme nie wieder zu dir zurück - verstehe, nie wieder!«"

[RB.02_178,04] Miklosch fortfahrend: "Nun verläßt die Minerva endlich nach so vielen allerartigen Gegenbestrebungen ihren Standpunkt, eine Art Glühsandhügel, und begibt sich sondierenden Schrittes hinaus zu Cado, hinter dem noch immer die zwei bekannten Freunde verweilen. Aber da sieh einmal hin! Im Augenblicke als die Minerva ihren unbeschreiblich reizend schönen Fuß an den vom Glutmeer freien Hügel setzt, verschwindet nun die Glut. Auch von der scheußlichen Grotte ist nichts mehr zu erschauen, und das greuliche Gebrause, Gepfeife und Gestöhne, wie das Gekrache und Gedonner sind verstummt! Ah, das tut unsereinem ordentlich wohl! Das Hochgebirge scheint auch etwas niederer geworden zu sein und hat den Charakter der Schroffheit nahezu ganz verloren. Nur hie und da sind noch einige nackte Felsen zu entdecken, so man den ganzen Gebirgszug von Punkt zu Punkt recht sorgfältig durchschaut. Kurz, die ganze Gegend bekommt nun ein recht artiges Aussehen und ist gerade nicht stark aber doch hinreichend erleuchtet. - Nun, nun, die Geschichte scheint sich machen zu wollen!

[RB.02_178,05] "Wahrlich der Cado ist ein Künstler in seinem Fache! Denn diese Prinzessin der Ewigkeit in sich verliebt zu machen - ich sage, ein Wesen, dem die Liebe fremder sein mußte als mir das Ende der Unendlichkeit, zu irgendeiner Zuneigung zu bringen - da gehört mehr dazu als zwei Ohren, zwei Augen, eine Nase, ein Mund und zwei Hände! Der Cado ist bis jetzt zwar noch ein sogenannter Teufel; aber ich habe wahrlich allen Respekt vor solch einer Teufelschaft. Nein, das ist ihm gelungen! Es muß aber auch eine Unbeugsamkeit in ihm sein, an der jede noch so diamantene Härte am Ende unfehlbar Schiffbruch erleiden muß. Charakter hat er und einen Mut, der ins grauenhaft Schauderhasteste geht! Ja, wenn man so etwas nicht selbst gesehen hätte, da wäre solch eine Erzählung das Unglaublichste, was ein Geist nur immer sich denken kann. Aber wir haben das Außerordentliche, noch nie Dagewesene mit unseren eigenen Augen angesehen und mit unseren offenen Ohren vernommen und können daher nichts anderes tun als staunen und Dich, o Herr, loben und preisen über alle Maßen, daß Du so etwas endlich einmal hast geschehen lassen. Nun ist aber auch zu erwarten, daß die gesamte Erde - vielleicht nach wenigen Stürmen - in ein Stadium übergehen werde, das allen Himmeln sicher sehr erwünscht sein wird.

[RB.02_178,06] "Aber gar zu sehr beeilt sich die Minerva gerade nicht bei ihrer Annäherung zu Cado! Denn ihre Schritte sind sehr klein und gemessen. Lungensucht wird bei solcher Bewegung sich die Schönste nicht zuziehen! Alle Augenblicke findet sie etwas am Boden, klaubt es auf, betrachtet es eine Weile und wirft es dann wieder hastig von sich. Mir kommt es vor, wie wenn am Boden gegen den Cado hin geflissentlich allerlei scheinbare Preziosem (Kostbarkeiten, Schmucksachen) verstreut wären, welche die Schlaue gewisserart stets näher und näher zu Cado hin verlocken sollen. Wahrlich, die List ist gar nicht übel! Ich kann mich erinnern, sogar auf der Erde in einer sybillischen Weissagung gelesen zu haben: »So aber der Satan bekehrt würde, da wird er auf Perlen und Diamanten einhergehen und wird sie verschmähen und ihrer nimmer achten. Dann wird die Hölle verschlossen werden, und die Ketten des Wahnes werden schmelzen wie Wachs an der Sonne.«

[RB.02_178,07] "Wahrlich, da sieht die Geschichte beinahe also aus! Sie kommt näher und näher und ist nun keine vierzig Schritte mehr von Cado entfernt. Bin wahrlich höchst neugierig, wie sich diese beiden empfangen werden! - Aha, jetzt muß sie etwas sehr Bedeutendes gefunden haben! - Mit großer Hast beugte sie sich zum Boden nieder und hob etwas wie ein Diadem auf, das sie nun recht beifällig betrachtet und bei dem sie keine Lust zeigt, es ebenso von sich zu schleudern wie die früher aufgeklaubten Dinge.

[RB.02_178,08] "Nun fragt die Minerva den Cado, sagend: »Freund, wer hat denn diese vielen Kostbarkeiten hier versteut? Sind sie für mich - oder sind sie für jemand anders zu einem neuen Falle gelegt? - Hier ist ein herrlichstes Diadem, meines Hauptes wert! Soll ich's behalten oder von mir schleudern?« - Spricht Cado: »Das Gute behalte und das Schlechte nur werfe von dir! - Klaube aber nicht zuviel auf! Denn zuviel von derlei Dingen würden dich derartig belasten, daß du kaum einen Schritt vorwärts tun könntest. Das Diadem behalte, aber weiter klaube nichts mehr auf! Verstehe das und sei folgsam!"

[RB.02_178,09] "Spricht die Minerva: »Ja, ja, ich komme schon, ich komme ja! Aber da liegt vor mir schon wieder ein allerherrlichstes Armband! Ah, das ist wunderschön! Du Cado - geh, erlaube, daß ich das noch aufhebe! Denn das ist meines Armes würdig!« - Spricht Cado etwas ungeduldig: »Ei, ei, du schmuckgieriges Wesen, lasse liegen das verlockende Armband! Denn dein Arm ist ja ohnehin so unendlich schön, daß er für sich allein als ein Schmuck alles Schmuckes betrachtet werden kann! Wie könntest du ihn noch mehr schmücken wollen!? Hier aber zu meinen Füßen harret deiner ja ohnehin ein Schmuck, dem keiner in der ganzen Unendlichkeit gleichkommt. Daher verweile dich nicht über dem Gassenkehrichte, sondern komm und nehme eiligst von dem Besitz, was für dich bereitet ist!«

[RB.02_178,10] "Die Minerva kommt nun, das Armband von sich werfend, schnell in die Nähe des Cado. Nur drei Schritte trennen sie noch. - Sie spricht nun zu Cado: »Freund Cado, sieh, soweit bin ich dir entgegengekommen; es waren sicher bei dreitausend Schritte! Drei einzige Schritte fehlen noch. Diese wirst wohl du mir entgegengehen können! Ich sehe es dir nur zu sehr an, wie du vor mir glühst und mit welch einer noch nie dagewesenen Liebegier du mich nun an deine Brust drücken möchtest! Meine wahrlich zu mächtigen Reize machen erbeben dein ganzes Wesen. Du liebst mich unaussprechlich. Das sagt mir deine glühende Brust; das sagen mir deine Augen! Tue mir daher den kleinen Gefallen und mache nur diese drei kleinen Schritte zu mir!«

[RB.02_178,11] "Spricht Cado: "Endlos Schönste! Es werden noch himmlische Zustände kommen gleich wie irdische Zeiten, da ich dir Millionen Schritte entgegeneilen werde. Aber hier erheischt es eine allerfesteste, für dein alleiniges Wohl berechnete Ordnung, daß ich zuvor keinen deiner noch so beachtlichen Wünsche erhören darf, als bis du alles das erfüllt haben wirst, was ich von dir verlange und verlangen muß. - Daher mache auch noch die drei kleinen Schritte,- da du schon die dreitausend hast machen können!«

[RB.02_178,12] "Spricht die Minerva: »Wer bemüßigt dich denn, von mir all das zu verlangen? Wer ist dein Gesetzgeber?« Spricht Cado: »Niemand mir bewußtermaßen kann mir vorschreiben, was ich von dir verlange. Ich selbst bin mein höchsteigener Gesetzgeber und lasse mir weder von irgendeiner Gottheit noch von irgendeinem Teufel etwas vorschreiben. Du bist doch der oberste Gebieter aller Teufel und dazu schön wie ein Augapfel Gottes. Und sieh, deine Worte finden kein Gehör bei mir! Und ich war ehedem vor Gott durch dessen zwei größte Geister, und sie waren gut und weise und zeigten mir Himmel und Hölle, auf daß ich mich entschiede für eines oder das andere. Und sieh, ich wollte den Himmel nicht und verstand der Hölle den gerechten Hohn zu sprechen! Ich sah ein wahnsinnigstes Unternehmen, dem ewig nie ein Gelingen folgen kann. Es ward sodann von dir auf mich Fahndung gemacht auf alle mögliche Art und Weise. Alle deine Trugkünste aber scheiterten an der Härte meines Willens und an der Festigkeit meiner Absicht, dich vom Joche deiner eigenen Blindheit endlich zu befreien! Sage doch, wer könnte mir so etwas vorschreiben?

[RB.02_178,13] "»Sieh, in der ganzen Unendlichkeit gibt es kein Wesen, dem ich gehorchen würde, so es mir geböte: ,Tue dies, oder tue jenes!' Denn ich bin ein Herr meiner selbst und kümmere mich um niemand anders, außer allein um dich, weil du mir so unendlich gefällst und weil du nach Gott als erstes, größtes, vollendetstes und mächtigstes Wesen in der ganzen Unendlichkeit dastehst, das nun im vollsten Sinne wieder das werden soll, was es der ewigen und höchsten Weisheit Gottes zufolge hätte werden sollen. Ich allein fühle in mir die Bestimmung, die ich mir selbst gebe, dich also umzugestalten. Aber das geht aus keinem andern Wege als gerade auf dem nur, den ich dir vorschreibe - aus welchem Grunde ich dir aber in gar nichts eher nachgeben kann, als bis du all dem, was ich verlange, bis auf ein Haar nachgekommen sein wirst. Daher also nun keine Zauderei mehr mit den drei Schritten, sonst wirst du noch lange nicht zu deiner Urschönheit und Würde gelangen!«

[RB.02_178,14] "Spricht die Minerva: »Weißt du, mein wirklich und im vollsten Ernste geliebter Cado - es ist alles richtig und wahr und gut und herrlich, was du mir nun gesagt hast! Ich will und kann dir da nichts einwenden; aber so uns für alle Zukunft die eigentliche Liebe leiten soll, so verstehe ich nicht, wo du diese hernehmen wirst, da du nun mir zuliebe dich auch nicht um ein Haar von der Stelle rühren wirst! Siehe, ich will noch zwei Schritte tun! Den einen, letzten aber mußt du tun, und sollte ich daraus eine Ewigkeit harren! Denn nun ist ja bei mir ohnehin an keine Umkehr mehr zu denken, da ich mich dir schon so weit habe gefangen gegeben! Tue mir daher diesen kleinen Gefallen!«"

 

179. Kapitel – Endkampf und Wendung. Das stolze Urwesen Satanas kommt wieder – Cado bleibt fest. Gleichnis vom rettenden Lotsen.

[RB.02_179,01] Miklosch berichtet weiter: "Spricht Cado: »Aber endlos Holdeste, warum verlangst du denn etwas von mir, das ich ohne dein Verlangen getan haben würde - aber nun nicht tun kann, weil du es von mir verlangst!? O du unverbesserliche Krone der Unendlichkeit! Nun mußt du ohne Gnade und Barmen auch den letzten Schritt tun, den ich sonst unfehlbar getan hätte! Ich bitte dich um deines eigenen, höchsten Vorteiles wegen, verlange für die Folge nichts mehr von mir. Denn ich darf und kann dir nicht eher auch nur den leisesten deiner Wünsche gewähren, als bis du völlig in meinen Willen eingegangen sein wirst. Sieh, nur einen Schritt noch, und die ganze Unendlichkeit ist gerettet und befreit vom härtesten Joche eines ewigen Gerichtes! Und du sollst als das glücklichste Wesen leuchten mit dem Lichte aller Sonnen, die der unendliche Raum fasset!"

[RB.02_179,02] "Spricht die Minerva: »Ja, ja, das glaube ich schon, das könnte wohl sein - wenn ich nur so dumm sein könnte, das zu tun, dir beliebt, von mir zu verlangen! Aber diese Dummheit fehlt mir, und das ist eben sehr traurig für deine stark glänzenden Aussichten für mich. Es fehlt freilich nur mehr ein einziger, kleiner Schritt. Aber so ich ihn aus meinem freiesten Wollen heraus durchaus nicht machen will und jeder deiner Beredungen den weidlichsten Hohn ins Angesicht lachen kann und auch werde - durch welches Mittel wirst du mich dann zu zwingen imstande sein? Äußerlich ja, aber innerlich ewig nimmer!!

[RB.02_179,03] "»Denn wisse, ich bin ein Wesen, aus dem die Unendlichkeit alle ihre Wesen hat. Ich bin ein Wesen der Wesen - die ganz gleiche negative Machtpolarität, wie da die Urgottheit die positive ist! Ich bin der endlos große Boden, auf dem die Urgottheit ihre Werke erbaut! Und, verstehe und fasse das wohl, du unendliches Nichts vor mir - du willst mir durch einige elende Worte dir, dem nichtigsten Staube, untertänig und zinsbar machen und mich etwa bestechen durch deine endlos dummen Schmeicheleien, an denen wohl eine feile Landdirne ein Wohlbehagen finden kann, aber nicht ich, als das erste und vollendetste Wesen in der ganzen Unendlichkeit! O du elendester Dummkopf? - Wohl sehe ich dich beben vor Wollust in allen deinen Eingeweiden und (erkenne) deine große Gier nach einem Vollgenusse in meiner Umarmung. Aber mache dir ja ewig keine schmutzigen Gedanken, so du diesen letzten Schritt für meine Gunst und Liebe nicht wagen willst! - Ich mache keine Linie mehr - mein festester Wille!«

[RB.02_179,04] "Spricht Cado: »Oh, schau, schau, wie gescheit du nun auf einmal bist! Aber schau, so gescheit wie du nun bist und allzeit warst, so gescheit ist unsereiner zum Glück wohl auch! Du willst mich eine Ewigkeit auf diesen einen und letzten Schritt harren lassen?! Ich wünsche dir selbst dazu recht viel Geduld! Denn meiner Geduld wirst du dennoch nie Meisterin werden? - Was macht es mir? Ich habe dich zu meinem Vergnügen! Der eine Schritt hindert wenig! Aus meinem Wollen heraus kann ich mit dir tun, was mir nur immer beliebt. Und somit brauche ich eigentlich nichts mehr, was da meinen Vorteil betrifft, und werde daher wegen dieses einen Schrittes mit dir sehr wenig Worte mehr verlieren. Daher verharre du, so es dir beliebt, nur immerhin in deiner Stützigkeit! Ich werde dadurch gar nichts verlieren. In meinen Klauen habe ich dich einmal. In einen Drachen kannst du dich auch nicht mehr verwandeln, und so ist es mir eigentlich so lieber, wenn du so bleibst, die du nun dich gestellt hast! Juchhe, Viktoria! Na, das wird ein wahrhaft lustiges ewiges Leben werden! Brot und Wein habe ich auch schon, wie ich nun bemerke! Darum noch einmal juchhe! - Brav, brav, Minerverl, das hast du gut gemacht! Juchhe, juchhe, juchhe!«

[RB.02_179,05] "Spricht die Minerva ganz verdutzt über solche Verwandlung des Cado: »Das hätte ich nie geglaubt, daß du ein so feiner Halunke wärest! Ich möchte nun vor Galle zerbersten, daß ich gerade dir nichts abgewinnen kann! Aber traue dir nicht zuviel zu! So ich in die große Vorratskammer aller meiner Kniffe und Pfiffe greife, so möchtest du wohl sehr übel bedient werden! Wenn ich aber nur der verdammten Liebe zu dir loswerden könnte, da ginge die Sache gleich anders. Aber da steckt eben der Knoten, den bisher niemand zu lösen wußte durch alle Räume und Zeiten der Zeiten! Und gerade du mußt meine Schwäche durchschauen! - Das ist schmählich, überschmählich! - Nein, das halte ich nicht aus! Verflucht sei, der dich gebildet hat! Aber warte nur, du sollst an mir noch zu lecken haben, du sollst an mir deinen Satan kennenlernen!!«

[RB.02_179,06] "Spricht Cado nun ganz phlegmatisch: »Oh, das macht nichts! Juchhe! Ich habe dich einmal und damit die endlos größte und reizendste Schönheit, die sich nicht mehr verhäßlichen kann; und das genügt einem Cado vollkommen! - Übrigens ist es dir deshalb nicht verwehrt, den verlangten letzten Schritt zu tun. Wenn es dir also langweilig genug wird, dann wirst du etwa meinem Verlangen wohl von selbst nachkommen. Bis dahin aber nur juchhe, juchhe, juchhe! Denn ich habe dich, du mein allerholdestes Minerverl du!«"

[RB.02_179,07] Miklosch in seinem Berichte fortfahrend: "Die Minerva möchte nur zerbersten vor Zorn. Sie möchte sich überaus gerne in ein recht scheußliches Wesen verwandeln; aber es geht nicht. Auch möchte sie ihre Scham bedecken; aber sie findet nichts, das sie dazu benützen könnte. Sie bemüht sich, zu fliehen von dieser Stelle, aber ihre Füße sind wie auf den Boden geheftet. Nur gegen den Cado kann sie den Fuß erheben. Will sie sich aber auf eine andere Seite hin wenden und ihre Beine zur Flucht benützen, so bringt sie keinen Fuß vom Boden. - Sind aber das doch wohlgeformte Füße! Diese Rundung, diese zarteste Weichheit und dieses unbegreiflich schönste Ebenmaß in allen Teilen! Ojemine, ojemine! Wahrhaftig wahr, da wird sogar unsereinem sehr warm bei der Betrachtung dieser wahrhaft gigantischen Schönheit! Nein, dem Cado alle meine Achtung! Wie er solch einer ungeheuersten und allerreizendst üppigen Schönheit gegenüber, die er nun im Ernste ganz in seiner Gewalt hat, eine solche Mäßigung beachten kann! Da gehört mehr dazu, als was ich bis jetzt begreife. Ich bin auf der Erde auch kein Unzüchtler gewesen, und mich ließen oft die größten irdischen Schönheiten kalt,- die freilich gegen diese allerechteste Venus aller Venusse ein Pfuhl gewesen wären. Aber vor dieser Schönheit kalt zu bleiben oder sich wenigstens kalt zu zeigen - allen meinen Respekt!

[RB.02_179,08] "Jemine, jemine! Wie sich die Minerva nun zornig stellt,- und wie sie den armen Cado verächtlich anglotzt - das ist ohne allen Vergleich! Sie bemüht sich über alle Maßen, ihr schönstes Gesicht zu verzerren. Aber je mehr sie es verzerrt, desto interessanter wird es. - Und der Cado sagt auch nun zu ihr: »Holdeste, gebe dir keine Mühe! Denn je mehr du dein Gesicht verziehst, desto interessanter und anziehender wirst du für mich! Du bist wahrlich eine Göttin!«

[RB.02_179,09] "Spricht die Minerva beinahe weinend vor Zorn: »So, das, auch noch dazu?! O du verfluchtes Leben, wenn es sich so zu gestalten beginnt! Bin ich denn keine Herrin, keine Fürstin aller Fürsten und Fürstinnen mehr?! Muß ich mich von solch einem allerdümmsten Esel beherrschen und bespotten lassen?! Kann ich denn nicht zurück, nicht dich auf ewig verlassen, du dümmstes Rhinozeros!? Hast du doch früher mir zugestanden, daß ich zurück kann, wann und wie ich Will! Was ist es mit dieser deiner Verheißung?!« -

[RB.02_179,10] "Spricht Cado: »Mit dieser Verheißung ist es so lange nichts, als du nicht völlig in meinen Willen eingehen wirst! Denn du bist und bleibst so lange im Gerichte, als du deines eigenen Starrsinnes Sklavin bleibst. - Siehe, so jemand in einer großen Gefahr sich befindet und ein in allen Gefahren bewanderter Lotse ihm Hilfe bietet durch die Kraft seiner Hand - er sie aber nicht ergreifen will, obschon er sich selbst gar nicht helfen kann - so wird er auch ebensolange der Sklave der Gefahr, in der er sich befindet, verbleiben, als er die angebotene Hilfe des Lotsen nicht ergriffen und sich derselben bestens bedient hat.

[RB.02_179,11] "»Siehe, so ist es auch mit dir der Fall! - Du stehst auf einer übers Meer emporragenden Spitze, auf die dich ein Sturm warf, der in dir selbst ausgeboren ward. Ich bin dir ein Lotse und reiche dir hier meine hilfreiche Hand, um dich von solch einer gräßlichen Gefahr wegzubringen und dich dann in eine vollste Freiheit zu versetzen. Aber du verschmähest meine Hilfe, deine blindeste, alles Zweckes bare, hochmütige Tollheit läßt dich nicht handeln, wie es dir allein frommen würde, sondern treibt dich nur an, alles das zu unternehmen und zu tun, was doch offenbar deinen Untergang früher oder später wird herbeiführen müssen. Und darum kannst du auch jetzt nicht mehr zurück wie es dir beliebt, sondern mußt hier auf dieser Klippe verweilen. Und so ich dich nicht verwahrete vor dem Untergange und hintan hielte die Wogen, die dich von dieser Klippe schon lange weigespült hätten - wo wärest du nun?

 

180. Kapitel – Cado erquickt sich an Brot und Wein. – Minervas Ärger. Cados deutliche Belehrungen über ihren Unwert.

[RB.02_180,01] Miklosch berichtet weiter: "Spricht die Minerva: »Ja, das kann ich, so ich's will. - Habe ich auch äußerlich hier keine wirksame Macht und Gewalt mehr, so kann ich aber dennoch in meinem Innersten von der hartnäckigsten Widerspenstigkeit sein und in dieser ewig verharren! Aber ich werde das wegen meiner dummen Liebe zu dir vielleicht dennoch nicht tun, sondern diese Sache reiflicher überdenken und, so ich darinnen im Ernste einen Vorteil für mein Herz entdecken werde, mich deinem Rate unterordnen. Aber wohlgemerkt, ich werde mich noch hübsch lange besinnen!« - Der Cado entgegnet ihr nun ganz gleichgültig und kalt: Ganz wohl, ganz wohl, meine Liebe! Gesagt habe ich dir bereits alles, und du wirst nun auch sicher alles wissen, was dir allein frommen kann. Je länger du aber auf deine völlige Umkehr wirst warten lassen, desto länger wirst du auch unglücklich verbleiben und desto schwerer diesen einen, letzten Schritt tun! - Das beachte danebenher auch!«

[RB.02_180,02] "Der Cado setzt sich nun nieder. Und da es ihn hungert und dürstet, so nimmt er etwas Brot und Wein und verzehrt beides. Und da er dabei ein gar so wohlbehagliches Gesicht macht, so muß seine Stärkung von einer großen Lieblichkeit sein. Die Minerva betrachtet den schmausenden sehr mißvergnügt und sagt mehr wie bei sich: "Na, na, ein hübsches Geschäftl das! Eine Lebensart hat er, und das eine von der ersten Klasse! Das muß er in der Schule der Bären und Wölfe sich zu eigen gemacht haben! Der Kerl frißt ja wie ein echter Wolf und säuft wie ein Walfisch! Er hat noch einen Becher und noch ein sehr gut aussehendes Stück Brot; aber seine Schroffheit läßt es ihm nicht zu, mir damit einen Antrag zu machen. Ich würde auch von solch einem Esel wohl ohnehin nichts annehmen! Aber es schickete sich doch hoffentlich, mir, der erstem Zelebrität (Berühmtheit, Größe) der ganzen Unendlichkeit, damit einen Antrag zu machen! Wie der Kerl aber frißt! Nein, an dem hat sich die Gottheit einen ganz gehörigen, bestgearteten Fresser bereitet! Der ist fähig, die ganze Schöpfung hohl zu fressen! Der Freßgiergeifer rinnt ihm ja wie einem hungrigen Wolfe aus den Mundwinkeln, das unsereins geradewegs darüber speien könnte!

[RB.02_180,03] "»Wenn ich mich nur auch so hinsetzen könnte! Aber nach abwärts dieses Hügels tut sich's nicht, weil das zu unbequem wäre; und anders ist es nicht tunlich, weil ich mich von diesem Esel nicht abwenden kann, da meine armen Füße wie gelähmt an diesen Boden geheftet sind. Und knie ich vor ihm der Rast wegen nieder, so könnte der Ochse das etwa ganz anders auslegen. Nein, das tue ich nicht! - Aber was tue ich denn? Etwas muß ich ja doch auch tun! Wenn ich nur jenes Bündel, in welchem sich für mich ein allerherrlichstes Gewand befinden soll, näher zu mir herziehen könnte, so hätte ich eine gar nicht üble Unterhaltung mit der Durchmusterung desselben. - Ist aber merkwürdig, wie dieser Kerl gerade wie mir zum ärgerlichsten Trotze in einem fort frißt und zu jedem Bissen einen tüchtigen Schluck Wein nimmt und sich nach mir aber auch nicht einmal umsieht! Na, der muß eine Liebe zu mir haben wie ein Holzscheit zum andern! - Anreden will ich ihn auch nicht. Denn täte ich das auch, wer steht mir dafür, daß er mir überhaupt eine Antwort gäbe?! Und das wäre für mich dann ja doch eine Kränkung, von der noch keiner Unendlichkeit etwas geträumt hätte? - Was aber tun? So zuschauen, bis er sich wird vollgefressen haben?! O das ist eine verflucht dumme Sachlage! - Aber warte nur, du grober Esel, es soll noch ganz anders werden mit der gerechten Folge der künftigen Zeitbewegungen!«

[RB.02_180,04] "Cado ißt noch immer ganz behaglich ein Stückchen Brot ums andere, nimmt manchmal einen Schluck Wein dazu und sagt nun wie zu sich: so Gott, das war doch ein herrlich Stückchen Brot und ein Wein! nein, das war ein Wein, der muß auf einer Sonne selbst gewachsen sein! Bin sonst, das ist wahr, ein grundschlechter und böser Kerl, schlechter als die ganze Hölle zusammen, und ich bilde mir darauf sogar etwas ein, daß ich mit meiner alleroffenbarsten Bosheit den Herrn Satan selbst vor mir zittern und gänzlich rat- und tatlos mache. - Aber jetzt wär' ich lamperlfromm und gut wie ein Esel! Juchhe, und den Herrn oder noch besser die schönste Frau Satana, nun umgetaufte ,Minerva', bei mir, mir untertänig! Juchhe, jetzt geht's gut! - No, no, no! Was machst denn du, mein allerholdestes Minerverl, für ein saures Gesichtl dazu, so es mir nun so recht pudelwohl geht? Darüber solltest du dich ja nur freuen und kein solches Sauerampfergesicht schneiden! Geh und sei guten Mutes und setze dich so recht behaglich und traulich zu mir her! So du das tust, soll's dir auch für den noch zu machenden letzten Schritt abgerechnet sein! - Geh, geh, Minerverl, und mache mir einmal so eine rechte Freude! Schau, alle himmlischen Wesen freuen sich mit und untereinander, daß es schon eine allerhellste Freude ist! Da sieh nur aufwärts, und du wirst es sogleich selbst entdecken, wie bunt es da durcheinander geht! Man möchte sogar selbst unter ihnen sein! Und wir beide, endlos edler und vollkommener als dies ganze bunte Himmelsgesinde, hocken da beisammen wie so ein paar kranke Esel mit ellenlangen Essigesichtern! Pfui, lassen wir uns doch nicht beschämen und seien wir noch zehn Male heiterer als alle die da über uns! - Geh, geh, geh und setze dich nur gleich zu mir her!«

[RB.02_180,05] "Spricht die Minerva ganz stolzen und beleidigten Gesichtes: »Halte dein Maul, grober, besoffener Lümmel! Was der Trottel nicht alles möchte! Schauet nur, gleich zu ihm soll ich mich setzen! Es wäre für ihn solch eine Unterhaltung freilich wohl so übel nicht; das kann ich mir ungefähr schon so ein bißchen vorstellen. Aber nichts da, Lippel! Solche Früchte, wie ich etwa bin, werden für derlei Esel wohl sicher ewig nimmer reif werden! Versteht Er das?!«

[RB.02_180,06] "»Nicht, nicht so, Minerverl«, spricht Cado weiter, »warum solltest du für mich nicht reif sein oder werden können?! O du bist schon sehr reif! Denn du bist auch schon schön alt geworden! Aber eine Passion wäre das nun, dich so recht con amore (nach Herzenslust) abzudrücken! Trillion tausend sapperment! Diese schönen und fetten, weißesten und zartesten Füße, diese Arme, dieser Nacken, dieser Busen! Und das Gesichtl! Nein, das wäre so eine Freude für unsereinen! Und nur ein einzigs Bußerl von diesen allerechtesten Rosenlippen! Oh, oh, oh, das wäre schon gar über alles! Daher, so geh und komme und mache meinem Herzen eine rechte Freude!«

[RB.02_180,07] "Spricht die Minerva: »O gleich, gleich, mein Herr Quasi-Gemahl und -Gebieter (gewissermaßen, sozusagen)! Sie wissen es ja, wie gerne ich solchen Wesen, wie Sie eines zu sein die allersauberste Ehre haben, folge, so Sie das oder sonst was wünschen. Oh, Sie können es gar nicht glauben, wie sehr ich Sie liebe! Beruhigen Sie sich daher nur noch ein wenig, so etwa auf einige wenige Ewigkeitchen, dann werde ich Ihren besoffenen Wünschen schon nachkommen! Jetzt wäre ich auch noch viel zu jung für Eure Majestät. Nicht wahr, das wäre wohl lustig, mich so recht nach Herzenslust mit rhinozerosgroben Händen abzudrücken? Ei, ei, es ist mir wirklich leid, daß ich Ihnen nicht sogleich dienen kann! Vertrösten Sie sich daher nur auf so ein paar Ewigkeitchen, mein Lieber!«

[RB.02_180,08] "Spricht Cado: »Wie es dir gefällig ist, das ist mir alles ganz ein und derselbe Teufel, ob um ein paar Ewigkeitchen früher oder später! In meiner unauflösbaren Gewalt bist du einmal, und mehr brauche ich zu meinem alleinigen Vergnügen nicht. Ich kann mich mit dir unterhalten, wie es mir nur immer beliebt, und du wirst es mir nicht verwehren können, da ich Kraft, Macht und Gewalt zur größten Übergenüge besitze, dich äußerlich zu meinem Vergnügen zuzurichten, wie es mir nur immer beliebt. Da ich aber nicht selbstsüchtig bin und mehr auf deine wahre Wohlfahrt sehe als auf die meinige - darum auch allein nur möchte ich dich aus deiner ungeheuren Torheit heben und dich so frei und glücklich, als nur immer möglich, machen. Aber so du lieber eine Sklavin deiner allerblindesten und abgeschmacktesten Torheit verbleibst - gut, so bleibe, was du bist, nämlich das dümmste und schlechteste Wesen in der ganzen Unendlichkeit! Mich wird das äußerst wenig bekümmern.

[RB.02_180,09] "»Hebe deine zwar überschönen, aber sonst über alle Begriffe dümmsten Augen empor und siehe, wie sich da oben Trillionen ihres göttlichen Daseins freuen, obschon sie wohl wissen, daß du das unglücklichste Wesen in der ganzen Unendlichkeit bist, und so kann auch ich, wennschon nicht in der edlen, himmlischen Art, mich nach meiner Art ewig ganz prächtig ohne dich beseligen. Ich muß dir auch noch das hinzugestehen, daß ich gerade von nun an gar nicht mehr darauf poche, dich für deine eigene Freiheit in Gott deinem Schöpfer zu gewinnen und dich somit zu bekehren. Denn ich weiß es ja so gut wie ein Gott, daß du ein allereigensinnigstes Luder bist und mit dir bis jetzt weder ein Gott noch irgendein Teufel je etwas ausgerichtet hat. Aber das alles stört mich nicht; denn ich habe dich einmal, wo und wie ich dich gleich uranfänglich haben wollte! Ich für mich bin, wie schon öfter gesagt, ganz vollkommen zufrieden. Du bist mein und bist unschädlich gemacht wie eine Natter, der man das Gift genommen hat. Willst du für dich selbst frei und glücklich werden, so weißt du nun zur Genüge, was du zu tun hast! Ewigkeitle du in deiner Dummheit nur fort! Denn von nun an wirst du von mir aus keine Einladung mehr erhalten. Gehabe dich nun wohl in deinem Wahne! Wie du säest, so wirst du auch ernten! Halte nur daran fest, daß da mir alles eins ist!«

[RB.02_180,10] "Nach diesen Worten fängt die Minerva sehr stark sich hinter den Ohren zu kratzen an und sagt: »Was wird denn dann mit meinem höchsten Ansehen, das ich bis nun in der ganzen ewigen Unendlichkeit genossen habe?«

[RB.02_180,11] "Spricht Cado: »Lasse dich um Gottes Willen doch deines eingebildeten Ansehens wegen nicht auslachen! Da sieh auf meinen Hintern her! Dieser, wahrlich so schmutzig wie ein Abtritt selbst, ist bisher bei aller Welt und bei allen besseren Geistern in einem unvergleichbar höheren Ansehen gestanden als du mit all deiner allergöttlichsten Primokreatur (Erstgeburt) Denn dich beschämt ja, was die reinere Weisheit betrifft, ein jeder Esel und Ochse. Wo aber ein Wesen, sei es äußerlich auch noch so schön, gar so entschieden dumm ist wie kein zweites mehr in der ganzen Unendlichkeit - da wird es mit dem wahren Ansehen etwa wohl einen so derben Faden haben, wie groß da sein dürfte der Durchmesser jenes Ankertaues, an dem die allmächtige Gottheit das große Schiff der ganzen Schöpfung durch die Kraft Ihres allmächtigen Willens befestigt. - Rede mir daher ja mimmer von einem vermeintlichen Ansehen, das du dir selbst und sonst noch kein Wesen je gegeben hat! Bilde dir ein, was du willst; aber verschone nur mich mit derlei nahe unaussprechlichen Albernheiten!«

[RB.02_180,12] "Spricht die Minerva: »Nun, nun, sei nur nicht gar so aufbrausend! - Ich glaube, so ich schon gar so dumm bin, da werde ich ja aber doch etwa noch wert sein, daß du dir mit mir eine kleine Mühe nimmst und mich belehrst, wo es mir fehlt!« - Spricht Cado: »O Liebste, dir fehlt gar viel, ja dir fehlt bloß - alles! Da werde ich noch vieles zu reden haben mit dir, obschon ich kein Freund des Redens bin.«

[RB.02_180,13] "Spricht nun wieder die Minerva: »Nun, nun, habe nur Geduld! Lehre mich recht und habe Geduld mit meiner Dummheit und Schwäche! Denn ich meine, so ich dann selbst dir zum Lohne werde, da dürftest du ja für deine Mühe etwa doch hinreichend entschädigt sein!« - Spricht Cado: »O allerdings, so du je zu belehren bist! Nimmst du aber wie bisher gar keine Belehrung wahrhaft an, so ist mir dann mein Hinterteil lieber als du, trotz all deiner noch so unendlichen Schönheit! Solches beherzige auch! Denn ich bin durchaus kein sinnlicher Teufel!«"

[RB.02_180,14] Miklosch in seinem Berichte fortfahrend: "Die Minerva kratzt sich nun schon wieder sehr stark hinter den Ohren, als hätte sie Läuse, sinniert ganz gewaltig, reibt sich die Stirne und scheint mit sich sehr uneins zu sein. - Cado aber wendet sein Gesicht nun gerade zu uns herüber und macht eine Miene, als ob er von uns so einen Wind hätte. Was mich aber sehr wundernimmt ist, daß er, da er doch all die Hinmmelsgeister über ihm gar wohl erschauen dürfte, die zwei neben ihm stehenden, Robert-Uraniel und dessen Begleiter Sahariel, nicht zu ersehen scheint. Denn da macht er gar keine Miene, als nähme er jemanden hinter sich wahr."

 

181. Kapitel – Bathianyi und Miklosch über diese Szene. Minerva macht den letzten Schritt. – Das Himmelsgewand als Lohn. Mögliche Folgen der vollen Erlösung Satanas.

[RB.02_181,01] Sagt nun der Graf Bathianyi, den diese Szene schon ein wenig zu langweilen beginnt: "Freund Miklosch, du bist wahrlich ein prächtiger Wiedergeber des Geschauten, und es ist äußerst interessant dich anzuhören. Aber was wahr ist, das ist wahr - diese Geschichte zwischen dem wohlkondizionierten Cado und der sogenannten Minerva, die besser Luziferina oder geradezu Satan hieße, wird etwas langweilig! Ich bewundere nur die ungeheuere Geduld des Herrn, wie auch die der Erzväter, der Propheten und Apostel! Diese betrachten diese nun höchst einförmig gewordene Szene, als läge da, Gott der Herr weiß es, was für eine ungeheure Wichtigkeit darin! Ich für mich finde nun stets weniger daran. Es bekommt die ganze Geschichte mehr und mehr das Gesicht eines allerfadesten Romanes, der so angelegt ist, daß er sich ganz kommod (bequem) eine ganze Ewigkeit fortspinnen kann. Der Cado verdient wahrlich allen Respekt! Aber die Minerva ist ein feines Luder, ein wahrer Proteus (Zauberer und Halbgott der griechischen Sage), der sich in alle Gestalten, Formen und Elemente verwandeln kann und somit auch gar nie zu fangen ist. Cado ist zwar wohl ein höchst politisch feiner Kauz. Aber sie ist bei all ihrer Luderei dennoch pfiffiger als er, und ich fürchte sehr, daß es ihm bei all seiner wahrlich wunderbaren Charakterstärke nie gelingen wird, sie zu diesem letzten Schritte zu bewegen. Sie stellt sich zwar hie und da, als wäre sie blöde. Aber von ihrem innersten, verborgenen Plane läßt sie weislich ja nichts merken. Er solle sie lehren! - Von dem Unterrichte möchte ich mir auch ein Exemplar ausbitten! Auskosten will sie ihn ganz! Dann wird sie schon wissen, was sie tun wird! - Oh, das ist eine Canaille non plus ultra! - Gib jetzt nur wieder weiter acht, Bruder und Freund Miklosch! Du wirst sehen, daß ich recht habe!"

[RB.02_181,02] Sagt Miklosch: "Lassen wir das alles nur dem Herrn über! Ich meine, daß da am Ende schon alles recht werden wird. - Sagt Bathianyi: "Ja, ja, das meine ich auch; es wird am Ende alles gut werden! Aber wann wird dies Ende kommen?! Wir werden es wohl sicher erleben, weil wir ewig leben werden; aber der Faden der Ewigkeit ist ein ganz entsetzlich langer, und die Meilenzeiger sind auf diesem ewigen Fadenwege der Ereignisse und Zustände ganz entsetzlich weit auseinandergerückt. Über welchem dieser endlos vielen Meilenzeiger aber der Herr das große »Finis coronat opus (das Ende krönt das Werk) geschrieben hat, das weiß nur Sein heiliger Geist, wir alle zusammen aber wissen so viel als nichts. Und es ist unsereinem daher sehr gut zu verzeihen, so man bei der nur sicher zu sehr ersichtlichen Lumperei der schönen Minerva notgedrungen auf die Idee geratet, daß diese Geschichte zwischen dem Cado und der sogenannten Minerva wohl schwerlich ewig je zu einem Ende kommen werde."

[RB.02_181,03] Spricht Miklosch: "Weißt du, Bruder, was da mich betrifft, so kümmert mich das nun im Grunde sehr wenig. Im übrigen interessiert mich diese Geschichte ganz außerordentlich, denn das ist sicher keine Alltagsgeschichte! Zwei allerdurchtriebenste Geister der Hölle liegen sich in den Haaren, und es wird sich da bald zeigen, welcher von ihnen den Sieg davontragen wird! - Ich halte es noch immer mit Cado." Spricht Bathianyi: "Ich auch! Denn am Ende, so es überhaupt ein Ende gibt, soll denn doch hoffentlich die gute Sache obenauf zu stehen kommen. Aber dafür steht die Geschichte noch ganz verzweifelt schiefrig da! - Sehe du aber jetzt nur wieder hin zu dem sonderbaren Dunste und erzähle uns nach deiner ausgedehnten Weise, was dort vor sich geht."

[RB.02_181,04] Miklosch schaut hin und sagt: "Schaue auch du, so wie ich, gleichfort hin, und du wirst nun ja ebenfalls ersehen können, wie die Minerva nun ganz freundlich dem Cado die schönste Hand reicht und dieser dafür zu ihr sagt: »Das nützt dir nichts, denn alles, was du mir aus deinem Wollen zur Annahme anträgst, kann und darf ich nicht eher annehmen, als bis du alles Verlangte, also auch den letzten Schritt gemacht haben wirst! Hebe den Fuß und setze ihn an den meinigen her, dann hast du deine Aufgabe gelöst und bist zu deiner Freiheit wieder gelangt! - Von da angefangen werde ich dann, wie ich es dir oft genug versprochen habe, auch manches tun können, was du von mir wünschen wirst!«

[RB.02_181,05] "Spricht die Minerva: "Nun denn, um zu erfahren, wie du dein Wort halten und was du mit mir machen wirst, so hebe ich meinen rechten Fuß vom Boden und setze ihn an den deinigen hin! Alle Himmel und alle Höllen sollen mir ein lautestes Zeugnis geben, ob ich jemandes Willen je so weit nachgekommen bin wie dem deinigen! - Aber wehe, wehe, wehe dir Cado, so du mich nur im geringsten hintergangen haben solltest, da ich dich liebe! Ich müßte an dir die fürchterlichste Rache nehmen, eine Rache, die noch nie da war!!«

[RB.02_181,06] "Die Minerva hebt nun ihren rechten Fuß im Ernste vom Boden und setzt ihn ganz zum Fuße des Cado hin und sagt: »Nun habe ich erfüllt, was du verlangtest von mir! - Und jetzt, was wirst du wohl tun?!«

[RB.02_181,07] "Spricht nun Cado: Hebe auch den andern! Dann erst hast du die dir gegebene Bedingung ganz gelöst, und ich werde dir dann alles sagen, was ich tun werde! Im Grunde habe ich es dir schon ohnehin gesagt, was darnach geschehen werde, so du dir meinen Willen wirst zu eigen gemacht haben. Aber da du stets ein sehr kurzes Gedächtnis zu haben scheinst, so werde ich darnach das schon zu öfteren Malen Gesagte ganz kurz wiederholen. Aber zuvor muß der letzte Schritt ganz und nicht nur bloß zur Hälfte gemacht werden! - Darum also noch mit dem andern Fuße aus der Gefangenschaft, und es wird dann sogleich alles andere in der besten Ordnung sich befinden!~

[RB.02_181,08] "Spricht die Minerva: »Nun, mir scheint, daß deine sauberen Begehrungen an mich nimmer ein Ende nehmen werden! Wie kann ein ganzer Schritt, der stets nur nach der Vorwärtssetzung des einen Fußes gerechnet wird, darum nur ein halber Schritt sein? Siehe, das ist ein reinster Unsinn! - Aber weil ich schon so viel getan habe, so will ich auch noch das tun! Aber sehe dich vor, daß ich dich dann ja nicht verlasse! Denn du weißt es, daß mir dann der freieste Abzug und Rücktritt in meinen vorigen Zustand gestattet ist, und zwar als eine Hauptbedingung zu dieser meiner mich unter alles Denkbare entwürdigenden Handlung nach deinem Willen.«

[RB.02_181,09] "Nun hebt die Minerva im Ernste auch den zweiten Fuß nach und sagt: »Jetzt ist es vollbracht! Ich habe deinen Willen ganz erfüllt! - Nun was geschieht jetzt?« - Spricht Cado: »Endlos Holdeste! Hier löse das Bündel auf! Nimm das Gewand heraus und bedecke deine mein ganzes Wesen zu mächtig aufregenden bloßen Reize!«

[RB.02_181,10] "Die Minerva beugt sich sogleich nieder, löst das Bündel auf, und als sie im selben ein karminrotes, mehr als die Sonne hellst strahlendes Kleid, mit einer schweren Menge strahlendster Diamanten und Rubinen besetzt, erschaut, erschrickt sie vor dieser ungeheuern Lichtmasse, so daß sie, von einer barsten Luftschwäche angewandelt, förmlich zu Boden sinkt und nun in einer Art Betäubung beinahe ohne Regung vor Cado liegt.

[RB.02_181,11] "Cado fragt sie nun, sagend: »Nun Minerva, wie ist es dir?! Gefällt dir das urkönigliche Gewand!? - Habe ich dich angelogen oder habe ich dir die Wahrheit gesagt? - Was hältst du nun von mir?«

[RB.02_181,12] "Die Minerva, vor lauter Staunen kaum der Sprache mächtig, sagt mit einer etwas bebenden Stimme: »Cado, Cado, das ist zu viel, zu groß, zu herrlich! Ich kenne doch alle Himmel und deren Einwohner - aber mit solch einem Kleide habe ich allda noch nie jemanden angetan gesehen, nicht einmal die Gottheit in ihrem unzulänglichen Lichte? - Wie soll ich nun, aus meiner ärgsten und tiefsten Verworfenheit kaum ein wenig auftauchend, solch ein Feuergewand anzunehmen und am Ende gar zu tragen imstande sein!? Ich habe daran zwar eine unbeschreibliche Freude; aber anzuziehen, wage ich es wahrlich nicht! Denn das Tiefste der Hölle kann nicht so bald mit dem Höchsten der Himmel einen zu schnell veranlaßten Bund eingehen! Dazu gehört noch eine lange Zeit, in der ich über mein langes höllisch-grundböses Wirken und Handeln nachdenken und mich über dasselbe mehr und mehr werde hinaussetzen können. Denn wohl bedenke, daß ich der Urgrund alles Bösen und alles Gerichtes bin! Wie und wann ich mich aber über diese meine höchst böse Stellung werde erheben können - o Cado, wie sehr ferne noch ist eines solchen Zeitraumes Herbeikommen!"

[RB.02_181,13] "Spricht Cado: »Törin, zähle die Sonnen im endlosen Raume, zähle die Planeten alle, die nicht selten zu Trillionen wie Atome im Äther um eine einzige und letzte Zentralsonne umherkreisen, die noch lange keine Haupt-Zentralsonne ist! Zähle den gerichteten Sand nur eines kleinsten Planeten! Summiere alle die atomistischen Materiepartikeln, die im endlosen Äthermeere des ewigen Raumes als gerichtet rasten und über ihren kleinen Rücken das Licht von einer Unendlichkeit zur andern tragen müssen! Sieh, alles das ist arg gerichtet aus deinem höchsteigenen Gerichte! Wie lange wohl müßtest du da zählen und wie viel denken, bis du den Grund eines jeden gerichteten Atoms der ganzen Unendlichkeit durchsähest und durchdächtest, um dich in dir selbst dann darüber hinaus erheben zu können!? Sieh, das wäre im höchsten Grade eitel und töricht! Daher tue du das, was ich dir zu deiner wahren Freiwerdung anrate, und du wirst der ganzen, ewigen Großrechnung nicht bedürfen, um wahrhaft frei und dadurch auch der allmächtigen Gottheit in Ihrer Jesus-Menschheit wohlgefällig zu werden!«

[RB.02_181,14] "Spricht die Minerva: »Geliebtester Cado, du hast wohl recht, ich sehe es ein! Aber nur den gewissen Namen spreche mir nicht mehr aus! Denn dieser Name ist für mich im höchsten Grade unerträglich. - Ich kann dir zwar nicht sagen, warum - aber es ist einmal so: der Name brennt mich mehr als alles Feuer der Hölle!«

[RB.02_181,15] "Spricht Cado: »Siehe, das ist schon wieder im höchsten Grade dumm und töricht von dir! Gerade in diesem Namen, wie ewig in keinem andern, ist für dich und mich ein ewig wahres Heil zu erringen. Deshalb lobe und preise du in Zukunft lieber diesen Namen, so wirst du vollkommen siegen über alles zahllos Böse in deinem Herzen, und du wirst dann einen wahren Triumph feiern über alles, was dich je zu solch einem großen, fortlaufenden Abfalle von der ewigen Gottheit mag verleitet haben!«

[RB.02_181,16] "Spricht die Minerva: »Guter Cado, du hast wohl viel leichter reden als ich und hast auch recht in allem. Aber bedenke, wie viele Äonen ärmster Wesen schmachten nun noch in größter Qual, die ich ihnen bereitet habe. Wie soll ich überhaupt je frei und wahrhaft glücklich werden können, solange die zahllosen, durch mich unglücklich Gemachten in aller Qual schmachten müssen?! Ich soll nun glänzen in diesem Kleide, und zahllose Kinder aus mir sollen meinetwegen schmachten, ewig schmachten!? Nein, nein, das geht nicht, das kann nicht sein!«

[RB.02_181,17] "Spricht Cado: »Kümmere dich um etwas anderes! - Seit die Gottheit zum Körpermenschen ward, hat Sie auch die ganze materielle Schöpfung auf Ihren Namen genommen und jeden Menschen im höchsten Grade von dir unabhängig und dem eigenen Gewissen zinsbar gemacht! Alle Welt ruht nun auf der Schulter Gottes und auf denen der freien Menschen. Und du stehst mit der Gottheit schon lange in keiner Verrechnung mehr. Daher tue, was ich dir sage, und du wirst frei sein in allem!«"

 

182. Kapitel – Minervas neue Ausflüchte – Cados Entgegnung. Von Buße und Bekehrung. – Bedeutsame Erlösungstatsachen.

[RB.02_182,01] Miklosch berichtet weiter: "Spricht die Minerva: »Aber es ist von der Gottheit eine Art Buße zur Vergebung der Sünden angeordnet, ohne die kein Mensch und somit noch um vieles weniger ein Teufel selig werden kann. Siehe, ich aber war und bin noch (zur Stunde) aller Sünde Grund und ein Pfeiler des Gerichtes und des Todes. Wie soll dann erst ich ohne Buße frei und endlich gar selig werden?! - Es müßte daher über mich wohl die größte Buße kommen, so ich im Ernste sollte frei und selig werden! Wie aber könnte ich Buße wirken in diesem Lichtgewande? Dazu gehört ein härenes Büßerkleid und Asche und Sack! Verschaffe mir ein solches Büßerkleid und ich will und werde die ernsteste Buße zu wirken anfangen!«

[RB.02_182,02] "Spricht Cado: »Jawohl, du und Buße wirken - das ginge so hübsch zusammen! Was verstehst denn du, was da wahre Buße wirken heißt?! Meinst denn du, ein härenes Kleid, Asche und Sack machen die Buße aus?! Oder glaubst du nach römischer Art etwas tun zu müssen, um zur wahren Sündenvergebung zu gelangen?! Möchtest du nicht etwa gar eine Generalbeichte ablegen, tausend Messen zahlen, kommunizieren, auf daß in dir dann alle deine Sünden krepieren?! - Auf der Erde, unweit meines großen Raubgebietes, war ein sogenanntes Franziskanerkloster, sehr schlecht gebaut zwar, aber dennoch tauglich zur Aufnahme von ein paar Dutzend ärgerlichster Müßigänger, die sich Patres und Fratres nannten. Aus ihrem Munde habe ich solch einen Unsinn von einer wahren, der Gottheit wohlgefälligen Buße vernommen, ohne die niemand selig werden könne. Ich aber habe an diesen Kerlen bei guter Gelegenheit eine ganz neue Art Buße ausgeübt, und ich meine, daß sie eben für diese Geistestotschläger wirksamer war als die, welche sie den armen Teufeln ausdringen wollten und auch vielfach aufgedrungen haben. Ich, wennschon gleich dir und der Gottheit gegenüber ein Teufel, halte das für die wahre Buße, so man das Schlechte, als das der Gottesordnung widrige, freiwillig verläßt, seinen Willen fest und unerschütterlich unter das Panier der ewigen Gottesordnung stellt und dann selbst unerschütterlich fest das will, das man als solcher göttlichen Ordnung gemäß erkennt. So du also handeln wirst aus deinem neuen, in der Gottesordnung geregelten Willen, dann wirst du auch eine rechte Buße wirken. Aber ein härenes Gewand, Asche, Sack, Generalbeichte, Kommunion und meinetwegen eine Million Messen gehören ins Fach der größten Menschentorheiten, weil sie den Menschen nicht bessern, sondern nur schlechter und schlechter machen. Nur durch meinen Willen allein kann ich besser werden. Alles andere gehört in einen Leibstuhl und hat keinen Wert weder vor bessern Geistern noch vor Gott!

[RB.02_182,03] "»Du weißt es und siehst auch ein, was ein jeder Geist durch seine höhere Weisheit genau ersehen kann. Wolle sonach nichts aus dir heraus, sondern bloß aus mir heraus oder das ich will - so wirst du deines höchsteigenen Kerkermeisters alsbald loswerden. Solange du aber noch mit deinen eigenen Willensbrocken mir entgegenkommen wirst, da wird es mit dir noch sehr lange nicht besser werden! Sieh, an der Weisheit und an einer gediegenen Erkenntnis hat es dir nie gemangelt. Aber an einem neuen, guten Willen, und darum bist du zum Grunde alles Schlechten und Bösen geworden! - So ein Wesen aber gut und edel werden will, dann muß es mit seinem ersten, wilden Willen dasselbe Experiment machen, was da auf der Erde ein Gärtner mit einem Wildlinge macht. Er schneidet ihm die Krone ab, spaltet dann den Rumpf und setzt einen edlen Zweig hinein. Und es wird dann ein neuer, edler und guter Fruchtbaum daraus. - So mußt auch du, wie gesagt, es mit deinem alten Wildlinge von Willen machen! Wenn es dich daraus auch eine Weile bekümmern wird, da du die alte Krone dir mußt völlig nehmen lassen, so mache dir aber dennoch nichts daraus! Denn du wirst dafür zu einer herrlicheren, besseren und edleren Krone gelangen.«

[RB.02_182,04] "Spricht die Minerva: »Cado, Cado, du bist zwar eigensinnig wie ein echter Teufel, aber dabei weise wie ein Gott! Hörst du, wie ein Gott!« - Spricht nun wieder Cado: »Eh, was nützt mir meine Weisheit, so sie außer mir niemand befolgen will?!! Ich predige tauben Ohren, und vor blinden Augen mache ich Spektakel, und diese merken nichts! Ich habe, bei Gott dem Allmächtigen, bis jetzt geredet zur Übergenüge - aber was nützt alles das?! Du hörst mich an wie der Prophet Bileam seinen Esel, welch letzterer auch weiser war als sein blinder, tyrannischer Herr. Denn der Esel sah und wußte, warum Er stehen bleiben mußte; während sein Herr dafür nur desto eifriger des grauen Sehers Rücken in die Arbeit nahm. - Ich zeige dir, warum du dich gänzlich meinem Willen unterordnen sollst, aber du hast da stets tausend Ausflüchte, und so du schon etwas tust, da tust du die Sache aber nie sogleich und auch nie ganz also, wie ich es haben will und haben muß! - Warum denn das?! - So du mich weise findest wie einen Gott, warum tust du denn dann nicht sogleich, was ich von dir verlange? Das herrlichste und kostbarste Kleid liegt vor dir und wirft seinen mächtigsten Strahlenglanz gleich einer Zentralsonne in die weite Unendlichkeit hinaus. Aber sein mächtiges Licht, das da bestimmt ist nach dem Innern deines Wesens seinen Strahl zu treiben, muß sich noch (immer) vergeblich verzehren. - Warum denn das? - Gebe mir dafür einen Grund an!«

[RB.02_182,05] "Spricht die Minerva: »Ich habe dir den Grund ja schon angegeben! Du aber hast ihn wiederlegt mit der Schärfe deiner Weisheit, der ich nun freilich nichts mehr entgegenstellen kann. Aber alles dessen ungeachtet bleibe ich doch bei dem, daß ich mich für dies zu göttliche Gewand als viel zu unwürdig fühle, um es gleich so mir und dir nichts wie einen andern, gemeinen Fetzen anzuziehen. Und das ist ein Hauptgrund, warum ich also mit dem Anzuge zögere! - Einen andern Grund kann ich dir unmöglich angeben, und wenn du dich darob noch so ärgern solltest. - Ziehe du es an, wenn du schon so viel Mut besitzest, und gebe mir darinnen ein Beispiel; und ich werde dann diesem deinem Beispiele folgen. - Übrigens noch etwas! Wie sieht es denn auf der Erde und in allen anderen Welten dann aus, oder wie wird es aussehen, so ich dies Kleid anziehe? Wird es den dort neu zu bildenden, noch in die gröbste Materie verhüllten Geistern besser oder etwa noch schlimmer ergehen? Gib mir davon eine begreifliche Erklärung, und ich werde dann sogleich alles tun, was und wie du es wünschest.«

[RB.02_182,06] "Spricht Cado: »Ich habe es ja gewußt, daß sie richtig wieder noch eine die Sache verzögernde Ausflucht finden wird! O du ganz entsetzlich verzweifeltes Wesen! Was gehen denn uns nun die Erde und alle anderen zahllosen Welten an!? Die Gottheit wird es wohl schon wissen, was Sie damit machen wird. Uns aber geht weiter weder die Erde noch der Himmel etwas an, und wir haben uns darum nicht im geringsten zu kümmern! Wie von nun an die Menschen auf der Erde oder auf der Sonne untereinander leben werden, ob kriegerisch oder friedsam, das hat für uns aber auch nicht die allergeringste Beziehung! Wir leben und handeln bloß nur für uns. Alles andere sei und bleibe für uns ein ,unbekanntes Gebiet' solange, bis wir möglicherweise zufolge eines höheren Auftrages beordert werden, uns darum zu kümmern. - Ich habe dir aber ja auch schon ehedem klarst gesagt, daß du (selbst) außer allen Einfluß auf die Weltkörper gesetzt wurdest (daß dir selbst aller Einfluß auf die Weltkörper genommen wurde) seit der Menschwerdung der Gottheit, in der ein zweiter Adam in und aus Gott alle Schöpfung und somit auch alle ihre Übel auf die höchsteigene Schulter nahm und nun alles also leitet und führt, wie es seine ewige Ordnung verlangt. - Daher hast du dich von nun an um nichts anderes mehr zu kümmern als bloß nur allein um dich selbst! - Ziehe nun das Gewand an, und es wird sich dann schon sogleich zeigen, was da weiter zu geschehen hat!«

[RB.02_182,07] "Spricht die Minerva: »O du lebendiges Buch du! Du sprichst ja, als so du ein Jünger Salomos wärest! - Aber ich sehe es nun rein ein, daß du eines Teiles denn doch recht hast, und so will ich mich denn vor dir zu einer Putzgretel umgestalten und eine recht dumm-hochmütige und eitle Person spielen - da du daran denn schon eine so große Freude hast! Dummer Lippel, wird's dir denn dann besser sein, so du mich vor lauter Glanz gar nicht wirst anschauen können?! - Ich ziehe es nun an! Aber dann komme mir ja nicht sobald wieder mit einem andern Begehren!«".

 

183. Kapitel – Minervas Herrlichkeit im Himmelskleid. Robert und Sahariel geben sich zu erkennen. Erziehung zur wahren Freiheit und Selbständigkeit.

[RB.02_183,01] Miklosch in seinem Berichte fortfahrend: "Die Minerva zieht jetzt wirklich das Gewand an. - Sie ist nun auch schon angekleidet! - O Tausend, o Tausend! Ah, das ist stark! Nein, da ist es ja gar nimmer zum Aushalten! Aber diese ungeheure Schönheit! Herr und Vater Jesus! Mein Gott, mein Gott, sei mir armem Sünder gnädig und barmherzig! Nein, diese allerungeheuerste Schönheit auf eine längere Weile ansehen zu müssen und dabei das Leben zu erhalten, das dürfte wohl kaum möglich sein! Nur diese unbeschreibbar sanftest weiche Zartheit, diese göttlichst herrliche Form ihres Angesichts, dieser wallende Busen, dieser Arm! Nein, Herr, ich würde entweder tot oder ein Narr, so ich diese zu allerungeheuerste Schönheit nur einige Sekunden noch anschauen müßte! - Ah, ah, sie wird immer schöner und schöner? - Wie aber ein Cado und wie die zwei andern, der Robert-Uraniel und der Sahariel, die ihr doch gar so nahe gekommen sind, solch eine Nähe ohne verlust ihres Lebens aushalten können, das ist mir ein ungeheures Rätsel! Wohl gehen den beiden Letztgenannten nahezu die Augen vor lauter Glanz und Schönheit über, was da sehr begreiflich ist; aber wie der Cado es in ihrer größten Nähe auszuhalten vermag, das begreife, wer es kann! Ich werde es sicher nie begreifen. Denn diese allerungeheuerste Schönheit müßte geradewegs völlig tote Statuen im Augenblicke beleben können! - Bruder Bathianyi! Geh und ersetze du mich nun eine Weile! Denn ich kann es wahrlich nimmer aushalten!"

[RB.02_183,02] Spricht der Bathianyi: "Mein Freund Miklosch, das kann wohl nicht ausgeführt werden! Ich habe nur ein paar sehr flüchtige Blicke hingeworfen und bin deshalb schon ganz schachmatt. Was würde aus mir erst werden, so ich mich ganz wohlbehaglich eine längere Weile in sie vergaffete?! Ich bedanke mich, liebster Freund, für diesen deinen Antrag! Versehe du nur selbst diesen angenehmsten Dienst! Ich werde das weinige mir schon aus deinen Worten entnehmen."

[RB.02_183,03] Spricht der Miklosch weiter: "Nun gut, so werde ich ein reiner Narr! - Und jetzt - oh, oh, oh! - Die beiden machen gar Miene, als ob sie sich zu uns her begeben wollten. Nun, so etwas! Da werde ich ganz bestimmt ein Narr! - Aber, Gott, Dir alles Lob! Jetzt geben sich die beiden Engel dem Cado und der Minerva zu erkennen, und der Cado wie die Minerva scheinen ganz verblüfft darüber zu sein, daß sie nun auf einmal, wie aus den Wolken gefallen, zwei ihnen ganz fremde Gesellschafter bekommen. Cado betrachtet die beiden mit sehr forschenden Blicken vom Kopf bis zur Zehe und scheint sie fragen zu wollen, woher sie gekommen seien, ob von oben oder von unten. Aussprechen will er es noch nicht, aber in seiner höchst klassischen Miene scheint diese Frage unverkennbar zu liegen. Bin nun höchst gespannt, was da herauskommen wird!

[RB.02_183,04] "Aha, nun wischt sich der Cado mit der rechten Hand die Haare aus dem Gesicht, nimmt den beiden gegenüber eine ganz famose Heldenstellung an und sagt: »Woher seid ihr? Was wollt ihr und wer seid ihr? - Pünktlich genaueste und wahrste Antwort verlangt der Cado von euch! Verstehet aber wohl - der Teufel Cado verlangt solches von euch!«

[RB.02_183,05] "Tritt der Robert vor und spricht: »Wir beide sind deine innigsten Freunde, sind von oben wie auch von unten zugleich her. Wir haben dich beobachtet und insgeheim beschützt, ansonst du diese Urkönigin aller Materie nicht so weit gebracht haben würdest. Nun du aber sozusagen am Ende deines großen Werkes stehst, so kommen wir, dich zu beglückwünschen, daß dir dies schöne Werk so herrlich gelungen ist, woran die Mühe so vieler mächtiger Brüder scheiterte. Solltest du dich in irgend etwas, das da gut ist vor Gott, unseres Dienstes bedienen wollen, so stehen wir dir zu Gebote!«

[RB.02_183,06] "Spricht Cado: »Für euren allfälligen Schutz, den ihr mir geheim geleistet zu haben vorgebt, danke ich euch und so auch für eure Wache über mich! Aber ich bekenne es euch beiden auch ganz unverholen, daß es mir bei weitem lieber gewesen wäre, so ihr mich weder beschützt noch bewahrt hättet. Denn mir genügt der Name und die Kraft des großen Einen. Alles andere ist bei mir eitel nichts. Auch ihr beide seid mir gleich einer Null! Einen weitern Dienst von euch kann ich von nun an nimmer in irgendeinen Anspruch nehmen, da ich mir selbst zu genügen getraue. Ich ersuche euch darum, daß ihr euch alsogleich von mir entfernet, ansonst ich Gewalt gebrauchen müßte. Denn diese meine heißgeliebteste Minerva ist noch lange nicht auf dem Punkte, fremde Gäste, die ein sehr schmarotzerisches Aussehen haben, zu ertragen. Wird sie einmal ganz vollendet sein, dann könnet ihr gleichwohl wiederkommen und euch ihrer Wiedergenesung freuen! Aber nur keine weitere, weder offene und noch weniger geheime Hilfe mehr! Denn das würde meine Mühe nur verzögern und keineswegs verkürzen. - Also, Gott befohlen, meine Freunde!«

[RB.02_183,07] "Spricht die Minerva: »Freund Cado, da ich nun das urkönigliche Gewand anhabe und somit alles erfüllt habe, was du von mir verlangt hast, so glaube ich hier wohl auch schon wirksam eim Wörtchen reden und frei etwas begehren zu dürfen. - Ich begehre sonach, daß diese beiden Weisen von ,oben und unten' her, hier verbleiben und mir in so manchem einen Dienst leisten können, so sie's wollen! Kurz, ich will und begehre, daß hier ihrem Wunsche willfahret werde!«

[RB.02_183,08] "Spricht Cado: »Nur das hat zu geschehen, was ich anordne! Alles andere unterbleibt! - Muß ich dir nun nachgeben, so bist du von vornherein wieder auf wenigstens eine halbe Ewigkeit verloren samt mir. Denn vergesse du nur ja nicht, daß wir beide - Teufel sind und eine andere Bahn zu gehen haben, um zur Vollendung zu gelangen, als die Engel Gottes, die schon in ihrer Art vollendet sind. Also, Freunde, tut mir sonach diese reinste Freundschaft und gehet! Denn in eurer Gegenwart kann ich die Minerva nimmer weiter führen!«

[RB.02_183,09] "Spricht Robert: »Freund Cado! Du kennst uns noch zu wenig, so du meinst, daß wir dir hinderlich sein könnten in Ausführung deines guten Planes mit der Minerva. Siehe, was du bisher geredet und getan hast, das hast du durch uns getan! Denn Gott der Herr, dessen Name herrlich ist, überherrlich, hat uns eben dazu die gerechte und hinreichende Kraft und Macht erteilt. Wärest du ganz allein vor dieser sogenannten Minerva gestanden, da wärest du ihr auch schon lange als ein schnödestes Opfer gefallen. Wir waren es ja, die dir jegliches Wort in den Mund gelegt haben. Wir haben deine Steine, die du als Waffe gebrauchtest, gesegnet und gekräftigt und ließen die Feuerflut nicht höher steigen, auf das du aus diesem Hügel eine sichere Zuflucht finden solltest und auch wirklich gefunden hast, während deine Feinde in den Wogen des Zornmeeres Gottes ihren erschreilichen Untergang fanden. - Da sich aber all die Sachen also vehalten und nicht anders verhalten können, wie sollen wir dir nun hinderlich sein können bei der ferneren Fortführung deines Planes mit der nun schon sehr hold gewordenen Minerva?! Förderlich ja, das wollen und können wir dir sein bei deinem löblichen und allen Himmeln gefälligen Werke. Aber dich irgend abhalten, das Werk zu vollenden, das könnte uns auch in keinem Traume beifallen, so hier ein Traum möglich wäre. Sei du, Cado, daher ganz unbesorgt unsertwegen! Wir werden dir sicher um so weniger in etwas hinderlich sein, da wir so ganz eigentlich selbst die Urheber deines Unternehmens sind.

[RB.02_183,10] "»Wir bleiben darum nun aber hier eine gerechte Weile bei dir, auf daß du nun wirklich frei aus dir selbst das Fernere wirst tun können, was zur Vollendung dieses Großwerkes vonnöten ist. Denn obschon wir dir auch jetzt mit Rat und Tat zu Diensten stehen werden, so wird aber unser Rat dennoch von jetzt an nicht mehr heimlich, sondern ganz offen erfolgen und eine Tat nur auf dein offenes Verlangen geschehen - auf daß du dadurch samt der Minerva wahrhaft frei werden kannst. Denn du wirst ganz frei unsern Rat entweder annehmen oder denselben von dir weisen können. Würden wir, wie bisher, in dich heimlich einfließen, so könntest du nimmer frei und dadurch selig werden. Denn in diesem Falle bist du bloß nur ein Werkzeug in unseren Händen. Wir aber geben nun das Werkzeug frei und machen es los von den Fesseln des Gerichtes, auf daß es dann wahrhaft frei wirke und aus sich selbst etwas werde vor dem Herrn! Darum muß aber das an sich zwar sehr taugliche aber in sich selbst bisher dennoch höchst schwache Werkzeug das erkennen und darnach sich selbst bestimmen - so wird es denn auch in Kürze zur wahren und freien Vollendung gelangen und nicht weiterhin in der genötigten Knechtschaft verbleiben. Und also sei und verbleibe es im Namen des Herrn Jesu, des einigen Gottes Himmels und aller Welten!«

[RB.02_183,11] Spricht Cado: »Wenn so, dann blibet ihr freilich wohl hier! Denn ich muß und will selbst frei handeln, um frei zu werden von jeglichem Joche! - Ob aber nun die Minerva, die ehedem für euer Hierbleiben sehr gestimmt war, auch noch so gestinmt sein und bleiben wird, das ist eine andere Frage.«

[RB.02_183,12] "»Spricht die Minerva: »Die Schritte, die ich nun vorwärts gemacht habe, die bleiben, und ich werde sicher keinen Rückgang mehr tun! Aber diese beiden himmlischen Gauner müssen mir aus den Augen, da sie gegen mich nicht offen, sondern nur geheim und hinterlistig gehandelt haben! - So sie hier verbleiben, werde ich keinen Schritt mehr dir zu Gefallen vorwärts tun!«

[RB.02_183,13] "Spricht Robert: »Nicht so, nicht so, holdeste Minerva! So wir dir erweislich etwas Arges zugefügt haben, dann wollen wir auch sogleich gehen. Du aber mußt es selbst bekennen, daß wir dir dadurch nur etwas höchst Gutes erwiesen haben durch die Kraft Gottes, die in uns mächtig und tatkräftig ist. (Und du solltest dankbar einsehen), daß wir dich somit freigemacht haben von den Fesseln der Hölle und sie mehr und mehr haben verstummen gemacht in deinem Herzen, in dem ehedem der Grundkeim alles Übels und somit auch aller Hölle gelegen ist. Bedenke dieses ernstlich und gedenke der schaudervollen Zeitenlänge, in welcher du der Qualen höchste - leider freilich unglaublicherweise durch dein eigenes, starrstes Wollen - durchgelitten hast - und unsere für dein künftiges wohl höchstbesorgte Gegenwart wird dir sicher nicht so unangenehm sein können, wie du es dir nun einzubilden scheinst.«

[RB.02_183,14] "Spricht Cado zur Minerva: »Ganz richtig! Also denke und es wird dann alles gut werden! Die beiden müssen nun bleiben, weil ich's ihnen gebiete. - Hast du auch gegen mein Gebot etwas einzuwenden?« - Spricht die Minerva: »O ja, denn du gebietest, weil die beiden dich dazu nötigen!«

[RB.02_183,15] "Spricht Cado: »Da irrst du dich sehr, ich lasse mich von niemanden bei meinem freien Wissen und Wollen nötigen. Bin ich aber dazu gerichtet, solches tun zu müssen, dann wirst du dich dem um so weniger widersetzen können, was da ausspricht mein gerichteter Wille, indem er da nicht mehr mein, sondern des allmächtigen Gottes ist, und so denn bleibe es bei dem, was die beiden selbst bestimmt und ich nun geboten habe! Kein Jota darf daran gändert werden, verstehst du?! Kein Jota!«

[RB.02_183,16] "Spricht die Minerva: »Ja, ia, im Eigensinne bist du groß und weißt die Sache also zu drehen, daß du dabei von deinem Ansehen, das du dir gewisserart erstohlen hast, ja nichts verlierst. Nur ich, als der Erstling aller Kreatur, soll nun bei dir um ein Ansehen betteln! - Aber sei es nun, wie ihm wolle, ich werde mich zwar äußerlich in dein Wollen fügen, wie bisher, weil ich zu schwach bin, dir einen wirksamen Kampf entgegen zu bieten. Aber das Innere gehört mir, und das hat von nun an nichts als den alleinigen Fluch für dich wie auch für diesen deinen Freundschaftsbund, Amen! - Verstehst du dieses Amen?!«

[RB.02_183,17] "Spricht Cado: »O ja, so viel Verstand besitze ich gottlob! Aber auch noch etwas mehr, gottlob! - Um wieviel mehr aber, brauche ich dir nicht zu sagen. Wird nur einmal dein Äußeres recht durchgegerbt werden, dann wird sich auch dein Inneres dem zuwenden, was ich mit dir nach der unwandelbaren Gottesordnung will. Und dazu sage auch ich ein unwandelbares Amen! Verstehst auch du, was ich mit diesem allerunwandelbarsten Amen sagen will und gesagt habe!?«"

 

184. Kapitel – Sahariel über das Amen. – Minervas Liebesantrag. Des Engelsboten weise Antwort. – Gleichnis von den zwei Brunnen. Cado enthüllt die Sachlage.

[RB.02_184,01] Miklosch berichtet weiter: "Nun aber tritt der Sahariel hinzu und sagt: »Höret! Auch mir steht ein Recht zu, über irgendetwas ein gar kräftigstes Amen auszusprechen. Aber ich tue es dennoch nicht, weil hinter einem jeden Amen irgendein Gericht steckt. Ich rate euch daher, eure Amen zurückzunehmen. Denn es steht niemanden ein Recht zu, über irgend etwas, das da mit der göttlichen Ordnung nicht in Übereinstimmung steht, aus sich heraus ein Amen auszusprechen? - Wohl aber darf und kann ein jeder Geist in dem ein ewiges Amen in sich tragen, was da betrifft die göttliche Ordnung und den Willen Gottes! Dies Amen ist das Urleben aller Wesen, ist ihr Wert und ist ihre höchste Freiheit, so sie es aus sich selbst heraus sich völlig zu eigen machen. Jedes andere Amen aber ist Gericht, Tod und Hölle und erzeuget Hochmut, Stolz, Verachtung, Geringschätzung alles Wahren, Guten und Göttlichen und bauet Kerker, Gefängnisse, schmiedet Ketten und fachet an das Feuer alles Verderbens. - Also nehmet darum euer Amen zurück und begebet euch in ein wahres und ewiges Gottes-Amen! Dann werdet ihr beide am ehesten frei werden von der Hölle, die nun noch recht stark in euren Herzen tobt und pocht, wie das Feuer eines feuerspeienden Berges. Gehet und befolget diesen meinen Rat, und ihr werdet wahrlich nicht schlecht fahren!«

[RB.02_184,02] "Spricht die Minerva zum Cado gewendet: »Hast du's vernommen, du eingebildeter Weisheitspinsel und äußerst dummer Tropf!? Das sind Worte voll echter, himmlischer Salbung, auf die man bauen kann! Aber auf deine Worte, die keinen Anfang und kein Ende haben, kann man ja nicht einmal ein allerelendestes Kartenhaus setzen. Siehe, ich bin deinen Worten wohl gefolgt, weil es sich in denselben zeigte, als wäre dahinter wirklich ein guter Zweck verborgen. Aber je mehr ich sie in eine tiefere Erwägung zog und je näher ich dir kam, desto klarer wurde es mir hernach auch, daß du bloß nur so ein blinder Abenteurer bist, der zwar irgendeine Macht besitzt, sie aber bloß dazu verwendet, um damit zu einem sogenannten Gauklertriumphe zu gelangen, hinter dem aber freilich nichts ist als die leerste Schalheit. Packe nur ein mit deinen Macht- und Weisheitssätzen! Auch diese deine Davidssteine kannst du dir zum ewigen Angedenken aufbewahren. Denn nicht deine Steine, sondern diese beiden (Boten) haben mir die Lanze gebrochen und mein ewiges Szepter zerschlagen. Daher gebührt auch nur ihnen, nicht aber dir der Ruhm und der Preis! - Sahariel, nehme mich hin! Ich will dir ein Preis sein, denn du hast dich um mich verdient gemacht!«

[RB.02_184,03] "Spricht Sahariel: »Holdeste, du aller äußeren Schönheit Krone! Mir wie auch meinem Freunde Uraniel gebührt ebensowenig ein Preis, wie dem Freunde Cado! Denn wir sind nur Diener nach dem weisesten Plane des Herrn, Werkzeuge in Seiner Hand! Und so wir alles aufs genaueste getan haben, so sind wir darob dennoch vor Ihm nichts, als eitel unnütze Knechte. Denn so wir auch etwas tun, das da aussieht, als täten wir es, so ist dies aber dennoch nur ein Schein - da doch nur Er es ist, Der da alles tut und vollbringt! Wie würde ich vor dem Herrn bestehen, so ich für meine nichtigen Taten mir gleich einen so hohen Preis aneignen würde!? - Was daher dem Herrn wohlgefällig ist, das geschehe! Du, wie wir alle, sind des Herrn und sind nach dem Grade unserer Demut vor Ihm und unserer Liebe zu Ihm ein Preis, der allein Ihm gebühret! Uns aber gebührt nichts, als was uns Seine große Liebe, Gnade und Erbarmung bietet. - Du mußt dich darob aber etwa ja nicht betrüben, daß ich dich als einen zu hohen Preis meiner zu nichtigen Mühe nicht annehmen kann, da du allein dem Herrn Gott Jesus Jehova Zebaoth angehörst. Sollte aber der Herr Selbst dich mir aus Seiner zu endlos großen Liebe heraus an mein Herz binden, dann werde ich dich auch mit der höchsten und liebedankbarsten Würdigung für ewig annehmen! Ist dir, du gestaltlich schönste Lichtträgerin, das recht und genehm?«

[RB.02_184,04] "Spricht die Minerva: »Schönster Sahariel, deine Demut und beinahe unbegrenzte Bescheidenheit nötigt mir ein gerechtes Erstaunen ab, und deine Rede fordert mein Herz zur wahren und vollsten Bewunderung auf. Denn wie Milch und Honig floß deiner himmlischen Rede Süße in meine tiefstbewegte Brust, und ich atme jetzt nur Liebe über Liebe für dich, du mein göttlich schönster Sahariel! Welch ein schöner, göttlich-freundlicher Ernst strahlt aus deinem ewig jugendlich-zarten Jünglingsgesichte! Welch ein himmlischer Adel durchweht dein ganzes Wesen! Und welch eine sanfteste Rundung und himmlisch wohltuende Harmomie leuchtet gleich einem Morgensterne aus allen deinen Gliedern! - Ich muß dir gestehen, daß ich dich liebe über alle Maßen. Und so du mir nicht deine Gegenliebe gibst, dann bin ich das unglücklichste Wesen in der ganzen Unendlichkeit! - Sieh mich doch recht an! Sieh, ich bin ja auch schön! Gut freilich bin ich leider nicht. - Aber wer weiß denn, ob ich eben durch dich nicht auch so gut werden kann, wie ich nun schön bin!? - Gerne möchte ich dir das beste und reinste Herz bieten, so ich's hätte. Aber nehme es an, wie es ist und wie ich dir's biete. Vielleicht wird es an deiner Seite auch edel und rein werden. - Verschmähe diesen meinen Antrag nicht; denn er entstammt der ersten Liebe meines ewig langen Seins!«

[RB.02_184,05] "Spricht Sahariel: »Meine allerschönste und strahlend holdeste Minerva! Dein Sein ist wohl schon, der irdischen Zeit nach gerechnet, ein recht sehr langes - aber kein ewiges. Vom Anfange her ist es nicht. Gott allein ist ewig. Alles andere aber hat aus Ihm heraus einen Anfang genommen. Wir alle Zahllosen aus Ihm werden nun wohl ewig fortdauern, aber ewig, wie Gott, bestehen wir nicht. Ob auch jemand aus uns gerade um einige Dezillionen von Erdjahren länger besteht, so ist er aber deshalb noch lange nicht ewig. Du hast dich in deinem Eifer zwar ein wenig verstiegen; aber das macht nichts! Wenn du nur sonst eine wahre Liebe zu mir in deinenm Herzen verspürest, woran ich zwar noch ein wenig zweifle - so kann ich über solche, bloß poetische Übertreibungen schon ganz ruhig hinwegschauen. - Du hast mir deine Liebe und dein Herz angetragen, und ich nehme diesen Antrag an. Aber nur eine einzige kleine Bedingung knüpfe ich daran. Und diese besteht darin, daß du mir folgest zum Herrn willig und fröhlich und den Freund Cado mitnimmst! Kannst du das tun, so sind wir quitt.«

[RB.02_184,06] "Spricht die Minerva: »Freund, das ist keine kleine, sondern eine unendlich große, für mich so gut wie rein unausführbare Bedingung? - Was denkst du dir - ich zum Herrn der Unendlichkeit mit dir hinziehen und den mir nun über alles verhaßten Cado auch dazu mitzunehmen!? - Freund, das tut sich wohl nicht! Alles andere - nur das nicht, weil es mir nun so gut wie unmöglich ist! - Du mußt mit mir zuvor noch sehr Mühe haben, mußt reinigen und edeln mein Herz; dann erst kannst du mir mit solchen Bedingungen kommen! Es wäre die sofortige Erfüllung solch einer Bedingung ja auch für dich keine Ehre vor Gott, da es dir entweder von einer zu geringen Achtung vor der allmächtigen Gottheit oder (so das nicht ist) doch von einer Dummheit Zeugnis gäbe, deren du, wie ich dich bisher kenne, wohl kaum fähig sein dürftest. - Ich sage dir, nehme mich unbedingt an! Kaufe die Katze im Sacke, und du wirst damit keine schlechte Fahrt machen!«

[RB.02_184,07] "Spricht Sahariel: »Das wird sich etwas schwer machen, weil noch zu viel Gerichtes in deinem Herzen rastet, das nur dadurch verringert werden kann, so du, Holdeste, ganz unbedingt dich stets mehr und mehr unserem in Gott geordneten Wollen frei und ohne Zwang unterwirfst. Geht auf diese Art dein Wille völlig in den göttlichen über, dann wirst auch du von mir verlangen können, was dir nur immer belieben wird, und wir werden es dann ohne Verzug sogleich in die vollste Erfüllung bringen. Aber jetzt tut es sich noch nicht! Denn täten wir nun, was du willst, so begäben wir uns selbst in dein Gericht und würden dadurch dasselbe vermehren und härter machen, während wir es mildern und verringern sollen.

[RB.02_184,08] "»Die Sache verhält sich gleichnisweise gerade also, wie wenn da zwei Brunnen nebeneinander wären, von denen der eine voll ist des reinsten Wassers, der andere aber voll Schmutzbrühe. Leitet man das ergiebige Wasser des ersten, reinen Brunnens in den zweiten, unreinen hinein, so wird mit der Weile der Pfützengehalt dieses zweiten, schlechten Brunnens gereinigt, und am Ende selbst zu einem guten Wasser werden. So man aber die Schmutzbrühe des zweiten Brunnens in den ersten, reinen leiten würde, da würden dann beide Brunnen schlecht und unbrauchbar werden! Würde bei solch verkehrter Arbeit wohl jemand etwas gewinnen?

[RB.02_184,09] "»Siehe, du hast nun ein handgreifliches Beispiel aus meinem harmlosen Munde erhalten, woraus du leicht ersehen kannst, warum wir das Wasser deines Willens in den unsern nicht aufnehmen können. Aber es muß dir auch sonnenklar sein, warum du zu deinem höchsteigenen Wohle das Wasser unseres Willens in das deines Willens allerreichlichst solltest überströmen lassen. Tue sonach das, was wir wollen, und du wirst gereinigt und voll edlen, trinkbaren Wassers werden! Hast du doch selbst den Wunsch geäußert, daß du durch mich rein und edel werden möchtest! Ja, du kannst das, so du's willst, aber da mußt du das tun, was ich im Namen des Herrn wie im Namen aller Himmel dir zu tun vorgeschlagen habe!«

[RB.02_184,10] "Die Minerva sieht nach dieser wahrlich höchst einfach-weisen Belehrung wie stumm vor sich hin und scheint, nach ihren Blicken zu urteilen, daraus zu sinnen, wie sie sich von dieser ihr sehr lästig werdenden Gesellschaft loswinden könnte.

[RB.02_184,11] "Der Cado scheint das auch zu merken und sagt nun zu Sahariel wie auch zu Robert-Uraniel: »Liebe Freunde! Obschon ich als selbst ein Teufel nicht wert bin, meine Augen zu euch emporzuheben, da ihr wahrlich voll seid der heiligen Wahrheit und Weisheit aus Gott - so darf ich aber nun doch wohl bemerken, daß wir mit dieser Schlange wenig oder nichts ausrichten werden. Denn ihre hartnäckige, böseste Schlauheit übersteigt schon alle meine Begriffsgrenzen, die doch nach meinem Dafürhalten eben nicht gar zu eng aneinander geschoben sein dürften. Ihr ist es ebensowenig enst, in ein besseres Sein überzutreten, wie es uns je Ernst sein könnte, in ihr ärgstes Gericht einzugehen. Denn dies echte Schlangenwesen ist durch und durch zu voll des Giftes. Was sind ihr schon alles für triftigste Vorstellungen gemacht worden, deren Grund und wahre vollkommenste Weisheit sie ebensogut wie wir einsieht! Aber ihr alter Satanswille bleibt dabei stets der gleiche. Sie tut wohl, als ob sie in unser Wollen eingehen wollte. Aber das utt sie nur zum Scheine und wendet dabei alles an, wodurch sie uns am Ende in ihren Sack schieben könnte. - Aber da sage ich: Nichts da, Satanas! Mein Auge sieht schärfer als das deine! Uns wirst du nicht lange mehr herumfoppen; denn wir kennen dich!«"

 

185. Kapitel – Minerva will sich rechtfertigen. Cados Widerlegung. – Entlarvung ihrer Bosheit. Sahariel wendet sich zum Gehen.

[RB.02_185,01] Miklosch berichtet weiter: "Spricht die Minerva: »Schweige, du dümmster Esel! Was verstehst und weißt du, was ich zu tun habe und tun muß!? - Meinst denn du, die göttliche Ordnung sorgt bloß nur für die positive Polarität der Wesen und Dinge?! - O du finsterer armenischer Patsch du! Muß denn bei den Wesen und Dingen die negative Polarität nicht im gleichen Maße ausgebildet dastehen?! Ist nicht alles Leben ein fortwährender Kampf der beiden Polaritäten?! Nimm du dummer Esel einem Baume die Wurzel und frage ihn dann, wie lange er noch Früchte tragen wird?! Haue den Tieren die Füße ab und siehe, wie sie dann ohne Füße weiterkommen werden! So durch eine sogenannte gute oder positive Kraft das Blut zum Herzen zurückgedrängt wird und daraus durch eine sogenannte böse Kraft, die ich als negativ bezeichne, wieder vom Herzen hinausgetrieben werden muß, wenn das physische Leben fortdauern soll - sage mir, welche Kraft ist denn da die vorzüglichere, die anziehende oder die abstoßende? Siehst du, grober Lümmel, was du in deiner unbegreiflichen Dummheit alles zusammenredest!? Es versteht sich wohl von selbst, daß die negative Kraft der positiven untergeordnet bleiben muß, weil sie aus ihr hervorgeht - das reine Wasser muß das trübe reinigen und nicht umgekehrt! Aber das alles ist auch Gottes Ordnung, dummer Lippel! Wenn Rom nicht finster wäre wie eine stygische Nacht, so würde die Menschheit nicht nach dem Lichte fragen. Also bin auch ich, wie ich bin, aus Gott und werde es auch also verbleiben - wie du sicher ein Esel in Ewigkeit!«

[RB.02_185,02] "Spricht Cado lakonisch: »Ja, ja, den letzten Namen auf dich angewendet, möchte es sich wohl so begeben! O du Dummheitsprinzessin aus allen Fixsternen heraus! Du wirst mir etwas vorsagen von einer positiven und negativen Kraft und von ihrer gegenseitigen Notwendigkeit! Ich müßte mich wahrhaftig über die Ohren hinaus schämen, so ich darin von dir eine Belehrung anzunehmen genötigt wäre! Sage mir, du schönste Eselin, ist Gott eine ganze oder nur eine halbe Macht und Kraft ohne dich? Bist du notwendig - damit Er ist? Oder könnte Er vielleicht auch ohne dich bestehen, so wie Er ohne dich Ewigkeiten bestanden hat? - O du vor Gott dem Herrn gänzlich zweckloses Geschöpf, du willst mir die Notwendigkeit des Bösen hinaufdisputieren, ohne das es unmöglich irgend etwas Gutes geben könne!? O du dümmstes und blindestes Weibs-Wesen! Worauf gründet sich denn hernach die reinste Liebe, Güte und höchste Macht Gottes? Muß etwa die Gottheit, die doch sicher in allem das vollkommenste Wesen ist, auch zuvor böse sein, um hernach gut sein zu können? O lachet, lachet doch alle Himmel über solch eine Weisheit! Man erzählt sich von der fabelhaften Minerva, daß sie aus dem Haupte des Jupiter entsprungen sei. Aber diese oder jene Minerva wirst du sicher nicht sein. Denn für deine Entstehung müßte man ja nicht das Haupt des mächtigen und weisen Zeus, sondern höchstens - dessen Hinterleib annehmen! - Dein Kleid glänzt freilich wie eine Sonne; doch was nützt das, wenn der Rock noch so glänzt, im Rocke aber ein ganz blitzdummes Wesen steckt!? Bei dir kann man es wohl mit dem vollsten Rechte sagen: Es ist nicht alles Gold, was glänzt! Hat dir der himmlische Freund Sahariel den Grund seines Verlangens nicht handgreiflich und zur Übergenüge (dargetan und dir) gezeigt, wie die Sache zu deinem alleinigen Nutzen nur also und nie anders vor sich gehen kann?! Warum folgst du denn seinem Rate nicht? Hast du ihm doch ehedem alle erdenklichen Vorzüge eingeräumt vor mir - und scheinst ihn heimlich nun ebenso zu verachten wie mich! - O du Haupt aller Bosheit! Ich kenne dich nun ganz und werde auch diejenigen Mittel anzuwenden wissen, die dich mit der rechten Weile denn doch zähmen dürften! Denn auskommen wirst du mir wohl ewig nimmer, und mit deinem Zurückspringen in die alte Drachenhaut wird sich's auch nimmer tun; dafür ist schon durch dieses Strahlengewand gesorgt. Was aber wirst du jetzt tun!?«

[RB.02_185,03] "Spricht die Minerva: »Schweige, du dünnster Esel! Mit dir zu reden ekelt es mir! Meinst du denn, daß ich in diesem Gewande nicht ebensogut meine Pläne ausführen könnte wie in der Drachenhaut, deren ich mich nur auf Augenblicke bei besonderen Gelegenheiten bediente?! O da irrst du dich gewaltig! - Merke es dir: Jetzt werde ich es euch erst (recht) zeigen, was ich kann! - Meine Regimenter - besonders die unter der Ägide der römischen Hierarchie - habe ich noch, und ich werde sie spielen lassen! Da wirst du dann sehen, was ich alles vermag! Inquisitionen, Galgen, Schaffote und auch die alten Scheiterhaufen sollen wucherisch wieder erstehen und ihr Wesen ums hundertfache ärger treiben, als sie es getrieben haben! Und die Herrscher sollen ihre Untertanen mit glühenden Ruten schlagen und sie erwürgen lassen zu Tausenden! Daraus wirst du bald ersehen, was ich auch ohne Drachenhaut zu bewirken imstande bin!«

[RB.02_185,04] "Spricht Cado: »Aber ich sage dazu: Oha, bis hierher und nicht um ein Haar weiter! - Nun hast du deine Beichte vor uns gehörig abgelegt und uns in deiner großen Dummheit selbst deine schönen und menschenfreundlichen Pläne verraten! Und das war sehr gut von dir! Das ist dir einmal gelungen! Bravo! Das hast du gut gemacht! Mehr brauche ich dir nicht zu sagen. Das unsrige werden wir dann schon zu tun verstehen.«

[RB.02_185,05] "Spricht dazu der Robert: »Die geheimst gehaltenen Vorkehrungen sind bereits getroffen! Diesmal wird sich der Satan selbst den völligen Untergang bereiten! Sein Lohn wird ein fürchterlicher sein!«

[RB.02_185,06] "Spricht Sahariel: »Liebe Freunde, ereifert euch nicht dieser Unverbesserlichen wegen! Denn die Hauptmacht ist ihr benommen und mit ihrer Scheinmacht wird ihr wenig geholfen sein. Es wird diese alte Schlange wohl noch etliche beißen und vergiften; aber es wird ihr dann das Handwerk auf ewig gelegt werden. Denn der Herr Selbst wird zu den Sterblichen kommen und wird der Schlange das Handwerk legen! - Sie soll nun tun, was sie will. Je ärger sie es anfangen wird, desto eher wird sie mit ihrer schnöden Arbeit fertig werden. - Und genug nun der Arbeit mit und in der Hölle! Wir werden uns jetzt auf den Rückweg zum Herrn und zu unseren lieben Brüdern machen. Diese aber soll allein und gänzlich verlassen hier machen, was sie nur immer will und mag! An uns soll sie keine Narren mehr haben, mit denen sie ihr loses Windspiel treiben könnte. - Richte dich auf, Bruder Cado! Denn du hast Gnade gefunden vor Gott, darum du dein Böses in dir in Gutes und Wahres gekehrt hast. Du wirst nun auch mit uns hinziehen zum Herrn! Und Er wird dich annehmen und wird dir eine große Macht geben, über die Hölle zu wachen. Diese Minerva aber wird dir untertan verbleiben, weil du sie besiegt hast mit der Waffe der göttlichen Gerechtigkeit. - Mache dich alsonach auf und wandle in unserer Mitte hin vor den Herrn!«

[RB.02_185,07] "Spricht die Minerva: »So,so!? Mich also, mich, als die Perle der Unendlichkeit, wollt ihr nun so ganz mir und dir nichts verlassen und gleichsam davonjagen wie eine feile Dirne vom Tanze!? O das ist sehr schön und löblich von euch! Früher habt ihr durch lauter Lockungen es mit mir so weit getrieben, daß ich nachgab und zu euch herkam. Und nun, da ihr mit meinen Schwächen einige Geduld haben solltet, wollt ihr mich verlassen, weil euch irgendeine kleine Mühe zu sauer ist und ihr der Meinung seid, daß ich rein unverbesserlich sei!? Aber dem ist nicht also! Ich bin vielleicht wie kein zweites Wesen einer Vesserung fähig. Aber nur der soll über mich triumphieren, der mir die gehörige und notwendige Geduld und gerechte Liebe erweist! Ich bin arm geworden und sehr verwaist, und allenthalben spricht man mit der tiefsten Verachtung von mir. Soll ich da nicht voll Mißtrauen sein gegen jegliches Wesen, das sich mir naht - da es mir noch allzeit also ergangen ist, wie nun?! Allzeit wurden mir Verheißungen gemacht, auf daß ich umkehrete zu Gott! So ich aber nahe daran war, da verließen mich die anfangs stets mutigst auftretenden Bekehrer und überließen mich meinem Schicksale, so wie auch ihr es nun machen wollt! Aber tuet nur, was ihr wollt! Ich werde in der Folge denn wohl auch wissen, was ich zu tun haben werde. - Cado! Willst du bleiben, so bleibe, und ich werde dir dann folgen! - Aber mit diesen zweien ziehe ich nicht!«"

 

186. Kapitel – Minerva rechtet weiter. Sahariels Langmut. Bathianyis Ärger über die Unverbesserliche.

[RB.02_186,01] Miklosch berichtet weiter: "Spricht Cado: »Was ich mit dir bisher ausrichtete, das war nicht mein, sondern dieser mächtigen Gottesfreunde Werk. Wenn ich nun allein mit dir zu tun bekäme, wohin würde ich kommen, da du mir allein in jeder Hinsicht zu mächtig wärest. Daher tue ich nun freudigst, was diese beiden mächtigen Gottesfreunde von mir verlangen. Es gibt nichts mehr, was dir nicht gesagt worden wäre. Du hast so viele Belehrungen und Witzigungen empfangen, als es der Welten im endlosen Raume gibt. Aber es war alles vergeblich, da dir dein hochmütiger Wahnsinn stets lieber war als die strahlende Weisheit der vielen an dich gesandten Gottesboten. Deine Sache ist: Alleinherrschaft über alle Himmel, über alle Materie und über alle Höllen! Du willst drei Herrscherkronen, drei Szepter und drei Schwerter! Das ist und war, wie gesagt, stets deine Sache - und ist für dich auch zugleich das unbesiegbare Hindernis deiner von Gott beabsichtigten Freiwerdung, zu der du in dieser deiner Natur wohl ewig nimmer gelangen wirst. - Und nun soll ich, aus mir selbst nichts als ein ärmster, schwächster Teufel, allein bei dir verbleiben und mit dir alle möglichen, bereits erschöpften Bekehrungsversuche machen!? - auf daß du am Ende mich verschlängest wie eine böse Riesenschlange ein Kaninchen, was dein eigentlicher, geheimer Plan ist, den ich jetzt nur zu gut und klar durchschaue! O siehe, dazu wird sich ein Cado nimmer gebrauchen lassen! - Darum gehe ich mit diesen beiden lieben Gottesfreunden! - Du wolltest ja frei sein! Und sieh, diese Freiheit ist dir nun eingeräumt, und du kannst tun, was du willst! Daß du nichts Gutes tun wirst, davon sind wir alle vollkommen überzeugt. Aber wir sind auch davon überzeugt, daß du diesmal dir ein Grab zum ewigen Tode bereiten wirst, dieweil du uns nicht folgen wolltest und von uns verlangtest, was wir zu deiner Freiwerdung von dir selbst zu verlangen von Gott das Recht hatten. - Tue nun aus deiner eigenen Macht, was du willst, aber erwarte von Gott ja nimmer die Zulassung irgendeiner Gewalt; denn diese wird dir nimmer werden!«

[RB.02_186,02] "Spricht die Minerva: »So bitte ich euch alle drei, daß ihr noch eine Weile bei mir verbleibet und versuche zu meiner doch noch immer möglichen Besserung macht! Denn am Willen fehlt es mir jadoch sicher nicht!«"

[RB.02_186,03] "Spricht Sahariel: »O ja, das sicher nicht - da du nur viel zu viel Willen hast! Aber was für einen?! Das ist eine andere Frage. - Aber wir wollen, da du es verlangst, deinem Begehren nachkommen und noch einige Augenblicke mit dir die möglichste Geduld haben. Sollten diese an dir nichts ändern, dann wirst du auf immer velassen werden! Also sei es!«

[RB.02_186,04] "Spricht die Minerva: "Nun denn, da ihr mir das Zugeständnis gemacht habt, so bitte ich euch, daß ihr euch nun ganz kurz und klar erkläret, was ich zu tun habe, um frei zu werden vor Gott und aller Schöpfung.« - Spricht Sahariel: »Schönste, da brauchst du gar nichts zu tun, sondern so zu bleiben, wie du nun bist! Denn frei vor Gott und allen Seinen Geschöpfen warst du seit deinem Anbeginne her. - Es fragt sich nur, ob du - in Gott, deinem Schöpfer und Herrn, wahrhaft frei werden willst? Was du aber zu tun hast, um solch eine allein wahre Freiheit zu erlangen, das weißt du so gut wie wir! Und so kann ich dir darüber auch keinen andern Rat erteilen als: Handle darnach freiwillig! Wolle und tue das, was wir wollen und tun, so wirst du auch das erlangen, was wir dir im Namen des Herrn verheißen haben! Willst du aber das nicht, so ist unsere Geduld an dir vergeblich.«

[RB.02_186,05] "Spricht die Minerva: "Ich müßte also zuvor eine Sklavin werden, um dann erst aus der Sklaverei in die sicher sehr geknechtete Freiheit überzugehen!? O das wird sich bei mir sehr schwer tun lassen, weil in mir ein gewisses Gefühl gegen jede Erniedrigung meines Wesens sich auf das allerentschiedenste ausspricht! Gibt es denn keinen andern Weg als diesen, den ich unmöglich zu wandeln vermag?«

[RB.02_186,06] "Spricht Sahariel: "Wie es nur einen Gott, eine göttliche Ordnung und nur eine Wahrheit gibt, so gibt es auch nur einen rechten Weg, der zu Gott und der wahren ewigen Freiheit führt. Wer diesen nicht betreten und wandeln will, der bleibt ewig ferne von Gott, Seiner Ordnung, Wahrheit und Freiheit. Wer aber in der einzig alleinigen Wahrheit, die von Ewigkeit in Gott ist, nicht frei wird, der bleibt, dir gleich, ein elendester Sklave in Ewigkeit! - Also, nun sage du aber auch uns ganz kurz, bestimmt und entschieden, was du jetzt tun wirst! Willst du mit uns zum Herrn Jesum hin oder willst du nicht hin?«

[RB.02_186,07] "Spricht die Minerva: »Ich wollte, so ich's könnte! Aber ich kann es nicht, weil es mir vorderhand nun nicht möglich ist, aber ich will mir, so ihr mir noch eine kurze Geduld schenken wollt, nun alle erdenkliche Mühe geben, euch folgen zu können. So ich euch (alsdann) in der möglichsten Kürze bekanntgeben werde, ob oder ob nicht - dann könnet ihr denn auch sogleich tun, was immer euch eure Ordnung gebietet!« - Spricht Sahariel: Gut, gut! Auch noch diesen Gefallen wollen wir dir erweisen. Mache dich daher nur sogleich an die Bekämpfung deines bösen Hochmutes!«"

[RB.02_186,08] Miklosch in seiner Betrachtung fortfahrend: "Aha, aha, da sehet nun einmal hin, wie die lose Minerva nun druckt und schluckt und die Augen verdreht, als wenn es ihr noch so ernst wäre, sich zu bessern! O das muß eine allerdurchtriebenste, feinste Canaille sein!".

[RB.02_186,09] Spricht der Graf Bathianyi: "Freunde, bei der ist, wie man auf der Erde gesagt hat, Taufe samt Chrisam in Grund und Boden verdorben! Bei der alten Hure schaut keine Besserung mehr heraus! Eine dreifache Krone im Herzen und im Kopfe und dazu eine Besserung durch die Demut! Ich bitte euch, laßt euch nicht auslachen! So wenig ich je wieder auf der Erde einen Grafen spielen werde, so wenig wird die sich einmal bessern! Ich habe doch alles vernommen, was ehedem Cado allein und was nun alle drei mit dieser Primadonna der Hölle gesprochen und verhandelt haben. Wie weit sind sie denn mit ihr gekommen?! Auf demselben Flecke stehen sie noch, wo sie mit ihr zu verhandeln angefangen haben. Das Strahlenkleid hat sie wohl angezogen, weil das ihren Stolz und ihre unbegrenzte herrschsüchtige Eitelkeit erhöhte. Aber zu etwas, das nur irgend nach einer geringsten Demütigung riecht, werden die drei sie nie bewegen! Ich glaube, daß sogar ein Papst Roms eher zu irgendeiner Nachgiebigkeit zu bewegen wäre (natürlich durch sehr viel Gold und Silber!) als diese echteste Zentralhöllen-Canaille! Ich meine, man sollte das Luder möglicherweise irgendwohin auf ewig festbannen und sich dann weiter nicht mehr um dasselbe umsehen und kümmern! Denn bessern wird diese sich wohl ewig nimmer."

[RB.02_186,10] Spricht Miklosch: "Weißt du, lieber Freund, lassen wir das dem Herrn über! Er wird es am besten wissen, was Er mit diesem sonderbaren Wesen tun wird. - Mich aber interessiert nun die Geschichte ganz besonders - fürs erste die ungeheure Geduld unseres allgütigsten, liebevollsten, heiligsten Vaters - und fürs zweite aber auch die wirklich mehr als merkwürdige Art, wie sich die Schein-Minerva überall und zumeist auf eine so gar bescheidene Weise durchwindet, wenn es gilt, daß sie sich umkehren soll. Sie ist wirklich eine Minerva in ihrer freilich leider bösen Art, der keine zweite in die Nähe kommen kann. - Ich begreife bloß nur das nicht, wie sie bei ihrem urhäßlichen Charakter äußerlich so ungeheuer, bis zum rein Rasendwerden, schön sein kann!? Aber es gibt ja auf der Welt auch Ähnliches! Die schönsten Tiere sind gewöhnlich auch die bösesten, die schönsten Blumen giftig und die schönsten Weiber gewöhnlich eines sehr schlüpfrigen Charakters. Unter allen kirchlichen Anstalten auf der Erde steht die römische in der äußern Pracht und Schönheit sicher bei weitem oben an, und im Innern ist sie ohne Zweifel die schlechteste. Und so scheint es mir wenigstens, daß gerade in der vollendeten, lediglich äußern Schönheitsform der eigentliche Hauptcharakter des Höllenwesens zu suchen ist".

[RB.02_186,11] Spricht der Graf Bathianyi: "Ja, ja, da hast du ganz recht, es ist also! Die schönsten Länder der Erde werden gewöhnlich von den schlechtesten Menschen und bösesten Tieren bewohnt und das Unkraut wuchert allda ungeheuer. In den schönsten Palästen wohnen zwar äußerlich gewöhnlich die schönsten und üppigsten Menschen, aber welches Geistes Kinder sind sie zuallermeist!? - Was äußerlich zu sehr glänzt, das ist meistens des Teufels!"

[RB.02_186,12] Spricht auch der nebenstehende General: "Ja, wohl wahr, wohl wahr! Je mehr Orden auf dem Rocke, desto mehr Menschen muß man umgebracht und Tausende zu Sklaven und Bettlern gemacht haben! Das weiß ich aus Erfahrung, die Orden stehen zwar gut; aber unter den Orden das Gewissen steht schlecht, so noch eines da ist! Und das ist auch Satan in deutlichster Form, nicht wahr, liebe Freunde und Brüder im Herrn!?"

[RB.02_186,13] Spricht Graf Bathianyi: "Ja, ja, es ist hie und da auch manchmal etwas daran, aber freilich nicht allzeit - da es doch auch Männer gibt und gab, die ihre Ehrenzeichen sich auf die redlichste Art von der Welt erworben haben. Ich habe zwar auf Orden nie etwas gehalten und war da ein reiner Nordamerikaner. Aber dessenungeachtet gibt es neben den auf eine unrechtliche Art erworbenen Orden auch recht viele Verdienstorden, deren Besitzer rechtliche und biedere Menschen sind und somit auch auf dem rechtlichsten Wege zu solch ehrenden Auszeichnungen gekommen sind. Und so ist nicht anzunehmen, daß unter jeder mit Ordem geschmückten Brust ein schlechtes oder gar kein Gewissen zu Hause sei! Da hast du, Bruder, ein wenig zu viel gesagt! In Medio beati (die Wahrheit liegt in der Mitte)! Beiben wir daher schön in der Mitte, so werden wir vor dem Herrn sicher am besten bestehen können!"

[RB.02_186,14] Spricht der General: "Du hast in deiner Weise ganz recht, aber ich in meiner auch. Denn ich verdamme ja auch nicht jede geschmückte Brust, aber der erste Schmuck jeder Brust ist und bleibt ewig die reine und wahre Liebe zu Gott und zum Nächsten. - Wo diese einer noch so geschmückten Brust mangelt, da gelten bei mir alle andern noch so rechtlich erworbenen Ehrenanhängsel nichts. Wenn aber der Herr Selbst sagte: »So ihr alles getan habt, so bekennet es in euch, daß ihr ganz unnütze und faule Knechte waret!?« - Wie soll da ein wahrer Nachfolger Christi des Herrn sich ein ehrendes Verdienstzeichen auf seinen Rock anhängen lassen können!? Ich meine, dagegen wird doch niemand etwas einzuwenden haben! Denn das ist Gottes Wort!"

[RB.02_186,15] Spricht der Graf Bathianyi etwas gereizt: "Ja, ja, und noch einmal ja, ja, ja! Du hast recht, aber ich habe deshalb eben auch nicht unrecht. Denn Recht bleibt Recht. Und es versteht sich von selbst, daß es ohne die Liebe kein Recht und ohne das Recht auch keine wahre Liebe gibt und geben kann!"

[RB.02_186,16] Spricht Miklosch: "Brüder, wie ich merke, so kommt ihr vor dem Herrn und allein ewig wahren Richter in eine Art Rechtskampf wegen nichts und wieder michts! - Höret, da, wenige Schritte zu eurer Rechten, steht der Herr voll Liebe, Güte und Sanftmut! Das ist der allein wahre und vollkommene Richter! Ihn fraget um den rechten Bescheid, und ihr werdet dann sogleich erfahren, wer von euch das vorzüglichere Recht hat! - Wer aber wird hier im Gottesreiche vor dem Herrn Selbst einen irdischen Ordensstreit beginnen wollen, der gerade jetzt bei dieser vielleicht für die ganze Ewigkeit wichtigsten Erscheinung dort im Norden ebenso am ungeeignetsten Platze ist, wie die Faust eines Riesen auf dem Auge eines zarten, augenkranken Kindes."

 

187. Kapitel – Minervas theatralischer Abgang zu ihrem letzten Kampfe. Sahariel, Robert und Cado kehren heimwärts. Der Herr nimmt Cado auf.

[RB.02_187,01] Rede Ich: "Halt, halt! Nur nicht zu weit von allen drei Seiten! - Und nun keinen Lärm! Denn die Schwangere ist in Kindesnöten und darf in der Geburt nicht gestört werden! Miklosch, mache dich nur wieder an dein nur noch sehr kurz dauerndes Geschäft und mache den Dolmetsch! - Ich sage euch, die Ernte ist zur Reife gediehen, sie ist vor der Türe! Aber die Schnitter sind auch gerüstet zur Arbeit. - Ich merke auf der Erde einen starken Jammer. Der Satan möchte sie schlagen mit zehnfacher Finsternis. Aber dieses - letzte Mal wird er seine Rechnung nicht finden! Denn seine Mühe sei verflucht! - Passe du, Miklosch, jetzt aber nur auf! Denn von nun an wird jeder Schritt des Satans auf sehr kurze Zeit von großer Bedeutung sein für die Erde, den Prüfungsort Meiner Kinder! Schaue jetzt nur wieder hin und rede!"

[RB.02_187,02] Miklosch Sieht nun wieder hin und spricht: "Ah! Was Welt und alle Wetter! Die Minerva braust nun auf einmal auf und verlangt ein Schwert zum Kampfe auf der Erde wider den Unglauben und wider alle Ketzerei!

[RB.02_187,03] "Der Sahariel aber deutet auf die Zunge und sagt: »So dies lebende Schwert nichts fruchtet, da ist auch jedes andere vergeblich! Das lebendige Schwert, so es mit dem Herzen im verbande steht, wirket für die Ewigkeit wie auch der Herr sprach: ,Dieser sichtbare Himmel und diese Erde werden vergehen, aber meine Worte ewig nimmer!' - Also wenn du es redlich meinst, so wirke durch Worte! Das Schwert aber lasse du stehen! Denn so du mit dem Schwerte predigen wirst, da wird das Schwert auch dein sicheres Ende sein. Denn wer nach dem Schwerte greift, der wird auch durch das Schwert zugrunde gerichtet werden. - Begebe dich in Frieden, sonst wird deine Zeit ganz entsetzlich verkürzt werden!«

[RB.02_187,04] "Spricht die Minerva: »Ich will ein Schwert, und es geschehe darauf, was da wolle! Ich will ein Schwert! Ein Schwert, ein Schwert gebt mir! Denn nun will ich endlich einmal mit Gewalt und wie von heute bis morgen die Erde segen!«

[RB.02_187,05] "Spricht darauf Robert: »Nun gut denn, du verlangst ein Schwert - und hier ist eines! Nimm es hin und gebrauche es nach deinem Wissen und Gewissen! Der Lohn wird dir diesmal auf der Ferse nachfolgen!«

[RB.02_187,06] "Robert reicht ihr ein Schwert hin. Minerva reißt es ihm völlig aus den Händen und lacht echt satanisch-höhnisch dabei auf, sagend: "Hahaha! Ist das ein Schwert - aus Blei oder Pappendeckel! - Hahaha! Ist das etwa ein Sinnbild eurer himmlischen Macht und Stärke und Festigkeit!?« - Spricht Robert: »O nein, Holdeste! Wohl aber ist es ein Symbol deiner nunmehrigen Macht!- Gehe hin und kämpfe, du Elende, und erringe deinen elendesten Sieg! - Willst du aber mit uns ziehen, so steht dir auch dieser Weg offen! - Nun denn, Herkles am ewigen Scheidewege, erkläre dich, was du tun wirst?!«

[RB.02_187,07] "Spricht Minerva: »Ich werde kämpfen auch mit diesem Schwerte!« - Spricht Robert: »Nur zu mit dieser Waffe! Aber gib acht, daß sie dir morgen auf der Erde nicht zu kurz wird! Diesmal soll dir der letzte Kampf - aber allein nur auf deine Rechnung! - zugelassen werden. Und genug nun der Worte mit dem Satan! - Gehen wir unseres Weges! - Der Herr richte dich nach Seinem Wohlgefallen!«"

[RB.02_187,08] Miklosch fortfahrend: "Nun verschwindet Satana plötzlich und die drei eilen unter Vortritt des Sahariel hierher. - Jetzt bin ich neugierig, was sie alles etwa von ihren anderweitigen Himmelsbereisungen erzählen werden! Sie kommen, sie kommen schnell!"

[RB.02_187,09] Im selben Augenblicke sind die drei auch schon hier. - Und Sahariel tritt vor Mich hin, verneigt sich tiefst und spricht: "O Herr! Du alliebender, allmächtiger, bester, heiligster Gott und unser aller Vater! Mit dem Bruder Robert-Uraniel allein bin ich von Dir und in Deinem Namen hinausgegangen, um ihm ein Fünklein Deiner endlosen Herrlichkeit zu zeigen. Er sah seine Urheimat (den Planeten Uranus) und hatte eine ungemeine Freude daran. Und alles pries und preiset dort Deinen Namen. Aber auf dem Rückwege führte uns Dein heiliger Geist zu einer großen Szene, die für alle Deine Himmel und für die kleine Erde als Geburtsstätte Deiner Kinder von größter Bedeutung sein wird. Aber diese Szene war ein glühend heißes Werk! Die ganze Hölle empörte sich wider Dich und alle Deine Himmel! Der Satan schmückte sich gewaltig und wurde schön wie Deine Himmel, um durch solche Schönheit alle Himmel an sich zu ziehen.

[RB.02_187,10] "Aber hier steht ein starker Geist, in sich schlecht und recht - böse und gut - ein Wesen seltener Art! Dieser Geist warf zuerst frei aus seinem eigenen Willen heraus der glänzenden Fürstin der Hölle über die glühende Flut ihres Grimms den Fehdehandschuh hin und kämpfte mit ihr wie einst Dein Sohn David mit dem Riesen Goliath. Ihr Äußeres bezwang er wie ein Meister, aber das Innere dieser Fürstin blieb wie bisher noch stets dasselbe. Dieser beherzte Geist stehet hier, sein Name ist Cado. Und so bin ich und der Bruder Robert-Uraniel um einen Bruder reicher hierher zu Dir, heiligster Vater, wiedergekehrt. Wir wollen Dich nicht bitten, daß Du ihn annehmen möchtest in dein Reich, da Deine unendliche Güte und Liebe uns schon lange zuvorgekommen ist, aber unsere große Freude nur wollen wir hier vor Dir, o heiligster Vater, so ganz nach unserer Herzenslust ausschütten darüber, daß Deine Liebe und Macht uns einen so herrlichen Bruder hat finden und gewinnen lassen! Dank, Lob, Liebe, Preis und alle Ehre Dir allein dafür!"

[RB.02_187,11] Rede Ich: "Meine Liebe, Meine Gnade und meinen Segen euch und ihm! Er war schon wie verloren, aber ein Fünklein war noch in ihm, das da lebendig ward in der Qual, die ihm sein einstiges irdisches Oberhaupt bereitet hat - und das rettete sein Herz und verlieh ihm eine große Kraft, mit der er Mir dann wahrlich unaufgefordert einen großen Dienst erwies. Aber er soll dafür auch einen großen, freien Lohn überkommen und ein Meister werden im Kampfe wider die Hölle.

[RB.02_187,12] "Mein geliebter Cado! Ich sage dir, trete näher zu Mir herzu! Denn Ich habe dir Großes und Wichtiges zu geben!" - Cado tritt näher, verneigt sich tief und sagt dann: "Herr, ich hatte von Dir wohl eine ganz andere Vorstellung. Aber da ich Dich nun also in der schlichtesten Einfachheit treffe und sehe, so bist Du mir unter diesem Bilde auch am allerangenehmsten. Und ich frohlocke tiefst in meiner Wonne, daß Du als das allerhöchste Gottwesen so höchst schlicht und einfach bist! So habe ich mir die Gottheit oft in meinem Herzen gewünscht - wenn ich Sie mir auch stets endlos glänzend und unzugänglich denken mußte, weil meine halb türkischen und halb jüdisch-christlichen Begriffe mir keine andere Vorstellung von der Gottheit ermöglichten. Aber da ich jetzt hier meinen Gott und allmächtigen Schöpfer so finde, wie ich mir Ihn gar oft im Herzen, freilich ganz heimlich nur, gewünscht habe, so bin ich nun über die Maßen froh und stelle sofort Dir, o Herr, meine allerkleinste Kraftwenigkeit zum bereitwilligsten Dienste. - Aber nur müßig lasse, o Herr, mich nicht sein! Denn meine Freude ist, etwas Gutes zu tun. - Was wird denn nun mit der sogenannten Minerva geschehen? Soll sie so verbleiben? Oder sollen wir etwa doch noch weitere Vesserungsversuche mit ihr machen? Denn so (wie sie ist) wird sie viel Unheil auf der Erde anstiften, worauf sie ja auch ganz sicher ausgegangen ist"

[RB.02_187,13] Rede Ich: "Sei deshalb ruhig, lieber Cado! Diesmal ist ihr, wie allen ihres Sinnes, die endliche Falle gelegt, in der sie sich unausweichbar fangen wird! Wir aber werden nun etwas ganz anderes beginnen!"

 

188. Kapitel – Der Herr mit Robert und Helena – Wiedersehen der beiden Gatten. Ein wahres Ehepaar der Himmel.

[RB.02_188,01] Rede Ich: "Robert, siehe hierher! Die du lieb hast, ist die ganze Weile, während der du auswarest, an Meiner Brust gehangen. Du hast sehr viel gesehen und hast große Erfahrungen gemacht. Aber frage sie, was sie unter der Zeit deines wichtigen Ausseins alles gesehen und gehört hat! - Du bist in Meine Himmel gedrungen - und diese deine Helena tief in die großen Geheimnisse Meiner Liebe. Was meinst du nun, wer von euch beiden an tiefen und wichtigen Erfahrungen des Lebens wohl die größten und weitesten Fortschritte gemacht hat?"

[RB.02_188,02] Spricht Robert-Uraniel: "O Herr, sicher diese liebste Helena hier! Denn wer an der Urquelle selbst schöpft, der empfängt sicherlich des Lebens reinstes Licht. Wer aber durch Umstände, wie sie Deine heilige Ordnung erheischet, genötigt wird, hinauszugehen und an den weitgedehnten Ausflüssen Deiner Liebe, Weisheit und Macht die Wunder Deiner Erbarmung zu besehen, der trinket Deine Gnade nur tropfenweise, während eine Helena in den gewaltigsten Zügen ganze Ströme Deines Urlichtes in ihr Herz aufnimmt und dadurch in den ungeheuern Sehkreis Deiner endlosen Erbarmungen und Wundertaten geleitet wird. Eine flüchtige Sekunde ihres ungetrübtesten Schauens in Dein Herz muß ihr ja mehr enthüllen als mir in der sichtlichen Ferne von Dir ein ganzes irdisches Jahrtausend! - Aber wie werde ich denn nun vor ihr bestehen? - Ich, ein durch winzige Lichttropfen gesätigter Geist! Und sie - Ströme und Meere des Lichtes aller Weisheit in sich fassend!"

[RB.02_188,03] Rede Ich: "Dessen kümmere dich nicht! - So jemand auf Erden sich ein Weib nimmt, so wird sie ihm umso lieber sein, je reicher sie bei andern, gleich guten Eigenschaften (an irdischer Habe) ist, und so wird es dir hier wohl auch sicher nicht unangenehm sein, so hier dein rechtes Weib möglichst reich ausgestattet ist und einen derartigen Schatz von Mir überkommen hat, daß ihr beide daran für die Ewigkeit zur Genüge haben werdet. - Ihr Schatz besteht in einer unschätzbaren Fülle der Liebe. Und dein Schatz an Weisheit ist auch nicht der kleinste.

[RB.02_188,04] "Wohl bist du nur mit Tropfen gespeist worden, wo sie Ströme in sich eingesogen hat. Aber so du einen solchen Tropfen in die Fülle ihrer Liebe tauchen wirst, so wird daraus eine Unzahl von Wundern und neuen Geschöpfen und Werken entstehen, an denen du dich nimmer wirst satt sehen können. Und du wirst darinnen dann erst Meine Macht, Größe, Liebe und Weisheit in aller Fülle stets mehr und mehr zu ersehen, zu bewundern und anzubeten beginnen. Denn alles, was mit dir bisher geschah, das war nur eine nötige Vorbereitung zu all dem, was du von nun an beginnen wirst!

[RB.02_188,05] "Du sahest dein Haus zuerst von außen, und es gefiel dir ganz ungemein. Als du aber in den ersten Saal deines Hauses kamst, da gefiel es dir noch bei weitem besser, da du darauf bald zu einer Gesellschaft kamst, die zwar noch sehr roh aussah - als deinem Inwendigen in allem entsprechend. Aber sie ward bald sanft, als dein Inneres selbst lichter und sanfter wurde. Es ward darauf ein zweiter Saal geöffnet, der große Speisesaal, allwo du die Tische zu ordnen hattest, die dir viel Bangens machten. Darauf traten wir in einen dritten, sehr großen Saal, das Museum benannt. Da lerntest du im weitesten Umfange alle deine Mängel und des Todes Samen in dir kennen und schafftest sie aus dir nun alle hinaus, indem du auf den Grund der Hölle (von deinem Urentstehen an) zu dringen und dich von ihr zu reinigen hattest. - Und nun stehest du noch im selben Museumssaale vor Mir!

[RB.02_188,06] "Aber hier ist des Bleibens noch nicht! Daher werden wir uns nun in die große Schatzkammer begeben, in der dir die Schätze ersichtlich werden, die du mit der Helena als eine freie Mitgabe von Mir erhältst. Rufe daher die ganze, nun sehr große Gesellschaft zusammen, und wir werden uns dann sogleich in den vierten großen Saal begeben, der da ist die große Schatzkammer deines Hauses. Grüße aber vorerst deine Helena, dein himmlisches Weib!"

[RB.02_188,07] Robert begrüßt nun die Helena mit wahrer Engelszärtlichkeit. Und diese erwidert allerholdseligst den Gruß, ihm freundlichst die Hand reichend. - Robert vergeht nahe vor Wonne und sagt: "O du meine himmlische Helena, wie groß bist du nun, und wie klein bin ich vor dir!"

[RB.02_188,08] Spricht Helena: "Liebster Robert-Uraniel! vor Gott, dem Herrn, Der da ist unser aller Vater voll der reinsten Liebe, gibt es weder irgend etwas Großes, noch etwas Kleines, sondern alles ist gleich - nur Sein Werk! Er aber gibt dem einen Werke diesen, einem andern Werke einen andern Zweck. Wo aber der Zweck göttlich, da ist auch das Mittel gut, durch das irgendein solch göttlicher Zweck erreicht wird. Ich bin ein Mittel, und du bist es auch in der Hand der göttlichen Liebe und bist, so wie ich, weder groß noch klein, sondern gleich mit mir in der Liebe vor Gott. Daher machen wir uns gegenseitig keine Lobreden mehr, sondern ergreifen wir uns dafür so recht innigst in Gott, unserem heiligen Vater! Deine Weisheit vermähle sich wahrhaft mit meiner in Gott reif gewordenen Liebe! Und werden wir so dann eins vor Gott, so werden wir ein wahrhaftiges Ehepaar im Himmel und werden als ein solches leben und wirken nach und in der Ordnung Gottes. - Meinst du nicht auch, daß es also um vieles besser und klüger sei, als sich gegenseitig leere, nichtssagende Lobeserhebungen zu sagen und sich das Herz damit zu trüben?!"

[RB.02_188,09] Spricht Robert-Uraniel: "Du liebste, holdeste Schwester in Gott, dem Herrn und Vater - und Weib meines Herzens! Du hast ganz vollkonmmen recht! Also ist es und ewig nimmer anders! - Ach, wie selig doch haben mich deine Worte gestimmt! Ich hätte dir wahrlich jedes vom Munde wegküssen mögen! Denn ich sah mit deinen gar so himmlisch klingenden Worten den Geist der reinsten göttlichen Liebe mit in mein Herz herüberströmen. O welch eine liebliche Harmonie entfaltete das in meiner hochseligen Brust! - O ihr armen Schulvölker der mageren Erde, könntet ihr je so einen harmonischen Sang in euren Ohren vernehnen, dann würdet ihr es mit einem euer irdisches Leben zermalmendem Staunen gewahren, welch eine Macht im himmlischen Sange verborgen ist! - O Gott, welcher Masse von Seligkeiten gehe ich nun entgegen! Was alles wird meinen über die Maßen erstaunten Augen in der großen geheimen Schatzkammer des Herrn begegnen!? O Gott, o Gott, was alles habe ich schon gesehen und was werde ich noch sehen?! Seligkeiten ohne Maß, jede von neuen, nie geahnten Wundern der göttlichen Liebe, Weisheit und Macht begleitet!" - Hier fällt Robert- Uraniel der Helena an den Hals und küßt sie auf die Stirne.

[RB.02_188,10] Ich aber segne sie beide abermals und bedeute dem Robert, daß er nun alle zum Weiterzuge aufrufen soll.

 

189. Kapitel – Cyprian beim Herrn. Der beste Dank. Des Herrn Führungsweise. Gerichtswege Roms.

[RB.02_189,01] Robert geht nun zu den vielen Freunden hin und verkündigt ihnen, was nach Meinem Willen jetzt zu geschehen habe.

[RB.02_189,02] Währenddessen aber tritt Pater Cyprian, seine Freunde, den Dismas und den Pater Thomas samt dem General verlassend, zu Mir hin und sagt: "Herr, Du bester Vater der Menschen und Engel! Das rein höllische Zwischenspiel hat ein hübsches Weilchen gedauert. War aber eben nicht sehr amüsant. Das beste an der Sache ist, daß da mit dem Verschwinden jenes wirklichen Ur-Satans nun auch das leidige Abbild aus meiner Brust gänzlich verwunden ist. Denn die beiden Brüder Dismas und Thomas haben mit mir nahezu den gleichen Exorzismus (Teufelsaustreibung) ins Werk gesetzt, wie dort im Norden der famose Cado mit der Schein-Minerva. Und ich bin nun, soweit ich mich nur immer durchforsche, wenigstens von alledem rein, was in mir, wie gesagt, römisch war. Geiz, Neid, Habsucht, Herrschsucht und Rechthabegier sind nun ferne von mir. Mit einem leichten und freien Gemüte stehe ich, o Herr, jetzt vor Dir und bitte Dich auch um einen kleinen Segen. Es ist die Bitte wohl ein wenig verwegen, ich sehe es ein. Aber da Du schon den guten Bruder Robert gar so übermäßig gesegnet hast, daß er sich vor lauter Seligkeit beinahe nimmer zu helfen weiß, so wirst Du ja auch mir meine Bitte nicht für eine Art Vermessenheit anrechnen!"

[RB.02_189,03] Rede Ich: "Nein, nein, das ewig nicht! Nur kommst du mit deiner Bitte etwas zu spät. Denn Ich habe dich schon gesegnet!" - Spricht Pater Cyprian: "So ist es an mir, Dir, o Herr und Vater, dafür gebührend zu danken!"

[RB.02_189,04] Sage Ich: "Ist auch schon geschehen! Denn Ich lese es in deinem Herzen, und das ist mir der gültigste und angenehmste Dank. Hast du Mir aber den besten Dank schon geleistet, wozu nachher noch einen schlechteren hinzufügen wollen?" - Spricht Pater Cyprian: "Ja, aber davon weiß ja ich selbst beinahe kaum etwas! Wie soll dann eine mir selbst beinahe ganz unbewußte Handlung vor Dir einen Wert haben können!?" - Sage Ich: "Weil sie Meiner Lehre im Evangelium gemäß ist - wonach auch die linke Hand nicht wissen soll, was die rechte Gutes tut in Meinem Namen! Meinst denn du noch immer, ein mir wohlgefälliger Dank müsse mir, nach Roms Art, unter weithin schallendem Geläute aller Glocken, unter dem gewaltigsten Tönen der Orgeln, Pauken, Trompeten und Posaunen und unter dem gräßlichen, sinnlosen Geplärre lateinischer Hymnen dargebracht werden!? O Freund, sieh, alles das ist vor Mir ein barster Greuel! Wer Mir recht danken will, der danke Mir im Herzen, und zwar also, daß sein hochweiser Verstand dabei nicht viel mehr zu tun hat, als ein gemeiner Handlanger bei irgendeiner Meisterarbeit. Und solch einen Dank hast du Mir schon dargebracht. Nun, so Ich damit überaus zufrieden bin, was willst du nachher denn noch?"

[RB.02_189,05] Spricht Cyprian: "Mein Gott und mein Herr! Du bist zu gut, zu gnädig und zu sehr barmherzig, daß Du die puren Gedanken des Herzens als etwas Dir wohlgefälliges ansehen magst! Ehre, Lob, Liebe und Preis sei darum mir allein ewig! Du ordnest alle Dinge richtig, und Deine Kinder führst Du den rechten Weg, daß sie nimmer irren können in der Fülle. - Ich war ja zwar sehr in der Irre, und mein Herz machte seine Lebensschläge in großer Trübnis; aber Du ließest es nicht zu, daß da mein Herz in seiner Nacht erstarrte und keiner Pulse der Liebe zu Dir mehr fähig geworden wäre. Darum dir allein ewig allen Preis, allen Ruhm, alle Ehre, alle Anbetung und alle unsere Liebe!

[RB.02_189,06] "Es geht zwar nun wieder auf der Erde sehr traurig, düster und finster zu, wie ich es jetzt häufig merkte; aber es ist recht also, wie Du, o Herr, es zulässest. Denn es muß ja auch das Unkraut zur Reife kommen und seine Wurzel dürre und tot werden, auf daß es dann von Grund aus zerstört und vernichtet werden kann. Wie das Gute von Dir, so auch muß das Böse sich tatkräftig äußern, damit es als wahrhaft Böses erkannt und verworfen werden möge. Und so lässest du nun auch die arge Planze einen Wuchertrieb tun, auf daß sie desto eher dürr und tot werde. - Ein Stein, der nie in die Höhe geworfen wird, kommt nie zum Falle. So Du aber den Pfaffen es zulässest, sich höher und höher aufzuschwingen, so ist ihnen dadurch auch der Fall gegeben.

[RB.02_189,07] "Das Böseste auf der Erde ist nun das römische Pfaffentum; es erhebt sich unter der Maske der Frömmigkeit und steigt höher und höher. Aber so es bald mit seinem stolzen Flügelpaare an die eherne Decke Deiner Himmel schlagen wird, da werden ihm die Flügel verstört werden durch Feuer aus den Himmeln, und es wird da einen erschrecklichen und letztem Fall tun, nach dem keine Erhebung mehr möglich sein wird. Ein trauriger Weg zwar; aber gut, recht und gerecht ist er und verfehlt nimmer des rechten Zieles Mitte!

[RB.02_189,08] "Ich war falsch, schlecht und böse vor Dir und Deiner Erde, o Herr, und stieg und stieg höher und höher, um desto tiefer zu fallen. Aber als ich völlig gefallen war, da erst kamst Du, o Herr, und halfst mir wieder empor und machtest so aus einem Teufel einem Menschen nach Deinem Maße und nach Deiner Zahl. Und so tust Du, o Herr, fortwährend! Darum sei Dir wieder aller Ruhm, alle Ehre, aller Preis, alle Anbetung und alle Liebe! Denn Deine Erbarmungen sind unbegrenzt und Deine Liebe und Gnade erfüllet da alle Räume der Unendlichkeit. Den Niedern erniedrigst Du noch mehr, auf daß er vollkommen werde und näher komme Deinem Herzen. Aber die Hohen erhöhest Du und bereitest ihnen den vollkommenen Fall, auf daß sie dann als Gefallene ersehen mögen, wie gar so eitel da war all ihr Mühen und wie gar nichts sie sind vor Dir, o Herr! Wohl aber denen, die ihren sichern Fall merken und sich demütigen vor Dir! Die aber sich in ihrem Falle werden erhalten wollen - denen ein dreifaches Wehe! Denn ihr Weg wird ein heißer sein und ihre Umkehr nahezu unmöglich.

[RB.02_189,09] "O Rom, o Rom! Du pochest vergeblich an die eherne Pforte deiner alten Macht! Siehe, die Riegel sind verrostet und unbeugsam sind die Querstangen, mit denen du selbst die Türe zum Gottesreiche verrammt hast allen, die da hinein wollten! Ich stehe vor Gott dem Allmächtigen und Sein Auge sagt mir: deine letzte Mühe wird dir einen schnöden Lohn bringen! Du dürstest nach Blut, und Feuer willst du speien über der Erde weite Triften. Aber wehe dir! Der Herr hat dir eine Nacht vorbereitet, die dich selbst verschlingen wird wie eine hungrige Schlange einen Sperling!"

 

190. Kapitel – Der Altväter Heilsbitte – Antwort des Herrn. Vorbereitungen zur Wiederkunft des Herrn.

[RB.02_190,01] Treten alle Propheten und Apostel zu Mir dem Herrn und sagen: "Ja Amen! Dein Name werde geheiliget, wie hier in Deinen Himmeln also auch auf Deiner Erde, die da nach Deiner ewigen Ordnung eine wahre Probestätte ist für die Geschlechter, welche zum ewigen Dasein erkeimen unter Deinem Herzen! Aber nur das, heiliger Vater, bitten wir Dich alle aus einem Herzen und aus einem Munde: Lege dem Satan endlich einmal sein schnödes Handwerk! Nehme hinweg von Deiner Erde den Purpur und mache verschwinden Gold, Silber und das eitle Edelgestein, auf daß die Menschen nicht mehr nach dem Schimmer dieser unflätigen Dinge gieren, sondern nur nach reiner Liebe und Wahrheit (streben)! Welche Schätze des Geistes müssen zu Grabe getragen werden und können nie vom Lichte Deiner Sonne beschienen werden, weil das Jagen nach all den eitlen Dingen die Menschheit über die Maßen hindert, ihren Geist nach Deiner heiligen Ordnung zu erwecken und dann aus ihm unvergängliche Reichtümer für Zeit und Ewigkeit zu schöpfen!

[RB.02_190,02] "Lege sonach endlich einmal dem Satan sein schnödes Handwerk! Mit seinem Verschwinden aus der Sphäre der Wirkung wird und muß die Menschheit zu allem, was da gut und wahr ist, geneigter und geneigter werden - weil wir (Deine Diener) dadurch einen freieren Wirkungsraum einnehmen können und sicher auch werden. Widrigenfalls muß die Menschheit stets tiefer und tiefer ins Verderben sinken. - Wohl sind Deine Ratschlüsse unerforschlich und unergründlich Deine Wege. Niemand, außer Dir, ist es bekannt, wie Du in solchen Fällen vorgehest, um alles am Ende dem einzig rechten und besten Ziele zuzuführen. Aber bei manchen Wesen wird wohl eine übergedehnte Zeit erfordert, bis sie zu ihrem vorbestimmten Ziel gelangen. Also eine Abkürzung der langen Wege und der Zeiten Dauer, wie Du, o Herr, sie Selbst Deinen Völkern allen verheißen hast, wäre uns Gottgesinnten allen wohl das sehnlichst Erwünschte!

[RB.02_190,03] "Es ist wahrlich schade für Deine sonst so schöne Erde, daß sie die ihr stets neu geschlagenen Wunden nimmer zu heilen vermag, so Du, o Herr, ihr die stets gleichen Quäler nicht vom Leibe schaffst! - Was Du aber tun wirst, o Herr und Vater, das tue ja bald! Denn sonst verschmachten die Menschen vor der zu bangen Erwartung der Dinge, die da noch über die Erde kommen dürften. Wir (Deine Diener) warten freilich wohl leicht, da nun auch vor uns ob der großen Seligkeit bei Dir, heiliger Vater, tausend Erdjahre gleich sind wie ein flüchtiger Lenztag. Aber den armen, noch in sterblichen Hüllen lebenden Brüdern auf Erden werden bange Minuten zu Jahren und Jahre zu Ewigkeiten. Daher tue aus, o Vater, den reichen Born Deiner Liebe und Gnade, suche die Armen auf Erden gnädigst heim und kürze diese arge Zeit ab! - Dein allein heiligster Wille geschehe allzeit und ewig!"

[RB.02_190,04] Rede Ich und sage: "Ihr tut wohl daran, daß ihr also bittet. Aber es geht euch allen bei euren Bitten stets also, wie jenen, die überall zu spät kamen und darum auch vor Mir stets zu spät kommen müssen, weil Ich überall, und ganz besonders hier in den Himmeln, in allem der Erste bin und sein muß eine Bedingung, ohne die ihr nimmer einer Bitte und irgendeiner Handlung fähig wäret. Ihr seid wie Meines Leibes Glieder, die nicht eher zu handeln vermögen, als bis Mein Geist sie zu handeln antreibt. So es aber allenthalben in euch Meines Geistes bedarf, wie könnet ihr in euch wohl meinen, daß Ich durch eure Bitte erst müßte dazu bewogen werden, etwas zu bewerkstelligen, dessen Notwendigkeit oder Nichtnotwendigkeit Ich schon lange eher eingesehen habe, bevor noch irgendein Geist aus Mir sich eines freien Bewußtseins erfreute?! - Kurz, Meine lieben Kindlein, ihr kommet denn schon allemal und überall zu spät! Denn so ihm über eine Sache erst so ein wenig nachzudenken beginnet, da habe Ich schon um tausend Erdjahre vorgesorgt und alles so in den Gang gesetzt, daß nun die Wirkungen und Erfolge eben also zum Vorscheine kommen müssen, weil sonst am Ende der allgemeine Hauptzweck unmöglich erreicht werden könnte, der da ist - ein ewiges, schöpferisches, freiestes Leben Meiner göttlichen Gegenwart gegenüber.

[RB.02_190,05] "Wenn jetzt in den meisten römisch-katholischen Staaten auf Erden die sogenannte Religion, auch die römische, freigegeben ist, was da durch Mein Einfließen in die Verständnisse derer bewirkt ward, denen das Staatsruder anvertraut ist - und diese (Staatsleiter) dann solche Anordnungen zu treffen genötig sind, durch welche die herrschsüchtigste Hierarchie zugrunde gehen muß, so meine Ich, daß man da doch unmöglich mehr tun kann!? Soll Ich denn Hierarchien durch ein Feuer vom Himmel mit einem Schlage tilgen? - O das geht im allgemeinen nach dem großen Werke der Erlösung wohl nicht mehr! Keine allgemeine Sündflut mehr, und kein Untergang Sodoms und Gommorras mehr!

[RB.02_190,06] "Aber ein jedes Übel der Erde ist nun sein eigener Richter, und die Strafe folgt der Sünde auf der Ferse. Die Hierarchen verlangten ihre alte heidnisch-grausame Priesterfreiheit. Und sehet, sie sei ihnen aber ohne materielle Macht! Denn auch die materielle Macht des Staates ist frei unter ihren Regenten und kann sich nimmer von der Hierarchie knechten lassen. So aber nun die Hierarchen von ihrer grausamen Freiheit auch nur irgendeinen geringsten Gebrauch machen, so werden sie dadurch Tausende bewegen, aus ihrer schlechten Gemeinde in eine bessere überzugehen, wozu nun jedermann der freieste Weg für Seele und Geist mit guter Befugnis gebahnt und gegeben ist, wenn solche Übertritte von Tag zu Tag sich mehren werden, so wird die Hierarchie mit einigen wenigen Narren bald allein dastehen und ihr sicheres Ende an den Fingern zu berechnen anfangen. Wenn Ich aber solches veranlasse, wovon jedem die sicherste Folge einleuchtend sein muß, was soll Ich denn da noch mehr tun? Während ihr hier bittet, sind schon Tausende von Rom abgefallen! Kann da die Zeit noch mehr verkürzt werden? Wenn der Schlange das Gift gegeben ist, sich selbst zu töten, da sie damit in ihrer Ohnmacht niemand anders mehr erreichen kann, ist nicht alles getan zu ihrem Untergange, der nun notwendig geworden ist?

[RB.02_190,07] "Wie könnte Ich verheißenermaßen je wieder zur Erde kommen, so nicht der argen Hierarchie auf diese allein wirksame Weise ihr altes Handwerk gänzlich gelegt würde!? Käme Ich ohne dem zu den Armen, da würde die Hierarchie Mich womöglich ergreifen und abermals mehrfältig kreuzigen. Käme Ich aber zu den Reichen, so würde sie Mich in den Bann tun und wider Mich die ganze Hölle entflammen, zehnfach ärger als je, und alle Welt würde sich in einem langwierigen, gräßlichsten Kriege zerfleischen. Käme Ich aber als Gott - nun, das begreift ihr doch sicher, daß da die ganze Erde gerichtet würde und kein Wesen aus ihr eines freien Atemzuges mächtig wäre.

[RB.02_190,08] "So Ich aber zur Erde komme, kann Ich nur zu den Armen kommen. Darum muß zuvor die reiche Hierarchie in allem in die tiefste Armut gelangen. Der Verlorene muß mit den Schweinen Kost nehmen und die Reichen dürfen ihm sogar diese nicht gönnen. Und erst so ist auf der Erde eine rechte, nun baldige Ausgleichung aller herrschsüchtigen Bestrebungen möglich und daneben auch Mein Entgegeneilen dem Verlorenen.

[RB.02_190,09] "Eure Bitte aber war dennoch recht, denn sie ward euch also gegeben; aber Meine Handlung kam ihr um vieles zuvor! Nun aber kommt Robert-Uraniel mit seinem Scharen! Daher seid alle bereit zum nötigen Weiterzuge!"

 

191. Kapitel – Aufbruch zum Saal der Vollendung. Robert und Helena gefolgt von Cado vor verschlossener Himmelspforte. Minerva tritt wieder auf.

[RB.02_191,01] Alles begibt sich nun schnell in Meinen Willen. Und Robert-Uraniel konmmt und sagt: "Herr und Vater, es ist alles geordnet nach Deinem Willen, nach Deiner heiligen Ordnung!"

[RB.02_191,02] Sage Ich: "Also gehen wir denn dorthin gen Morgen, wo du in scheinbar großer Ferne zwei mächtige Säulen ersiehst! Alldort ist der vierte Großsaal der Vollendung, wo der eigentliche Himmel erst seinen Anfang nimmt für die Sphäre deiner Liebe und Erkenntnis. Nimm hier dein Weib, auf daß du aus Meiner besonderen Liebe in dir als vollkommen eingehest in das Reich deiner Liebe und deiner Erkenntnis! Also sei es!"

[RB.02_191,03] Auf diese Meine Worte umfaßt Robert-Uraniel mit aller Liebe seine Helena und bittet Mich, daß Ich, so es nach Meiner Ordnung anginge, sogleich an seiner Seite, und zwar zwischen ihm und der Helena, in den Großsaal der Vollendung einziehen möchte. - Ich aber sage zu ihm: "Du mußt einmal frei zu wandeln anfangen, ansonst du stets eines Gängelbandes bedürfen würdest! - Ich aber werde schon ohnehin in dem Großsaale zugegen sein, wenn du in denselben eintrittst. Sorge dich daher nicht um Mich und denke nicht, ob Ich hier oder dort sei. Denn wo du mit der Liebe zu Mir dich immer hinbegeben wirst, da werde Ich bei dir sein, da deine Liebe zu Mir Ich Selbst bin. Und Ich bin überall da gegenwärtig, wo die wahre und reine Liebe in irgendeinem Herzen zu Mir in gerechter Fülle gegenwärtig ist. - Und so gehe denn voran und öffne uns allen in der Fülle die Pforte in das Reich der Vollendung deines Herzens!"

[RB.02_191,04] Hier macht Robert eine tiefe Verbeugung vor Mir und tritt darauf sogleich seine Reise an. - Er wandelt wohlgemut mit seiner Helena, die ihn unterwegs fragt, wie es ihm denn hier im Reiche Gottes so ganz eigentlich vorkomme, ob er sich wohl schon so ganz heimisch fühle, oder ob es ihm nicht öfter vorkomme, als ob er in der Fremde wäre? - Sagt darauf Robert-Uraniel: "Allerdings kommt es mir manchmal sehr fremd vor, besonders so der Herr sich nicht neben mir befindet. Aber so der Herr Sich sichtlich in meiner Nähe befindet, da bin ich wieder ganz zu Hause. - Nun kommt es mir an deiner Seite, liebste Helena, aber dennoch weniger fremd vor, als ehedem an der Seite des Sahariel. Nur die Erscheinungen, die da kommen und bald wieder vergehen, kommen mir, trotzdem ich sie recht wohl verstehe und begreife, noch immer sehr befremdend vor, weil ihr Auftreten oft gar so unvorbereitet zum Vorscheine kommt. Aber das tut nun gar nichts, ich habe mich daran schon gewöhnt. - Aber nun ist auch schon die Pforte da - und verschlossen! - Was nun?!"

[RB.02_191,05] Spricht Helena: "Nun, die werden wir im Namen des Herrn eben aufzumachen versuchen. Sieh, es steckt ja ein goldener Schlüssel daran! Also versuchen wir's!" Robert ergreift sogleich den goldenen Schlüssel und fängt an, ihn nach rechts und links zu drehen. Aber die große Türe will sich nicht öffnen. Er dreht wieder, und stärker als zuvor drückt er mit aller Gewalt an die beiden Torflügel - doch vergebens! Nimmer weichen sie seiner Gewalt.

[RB.02_191,06] Darob wird dem Robertet fast bange und er spricht zu seiner Helena, sagend: "Siehe, mein geliebtes Weib, da ist wieder eine lebendige Antwort auf deine Frage, ob es mir nicht öfter vorkomme, als ob ich in der Fremde wäre?! Ich muß dir hier offen gestehen, daß ich mich nun einmal wieder sehr in der Fremde fühle, ja wie einer, der ganz verlassen ist von allen seinen früheren Freunden und Helfern in der Not! Siehe dich nur einmal um und sage mir, ob du selbst in der weitesten Ferne hinter uns jemanden erschauen kannst!? Außer dem Freunde Cado, der uns ganz still aus eigenem Antriebe gefolgt ist, entdecke ich keine Seele und somit auch keinen Geist! Was sagst denn du, mein Engel, zu dieser ganz unerwarteten himmlischen Anrennerei?!" - Spricht Helena: "Ist wahrhaft sonderbar! Außer dem Cado sehe ich auch niemanden, und das Tor läßt sich nicht öffnen! Und doch hat uns der Herr Selbst hierher beordert! Geh, versuche es noch einmal, die Türe zu öffnen! Ich werde dir selbst helfen - vielleicht wird es dann gehen!".

[RB.02_191,07] Robert macht sich nun wieder an den Goldschlüssel und dreht ihn nach allen Seiten, währenddessen die Helena stets recht kräftig an die beiden Flügel drückt. - Die Bemühung geht eine gute Weile vor sich aber ohne Erfolg. - Als beide schon etwas abgemüdet sind, sagt Helena: "Weißt du, mein geliebter Robert-Uraniel, über die Möglichkeit hinaus kann sich niemand zu einer Tat verpflichtet fühlen. Wir haben bereits alle unsere Kräfte daran verwendet, um dise Himmelspforte zu öffnen. Sie läßt sich aber durchaus nicht öffnen, wofür wir doch kaum etwas schulden können. Also bleibe sie denn in des Herrn Namen verschlossen! Den Freund Cado könnten wir zwar noch um eine gefällige Mitwirkung ansprechen. Wer weiß, vielleicht versteht er damit besser umzugehen als wir beide." - Spricht Robert-Uraniel: "Du hast recht! Das werde ich nur aber auch sogleich tun!"

[RB.02_191,08] Hier spricht Robert-Uraniel den Cado an und sagt: "Liebster Freund, du hast uns sozusagen ganz allein bis hierher ein freundliches Geleite gegeben, während von all den vielen andern nicht ein bewegliches Atom irgendwo zu ersehen ist. Du hast auch des Herrn Auftrag an mich vernommen - daß ich mit meinem Weibe hierher ziehen und dies Tor öffnen soll. Allein alle meine noch so kräftigen Versuche scheiterten an der Gegenkraft dieses Tores! Meines Weibes nicht unkräftige Mithilfe fruchtete auch nichts. Daher will ich dich hiermit, da du schon ohnehin hier bist, ersucht haben, daß du mir noch einen dritten Versuch recht kräftig möchtest machen helfen. Vielleicht gelingt's uns dreien, diese riesige Himmelspforte denn doch zu öffnen - dann wohl uns! Gelingt es uns aber wieder nicht, was das offenbar wahrscheinlichste ist - nun, so mag der Herr dann tun und machen mit uns, was Ihm wohlgefällt!"

[RB.02_191,09] Spricht Cado: "Lieber Freund, dieses unermeßliche Meer von Erscheinungen, die sich hier schnell aufeinanderfolgend überbieten, macht aus mir eine Ohnmachtsmücke, und es wird dir mein Wirken sehr wenig Segen bringen. Was einem Gotte zusteht, gebührt nicht einem Ochsen! Du bist berufen und auserwählt. Ich nicht einmal glattweg berufen! Aber es macht das nichts! Ich werde dir dennoch die verlangte Hilfe leisten. Ob es dir aber etwas nützen wird - natürlich dafür kann ich dir nimmer gutstehen! Du weißt es ja, daß das Himmelreich Gewalt braucht! Nur die werden es besitzen, die es mit Gewalt an sich reißen! Gewalt muß also hier geschehen dieser Pforte! Und so fangen wir's denn in Gottes Namen an!"

[RB.02_191,10] Robert macht Sich nun abermals an den Schlüssel und dreht ihn siebenmal nach links. Und da dadurch bei allem Kraftaufwande die Pforte noch nicht aufgeht, so dreht Robert den Schlüssel nach rechts so lange um, als sich der Schlüssel nur immer drehen läßt, und es wird während des Drehens in einem fort kräftigst gegen die Pforte losgedrückt. - Allein die Pforte bleibt beharrlich verschlossen.

[RB.02_191,11] Robert-Uraniel kratzt sich hinter den Ohren. - Und Cado sagt: "Ich habe es dir ja zuvor gesagt, daß es nicht gehen wird! Denn obschon ich eben noch nicht zu lange hier ein Bewohner des Geisterreiches bin, so weiß ich aber doch, daß diese geistigen Dinge um sehr vieles hartnäckiger sind als die irdischen. Ein Berg auf der Erde ließe sich eher versetzen, als so ein hartnäckiges Geistertor sich öffnen! - Mein Rat wäre hier dieser, die Geschichte abwarten! - Die Gegend ist hier wahrlich wunderschön, und Gärten und Früchte aller Art gibt es hier auch in großer Fülle. Was wollen wir mehr?! Daß unsere Bestimmung nicht darin bestehen kann, dem Herrn Gott Jesus gleichfort sichtlich auf der Nase zu sitzen, das werdet ihr hoffentlich ebensogut einsehen wie ich! Es ist uns demnach ein Ort im Gottesreiche angewiesen worden, wo wir so lange zu verharren haben werden, als bis uns von höheren Mächten diese große Himmelspforte aufgetan wird. Denn wir werden sie wohl ewig nimmer zu öffnen imstande sein. - Was wir aber tun können, wäre meines Erachtens das, daß wir uns auch hier an den evangelischen Rat halten, der also lautet: »Suchet, so werdet ihr finden! Bittet, so wird euch gegeben, und pochet an, so wird euch aufgetan!« - Wer weiß, ob das Tor nicht schon vor uns offen stünde, so wir uns statt des Schlüsseldrehens an diesen evangelischen Rat gehalten hätten!? - Was meinst du, mein Freund, in dieser Sache?"

[RB.02_191,12] Spricht Robert-Uraniel: "Ja, ja, Freund, du hast da durchaus recht! Dagegen läßt sich gar nichts einwenden! - Aber daß der Herr mich förmlich genötigt hat, mich ja eilends voran und hierher zu begeben und diese Pforte zu öffnen, da uns alle großwichtige Dinge hinter dieser Pforte erwarten! Und nun bin ich hier, die Eröffnung des Himmels erwartend - und richte mit der Pforte nichts! - Siehe, das ist denn doch, bei Gott, etwas sonderbar! - Aber sei ihm nun, wie ihm wolle, ich werde deinem Rate folgen!"

[RB.02_191,13] Spricht hierzu die Helena: "Freunde, wahrlich wahr, es gehört viel dazu, um in das Himmelreich Gottes eingehen zu können! Wenn man auch schon, wie ich selbst, in der allerwahrsten Glühhitze der reinsten Liebe dem Herrn Selbst an der heiligen Brust gelegen und da als ein Säugling die Gnadenmilch des Lebens gesogen hat, so nützt das aber dennoch, wie es hier ersichtlich ist, eben nicht gar viel. Denn kommt man dann vor die eigentliche Hauptpforte des Himmelreichs, so findet man diese ebensogut verschlossen als einer, der etwa in geradester Linie von unten hergekommen. Es ist wahrlich höchst sonderbar! - Mich geniert nun hier nichts als dies herrliche Strahlengewand! Wenn ich so ein ganz ordinäres Bauernkleid statt dieses strahlenden hätte, so würde mich diese Verweigerung des Eintrittes in das eigentliche Himmelreich bei weitem weniger genieren. Ein Schweinehalter muß auch als solcher bekleidet sein, sonst wird ihm entweder sein Amt oder er sich selbst zum Überdrusse werden. Wahrlich wahr, bei dieser Geschichte könnte man auf den Herrn ordentlich ungehalten werden! Früher Milch und Honig von bester Qualität - und nun einen rechten Bittertropfen daraus! Und an Stelle des Himmelsbrotes, das man ehedem schon im wahren Übermaße genossen, kommt nun eine Hafergrütze! Prosit Mahlzeit! Na, spührst du so was, Robertl?! Das wird eine sonderbare himmlische Süßigkeit abgeben! - Aber wenn ich arme Närrin nur dieses dummen Kleides loswerden könnte! Mich geniert's nun schon ganz entsetzlich! Gefällt dir, mein geliebtester Robert, noch dein uranisches Sternengewand?"

[RB.02_191,14] Spricht Robert: "Wäre gleichwohl auch mir einanderes um eine ganze Million lieber, aufrichtig wahrgesprochen! Ich komme mir nun in diesem göttlichen Sternenkleide wie so ein gefoppter himmlischer Esel vor! Bei Gott, eine lederne Hose und eine Jacke vom gröbsten grauen Tuche wäre mir um ein ganzes Leben lieber! Ich habe mich aber in meinem ganzen irdischen und geistigen Leben nie so wahrhast bettpisserisch geschämt wie diesmal in diesem fatalen Himmelsgewande! Wenn ich es nur gegen ein anderes vertauschen könnte!" - Spricht Helena: "Ich gäbe das meine um den allerschmutzigsten Küchenfetzen her. Denn es gibt wahrlich nichts Erbärmlicheres als ein Königsgewand zu tragen auf einer Schweinehirtenwiese."

[RB.02_191,15] Spricht Cado: "Meine liebsten Freunde, ihr redet mir aus dem Herzen! Das muß auch Christus als Gott und Herr der Unendlichkeit tief gefühlt und gewollt haben, da Er so oft und so sehr gegen die Kleiderpracht geeifert hat. Er trägt ja auch als Herr der Unendlichkeit hier im Reiche alles Lichtes wahrlich das lichtloseste, allereinfachste Kleid. Ich bin selbst ein größter Feind von jeder Kleiderpracht, mag sie nun auf der Welt materiell oder hier im Reiche des Geistes geistig sein. Wahrscheinlich sind die Prachtgewänder in den Himmeln, mit denen die weisen Engel angetan sind, jene Flecken, die an ihnen das reine Gottesauge ersieht. Denn es heißt irgendwo in der Schrift: »Auch an den Engeln schauet Dein Auge, o Herr, Mängel!« - Daher gebe ich euch ganz recht, daß ihr euer für hier unpassendes prachtvolles Himmelsgewand verabscheut. Aber wo nun ein anderes hernehmen? - Daher behaltet es, solange kein anderes zu bekommen sein wird. Sehen kann uns offenbar doch kein vierter, weil er nicht da ist. Wir drei aber wissen es ja, was wir davon zu halten haben. Deshalb sollen euch diese strahlenden Himmelsfetzen auch gar nicht genieren. Haben sie nun vorerst in euren Augen keinen Wert, dann ist alles wohl gut und recht; denn in meinen Augen hat selbst solch ein himmlischer Flitter nie einen Wert gehabt. - Aber was werden wir nun vor dem Öffnen der Pforte beginnen? - Werden wir zu bitten, zu suchen und zu pochen anfangen?"

[RB.02_191,16] Spricht Helena: "Ich meine, das werden wir schön sein bleibenlassen! - So sie uns der Herr nicht öffnen will, so soll sie denn gleichwohl verschlossen bleiben in alle Ewigkeit, amen!" - Spricht Robert: "Hast eben nicht ganz Unrecht, du meine allergeliebteste Helena! Aber weißt du, so man es schon einmal bis zur - sozusagen - letzten Himmelspforte gebracht hat, da sollte man sich denn doch noch einige Mühe geben, auch durch diese zu kommen! - Bitten ist gerade keine Schande, suchen noch weniger und was am Ende das Anklopfen betrifft, so will ich mich selbst gleich einem irdischen Regimentstambour auf die beiden Flügel hermachen und einen Lärm machen, der sich gewaschen haben soll! - Nein, aber das gefällt mir nun erst - ehedem machte ich schon, als selbst ein Engel, mit dem Sahariel die ausgedehntesten Himmelswanderungen und nun stehe ich wieder in eurer Gesellschaft als ein barster Ochse am Berge! Es geht uns jetzt nur noch die famose Minerva ab! Das wäre wirklich ein Spaß, diese hier über die Torsperre losziehen zu hören!"

[RB.02_191,17] Spricht Cado: "Nenne den Wolf nicht zu oft, sonst kommt er gerannt! Wahrlich, so ich mich nicht irre, da kommt sie schon daher, uns eine Visite zu machen! Nun sehen wir, wie wir ihrer loswerden!" - Spricht Helena ganz verblüfft über diese Erscheinung: "Aber die muß ein feines Gehör haben! - Nun, nun, nun, du mein liebster Robert-Uraniel, das wird eine hübsche Geschichte werden! Hast aber auch ihren Namen in unserer ohnehin mißlichen Lage wißgierig nennen müssen! - Nein, nein, das wird nun eine schöne Mette werden! Am Ende zieht sie uns noch alle drei mit sich in die allerunterste Gott-steh-uns-bei!"

[RB.02_191,18] Spricht Cado: "Ah, von dem ist keine Rede! Das eigentlich Fatale besteht nur darin, daß man ihrer nicht so bald wieder loswerden kann, so sie einmal da ist!" - Spricht Robert: "Ja, so suchen wir es zu verhindern, daß sie herkomme; denn mit so viel göttlicher Kraft und Gewalt werden wir ja etwa doch noch ausgerüstet sein!" - Spricht Cado: "Versuche es! Aber ich meine, daß dies nichts nützen wird; denn sie wird gleich sagen, daß auch sie das vollste Recht habe, vor die Pforte des Gotteshauses zu kommen und da Einlaß zu begehren. - Ob sie hineingelassen wird, das ist freilich eine andere Frage. Aber an die Pforte zu kommen, kann ihr nicht gewehrt werden. - Lassen wir sie daher ganz ungehindert fortwandeln und tun nicht dergleichen, als ob wir sie bemerkten. Wird sie sich dann etwa an uns machen, nun, so werden wir ihr schon etwas zu erzählen wissen, was sie sicher nicht gerne hören wird. Nur aber dürfen wir uns gegen sie weder freundlich und noch weniger richterlich-gebieterisch benehmen - sondern so ganz gleichgültig, was sie am wenigsten vertragen kann. So werden wir ihrer am ersten loswerden. Denn ich glaube, sie so ziemlich durch und durch zu kennen."

 

192. Kapitel – Minerva vor der Pforte. Derbe Begegnung mit Helena.

[RB.02_192,01] Spricht Robert: "Ganz gut, ganz gut, dein Rat ist, bei Gott, wahrlich sehr gut! Das sieht man aber gleich, daß du, mein geliebtester Cado, kein Enropäer bist; denn diese sind samt mir keiner so offensichtlich weisen Ansicht fähig. - Doch jetzt nur stille, denn sie kommt schon sehr eilig in unsere Nähe! Aber das herrliche Kleid hat sie noch an, und das Pseudoschwert aus Blech und Pappendeckel! Auch von ihrer außerordentlichen Schönheit scheint sie noch nichts eingebüßt zu haben! Wahrlich wahr, das muß man bekennen, was da ihre Gestalt anbetrifft, so kann man sich wohl unmöglich etwas schöneres vorstellen! Sie ist wirklich unendlich schön und reizend! Man könnte beinahe die Behauptung aufstellen, daß es der lieben Gottheit gar nicht möglich sein sollte, eine noch größere gestaltliche Schönheit ins Dasein zu rufen! - Aber ich glaube, man das auch ihre Gestalt nicht gar zu sehr rühmen; sie könnte dadurch denn doch noch eitler und stolzer werden, als sie ohnehin schon ist. - Spricht Cado: "Ja, ja, überhaupt von und mit ihr nicht reden, sonst bringt man sie nicht leichtlich vom Halse!"

[RB.02_192,02] Spricht hinter dem Rücken des Cado schon die Minerva, sagend: "Richtig, du triffst den Nagel wohl immer auf den Kopf! O du Hascherl du! Du wirst die anderen was lehren, wie sie meiner am ehesten loswerden könnten - als ob ich mich etwa jemanden je schon aufgedrungen hätte! Dazu besitze ich wohl zu viel Ehre in mir und bin zu stolz, als daß ich solch kleinlicher Schmutzereien fähig wäre. Und du, mein Freund Cado, darfst dich schon gar nicht fürchten, meiner etwa schwer loszuwerden! Denn weißt du, wir kennen uns schon so hübsch lange. Soll ich dich etwa bei deinem wahren Namen nennen?!"

[RB.02_192,03] Spricht Cado: "Schweige! Sonst sollst du von meiner dir schon bekannten Höflichkeit sogleich ein neues Pröbchen erfahren! Dort ist die verschlossene Pforte, versuche, ob dich wer hineinlassen wird! Denn du gehörst etwa ja auch dort hinein, wo es sicher besser ist, als da außerhalb der verschlossenen Pforte." - Spricht die Minerva: "Lecke mich! - Ich tue, was ich will, und nie was du willst! - Verstehst du das?"

[RB.02_192,04] Spricht Cado: "O das verstehe ich ganz vollkommen! Denn du bist eitel und stolz und somit auch dumm zur Genüge! Wie solltest du da wollen und tun können, was dir für ewig wahrhaft frommen möchte? - Im übrigen aber merke ich, daß du, seitdem dir das berühmte Schwert des großen Helden Kolofuntius Bratto (der damit ganz glücklich gegen die Mücken gekämpft haben soll) eingehändigt wurde, an Höflichkeit gar nicht zugenommen, sondern nur ganz bedeutend abgenommen hast! Denn unsereinem, und das in der Gegenwart einer ganz allerliebsten, schönsten, zartesten und bestgeschmückten Himmelsdame, deinen für deine liebe Zunge unzulänglichsten Teil belecken zu heißen - das ist und bleibt, um geradeheraus zu sprechen, sackgrob! Wenn so ein Wort aus dem Maule eines Schweines gegrunzt werden würde, da ließe man sich's gefallen; denn von einem Schweine läßt sich füglichermaßen wohl nichts besseres erwarten. Aber verstehe, so man solch eine höchst unfein klingende Sentenz von einem so weich und schön geformten Munde eines allerschönsten weiblichen Geistwesens zu vernehmen bekommt, so wird man wahrlich sehr unangenehm berührt. So du mit uns etwa noch etwas zu reden haben solltest, so bitte ich dich um ein wenig gewähltere und bessere Ausdrücke! Denn so du schon mich nicht berücksichtigen willst, so berücksichtige unsere hier gegenwärtige, allerzarteste, wahre Himmelsdame!"

[RB.02_192,05] Spricht die Minerva: "Fahre ab mit dieser Lerchenfelderin! Das wäre eine rare Himmelsdame! Diese allergemeinste Proletariertrud - vor der soll ich am Ende noch gar einen Respekt haben!? Ich - das erste Wesen in der ganzen Unendlichkeit! Und die das letzte aus dem allerlumpigst berühmten Lerchenfeld! Nun, nun! Du hast einen hübschen Begriff von einer Himmelsdame, wenn du dieses echte Wiener Mistbratel für eine, sage, Himmelsdame ansiehst! Gratuliere, gratuliere! Du hast es in deinem Himmel mit deiner Weisheit wahrlich schon sehr weit gebracht!"

[RB.02_192,06] Hier unterbricht sie die vor Ärger nahe ganz glühend gewordene Helena, sagend: "Nun, du stolzes Aas! Weißt etwa über mich noch was Schlechteres - du aus der ganzen Unendlichkeit zusammengedroschenes Schwein du! Schau nur gleich, daß dir die ganze Unendlichkeit nicht zu eng wird! Nein, das gefällt mir! Will dieses Hauptluder aus allen Fixsternen sich über mich hermachen! Na Warte, du bist schon über die rechte gekommen! Ich werde dir deine polierte Quadrateselshaut schon etwas runzlicher klopfen, weil sie dich gar so juckt! Glaubst du, schönes Obers von der höllischen Rindsuppe, ich kenne dich etwa nicht! O da sei ganz besorgt, du schmutzigstes Unterfutter von einer Liguorianer-Hose! Schau, schau, das alte Jesuitenschnupftuch will mich eine Proletariertrud nennen!? Jetzt schau nur, daß du bald weiterkommst, sonst zeige ich dir, wo die ewigen Zimmerleute Gottes für dich das Loch gemacht haben!"

[RB.02_192,07] Spricht Robert: "Aber ich bitte dich, du meine holdeste Helena, du mein herrlichstes, von Gott Selbst in den Himmeln mir gegebenes Weib, ereifere dich nicht! Es wäre ja ewig schade für deinen herrlichen, schönsten Mund! Schau, mit dieser Schein-Minerva richtet Gott Selbst nichts, was sollen erst wir mit ihr richten!? Sie ist einmal so, wie sie ist! Du weißt es ja, daß auf den Disteln keine Datteln und auf den Dornhecken keine Feigen wachsen! Lasse sie daher reden, was sie will! Denn in unsere Ohren dringt ihre Stimme wahrlich nicht und somit noch weniger in unsere Herzen!"

[RB.02_192,08] Sagt Helena: "Ja, ja, das weiß ich wohl. Aber das weiß ich auch, daß man dem Teufel das Maul stopfen muß, als ein ehrlicher Christ, wenn er es zu weit aufmacht! Schau, jetzt ist sie schön sauber still, weil sie sieht, daß sie nimmer gröber werden kann als unsereins! Nein, die soll aber auch nur einmal noch sich mucksen, so will ich ihr ein echtes Lerchenfelder Liedl anstimmen, daß sie für alle Ewigkeit damit genug haben soll! Nein, dies Giftbratl vom heiligen Erzengel Michael soll mich dann erst kennenlernen! Wahrhaftig wahr, ich könnte sogar unserm lieben Herrgott und Himmelsvater eine Grobheit um die andere ins Gesicht sagen, wenn Er je diesem Leibstuhle Petri eine Gnade erweisen möchte. Die ist ja schon lange für die Hölle zu schlecht! Daher leiden sie die anderen Teufel auch gar nicht mehr unter ihnen! - Hast es aber auch hierher berufen müssen!?"

[RB.02_192,09] Spricht Cado zur vor Zorn ganz bebenden Minerva: "Nun, bist du mit deinem Grobheitslexikon schon zu Ende, daß du auf die würdevollen Komplimente, die dir soeben von der lieben Lerchenfelderin zugekommen, keine gleichwürdige Erwiderung zuwege bringst? Mir scheint es, daß du eine Meisterin gefunden hast und nun durch dein Schweigen bekennst, daß die Lerchenfelderin recht habe!" - Spricht die Minerva: "Ich bitte dich, rede mir nur von dieser Galgenschnur nichts mehr, denn ich habe sie genossen!"

[RB.02_192,10] Unterbricht sie die Helena: "Schau nur, daß du weiterkommst, sonst setzt's noch Gelsen und spanische Mucken ab! Kennst du diesen Lerchenfelder Salat?" (Der Minerva die beiden Fäuste zeigend): "Ich sag dir's, wenn du nicht bald weitergehst, so putz ich dir so eine kleine Tagwacht über dein rotzigs Großmaul runter!" - Spricht Robert: "Aber ich bitte dich, Helena, um Gottes willen! Wir kommen ja anstatt in den reinen Himmel Gottes gar zum Schmierseppl nach Oberlerchenfeld! Bedenke doch, wie als ein wahrer Gottesliebling du dem Herrn Selbst an der heiligen Brust lagst und alle Gnade von Ihm einsogest - und nun bist du, bis auf ein etwas besseres Deutsch, so ganz wieder eine vollendete Lerchenfelderin! Schau, das mußt du ganz ablegen, sonst wird dir die Pforte noch lange nicht aufgehen!"

[RB.02_192,11] Spricht Helena: "Nun, ich glaube, dir ist's etwa gar leid, daß ich diesem ewigen Mistvieh ein paar Wahrheiten ins Gesicht gesagt habe?" - Spricht Robert: "Nein, meine allerliebste Helena, das sicher nicht! Aber um deinen nun schon ganz himmlisch gewordenen Mund ist es mir leid, daß er nun wieder, nachdem er schon sogar mit Gott gesprochen und mir manche recht herrliche Lehre in der Liebe gegeben hat, wieder in das rein Oberlerchenfeldische übergehen sollte und das gerade hier, hier an der bedeutungsvollsten Gottesreichstüre zum wahren ewigen Leben!"

[RB.02_192,12] Spricht Helena: "Was! Mund hin, Mund her! Die Wahrheit muß einmal heraus! - Daß sich die Wahrheit auch aus dem schönsten Munde eben nicht am besten ausnimmt, das ist schon was Altes, ob's nun oberlerchenfeldisch oder ob's sächsisch klingt! - Aber wie kommt es denn, daß du die Wahrheit gerade aus meinem Munde als übelklingend darstellst, während du die Lüge aus dem ebenfalls sehr schönen Munde jener ewigen Teufelsgretl eben nicht als sehr häßlich gefunden zu haben scheinst!? So es um meinen Mund denn dir schon leid ist, wenn er auf oberlerchenfeldisch dieser ewigen Gottes-Gnad-und-Barmherzigkeits-Schnipferin eine Wahrheitslektion gibt wie sich's gehört - um wieviel mehr leid sollte es dir dann erst um jenen holdesten Mund sein, über dessen Lippen wohl noch nie ein wahres Wort gekommen ist?! Sage lieber ihr einige gute Rügen ins Gesicht und laß mich reden, so ich einmal im Zuge bin!"

[RB.02_192,13] Spricht die Minerva: "Bist einmal fertig, du grobes ungehobeltes Lerchenholz!? Du hast die Höflichkeit sicher nie auf einer hohen Schule studiert! Denn etwas Gröberes ist wahrlich durch meine Ohren noch nie gedrungen." Unterbricht sie die Helena: "Nun, schau Sie nur gleich, daß Sie etwa kein Ohrengeschwür bekommt! Ist Sie mir denn etwa gar so höflich gekommen!? Ich soll etwa Ihre (Grobheiten nur gleich so recht von ganzem Herzen demütig einstecken, wie so ein frommes Jesuitenbeichtkind, wenn es von seinem Herrn Gottesstellvertreter mit Höll und Fegfeuer gefüttert wird!? Da warte du ein bißchen! Ich sage es dir, wenn du mir nicht sogleich aus den Augen gehst, so wird es zwischen uns beiden noch einen ganzen Mordspektakel absetzen! Darum sage ich dir nun ein für alle Male, daß du dich nun sogleich aus den Staube machst, sonst möchte dein schönes Gefriß bald ein anderes Aussehen bekommen!"

[RB.02_192,14] Sagt Cado: "Sei ruhig, Helena, und du auch, Freund Robert! Ich werde nun mit der Minerva ganz allein reden und mit ihr etwas sehr wichtiges abzumachen versuchen. Vielleicht gelingt es mir, sie dem Herrn wieder um einen Schritt näherzubringen. Aber ihr müsset euch unterdessen ganz ruhig verhalten." - Spricht Robert: "Ja, Bruder, tue das! Ich wäre nun schon wahrlich sehr froh, so wir ihrer bald loswerden könnten. Es geht von ihr ein wahrer Zwietrachtssamen in die über, die ihr zu nahe kommen! Ich glaube, so es ihr möglich wäre, in die Himmel Gottes zu kommen, da brächte sie in kürzester Zeit alle Engel durcheinander. - Ich wünsche dir aber auch zugleich sehr viel Glück zu deinem sicher höchst löblichen Vorhaben! Nur zweifle ich an dem geringsten Erfolge auch deiner Mühe; denn dies Wesen wird nur als genötigt guttun, aber als vollkommen frei nie, ewig nie! Darauf getrauete ich beinahe meine ganze Seligkeit zu setzen."

[RB.02_192,15] Spricht Cado: "Du dürftest zwar eben nicht ganz Unrecht haben; aber meine Seligkeit getrauete ich mich dennoch nicht darauf zu setzen. Die Ewigkeit ist endlos lang. Und in solcher endlosen Zeiten- und Zustandsfolge könnte denn doch noch so manches geschehen, von dem bis jetzt noch keinem Geiste etwas durch seinen Sinn gefahren ist. Daher nehmen wir alles als möglich an, was nicht mit der göttlichen Ordnung im handgreiflich grellsten Widerspruche steht. Aber etwas daran setzen, ob dies oder jenes irgendwann möglich oder unmöglich sein dürfte, wäre unweise und hieße so viel als in die göttliche Weisheit selbst einen Zweifel setzen. Bei Gott sind alle Dinge möglich, warum auch nicht die volle Umkehr Satans!?"

 

193. Kapitel – Indische Weisheit über Satan. Mahnung zur Geduld. Ein kleines Plätzchen ist leichter gefegt als die gesamte Schöpfung.

[RB.02_193,01] Cado fortfahrend: "Sieh, ich habe einmal ein Buch alter indischer Weisheit gelesen und fand eine sehr denkwürdige Stelle, die ungefähr also lautete:

[RB.02_193,02] "»Im urewigen Sein war nur Gott allein. Und die Unendlichkeit und Ewigkeit war Er selbst im klarsten Schauen Seiner Selbst. Seiner Gedanken und Ideen war kein Ende. Aber wie sich an einem schwülen Abende zahllose Scharen von allerlei Ephemeriden (Eintagsfliegen) in loser Freiheit kreuzen ohne irgendeine wahrnehmbare Ordnung, also stiegen auch die Gedanken und Ideen in der Gottheit auf und ab und hin und her. Aber der endlose Raum war noch ganz wesenleer. Nur allein Ihre großen Gedanken sah die endlose Gottheit in Ihr (selbst) in gänzlich ungezwungener Freiheit große Bewegungen machen. Aber der Gottheit bedünkete es, und Sie schied die Ideen von den Gedanken (d.h. die größeren, zentralen Grundgedanken von den einfachen Einzelgedanken, oder die Hauptkräfte von den Nebenkräften), und das war ein erstes Ordnen in der Gottheit selbst. Die Ideen stellte sie nach und nach fest; nur den Gedanken ließ sie den freien Lauf.

[RB.02_193,03] "»Als aber fester und fester gestellt waren die Ideen, da zeigte es sich, daß sie nicht völlig lauter waren. Da beschloß die Gottheit, Ihre Ideen selbst zu läutern und schied das Lautere von dem Unlautern. Als dieses vollkommen bewerkstelligt ward, da stellte die Gottheit all das Unlautere wie außer sich, festete es durch Ihr allmächtiges Wollen und belebte es durch den Geist Ihrer freiesten Gedanken.

[RB.02_193,04] "»Und es ging da hervor ein großer Geist voll Unlauterkeit zur Läuterung durch sieben andere Geister, welche die Gottheit aus Ihren lautern Ideen durch den freiesten Geist Ihrer Gedanken ins Dasein rief.«

[RB.02_193,05] "Und siehe du, Bruder Robert, hier vor uns steht eben dieser erste große Unlauterkeitsgeist, an dessen Läuterung noch immer gearbeitet wird. Daher müssen wir aber auch nicht sogleich zweiflig werden, wenn so etwas eine längere Zeit braucht als so manches andere. - Dieser Geist ist wohl ganz richtig das Unlautere, was du dir nur immer vorstellen kannst, aber zu seiner Zeit einer völligen Läuterung eben nicht unfähig. - Wir dürfen darum nicht ungeduldig werden, weil wir leichter zu läutern waren als dieser Geist da; denn ein kleines Plätzchen kann doch offenbar eher und leichter gefegt werden als etwa der Boden einer ganzen Welt. Dieser Geist aber ist in sich der Gesamtausdruck der ganzen Schöpfung, während die ganze Erde samt allen ihren Wesen nur kaum als ein Atom seines eigentlichen Wesens anzusehen ist. Daß da ein winziges Geistlein, wie du eines bist, leichter und eher zu läutern ist als dieser allergrößte geschaffene Urgeist, der Gesamtbegriff aller Schöpfung, das wirst du hoffentlich ebensogut einsehen wie ich. Aber weil zur Läuterung einer solchen Größe etwas mehr erfordert wird als so sich jemand allenfalls in einer Minute Zeit und mit einer Faust voll Wasser sein Gesicht wäschet - so muß man auch diese Sache Gottes recht wohl bedenken und sich in aller Geduld in die Anordnungen Gottes fügen! Aber einem Wesen die Möglichkeit des Reinwerdens absprechen, das wäre etwas sehr Gewagtes und zugleich etwas sehr Kleinliches - so man die großen Naturen und Verhältnisse aus Gott nach seinem (eigenen) allerkleinsten und winzigsten Maße und Verhältnisse beurteilen würde. - Also lieber Freund, das berücksichtige ein wenig, und du wirst dich dann in meine Mühen leichter fügen. Und nun zur Minerva!"

 

194. Kapitel – Minervas satanische Versucherlehre. Cados schlagende Richtigstellung.

[RB.02_194,01] Hier wendet sich Cado zur Minerva und sagt: "Wie lange noch Satana, wirst du unsere Geduld mißbrauchen?! Willst du selbst denn gar nichts tun außer Arges und Böses nur?! - Siehe, so die allmächtige und allgütige Gottheit (vor langen Zeiten) einen Diamanten erschaffen hätte, so groß, daß ein Blitzstrahl von einem Pole bis zum andern eine Million Erdjahre bedürfte, um solch eine weite Strecke zu durchfliegen - und hätte hierzu aber auch ein kleinstes Kolibri-Vögelein mit der Bestimmung erschaffen, daß dies Vögelein alle tausend Erdjahre einmal zu dieser Diamantkugel hinzuflöge und nur einmal mit seinem Schnabel an sie stieße - so hätte das Vögelein der Kugel schon lange den Garaus gemacht, indem es mittelst des Schnäbelchens durch das oftmalige Berühren die unnennbar harte Materie der Kugel längst bis zum letzten Atom abgenützt hätte. An dich wurden schon tausend solche Zeitenläufe verwendet, und noch bist du ganz dieselbe, die du warst im Anfang und Beginn aller Zeiten der Zeiten! Kein Geist kann es fassen, welche Geduld dir die Gottheit stets erwies und welche Wege eingeschlagen wurden, um dich zu läutern. Aber bisher - ja wahrhaft ungeheuerlich zu denken! - bisher vergebens! - Ich meine, es wäre nun wohl schon einmal an der Zeit, daß du dein ganzes Wesen in jene Ordnung brächtest, die dir von Gott schon von Ewigkeit her getreu und sichtlich vorgezeichnet ist!"

[RB.02_194,02] Spricht die Minerva: "Und was tat ich denn je, das da wider deine Gottesordnung gewesen wäre? Du sprichst fortwährend von einer gewissen Gottesordnung und scheinst im Grunde es selbst auch nicht einmal zu ahnen, was die eigentliche Gottesordnung ist und worin sie besteht. Wenn ich, als der ausgeschiedene unlautere Teil, den fortwährenden Gegensatz zu dem reinen Teile der Gottheit darstelle, und das unverrückt, so wie die Gottheit Selbst unverrückt in ihrer göttlichen Reinheit verbleibet - ist dann das etwas anderes als eben die Gottesordnung selbst in ihrer Gesamtumfassung?! Und was tue ich denn, das man vor Gott als unrecht, also als etwas Arges und Böses bezeichnen könnte?! - Es ist wahr, ich versuchte stets die Menschheit, ob sie in ihrer Tugend für Gott und Seine Liebe feuerprobehältig sei oder nicht. War sie es, nun, so hatte meine Versuchung ohnehin für alle Ewigkeit ein Ende; und war sie es nicht, so ward ihr durch meine Versuchung nichts als eine neue Gelegenheit gegeben, sich in der wahren Tugend zu festigen und feuerprobehältig zu machen.

[RB.02_194,03] "Den Stolzen mache ich noch stolzer, auf daß er durch dieses Laster am Ende in sich selbst gedemütigt werde. Denn nichts heilt dieses Laster besser, als eben seine Überschwänglichkeit, wenn nicht schon aus der materiellen Probewelt so doch sicher früher oder später hier - was ein gewisser Cado an sich selbst mag erlebt haben! - Also mache ich auch die sinnlichen Böcke noch sinnlicher und geiler als sie von Anfang an sind, und das so lange, bis sie sich in ihrem Laster bis in ihre letzte Lebensfiber selbst gefangen haben und ihnen ihr Hang zur größten Qual und Pein wird, worauf sie dann erst aus höchsteigenem Antriebe diesem Laster den Rücken kehren und den Weg der Keuschheit betreten und fortzuwandeln anfangen. Schon auf der Materiewelt habe ich durch gewisse körperliche Krankheiten der Sinnengier Grenzen gesetzt. Und helfen diese nicht, so habe ich hier (in der geistigen Welt) schon noch viel stärkere Mittel, den Seelen dieses Laster am Ende so verächtlich als nur immer möglich zu machen.

[RB.02_194,04] "Und wie ich's mache mit den beiden hier angeführten Übeln, also mache ich es mit jedem Laster. Ich bin ein scheinbarer Beförderer des Lasters, das ist wahr. Ich fühle jedem Hiob auf den Zahn. Aber noch nie ist von mir aus ein Laster belohnt worden, außer der Lasterhafte war noch zu wenig lasterhaft, um das Laster zu verabscheuen; da freilich wohl mußte ich durch allerlei Lockungen den Lasterhaften noch lasterhafter zu machen streben, um ihn auf den Gipfelpunkt des Lasters zu heben, wo er dann erst das Laster als solches erkennen mußte, um es dann zu verabscheuen und für ewig von demselben Abschied zu nehmen. - Ich und die Gottheit verfolgen ja stets das gleiche Ziel, nämlich die Reinigung der geschaffenen Seelen, damit sie tauglich würden, den ungeschaffenen reinsten und mächtigsten Geist aus Gott zu tragen.

[RB.02_194,05] "Gott ist der Töpfer, ich aber bin das Feuer! - Wie aber zum Kochen beim Feuer kein Topf zu brauchen ist, der nicht zuvor im Feuer selbst gefestet worden ist - also ist auch keine Seele eher fähig, das Feuer der göttlichen Liebe zu ertragen, als bis sie durch mein Feuer gefestet und feuerbeständig gemacht ward. So ich aber das tue, was ich tun muß, wie kannst du es je nur zu sagen wagen, daß ich nicht nach der Ordnung Gottes (der ich wie alle Dinge ewig unterstehe) lebe und handle?! Ja, so du mir je nachweisen kannst, daß ich das Laster belohnt habe, dann hast du recht! So ich aber des Lasters größte und unerbittliche Züchtigerin bin, da ist deine Rede blind und schabt an der Rinde nur, wo sie nie des Kernes ansichtig werden kann.

[RB.02_194,06] "Oder kannst du dir eine Tätigkeit denken aus purer positiver Bewegung? Muß nicht ein Fuß jeweils ruhen, also eine negative Bewegung machen, damit in der (Zwischen-) Zeit der andere Fuß die frei, positive Bewegung machen kann?! Ein Fuß muß also stets eine Sünde gegen die Bewegung machen, damit eben aus der Sünde gegen die Bewegung und aus der Bewegung des andern Fußes eine vollkommene Bewegung wird. Müssen sich nicht gewisse Punkte und Stellen im Zustande der Ruhe, also im Zustande der Sünde gegen die Bewegung befinden, damit sie von dem Wanderer erreicht werden können?! Muß es nicht eine Nacht geben, damit der Sehende und Lichtverwandte das Licht schätzen und heiligen lernt?! Muß es nicht wenigstens einen scheinbaren Tod geben, auf daß durch ihn das Leben verherrlicht wird!? Und was wäre denn die Seligkeit für den Geist, dem das Gefühl möglicher Unseligkeit nicht innewohnete?! So es keinen Schmerz gäbe, wie sähe es da mit dem Wohlgefühle der Gesundheit aus?! Und gäbe es wenigstens kein scheinbares Böse, wie sähe es dann mit dem Guten aus?! - Siehe, alles muß seinen Gegensatz haben, damit es sei! Und so ich der Grund alles Gegensatzes bin, wie bin ich dann wider die Ordnung Gottes!?"

[RB.02_194,07] Spricht Cado: "Meine liebe Minerva oder was anderes! So du auf einer Universitätskanzel auf der Erde, und zwar in Freiburg oder Jena, Stuttgart oder Berlin eine solche salbungsvolle Rede über die Gottesordnung deines satanischen Wesens gehalten hättest, wahrlich, du hättest bei diesen gelehrten Gremien (Körperschaften, Anstalten) ein nicht unbedeutendes Aufsehen erregt - ob sie dir schon mit der Bemerkung entgegengekommen wären, daß sie es schon wissen, daß ein Topf eher gebrannt werden muß, bevor er zum Kochen tauglich sei; wie auch, daß man beim Gehen stets einen Fuß um den andern aufheben muß, um weiterzukommen. - Aber wenn du durch deine gegenwärtige Rede mich du einer guten Überzeugung über dein Wesen hast zu bringen vermeint, dann hast du einen äußerst lächerlich starken Fehlschuß gemacht! Denn fürs erste zeigtest du, daß du dich selbst noch nie erkannt hast und daher auch gar nicht wissen kannst, wie du beschaffen bist und welche Richtung du dir selbst nach der Gottesordnung geben sollst, und fürs zweite kennst du mich gar nicht, nicht einmal dem Namen nach, daß du solch dummes Zeug vor mir dich auszusprechen getrauest!"

[RB.02_194,08] Unterbricht ihn die Minerva: "Du heißest Cado!" - Spricht Cado weiter: "Ja, so heißt mein Rock, den Ich nun anhabe. Aber ich selbst heiße anders! - Sage, wie kann es dir je beifallen, daß Gott die Seele durch Laster bessern wolle oder zulasse, daß sie durch Anhäufung von Lastern auf Laster rein, stark und edel und zur Tragung Seines Geistes kräftig werde? - Siehe, um dir ganz kurz deine Narrheit zu zeigen, so frage ich dich bloß, ob ein Kleid dadurch besser und vollkommener wird, wenn man, irdisch genommen, Tag für Tag einen neuen Riß in dasselbe macht? Oder ob ein weißes Tuch, das ohnehin schon einige Flecken hat, dadurch rein und weiß wird, so man statt es im reinen Wasser zu waschen, nur immerfort frische, ganz kohl- und pechschwarze Flecken hineinmacht? Oder wird ein schadhaftes Haus dadurch wieder fest und bewohnbar werden, so man, statt es mit neuem, gutem Materiale zu unterstützen und auszubessern, von dem alten, ohnehin morschen Materiale stets mehr und mehr wegreißt und zerstört und dadurch die Schadhaftigkeit dem Hauses stets mehr und mehr vergrößert? Oder wird eine ohnehin schon sehr verstimmte Harfe reiner klingen, so man, statt sie rein zu stimmen, sie nur stets mehr verstimmt und ihr zudem noch eine Saite um die andere wegnimmt und zerstört? Wird es lichter in einem Gemache, so man ein Fenster ums andere verstopft und ein im Gemache allenfalls noch mattglimmendes Lämpchen auch noch ganz auslöscht? Werden aus einer Schule, in der nichts als Huren, Fluchen, Stehlen, Rauben, Plündern und Morden gelehrt wird, wohl am Ende reine, zarte, sanfte, ehrliche, gute, liebe und moralisch gebildete Menschen hervorgehen? Und wird es mit einem Kranken besser werden, so man ihm durch schädliche und giftige Arzneien und durch Schläge und andere gewaltige Züchtigungen zu Hilfe konmt? Oder wird ein Bettler reicher, so man ihm noch das wenige, das er sich mühsam erbettelt, wegnimmt, anstatt ihm etwas zu geben?

[RB.02_194,09] "O sieh, du Dümmste und Blindeste, zehntausend Beispiele könnte ich dir anführen, wo eines genügt, den krassen Unsinn deiner Rede mehr als handgreiflich darzustellen! Aber es genügen die wenigen, aus denen du hoffentlich denn doch ersehen mußt, welch dümmsten Geistes deine Rede und Schein-Lehre an mich war. Was wolltest du denn damit beweisen? Etwa deine Unschuld - weil du kein Laster je belohnt habest!? O Unsinn alles Unsinnes! Sage mir, wie möglich könnte man denn den Toten einen Lohn geben, wie kannst du einen Stein belohnen für einen allfälligen Schwerdienst, den er dir, unbewußt irgendeiner Eigenschaft und Kraft, bloß durch seine natürliche, in ihm hart gerichtete Schwere geleistet hat? Oder welchen Lohn kannst du einem gebratenen Vogel darum geben, daß er sich von dir hat fangen, töten, braten und essen lassen? - O du Unsinnigste aller Unsinnigen! ~

[RB.02_194,10] "In solcher Weise also willst du dennoch behaupten, daß du der göttlichen Ordnung gemäß handelst!? Und von dir selbst (willst du) sagen, du und Gott verfolgen stets ein und dasselbe Ziel!? - O Allerelendeste! Gott willst du dich gleichstellen, ja dich Ihm sogar voranstellen, als wärest du nahezu vorzüglicher als Er! - Siehe, meine Liebe, das ist etwas zu arg! Das kann für fernerhin nimmer geduldet werden! - Daher wird von nun an deine Scheinfreiheit selbst wieder sehr bedeutend eingeschränkt werden! Denn du hast dich nun an den Rechten Gottes stark vergriffen und vergreifst dich auf der Erde blind (an ihnen) mit deinen Baalsdienern, die im Golde und Silber Gott zu dienen vorgeben! Und du hast dich an den Rechten der Könige und ihrer Völker vergriffen! Und sie werden dir darum bald einen vollen Garaus machen! Und dir wird nichts übrigbleiben, als mit einigen wenigen Schweinen der Könige und Fürsten (worunter zu verstehen sind jene blinden Anhänger deiner Götzenlehre, die du durch Reliquien- und Wundermärchen-Moral dazu herangezogen hast) die bekannten Treber zu fressen! - Hebe dich aber nun von dannen, denn deine Gegenwart ist mir zum Ekel geworden!"

 

195. Kapitel – Minerva und Helena. Eine heilsame Entladung. Cado über das Königtum als Zuchtrute. Minerva geht.

[RB.02_195,01] Spricht die Minerva, sich von Cado abwendend und wie schon im Sichentfernen begriffen: "Ich werde gehen, so ich es selbst werde wollen! Aber gebieten lasse ich mir's von niemanden, weder von Gott noch von jemand anders, der da wähnt, als habe er über mich irgendeine Gewalt! Verstanden, Herr Cado?! - Ich bin auch eine erste Majestät der ganzen Unendlichkeit, und alle Wesen müssen erbeben, so ich mein Haupt und meinen Arm erhebe. Verstanden, Herr Cado?! - Ich werde mit euch nun in einem ganz anderen Tone zu reden beginnen; denn meine Macht und meine nie besiegbare Kraft erteilen mir dazu das unbestreitbare Recht! Wo aber ist der, der es mir nehmen könnte?! Ich allein bin ein Herr! Alles andere ist unter meiner botmäßigen Knechtschaft von Ewigkeit her gewesen!"

[RB.02_195,02] Unterbricht sie Helena, sagend: "Meine lieben Freunde und Brüder! Jetzt halte ich es aber nimmer aus! Nein, was dieses Ewigkeitsschwein sich alles zu sein einbildet, das ist ja der ganzen Unendlichkeit unfaßlich! Jetzt will sie sogar mehr als Gott der Herr selber sein! Na, das ginge unsereinem noch ab! O du Mistschwein, du höllisches! Jetzt schau, daß du weiterkommst, sonst werden meine Mandelbäume für dich bald zu blühen anfangen!" Spricht die Minerva: "Schweige, du Lerchenfelder Jauchenkröte, sonst vernichte ich dich!"

[RB.02_195,03] Die Helena, förmlich wachsend vor Ärger, spricht daruf sehr laut: "Was sagst du, unterhöllistes Zündholz!? Du wunderbare Kasernenlaterne, du ewige Parfümbüchse aus allen Schmutzwinkeln der ganzen Welt! Du dürrer Ast am Baume der Erkenntnis, du übergrausliches Schwein du, du willst mich vernichten!? Na warte, du grausliche, aller höllischen Misthaufen stinkendste Unterlag'! Nicht genug, daß sie ohnehin mehr sein will als alle Menschen und Engel Gottes, nicht genug, daß sie mehr sein will als Gott Selbst! Nein, das ist dem Satan aller Satane noch viel zu wenig! Er oder sie, was immer ein und derselbe Satan ist, will auch dazu noch alles vernichten, mich auch, und euch beide sicher auch! O ganz natürlich, was sollte denn so einem allmächtigen Schwein nicht alles möglich sein?!"

[RB.02_195,04] Spricht vor Wut ganz bebend die Minerva: "Nein, das ist zu stark! Gott, wie kannst du es je zulassen, daß dein urerstes, vollkommenstes Geschöpf von einem Dreckwurme so gräßlich verlästert wird?! Stopfe diesem ekelhaften Wurme das Maul, sonst muß ich mich an ihm vergreifen!"

[RB.02_195,05] Bemerkt die Helena zu Robert: "Aha, sie läßt schon ein wenig mit sich handeln! Jetzt ruft sie schon den lieben Herrgott an! Aber der wird ihr etwas pfeifen!" - Hier tritt die Minerva ganz von Wut entbrannt zu Helena hin und sagt mit einer gellenden Schreistimme: "Wenn du nur noch ein Wort redest, so vergreife ich mich an dir, so wahr ein Gott lebt!!"

[RB.02_195,06] Die Helena aber springt hier vor Ärger auf und gibt der Minerva eine derartige wohlgezielte Maulschelle, daß diese niedersinkt, einige Schritte von der Helena hinwegpurzelt und da eine Weile ganz erschöpft liegenbleibt. - Die Helena aber, ganz erfreut über ihr gelungenes Zuchtwerk an der Minerva, sagt nach der wohlgeführten Maulschelle: "Da hast du, stolzer Wanzendust aus der Hölle, so ein kleines Vorspielerl! Wenn's aber beliebt, so kann das Hauptspiel schon nachfolgen!"

[RB.02_195,07] Spricht die Minerva, sich vom Boden erhebend und ihr Gesicht abwischend: "Habe hinreichend genug, um mir den gediegensten Begriff von der Humanität und zartesten Liebenswürdigkeit der lieben Kindlein des Herrn Himmels und aller Erden zu machen! - Besonders schön aber ist das von dir, Cado, der du mich auf dem bewußten Hügel dort nahe vor lauter Liebe gefressen hättest, daß du mich hier sogleich mir und dir nichts ohrfeigen läßt, als wäre ich irgend auf der Erde noch ein allerletztestes Kuhmensch, um recht gemein zu reden! Es bleibt dir aber gemerkt, verstehe!".

[RB.02_195,08] Spricht Cado: "Ist dir sehr recht geschehen! Warum bist du nicht gegangen, als ich dich zu gehen beheißen habe!" - Spricht die Minerva: "Aber habe ich denn von Gott deshalb den freiesten Willen empfangen, um ihn für ewig in des Gehorsams engste Zwangsjacke einzupferchen?! Hätte es der Schöpfer gewollt, daß ich gehorchen solle, so hätte Er mich doch sicher auch gleich wie dich mit einem gehorsamen Willen begabt. Aber da Er das sicher nicht wollte, da bin ich denn auch wie ich bin - nämlich meines eigensten und niemanden gehorchen-könnenden allerfreiesten Willens! Siehe, so Gott alle Wesen und alle Geister gleich mit einem gehorchenden Willen begabt hätte, wer würde dann den blinden Völkern auf der Erde einen regierenden Kaiser, König, Herzog und Fürsten abgeben können? Denn das wirst du doch wissen, daß auf der Erde die Kaiser, Könige, Herzöge und Fürsten niemanden zu gehorchen pflegen außer einem guten Rate zu ihren Gunsten!"

[RB.02_195,09] Sagt Cado: "O ja, das weiß ich! Darum sprach aber Jehova durch den Mund Samuels zu den Kindern Israels: »Zu allen Sünden, die dieses Volk vor Meinen Augen schon begangen hat, tut es nun auch diese größte hinzu, daß es gleich den Heiden von Mir einen König verlangt. Ja, es soll einen haben, auf daß er es züchtige und führe in die Gefangenschaft!« - Siehe, so lautet das Gotteszeugnis über die Könige. Kannst du daraus wohl schließen, daß die gegenwärtigen wie vorgewesenen Regenten aus dem Willen Gottes hervorgegangen sind? Ich sage dir, die Regenten aller Zeiten, auch die besten, sind nicht aus dem Willen Gottes, sondern lediglich aus dem Willen der Völker der Erde hervorgegangen und bestehen noch gegenwärtig also. Würde irgendein Volk zu der Erkenntnis kommen, daß es Gott in aller Wahrheit zum ewigen Regenten über sich setzete, so würde Gott solch ein Volk auch sogleich von dieser Zuchtrute freimachen und es Selbst durch Seine Engel in Menschengestalt leiten. Aber so die Völker nur um das Gegenteil, also um eine beständige Erhaltung solcher Zuchtrute zu Gott flehen, so müssen sie sich auch alle die Schläge gefallen lassen, die ihnen ohne alle Schonung von dieser Rute zugefügt werden.

[RB.02_195,10] "Dein Beispiel, mittelst dessen du deinen Ungehorsam beschönigen wolltest, fällt also ins Blaue. Denn alle Regenten, mögen sie gut oder böse sein, gehen nicht aus dem Willen Gottes, sondern aus dem Willen und Hochmute der Menschen hervor, die da groß und mächtig sein wollen durch den Glanz ihres Königs! Aber weil die dummen Menschen lieber einen Menschen über sich gesetzt haben, als Gott, den Herrn aller unendlichen und ewigen Herrlichkeiten der Herrlichkeiten, so verleiht Gott diesem Menschen auch nach der Beschaffenheit der ihm untergebenen Menschen jene gebieterische Gewalt, mit der er seine Untergebenen so ganz nach seinem Willen leiten und züchtigen kann, so sie irgend seine Gesetze nicht beachten. Und diese Gewalt ist dann auch von oben, und der König muß sie üben, weil er von oben so gerichtet wird. Denn es stehet geschrieben: »In Seinem Zorne gab Gott den Juden einen König!« Der Zorn ist aber keine Liebe, die alles freimacht, sondern ein Gericht, das da alles bindet und nötigt. Glaube du ja nicht, daß da ein König wollen kann, was er frei will - sondern glaube, daß ein König wollen muß, wozu ihn der Gotteszorn nötigt. Hat ein König auch keinem Menschen zu gehorchen, so muß er aber doch Gott wissentlich oder unwissentlich gehorchen. Aber so er Liebe übt für Recht, so wird Gott Seinen Zorn im gewalthabenden Könige auch sänftigen und in Liebe umwandeln. Verstehst du solches?

[RB.02_195,11] "So du mich verstehst, so werde sanft und übe Liebe - so wird Gott dich ansehen und sanfter und sanfter zeihen dein Herz! Und ein sanftes Herz wird dich in alle Zukunft bewahren vor einer Mißhandlung, so wie auch sanfte Könige von ihren Völkern am wenigsten zu befürchten haben, so ihre Handlungen im übrigen den Gesetzen nach gerecht sind und keine Blößen haben. Gehe, und werde also, so wirst du Ruhe haben und wirst geachtet sein! Denn die wahre Achtung wie auch jede (wahre) Freiheit wird nur aus der Liebe gezeitigt. Wer sich aber eine Achtung erzwingen will, dem wird sie nimmer in der Wahrheit, sondern nur zum Scheine aus Furcht zu teil. Und diese Achtung ist keine Achtung, sondern nur ein Fluch - und zwar derselbe Fluch, der seit deinem Beginne dein Anteil gewesen ist! - Fasse solches! Und gehe und ändere dich!"

[RB.02_195,12] Spricht die Minerva: "Ja, ja, ich gehe und werde mich bestreben, mich womöglich zu ändern!" - Hier kehrt sie den dreien den Rücken, geht von dannen und verliert sich bald aus dem Gesichtskreis der Helena und des Robert, aber nicht auch aus dem des Cado.

[RB.02_195,13] Als aber die Helena nun von der Minerva nichts mehr ersieht, sagt sie: "Gott dem Herrn allein alles Lob. Der mir in eurer Mitte den Mut gegeben hat, daß ich dieser ersten Feindin alles Lebens die Courage habe abgewinnen können! Ich meine, von nun an dürften wir vor ihr endlich einmal wohl Ruhe haben!?" - "O ja", spricht Cado, "Wir wohl! - Aber auf der Erde wird sie noch viel Unheil stiften. Doch dann wird sie mehr und mehr in sich gehen durch gewaltige Züchtigungen und Demütigungen! - Aber nun fragt es sich, was wir jetzt beginnen werden?! Denn sehet, die Pforte hat sich noch nicht geöffnet! - Was werden wir nun tun?"

 

196. Kapitel – Roberts und Helenas Ärger vor der Himmelspforte. Cados weiser Rat.

[RB.02_196,01] Spricht Robert: "Ja, mein geliebtester Freund, da steht mein Verstand noch immer wie ein Paar junge Ochsen am Berge! Wer sich da auskennt, der muß weiterher sein als ich. Wenn der Herr gesagt hätte: »Dort vor jener Pforte, die in das vierte und größte Gemach deines Hauses führt, harret Meiner bis Ich nachkomme und euch das Tor des Lebens öffne!« - da wäre dieser Wartezustand ein natürlich-erträglicher und man könnte sich ein längeres Harren wohl ganz begreiflichermaßen gefallen lassen. Aber es sprach der Herr, wie ich es wenigstens aus seiner klaren Rede entnommen habe, doch ausdrücklich schon von einer offenen Türe, und daß ich mit der Helena nur alsogleich vorauseilen und gewisserart mich darinnen umsehen soll und für die Aufnahme und den Empfang der Nachkommenden dasein möge! Und hauptsächlich aber sagte Er ausdrücklich von der hier nötigen Eile wegen großwichtiger Dinge, die uns da erwarten und von uns zu versehen und abzumachen seien.

[RB.02_196,02] "Wir eilten nach aller Möglichkeit hierher voran, um den Willen des Herrn ja pünktlichst nachzukommen. Wir kamen, fanden die Pforte aber uneröffenbar und stehen nun schon eine geraume Weile vor dem verschloffenen Eingang. - Frage: was ist das? was heißt das, und warum denn das also? - Wie gesagt, wer sich da auskennt, der muß von sehr viel weiter sein als ich! Das ist denn doch wahrlich etwas zu stark! Ich lasse mir wohl auf der Erde von dummen und aberwitzigen Menschen eine Erste-April-Sendung gefallen; aber hier im Reiche reiner Geister, und namentlich vom Herrn Selbst, sieht diese für meine Erkenntnis barste Fopperei doch etwas sonderbar aus!

[RB.02_196,03] "Aber von niemand kann man übers Vermögen verlangen! Wir erfüllten bisher, soweit unsere Kräfte genügten, des Herrn Willen doch sicher vollkommen. Es geht nun nicht mehr weiter, und so bleiben wir denn hier auch stehen! Versorgt scheinen wir gerade mit allem zu sein, was uns not tut. Ums vierte Gemach aber werde ich mich von nun an sehr wenig kümmern! - Freilich heißt es, daß das Himmelreich Gewalt leide, und daß man es mit Gewalt an sich reißen muß, um es zu besitzen. Aber kann man dem Himmelreiche wohl eine größere Gewalt antun, als sie einem zu Gebote steht? Ich meine, das wäre eine Kunst aller Künste! Wir haben einmal unser Möglichstes geleistet, und es ging nicht. Nun soll sich jemand anders daran machen und sein Glück versuchen!"

[RB.02_196,04] Spricht Helena: "Schau, gerade dieser Meinung bin auch ich! Was einmal durchaus nicht gehen will, davon wende man sich ab und lasse es stehen!"

[RB.02_196,05] Spricht Cado: "Meine Lieben, ihr urteilt und redet zwar, wie man sagt, recht vernünftig; aber demungeachtet kann ich mich eurer Meinung nicht anschließen, da ich an der Möglichkeit nicht zweifle, daß diese Pforte eröffnet werden kann. - Haben wir denn schon alles versucht? - Ich sage: Nein, das haben wir wahrlich nicht! Wenn nun am Ende die Pforte doch offen wäre und ihr sie nur darum nicht hättet eröffnen können, weil ihr, wie es mir nun bei genauerer Betrachtung ganz klar wird, sie umgekehrt zu eröffnen euch bestrebtet!?

[RB.02_196,06] "Ihr habt die Pforte nach öfterer Umdrehung des goldenen Schlüssels wohl mit aller Kraft hineindrückend öffnen wollen. Ich selbst half euch, nach euer Erkennen, wollen und Begehren, denn ihr wisset, daß hier jede Hilfe sich darnach zu richten hat, wie der, dem sie werden soll, sie zu haben wünscht - da dies die Ordnung des Himmel bedingt. Ich aber sah den Irrtum recht gut ein, konnte ihn euch aber nicht eher aufdecken, als bis ihr selbst durch ein gewisses Suchen, Bitten und Anklopfen dahintergekommen sein dürftet. Ich habe euch zwar wohl auf diesen evangelischen Rat aufmerksam gemacht; aber ihr habt ihn nicht befolgt, und so habt ihr auch die Entdeckung nicht machen können, daß diese Pforte nicht nach innen hinein, sondern nur nach außen aufzumachen ist, und das aus dem ganz natürlichen Grunde, weil auch die Pforte im kleinsten Maßstabe das Himmelreich vorstellt, das man mit Gewalt an sich reißen, nicht aber von sich hinwegschieben darf! Ist es ja doch schon im natürlichen Sinne so, daß man, so man etwas haben will, dasselbe zu sich nehmen und gewisserart an sich ziehen muß, nicht aber von sich hinwegschieben darf.

[RB.02_196,07] "In den Himmeln ist nun einmal in alles und jedem vom Kleinsten bis zum Größten dieselbe feste, unwandelbare Ordnung, der nirgends, und sei es in noch so etwas unbedeutendem, zuwidergehandelt werden darf, und so ist es auch beim Torausmachen! Ihr habt dieser Ordnung zuwidergehandelt und habt daher nichts ausgerichtet. Versuchet nun, im Namen des Herrn ordnungsmäßig mit der Eröffnung dieser Pforte vorzugehen, und ihr werdet sicher erreichen, was ihr schon lange hättet erreichen können!"

[RB.02_196,08] Spricht Robert: "Liebster Freund, ich begreife nun meinen gewaltigen Irrtum! Aber etwas anderes begreife ich nicht, und das bist du, liebster Freund, selbst! Woher du solche Weisheit nimmst, vor der ich mit der meinen nun schon zu einer Blattmilbe herabsinke!? Ich sage: eine Weisheit, vor der sogar der tiefweiseste Cherub einen größten Respekt haben müßte, so er sie hier an meiner Seite vernähme! Wahrlich, das ist mir ein Rätsel der Rätsel! - So der Herr hier wäre, so könnte Er mich unmöglich weiser belehren, als du mich nun belehrt hast! Wahrlich, das ist mir ein Rätsel der Rätsel!"

[RB.02_196,09] Spricht auch die Helena: "Ja, ja, das ist wahr! Wie der Freund Cado weise ist - das ist wahrlich allen Himmeln unfaßlich! Er muß es aber auch sein, sonst hätte der Teufel keinen solchen Respekt vor ihm! O das hat der Freund schon auf jenem Hügel bewiesen, wo er dem Teufel der Teufel ganz kurios die Courage abgekauft hat! Wenn ich auch gerade nicht, wie der Miklosch, immer hingesehen habe, so habe ich aber dennoch alles gesehen, was dort vorgegangen ist, und darum habe ich aber auch eine besonders große Hochachtung vor dem Cado."

[RB.02_196,10] Spricht Cado: "Aber meine liebe Freundin, weißt du denn nicht, daß Cado eigentlich selbst ein Teufel war?! - und daß sonach auf dem bewußten Hügel des Nordens ein Teufel dem anderen in den Haaren lag?!" Spricht die Helena: "Wenn Cado jemals ein Teufel war, so war ich sicher desgleichen zehnfach, aber Cado war nie im Ernste ein Teufel, sondern vielleicht bloß nur erscheinlich - um den anderen wahren Teufeln desto mehr entgegentreten zu können! Und das ist auch eine große Weisheit, die einem wahren Teufel darum unmöglich ist, weil in ihm keine Liebe wohnet."

[RB.02_196,11] "Bravo!", sagt Cado, "das ist dir gut gelungen! Solange im Cado keine Liebe war, war in ihm auch keine Weisheit. In dem Maße aber, wie Cado in sich die Liebe aufnahm, belebte er auch die Weisheit und kämpfte dann mit dieser Waffe wider den Teufel - eine Waffe, vor der jeder Teufel den größten Respekt hat.

[RB.02_196,12] "Aber nun machet euch einmal an die Eröffnung der Pforte! Denn ich sehe dort in wohl noch sehr starker Ferne die ganze große Gesellschaft sich hierher bewegen. Was wird sie sagen, so sie uns noch hier vor der uneröffneten Pforte treffen wird?!"

[RB.02_196,13] Spricht Robert: "Ich habe vor der Eröffnung dieser Pforte nur noch einen einzigen evangelischen Anstand - eben bezüglich der Pforte selbst! - Es heißt im Worte des Herrn ausdrücklich: »Die Pforte aber, die in den Himmel führt, ist enge. Ihr müsset durch die enge Pforte ziehen, so ihr in den Himmel kommen wollt!«

und ungefähr so weiter im Buche des Lebens. Betrachte aber diese Pforte, welche Höhe und welche Breite! Meinst du wohl, daß dies ein rechter Eingang in den Himmel ist?!"

[RB.02_196,14] Spricht Cado: "Freund, du hast noch manche materielle Vorstellung vom Gottesworte! Bedeutet denn die enge Pforte im Evangelium nicht die Demut des Herzens!? Und nicht eine wirkliche Türe?! - Aber schaue doch! Öffne sie nur, diese hohe Pforte! Sie wird dir wohl auch noch etwas enge werden!"

[RB.02_196,15] Spricht Robert: "Es ist doch wahrlich manchmal in hohem Grade merkwürdig, wie dumm man zuweilen wird! Ja man wird manchmal wirklich dümmer als ein Ochse! Denn ein Ochse bleibt denn doch vor einem Tore stehen, aber unsereiner wollte sozusagen mit dem Kopfe sogleich durch die Mauer rennen! - Denn sieh, Bruder, ich war unbegreiflicherweise so dumm und wollte diese Pforte stets hineinwärts, von mir weg, aufmachen. Als es mit leichter Mühe nicht gehen wollte, brauchte ich Gewalt. Und als es auch mit aller Gewalt nicht ging, da ward ich sogleich verdrießlich, wollte meine Kleider nicht mehr, wünschte mir die Minerva her, auf daß sie mir ein wenig im Schimpfen unter die Arme greifen möchte. Aber daß es mir anstatt all dieser Dummheiten eingefallen wäre, daß die Pforte vielleicht zu mir herwärts aufzumachen sei, o von dem ist mir nicht eine Silbe eingefallen! Nicht, Helena, du wirst mit mir eine rechte Freude haben, weil ich so schön dumm bin wie zehn Ochsen auf einmal?!"

[RB.02_196,16] "Ah, das ist alles eins!", spricht die nun schon wieder sehr munter aussehende Helena, "ich bin ja ebenso dumm! Hätte es mir ja doch auch einfallen können, was Freund Cado uns geraten hat. Aber so man schon dumm ist, da ist man dann (gewöhnlich) auch recht dumm! - Zwar wissen wir beide noch nicht bestimmt, ob die Pforte (auch wirklich) sich herwärts öffnen werde. Aber es ist dessenungeachtet schon dumm genug, daß wir beide (noch) keinen Versuch damit gemacht haben! - Nun aber gehe doch hin und versuche die Geschichte, und zwar noch einmal nach hineinwärts - und dann erst, wie es dir der Freund Cado geraten hat!" Spricht Robert: "Nein, nach hineinwärts versuche ich's nimmer! Aber nach heraus zu mir soll sogleich ein Versuch gemacht werden!"

 

197. Kapitel – Die Pforte öffnet sich und zeigt die Stadt Wien. Das Wesen jenseitiger Erscheinlichkeiten. Robert staunt über Cados Weisheit.

[RB.02_197,01] Damit tritt Robert sogleich zur Pforte hin, macht mit leichter Anstrengung seiner Kräfte den Versuch. Und der hohen Pforte breite und schwere Flügel gehen ohne allen Anstand auf.

[RB.02_197,02] Als nun die Pforte also eröffnet dasteht, fängt Robert an, hellaut aufzulachen, und sagt: "Nun, da haben wir nun den Himmel in der für diese Welt wahrlich allerseltsamsten Art vor uns! - Nein, das ist wahrlich komisch über komisch! - Geh, Helena, komm her und schaue!"

[RB.02_197,03] Helena kommt und sieht schnell mit großer Aufmerksamkeit durch die geöffnete Pforte und sagt nach einer kurzen Weile: "Je, je, das ist ja Wien, wie es leibt und lebt! Und wir stehen hier wie am Wiener Berge bei der Spinnerin am Kreuz! O du himmlische Süßigkeit übereinander! Wien und nichts als Wien! Also das ist das glorreiche vierte himmlische Gemach deines Hauses! Ah, Respekt! - Na, jetzt können wir uns nachher in Wien gleich wieder um ein Dienstl umsehen! Oder weißt du was, wir fangen auf den Basteien ein bißchen zu spucken an, zünden - natürlich unsichtbarerweise eine Kanone um die andere los! Am Ende hebt so etwas für die armen Wiener den Belagerungszustand auf!? - Nein, aber Spaß beiseite, komisch ist das wohl, den Himmel erwarten und dafür nach Wien auf die Erde kommen! - Nun, was sagst du dazu?!"

[RB.02_197,04] Spricht Robert: "Ich habe es dir ja ehedem gesagt, als du mit der Minerva gar so gewaltig gelerchenfeldet hast, daß wir statt in die reinen Gotteshimmel noch ganz rein nach Oberlerchenfeld kommen werden! Und da siehe, meine Prophezeiung ist in die Erfüllung gegangen! Vor Wien stehen wir bereits, und so werden wir wohl auch noch nach Oberlerchenfeld kommen! Muß nun aber doch auch unsern Freund Cado herführen, damit er die liebe Wienerstadt sieht!".

[RB.02_197,05] Robert beruft den Cado, der unterdessen seine Beobachtungen dahin machte, von wo die große Gesellschaft heranzieht. - Cado geht sogleich hin, und Robert sagt zu ihm: "Nun, Freund, wie gefällt dir denn der Himmel des irdischen Hauses Österreich?! Ein sauberes himmlisches Jerusalem das! Siehst du die Palisaden, die Schießscharten und die schönen Kanonen, Mörser und Bobenkessel!? Nimmst du die Wachen und ihre herrlichen Blockhäuser wahr!? Ah, das ist wirklich schön: die himmlische Stadt - auch im Belagerungszustande!"

[RB.02_197,06] Spricht die Helena: "Du, Freund Cado, sage mir, ob wir uns für die Sterblichen nicht auf eine kurze Zeit könnten sichtbar, aber gleich darauf wieder unsichtbar machen? Weißt du, so ein bißchen nur möchte ich mir den Spaß machen, die lustigen Wiener ein wenig zu necken! Vielleicht brächte sie so eine Neckerei auch um den Belagerungszustand. Und sollten Robert, ich und du etwa gar in dieser Stadt Wohnung nehmen, so werden wir doch gewiß den Belagerungszustand zuvor aufheben?!" - Spricht Cado: "Aber liebste Helena! Meinst denn du im Ernste, daß dies das wirkliche, irdische Wien sei?! Siehe, das ist ja nur eine Erscheinlichkeit und sonst nichts! Hat doch Robert zuvor von einer engen Pforte geredet, durch die man ins Himmelreich einziehen soll. Und siehe, da steht sie schon vor uns! Ihr werdet bei dem Durchgange noch auf so manche Engstellen kommen, die euch sehr schwerfallen werden; aber es wird dennoch zum Durchkommen sein."

[RB.02_197,07] Spricht Robert: "Das meine ich auch! Aber wie - das ist wieder eine andere Frage! - Wenigstens muß dies erscheinliche Wien doch eine Abbildung vom wirklichen, irdischen sein, sonst könnte es ihm doch nicht gar so auf ein Haar gleichsehen." - (Nach einer Weile fortfahrend:) "Erlaube mir übrigens, lieber Freund, daß ich dich noch mit einer Frage belästige! - Du sagtest vordem, daß dies Wien bloß nur so eine Erscheinlicheit sei und sonst nichts. Und doch steht es so klar vor uns, wie wir selbst uns gegenüber stehen. Sind demnach wir uns gegenseitig auch nur pure Erscheinlichkeiten? Oder sind wir wirklich das, was wir zu sein scheinen? Ist diese Pforte etwa auch nur eine bloße Erscheinlichkeit und sonst nichts? - Ich kann mich hier in den Begriff ,Erscheinlichkeit' noch immer nicht finden. Denn nach meiner Beurteilung ist eine Erscheinlichkeit nichts anderes als entweder der Reflex (Rückstrahl, Spiegelschein) eines wirklich vorhandenen Dinges oder Wesens - oder sie ist zur Erklärung eines Begriffes oder zur Prüfung eines Geistes bloß nur für einen nutzbaren Moment erschaffen; hat sie aber ihren Dienst verrichtet, so tritt sie dann wieder aus der Sphäre jeglichen Daseins. Das ist so meine Idee über den Begriff "Erscheinlichkeit". Und ich meine, es wird sehr schwer halten, ihr eine andere Erklärung beizulegen. Es muß mir aber darüber vollste Klarheit werden, sonst bin ich genötigt, alles für eine bloße Erscheinlichkeit zu halten, was mir seit meinem überirdischen Hiersein nur immer unter die Augen gekommen ist".

[RB.02_197,08] Spricht Cado: "Du hast schon selbst eine ganz richtige Idee von der Erscheinlichkeit, und ich werde dir darüber wenig mehr zu sagen brauchen. Nur das ist etwas unrichtig, daß da eine Erscheinlichkeit etwas ganz Leeres sein soll, weil sie vorderhand nur bloß eine Erscheinlichkeit ist. Siehe, eine Erscheinlichkeit ist hier (in der geistigen Welt), nach meinem Urteile, entweder wirklich nur ein Abbild eines schon in der Wirklicheit vorhandenen Dinges, oder sie ist ein Probeplan zu einer neuen Schöpfung, zuerst beschaulich dem Herrn allein, dann aber auch jedem Geiste, der seinem Innern nach mit der neuerscheinlichen Idee des Herrn in irgendeinem wesentlichen Liebeauswirkungsverbande steht. Daß aber solch eine Idee mit der moralischen (geistigen) Sphäre des Beschauers auch stets in eine entsprechende Beziehung kommt wie ein Gleichnis - das ordnet des Herrn unbegrenzte Weisheit also und so lange an, bis der Geist jene Kraft und Stärke erreicht, selbst in dem Erscheinlichen das Wirkliche und Unvergängliche zu erkennen.

[RB.02_197,09] "Denn ein hier anlangender Geist ist zuerst gewisserart noch viel zu zart und schwach, als daß man ihm sogleich die kräftigsten geistigen Wirklichkeiten entgegenstellen könnte. Er würde sich an ihnen sehr stoßen und am Ende aufreiben, gleich als so man auf der Erde ein neugeborenes Kind, anstatt in weiche Windeln, auf hartes Holz und Steine legen würde, was ihm sicher sehr übel bekommen dürfte. - Aber nicht alles, was ein noch mehr oder weniger neu hier angekommener Geist zu Gesichte bekommt ist pure Erscheinlichkeit, sondern zumeist, nach der Kraft des Geistes, auch zum größten Teile Wirklichkeit!

[RB.02_197,10] "Die Pforte hier ist eine geistige Wirklichkeit, und wir gegenüber auch. - Aber jenes Wien dort ist nur eine Erscheinlichkeit, aber so - wie du es selbst bemerkt hast - als Abbild der wirklichen, irdischen Stadt Wien, das ihr beide von Zug zu Zug in eurer eigenen Seele beschaulich berget. Dies Bild aber beschwert eure Seele noch dann und wann und erzeugt auch dann und wann Unlauteres in ihr, das sich in irgendeinem etwas mehr gereizten Lebenszustande den Weg bahnt und in die ,redende Erscheinlichkeit' tritt. Solches kann aber im reinsten Gottes-Liebelichte, das da ist der reinste ,Himmel', nicht Eingang finden und daselbst bestehen, da etwas nur im geringsten Unreines in die Himmel Gottes unmöglich eingehen kann. Und so tritt denn nun aus eurer Seele, die sich vor dem Eingange in die reinsten Gotteshimmel befindet und schon von der reinsten Himmelsluft angeweht wird, das letzte unreine Bild der Stadt Wien heraus, auf daß ihr es beschauen und daraus für immer aus euch verbannen möget und könnet.

[RB.02_197,11] "Aber, wie schon früher einmal bemerkt, es wird euch noch einige Mühe und Arbeit kosten! Jedoch mit der beständigen Hilfe des Herrn wird sich auch das machen, und zwar leichter als ihr es meinet! - Darum seid mutig im Herrn, so wird alles leicht und vollkommen vonstatten gehen!"

[RB.02_197,12] Spricht Robert: "Aber liebster Freund, sage mir bloß das noch, woher du nur deine Weisheit nimmst?! Denn das war schon wieder also geredet, wie aus dem heiligsten Munde des Herrn selbst! Geh und erkläre mir das! Denn ich bin früher stets der Meinung gewesen, daß du mit uns darum hieher gezogen seist, auf daß du durch mich und die Helena für die Himmel Gottes möchtest vorbereitet und tüchtig gemacht werden. Und nun geschieht gerade das allerblankste Gegenteil! Du bist unser allervollendetster Meister, und wir beide haben kaum die hinreichende Fassungskraft, dich soviel als nötig zu verstehen. - Sage mir, bist du wohl im Ernste derselbe Cado, der auf dem Hügel dort im Norden die Minerva schlug mit Wort und Tat? Oder bist du bloß so als ein Cado maskiert und bist in der Tat irgendein allererster Erzengel Gottes? Denn nur auf diese Art läßt sich deine Weisheit begreifen, sonst bleibt sie mir ein Rätsel. Ich bin, Gott Lob, doch auch gerade nicht eines völlig verschlagenen Kopfes und Herzens. Aber so du deinen Mund nur aufmachst, da bin ich schon geschlagen wie mit zehntausend Blitzen. - Also, liebster Freund, sage mir, woher du deine Weisheit borgst!?"

[RB.02_197,13] Spricht Cado, etwas lächelnd: "So es an der rechten Weile sein wird, wirst du alles erfahren! Nun aber ist das die Hauptsache nicht! Darum kümmere dich vorderhand dessen nicht, da viel wichtigere Dinge vor dir stehen! - Sieh, die große Gesellschaft kommt! Trete darum in die Pforte!"

[RB.02_197,14] Spricht Robert: "Ganz wohl, ganz überaus wohl! Aber du allerliebster Freund mußt auch mit mir, denn du bist doch zehntausend Male reifer für die reinsten Himmel Gottes als ich!" - Spricht Cado: "Nun ja, das versteht sich doch von selbst, daß ich dich nicht allein werde gehen lassen und ebensowenig die allerherzlichste Helena, die ich ebenfalls sehr liebhabe." - Spricht Robert: "Aber wie werde ich denn die große Gesellschaft nun hier, in der Pforte stehend, empfangen? Mit welchen Worten werde ich sie anreden? Was werde ich zum Herrn sagen? Wie mich über meine Dummheit bei Ihm entschuldigen, wie bei den Propheten, bei den Aposteln und wie bei den vielen anderen Weisen, die auch bei dieser wahrhaft heiligsten Gesellschaft sich befinden? - O Freund, helfe mir da nur ein wenig aus meiner neuen Not!"

[RB.02_197,15] Spricht Cado: "Aber ich bitte dich, Freund Robert, sei nicht läppisch und kindisch! Kindlich magst du zwar sein, so stark du es nur immer sein kannst - aber nur kindisch nicht! Denn kindisch ist der Verstand der Kinder, und der ist kein nütze. Aber kindlich ist ihr Gemüt, und das ist vom größten Werte vor Gott. - Ich werde es dir schon heimlich eingeben, was du wirst zu reden haben - viel nicht, aber das wenige muß gut sein!"

[RB.02_197,16] Spricht Robert: "Ja, wie wirst du mir denn heimlich eingeben können?! Da müßtest du ja förmlich ein Gott sein, oder der Herr müßte dir dazu eine eigene Kraft verliehen haben!" - Spricht Cado: "Ei, ei, bist du aber doch ein lästiger Grübler! Muß man denn gleich alles bis auf den letzten Grund einsehen?! Schau, die Ewigkeit ist ja doch so hübsch lang, und es wird sich in ihr gewiß noch sehr viel einsehen und begreifen lassen! - Gebe nun acht, die Apostel kommen - voran Petrus, Johannes und Paulus als die ersten! Mit ihnen wirst du also zuerst etwas zu tun bekommen."

 

198. Kapitel – Merkwürdiges Verhalten der Gesellschaft gegenüber dem scheinbaren Cado. Robert erkennt mit Helena den hohen, göttlichen Freund.

[RB.02_198,01] Die drei benannten Apostel treten nun schnell vor die Pforte hin, machen eine tiefe Verneigung ihrer Häupter, grüßen dann den Robert und dessen Weib Helena auf das allerherzlichste und zeigen eine große Freude, nun wieder bei Robert zu sein. Die ganze andere, übergroße Gesellschaft aber fällt vor der Pforte aufs Angesicht und ruft ein himmlisch-harmonisches Hosianna dem Herrn entgegen.

[RB.02_198,02] Robert aber schaut sich nach allen Seiten um, um zu erspähen, von wannen etwa der Herr käme. Aber es will sich der Herr von keiner Seite sehen lassen. Wolhl aber ersieht Robert hinter der Gesellschaft noch jemanden, der dem Cado nahezu auf ein Haar gleichsieht. Während alledem hört das Hosiannarufen jedoch nicht auf. Und Robert merkt es auch den drei ersten, neben ihm in der Pforte stehenden Aposteln ganz genau an, daß sie in sich geheim von einer übergroßen Ehrfurcht ergriffen und vor lauter Liebe und heiliger Empfindung kaum etwas zu reden imstande sind.

[RB.02_198,03] Robert kann es denn nun auch nicht länger mehr aushalten und fragt eiligst den Cado, sagend: "Aber lieber himmlischer Freund und Bruder! Diese alle sind von einer mir unbegreiflich heiligen Scheu hingerissen. Die Erzväter, die Propheten alle, die Apostel (bis auf die drei ersten bei uns in der Pforte, die aber vor lauter Ehrfurcht nicht reden können) liegen auf ihren Angesichtern. Ja sogar die allerseligste und glorreichste Jungfrau Maria an der Seite ihres würdigsten Joseph macht von allen anderen keine Ausnahme! Und ich schaue mir nun samt meiner Helena schon beinahe die Augen nach allen Seiten aus und sehe alles in solcher Ergriffenheit - sogar dort im Hintergrunde einen knienden Geist, der, dir auffallend gleichsehend, sich auch vor lauter Erbauung kaum mehr zu helfen weiß! Sage mir doch, vor wem sind denn diese alle gar so erbaulichst hingerissen, da doch der Herr noch nirgends zu ersehen ist! Oder sehen Ihn diese alle schon vielleicht irgendwo in großer Nähe, und nur mein Auge allein und etwa auch das der Helena mag noch nichts erschauen?! O ich bitte dich, liebster Freund, lasse mich doch jetzt nicht sitzen!"

[RB.02_198,04] Spricht Cado: "Ja, aber du mein lieber Freund, was soll ich denn tun? Schau, schau, keine Augengläser gibt es hier mehr und Fernröhren auch nicht! Was also soll ich dir tun?" Spricht Robert: "Uns womöglich den Herrn zeigen, und sonst nichts! Denn zum Herrn muß ich hin und muß Ihn grüßen aus allen Kräften meines Lebens. - Wo, wo, wo ist Er denn? Wo steht Er? Von wannen kommt Er - der Heiligste aller Himmel?"

[RB.02_198,05] Spricht Cado: "Nun, wenn du den Herrn jetzt auch noch nicht siehst - da bist du aber doch wirklich aus dir selbst heraus ein wenig blind! - Da frage die drei, vielleicht sehen diese ihn auch nicht!?"

[RB.02_198,06] Spricht Robert: "Das ist aber wirklich sonderbar von dir, das du mir gerade jetzt so halbe Antworten gibst, wo mir eine ganze am dienlichsten wäre. Du verwunderst dich auch nicht darüber, daß diese ganze große Gesellschaft hier vor dieser Pforte gar zerknirscht dahinliegt und sich vor lauter Ehrfurcht nicht einmal aufzuschauen getraut! Wahrlich, dich bringt nichts aus deiner Fassung, weder der offene Himmel noch die finsterste Hölle! Wahrlich, du bist klassisch in allem, wie in deiner mir stets unbegreiflicher werdenden Weisheit und in deinem langmütigsten Gleichmute, so nun auch in deinen halben Antworten, die du mir bloß darum zu geben scheinst, um etwas geredet zu haben, aber was, das scheint dir ganz einerlei zu sein!"

[RB.02_198,07] Spricht Cado: "O nein, nicht so, mein lieber Freund und Bruder! Ich gebe dir wohl ganze Antworten, die aber du leider nur halb verstehst. - Warum hast du denn für deine so überaus dringliche Angelegenheit nicht, wie ich dir riet, die drei befragt? Die hätten es dir schon lange gesagt, wo dieses alles hinaus will und wo sich allenfalls der Herr befindet. Aber da fehlt dir, wie es scheint, der Mut, was von dir eigentlich so ein wenig dumm ist! Denn sie werden doch als Bürger der Himmel nicht mehr sein wollen als unsereins. Im Himmel ist alles gleich, und der niederste ist der beste, und das ist der Herr selbst! -Sehe dich also nach Dem um, und du wirst Ihn bald haben und hast Ihn eigentlich schon. Aber Er ist dir zu wenig, so magst du Ihn auch nicht erkennen, obschon du Ihn schon lange siehst, verstehst du das?"

[RB.02_198,08] Spricht Robert: "Obschon ich Ihn schon lange sehe!" - Ah, das wäre aber doch etwas komisch - Ihn sehen und nicht erkennen! Ihn nicht erkennen?! Ich, der ich nun schon die geraumste Weile seit meiner höchst traurigen Ankunft in dieser Geisterwelt um Ihn war, sollte Ihn nun auf einmal nicht mehr erkennen mögen, so Er vor mir stünde!? Nein, das wäre denn doch im Ernste etwas mehr als zu viel! Freund Cado, du bist wohl sehr weise, aber diese Behauptung scheint dir denn doch auch einmal so ein wenig mißlungen zu sein. Denn nach dieser deiner Behauptung müßtest entweder du selbst oder am Ende gar die Helena der Herr sein! Denn ich bin es etwa doch ewig nicht, und die drei Apostel neben uns auch nicht. Die Helena ist doch ein Weib nur und kann's darum nicht sein und ist dazu auch eines viel zu himmlisch-reichen Anzuges. Du bist unter uns wahrlich am einfachsten; denn diese deine an den Orient erinnernden höchst unansehnlichen Kleidungsstücke entbehren offenbar jeder Zierde, schmücken deinen Leib auch wahrlich nicht im geringsten, sondern decken bloß nur dessen Blöße und sind daher auch sicher, wie du selbst, im höchsten Grade einfach. Du mußt daher nach deiner eigenen Behauptung es Selbst sein - obschon du dem Cado noch immer wie ein Ei dem andern gleichsiehst! Es hat zwar die Gesichtsbildung des Herrn mit deiner Cadoschen eine bedeutende Ähnlichkeit. Aber du bist dessenungeachtet noch stets ganz derselbe Cado, der an jenem Hügel dort mit der Satana kämpfte. - Hm, hm, solltest du also wirklich - der Herr Selbst sein!?

[RB.02_198,09] "Nein, wenn das im Ernste so wäre, da träfe mich vor Schande ja beinahe ein Schlag, trotzdem ich nun ein Geist bin! Denn wie viel Dummes und sogar Schlechtes habe ich vor dir durcheinander geredet und geschimpft wie ein Narr! - Ja, ja, jetzt geht mir auch noch ein anderes Licht auf! Du hast mich ich überall ans Evangelium gewiesen, wo es bei mir zu stocken anfing und nicht weiter gehen wollte. Und das hätte denn der eigentliche Cado, der mit der Schrift doch unmöglich so vertraut sein kann, doch nicht so umfassend zuwegebringen können - da es sogar bei mir hie und da hapert, obwohl ich schon von der Wiege an in der Bibel unterwiesen worden bin. Und dazu begreife ich nun auch deine ewig unerreichbare, endlose Weisheit! - Ja, ja, Du bist es schon, und niemand anders kann es sein!

[RB.02_198,10] "Aber da Du es bist und niemand anders es sein kann, was auch diese ganze, große Gesellschaft bezeugt durch ihr unbegrenztes Ergriffensein vor Dir, o Herr - so lasse mich und meine Helena mir denn nun auch zu Deinen heiligen Füßen hinfallen und Dir unseren schon lange schuldigsten Dank in aller Zerknirschung unserer Herzen darbringen! - Helena, siehe hierher! Dieser unser Begleiter, dieser Freund der Freunde, dieser überweise, himmlische Cado ist nicht der eigentliche Cado! Bloß nur das Kleid ist wie das des dir bekannten Cado! Aber im Kleide steckt, vor dir und mir nahezu ganz unerkennbar, der Herr Selbst! - Verstehst du? - Der Herr Selbst!"

[RB.02_198,11] Helena, solchen Ruf kaum vernehmend, stürzt sich jählings dem Herrn zu Füßen und schreit: "O Herr, verdamme mich doch nicht, denn ich war ganz entsetzlich roh und grob vor Deinen Augen! O Gott, o Gott, was habe ich getan!" - Sage Ich, noch immer als Cado: "Stehe auf, du Meine liebste Tochter! Denn Ich liebe dich eben deshalb, weil du so bist und warst, wie du nach Meinem Willen sein mußt! - Stehe also nur auf! Denn wir müssen nun nach Wien! Verstehst du das?"

 

199. Kapitel – Eintritt der Gesellschaft ins erscheinliche Wien. Volkstümliche Szenen an der Paßschranke.

[RB.02_199,01] Spricht Robert: "O Herr, möchtest Du mir denn nicht so ein wenig nur kundgeben, was wir so ganz eigentlich in diesem erscheinlichen Wien machen werden und was uns da nun alles begegnen wird? Denn wenn ich gar so unvorbereitet selbt an Deiner göttlich allmächtigen Seite in diese Stadt komme und diese ganze große Gesellschaft mit uns - so weiß ich wahrlich nicht, wie wir da enpfangen werden, oder wie ich mich bei Vorfällen mißlicher Art (die da wahrscheinlich nicht ausbleiben) zu benehmen habe, um nicht in recht offensichtliche Verlegenheit vor Dir und dieser ganzen Gesellschaft zu kommen."

[RB.02_199,02] Rede Ich: "Um alles das hast du dich nicht zu sorgen und zu kümmern, so Ich bei dir bin! Die ganze große Gesellschaft aber geht ohnehin nicht mit, sondern bloß nur Ich, die drei Apostel, du und die Helena. Alle andern bleiben hier bis zu unserer Wiederkunft.

[RB.02_199,03] "Sehe du aber nun nach Wien hin, wie es nicht etwa leer, sondern ganz so bewohnt ist wie auf der Erde, und zwar entsprechend von ganz denselben Menschen, die seit dem Erdjahre 1848 bis in dies gegenwärtige Jahr 1850 diese Stadt bewohnt haben und jetzt noch bewohnen, entweder als Geister oder noch als Materiemenschen. - Gehen wir daher nun hin, auf daß du dein ,enge' Pförtlein, bald mögest durchgemacht haben! Aber da zu euren Füßen liegen dunklere Überwurfskleider; diese werfet zuvor über eure himmlischen!"

[RB.02_199,04] Robert und dessen Weib Helena tun sogleich, wie geheißen, und sehen nun ganz pilgermäßig aus. Ebenso auch die Apostel, die ganz gut drei Pilgern allenfalls aus Jerusalem gleichsehen. Meine Kleidung aber gleicht der eines einfachsten Juden. Und also kostümiert treten wir unsere kurze Reise in das vor uns liegende Wien an.

[RB.02_199,05] Bei der Zoll- und Paßlinie angelangt, und zwar bei derjenigen, die gleich zunächst der sogenannten "Spinnerin am Kreuze" sich befindet, fragt Robert, der knapp neben Mir einhergeht: "Herr, sehen bloß wir die verschiedenen wachhabenden Mannschaften - oder sehen sie uns etwa auch? Sollten sie uns auch sehen, da ginge es uns schlecht, wenigstens fürs Gesicht (den äußeren Ansehen nach); denn wir haben keine Pässe!" - Sage Ich: "Ja, sie sehen uns auch; aber nicht alle, sondern jene nur, die auch schon wirklich in der Geisterwelt sich befinden. Aber diese werden durch ein gewisses Einfließen die noch Irdischen auf uns aufmerksam machen, und da wird es dann freilich eine kleine Hetze abgeben. - Lasse aber jetzt nur Petrum vorangehen! Der weiß es am besten, wie man mit solchen Zöllnern und Einnehmern umzugehen hat."

[RB.02_199,06] Petrus geht nun sogleich zum Zöllner hin und sagt zu ihm: "Freund, wir sind Reisende von (für dich und deinesgleichen) sehr weit her, haben aber keine Pässe, denn in unserem himmlischen Reiche ist volle Freizügigkeit für ewige Zeiten gewährleistet. Wir können dir daher nicht mit Reisepässen aufwarten. Wir sind aber überaus kreuzehrliche Wesen, haben uns nirgends etwas zu Schulden kommen lassen und sind sonach auch überall noch ohne allen Anstand durchgekommen. Daher glaube ich, daß man uns auch hier keine Anstände machen wird."

[RB.02_199,07] Spricht der Zöllner: "Mein Freund wahrscheinlich aus China!? So ihr nichts mautbares (zollpflichtiges) bei euch habt, da könnt ihr von mir aus sogleich ohne allen Anstand weiterziehen. Da weiter vorne ist noch eine Maut (Zoll- und Paßamt); alldort werden die Pässe den Passanten abgenommen und vidimiert (geprüft, beglaubigt). - Seid ihr also im Ernste Chinesen?"

[RB.02_199,08] Spricht Petrus: "Ja, ja! - Also dort vorne ist das Paßamt? - Wir sind Ihnen für diese Auskunst sehr verbunden!" - Spricht der Zöllner: "Nun, nun, ich glaube gar, dies zerlumpte Bettelgesindel möchte etwa gar auch noch großtun!"

[RB.02_199,09] Spricht Petrus: "Freund, beurteile du die Menschen nie nach dem Rocke! Denn du kannst es ja nie wissen, was vielleicht denn doch dann und wann hinter einem schlichten Rocke stecken könnte." - Spricht der Zöllner: "Sicher höchst selten etwas anderes als Lumpen und Vagabunden, die man aufgreifen und per Schub dahin zurückschicken muß, wo sie zu Hause und gerichtszuständig sind! Verstanden, mein Herr!?"

[RB.02_199,10] "Jawohl", spricht Petrus, "diese Sprache ist heutiger Zeit nur zu häufig gang und gäbe, als daß sie die arme Volksklasse nicht verstehen sollte. Wer hier in einer Prachtkutsche vorüberfährt mit bordierter Dienerschaft, mit dem redest du sicher ganz anders. Aber mit uns Barfüßlern redest du, als wären wir eine Gattung Tiere nur. Und siehe, das ist nicht löblich von dir! - Lasse uns aber nun weiterziehen! Vielleicht werden bei der vordern Maut die Aufseher nicht so scharf sein wie du." - Spricht der Zöllner: "Ja, ja, dort werden sie mit euch sicher nicht viele Umstände machen! - Sehet nun, daß ihr weiterkommt, sonst lasse ich euch selbst noch arretieren!"

[RB.02_199,11] Spricht Robert zu Mir: "So sind sie! Und das ist eher noch einer der Bessern! - Wenn man mit so einem Menschen zu tun bekonmmt, wahrlich, vor Grimm und Ärger könnte man da geradewegs zerbersten! - O Menschen! O Erde!" Spricht auch die Helena: "Nein, wenn der noch länger uns mit seinen allerfadesten Geringschätzungsreden belästigt hätte, so hätte ich ihm was gesagt! Denn ich kenne diesen Dalken (nichtsnutzigen Kerl). Ist aber gut, daß wir weiterziehen, sonst wäre ich wohl mit ihm zusammengewachsen! So ein paar Blitzschnelle hätten sich auf seinem Hottentottengesichte gar nicht schlecht gemacht! Na, der hätte sich verwundert, wenn er so ein gedoppeltes Gesicht bekommen hätt'!"

[RB.02_199,12] Sage Ich: "Nur nicht gar zu laut, Mein Töchterchen! Denn dieser Zöllner hat sehr lange Ohren! - So er das vernähme, da bekämest du ein schweres Tun mit ihm." - Sagt Helena: "Aber ärger, o Herr, wird er doch etwa nicht sein als die Satana selbst?!" Sage Ich: "Ja, es kommt darauf an! Die Hunde, welche die großen Reichen in ihren Höfen als Wächter an den Ketten halten, sind in ihrer Art um vieles böser als ihre Herren. Die Herren reden bloß, aber die Hunde beißen! - Daher sei du froh, daß dich der Hund seines Herrn nicht gebissen hat. Aber wir kommen nun schon zu der zweiten Maut! - Petrus fängt mit der Polizei zu reden an. Wir wollen sehen, was da herauskommen wird!"

[RB.02_199,13] Sagt Helena: "O eing'führt (eingesperrt, in Haft geführt) werden wir und sonst nichts - so Du, o Herr, von Deiner Macht keinen Gebrauch machen wirst!" - Sage Ich: "Meine liebe Tochter, sei ohne Sorge! Was wäre es denn auch, so uns diese Blinden im Ernste einführeten? Sage, welcher Kerker könnte uns wohl festnehmen! Ein leisester Hauch Meines Mundes und die ganze Erde samt allen ihren Kerkern ist nicht mehr! - Und so haben wir uns vor keinem Kerker zu fürchten. - Aber nun horchen wir auf den Petrus, der soeben befragt wird: »Woher des Weges?! Wo sind die Pässe?! Reist die ganze Gesellschaft mit einem oder mit mehreren Passierscheinen? Wo sind sie? Her damit!«"

[RB.02_199,14] Spricht nun Petrus: "Eine kleine Geduld und eine ganz kurze Frage! Sage mir gefälligst, kann da gar niemand, auch kein Einheimischer, ohne Paß in die Stadt?" - Spricht der Polizeisergeant: "Bekannte Einheimische wohl; aber Fremde nie! Seid ihr fremd und nicht Bürger dieser Stadt, dann müßt ihr einen Paß haben, sonst kommt ihr nicht hinein! Gehört ihr aber dieser Stadt an, so müßt ihr euch durchexaminieren lassen, auf daß ich daraus ersehen kann, wessen Geistes Kinder ihr etwa seid."

[RB.02_199,15] Spricht Petrus: "Nur zu! Ich werde dir alles ganz genau angeben!" Hierauf fragt der Sergeant: "Wie heißt Er?" - Spricht Petrus: "Simon Juda, Jonas Sohn, genannt Petrus." - Der Sergeant weiter: "Das klingt sonderbar! Aber wer ist Er denn, was treibt Er für ein Gewerbe?" - Spricht Petrus: "Ich bin ein Fischer von Geburt aus und gehe aber nun aufs Menschenfischen aus, schon seit nahe 2000 Jahren."

[RB.02_199,16] Spricht der Sergeant zu einem Gehilfen: "Bewache diesen, denn der gehört ins Narrenhaus! Der Kerl bildet sich ein, daß er Petrus, der berühmte Apostel sei! - Nein, was man bei einer Linie (Zoll- und Paßschranke) doch alles erlebt!"

[RB.02_199,17] Hierauf wendet sich der Sergeant am den Paulus, fragend: "Wer seid denn Ihr - und wie heißt Ihr!" Spricht Paulus: "Ich bin ein Teppichweber, dann ein Apostel der Heiden. Mein erster Name war Saulus und der spätere war und ist noch Paulus." - Spricht der Sergeant zu einem zweiten Gehilfen: "Bewahre auch den! Denn auch dieser ist ganz reif ins Narrenhaus!" - Darauf, sich zu Johannes wendend, fragt er auch diesen Apostel: "Wer seid denn Ihr? Etwa auch so ein Apostel Christi?"

[RB.02_199,18] Sagt Johannes: "Ich bin der Evangelist Johannes und zugleich auch Apostel des Herrn Jesu Christi!" Spricht der Sergeant zu einem dritten Gehilfen: "Gehört auch ins Tollhaus! - Bewachet sie wohl! - Es sind noch drei dort, die werden wohl sicher des gleichen Geistes sein! Denn gleich und gleich gesellt sich gern!"

[RB.02_199,19] Hier tritt voll Ärger die Helena vor und sagt zum Sergeanten in ganz echt Oberlerchenfeldischer Weise: "Sö Haupttappschädl von an böhmischen Puliquatschenfeldwebl, gebens acht, daß ihnen ihnen die drei nit etwa auskommen!" - Spricht der Sergeant ganz spinngiftig über die Anrede der Helena: "Waaaas ist das für eine Kreatur!? Waaas hat sie gesagt!~ - Na warte du! Dir werden wir das Rohe schon herabarbeiten!" - Hier springt die Helena zum Sergeanten hin und sagt: "No, no, nur gschwind a portion Luxenburger Spargel her, du alter Schwefellebertigel aus der höllischen Apothek'! Schau nur gleich, daß dein böhmisches Zartg'fühl kein Leibschad'n kriegt! - Schau, schau, ehrgeizig auch noch - mit dem G'sicht!? - Laß sich der Herr den Grimm vergehn, sonst sag i ihm was, das ihm grad mit am besten schmecken nöcht!"

[RB.02_199,20] Spricht der Sergeant: "Weß Landes ist sie gebürtig, Sie ungehobeltes Mensch!?" - Spricht die Helena: "No denken's nach! Können Sie sich noch auf das Wirtshäusl erinnern, von dem Sie dreimal hinausg'worfn san's worden - wegen Unzucht und Stänkerei?! - Schaun's, dort bin i gebürtig!" Sagt der Sergeant: "Waaas brodelt Sie daher?! Ist Sie denn ein Oberlerchenfelder Früchtl?!" - Spricht Helena: "Ja, die Schwarzmaxl-Lenerl! Kennen's mi denn nimmer!?"

[RB.02_199,21] Spricht der Sergeant: "Ja, aber sag mir, wie kommst denn du zu dieser Narrengesellschaft?! A das ist gut! Die Schwarzmaxl-Lenerl! - Aber sag mir doch, wo bist denn seit der Revolution hingekommen? Man hat von dir ja gar nichts mehr gehört und gesehen!" - Spricht die Helena: "Na, g'storben bin i halt! Und jetzt bin i wieder als lebendig da und geh mit diese meine gute Freund mei Heimat b'suchen - wann's nix dawider habn! Daß aber die keine Narren san, da steh i ihnen gut dafür!" - Spricht der Sergeant etwas besänftigter: "Ah, meine Liebste, diese drei sind ganz vollkommen Narren! Diese müssen demnach ins Narrenhaus! Bei den zwei letzten aber wird es sich erst durch bin gutes Examen zeigen, wessen Geistes Kinder sie etwa sind. Und ich werde sie daher auch gleich vornehmen."

[RB.02_199,22] Hier tritt Robert von selbst vor und sagt: "Freund, du willst mich und diesen meinen heilig großen Freund ,vornehmen' und uns untersuchen, ob wir etwa nicht sinnesverrückt seien?! O du blinder Hascher! Siehe, das hättest du lange schon bei dir selbst tun sollen, auf daß du in der Einsicht und besseren Erkenntnis wenigstens soweit es gebracht hättest, daß du schon lange nicht mehr dem Leibe nach lebest auf der eigentlichen Erde und im eigentlichen Wien - sondern nur in dem entsprechend geistig Erscheinlichen auf der ebenfalls erscheinlich-geistigen Erde! - Meinst denn du, daß du hier der wirkliche Linienaufseher bist? Ja in deiner Einbildung bist du es und sonst gar nichts! Glaubst denn du, daß du irgendeine Gewalt oder irgendein Recht hast, uns zu untersuchen? Ich sage es dir, du hast kein anderes Recht als das Recht eines Narren, der dazu noch blind und taub zugleich ist!

[RB.02_199,23] "Denn du bis ja schon lange gestorben, und zwar an der Cholera im Jahre 1849~ der irdischen Rechnung nach! Abgesandte Geister aus den Himmeln haben es dir im Augenblicke deines Austrittes aus dem irdischen Leibesleben gesagt, daß du dem Leibe nach gestorbeu bist, aber du lachtest sie aus und sagtest: »Was da, ihr dummen, hirnverrückten Kerls! Seht ihr denn nicht, wie ich noch ganz vollkommen und rüstig ein erster Polizeisergeant bin?! Und wollt ihr etwa das nicht glauben, so stecke ich euch ins Loch und ihr werdet es dann gleich einsehen, ob ich gestorben bin oder ob ich noch lebe!« Bei solcher deiner Gegensprache verließen dich dann aber auch sogleich die Boten aus den Himmeln und ließen sonach den Narren in seiner Narrheit, in der er nun über ein Erdjahr schon verharret und andere weise, ihm helfen wollende Geister als Narren erklärt, dabei aber selbst der größte Narr ist und bleibt! Meinst denn du wohl im Ernste noch, daß du ein leibhaftiger Polizeisergeant der Stadt Wien bist, die auf der Erde des österreichischen Kaisers Residenz ist? - Da schaue den Schrankbaum an! Siehst du nicht und merkst es nicht, wie er nun vor uns stets lustiger, durchsichtiger und somit auch nichtiger wird?!"

[RB.02_199,24] Spricht der Sergeant: "Das ist alles einleeres Geschwätze, das eine Amtsperson, wie ich eine zu sein die hohe k. k. Ehre habe, nicht anhört, sondern ihr hohes Amt handelt, wie es ihre Amtsinstruktion ihr zu handeln strengst gebietet! Wie heißt Er denn? Oder hat etwa Er einen Paß oder irgendeine sonstige Aufweisung?" - "Nein!", donnert ihm Robert ins Ohr, daß darob der Sergeant ganz schwindlig wird und um Hilfe zu rufen anfängt. - Wieder donnert ihm Robert ins Ohr: "Tor, was willst du, das ich dir tun solle?! Willst du leben oder sterben für ewig? Denn - einen zeitlichen Tod gibt es hier nimmer! Wer hier stirbt, der stirbt für ewig!"

[RB.02_199,25] Hier schreit der Sergeant ganz entsetzlich laut um Hilfe. Und es erscheinen sogleich drei gemeine Diener aus einer Wachtstube und wollen den Robert in Empfang nehmen. - Dieser aber donnert über sie so ein gewaltiges ,Halt!', daß darob alle samt dem Sergeanten also zusammenstürzen, als ob sie vom Blitze gerührt worden wären. - Und als sie so wie ganz bewußtlos am Boden liegen, sagt Robert: "Herr, so es auch Dein Wille ist, dann können wir ganz unbeirrt weiterziehen. Die drei dort, die den Petrus, Paulus und Johannes bewachen, blasen wir ein wenig hinweg und wir haben dann den freiesten Abzug von dieser Linie."

[RB.02_199,26] Sage Ich: "Es wäre wohl alles recht; aber dieser Sergeant muß auch Mich Selbst noch zuvor examinieren! Ist dies geschehen, dann werden wir, auch ohne viel blasen zu müssen, weiterkommen, ohne daß uns diese auch nur das geringste Hindernis in den Weg legen können." - Spricht Robert: "Ganz überaus wohl, o Herr! Dein Wille allein ist heilig!"

[RB.02_199,27] Hier erhebt sich der Sergeant wieder und sagt voll Grimm: "Wer ist hier ein Herr, und wessen Wille ist da heilig?! - Hier regiert allein der Kaiser! Der allein ist der Herr, und sein Wille allein muß heilig sein allen seinen Untertanen! Was darunter oder darüber, ist nichts als Asche! - He Mannschaft, habt acht! Nehmet dies ganze Gesindel fest und führet es vors Gericht und saget demselben alles, wie sich dieses sozialistische Gesindel hier benommen hat! - Dieser Schreier aber soll hier in der Wachtstube noch zuvor extra für sein tumultuarisches Schreien mit fünfundzwanzig wohlgemessenen Stockstreichen belohnt werden, worüber ihr eine Note von mir eigens an das Gericht zu überbringen habt, welche Note ich auch sogleich während der Exekution vefertigen werde! Ergreift ihn und schleppt ihn ins Wachtzimmer! - Nun, der soll sich sein Schreien merken!"

[RB.02_199,28] Drei Mann umstehen nun den Robert und wollen ihn binden und schließen. Aber da springt die Helena hinzu und sagt: "Wer es wagt, Hand an den Robert zu legen, der ist des Todes!" - Als aber einer doch mit der rechten Hand den Robert beim Kragen packt, bekommt er im Augenblicke eine solche Maulschelle von der Helena, daß er sogleich wie tot auf den Boden fällt. - Nun wollen die zwei andern die Helena packen, werden aber von ihr derart bedient, daß da beide jählings die Flucht ergreifen und sich so schnell als nur immer möglich aus dem Staube machen. Auch jene drei, welche die drei Apostel bewachten, sind nun flüchtig geworden. Und der Sergeant ruft ihnen vergeblich alle Galgen und ein Mordio übers andere nach, aber es kehrt sich keiner mehr um. Denn diese haben es so ganz leise zu ahnen angefangen, daß es mit unserer Sechsergesellschaft eine ganz sonderbare Bewandtnis haben müsse.

 

200. Kapitel – Der Zollsergeant examiniert den Herrn. Er gibt der Gesellschaft freie Bahn. Ein Steuereinnehmer folgt dem Herrn.

[RB.02_200,01] Aber der Sergeant ist noch ganz in Wien und ganz von den Pflichten seines Amtes durchdrungen und sieht und hört daher aber auch nichts anderes, als das nur, was seines vermeintlichen Amtes ist. Nur etwas bescheidener wird er nun, weil ihn alle Gehilfen rein im Stiche gelassen haben. Er begibt sich daher zu Mir hin und fragt Mich, wer denn Ich etwa wäre, wie Ich hieße und ob Ich keinen Paß oder sonstige Aufweisung besäße?

[RB.02_200,02] Und Ich sage zu ihm: "Wir kommen unmittelbar aus dem höchsten Himmeln hierher. Ich bin Christus der Herr und bin nun hierher gekommen, die Toten zu erwecken, die Verlorenen aufzusuchen und die Kranken zu heilen. Und allen, die eines guten Willens sind, soll ein großes Heil widerfahren!"

[RB.02_200,03] Spricht der Sergeant, zu dem sich auch noch einige Individuen gesellen, die im Mauthause sich befanden: "Gut gesprochen! Du bist noch der gescheiteste Narr von all den frühern, in denen sich sogar wühlerische Verschmitztheit beurkundete, indem sie ihre Narrheit mehr als einen Deckmantel ihrer verbrecherischen, geheimen Absichten vorschoben und mich so sub bona fide (unter dem Schein guten Wollens) täuschen wollten. Aber da ich Argusaugen habe und das Gras wachsen höre, so kann ich nicht so leicht übertölpelt werden. - Ich kenne mich aber nun mit euch ganz genau aus und weiß, woran ich bin. Und so muß ich euch wegen allerhöchsten geheimen Willens ja wohl passieren lassen. Das heilsame Placetum regli (Erfordernis der Aufenthaltsgenehmigung) ist aufgehoben und der katholischen Kirche freiestes Schalten und Walten in ihrer klerikalen Sphäre eingeräumt! Und so kann und darf sich auch ein exponierter Sergeant auf einer Linie nicht mehr wundern, so ihm von Zeit zu Zeit nun gewisse verkappte Jesuiten und Liguorianer in allerlei Gestalten vorkommen werden! Es wird bald wieder Ablässe und Wunder zu regnen anfangen. Die Jakobsleiter wird wieder repariert und zwischen Erd' und Himmel aufgestellt werden, auf der Engel, Apostel, die seligste Jungfrau, andere Heilige und nicht minder auch Christus Selbst auf- und niedersteigen werden, natürlich ums Geld und andere kostbare Buße! Und ihr seid schon die erste Probe! Deo gratis (Gott sei Dank)! - Ja ja, wir kennen uns schon aus. - Schön, schön, das kann sicher manchen sehr viel Trost gewähren - oder was?!

[RB.02_200,04] "Ihr könnet nun schon weiterziehen! Hätte ich das eher gewußt, von welchem Geiste ihr getrieben werdet, so hätte ich euch ja kein Hindernis in den Weg gelegt, wozu ich auch die gemessene geheime Weisung habe. Aber die Zusammenstellung ist wahrlich als vollkommen gelungen zu betrachten - bis auf den Robert Blum und die unverkennbare Schwarzmaxl-Lenerl, die doch sicher jeder lustige Wiener in vielfacher Hinsicht kennt. Der eigentliche Blum wird zwar von Kopf- und anderen Schmerzen nicht mehr viel geplagt sein. Aber die Erfindung eines Pseudo-Blums (Schein-Blums) ist gut! Denn wer den rechten Paganini (berühmter Geigenspieler) nicht hören konnte, der stellt sich nachher doch mit einem falschen recht gemütlich zufrieden. Und dieser Name hat noch viel geheimes Gewicht in Wien! Auch eine verkleidete Barrikadenheldin aus Oberlerchenfeld ist wahrlich für eure Zwecke nicht schlecht! Denn zum Gimpelfange gehört ja allerdings so ein recht niedlicher Lockvogel mit einem geisterhaft heroisch klingenden Namen. Der Zweck heiligt ja jedes Mittel! - Und du - bist Christus, der Herr Selbst?! Oh, das ist sehr schön! Nun, wenn solche Christusse, wie du, der römisch-katholischen Kirche nicht wieder auf die goldenen Beine helfen, dann adieu Papst und Rom und adieu Pfaffentum! Ein Dutzend Weihröcke noch dazu, und es wird sich schon alles wieder geben und machen!"

[RB.02_200,05] Rede Ich: "Freund! Ich weiß, daß du ein sogenannter Protestant bist, und du denkst übers römische Christentum nicht unbillig. Denn dieses ist vor Gott von Grund aus ein Greuel in allen seinen herrschsüchtigen Mühen, von denen ihm aber keine gelingen wird, wofür Ich dir stehen kann. Aber Mich und Meine kleine Gesellschaft verkennst du ungeheuer! - Ich aber will dir von nun an nichts mehr auf bürden, indem du frei bist und glauben und tun kannst, was du willst. Aber das sei dir noch einmal kundgetan, daß du nun nicht mehr auf der Welt der Materie, sondern ganz in allem Ernste in der Geisterwelt dich befindest, und daß alles das, was du außer Mir und Meiner Begleitung siehst, nichts als leere Erscheinlichkeit ist, die für dich aber zu geistigen Wirklichkeiten werden könnte, so du dich an Mich anschließen und in Meine Fußstapfen treten würdest. Aber du bist in deinem Herzen noch zu weit von Meinem Reiche entfernt und kannst Mich daher auch nicht erkennen in deiner Blindheit. Bleibe daher nur, wo und was du bist! Vielleicht sehen wir uns später noch irgendwo und irgend einmal wieder!"

[RB.02_200,06] Spricht der Sergeant: "Wird mich sehr freuen, wenn nicht in dieser, so vielleicht doch möglicherweise in einer andern Welt! - Wünsche übrigens eine gute Verrichtung in der Residenzstadt! Der noch immer fest andauernde Belagerungszustand dürfte euerm löblichen Unternehmen günstig sein. Darum noch einmal - eine gute Verrichtung und einen schönen Gruß nach Maria-Zell! Adieu!"

[RB.02_200,07] Wir begeben uns nun ohne weiteren Anstand in das Innere der Stadt. - Aber der Sergeant schaut uns mit seiner Gesellschaft nach. Und als auch der Einnehmer der ersten Verzehrungsteuer-Maut hinzukommt, um zu erfahren, was es denn mit diesen sonderbaren Reisenden für eine Bewandtnis habe und wer sie etwa seien, ob Chinesen oder wenigstens Indier - da sagt der Sergeant zu ihm und den Seinen: "Das sind verkappte, feine Jesuiten als fromme Missionäre! Weißt du, seit die Kirche wieder frei ist in unserem lieben, väterlichen Österreich, haben ihre Pfaffen wieder die alte Jakobsleiter aufgefunden und sie geradewegs am Himmel angelehnt. Mit den alten Kirchenstrafen geht es denn doch wenigstens so geschwinde nicht und mit der goldenen Buße der Kreuzfahrer auch nicht; daher werden vorderhand Döbler und Bosko (zwei berühmte Zauberkünstler) zur Leihe genommen, und wir werden bald von den großartigsten Wundern von allen Seiten her die rührendsten Kunden erhalten!

[RB.02_200,08] So waren z.B. diese sechs nichts weniger als: Der Capo (Hauptmann, Führer) höchsteigenen Bekenntnisses gemäß - Christus Selbst, der nun alle Kranken gesund machen wird ec! Vielleicht hilft Er auch den Finanzen auf die Beine zum Spaziergang nach Rom - oder was? - Die drei ersten waren Petrus, Paulus und Johannes der Evangelist. Nun, wie g'fallt dir das G'schichtl? Ein recht bildsauberes Menschl haben's auch bei sich g'habt, unter dem Namen Schwarzmaxl-Lenerl, die Barrikadenheldin! Und, jetzt fall aber nur um und werd völlig tot vor Verwunderung - den Robert Blum auch! - Nun, ists G'schichtl nicht lustig?! Wie g'fällt dir dieser Spaß?! - Meine Mannschaft, die etwas schwachen römischen Geistes ist, hat dir im Ernste dabei Reißaus genommen und hat mich allein hier sitzen gelassen! - Nun, Freund, was sagst du zu dieser Errungenschaft vom Jahre 1848!?"

[RB.02_200,09] Sagt dazu der Verzehrungs-Steuereinnehmer: "Mein lieber Freund, diese Geschichte sieht wohl dem ersten Anscheine nach etwas spaßhaft aus, aber in Grunde liegt, wie es mir vorkam und wie es mir mein inneres Gefühl sagte, doch etwas sehr Ernstes in dieser Geschichte! Ich will es schon zugeben, daß die Pfaffen bei der nun wieder erreichten kirchlichen Freiheit so manches versuchen werden, wodurch irgendein ihnen erwünschenswerter Volksaberglaube wieder belebt werden könnte. Aber auf diese Weise, Freund, Freund - das werden sie fein bleibenlassen! Es mag in den früheren Zeiten sich wohl so mancher lüsterne Pfaffe in nächtlichen Stunden gegenüber einer schönen jungen Nonne oder sonstigen Betschwester einen Spaß erlaubt haben, der vielleicht sehr nach einer himmlischen Maskerade roch, aber also öffentlich gegenüber offenbar amtlichen Aufsichtsmenschen und - wohlbemerkt! - in einer im Belagerungszustande befindlichen Kaiserstadt, dürfte sich wohl der verschmitzteste Jesuit so etwas nimmer erlauben! Ah, weißt du, ich bin sicher kein Freund der Pfaffen; aber ich glaube, daß sich zu solch einem Geschäfte wohl keiner herbeilassen würde, selbst so er im Ernste die bedeutendsten Vorteile davon zu erwarten hätte.

[RB.02_200,10] "Aber ich halte von dieser mir wahrlich ganz chinesisch vokommenden Geschichte ganz was anderes, und zwar: Entweder sind diese sechs verkleidete hohe Personen, oder sie sind am Ende im Ernste das, als was sie sich ausgegeben haben! - Denn, weißt du, aufrichtig gesagt, mir konmmt meine ganze Lebensgeschichte hier in Wien, so ich die Sache bei rechtem Lichte betrachte, etwas sonderbar vor. Und das bringt mich heimlich immer mehr auf die Vermutung, daß ich mich entweder in einem Traumleben befinde oder von irgendeinem sonderbaren Schwindel geplagt werde. Auch eine Menge andeer Bemerkungen habe ich schon gemacht und mich dabei am Ende, wenn ich die Sachen näher beurteilt habe, höchlichst verwundert, daß derlei Vorkommnisse mir nicht eher aufgefallen sind. So zum Beispiel habe ich seit ungefähr einem Zeitraume von zwei Jahren aber auch nicht einen Fuhrwagen gesehen und ebensowenig irgendeine Equipage, was gewiß sehr sonderbar ist, so gehen auch äußerst wenige Menschen hier vorüber. Und von einem gewöhnlichen Hineintragen der Lebensmittel ist auch keine Rede mehr; gewöhnlich werden seltene, mir ganz unbekannte Wurzeln und Kräuter und geselchte Wölfe, Füchse und kleine Bären vorbeigetragen und noch eine Menge anderes solch dummes Zeug mehr, daß man darüber geradezu lachen muß. Ich kann dafür auch von niemanden eine Steuer erheben, weil derlei Dinge in keinem Steuertarife vorkommen. Und verhalte ich auch jemanden dazu, so gibt er mir gar keine Rede und Antwort und geht unaufhaltsam seines Weges weiter. Mir aber fällt es auch dann gar nicht bei, daß ich jemanden anhalten soll.

[RB.02_200,11] "Letzthin sah ich so in Gedanken vor mich hin und bemerkte ein großes, wertvolles Goldstück von neuester Präge so etliche Schritte vor mir am Boden liegen. Ich eile hin, um es aufzuheben. Als ich hinzukam, ist das ganze Goldstück verschwunden und an seiner Stelle lag eine zetretene ganz kohlschwarze kleine giftige Natter. Ich wollte sie mit meinem Visierstabe hintanschleudern. Als ich sie aber noch kaum berührt hatte, da verwandelte sie sich augenblicklich in einen recht sonderlich häßlichen Raubvogel, der im selben Augenblick aus und davon flog, als ich den verwunschenen Prinzen von einem Großdukaten mit meinem Visierstabe davonschleudern wollte. Letzthin bin ich ebenfalls auf eine außergewöhnliche Weise von einer Erscheinung betroffen worden. Ich sah zum Fenster hinaus, und es regnete gewaltig stark. Mir fiel es erst jetzt auf, daß ich bis dahin, sage zwei Jahre lang, weder regnen und noch weniger schneien gesehen habe. Ich eilte schnell hinaus, um mich ein wenig anregnen zu lassen. Wie ich aber - doch sicher schnell genug - hinauskam, da war dir aber vom Regen auch keine Spur mehr! Ich fing nun erst an, über die Sonderbarkeit der Witterung nachzudenken, und es kam mir wahrlich sehr merkwürdig vor, daß ich hier noch nie eine Sonne gesehen hatte und wahrlich gar nicht weiß, woher wir das Licht haben. Oder hast du schon einmal eine eigentliche Nacht erlebt? Oder einen Winter, Frühling, Sommer oder Herbst? - Sieh, alles dauert hier so in einem und demselben Zustande fort, und uns fällt es noch dazu am Ende gar nicht auf, daß die Sachen hier so sonderbar stehen, an denen wahrlich weder der Belagerungszustand und ebensowenig irgendwelche Jesuiten Schuld tragen können.

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