VON DER HöLLE BIS ZUM HIMMEL – DIE JENSEITIGE FüHRUNG DES ROBERT BLUM

Band 1 (RB)

Durch das innere Wort empfangen durch Jakob Lorber.

Lorber-Verlag – Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.

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(Ältere Ausgabe von 1929)

 

1. Kapitel – Robert Blums Erdenlaufbahn.

[RB.01_001,01] Dieser Mensch der deutschen Zunge, Robert Blum, kam unter den dürftigsten Umständen auf die Erde und hatte bis auf einige seiner letzten Jahre stets mit der natürlichen, irdischen Lebensnot zu kämpfen, was ihm aber aus gutem, der Welt freilich gänzlich unbekanntem Grunde zuteil ward. Seine Seele und sein Geist stammten von jenem Planeten her, von dem ihr aus der Enthüllung der ,natürlichen Sonne' (s. ,Die natürliche Sonne') wisset, daß seine Einwohner mit ihrer hartnäckigsten Beharrlichkeit ganze Berge versetzen und, was sie leiblich nicht vollbringen, sogar als Geister nach und nach ins Werk setzen (Dieser Planet ist der Uranus, s. ,Natürliche Sonne' Kap.44,20).

[RB.01_001,02] Dieser durch seine Tollkühnheit gefangengenommene und für diese Welt gerichtete Mann zeigte schon von seiner Kindheit her, welch beharrlichen Geistes er war. Und obschon Ich Selbst (Der in Jesu verkörperte Gott und Vater) ihm, wo er sich nur immer erheben wollte, wegen seines Heiles stets die tauglichsten Hindernisse in den Weg legte, - so half das aber am Ende, besonders für diese Welt, doch wenig. Denn seines Geistes zu rastlos beharrliches Streben brach sich endlich aus all seiner (ihm) gestellten Unbedeutendheit doch eine Bahn, aus der er zu einem größeren Wirken gelangte.

[RB.01_001,03] Auf diesem Windungsstandpunkte machte er sogleich große Pläne und setzte sie auch nach Möglichkeit ins Werk. - Vor allem lag ihm ein gewisses Völkerwohl am Herzen, welches zu bewerkstelligen er kein Opfer scheute! - Fürwahr, so er alle Schätze der Erde besessen hätte, so hätte er sie auch alle, samt seinem Leben, für die Verwirklichung dieser für ihn höchsten Idee in die Schanze geschlagen!

[RB.01_001,04] Diese Völkerwohlidee hatte er freilich hauptsächlich der reinen Welt-Religionsschule des Ronge (Schriftsteller und Begründer des von von Rom unabhängigen Deutsch-Kathlizismus) und dessen Genossen zu verdanken, welche aber eigentlich gar keine Religion und keine Kirche ist und auch nie sein wird, weil sie Mich, den Herrn, leugnet und Mich zu einem ganz gewöhnlichen Menschen und Volkslehrer der Vorzeit macht. Diese sein wollende "reine Kirche" verwirft sonach auch den Grundstein, aus dem sie ihr Gebäude aufführen will, baut somit auf Sand; und ihr Haus wird daher einen schlechten Bestand haben.

[RB.01_001,05] Wie aber Ronge seine Kirche baute, so baute auch unser Mann seine Völkerwohlideen auf Sand. Ihm war alles, was die Welt darbietet, nur äußerst klein und ohnmächtig; bloß in seiner Rednergabe sah er jene Machtgröße, der es gelingen müsse, in Kürze allen Machthabern den Stab zu brechen.

[RB.01_001,06] Seine Überzeugung war darin so stark, daß er darüber nahe keines Bedenkens fähig war. Mahnte Ich ihn auch innerlich bei zu toll gewagten Unternehmungen, so vermochte ihn aber das dennoch nicht von dem abzuhalten, was er sich einmal zu verwirklichen vorgenommen hatte. Denn es war bei ihm eine Art Wahlspruch, daß ein rechter Deutschmann eher alles opfern solle, als von einer einmal gefaßten und durchdachten Idee abzugehen. Er meinte, ein Deutscher höre auf, ein Deutscher zu sein, so er mit Ideen zu tauschen anfange.

[RB.01_001,07] Zur Festhaltung seiner einmal gefaßten und zur Ausführung bestimmten Ideen bestärkte ihn auch das mehrmalige glänzende Gelingen derselben. Und so wagte er sich nun auch an ein Himalajagebirge, weil ihm die Abtragung einiger politischen Hügel gelungen war, durch welche Arbeit er sich auch allgemein bemerkbar gemacht hatte, und gewann dabei das Vertrauen eines ganzen Landes; welches Vertrauen ihm aber dann auch den Weg zu seinem unvermeidlichen irdischen Untergange bahnte.

[RB.01_001,08] Er erprobte in der Deutschen Versammlung (Nationalversammlung in Frankfurt a.Main 1848) die Macht seiner Zunge zu öfteren Malen und hatte heimlich eine große Freude über seine gefeierten Zungensiege, woran freilich sein starker Geist den größten Anteil hatte. - Auf diese Siege gestützt und allerfestest vertrauend, eilte er vom Orte seiner Bestimmung in eine große ostdeutsche Stadt (Wien), wo das Volk auch die unverkennbarsten Symptome seiner Ideen tatsächlich ans Tageslicht zu fördern begann. Da wollte er sozusagen mit einem Schlage etliche dreißig sogenannte Fürstenfliegen totschlagen, ohne zu bedenken, daß hinter diesen Fliegen auch Ich, der Ich freilich für ihn nichts war, etwa doch auch ein paar Wörtchen zu reden hätte, bevor sie eine Beute seines Fliegenpatschers werden sollten!

[RB.01_001,09] Unser Mann ging hauptsächlich Von der Idee aus, die er wohl aus Meinem Worte borgte, daß man "vollkommen" sein solle gleich dem Vater im Himmel, und daß da nur Einer der Herr ist, alle anderen aber "Brüder" ohne Unterschied des Standes und des Geschlechtes. - Aber er glaubte fürs erste an Den nicht, dem die Menschen in der Vollkommenheit gleichen sollen. Für den Herrn aber hielt er nur so ganz eigentlich sich - durch die Macht der Rede; vergaß aber dabei ganz, daß die Fürsten auch Menschen sind im Besitze der Macht aus Mir; und vergaß auch jenes Schrifttextes, wo es heißt: "Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!" - wie auch: "Seid jeder Obrigkeit untertan, ob sie gut oder böse ist; denn sie hätte keine Macht, so sie ihr nicht von oben gegeben wäre!" Gegen diese Macht hilft nur das Gebet und ein rechter Lebenswandel nach Meinem Worte, aber kein sogenannter politischer Fliegenpatscher.

[RB.01_001,10 Dieser Mann wurde in der obenerwähnten Stadt, wo er seine völkerbeglückende Idee durch die Gewalt der Waffen wie durch seine Reden verwirklichen wollte, als ein dem Staate gefährliches Individuum gefangengenommen und nach einem kurzen Prozesse aus dieser in die andere Welt befördert (Robert Blum wurde am 9. November 1848 auf Befehl des käiserlichen Oberstkommandierenden, Fürst Windischgrätz, in der Brigittenau, Wien, standrechtlich erschossen). Und somit ward auch sein diesweltlicher, Völker beglücken-sollender Wirkungskreis geschlossen.

 

2. Kapitel – Erste Eindrücke des Hingerichteten im Jenseits. Bewußtwerden des Lebensgefühls.

[RB.01_002,01] Nun fragt es sich: Wie kam seine Seele und sein Geist in der ewigen Geisterwelt an? Wie befindet er sich dort? Und was tut er?

[RB.01_002,02] Es muß hier bemerkt werden, daß die meisten, ihr irdisches Leben durch ein Strafgericht gewaltsam Einbüßenden in der Geisterwelt mit dem größten Zorne und Rachegefühle gegen ihre Richter wie Flüchtlinge ankommen und eine Zeitlang wie völlig Rasende umhertaumeln, was von ihrem großen Zorne und übermäßigen Rachedurste herrührt. - Aus diesem Grunde werden solche Überkömmlinge, so sie wirkliche Verbrecher wider Gottes Gebote, also im Grunde Böse sind, alsogleich zur Hölle getrieben, die ihr eigentliches Element ist, um dort ihre Rache zu kühlen. Aus ihr kehren sie aber, so ihre Rache einigermaßen abgekühlt ist, wieder in die eigentliche Geisterwelt zurück und beginnen da von neuem, freilich auf notwendig sehr beschränkten Wegen, ihre Freiheitsprobe durchzumachen.

[RB.01_002,03] Geister aber, wie der unseres Mannes, die bloß als politische, also rein weltliche Verbrecher gegen weltliche Gesetze, die freilich auch mit den Gottesgesetzen im Verbande stehen, weltlich gerichtet drüben ankommen, werden anfangs bloß in einen lichtlosen Zustand versetzt, in dem sie sich wie Blinde befinden und somit auch keines Wesens ansichtig werden, an dem sie sich vergreifen und ihre blinde und große Rache kühlen würden. Denn großer Zorn und große Rache bewirken ja schon bei Menschen auf der (diesirdischen) Welt, daß sie förmlich blind werden vor Zorn und glühendster Rachewut; umsomehr bewirken diese argen Leidenschaften (jenseits) bei Seele und Geist, in denen sie auftauchen und zu Hause sind, den Zustand der gänzlichen Blindheit. In diesem Zustande werden solche Geister so lange belassen, bis sich mit der Weile ihre Rache in das Gefühl der Ohnmacht umwandelt, und die so tief gekränkte und beleidigte Seele im stets mehr auftauchenden Gefühle ihrer Ohnmacht zu weinen beginnt; welches Weinen zwar wohl auch dem Zorne entstammt, aber denselben nach und nach auch ableitet und schwächt.

[RB.01_002,04] Diesseits konnte unser Mann nichts mehr tun als bloß nur, da er für diese Welt alles als rein verloren ansehen mußte, so viel als möglich seine männliche Ehre retten. Aus diesem Grunde zeigte er sich auch bei seiner Hinrichtung so entschlossen und den Tod verachtend - was aber (in Wahrheit) durchaus nicht der Fall war, da er in sich wohl gar überaus stark die Schrecken des Todes fühlte, und das um so mehr, da er als ein fester Neukatholik an ein Leben der Seele nach dem Abfalle des Leibes durchaus nicht glaubte.

[RB.01_002,05] Aber in ungefähr 7 Stunden nach seiner Hinrichtung, da seine Seele sich gewisserart wieder zusammenklaubte, überzeugte er sich schnell von der Grundlosigkeit seines irdischen Glaubens und gewahrte gar bald nur zu unwidersprechlich, daß er fortlebe. Aber da verwandelte sich seine Überzeugung von dem individuellen Fortbestehen nach des Leibes Tode in einen andern Unglauben, und zwar also: - er meinte und behauptete nun bei sich, daß er wohl auf den Richtplatz hinausgeführt, aber blind (nur scheinbar) erschossen worden sei, um die vollkommene Todesangst auszustehen. Aber da auf ihn nur blind geschossen wurde, weshalb ihm auch der Offizier die Augen habe verbinden lassen, auf daß er nicht das leere In-die-Luft-schießen merken solle, - so sei er bloß vor Angst betäubt, zusammengesunken und von da in ganz bewußtlosem Zustande in einen finstern Kerker gebracht worden, von wo ihn eine starke Beschwerde von Deutschlands Bürgern sicher bald in die erwünschte Freiheit setzen würde.

[RB.01_002,06] Ihn stört nun bloß die starke Finsternis, (sein Aufenthaltsort erscheint ihm) als ein sehr finsteres Loch, das ihm jedoch nicht feucht und übelriechend vorkommt. Er befühlt sich auch die Füße und die Hände und findet, daß ihm nirgends Fesseln angelegt sind. Da er sich aber fessellos fühlt, so versucht er die Weite seines Kerkers zu untersuchen, und wie etwa der Boden beschaffen ist. Ob sich in seiner Nähe nicht etwa so ein heimliches Gericht vorfindet?!

[RB.01_002,07] Aber er staunt nicht wenig, als er fürs erste gar keines Bodens gewahr wird und ebensowenig irgendeiner Kerkerwand; und fürs zweite aber auch nicht irgend etwas von einer Hängematte finden kamn, in der er sich etwa in einem freien Katakombenraume hängend befände.

 

3. Kapitel – Robert wähnt sich in Narkose.

[RB.01_003,01] Diese Sache kommt ihm sehr sonderbar und bedenklich vor. Er prüft auch sein Gefühl, ob dieses nicht etwa an den Gliedmaßen so gewisserart noch halbtot sei. Aber er überzeugt Sich durch ein tüchtiges Kneipen und Reiben an allen seinen Seelenleibesteilen, daß sein Gefühl durchaus nicht tot, sondern im Gegenteile nur gar zu sehr lebendig ist.

[RB.01_003,02] Nachdem er sich nun, genau prüfend, von allen Seiten überzeugt hat, daß er völlig lebendig ist und sich von keiner Seite her irgendwie eingeschlossen befindet, außer von einer vollkommensten Nacht und Finsternis, - da fragt er sich endlich ganz verzweifelt aufgeregt:

[RB.01_003,03] "Wo in drei Teufels Namen bin ich denn? Was haben denn die durstigen Bluthunde aus mir gemacht? Erschossen haben sie mich nicht, sonst lebete ich nicht! Eingesperrt haben sie mich auch nicht; denn da finde ich weder Wand noch Boden und keine Fesseln an meinen Gliedern! - Mein vollkommenes Gefühl habe ich auch; die Augen habe ich auch, sie sind mir nicht ausgestochen und doch sehe ich nichts! - Was haben sie denn mit mir gemacht? Wahrhaftig, das ist schaudervoll merkwürdig! - Dieser Menschenfeind, der mich pro forma (zum Schein) hat erschießen lassen, muß durch irgendeinen Chemiker mich vielleicht auf eine ganz eigene Art, etwa durch ein aller sonstigen gelehrten Welt unbekanntes Narkotikum (Betäubungsmittel, Rauschgift) haben einschläfen lassen, welcher Operation zufolge ich mich nun in diesem Zustande befinde! Aber warte, du Wüterich, du Völkerrechtemörder, wenn ich aus dieser Narkose komme, wenn ich wieder nach Frankfurt komme, dann freue dich! - Ich werde dir eine Suppe kochen, eine ganz verdammt heiße Suppe!

[RB.01_003,04] "Dieser Zustand wird nicht ewig dauern. Man wird mich in Frankurt und in ganz Sachsen requirieren (dringend rufen). Und ich werde, ja ich muß dahin kommen! Und bin ich dort, dann tausendfaches Wehe dir! Du sollst dann kennenlernen, was für ein Frevel es ist, an einem ersten Reichstagsdeputierten sich also schonungslos und allervölkerrechtswidrigst zu vergreifen! Mein ganzes Wesen, ganz Deutschland, ja ganz Frankreich darf nicht eher ruhen, als bis diese allerschmählichste, mir einem Reichstagsdeputierten angetane Unbill in aller Fülle gesühnt sein wird! Und das auf eine Art gesühnt, von der die Erde und die ganze Weltgeschichte noch kein Beispiel auszuweisen hat!

[RB.01_003,05] "Wenn ich aber nur schon bald aus dieser sonderbaren Narkose geweckt würde! - Ich brenne vor gerechtester Rache, und dieser lästigste Zustand dauert noch immer fort! - Das ist doch eine echt teuflisch Verfluchte Erfindung! Aber nur Geduld, es wird, es muß bald besser werden!"

 

4. Kapitel – Notschrei zu Gott – Berufung auf Jesus.

[RB.01_004,01] Nach diesen Worten verhält er sich eine ziemlich lange Weile ganz ruhig und stille und reibt sich bloß manchmal die Augen, um einer allfälligen narkotischen Trübung los zu werden. Aber da es trotz aller seiner vorgefaßten Geduld und trotz allen Augenreibens doch nicht heller werden will, so beginnt er an der Wiedergewinnung des Augenlichtes ganz vollkommen zu zweifeln und wird darum auch von Augenblick zu Augenblick erboster. Als aber auch trotz seines stets größeren Erbostwerdens das Licht sich bei ihm nicht einstellen will, so ruft er gar stark:

[RB.01_004,02] "Was ist denn mit mir geschehen?! Was ist das für ein verfluchter Zustand?! - Gibt es denn keinen Gott mehr? - einen Gott, der mächtig wäre und gerechter als die Machthaber der Erde von Seiner Gnaden und ihre blauen und goldbordierten Helfershelfer!?

[RB.01_004,03] "Gott! so Du irgend Einer bist, recke aus Deinen Arm und sühne mich, der ich die gute Sache Deiner Menschen, Deiner Kinder zu jenem erhabenen Ziele führen wollte, das einst schon der erhabene, unverstandene Völkerlehrer Jesus erreichen wollte, der aber von gemeinen Häschern aufgegriffen und, aus Dank für seine großen Mühen und Opfer zum Besten der gesamten Menschheit, an den Pfahl der damaligen größten Schmach der Menschheit gehängt wurde!

[RB.01_004,04] "Wie er, bin auch ich ein Sohn von Dir und aus Dir, so Du Einer bist?! - Bist Du aber nicht und nirgends, außer im Bewußtsein der Menschen selbst, - ist Deine Kraft nur jene, deren sich (auch) der Mensch bewußt ist, dann freilich rede ich nur leere und fruchtlose Worte und bin um mein ganzes Wesen für ewig betrogen, und das aufs schändlichste! Warum aber mußte ich ein lebendes, meiner selbst bewußtes Wesen werden? Warum mußte irgendeine im endlosen Raume sich selbst ergreifende, plumpe Idee in mir zum klarsten Ausdrucke des sich erfassenden Seins werden? Ward ich denn eine Realität voll des hellsten Sich-Selbst-Bewußtseins etwa darum, um von einer andern füsiliert (erschossen) zu werden? - Verfluchter Zufall, der mich je in ein so elendestes Dasein versetzte! Wenn es über jede menschliche Vorstellungskraft arge und böse Teufel gäbe, so sollen sie doch jede wie immer benannte Kraft, die mich werden machte, für ewig zerstören!

[RB.01_004,05] "O Menschen! O Menschen! Ihr betrogenen, armen Menschen, höret auf, euch fortzupflanzen! Setzet nicht mehr lebende Wesen an eure Stelle zur Qual in die verfluchte Welt! Menschen, die ihr nun noch lebet, ermordet eure Kinder und euch, auf daß die verfluchte Erde leer werde von Menschen! Oh, erwürget ihr Machthaber alle, alle Menschen, und teilet dann die verfluchte Erde unter euch, auf daß ihr an ihr allein zur Genüge haben sollet! - Aber umsonst ist mein Eifer; ein ewiger Sklave! Was kann ein Tropfen gegen des wogenden Meeres Allgewalt?! - Darum verstumme eitle Sprache meiner Zunge! - Nur ihr Hände versuchet diesem elendsten Dasein ein Ende zu machen!"

[RB.01_004,06] Nach diesen Worten macht er an sich Erdroßlungsversuche. Er macht einige recht tüchtige Eingriffe in seine Kehle, aber natürlich ohne alle Wirkung; denn er greift sich gewisserart alle Male durch und durch, ohne auch nur eine allerleiseste Spur irgendeiner Erstickung zu verspüren! - Das macht unsern Mann stutzen, und er wird über diesen seinen Zustand stets begriffsverwirrter. Da es aber mit dem Erdrosseln gar nicht geht, so beschließt er, sich schnurgerade vorwärts zu bewegen. "Denn," spricht er bei sich ganz erbost, "finsterer und grundloser als es hier ist, kann es wohl im ganzen, endlosen Raume nirgendmehr sein, daher habe ich auch keinen Abgrund und noch weniger irgendein geheimes Gericht mehr zu befürchten. Darum also nur vorwärts! Vielleicht komme ich doch irgendwo zu einem Lichtschimmer oder zu einem erwünschten vollkommenen Tode?!

[RB.01_004,07] "O wie glücklich muß der Zustand eines vollkommenen Todes sein! Wie glücklich muß ich gewesen sein, als ich nicht war, als ich kein Dasein fühlte und kein freies Bewußtsein mein Wesen trügte! - Oh, wenn ich doch nur wieder völlig vernichtet werden könnte! Aber sei es nun, wie es werden will, so mir nur ein künstig möglich werdendes Nichtsein ein Gewinn, der vollkommene Tod ein Labsal ist, so gibt es auch nichts mehr, wovor ich mich fürchten sollte. Darum also nur vorwärts!"

 

5. Kapitel – Gehversuche im leeren Raum. Selbstgespräche vom Nichts und vom Fortleben. Fluch gegen Gott, den Leidensbereiter.

[RB.01_005,01] Hier macht unser Mann mit seinen Füßen gewöhnliche Gehbewegungen. Aber da er unter seinen Füßen keinen Boden wahrnimmt, - so scheinen sie ihm bloß gegenseitige, nutzlose Pendelbewegungen zu machen, die ein Weiterkommen ebensowenig bewirken, als so jemand auf einer Bank säße und mit den Füßen in der Luft leer hin und her schlenderte. Er sinnt daher bei sich wieder auf eine andere Art der Weiterbewegung und spricht:

[RB.01_005,02] "Ich muß mit Händen und Füßen durch diese lichtlose Luft aus eine eigene Art zu schwimmen anfangen; das wird besser sein als das Gehen mit den Beinen! Denn, um mit den Beinen weiterzukommen, muß man eine feste Unterlage haben, auf der ein Bein so lange ruht, bis das andere eine freie Bewegung vorwärts macht. Aber wenn die Unterlage fehlt, da ist diese Art zu gehen fruchtlos; da heißt es entweder schwimmen oder fliegen! Zum Fliegen aber gehören Flügel; diese haben wir nackten Zweibeinler nicht. Aber schwimmen können wir, und so will ich mich ans schwimmen machen! - Ach du guter Himmel, das wird freilich ein erbärmliches schwimmen sein! - Aber was läßt sich da anderes tun, als die noch innewohnenden Kräfte so lange möglichst zweckmäßig gebrauchen, als sie sich nur immer gebrauchen lassen! - Also - es werde geschwommen!"

[RB.01_005,03] Hier fängt er an, förmliche Schwimmbewegungen mit Händen und Füßen zu machen, verspürt freilich wohl keinen Fortgang durch irgendeinen Luftzug. Aber das beirrt ihn nicht. Er setzt seine Schwimmbewegungen fort. Je mehr er arbeitet, desto mehr auch verspürt er, daß all sein Mühen ein vergebliches ist. Denn er merkt es, daß ihn diese schwarze Luft nicht den allergeringsten Widerstand verspüren läßt! Er stellt daher seine schwimmerischen Bewegungen wieder ein und spricht:

[RB.01_005,04] "Ich bin ein Esel und dummster Narr! - Was mühe ich mich denn vergeblich ab?! Wo nichts ist, da ist nichts! Ich bin nun im barsten Nichts; was will ich das Nichts weiter verfolgen?! - Im Nichts ist sicher die größte Ruhe und nimmer eine Tätigkeit zu Hause?! - Daher will auch ich in die Ruhe des Nichts eingehen, um in ihr auch zu nichts zu werden! - Ja, ja, das ist schon der Weg zur völligen Vernichtung! Hm, hm! Wäre freilich recht, wenn ich nur wüßte, daß ich wirklich erschossen worden sei?! Krachen, kommt mir wohl vor, als ob ich es noch gehört hätte. Aber freilich müßte ich da ja natürlich vollkommen tot sein, was bei mir doch nicht der Fall ist? - Auch verspüre ich nichts von irgendeiner Zerrüttung!

[RB.01_005,05] "Oder, sollte es nach dem Tode wirklich ein Fortleben der Seele geben?! Ich aber bin ja noch mit Haut und Haaren und sogar mit meiner Kleidung, die ich wohl verspüre, noch da! - Hat denn die Seele auch Beine, Haut, Haar und Kleidung? - Wenn so, da muß also auch der Rock eine Seele haben?! - - Nein! so etwas anzunehmen, müßte einen Mann, wie ich, doch die ganze Unendlichkeit hell und laut auszulachen veranlassen!?- Hahahaha! - Die Unsterblichkeit eines Rockes wäre noch bei weitem ärger als die Wunderkraft des Leibrockes Christi zu Trier, vom Bischof Arnoldi ausgestellt!?! - Und doch und doch, doch, doch! - Wenn ich Seele bin, ist der Rock mit mir hierher gewandert!?

[RB.01_005,06] "Nein, nein und tausend Male nein! - Ich bin keine Seele! Ich bin Robert Blum!-Ich bin der Reichstagsdeputierte in Frankfurt, zur Konstituierung eines einigen Deutschen Reiches! - welchem Reiche sich Österreich nicht unterwerfen will. - Ich habe es nun hier in der Residenz (Wien) kennengelernt, was Österreich will. Ich weiß es, daß alles Trachten dieses Staates lediglich dahin gerichtet ist, das eiserne Kleid des alten Absolutismus wieder von neuem anzuziehen! Ich kämpfte wie ein Riese dagegen. Aber da die Kanonen des Gegners stärker waren als mein guter Wille, so mußte ich samt meiner gerechtesten Sache dennoch abziehen, - ja, nicht nur abziehen, sondern mich auf dem Wege meines Ab- und Zurückziehens sogar gefangennehmen und am Ende sogar wirklich, oder doch wenigstens scheinbar, totschießen lassen! Ein schöner Lohn für ein dem wahren Vaterlande treu ergebenes Herz! - - O du verfluchtes Leben! und verflucht, der es mir gegeben!

[RB.01_005,07] "So es irgendeinen Gott gibt - welche Freude kann es Ihm, solch einem mächtigsten Wesen, denn wohl sein, so sich Menschen, die sich unter jeder Zone als wahre Brüder liebevollst verträglich und voll Geduld gegeneinander erweisen sollen, wegen eines Thrones und Szepters und nun sogar wegen Meinungsverschiedenheiten grausamst erwürgen und totschlagen!? - Daher aber, weil nun wie allezeit so Arges geschieht auf der Erde, und solches doch von einem Gott nicht ausgehen kann, der logisch und physisch nichts als nur die reinste Liebe sein kann, so gibt es entweder gar keinen Gott, oder, wenn es einen Gott gibt, - so ist er nur ein erzböser, also nur ein fluchwürdiges Fatum, das die Wesen als ein Spielzeug seiner Launen betrachtet! - Darum nocheinmal Fluch jedem Wesen, das Menschen schafft fürs leidigste Verderben!

[RB.01_005,08] "Aber jetzt nur Ruhe, nicht mehr räsonieren! Denn so ich in diesenm Nichts die über alles erwünschte gänzliche Vernichtung finden will, aber stets mit mir selbst rede, so erwecke ich mich dadurch aus der Vernichtung, werde wieder lebend durch die neu erregten Lebenskräfte, und mein Wunsch kann dadurch nicht erfüllt werden! Daher also nur Ruhe, strenge Ruhe, - damit Vernichtung kommt!"

 

6. Kapitel – Äußere Ruhe, innere Unruhe. Was ist das Leben? Sehnsucht nach Glaubensfrieden lenkt aufs Gebet. Der Gedanke an Weib und Kinder.

[RB.01_006,01] Nach diesen Worten wird unser Mann ganz stumm und ruhig mit dem Munde,aber desto rühriger in seinem Herzen, was ihn schon wieder ärgert, da er in dieser Rührigkeit nur desto mehr Leben und ein desto umfassenderes Bewußtsein in sich wahrnimmt. Je ruhiger er wird, desto größer wird auch die innere Regsamkeit; und je mehr er dieselbe unterdrücken will, desto kräftiger tritt sie auf.

[RB.01_006,02] Das treibt ihn schon wieder in eine neue Art von Verzweiflung und Zornwut. Denn es wird ihm immer einleuchtender, daß er auch aus diese Weise des ihm schon über alles lästigen Lebens nicht loswerden kann. Daher fängt er wieder zu reden an und spricht:

[RB.01_006,03] "Nun möchte ich aber in allen Teufels Namen doch wissen, was denn in sich das mehr als schweinsdumme Leben ist, daß man seiner nicht loswerden kann!? Ich habe ja doch Tausende sterben gesehen, und sie wurden tot! Und es blieb auch nicht das leiseste Lebenszeichen mehr übrig! Die Verwesung war das vollkommenste Ende ihres Seins! Diese können doch unmöglich irgendein Bewußtsein mehr haben und sind sonach vollkommen dahin! Oder sollten sie etwa außer dem Leibe auch noch ein Leben haben, und zwar gleich diesem meinen?!

[RB.01_006,04] "Ich kann einmal nicht tot werden! Wer erhält mir denn dieses lästige Leben? O du, der du mich hast erschießen lassen, - deine Henker müssen mit dem Totmachungshandwerke noch sehr schlecht vertraut sein! Denn du hast mich nicht tot-, sondern nur lebendigschießen lassen! - Wenn deine Helfer an allen deinen Feinden solche Effekte wie an mir bewirken werden, dann erspare dir die Mühe. Denn ich sage es dir aus dieser meiner stygischen (unterweltlichen) Nacht: Du wirst deine Feinde erst recht lebendigmachen durch dein Pulver und Blei! Harter Mann, du hast an mir großes Unrecht geübt! Denn du wolltest mir nehmen, was du mir ewig nicht wiedergeben kannst. Aber wie sehr lache ich dich nun aus! Denn ich, den du totmachen wolltest, lebe; du aber, der du zu leben wähnst, bist nun um zehnmal toter als ich, dein erstes Opfer!

[RB.01_006,05] "Es wäre im Grunde alles recht, wenn ich so ein kleinstes Schimmerchen von einem Lichte hätte!? Aber diese totale Finsternis - die soll der Teufel holen, wenn es irgendeinen gibt! -

[RB.01_006,06] "Ich setze den Fall: Wenn ich so in dieser Lage etwa ewig verharren solle?! O verflucht! - - Wenn ich etwa doch schon so ein Geist bin? Das wäre wohl eine ganz verteuselte Bescherung! Nein, das glaube ich aber nicht, - ein ewiges Leben kann es ja nicht geben!? und doch, doch kommt es mir schon so hübsch lange vor, seit ich in dieser Finsternis zubringe! Es müssen doch schon so einige Jährchen verflossen sein?! Nur Licht, Licht! Dann ist alles recht!

[RB.01_006,07] "Ich muß es mir offen gestehen, daß es mir nun lieber wäre, so ein recht dummer Kerl zu sein, der an den Gottes-Sohn, an den Himmel, nebenbei freilich auch an den ewigen Tod, an den Teufel und an eine Hölle glaubt und in solchem Wahnglauben mit für seine freilich beschränktesten Tugendbegriffe - ruhigem Gewissen stirbt, - als daß ich hier mit meiner geläutertsten Vernunft mich in der totalsten Lichtlosigkeit befinde! - Aber was kann ich dafür? - Ich suchte stets die Wahrheit und glaube, sie auch gefunden zu haben. Aber was nützt sie, wenn es in ihr kein Licht gibt!? Es ist nun einmal also, und so sei und bleibe es auch!

[RB.01_006,08] "Das Beste bei mir ist und bleibt meine männliche Standhaftigkeit und gänzliche Furchtlosigkeit. Denn wäre ich, wie so viele tausend andere, ein ängstliches und furchtsames Wesen, so müßte ich in diesem Zustande notwendig in die allertiefste Verzweiflung geraten! Aber so ist mir nun schon alles eins!

[RB.01_006,09] "Mein Weib und meine Kinder fangen in meinem Herzen freilich nun auch ein wenig sich zu rühren an. - Die Armen werden wohl Traurigkeit und einen großen Kummer um mich haben!? - Aber was kann ich in dieser Lage für sie tun?! Nichts, gar nichts! - Beten, das könnte ich freilich und hätte Zeit genug dazu! - Aber zu wem und um was und zu welchem Nutzen?! - Der beste Wunsch ist für sie alle ohnehin tiefst in meinem Herzen ein wahres und bestes Gebet, das ihnen sicher nicht schadet, so es ihnen auch nichts helfen kann. Ein anderes Gebet aber kenne ich nicht, - außer dem wohlbekannten römischen ,Vaterunser', ,Ave Maria' und wie noch eine Menge anderer Mund- und Zungenwetzereien heißen! - Für diese aber würde sich meine gute und gebildete Familie sicher sehr erstaunt bedanken, so sie innewerden könnte, daß ich so was für ihr Heil gleich einem Tollhäusler täte! Doch sie kann es ja unmöglich je erfahren, was ich hier tue?!"

 

7. Kapitel – Ehrfurchtsvolles Gedenken an Jesus ruft starkes Blitzen hervor. Schreck und freudige Verwunderung Roberts.

[RB.01_007,01] Spricht Robert weiter: "Das sogenannte Vaterunser ist unter allen Gebetsformeln wohl die beste! Denn also hat der weise Lehrer Jesus seine Schüler beten gelehrt. Leider ist dies Gebet noch nie ganz verstanden worden, da man es meistens blind für alle Fälle und Bedürfnisse vorbrachte, während es doch nur eine rein weltliche, engst zusammengefaßte Aufzählung der Hauptbedürfnisse jedes Menschen ist, die sich der Mensch oft vorsagen solle, um über sich und seine Bedürfnisse stets im klaren zu sein. Aber die Römischen legen in diese Gebetsformel statt der Wahrheit nur eine gewisse läppische, agatho-dämonisch-magische (weißmagische) Kraft und gebrauchen sie als eine geistig-sympathetische Universalmedizin gegen alle Übel, auch wider die Krankheiten der Tiere! Und das ist mir denn doch unmöglich! - Das Vaterunser ist an und für sich sicher ein sehr würdevolles Gebet; aber freilich nur im rechten Sinne und nur als das, was es ist; aber in der Art, wie es die Römlinge und auch Protestanten gebrauchen, der barste Unsinn! Ja, ja, der barste Unsinn!

[RB.01_007,02] "O du guter Lehrer und Meister Jesus! Wenn dein Los etwa auch dem meinen gleicht, so wirst du in solch einem Bestande nach deiner schnödesten Hinrichtung wohl auch schon sicher hübsch oft bereut haben, den argen Menschen so viel Gutes getan zu haben?! - Beinahe 2000 Jahre in solcher Nacht! - O Edelster! - das muß sehr hart sein!"

[RB.01_007,03] Als unser Mann den Namen Jesus so recht teilnehmend und sehr ehrend ausspricht, da fährt ein starker Blitz vom Aufgange bis zum Niedergange, worüber unser Freiheitsapostel sehr erschrickt, zugleich aber doch auch eine große Freude empfindet, da er dadurch die Überzeugung überkommen hat, daß er nicht blind ist.

[RB.01_007,04] Zugleich aber fängt er auch an, nachzudenken, was denn etwa doch die Ursache dieses sehr hellen Blitzes war? Er denkt nun hin und her und auf und ab. Er geht alle ihm bekannten Gründe zur Erweckung der Elektrizität durch. Aber er findet hier nichts zur genügenden Erklärung dieser ersten Lichterscheinung in diesem, für ihn noch immer unbegreiflichen Zustande. - "Denn", denkt er bei sich, "zur Erweckung der Elektrizität müssen die notwendigen natürlichen Bedingungen vorhanden sein, als da sind: die mit Sauerstoff gefüllte atmosphärische Luft - und in ihr negativ elektrische Körper, entweder flüssige oder auch harte. Hier im Reiche des reinsten und absolutesten Nichts aber kann doch sowohl vom einen wie vom andern nicht die Rede sein. Denn wo nichts ist, da ist vollkommen nichts, da der Begriff ,nichts' logisch richtig jedes wesentliche Sein gänzlich ausschließt!

[RB.01_007,05] "Freilich befinde ich mich, als ein sich selbst nur zu klar bewußtes Wesen, in der Mitte dieses Nichts und bin somit ein bestimmtes Etwas im Nichts. Aber das hebt das mich Umfassende Nichts nicht auf, nichts zu sein. Denn ,Nichts' und ,Etwas' können sehr gut nebeneinander gedacht werden und somit auch bestehen!?

[RB.01_007,06] "Aber jetzt geht mir ein neues Gedankenlicht auf! - Ja, ja, so ist es! O du herrliche, echtdeutsche Philosophie, du unversiegbarer Born der wahren Weisheit! Du bringst jedem das rechte Licht, der dich, wie ich, mit aller Glut und Liebe ergreift und dich in allen noch so sonderbaren Lebenszuständen als einzigen und verläßlichsten Ratgeber und Wegweiser benützt! Schau, wie geschwind habe ich nun mit deiner Hilfe diesen gordischen Knoten gelöst! Wo im Reiche des Nichts ein individuelles Sein sich vorfindet, da können sich ja irgend in selbem Nichts noch eine Menge anderer, entweder gleich oder anders gearteter Sein vorfinden! Und so können außer diesem meinem Sein sich noch eine Menge allerartiger Wesenheiten (hier) befinden, die zur Erweckung der Elektrizität tauglich sind, ohne das eigentlich uns alle umfassende Nichts nur im geringsten zu beeinträchtigen. Bravo, so ist's gut! Und ich weiß es nun, daß es außer mir in dieser Nacht des Nichts doch noch irgendwie geartete und gestaltete, wesenhafte Nachbarn gibt. Ich bin somit durchaus nicht gar so ganz allein hier, wie ich es mir eine leider jetzt schon sehr geraume Zeit vorgestellt habe! O das ist gut, das ist sehr gut!

[RB.01_007,07] "Oh, wenn ich mich nur schon früher so recht ernstlich der deutschen Philosophie in die Arme geworfen hätte, da stünde ich sicher schon aus einem ganz andern Boden, als wie ich nun stehe. Aber ich Dummkopf verlor mich am Ende in eine kleinlich läppische Gebetskritik und in ein leeres und nutzloses Bedauern des großen, weisen und edelsten Völkerlehrers Jesus und ver - -!"

[RB.01_007,08] Hier blitzt es wieder und diesmal noch stärker als zuvor. Unser Mann ist nahe außer sich vor Schreck und Verwunderung und kann sich gar nicht fassen über dieses für ihn unbegreiflich intensive, aber freilich nur kurz dauernde Licht. Es kam ihm dabei auch vor, als so er in einer weiten Entfernung bestimmte Umrisse von allerlei ihm bekannten Gegenständen gesehen hätte. Aber ihre Beleuchtung dauerte zu kurz, als daß er sie genau ausnehmen und näher hätte bestimmen können.

[RB.01_007,09] Nach einer langen, stummen Ruhe konnte er erst wieder seine Gedanken wahrnehmen und selbe auch nach und nach tiefer zu fassen anfangen. Sein erster, wieder etwas geordneter Gedanke war folgender: "Aha, aha, nun weiß ich's erst, woran ich bin! Dieses Blitzen deutet aus ein starkes Gewitter, das sich nun in der Nacht über Wien hermachen wird! Ich erwache nun nach und nach aus meiner, durch die Todesangst erregten, großen Betäubung, kehre nun wieder ganz sachte ins Leben zurück. Wahrscheinlich hilft diese, vom elektrischen Fluidum sehr schwangere Luft mir dazu, und ich werde unter Blitz,- Donner und Hagel wieder ins Leben zurückkehren!? Donnern höre ich zwar noch nicht; aber das Wetter kann auch noch sehr weit von hier stehen. Es hat wohl sehr stark geblitzt, und der Donner könnte jetzt wohl schon, wenn auch sehr dumpf, da sein!

[RB.01_007,10] "Aber kann es denn nicht sein, daß ich auch taub bin?! - Meine Gedanken vernehme ich freilich wie Worte; aber das ist noch kein Beweis, daß ich darum im Vollgebrauche meiner Gehörsorgane bin! Vielleicht komme ich bei dieser Gelegenheit auch zu meinem Gehöre wieder?! - Freilich, das sonderbare Gefühl des mich umgebenden Nichts kann ich mir auf dem natürlichen Wege noch durchaus nicht erklären. Aber was liegt da daran?! Ich bin einmal da und habe nun zweimal blitzen gesehen, - Beweis, daß ich nicht blind bin! Wer weiß, ob das nicht alles die Wirkung des drohenden, schwersten Gewitters ist?! Daher lasse ich das Wetter einmal loskrachen und vorüberziehen; da wird es sich dann schon zeigen, ob ich noch so verbleiben werde, wie ich jetzt bestellt bin!

[RB.01_007,11] "Freilich dauert dieser Stand schon hübsch lange. Nach meinem Gefühle könnten es auch schon bei 100 Jahre sein; aber das wird eine bloße Gefühlstäuschung sein!? Ja, ja, bloß eine Gefühlstäuschung! Denn, wenn man in einer gewissen Betäubung - besonders in solch einer wesenlosen - dahinschmachtet, da muß ja aus einer Minute ein Jahr werden! Ja, ja, so wird es sein! - Ja, so ist es auch! - Wenn es nur bald wieder blitzete und nachher aber auch ein wenig donnerte! Aber die Blitze lassen sich Zeit!?" - -

 

8. Kapitel – Erneute Liebe zum Leben. Rachedurst wandelt sich in Vergebungsgedanken. Neuer Blitz und bleibende Helle.

[RB.01_008,01] Spricht Robert weiter: "Oder, oder, oder - ?- Sonderbarer Einfall! - - Sollten etwa diese zwei Blitze bloß in meiner Phantasie vorgekommen sein und zeigen vielleicht an, daß es mit mir in diesem Nichts nun bald völlig zu Ende sein werde?! Ja, ja, es kann auch so was sein! Denn da ich nun angefangen habe, dies armselige Leben so ein wenig liebzugewinnen, da wird es sicher bald zu Ende sein mit ihm! Das ist ja schon eine gar uralte Weisheitsregel, daß derjenige sein Leben am leichtesten und ehesten verliert, der es liebt. Man rufe nur den Tod und Wünsche ihn sehnlichst, da kommt er sicher nicht; fürchtet man sich aber vor ihm und wünscht es von ganzem Herzen, daß er noch sehr lange ausbleiben möchte, da kommt er aber auch sicher am ehesten! - Daher muß ich schon wieder nach dem völligen Tode zu seufzen und meine baldigste und vollste Vernichtung aus allen meinen, noch vorhandenen Kräften zu begehren anfangen, so darf ich völlig sicher sein, daß mich der wahre Tod noch nicht gar zu bald beim Kragen haben wird!

[RB.01_008,02] "Wahrlich, das ist ein recht guter, alter Spruch: - »Wer das Leben liebt, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verachtet, der wird es erhalten!« Bei mir ist das nun schon einmal der Fall. Denn nur aus der allermännlichsten Lebensverachtung habe ich, aus Liebe zu allen meinen deutschen Brüdern, mich in die größten Gefahren begeben; wurde da von blinden Häschern aufgegriffen und höchst wahrscheinlich am Ende denn doch durch Pulver und Blei hierher befördert?! Windischgrätz meinte sicher, daß er mich hingerichtet habe! Aber ich lebe! Ich, Robertus Blum, lebe - lebe dir zum Gerichte, dir und deiner Dynastie zum Untergange!

[RB.01_008,03] "Freilich bin ich jetzt noch ohnmächtig. Aber es sagt mir ein inneres Gefühl: Robert, du wirst bald stark und mächtig werden, dein ehrliches deutsches Blut zu sühnen an diesen gemeinsten Mördern und Henkern! - Ja, ja, ja, Robert, du wirst wieder stark, sehr stark wirst du! Als du lebtest auf der Erde tückischem Boden, da warst du nur einfach in dir selbst zu Hause; nun aber lebst du in Millionen Herzen deiner Brüder und lebst in dir selbst auch noch in der Wirklichkeit! Daher zage nicht, Robert! Du wirst noch sehr stark und mächtig werden!

[RB.01_008,04] "Freilich wäre es besser, wenn ich schon jetzt stark wäre, wo noch mein Zorn und Rachedurst sich in der vollsten Glut befindet. Denn jetzt könnte ich wohl mit der größten Kälte für jedes Härchen meines Hauptes meine Mörder 10 000 Jahre auf das allerschrecklichste martern sehen. Aber so sich etwa nach und nach in dieser Nacht mein Zorn und meine Rache legen sollten, und ich daraus erst erstarken soll, da bleibe ich schon lieber in meiner gegenwärtigen Schwäche stecken und will an meiner Statt das Fatum walten lassen.

[RB.01_008,05] "Es ist überhaupt merkwürdig, daß ich nun meinen doch allergerechtesten Zorn und mein Rachegefühl nicht halten kann! Es wandelt sich manchmal ganz in eine Art von großmütiger Vergebung, was mich sehr ärgert, (wenn ich empfinde) daß mein Gefühl einen solchen Charakter annimmt. - Aber im Grunde, wenn ich so die Sache recht fasse, ist das denn doch eigentlich wieder deutsch, ja echt deutsch ist das! Denn nur dem Deutschen ist es eigen, ja dem großen Deutschen nur! Nur der Deutsche kann vergeben! Und das ist auch eine große und herrliche Tugend, die den edelsten Seelen nur eigen ist! Und das sind deutsche Seelen, große deutsche Seelen!

[RB.01_008,06] "Wer kann zu seinem Mörder sagen: »Freund, du hast Übles an mir getan; aber ich Vergebe es dir vom Grunde meines Lebens!" Das kann nur ein Deutscher - das kann Robert! - Ja, Robert kann es nicht nur, er tut es auch! Bruder Alfred (Windischgräz), der du mich hast schändlich ermorden lassen, ich vergebe es dir und will an dir ewig keine Rache nehmen, und könnte ich sie auch tausendfach! - Ja, höre es ganz Deutschland, der Robert, euer einziger Robert, hat seinem und also auch deinem Feinde Alfred die Untat vergeben!

[RB.01_008,07] "Ah, nun ist's mir aus einmal leichter! Hm, ja, ich bewundere nun selbst meine Größe, und das ist ein großes Labsal für mich! - Zwar sagt die Mythe das ebensowohl von dem großen Völkerlehrer, der auch am Kreuze seinen Feinden alle ihre Untat vergab. Aber es war in ihm sicher auch eine echt deutsche Seele zu Hause, sonst wäre er solcher Charaktergröße kaum fähig gewesen. Denn den Orientalen ist so eine Großmut wohl nie eigen gewesen! - Ja, ja, der große Lehrer Jesus war auch ein Deutscher!"

[RB.01_008,08] Bei Nennung des Namens Jesus fährt wieder ein mächtigster Blitz vom Aufgange bis zum Niedergange und läßt nach dem Untergange einen leichten, bleibenden Schimmer eines eigentümlich graulichen Leuchtens zurück, was unsern Robert sehr befremdet, da er nun schon wieder mit seiner früheren Gewitter-Erwartung sozusagen ganz breitgeschlagen ist.

 

9. Kapitel – Alle Weltweisheit ist eitel. Jesus legt Seinen Jüngern den Glauben ans Herz.

[RB.01_009,01] Gar sorglichst aufmerksam betrachtet er den nachhaltigen Schimmer und weiß nicht, was er daraus machen soll. Nach einer Weile kommt er aus seiner Überraschung gewisserart wieder zu sich, fängt wieder nüchterner über diese Erscheinung zu denken an und sagt bei sich selbst:

[RB.01_009,02] "ES ist am Ende doch noch ein Wetter, dessen Gewölke sich nun nach dem dritten Blitze aus einer Seite ein wenig zu lichten anfängt. Nur eines geht mir dabei nicht so ganz ein, und das ist, daß ich erst jetzt, da ich meine Umgebung etwas besser ausnehme, recht klar gewahr werde, daß ich mich, ganz vollkommen gleich einem Vogel, in freier Luft oder im freiesten Äther, ohne alle Unterlage, befinde. Es hätte solch ein Zustand in der früheren, derbsten Nacht wohl noch als ein Gefühlstrug angenommen werden können; aber nun ist es kein Trug mehr, sondern volle Wahrheit.

[RB.01_009,03] "Jetzt wenigstens wird es mir wohl klar, daß ich dem Leibe nach wirklich gestorben bin, da man doch unmöglich annehnmen kann, daß sich ein schwerer Leib so lange frei im Luft- oder Ätherraume erhalten könnte! Ich sehe aber auch außer mir nichts. Weder unter mir noch über mir ist irgend etwas Gegenständliches wahrzunehmen. Ich muß mich sonach sehr ferne von irgendeinem Weltkörper befinden?! - Hm, sonderbar, sonderbar!

[RB.01_009,04] "O Hegel, o Strauß, o Ronge (drei Weltweise jener Zeit) - eure Weisheit scheint hier sehr stark Schiffbruch zu leiden! Wo ist eure allgemeine Weltseele, in die nach des Leibes Auflösung der Mensch übergehen solle?! Wo ist der im Menschen auftauchende Gott und wo sein Sich-Seiner-selbst-bewußt-werden im Menschen? Ich bin gestorben, bin nun hier so ganz in der allerohnmächtigsten Alleinheit, wie nur irgendeine vollkommenste Alleinheit sich denken und vorstellen läßt. Da ist keine Spur von irgendeiner auftauchenden Gottheit und ebensowenig irgendein Übergang meines Wesens in das allgemeine Weltseelentum wahrzunehmen!

[RB.01_009,05] "O ihr eingebildeten menschenfreundlichen Weltweisen! Eure Sehe hat sehr trüb gesehen und wird noch trübersehen. Denn von solch einem Befinden nach des Leibes Tode habt ihr wohl noch nie die allerleiseste Ahnung gehabt. Kurz und gut, ihr habt mich betrogen und werdet noch viele betrügen. Aber es sei euch alles vergeben, da ihr ja auch Deutsche seid! Wüßtet ihr etwas Besseres und der Wahrheit Gemäßeres, so würdet ihr, als echte Deutsche, es euren Jüngern auch sicher nicht vorenthalten haben!? Aber da ihr dessen nicht fähig seid, so gebet ihr, was ihr habt, und das ist wenigstens redlich gehandelt!

[RB.01_009,06] "Freilich wohl nützt dem Menschen hier eure Redlichkeit eben nicht gar besonders oder auch gar nicht. Aber das macht auch eben nichts, da es im Grunde genug getan ist, die Menschheit bloß irdisch, materiellerseits, in einer gewissen Ordnung zu erhalten. Was aber dieses oft bezweifelte Leben nach des Leibes Tode betrifft, - vorausgesetzt, daß höchst wahrscheinlich sich jedwedes Menschen Leben dem meinen gleich gestaltet, so braucht es da sicher keine Gesetze mehr. Denn welche Verpflichtungen könnten mir nun noch obliegen? Sicher keine andern, als die eines Wölkchens in der Luft, das die Winde treiben, wohin sie gehen! Hätte ich nun auch die Weisheit Salomos und die Stärke Goliaths, - wozu wohl könnten sie mir dienen?!

[RB.01_009,07] "Darum wäre es wahrlich besser, in dem finstersten Aberglauben Roms zu leben und zu sterben, da man wenigstens im blinden Glauben seinen Leib ablegte, nach dessen Abfalle entweder gut oder schlecht der Seele nach fortzuleben des Glaubens wäre, und sonach auch dem Tode leichter ins Angesicht schauen könnte, als daß man als ein Rongeanischer Puritaner mit des Leibes Tode alles Leben für ewig zu verlieren wähnt und sich somit vor dem Tode auch ganz gräßlich fürchten muß, wie es bei mir seligen Angedenkens der schaudervollste Fall war! O Himmel! Lieber ewig in dieser wesenlosen Leere schmachten, als noch einmal solch eine Todesangst auszustehen!

[RB.01_009,08] "Darum, ihr Lehrer! Lehret eure Jünger glauben! Und sie werden glücklicher sterben, als ich mit all meiner Vernunftstärke gestorben bin! - Nun wird es mir auch klar, warum der große Meisterlehrer seinen Jüngern stets nur den Glauben ans Herz legte!"

 

10. Kapitel – Gute Gedanken über Jesus. Der Glaube an die Unsterblichkeit und an einen Gott der Liebe wächst.

[RB.01_010,01] Spricht Robert weiter: "Dieser weiseste Lehrer der Völker ward, gleich mir, aus dem Schoße dürftiger Eltern zur Welt geboren und sich höchst wahrscheinlich nur sehr mühsam und unter allen möglichen Entbehrungen auf den Standpunkt der höchsten moralischen Weisheitshöhe gehoben haben, wobei er sich Seitens der überverschrobenen jüdischen Priesterschaft sein ganzes Leben hindurch auch noch gar manche Verfolgungen hat gefallen lassen müssen! O es mußte für ihn ganz enorm schwer gewesen sein, sich unter den hartnäckigsten Mosaisten und Aaroniten, in deren Köpfen und Herzen eine überstygische Nacht zu Hause sein mußte, zu solcher Weisheit emporzuschwingen!

[RB.01_010,02] "Wahrscheinlich ist er einmal als ein armer Teufel entweder mit seinen ebenso armen Eltern, die im Vaterlande kein Eigentum und sicher auch wenig Arbeit und Verdienst hatten, oder mit einer andern Karawane nach Ägypten gekommen und hat dort durch seine großen, angeborenen Talente die Aufmerksamkeit irgendeines großen Weisen auf sich gezogen, der ihn dann in seine Schule nahm und in alle Geheimnisse der tiefsten Weisheit einweihte, mittels derem Besitze und weiser Anwendung er dann bei seinen allerdummsten Landsleuten die größte Sensation erregen mußte. Oder er kam in die Schule der Essäer, welche damals die Quintessenz aller Weisheit besaßen, die nur irgendwo auf der damals bekannten Erde zu Hause war, wodurch er dann aber natürlich auch vor den blinden Juden nahe als ein Gott dastehen mußte, der armen Menschheit zum größten Troste, wemnschon der überreichen und hochmütigsten Priesterschaft zum größten Ärger!

[RB.01_010,03] "Oh, es lacht mir noch jetzt das Herz, wenn ich daran denke, wie er bei den verschiedensten Anlässen die gesamte hohe Priesterschaft doch manchmal auf eine Art hergestellt (zurechtgewiesen) hat, daß sie darob nicht selten vor Ärger hätte zerbersten mögen! Leider ward er am Ende ein Opfer seines zu großen Mutes und der allzu tückischen Niederträchtigkeit der mit Silber, Gold und Edelsteinen verbrämten Tempelbestien.

[RB.01_010,04] "Aber erging es mir etwa besser?! - O nein! auch ich bin ein Märtyrer für meine edelsten Bestrebungen geworden. Ich wollte die Menschheit von den alten Sklavenketten befreien, und mein Lohn dafür war - der schnödeste Tod in der schönen Brigittenau! - Es ist wahrlich rein des Teufels um die gesamte Menschheit! Ihre größten Freunde tötet sie, und ihren niedrigsten, abgefeimtesten Feinden bringt sie Vivats und Triumphzüge unter Musik- und Fackelglanz!

[RB.01_010,05] "Aber es sei nun, wie es ist, ich bin nun von allem erlöst, und zwar mit dem aus aller Weltgeschichte überzeugenden Bewußtsein, daß es allen großen Völkerwohltätern nicht um ein Haar besser gegangen ist als mir, der ich trotz meines guten Willens doch noch lange kein Jesus bin!"

[RB.01_010,06] Bei der Nennung dieses Namens fährt schon wieder ein mächtigster Blitz, und zwar diesmal sehr nahe an Robert vorüber und hinterläßt nun schon eine Art Abenddämmerung wie auch, gegen Abend hin, etwas von einer dunstigen Gegend, sodaß unser Mann nun seine ganze Form recht gut erkennen kann, ohne dabei seinen freiesten Zustand in der Luft, als freischwebend, zu verlassen.

[RB.01_010,07] Obschon ihn aber der Blitz auch diesmal sehr überrascht, so erschreckt er sich davor aber nicht mehr, sondern fängt sogleich mit bedeutender Ruhe darüber nachzudenken an und spricht bei sich selbst: "Wahrlich, im höchsten Grade merkwürdig! Nun fuhr der Blitz mir ja sozusagen durch den Leib, und ich empfand dabei nichts als zum ersten Male ein ganz überaus wohltuendes Lüfterl und fühle mich nun darauf ganz außergewöhnlich gestärkt! Und da dieser Blitz einen noch stärkeren Lichtschimmer zurückließ als der frühere, so tut das meinem Herzen und meinen Augen um so mehr wohl. Auch darf ich, wie es mir vorkommt, sicher gegen Abend eine Art sehr dunstiger Gegend erschauen, was mich umso mehr überzeugt, daß ich vollernstlich in der freiesten Luft schwebe! Auch kann ich nun meine Füße, Hände, und siehe da, auch meine Kleidung, wie ich sie am Richtplatze anhatte, vollkommen gut ausnehmen!

[RB.01_010,08] "Oh - wer auf der Erde würde nicht über Hals und Kopf zu lachen anfangen, so man ihm sagte, daß nach dem Abfalle des Leibes nicht nur die Seele unter der früheren irdischen Menschengestalt, sondern auch im vollsten Ernste des Leibes Kleidung unsterblich ist!?

[RB.01_010,09] "Der große Shakespeare hatte wahrlich recht, da er sagte: »Zwischen dem Monde und der Sonne geschehen Dinge, von denen sich die menschliche Weisheit noch nie etwas hat träumen lassen.« Und, o Shakespeare, zu diesen Dingen gehört die Unsterblichkeit irdischer Leibesbekleidungen! - Und, - da scheint eine ganz sonderbare Fügung dabei obzuwalten - gerade mein Siegeskleid, das Kleid der höchsten Schande in den Augen meiner Feinde, ist mit mir erhöhet zur höchsten Freiheit! Ja das kann nur ein liebevollster und gerechtester Gott also fügen! Nun glaube ich aber auch, zur Beschämung Hegels und Strauß', daß es einen wahrhaftigen Gott gibt, der es ewig nicht nötig hat, erst bei Hegel und Strauß anzufragen, ob er dasein darf und kann, auch ohne Hegel und Strauß!

[RB.01_010,10] "Etwas sonderbar aber kommt es mir doch vor, daß es, sooft ich den Namen des großen Morgenländers nannte, auch ebensooft geblitzt hat! Sollte etwa auch an seiner mehr als menschlichen Gottessohnschaft doch im Ernste etwas Wahres sein?

[RB.01_010,11] "Wenn Röcke sogar unsterblich sind - da kann es mit Jesus - aha, aha, hat richtig wieder geblitzt, und das stärker nun als die früheren Male! Sonderbar!! sonderbar!!"

 

11. Kapitel – Weitere Ehrfurchts- und Sehnsuchtsgedanken für Jesus. Die Lichtgegend rückt näher.

[RB.01_011,01] Spricht Robert weiter: "Sollte auch er etwa, mir gleich, sich irgendwo in dieser Freie befinden und verkehrt nun mit mir, als einem Manne ungefähr seinesgleichen, auf diese ganz unschädliche elektrische Art und Weise, die ihm für diese Welt noch eigen geblieben ist? - Ja, ja! Denn er soll besonders im Fache der ägyptischen natürlichen Magie, und das hauptsächlich durch die Kenntnis der innersten Naturkräfte, einer der erfahrensten Männer gewesen sein, - woraus auch seine, durch die Zeit freilich schon sehr entstellten, sogenannten Wundertaten sehr wohl zu erklären sein dürften, - besonders so die über alles Vieh dummsten Osmanen die große Bibliothek zu Alexandria nicht verbrannt hätten!

[RB.01_011,02] "Ja, ja, wie mir meine Hegelsche und Rongeanische Weisheit unbeschadet geblieben ist, so ist auch ihm sein großer Weisheitsschatz geblieben, aus dem heraus und mit dessen unschätzbarer Hilfe er mir nun durch Blitze kundtut, daß er sich irgend in meiner Nähe befindet und vielleicht ebenso den Wunsch hat, in dieser Leere irgendein Wesen zu treffen, dem er sich mitteilen könnte!? Es muß kein Spaß sein, mit dem gewecktesten Geiste von der Welt 1800 und dazu noch etliche 40 Jahre sich bloß mit seiner höchst eigenen Gesellschaft begnügen zu müssen, und das als einer der größten Menschenfreunde! O edelster, bester und größter Menschenfreund! Wohl bin ich deiner Größe gegenüber nicht wert, dir die Schuhriemen aufzulösen, aber was nützt hier alle irdische Größe!? Da verschwindet wahrlich aller irdische Glanz und alle irdische Berühmtheit!

[RB.01_011,03] "Dein Name, und für die Folge irdischer Zeiten auch der meinige, werden wohl noch lange auf der Erde fortklingen und werden gelobt und gerühmt und bewundert werden; aber was haben wir beide davon?! Wir können uns hier in der endlosen Wesenleere bloß durch eine eigene Art elektrischer Blitztelegraphen andeuten, daß wir beide uns hier, vielleicht nicht gar zu ferne voneinander abstehend, befinden.

[RB.01_011,04] "O Wenn es doch möglich wäre, daß wir uns einander nahen könnten, wahrlich unsere Gesellschaft genügte uns für ewig! - Zwei große, sich in allem höchst verwandte Seelen würden wohl für ewig nie des herrlichsten Besprechungsstoffes ermangeln und sich dadurch aus die herrlichste und alleranziehendste Weise die Zeit oder auch die Ewigkeit sehr verkürzen und köstlichst würzen!? Aber was nützt da auch der beste Wunsch! Wer soll, wer kann ihn verwirklichen?!

[RB.01_011,05] "So wie wir beide schweben auch vielleicht noch zahllose andere Wesen? - Die Weltkörper sind vielleicht ursprünglich auch das gewesen, was wir nun sind?! Nach Trillionen von Erdjahren haben sich zahllose Atome um sie angesammelt, und so sind aus ihnen am Ende ganze Weltkörper entstanden, in deren Mitte noch dieselben Geister oder Seelen wohnen, um die sich durch die Ansammlung der Ätheratome ganze Welten gestaltet haben!

[RB.01_011,06] "Vielleicht bist du, mein großer Freund, auch seit nahe 2000 Jahren schon so ein kleines Kometchen geworden und kannst aus deiner eigenen Dunstsphäre schon Blitze erwecken?! - Es wird bei mir noch sicher sehr viel Geduld brauchen, bis ich einmal nur einige Meter Dunstatmosphäre um mich angesammelt haben werde? - Vielleicht bist du gar dort, wo ich nun gegen Abend hin wie eine Art sehr dunstiger Gegend ausnehme?! Vielleicht werde ich einmal, wenn du schon ein reifer Planet sein wirst, ein Trabant von dir sein? Oder so du etwa gar zu einer Sonne wirst, freilich erst nach endlos vielen Dezillionen Erdjahren, da kann ich vielleicht auch dein allernächster Planet wie Merkur werden!?

[RB.01_011,07] "Das sind wohl freilich sehr weit hinausgeschobene Hoffnungen; aber was kann man dagegen tun? Nichts, als alles in Geduld abwarten. Auf der Erde mußten einen zeitliche Hoffnungen aufrichten, so es jemand zu schlecht ging; hier im Reiche der Ewigkeit muß man sich dagegen denn auch mit ewigen Hoffnungen trösten, so man vor der entsetzlichsten Langeweile nicht in die barste Verzweiflung übergehen will!

[RB.01_011,08] "Aber da sieh, da sieh, mein Auge! Jene dunstige, tief unter mir ersichtliche, sonderbare Gegend wird nun etwas heller, und es scheint auch, als ob sie mir näher käme!? O das wäre sehr scharmant! - Das ist schon so, wie ich es mir früher gedacht habe!

[RB.01_011,09] "Mein großer Freund Jesus - aha, aha! - hat schon wieder geblitzt! - Allein das macht nichts! Was habe ich denn eigentlich sagen wollen? - Ja, ja, jetzt habe ich es schon wieder! Mein großer Freund, der nun schon wahrscheinlich zu so einer kleinen Kometwelt angewachsen ist, hat meinen sehnlichsten Wunsch vernommen und bietet nun alles auf, um zu mir zu kommen. Und so er zu mir kommen kann, da wird er mich sicher zu ihm in seine junge Weltmitte ziehen, wird auf diese Art die Anziehungskraft der äußern Ätheratome verstärken und somit desto eher und leichter zu einer Vollwelt anwachsen!? Ja vielleicht hat er auch schon eine größere Menge ihm verwandter Wesen bei und um sich?! Das kann sehr leicht sein! Denn Wesen, wie ich, hat es schon so manche gegeben.

[RB.01_011,10] "Kann er mich nun anziehen, so hat er auch alle seine Nachfolger, die vor mir den wahren Kreuzweg durchgemacht haben, auf eine gleiche Weise angezogen! Und so könnte ich nun auch schon eine ganz große Gesellschaft um ihn antreffen?! So das der Fall wäre, o welch ein Vergnügen wäre das für mich!

[RB.01_011,11] "Und siehe, siehe, aus dieser Sache scheint einmal endlich doch ernstlich etwas werden zu wollen!? Die sonderbare Gegend kommt mir richtig stets näher und näher und wird dabei auch stets um etwas heller und, wie es mir vorkommt, auch etwas deutlicher!

Ich nehme nun schon wirklich etwas aus, das so ungefähr einem kleinen Berge gleichsieht, umgeben mit mehreren kleinen Hügelchen! Gott Lob, Gott Lob! Auf diese Art komme ich vielleicht doch mit der Weile und mit der rechten Geduld endlich einmal auf irgendeinen festeren Grund!?"

 

12. Kapitel – Ein Mensch erscheint in der Lichtgegend. Ist es Jesus? Roberts Freude in Erwartung des Ersehnten.

[RB.01_012,01] Spricht Robert weiter: "Aha, aha, sieh einmal, sieh einmal, mein Auge! Und du, mein Herz, freue dich auch! Denn die Gegend ist schon recht nahe an mich herangekommen. Und, so mich das Sehvermögen nicht täuscht, da sehe ich ja auch etwas wie einen Menschen auf dem kleinen Berge stehen, der mir zu winken scheint!

[RB.01_012,02] "Am Ende ist das gar der gute Jesus selbst?! Ja, ja, ja, er ist es leibhaftig! Denn nun sah ich's klar, wie bei der Nennung seines Namens gerade von ihm ein gar starker Blitz in der Richtung gegen mich herfuhr! Oh, 0h, das wird endlos scharmant sein, mich in der Gesellschaft desjenigen Geistes zu befinden, dessen Größe und Unübertreffliche Weisheitstiefe ich gar so oft über alles bewundert habe!

[RB.01_012,03] "O ihr armen und dummen Menschen auf der Erde, die ihr euch wegen eitler, irdischer Güter und wegen einer dummsten, sogenannten höheren Geburt für besser haltet als da sind viele Tausende der armen Brüder und Schwestern, die ihr nur unter dem Namen ,Canaille' kennet, ich rufe euch allen zu, daß ihr alle zusammen nicht wert seid, statt eures Gehirnes den Dreck eines der armen Brüder in eurem edlen Kopfe herumzutragen! Hättet ihr so einen Dreck in eurem schalsten Gehirnkasten, da wüßtet ihr doch wenigstens einen Dreck von dem, wie es hier ist! Aber da ihr nicht einmal den edlen Dreck in euren Köpfen habet, so seid ihr auch ebenso endlos dumm, - zu wähnen, als seiet ihr was Außerordentliches, während ihr doch weniger als Nichts seid! Was für ein Gesicht wohl möchte so ein eingebildeter Geburts- oder Geldesel machen, so irgendein sonst recht braver Arbeiter sich erdreistete, um die Hand seiner edlen Tochter anzuhalten, oder so er etwa doch einen vernünftigen Sohn hätte, der, sich über den Eigendünkel der Geburt oder des elenden Geldes erhebend, sich so weit vergäße, etwa gar die Tochter eines armen Taglöhners zum Weibe zu nehmen?! Oh, das würde ein wahres Crimen sacrilegi (Verbrechen der Heiligtumschändung) abgeben!

[RB.01_012,04] "Aber hierher, hierher kommet, ihr großen, mehr als zur Halbscheid (zur Hälfte) toten Esel! Hier werdet ihr es erst kennenlernen, was ihr seid, was eure Geburt, was eure Ahnen, was euer Gold!? Wahrlich, kein Teufel wird euch aus eurer ewigen, finstersten Verbannung befreien! Denn die, welche die Gottheit euch zu Rettern sandte, habt ihr, vom Adel angefangen, allzeit gefangengenommen und habt sie grausamst ermordet. Aber nun rufe ich es, vielleicht aus aller Weltenmitte, laut über euch aus und sage:

[RB.01_012,05] "Eure Zeit, eure arge Zeit ist am Rande! - Bald werdet ihr alle hier sein und vielleicht nach euren stolzen Ahnen fragen! Aber der ewige, leere, finsterste Raum um euch her wird für euch auch ewig antwortleer verbleiben! Aus euch wird die Gottheit wohl schwerlich je ein Schneckenhaus, geschweige eine Welt bauen?! Aber Gott tue, was Er will! Ich aber bin nun über die Maßen froh, daß mir mein allerliebster Freund samt der stets helleren Gegend schon so nahe ist, daß ich ihn schon beinahe anreden könnte! O Gott Lob, Gott Lob für diese Bescherung!"

 

13. Kapitel – Roberts Anruf. Jesu Kommen. Die abgeschiedene Seele findet wieder einen festen Grund.

[RB.01_013,01] Spricht Robert weiter: "Stets näher und näher kommt diese sonderbare Gegend zu mir heran! Der eine Berg, auf dem der Groß-Meister der herrlichsten Moral stehet, ist ziemlich von Bedeutung. Er möchte doch einige hundert Fuß Höhe haben und ist aus der einen Seite recht felsig und schroff. Aber die anderen Hügelchen um ihn herum heißen wohl nicht viel; denn man könnte sie sehr leicht bloß nur für etwas bedeutendere Sandhaufen halten, von denen die größten wohl kaum 30 Fuß Höhe haben dürften? Es ist aber auch die Beleuchtung dieser Hügelgegend sehr sonderbar. Man ersieht eigentlich nur die Hügel erleuchtet, und das auf eine Art, als wären sie mit Phosphor überzogen. Aber ihre Füße und die dazwischen doch notwendig vorkommenden Täler und etwaigen Ebenen ersieht man durchaus nicht; sondern man gewahrt bloß nur einen Dunst, der ein sonderbares dunkelgraugrünes Aussehen hat, und man kann es durchaus nicht ausnehmen, wie weit über diese kleine Hügelgegend er sich etwa hinaus erstreckt?

[RB.01_013,02] "Ich meine, so werden wohl alle sich neugestaltenden Weltkörper aussehen, bevor sie als unscheinbare Kometen ihre Laufbahn um eine Sonne beginnen?! Diese Hügel werden tiefer unten wohl irgendeine Verbindung haben. Aber wie? Das wird der einzige Bewohner, der einstige Groß-Meister der reinsten und besten Moral wohl vielleicht am allerbesten wissen?! - Er ist nun schon ganz nahe. Er würde mich vielleicht wohl vernehmen, so ich an ihn einen recht kräftigen Ruf richtete? Es kommt ja da nur auf eine Probe an. Gelingt es mir, so wird es natürlich sehr gut für mich und vielleicht auch für ihn sein; und habe ich vergeblich gerufen, nun, so wird das wohl nicht mein erster, wie auch sicher nicht mein letzter vergeblicher Ruf sein! Also, es werde gerufen!"

[RB.01_013,03] Nach diesen Worten macht unser Mann sich mittelst beider Hände ein sogenanntes Faustsprachrohr an den Mund, holt darnach den Atem so tief als nur immer möglich und schreit darauf nach allen seinen Kräften:

[RB.01_013,04] "Jesus! Du großer Meisterlehrer aller Völker der dummen Erde, so du der bist, als den ich dich von dieser Ferne nun erkenne, und so du meine Stimme vernimmst, so komme, so es dir möglich ist, zu mir her mit deiner jungen Erde! Fürwahr, an mir sollst du deinen größten und heißesten Verehrer finden! Denn fürs erste schätze ich dich wegen deiner an sich schlichten und dabei aber dennoch größten Weisheit, mit der du alle deine Vorgänger, wie auch alle Nachfolger himmelhoch überragtest, fürs zweite schätze ich dich, weil unser beider irdisches Los nahe ein ganz gleiches war. Und endlich fürs dritte schätze ich dich für jetzt deswegen überaus hoch, da du der erste warst und noch bist, der mir in diese meine unausstehliche Finsternis das erste Licht zufällig oder, was leicht möglich sein könnte, auch wissentlich und geflissentlich gebracht hat; weshalb ich dir aber auch ewig allerdankbarst verbleiben werde.

[RB.01_013,05] "Wenn du der mir so überteure Jesus bist und zu mir hierher kommen kannst und willst, und so du diesen meinen Ruf vernommen hast, da komme! O komme zu mir! Und laß uns einander gegenseitig trösten! An mir soll es nicht fehlen, dich nach Möglichkeit zu trösten. Desgleichen bin ich aber auch von dir gewiß und bin schon im voraus allerfestest überzeugt, daß du mit deiner großen Weisheit mir sicher den größten und allerberuhigendsten Trost geben wirst! - O komme, komme, du mein geehrtester und auch geliebtester Freund und Leidensgefährte!

[RB.01_013,06] "Du Meister der Liebe, der du die Liebe zum einzigen und allumfassendsten Gesetze machtest! - so dir diese deine große Liebe geblieben ist, wie sie mir, nach meinem Gefühle, bis jetzt auch noch ganz ungeschmälert geblieben ist, - so sei solcher deiner Liebe eingedenk und komme mir mit der Liebe entgegen, die du selbst gelehret hast, und mit welcher Liebe ich dir auch für ewig entgegenkommen will!"

[RB.01_013,07] Nach dieser sehr kräftigen Exclamtion (Anrufung) bewegt sich die kleine schimmernde Hügelwelt schnell unter die Füße unseres Mannes hin, und zwar so, daß er - zum ersten Male nach seinem gewaltsamen Übertritte gerade an Jesu rechter Seite auf dem höchsten Berge wieder festen Grund mit seinen Füßen fasset!

 

14. Kapitel – Anrede Roberts an den Herrn. Jesu Antwort. Eine wichtige Lebensfrage.

[RB.01_014,01] Als Robert nun da fest vor Mir steht, betrachteter Mich vom Kopfe bis zu den Zehenspitzen und findet in Mir richtig und ganz unverkennbar den Jesus, den er da zu finden glaubte, - und zwar im selben dürftigen Anzuge und auch mit den Wundenmalen, wie er sich seinen Jesus gar oft in seiner Phantasie ausgemalt hatte.

[RB.01_014,02] Nachdem er Mich eine Weile ganz stumm betrachtet hat, beginnen ihm Tränen aus seinen Augen zu rollen. Und er spricht nach einiger Fassung voll des innigsten Mitleids:

[RB.01_014,03] "O du lieber, du größter Menschenfreund, der du Herz genug hattest, sogar deinen grausamsten Henkern und ihren Knechten die schändlichste Unbill, die sie an dir begingen, von ganzem Herzen zu vergeben, und das bloß darum, da du aus deiner Menschengröße ihre sicher totalste Blindheit als den gültigen Entschuldigungsgrund annahmst!

[RB.01_014,04] "Aber wie hart muß dabei die Gottheit, dein sooft gerühmter und über alles gelobter und angebetetster Vater sein, so Er irgendwo ist, daß Er dich, den edelsten, den vollkommensten und besten aller Menschen nun nahe schon 2000 Jahre also in dieser ewigen, finstern Leere herumschweben läßt, in derselben dürftigsten Armseligkeit, in welcher du von deiner Kindheit an zum reinsten und alleredelsten Menschenfreunde heranwuchsest!?

[RB.01_014,05] "O du, mein allerbester und aller Liebe würdigster Meister Jesus! - Wie sehr bedauere ich dich einerseits, und wie sehr liebe ich dich darum aber auch andrerseits, eben dieser deiner bis jetzt noch gleichen Armseligkeit wegen! Denn sieh, wärest du mir in einem nur einigermaßen seligeren Zustande entgegengekommen, so hätte es mich wahrlich geärgert, daß ein Geist, wie du, nach dem Abfalle des Leibes nicht sogleich zur höchsten Auszeichnung gelangen solle, wenn es irgendeine höchste und allgerechte, vergeltende Gottheit gibt!

[RB.01_014,06] "Aber da ich dich hier noch geradeso antreffe, wie du die Erde verließest, so scheint die Sache der Wesen und ihrer Verhältnisse eine ganz andere zu sein, als wie wir sie uns vorstellen. Und weil diese Sache sicher eine ganz andere ist und auch sein muß, so erscheint dieser unser Zustand nach der Ablegung des Leibes als eine in und aus sich bedingte Notwendigkeit, durch die wir freilich erst nach weit gedehnten Zeitläufen an uns das werden verwirklichen können, was in unserem Erkenntnis- und Begehrungsvermögen als Grundlage unseres Seins durch sich selbst gegeben ist.

[RB.01_014,07] "Von diesem Standpunkte aus dein und mein gegenwärtiges Sein betrachtet, erscheint es dann freilich insoferne noch immer sehr bedauernswürdig, weil die Verwirklichungsfähigkeit dessen, was wir aus den erworbenen Erkenntnissen in uns zur klaren Vorstellung gebracht haben, unberechenbar weit hinter der Macht unseres Willens liegt. Allein, um die werden-sollende Verwirklichung unserer klaren Vorstellungen mit der Schwäche unseres Willens (oder vielmehr mit der Schwäche der Macht desselben) in eine erträgliche Ausgleichung zu bringen, besitzen wir in unserem Gemüte freilich zum größten Glücke eine Art Lethargie (Stupfheit, Gleichgültigkeit), die wir im bürgerlichen Leben Geduld nennen. Diese macht uns unsern Zustand wohl erträglich; aber freilich wird sie manchmal auf eine Probe gestellt, von der wir beide uns sicher so manches für ewig werden zu erzählen wissen!

[RB.01_014,08] "Liebster Freund, ich hätte dir nun, so gut als es mir in diesem Zustande nur immer möglich ist, mein treues und wahres Bekenntnis abgelegt. So du dagegen auch mich für würdig hältst, dann gebe auch du mir kund, was du nun von diesem unserem, in jedem Falle noch sehr mißlichen Zustande hältst und denkst? Nur durch unsere gegenseitige Mitteilung werden wir, wie es mir vorkommt, uns eine lang gedachte Zeitenfolge angenehmer und erträglicher machen, als sie sonst selbst an unserer diamantenen Geduld vorübergleiten würde! Sei liebster, edelster Menschenfreund demnach so gut und eröffne vor mir deinen, für mich wenigstens ganz gewiß heiligsten Mund!"

[RB.01_014,09] Rede Ich, Jesus, dem Robert die Hand reichend: "Sei Mir recht vielmal gegrüßt, du Mein lieber, teuerer Leidensgefährte! Ich sage dir, sei du froh, daß du Mich gefunden hast und kümmere dich ums weitere gar nicht. Es ist genug, daß du Mich liebst und nach deinen Erkenntnissen für den edelsten und möglichst weisesten Menschen hältst, alles andere lasse von nun an aber nur ganz Mir über; und Ich gebe dir die heiligste Versicherung, daß am Ende alles, und mögen uns was immer für Begebnisse noch entgegenkommen, gewiß überaus gut ausgehen wird! Denn Ich habe nun hier in dieser Einsamkeit alles durchdacht und durchgemacht und kann dir auch mit der größten Bestimmtheit sagen, daß Ich eben im Gebrauche der dir am schwächsten vorkommenden Willensmacht es so weit gebracht habe, daß Ich nun, so Ich's will, alles ins Werk setzen kann, was Ich nur immer Mir denke und vorstelle. - Daß Ich aber dessenungeachtet hier dir so wie verlassen und sehr einsam vorkomme, davon liegt der Grund bloß in deiner, für diese Welt noch etwas unvollkommenen Sehe; wird diese mit der Weile mehr und mehr gestärkt durch deine Liebe zu Mir, so wirst du auch bald einsehen, wie weit Meine Willenskraft zu reichen imstande ist.

[RB.01_014,10] "Aber abgesehen nun von all dem, was du ehedem zu Mir gesprochen hast, und was Ich nun zu dir geredet habe, richte Ich bloß eine ganz ernste und bedeutungsvollste Frage an dein Gemüt, die du Mir aber auch ohne Rückhalt ganz getreu zu beantworten hast, und zwar gerade so, wie es dir ums Herz ist!

[RB.01_014,11] "Die Frage aber lautet also: Siehe, liebster Freund und Bruder, du hast auf der Erde einen ganz redlichen Sinn gehabt, nämlich deine Brüder von dem allzu übermäßigen Drucke von Seite ihrer harten und herzlosen Regenten zu befreien; obschon du dazu eben nicht die tauglichsten Mittel dir erwählet hast! Jedoch Ich sehe da wohl nur allein auf den Zweck und weniger aufs Mittel; wenn dieses nur wenigstens so geartet ist, daß es kein grausames genannt werden kann, dann ist es vor Mir auch schon recht und billig! Aber so viel es Mir bekannt ist, so bist du auf halbem Wege zur Verwirklichung deines guten Zweckes von deinen Feinden ergriffen und bald daraus durch Pulver und Blei hingerichtet worden. Daß dich dieses traurige Begebnis bis in dein Innerstes allerzornsprühendst muß ergriffen und mit einer billigsten Rachegier dein Herz erfüllt haben, das finde Ich so ganz natürlich, daß sich darob geradewegs gar nichts einwenden läßt! - Wenn du aber nun jenen österreichischen Feldherrn, der dich ergreifen ließ und selbst zum Tode verurteilte, unter deine nun schon sehr mächtig gewordenen Hände bekämest und nebst ihm auch alle seine Helfershelfer, - sage Mir so ganz getreu, was wohl würdest du mit ihnen tun?"

 

15. Kapitel – Gute Antwort Roberts. Fromme Wünsche.

[RB.01_015,01] Spricht Robert: "Edelster Freund! - Daß ich im Augenblicke, als dieser aller Menschenliebe ledige Wüterich, Feldherr oder was er sein mag, mich dem abgefeimtesten Verbrecher gleich behandelte, in eine mir eben nicht ungerecht vorkommende Zorn- und Rachewut geriet, das, glaube ich, ist wohl so verzeihlich, wie es ein jeder billig denkende Geist an und für sich selbst auch als gerecht finden und fühlen muß. Aber nun ist bei mir das Tempora mutamur, et nos mutantur in illis (Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen) schon lange eingetreten, und ich wünsche daher für diesen Blinden wahrlich nichts anderes, als daß er sehend würde und erkennen möchte, ob er an mir recht oder unrecht gehandelt hat.

[RB.01_015,02] "Hätte er mich wahrhaft totmachen können, dann hätte ich wohl ohnehin nie aus eine Rache sinnen können. Da er mich aber eigentlich nicht tot-, sondern buchstäblich nur lebendiggeschossen hat und mir fürder wohl kein Leids mehr tun kann, und da ich ferner eigentlich nun schon um zahllose Male glücklicher bin als er in all seinem herrschsüchtigsten Wahne, so kann ich ihm um so leichter alles vergeben, indem er so ganz eigentlich, der äußern Erscheinlichkeit nach, doch bei weitem mehr Grund hatte, mich als ein ihm allergefährlichst vorkommendes Objekt aus seinem Wege zu räumen, als einst zu deinen tragischen Zeiten die überargen Hohenpriester Jerusalems Grund hatten, dich, meinen edelsten und liebenswürdigsten Freund, gar schändlichst und über alle Maßen grausam aus der Welt zu schaffen!

[RB.01_015,03] "Konntest du, mein alleredelster Freuud, sogar mit der vollen Empfindung all der gräßlichsten Marterschmerzen, deinen Peinigern und Mördern vergeben, um wieviel mehr ich, der ich von einer leiblichen Marter, bis aus die paar Stunden oder Minuten (was sie eigentlich sein mochten), doch im Grunde nichts empfunden habe, das ich als einen wirklichen Marterschmerz bezeichnen könnte.

[RB.01_015,04] "Daher könnte dieser mein irdischer Großfeind auch nun vor mir erscheinen, und ich würde zu ihm nichts sagen, als was du, edelster Freund, bei deiner Gefangennehmung im Garten Gethsemane dem dich verteidigen wollenden Petrus sagtest, als er einem Knechte Malchus ein Ohr abhieb.

[RB.01_015,05] "Aber es sei auch das nur bloß ein frommer Wunsch von mir! Wenn es irgend im ewig unermeßlichen Raume ein allgerechtes Gottwesen gibt, so wird dieses ihn schon ohnehin den Lohn finden lassen, den er um mich und noch um viele andere verdient hat. Sollte es aber, was ich nun kaum mehr glaube, kein solches Gottwesen geben, so wird ihn die Zeit und die spätere Geschichte richten, ohne daß ich so etwas nur im geringsten zu wünschen brauche!

[RB.01_015,06] "Wenn ich dir aber schon so einen kleinen Wunsch meines Herzens vortragen kann und darf, und es in deiner Macht steht, selben zu verwirklichen, so empfehle ich dir zuerst meine arme Familie, d.i. mein liebes Weib und meine vier Kinder, und dann aber alle guten Menschen, die eines redlichen Herzens und Sinnes sind! - Die reinen Selbstsüchtler aber, die alles getan zu haben wähnen, so sie nur für sich und ihre Nachkommen auf Unkosten der gesamten andern Menschheit auf wenigstens 1000 Jahre vorhinein gesorgt haben, lasse, so es dir möglich sein sollte, dahin gelangen, daß sie auch noch auf der Erde es schmecken sollen, wie es denen geht, die meist von solchen Reichen abhängend, wie man zu sagen pflegt, von heute bis morgen leben! Doch sei auch das alles durchaus als kein Begehren, sondern bloß nur als ein frommer Wunsch von mir an dich betrachtet! - Denn ich für mich finde an dir für alles auf Erden Erlittene und Verlorene die hinlänglichste Entschädigung!"

 

16. Kapitel – Der Herr verheißt Erfüllung gerechter Wünsche, macht aber kritische Vorbehalte. Roberts Feuerrede gegen die Tyrannen.

[RB.01_016,01] Rede Ich: "Ganz über die Maßen gut hast du Mir auf Meine an dich gerichtete, überaus wichtige Lebensfrage geantwortet. Und es ist deine Antwort um so mehr zu schätzen, weil sie nicht gesucht, sondern gerade so gegeben ist, wie sie sich in dir lebendig und wahr finden läßt. Ich kann dir dagegen nur das sagen, daß Ich ganz sicher und bestimmt jedem deiner hier ausgesprochenen Wünsche nach kommen werde, soviel es nur immer in Meiner Macht und Kraft steht.

[RB.01_016,02] "Aber nur etwas, lieber Freund und Bruder, kann Ich mit deiner sonst gerechten und menschenfreundlichen Denk- und Handlungsweise nicht vereinbaren. Und das besteht darin, daß du auf der Erde denn doch ein gewisses Wohlgefallen daran hattest, wenn so irgendein recht riesenfest bornierter Aristokrat von dem sogenannten Proletariate um einen Kopf kürzer gemacht wurde!

[RB.01_016,03] "So weiß Ich Mich auch zu erinnern, daß du selbst, eben in Wien, in einer Versammlung laut und unter vielem Beifalle ausgerufen habest: Daß es in Österreich, wie auch noch in manch anderen Landen, nicht eher besser wird, bevor nicht wenigstens einige hundert Großköpfe latourisiert (Latour, österreichischer General und Kriegsminister, wurde 1848 in Wien ermordet) werden würden! - Sage Mir auch ganz ernstlich, ob das wohl so ganz vollkommen aus deinem Willen hervorgegangen ist. Oder war das nur so hingeworfen, um deiner Rede einen desto größeren Nachdruck zu geben?"

[RB.01_016,04] Spricht unser Robert: "Freund, als ich noch auf der Erde mich befand und aus ihrem sehr schwankenden Boden mein Dasein bloß dem Glücke oder doch wenigstens möglich besseren Fortkommen der armen, vielfach bedrückten Menschheit zum Opfer bringen wollte, dabei aber durch vielfache Erfahrungen an mir und nur zu oft mit meinen Augen auch an andern gesehen habe, wie die aristokratischen, reichen Menschenbestien sich mit dem Schweiße und Blute der Armen mästen, und wie die meisten Throne und königlichen Burgen und Paläste aus dem Blute der armen Menschheit erbaut und befestigt sind; als ich aus allen Bewegungen Österreichs nur zu deutlich entnehmen mußte, daß man von der dortigen, irdisch hohen, dynastischen Seite wieder alles aufzubieten begonnen hatte, um den alten, eisernen Absolutismus wieder einzuführen und die arme Menschheit mit dreifachen Sklavenketten zu belegen, - Freund, edler Freund, das war auf einmal zu viel für einen Menschenfreund, wie ich aus allen meinen Kräften einer zu sein die Ehre habe. Wahrlich, ich sage dir's, so ich hundertausend Leben hätte, so gäbe ich sie alle her, wenn ich damit den Menschen helfen könnte. Diese Weltgroßen aber lassen sich auch nicht ein Härchen grau werden, wenn auch Hunderttausende hingeschlachtet werden, damit sie dadurch nur an Ansehen und Glanz gewinnen!

[RB.01_016,05] "O sage, Freund, wenn ein von wahrer Nächsten- und Bruderliebe erfülltes Herz solche kalten Greuel an den armen Brüdern schauen und mitfühlen muß, ist es ihm da zu verargen, so es von dem gerechtesten Ärger von der Welt ergriffen und zu so manchem Ausrufe getrieben wird, an den es bei gerechtem Sachlage wohl ewig nie gedenken würde!

[RB.01_016,06] "Es mag wohl das alles im unerforschlichen Plane irgendeiner, mir freilich unbekannten, ewigen Vorsehung liegen, und daher auch alles so kommen und geschehen müssen, wie es geschieht. Aber was hat ein Erdenbürger davon für einen Begriff!? Oder was gehen ihn irgend allergeheimste, unerforschliche Gesetze an, die ein Gottwesen irgendwo in der ewigen Halle der Unendlichkeit beschließt!?

[RB.01_016,07] "Wir Erdenbürger kennen nur deine erhabensten Gesetze der Liebe, die zu halten und treu zu befolgen wir sogar um den Preis unseres eigenen Lebens verpflichtet sind! Was darunter und was darüber ist, das geht uns wahrlich wenig oder gar nichts an! Es können wohl irgend in einer Sonnenwelt ganz andere Gesetze gang und gäbe sein, die vielleicht weiser, aber leicht auch dummer sind, als die du, liebster und für uns weisester Menschenfreund, uns gegeben hast?! Aber es wäre sicher für jeden Erdenbürger toll zu nennen, so er sein Leben nach irgendwo bestehenden Sonnengesetzen einrichten wollte, die ihm wahrscheinlich die ganze Ewigkeit hindurch de facto (tatsächlich) unbekannt bleiben werden! Wir haben und erkennen nur ein Gesetz für göttlich wahr und gültig, unter dem nach dem Urteile jeder unbefangen reinen Vernunft jede menschliche Gesellschaft bestmöglichst existierbar gedacht werden kann. Was aber irgendein Fatum dazwischenstreut, das erkenne ich für nichts als schlechtes Unkraut zwischen dem herrlichen Weizen, den du, edelster Menschenfreund, auf die undankbarste Erde gestreuet hast! - Und dieses Unkraut verdient nichts anderes, als latourisiert zu werden im Feuerofen gerechten Ärgers und vollkommen gerechten Gerichtes!

[RB.01_016,08] "Ich sage es dir ganz frei heraus, so lange der Mensch nach deinen Gesetzen Mensch ist und bleibt, so lange ist er auch jeder menschlichen Hochachtung wert; erhebt er sich aber de facto über dein Gesetz und will auf Unkosten seiner Brüder viel mehr sein als sie und will sie zu seinen höchst eigenen Vorteilen nur unterjochen und beherrschen, so erklärt er erstens dadurch dein Gesetz für null und nichtig, und zweitens ist er dann kein Bruder, sondern ein Herr den Brüdern, mit deren Leben er schalten und walten kann, wie ein jeder Lauskerl mit seinen Läusen und noch sonstigen Schmarotzertierchen, die seines Leibes kitzliche Haut manchmal zu sehr in den Anspruch nehmen! In diesem Punkte werde ich ewig Robert Blum verbleiben und werde den Völkerbeherrschern nie ein Loblied singen! Und das darum nicht, weil sie schon gar lange nicht mehr das sind, was sie eigentlich sein sollen, nämlich Weise und liebevolle Führer ihrer armen Brüder.

[RB.01_016,09] "Wohl weiß ich, daß besonders in der Jetztzeit es auch in der armen Klasse gar außerordentlich viele gibt, die mehr Vieh als Menschen sind und daher auch nur mittelst einer eisernen Zuchtrute in der Ordnung erhalten werden können. Aber ich frage da und sage: Wer trägt daran die Schuld?! Die, eben die, welche solche Völker unterjochten und sie darauf nicht nur in der ursprünglichen Lebensnacht erhielten, sondern diese noch vielfach vermehrten, um aus den elendesten Pfeilern gänzlicher Unintelligenz ihrer Völker ihre Herrschergrenze desto mehr zu festen! Freund, edelster Freund, wer solchen Herrschern ein Lebehoch bringen kann, der muß freilich kein Robert Blum und noch weniger ein Jesus von Nazareth sein!

[RB.01_016,10] "Ah, es gibt schon noch Herrscher, die es mit ihrem Herrschen ganz gerecht und ernstlich nehmen; diese sind ihren Untergebenen die wahrsten Engelfreunde. Solchen Herrschern für ewig ein tausendfaches Lebehoch! Aber Völkerbezwingern und Geistesmördern, Freund, für diese fehlt mir wahrlich der passende Ausdruck! So es Teufel gibt, da sind diese es leibhaftig!!

[RB.01_016,11] "Ich glaube, auf deine Frage nun so ziemlich offen und deutsch geantwortet zu haben, und habe dir meine Meinung ganz unumwunden herausgesagt. - Nun bitte ich aber auch dich, mir über diese meine Meinung die deinige kundzugeben! Ich bin übrigens wohl so ziemlich fest in allem, was ich einmal als Recht erkenne; aber darum dennoch nicht starr und unbeugsam, so besonders du mir etwas Besseres dafür geben magst und kannst!"

 

17. Kapitel – Der Herr wendet ein: „Seid untertan der Obrigkeit!“ Robert bezweifelt dieses Gebot. Er wünscht Aufschluß über die gottmenschliche Natur Jesu.

[RB.01_017,01] Rede Ich: "Höre, du Mein lieber Freund und Bruder, Ich kann deine Denk- und Handlungsweise durchaus nicht tadeln. Und wo zwischen Herrschern und ihren beherrschten Völkern Verhältnisse obwalten, wie du sie Mir soeben vorgezählet hast, da freilich hast du ganz vollkommen recht, so zu reden und zu handeln, wie du nach deiner Anschauung und Überzeugung geredet und gehandelt hast. Aber so sich die Sachen dennoch ganz anders verhielten, als wie du sie nach deinen Ansichten und Begriffen wahrgenommen und aufgefaßt hast, wie würdest du dann urteilen über die mannigfachen Verhältnisse der Herrscher zu ihren untergeordneten Völkern?!

[RB.01_017,02] "Wohl sagtest du Mir ganz treu und offen, daß du alle Verhältnisse der Menschen zu den Menschen nur nach Meinem Gesetze der Liebe beurteilest und dich überirdische Einfließungen nichts angehen. Aber siehe, in diesem Punkte kann Ich dir aus gar vielen Gründen nicht beipflichten.

[RB.01_017,03] "Ein Grund wäre z.B. schon das eine Gebot von Mir Selbst, laut dessen Ich Selbst Mich pro primo (zum ersten) jeder weltlichen Gewalt als unterwürfig bezeigte während Ich doch Macht genug gehabt hätte, einer jeden den weidlichsten Trotz bieten zu können. Und (ferner jener Fall) wo Ich Selbst im Tempel bei der Vorweisung des Zinsgroschens eigens gebot, dem Kaiser zu geben, was sein ist, und Gott, was Dessen ist! - Ebenso sagte Ich auch durch Paulus, jeder Obrigkeit zu gehorchen, ob sie mild oder strenge ist; denn keine habe eine Gewalt außer die von oben! - Was sagst du wohl zu diesen ebenfalls Meinen Geboten?"

[RB.01_017,04] Spricht Robert: "Edelster Menschenfreund, weißt du, aus rein menschlich klugen Rücksichten diese Sache näher betrachtet, scheint die damalige Notwendigkeit dir zur größeren Sicherung deiner Lehre wie auch mitunter deiner Person selbst und ebenso der Person Pauli diese Gebote abgedrungen zu haben. Denn hättest du, wie im alten Judentestamente ein Jehova durch den Mund Samuels, wider die Könige geeifert, so hätte deine an sich selbst noch so erhabene und makelloseste Moral unter der allerstolzesten Weltherrschaft Roms wohl schwerlich die nahezu 2000 Jahre erlebt, außer aus einem rein übernatürlichen Wege, - von dem wohl die finstern Römlinge eine große Menge zu erzählen wissen; wieviel aber daran Wahres sein mag, darüber wirst du hoffentlich besser zu urteilen verstehen als ich, der ich nicht dir gleich von all den Greueln dieses neuen Babels habe Zeuge sein können!

[RB.01_017,05] "Denn siehe, alleredelster Freund, ich beurteile die Sache also und sage: Wenn es dir mit dem Gebote, allen weltlichen Obrigkeiten zu gehorchen, ob sie gut oder böse seien, völlig Ernst gewesen wäre, so hättest du wegen der sichern Präpotenz dieses Gebotes ja schon im voraus aus deine ganze andere im höchsten Grade liberale Lehre und deren Ausbreitung so notwendig als 2 mal 2 = 4 ist rein Verzicht leisten und zugeben müssen, daß man auch für alle Zeiten ein finsterer Heide sein und bleiben müßte,- sobald es einem Menschen oder Volke eine wenn gerade nicht böse heidnische Obrigkeit geboten hätte, bei der Lehre der Väter zu verbleiben, die alten Götter zu verehren und ja um alles in der Welt nicht deiner damals aufkeimenden Lehre Gehör zu geben?!

[RB.01_017,06] "Freilich wohl sagtest du nur: »Gebet dem Kaiser, was sein ist, und Gott, was Gottes ist«. Aber du bestimmtest damals zu wenig die Grenzen, was eigentlich im Gesamtkomplexe des Kaisers und was daneben Gottes ist, daher es dann dem Kaiser ein gewisserart gewissenlos leichtes war und noch ist, sich Vorrechte anzueignen, die rein nur einem Gott gebühren sollen, und wieder jene (Pflichten) ganz unbeachtet zu lassen, in denen er sich so ganz eigentlich bewegen sollte.

[RB.01_017,07] "Dessenungeachtet aber läßt dein damaliger, durch die Zeitumstände gebotener Tempelausdruck sich noch viel eher begrenzen als jenes gar nach einer zu großen Weltfürstenfurcht riechende paulische Gebot, laut dessen man streng genommen sogar ein Christ zu sein aufhören muß, sobald es einem solchen Weltfürsten aus gewissen, seinen Thron gefährdenden Rücksichten für nötig dünken möchte, deine Lehre, wie sie in ihrer Reinheit ist, als seinen herrscherischen Absichten gefährlich und nicht zusagend zu betrachten, wie solches die allerderbst ver-atheisierte (entgottete) Lehre Roms auch mehr als himmelschreiend durch viele 100 Jahre gezeigt hat und noch gegenwärtig zeigt!

[RB.01_017,08] "Es müßten nur ganz andere, jeder Vernunft bisher noch unauszumittelnde, höhere Rücksichten dem guten und sonst überaus weisen Paulus dazu veranlaßt haben, ein solches Mandat ergehen zu lassen, was allerdings auch möglich ist, aber die Sache mit ganz natürlichen, gesunden Sinnen betrachtet, erscheint es streng genommen offenbar als ein Unsinn. Denn aus der einen Seite heißt es: »Ihr alle seid Brüder, und Einer ist euer Herr!« Auf der andern aber (steht) ein Gebot, weltlichen Obrigkeiten, bei denen de facto das Brüdertum eine reine Chimäre ist, streng, ja in allem, zu gehorchen!

[RB.01_017,09] "Freund, das muß sich ja notwendig gegenseitig aufheben! Entweder kann nur das eine oder das andere bestehen! Ist man aber beides zu befolgen genötigt, so ist das im Grunde nichts anderes, als entweder zweien Herren dienen, ein Dienst, den du selbst als unmöglich bezeichnet hast! Oder man müßte sich darauf eigens einstudieren, eine Doppelnatur bei sich zu bewerkstelligen, welcher eben micht gar zu löblichen, im wahrsten Sinne heuchlerischen Eigenschaft zufolge man dann bloß äußerlich täte, was die Fürsten wollen, innerlich aber müßte man es dennoch verfluchen und im Geheimen tun, was der liberale Teil deiner Hauptlehre verlangt, - was natürlich nicht nur sehr schwer, manchmal sogar unmöglich oder doch wenigstens äußerst gefährlich wäre!

[RB.01_017,10] "Glaube es mir, edelster Freund, ich habe, wie vielleicht wenige, jeden Punkt deiner Lehre genau erwogen und glaube so ziemlich darüber im klaren zu sein, was du frei gelehrt hast, Und was dein eigentlicher Hauptsinn war, und was dagegen du, wie auch deine Jünger, durch die damals drohenden Zeitumstände einzuflechten genötigt warst! Aber alles dessenungeachtet bin ich doch dein glühendster Verehrer und weiß, was ich von dir und deiner reinsten Lehre zu halten habe! Freilich sagtest du ehedem auch, daß du, trotzdem dir eine alle Weltregenten bezwingende Macht eigen war, dennoch auch den weltlichen Obrigkeiten gehorsam warst. Das will ich dir schon dadurch und darum nicht streitig machen, da du selbst dich durch das Gesetz der Welt mußtest ans Kreuz hängen lassen!

[RB.01_017,11] "Ob du, mein allerwertester Freund, dich aber auch durch eine in dir verborgene, übersinnliche Macht den Weltgesetzen hättest widersetzen können, als dich diese einmal ernstlich gefangennahmen, das zu beurteilen ist wohl zu hoch über meinem bisher noch sehr natürlichen Erkenntnishorizont! Es ist möglich und, so deine Taten deiner Lehre nicht als heidnische Halbgötterfabeln untergeschoben sind, sogar sicher und gewiß, daß dir, als einem größten Weisen, der du mit den innersten Kräften der Natur sicher sehr vertraut warst, auch außerordentliche Kräfte zu Gebote standen. Aber wie gesagt, deine letzte Gefangennehmung und endliche Hinrichtung hat bei sehr vielen Helldenkern dies dein wunderbares Kraftvermögen in ein sehr schiefes Licht gestellt, und es haben sich viele daran gestoßen und gewaltig geärgert. Aber wie gesagt, ich und noch eine Menge andere haben am Ende bloß nur deine reinste Lehre excerpirt (entnommen) und haben alles daraus verbannt, was uns bloß nur als eine in der spätern Zeit eingeschobene, heidnische Fabel zu sein schien.

[RB.01_017,12] "Ob wir recht oder nicht recht gehandelt haben, das hoffe ich nun von dir, du mein edelster Freund, als dem Urheber solcher Lehre, in der Fülle der Wahrheit zu erfahren! Wie auch, ob an deiner, besonders dermal noch in der römischen Kirche gelehrten und ganz besonders durch einen gewissen Swedenborg im 18. Jahrhundert sogar mathematisch erwiesen sein sollenden Gottheit etwas daran sei und wie?! Was freilich a priori (von vornherein) schwerlich ein reiner Denker annehmen wird, weil diese Sache allem natürlichen Anscheine nach denn doch etwas zu burlesk aussieht!

[RB.01_017,13] "Denke dir nur selbst ein endloses, unbegrenztes Gottwesen, dessen Intelligenz, Weisheit und Macht notwendig die allerausgedehntest allgemeinste sein muß! (Bedenke, daß) es daher auch sogar logisch unmöglich ist, daß dies Endlose und Allumfassende sich je verendlichen und auf die Person eines Menschen einschränken und einzwängen könnte! (Und frage dich,) ob man es bei nur einigem weiseren Nachdenken überzeugend annehmen kann, daß du und die endlose, allumfassende Gottheit logisch richtig identisch (eins) sein könnet? Ja, als »Sohn Gottes« da habe ich wenig oder nichts dawider; denn das kann ein jeder bessere Mensch von sich mit gleichem Rechte behaupten. Aber Gott und Mensch zugleich - das geht denn doch offenbar etwas zu weit hinaus!

[RB.01_017,14] "Übrigens habe ich auch da nichts entgegen, wenn mir die Sache klar bewiesen werden kann. Denn wie ich schon früher einmal bei mir selbst erwähnt habe, daß es zwischen der Sonne und dem Monde noch Dinge geben könne, von denen sich keine menschliche Weisheit noch je etwas hätte träumen lassen - warum sollte zu solchen außerordentlichen Dingen nicht auch das gehören, daß du im Ernste das allerhöchste Gottwesen gar leicht sein kannst!? Ich wenigstens würde ewig nichts dagegen haben! Vielleicht ist nach Hegel bei und in dir die früher gewisserart schlafende Gottheit zum ersten Male erwacht und ins klare Bewußtsein ihrer selbst übergegangen?~

[RB.01_017,15] "Oder vielleicht hat sie in sich selbst die alte Notwendigkeit gefühlt, sich selbst ihren geschaffenen Menschen gegenüber als ein Mensch zu manifestieren, um von den Menschen begriffen und erschaut werden zu können, ohne dadurch von ihrer allumfassenden, allerhöchsten Willenskraft etwas zu vergeben!? Wie gesagt, das ist alles möglich! Besonders hier, wo überhaupt das Sein einen so höchst rätselhaften Charakter annimmt.

[RB.01_017,16] "Aber wie und warum sich dann die in dir als Gottmensch manifestierte (verkörperte) Gottheit von einem Häuflein böser und wahnwitziger Juden zum Tode, und das zum schmählichsten am Schandpfahle, hat können verurteilen lassen, und das noch dazu auf einem der unansehnlichsten Planeten Freund, so was kommt zwischen Sonne und Mond wohl schwerlich vor! Solch ein Wunderding müßte man schon zwischen Nebelsternen zu suchen anfangen!

[RB.01_017,17] "Ich glaube aber auch, daß du so was von dir im Ernste wohl auch nicht einmal in einem Traume behauptet hast?! Denn ich weiß es nur zu gut, was du darauf erwidertest, als man dich fragte, ob du im Ernste Gottes Sohn seist? Siehe, da war deine Antwort, wie sie von einem Weisen deinesgleichen zu erwarten war, nämlich: »Nicht ich, sondern ihr selbst saget es!« Wer aber im entscheidenden Momente so spricht, der weiß auch was er spricht und warum!? Ich aber glaube, diese deine Antwort gehörig gewürdigt und, soweit es menschlichen Kräften gestattet ist, auch verstanden zu haben; und habe daraus entnommen, daß du als reinster Mensch in allem ein wahrster Agathodaimon (Engelsgeist), aber durchaus kein heidnischer Halbgott seist.

[RB.01_017,18] "Daß aber zu deiner Zeit, wo man noch an ein Orakel zu Delphi glaubte und mit der Apotheosis (Vergötterung) bei nur etwas ungewöhnlich praktisch-weisen Menschen nur zu leicht fertig war, wo der Thumim und Urim weissagten, und des Aarons nahe über 1000 Jahre alter Stab in der Lade grünte u. dergl. mehr, - man auch einem ersten Weisen, wie du einer warst und seit nahe 2000 Jahren noch von keinem andern übertroffen wurdest, eine Vergöttlichung beilegte, das finde ich überaus begreiflich! - Denn schon die sonst weisen Römer, die heimlich auf ihre Götter eben nicht gar zu große Stücke hielten, behaupteten und sagten: non existit vir magnus sine aflutu divino (Kein großer Mensch besteht ohne göttlichen Anhauch)! So sie aber jeden großen Mann als vom Gottesgeiste angehaucht betrachteten, um wieviel mehr deine beinahe noch wundersüchtigeren Landsleute dich, der du vor ihren blitzdummen Augen mitunter doch Dinge wirktest, von deren sicher höchst natürlichem Grunde sie noch seit Abraham nicht die allerleiseste Ahnung hatten! Was würden sie zu einer Lokomotive gesagt haben - exempli gratia (um ein Beispiel zu nennen)?

[RB.01_017,19] "Freund, ich meine, deine Frage nun hinreichend beantwortet zu haben!? Nun käme wieder die Reihe an dich, Ich werde mit der gespanntesten Aufmerksamkeit jedes deiner Worte anhören und tiefst würdigen!"

 

18. Kapitel – Rede Jesu über die Notwendigkeit irdischer Obrigkeit. – Keine menschliche Gesellschaft ohne Ordnung und Gehorsam.

[RB.01_018,01] Rede Ich: "Mein geliebter Bruder! Siehe, (Wenn man wie du) in deiner ziemlich gedehnten Antwort mit rein weltlichen Augen und ebenso weltlichem Verstande diese Sache betrachtet und sich dabei mit jeder noch so freien und nur zu oft alles gesunden Sinnes mangelnden Übersetzung sowohl der vier Evangelisten als auch der Briefe Pauli begnügt, zu alledem aber noch den Geist der Weltphilosophie mehrerer deutscher Atheisten mit großen Zügen in sich geschlürft hat, da kann es wohl nicht anders sein als so, wie es mit dir ist und steht, und wie du denkst und handelst.

[RB.01_018,02] "Ich Sage dir, lieber Freund, hättest du je selbst dir die volle Mühe gegeben, die Schrift des Alten und auch die des Neuen Testaments von A bis Z genau durchzugehen, und zwar nach einer guten Übersetzung wie da ist die des Martin Luther oder auch die sogenannte Vulgata und auch die griechische Urbibel in dieser Zeit, - so würdest du sicher zu ganz anderen Urteilen gekommen sein als auf deinem sogenannten ,radikalen' Wege, der (in wahrheit) durchaus kein radikaler ist, da er außer Hegel, Strauß, Ronge und Czerski wenig oder gar keine Wurzeln hat. Denn diese Wurzeln sind so gut wie gar keine, da sie (d.h. Die Lehren jener Weltweisen) nebst mehreren anderen nur als bloße Schmarotzerpflanzen auf dem großen Baume der Erkenntnis vorkommen. Du als ein irdischer ,Pomologe' (Baumzucht-Kundiger) wirst es wohl wissen, wie die WUrzeln der Schmarotzerpflanzen beschaffen sind?! Da du das weißt, so wirst du auch wissen, wieviel an deinen Vor-Leitsmännern gelegen ist in Meinen Augen!

[RB.01_018,03] "Siehe, wenn man erstens die Bibel übersetzt, wie man sie für seine Grundsätze gerade haben will, und dann gerade nur jene Texte heraushebt, die bei einer beliebigen Übersetzung am ersten einen Doppelsinn zulassen, dann ist es auch gar keine Kunst, so zu argumentieren, wie du von Mir nun argumentiert hast!

[RB.01_018,04] "Aber siehe, es ist dem nicht also. Denn fürs erste lauten die angeführten Texte, als da ist Mein bekannter Tempelspruch bezüglich des Zinsgroschens, und besonders der des Paulus aus dem Briefe an die Römer, 13. Kapitel, und im Briefe an Titum, wohl nicht so, wie du sie Mir vorgeführt hast, und fürs zweite kann weder bei Mir und ebensowenig auch beim Paulus schon darum je von einer Fürstenfurcht die Rede gewesen sein, da Ich es hoffentlich wohl mehr als handgreiflich vor Pilatus und Herodes, wie zuvor vor dem Kaiphas, bewiesen habe, wie so gar nicht Ich Mich vor allen diesen damaligen Weltmachtträgern gefürchtet habe?! Denn wer den Tod nicht fürchtet, da Er sein Herr ist und ewig bleibt, der hat wohl doch noch bei weitem weniger Grund, die eitlen Geber des bloß leiblichen Todes zu fürchten!

[RB.01_018,05] "Ebensowenig aber wie Ich nur den leisesten Grund hatte, Mich vor den Machthabern der Erde zu fürchten, ebensowenig hatte auch Mein Paulus irgendeinen Grund dazu! Nero war unter allen Machthabern Roms doch bekanntlich der grausamste; und siehe, Paulus suchte Schutz wider die ihn verfolgenden finstern und geistig bösen Juden bei ihm und fand ihn auch, solange er desselben irdisch vonnöten hatte. Hatte er darum aber etwa eine Furcht vor den Juden? O nein; auch vor diesen hatte er keine Furcht. Denn obschon er gar wohl wußte, wie sehr sie ihn anfeinden, so ging er dennoch, trotz allen Widerratens einiger seiner intimsten Freunde, nach Jerusalem.

[RB.01_018,06] "Daraus kannst du aber schon einigermaßen entnehmen, daß weder Ich und ebenso wenig auch der Paulus aus irgendeiner Fürstenfurcht unsere gleichen obrigkeitlichen Gebote, eigentlich vielmehr ,Räte', von uns gegeben haben, sondern bloß nur rein der notwendigsten Weltordnung der Menschen wegen. Denn das mußt du denn doch einsehen, daß gar keine menschliche Gesellschaft ohne Leiter bestehen kann, und es daher denn doch auch nötig ist, als Lehrer den Menschen die Notwendigkeit zu zeigen, auch diesen Leitern zu gehorsamen!?

[RB.01_018,07] "Oder bist du wohl der Meinung, daß da auf der Erde ganze, große menschliche Gesellschaften ohne alle Leitung bestehen könnten?

Siehe, das wäre die größte Unmöglichkeit von der Welt und wäre sogar wider die natürlichste Ordnung nicht allein des Menschen, sondern auch allerirdischen Dinge!

[RB.01_018,08] "Damit du aber das etwas tiefer einsiehst, so will Ich dich ein wenig nur durch die verschiedenen Reiche der ganz natürlichen Dinge mit Meinem Munde führen, und so höre Mich weiter!"

 

19. Kapitel – Rede über den Gehorsam. Beispiele aus Reichen der Naturwelt.

[RB.01_019,01] Rede Ich weiter: "Stelle dir vor, daß alle Weltkörper mit der für ihre Bestimmung nötigen Intelligenz und freien Einsicht ausgestattet sind. Siehe, diese großen und sehr kräftigen Körper schweben alle im für deine bisherigen Begriffe sicher freiesten Ätherraume. Warum sind sie denn so eigensinnig und bewegen sich seit vielen Jahrtausenden stets in gleichen Kreisen um eine bestimmte Sonne, die sie gewisserart um keinen Preis verlassen wollen oder mögen?

[RB.01_019,02] "Gewiß ist manche ihrer Umlaufszeiten für sie schlimmer als manche andere, was schon die guten und schlechten Jahre eines Planeten so ziemlich handgreiflich zu beweisen scheinen; besonders in solchen Perioden, wo es auf dem Sonnenkörper manchmal etwas stürmischer zugeht, als es sonst gewöhnlich der Fall ist! Ich will von einer einzigen (schwierigen) Umlaufszeit als Davonlaufs-Grund für einen gequälten Planeten aber gar nichts Erhebliches anführen. Denn solch ein Körper, wie da ein Planet ist, kann sich schon so einen kurzen Puff von Seite der Sonne gefallenlassen. Aber es geschehen oft für einen Weltkörper mehrere solch qualvoller Umläufe ununterbrochen (freilich hie und da örtlich mehr oder minder).

[RB.01_019,03] "Wenn dann so ein großer Wanderer durch den freien Ätherraum nach manchmal zehn und mehr, von seiner Sonne wie stiefmütterlich behandelten, immer gleich fleißigen Umläufen am Ende doch (der sache) überdrüssig würde, sich ernstlich vornähme, die ihn regierende Sonne zu verlassen und dann so einen absoluten Freischwärmer durch den endlosen Weltenraum machen möchte,

was würde wohl von solch einer planetarischen, nach der absolutesten Freiheit schwindelnden Idee die unvermeidlichste Folge sein?

[RB.01_019,04] "Siehe, zuerst ein völliges Erstarren ob des nur zu bald eingetretenen Licht- und somit auch Wärmemangels; daraus notwendig ein völliges inneres Entzünden, ob des zu mächtigen Druckes von außen nach innen; und endlich eine dadurch bewirkte völlige Auflösung aller Teile des Planeten, und mit dieser aber auch dessen Vollkommener Tod!

[RB.01_019,05] "Die Planeten aber fühlen das in ihrem Innersten. Ihr Dasein ist ihnen das höchste fühlbare Bedürfnis. Und so bleiben sie gleichfort unter dem Regimente ihrer über sie gesetzten Sonne, bleiben in Hinsicht ihrer Bewegung stets in der unverrückbarsten Ordnung und machen sich nichts daraus, ob sie bei mancher Umlaufszeit von ihrer sie beherrschenden Sonne karger gehalten werden als irgend andere Male.

[RB.01_019,06] "Aber da könnte doch mancher dir gleichgesinnte Planetenfreund ganz unpathetisch sagen: »Ich lobe mir wohl solche willige und gehorsame Planeten; aber so eine launenvolle Sonne, als den notwendigen Regenten der armen Planeten, möchte ich denn doch, so ich der Schöpfer wäre, aus die gehörige Art züchtigen für ihre Regentenlaunen!«

[RB.01_019,07] "Aber da steht die Sonne auf und spricht: »Was faselst du kurzsichtiger Kosmopolit!? - Siehst du denn nicht, daß ich nicht nur einen, sondern gar viele größere und kleinere Planeten zugleich zu übersehen und zu versorgen habe? Weißt du denn nicht, daß ihre Bahnen ungleich sind, daß mir manchmal die großen wie die kleinen Planeten näher, manchmal ferner zu stehen kommen; daß sie sich manchmal (in größerer Zahl) gerade auf der einen Seite befinden und mich gar sehr in Anspruch nehmen, und daher irgendein einzelner Planet, besonders so er sich auf einem entgegengesetzten Standpunkte befindet, an meinen sonst reichen Gaben notwendig etwas karger zu Teile kommt!? - Wird ein solcher Planet aber auf einer Umlaufszeit auch notwendig etwas karger beteilt, so bekommt er aber dennoch immer so viel, daß er bestehen kann. Und ich kann es seit Trillionen von eigenen Wanderungen um eine andere noch größere Regentensonne bezeugen, daß darum noch nie ein Planet, so er sich an meine Ordnung angeschlossen hatte, verhungert und zugrunde gegangen ist! Wenn aber frei umherschweifende Kometen, denen ihre Freiwandlerschaft lieber ist als meine feste Ordnung, irgendwo im endlosen Raume, in den sie ihre wahnwitzige, absolute Freiheitslust getrieben hat, zugrunde gehen, dafür kann wohl ich nicht. Denn einem Wesen, das sich rein nur selbst bestimmen will, ohne von einer andern und mächtigeren Leitung abhängen zu wollen, geschieht kein Unrecht; es hat sich ja selbst gerichtet! So du, freisinnigster Kosmopolit, mich als die Planetenregentin aber schon durchaus wegen meines notwendig veränderlichen Verhaltens gegen die mir untergeordneten Planeten gestraft haben willst, da nehme mir mein Licht und meinen Glanz und auch meine Größe und Macht! Sieh aber dann zu, wie die nach deiner Meinung von mir so sehr gedrückten und an den Sklavenketten gehaltenen Planeten ohne mich bestehen und fortkommen werden!~

[RB.01_019,08] "Siehe, Freund, so spricht sich die ganz natürliche Ordnung schon bei den ersten, größten, stärksten und freien Weltkörpern aus, ohne welche kein Planet als bestandfähig gedacht werden könnte! - So aber diese ganz freischwebenden, großen Wesen eines Leiters bedürfen, um wieviel mehr jene, dem Körper nach kleinen und in ihrer Bewegung schon durch allerlei Verhältnisse mehr gebundenen und behinderten Wesen, als da sind die Tiere und besonders die mit einem ganz vollkommen freien Geiste begabten Menschen!

[RB.01_019,09] "Tiere ein und derselben Art haben (in der Regel) eines unter ihnen, das gewisserart ihr Leiter und Führer ist, wenn dieser sich rührt, dann sind alle wie durch einen elektrischen Schlag zur gleichen Bewegung angefacht. Siehe eine Rinderherde an, sie hat einen Leiter unter sich! Der Hirte, der solches aus Erfahrung weiß und auch bald merkt, welchem Stücke aus seiner Herde die andern nachgehen, hängt solchem Tiere eine Schelle an den Hals. Und so er abends die Herde heimführen will, da horcht er bloß, wo die Schelle läutet. Wo er sie vernimmt, da begibt er sich auch hin und findet seine ganze Herde daselbst versammelt. Will er sie heimführen, dann braucht er bloß den beschellten Leiter zu führen, so gehen alle anderen von selbst, wohin der Leiter geht. Der gleiche Fall ist sogar mit den sehr dummen Schweinen, besonders wo sie ständig in der freien Natur leben; ebenso bei den Ziegen, Schafen, Pferden, Eseln und hundert anderen Tiergattungen! Das gleiche kannst du nur zu sprechend sogar an den verschiedenartigsten Insekten entdecken, an den Vögeln und nicht minder anden stumpfsinnigen Fischen und anderartigen Wassertieren.

[RB.01_019,10] "Aber Ich will dir die Sache ganz zeigen und will dich sogar auf die noch viel stummer scheinende Natur leiten.

 

20. Kapitel – Weiteres Beispiel: Hochgebirge und ihre Notwendigkeit.

[RB.01_020,01] Rede Ich weiter: "Also wäre dir durchs Wasser nun ein Beleg gegeben, daß auch dieses, dir sicher sehr stumm vorkommende Element, eine eigentümliche Intelligenz in sich enthält, durch die es dem in ihm zugrunde liegenden, rein göttlichen Ordnungsgesetze den allerpünktlichsten Gehorsam leistet bis zum letzten Tropfen, trotzdem ein jeder Tropfen eine Menge von Trillionen Leben in sich birgt!

[RB.01_020,02] "Aber wir wollen die Sache nicht bei dem alleinigen Wasser schon zur Genüge betrachtet haben, sondern uns zunächst auf die Geburtsstätte des Wassers, also auf die Berge, wenden und wollen sehen, ob an ihnen nicht auch irgendeine besondere, ganz eigentümliche Intelligenz und, dieser zufolge, auch eine genaue Beobachtung der in sie gelegten Gesetze gar wunderbar zu bemerken ist?

[RB.01_020,03] "Siehe, Freund, auf der Erde findest du allerlei Berge. Darunter sind sehr hohe, oder Urgebirge; dann mittelhohe, oder sogenannte Gebirge der sekundären (zweiten) Formation; und endlich ganz niedere, das heißt mehr Hügel als Berge, die sämtlich nach der irdisch gelehrten Fachbezeichnung einer tertiären (dritten) Formation angehören!? - Du lächelst nun gewisserart freudig, weil du an Mir auch einen Geologen neuerer Art entdeckst! O da sei du ganz getröstet; denn in der Geologie (Erdkunde), wie in der höheren Kosmologie (Weltallkunde), bin Ich so ziemlich bewandert.

[RB.01_020,04] "Aber nun weiter! Wir haben also dreierlei Berge. Von diesen drei Arten wollen wir zuerst der höchsten unsere Betrachtung zukommen lassen.

[RB.01_020,05] "Warum sind wohl auf der Erde die Berge da? - Und hier meine Ich ganz besonders die erste Art. Siehe, ihre Zwecke sind verschieden. Fürs erste sind sie die Regulatoren (Ausgleicher) der freien elektromagnetischen Strömumgen, auf daß diese über den ganzen Erdboden gehörig verteilt werden. Fürs zweite verhindern sie, daß die Luft um die Erde, so diese ihre tägliche, schnelle Drehung um ihre Achse macht, stehenbleibe, während die Oberfläche der Erde sich fortbewegt, und dadurch eine über alle Orkane heftigste Gegenströmung hervorbringe, durch die wohl kein Wesen auf der Oberfläche der Erde bestehen könnte. - Fürs dritte ziehen sie die zu mächtigen, durch den Sauerstoff und Wasserstoff bewerkstelligten Feuchtteilchen aus der allgemeinen Luft an sich (Weshalb ihre höchsten Kanten und Spitzen auch meistens umdünstet und somit selten sichtbar erscheinen). Diese vereinen sich hier durch die stets mächtig vorhandene Elektrizität und fallen dann zumeist als Schnee und Eis auf die steilen Abhänge der Berge nieder. Von da stürzen sie nach größeren Anhäufungen als mächtige Lawinen in die Gräben, Schluchten und in die Hochiebirgstäler und bilden daselbst durch ihre starke Anhäufung die sogenannten Gletscher, die dann wieder die besondere Eigenschaft haben, die Kälteteilchen aus der gesamten Luft anzuziehen und dadurch die niedriger gelegenen Fruchtgegenden vor den alles erstarrenden und zerstörenden Frösten zu bewahren. Zugleich aber schwächen (die Gletscher) auch sehr die manchmal zu stark angesammelte Luftelektrizität und ordnen den Kreislauf des Wassers durch die Atmosphäre, ohne welche Tätigkeit die Ebenen der Erde nahe unausgesetzte, allerheftigste Wolkenbrüche auszustehen hätten!

[RB.01_020,06] "Du siehst nun aus diesem wenigen die große Notwendigkeit der Hochgebirge und sprichst auch bei dir: »Ja, das ist klar und unwiderruflich wahr; denn wo immer die Menschen es zu rücksichtslos wagten, etwas an der Ureinrichtung der Berge zu ändern, da sind sie auch nur zu bald durch zuvor nie dagewesene Elementarschäden für ihren Frevel aus das empfindlichste gezüchtigt worden.« - Siehst du, Freund, also ist es auch! - Aber nun kommen wir eigentlich erst aufs Rechte! Daher habe nun ganz besonders wohl acht!

[RB.01_020,07] "Siehe, damit eben die Hochgebirge die wichtige Bestimmung zur Erhaltung eines ganzen Weltkörpers und alles dessen, was aus seiner weiten Oberfläche sich befindet, erfüllen können, so ist es zunächst durchaus nicht gleichgültig, wo sie sich befinden; und fürs zweite müssen sie - durch die gewisserart in ihnen und über ihnen wohnenden Geister oder (nach deiner Art zu reden) Kräfte - allernotwendigst jene eigentümliche Intelligenz besitzen, durch die sie in den Stand gesetzt werden, das zu bewirken, wozu sie bestimmt sind.

[RB.01_020,08] "Die ihnen oder vielmehr ihrer unleugbaren, bestimmten Intelligenz anheimgestellte Wirkungssphäre ist für sie so gut wie für unsereinen ein positives Gesetz, das sie durch ihre Intelligenz ganz genau wahrnehmen; was du Mir um so mehr glauben kannst, da du doch ehedem selbst von Mir behauptetest, Ich sei durch die Schule der Ägypter in die inneren Kräfte der Natur sicher eingeweihter gewesen als alle Gelehrten der Jetztzeit.

[RB.01_020,09] "Da du solches nun einsiehst, so sehe auch ein, daß nur durch die höchst genaue Befolgung der Gesetze, die der Intelligenz dieser großen Auswüchse der Erde anheimgestellt sind, die Erhaltung eines ganzen Weltkörpers bewerkstelligt werden kann. - Würden aber diese Hochgebirge sich auch einmal gegen die sie bestimmenden Gesetze auflehnen und gewisserart sagen: »Wir wollen keine hohen Erdbeherrscher mehr sein, sondern auch wir wollen nun zu kleinen Fruchthügeln uns erniedrigen!« - sage, was würde aus solch einem Gebirgsungehorsam schließlich für die ganze Erde für ein namenloses Unheil erwachsen?!

[RB.01_020,10] "Siehe nun, obschon diese Hochgebirge keine Früchte tragen, viele hundert Quadratmeilen unfruchtbares Land ausmachen und so dem gemeinen Menschenverstande als ,unnütz' erscheinen, wäre es aber darum wohl wünschenswert, diese Bergfürsten zu entthronen und sie zu vermeintlichen Fruchtebenen umzugestalten? - Du sagst: »Das wolle der Himmel verhüten!«

[RB.01_020,11] "Nun so sage dazu auch, daß es der Himmel verhüten wolle, daß die Hochgebirge in der menschlichen Gesellschaft nicht verwüstet werden! Sonst wird es aus der politischen Erde nur zu bald also aussehen, wie es auf der natürlichen aussehen würde, so die natürlichen Hochgebirge zerstört würden!

[RB.01_020,12] "Siehe, so die Könige der Erde wahrhaft ihrer Bestimmung entsprechen sollen, müssen sie sein gleich den Hochgebirgen! Verstehst du das? Du sprichst: »Ja, ich verstehe es nun ganz und sehe es auch ein, daß du ein wahrer Urweiser bist!« -

[RB.01_020,13] "Gut, sage Ich dir! Die Sache ist aber noch nicht zu Ende. Wir haben noch zwei Gebirgsarten vor uns. Diese müssen uns auch noch etwas erzählen! Höre daher weiter an, und siehe, wozu sie da sind!"

 

21. Kapitel – Mittel- und Kleingebirge – ihre Entstehung und Notwendigkeit im Erdganzen.

[RB.01_021,01] Rede Ich weiter: "Als die Erde noch ein wüster Weltkörper war und weder Pflanzen noch Tiere zu ernähren und zu erhalten hatte - außer jene Urtypen aller späteren Formen in den Gewässern (um mit dir als einem deutschen Gelehrten auch gelehrt zu reden) - da freilich genügten die Urgebirge allein, dem noch gewisserart ganz rohen, unausgebackenen Erdballe die nötigen, schon erwähnten Dienste zu leisten. Als aber nach einer gehörigen Anzahl von Jahrtausenden der Erdball sich mehr und mehr gesetzt hatte, und über den Meeresspiegel schon ganz bedeutende Inselgruppen sich zu erheben anfingen, auch die in das Wasser gelegten Urkeime über demselben in allerlei Gras- und Pflanzenarten sich auszuprägen begannen, da war es nötig, damit die in die Gewässer gelegten Urkeime ob ihrer Reife auch ehestens zu ihrer Entwicklung ein größeres Landgebiet bekämen, dafür zu sorgen, daß durch unterirdische Feuerkräfte neue Erhöhungen bewerkstelligt würden, durch die dann mit der Zeit die werdenden neuen Produkte mehr Raum, Nahrung und Schutz bekommen sollten. Und da fing es über den ganzen Erdkreis gar gewaltig zu toben und zu wüten an. Die unterwässerlichen Festlagen wurden zersprengt und durch die großen Kräfte zu vielen Millionen weit über den Wasserspiegel emporgehoben!

[RB.01_021,02] "Es gehörten wohl viele Jahrhunderte dazu, bis diese große Arbeit beendet werden konnte. Aber das macht bei Gott, weißt du Freund, gerade keinen merklichen Unterschied; denn tausend oder eine Million Jahre dieser Erde sind vor Ihm gleich wie ein Tag! - Kurz, darum also wurden die Berge der zweiten Art gebildet, wie Ich es dir soeben dargetan habe!

[RB.01_021,03] "Diese Berge (der zweiten Art) aber waren anfangs auch viel höher und schroffer als sie nun sind. Aber die Zeit und ihre natürlichen Stürme haben ihre Häupter sehr erniedrigt, haben damit die großen Vertiefungen neben ihnen mehr und mehr ausgefüllt und dadurch engere und breitere Täler gebildet. Da aber diese Täler hie und da höher und niederer ausfielen und daher dem Wasser keinen freien Durchzug gestatteten, so blieb dasselbe in den größeren Vertiefungen notwendig sitzen, wodurch sich dann auch ganz natürlich größere und kleinere Seen bilden mußten.

[RB.01_021,04] "Da ferner aber diese Seen durch den beständigen Kreislauf des Gewässers, sowohl durch die Erdporen wie auch durch die Luft, (aus dem Wege des Regens, Schnees, Hagels und Taus) einen beständigen Zuwachs erhielten, so mußten sie notwendig über ihre Ufer zu fließen und zu stürzen anfangen. Dadurch haben sie mit der Zeit durch ihr Strömen kleinere und größere Teile ihrer natürlichen Ufer oder Dämme abgelöst und haben damit zum Teile die ungleichen Vertiefungen der Täler mehr und mehr ausgefüllt und zum Teile (besonders zu Zeiten größerer Überflutungen) auch förmliche Hügel und Hügelreihen gebildet - was sogar heutzutage noch hie und da auf der Erde zu geschehen pflegt, wie auch, daß hie und da Berge der zweiten Art durchs Feuer entstehen.

[RB.01_021,05] "Diese nun zuletzt berührte Hügelbildung auf dem Wege der Anschwemmung ist die sogenannte tertiäre Formation (die dritte Art der Bergbildung), die natürlich durch die sekundäre bedingt ist,

[RB.01_021,06] "So hätten wir nun die Entstehung der beiden letzten Bergarten ganz naturrichtig hergeleitet und den Grund oder die Ursache der zweiten auch schon angegeben. - Warum aber die dritte Art entstand und hie und da noch entsteht, ist wohl sehr leicht einzusehen, wenn man nur den Grundsatz nicht aus dem Auge verliert, daß nämlich zur ferneren Hervorbringung, Erhaltung und Schützung von neuen Wesen und zur Fortpflanzung der schon Daseienden vor allem ein guter und geräumiger Boden nötig ist!

[RB.01_021,07] "Der Boden der Erde ist nun so bestellt und hergerichtet, daß auf demselben allerlei Wesen entstehen, wohnen, leben und sich fortpflanzen können. Und diese Einrichtung wurde und wird noch bewirkt durch die drei verschiedenen Bergarten!

[RB.01_021,08] "Die zwei letzten Bergbildungen scheinen dem ersten Anscheine nach freilich wohl mit der ersten Gebirgsgattung keine Ähnlichkeit in der Bestimmung zu haben. Denn wie ihre Entstehungsart, so ist auch ihre eigentliche Bestimmung eine ganz andere. Aber da sie einmal in die Reihe der Urgebirge, also der Bergfürsten, getreten sind, so müssen sie sich ohne alles Sträuben - trotz ihrer ganz eigenen Bestimmung auch jenen Gesetzen fügen, die ihnen die Urgebirge wie aus sich heraus vorzeichnen. Das heißt (also für sie): »Es ist nicht genug, daß ihr niederen und jüngeren Berge mit eurem Überflusse die Täler und Gräben ausfüllet, dort ein fruchtbares Land erzeuget und kleine Berglein mit schönen Lustwäldchen anleget; sondern ihr müßt vom Anbeginn eures Seins an auch einen großen Teil unserer Lasten übernehmen und uns in allem unterstützen, sonst erfüllet ihr eure Bestimmung durchaus nicht und könnet sie auch nicht erfüllen, da durch euer Entstehen unsere Kraft zu sehr in Anspruch genommen würde, so wir nun ganz so wie früher, da ihr noch nicht waret, alles ordnen und lenken sollen!« - Und siehe, diese neuen Berge tun, zufolge der in ihnen ebenfalls zugrunde liegenden Intelligenz, genau, was ihnen die Bergfürsten auferlegen.

[RB.01_021,09] "Es gibt aber im Ernste auch welche unter ihnen, die den Höchsten gewisserart nicht gehorchen wollen; solche Berge aber werden durch die gewaltigsten Stürme so lange gehetzt, bis sie sich die Ordnung der Hohen entweder gefallenlassen oder, im Gegenfalle, auch ganz zugrunde gerichtet werden. - Bei den alten Weisen hießen solche Berge ,Widerspenstige', auch bisweilen ,Verfluchte'. In der neuern Zeit heißt man solche Helden von Bergen: ,Lockere', ,Unbeständige', ,Verwitterte'. Beispiele von solchen bestraften (eingestürzten und gänzlich vernichteten) Bergen gibt es eine große Menge sowohl in der alten als auch in der neuen Zeit."

 

22. Kapitel – Stufenmäßige Unterordnung auch unter den Menschen notwendig.

[RB.01_022,01] Rede Ich weiter: "Lieber Freund und Bruder, Ich meine, du wirst aus dieser ganz aus der Natur genommenen Darstellung sogar an den für dich leblosen und somit intelligenzlosen Dingen die Unterwürfikeitsverhältnisse ebensowohl eingesehen haben, wie du sie ehedem bei den Tieren, Weltkörpern und Gewässern begriffen hast. Und es dürfte daher kaum vonnöten sein, dir noch mehrere Belege aus der für dich stummen und gewisserart toten Natur vorzuführen. Ich könnte das wohl noch gar sehr, besonders so Ich dich auf andere Planeten hinführte, wo die Ordnung in allem viel genauer und strenger abgemessen erscheint als aus dem geflissentlich nahezu in der größtmöglichen Unordnung belassenen Erdplaneten, - was den Grund (darin) hat, daß aus ihm eben die freiesten Geister, als wahrhafte ,Gotteskinder', desto freier und für ihr Wesen ersprießlicher könnten großgezogen werden. - Du siehst also das (alles nun) nach deiner innersten Bejahung ein. Und Ich sage dir, daß Ich damit völlig zufrieden bin!

[RB.01_022,02] "Weil du aber nun sogar an der für dich stummen Natur einsiehst, daß in ihrem Gefüge eine gewisse stufenmäßige Unterwürfigkeits-Ordnung ganz unerläßlich notwendig ist, damit die Natur bestehe und dauernd erhalten werde nun denn, so denke dir (jetzt) den Menschen, der da begabt ist mit einem absolut freiesten Geiste, der in seinem Denk-, Beschluß- und Begehrungsvermögen sich in der höchsten Unbeschränktheit befindet! Stelle dir so recht kernfest vor, was da am Ende herauskäme, so jeder Mensch, zufolge seiner inneren, absolutesten Freiheit, ohne alle Beschränkung tun dürfte, was sein inneres Geistwesen in seiner unversiegbaren, fantastischen Lebenskammer aus seinem gottähnlichen, unendlichen Ideenreichtume nur immer (als geordnet) unter zahllosen Formen schöpft!

[RB.01_022,03] "Ich sage dir, da wäre kein Mensch vor dem andern sicher. Denn erstens gibt es da Geister, deren innere Phantasien oder Schöpfungen sich hauptsächlich damit beschäftigen und eine eigene Wollust darin finden, alles Bestehende zu vernichten. Einige möchten fort und fort Menschen auf die verschiedensten Arten töten, andere wieder möchten alle Berge zerstören; wieder andere durch die Erde ein Loch graben, dasselbe mit Pulver so weit als möglich anfüllen, um dadurch möglicherweise die ganze Erde zu zersprengen; wieder andere möchten alles Wasser der Erde vertilgen; andere wieder die ganze Erde ersäufen; noch andere die ganze Erde verbrennen; andere den Mond mit einem Stricke an die Erde anhängen und ihn herabziehen!

[RB.01_022,04] "Zweitens - gibt es wieder eine Menge ungeheuer sinnlicher Geister, deren Phantasie aus lauter Genußideen zusammengesetzt ist. So diese Geister keine Beschränkung durch Gesetze hätten, so würde vor ihrer großen Geilheit kein weibliches Wesen sicher sein, am Ende auch kein Knabe und sogar kein Vieh mehr! Denn Ich kenne nur zu viele solche Naturfreunde nach der Art von Sodom und Gomorra, die sich zu einem förmlichen Geschäfte machten, sich fürs erste mit allen möglichen weiblichen Rassen zu begatten, um zu erfahren, was da überall für Früchte herauskämen. Wenn dies Zeugungsspiel ihrer Phantasie nicht genügte, da machten sie fürs zweite Versuche auch an den verschiedensten Tieren, wodurch auch wirklich nicht selten die sonderbarsten und unordentlichsten Gestalten zum Vorscheine kämen, was besonders bei den raffinierten Heiden gar nicht selten der Fall war.

[RB.01_022,05] "Nun denke dir aber eine große Gesellschaft von solchen sinnlichen und geilen Genußmenschen in moralisch wie auch politisch völlig gesetzlosem Zustande! - von welch verschiedenartigsten Kreaturen und barsten Scheusalen wird es unter ihnen wimmeln?! Nach wenigen Hunderten von Jahren würde es auf der Erde wimmeln von Wesen, vor denen am Ende kein menschliches Leben mehr sicher wäre! Moses hat darum auch ein äußerst scharfes Gebot ergehen lassen und sogar den Feuertod als Strafe gesetzt für solch einen Geiler, der sich unterfinge, so etwas zu tun, was Moses, der als ein königlicher Adoptivsohn in alle die damaligen ägyptischen Scheußlichkeiten eingeweiht war, nur zu gut kannte und wußte.

[RB.01_022,06] "So hat es auch von den sinnlichen Geistern solche gegeben, und gibt es leider noch hie und da, die ihre, man kann sagen, echt teuflische Genußsucht nur dann befriedigten, so sie die Maid während und auch vor dem Akte auf das grausamste quälten und marterten. Erst ihre letzten, schmerzvollsten Lebensäußerungen gewährten ihnen die größte Wollust! Ich brauche dir nicht eine Menge spezieller Taten aufzuführen; denn es sind manche von der Art, daß du sie gar nicht anhören könntest! Es ist genug, daß du weißt, welche Früchte daraus zum Vorscheine kommen, so irgendeine Menschengesellschaft sich in einem gesetzlosen Zustande befindet.

[RB.01_022,07] "Drittens gibt es wieder Geister, die von sich die außerordentlichsten Ideen fassen und alles endlos des unter ihrer Würde finden. Diese Geister sind stolz und über die Maßen herrschsüchtig; vor ihnen soll sich alles bis in den Staub verkriechen und nur das tun, was sie wollen. Denke dir aber nun eine ganze, große Gesellschaft von lauter solchen Menschen; wie würden sie miteinander leben?! Ich sage dir, eine Welt voll Tigern, Löwen und Panthern würde miteinander in einer bei weitem größeren Harmonie leben als solche Menschen, so sie nicht durch moralische wie auch durch weise politische Gesetze beschränkt wären!

[RB.01_022,08] "Und so gibt es unter den Menschen noch eine Menge zahlloser Abarten von den verschiedensten Geistern, deren Grundpfantasien und Hauptneigungen in ihrer Art gegen alle notwendige, positive Ordnung so höchst lasterhaft verkehrt sind, daß du dir davon nicht die allerleiseste Idee machen kannst!

[RB.01_022,09] "Wenn aber alle diese Geister von ihrer absolutesten innern Freiheit nur zum millionsten Teile einen unbeschränkten Gebrauch machen dürften, denke und sage es Mir, wie würde es dann nur zu bald auf einem Weltkörper aussehen?! Du sprichst: »Freund, das wäre entsetzlich! Das wäre die Hölle aller Höllen auf der Oberfläche der Erde!« Richtig, sage Ich dir, du hast wohl und richtig gedacht und gesprochen!

[RB.01_022,10] "Ich aber frage dich weiter und sage: was aber ist demnach allerhöchst notwendig, damit die vollste Hölle soviel als möglich von der Oberfläche der Erde hintangehalten werde? Siehe, nun kommen wir beide erst dorthin, von wo wir ausgegangen sind, und wo Ich dich eigentlich haben wollte!

[RB.01_022,11] "Erkennst du's nun, was Ich damit sagen wollte, so Ich, wie auch der Paulus, allen echten Bekennern Meiner Lehre den Gehorsam gegen eine rechtmäßige, weltliche Obrigkeit anempfahl! - Siehst du nun, warum man dem Kaiser, was sein ist, und Gott, was Gottes ist, geben soll!?

[RB.01_022,12] "Sage Mir nun, wie du die Sachen jetzt einsiehst!? Kommen sie dir noch so widersinnig vor, als sie dir ehedem vorgekommen sind? Findest du den gerechten Gehorsam und die rechte Demut immer noch als des freien Menschengeistes unwürdig? - Rede nun; die Reihe ist wieder an dir! Ich will dich hören."

 

23. Kapitel – Roberts anerkennende Antwort. Seine Gegenfrage über den Machtmißbrauch der Fürsten.

[RB.01_023,01] Spricht Robert: "Was, liebster Freund, soll ich im Grunde nun noch reden? Ich sehe, begreife und bekenne nun, daß du, als einer, der mir an aller Wissenschaft und Weisheit himmelhoch überlegen ist, in allem recht hast, weil sich die Dinge wirklich also verhalten, wie du sie mir nun dargestellt hast. Es läßt sich dem durchaus nichts entgegenstellen, da du, als ein in die innersten und geheimsten Kräfte der Natur eingeweihter Weiser, dich am gründlichsten, wenigstens viel gründlicher als ich, auskennen kannst und mußt! Wie gesagt, alles, was du mir nun gütigst erläutert und erklärt hast, habe ich in allen seinen, wennschon manchmal etwas barock (seltsam) klingenden Teilen völlig als wahr und unumgänglich nötig eingesehen und bin darum auch ganz mit dir einverstanden. Aber nun kommt etwas anderes!

[RB.01_023,02] "Es ist alles wahr, was du bis jetzt geredet hast; und ganz besonders tritt bei deiner Darstellung des absolut freiesten menschlichen Geistes die gewisserart eiserne Notwendigkeit eines eben diese Freiheit beschränkenden Gesetzes und eines machthabenden Vollstreckers desselben nur zu klar ins Licht. Aber es fragt sich dabei: Dürfen gewisserart von Gottes Gnaden ernannte oder erwählte und machthabende Vollstrecker des Gesetzes wohl auch ,von Gottes wegen' ausgenommen sein, das Gesetz, das sie gewöhnlich selbst machen und herausgeben, zu beachten, und - besonders in dieser Zeit - ganz willkürliche Despoten und Tyrannen abgeben und wegen eines mißlichen Thrones die armen Menschen, die doch auch ihre Brüder sind, zu Tausenden hinschlachten lassen?! War z.B. mein Vergehen wohl von der Art, daß mich darum ein Alfred W. (Windischgrätz) im Namen seines schwachen Kaisers, der ihn mit aller Macht eines Herrschers höchst unmenschenfreundlichsterweise beteilte, erschießen ließ, und desgleichen mehrere andere meiner Denkungs- und Handlungsweise!?

[RB.01_023,03] "Wenn solch ein Machthaber sich schon von seinem eigenen Gesetze enthebt, so fragt sich aber, wer ihn dann von deinem Liebesgesetze, das der ganzen Welt ohne unterschied des Standes und Charakters gleich gelten soll, enthebt und dispensiert? Warum müssen Hunderttausende in der größten Armut dahinschmachten, und so sie nur irgendeine kleinste, gar oft durch die zu große Not gezwungene Veruntreuung sich zuschulden kommen lassen, dann auch alle unnachsichtige Strenge des Gesetzes sich gefallen lassen? - Während die Großen in der allerbehaglichsten Gewissenlosigkeit tun können was sie wollen, und kein Richter sie zu einer Verantwortung fordern darf?!

[RB.01_023,04] "Ich bin für weise und gute Regenten gewiß im höchsten Grade eingenommen. Aber Regenten, die oft kaum wissen, was sie sind, und noch viel weniger, was sie so ganz eigentlich sein sollen; ich sage, Regenten, die nur consumendi gratia (um des Genusses willen) auf dem Throne sitzen und ihren Untergebenen gleich Vampiren (Sagenhafte Tiere/Wesen, die bei den Menschen Blut saugen) das armseligste Blut aussaugen, anstatt daß sie dieselben durch weise Gesetze leiten, sage mir, Freund, soll da ein armes, gedrücktestes Volk nicht das Recht haben, solche glänzenden Taugenichtse und gewissen- und gefühllose Tagediebe davonzujagen, und an ihre Stelle weise und taugliche Männer, die Kopf und Herz am rechten Flecke haben, zu setzen?! Muß denn eines Regenten Stuhl so glänzen, muß seine Wohunung ein ungeheuerster und prachtvollster Palast sein, und müssen sich seine Regentenbezüge aus viele Millionen belaufen?! Was natürlich alles von den blutigen Schweißtropfen der Untertanen hergeschafft werden muß! Der ,arme Teufel' hat auf der Erde nichts Gutes. Von der Geburt bis zum Grabe bleibt er ein Spielball der Mächtigen, muß für sie Gut und Blut setzen, dafür aber wird er zum schuldigen Danke verachtet, eine Canaille gescholten, und so er sich nicht alle Niederträchtigkeiten der Großen auch nur heimlich möchte gefallenlassen und käme zu einem Pfaffen in einen Beichtstuhl, um sich da sein Herz zu erleichtern, so wird er noch obendrauf mit der ewigen Verdammnis vertröstet! Mit solchem Troste kehrt er dann heim und macht Studien im Fache der Verzweiflung! Sage, ist das auch schon irgendwo in der Natur also geordnet und begründet?! Freund! Ich, Robert, meine da und behaupte es fest: Das ist die Hölle und ihr stets regsamstes Mühen, aus armen Engeln dieser Erde noch ärmere und elendere Teufel zu zeugen!

[RB.01_023,05] "Es ist übrigens wohl wahr und, wie ich's nun als ein nach des Leibes Tode Fortlebender einsehe, auch gewiß, daß das irdische Leben ein pures Prüfungsleben ist, zur Erreichung rein geistiger, höchster Vollkommenheiten, und daß man daher mit Recht von ihm auch keine zu glänzenden irdischen Glückseligkeiten erwarten kann. Denn ein Studierender bleibt, so lange er ein Studierender ist, stets mehr oder weniger ein Sklave derer, die ihm als Meister vorgesetzt sind! Aber wenn von Seite der völkerbeherrschenden, erziehenden und gar zu grausam prüfenden Tyrannen die Erziehungs-Saiten zu stark gespannt und auf diese Art aus den Völkern statt wahren Menschen nur barste Tiere oder gar Teufel gebildet werden, was sagt dann eine urgöttliche Weltordnung dazu?!

[RB.01_023,06] "Ist da auch noch die Gottheit der alleinige Herr und Meister, und (sind da auch noch) ihre gläubigen Bekenner und Anbeter pure Brüder? - Heißt das auch noch: 'Gott über alles, und seinen Nächsten wie sich selbst lieben?!'

[RB.01_023,07] "Oder ist es selbst von einer allgerechten Gottheit wohl recht, Völker durch schlechte Regenten leiblich und moralisch unter den Hund hinabsinken zu lassen? und sind dann die Völker durch ihre unter aller Kritik schändlichst schlecht bestellten Regenten auf die unterste Stufe alles Elends leiblich und moralisch gesunken, so kommen noch von oben, d.h. von der gerechtesten Gottheit, alle erdenklichen Strafen und Geiseln, natürlich zumeist nur über die armen Völker, weil sie notgedrungen haben schlecht werden müssen, und das zumeist von Gottes Gnaden! Denn auch die schändlichsten und gewissenlosesten Regenten führen den Titel: ,Von Gottes Gnaden!' So kommen dann gewöhnlich Armut, Hungersnot, allerlei scheußlichste, unheilbare Krankheiten, als Pest, Cholera und eine Menge anderer Seuchen und Kriege, versteht sich von selbst: alles ,von Gottes Gnaden!'

[RB.01_023,08] "Neben diesen schönsten Bescherungen aber (kommt) endlich auch noch die süßeste Verzweiflung und als - finis coronat opus (wörtlich: das Ende krönt das Werk) - die angenehme, ewige Verdammnis im brennenden Pfuhle! - Und siehe, das alles ,von Gottes Gnaden!, - Bravo! Nur zu! So in der Dicke hab ich's gerne! Oh, das Leben ist wohl schön!! - Wer es erfunden hat, wie es ist, muß selbst eine närrische Freude daran haben!?

[RB.01_023,09] "Ich will aber damit eben kein höchstes, irgendwo seiendes Gottwesen bekritteln und es tadeln, weil das Leben der Erde so scheußlich sich zu gestalten genötigt ist. Denn ein solches Gottwesen hat sicher Größeres zu tun, als sich mit den Dreckwürmern dieses Erdstaubes abzugeben. Aber das Elendeste bei der Sache ist, daß diese irdischen Menschen-Dreckwürmer denn doch auch Gefühl und leider auch einigen Verstand besitzen und am Ende doch nicht völlig vernichtet werden können, wie figura bei mir de facto zeigt (wie mein Beispiel tatsächlich zeigt)!

[RB.01_023,10] "Sollen denn von der gnädigsten und liebevollsten Gottheit, von deinem gewissen ,heiligen Vater', der dich auch ans Kreuz hängen ließ (wahrscheinlich auch aus Liebe?) - die Menschen dieser Erde, die seinsollenden ,Gotteskinder', etwa aus einer besondern Begünstigung die Ehre und das Glück haben, die Allerverfluchtesten zu sein?

[RB.01_023,11] "Wahrlich, je länger ich da nachdenke und rede, desto bedenklicher kommt mir die Sache vor. Daher rede nur lieber wieder du! Viellicht gelingt es dir, diese Sache mit einem bessern Lichte zu beleuchten? Ich denke hier nun einmal also.~

 

24. Kapitel – Trostvolle Antwort auf Roberts finstere Zweifel. Die Bosheit der freien Menschen straft sich selbst. Erfahrungslehren der Geschichte.

[RB.01_024,01] Rede Ich: "Lieber Freund, diese deine Kritik nach der Beurteilung deines kurzschtigen Verstandes hat dem Außenscheine nach viel für sich. Und so es sich mit all dem wirklich also verhielte, wie du es nun vor Mir dargestellt und scharf beurteilt hast, da sähe es wirklich äußerst, ja endlos schlecht mit der gesamten Menschheit aus. Aber zum größten Glücke für die Menschheit bist du da mit all deinen Begriffen und Kenntnissen und somit auch mit all deinen noch so scharfen Urteilen rein, wie einige auf der Erde zu sagen pflegen, aus dem allerdürrsten Holzwege!

[RB.01_024,02] "Denn siehe, erstens sorgt die Gottheit eben für die Menschen dieser Erde so außerordentlich, als hätte sie in der ganzen Unendlichkeit nahe keine Wesen mehr, die Ihrer Fürsorge bedürften, und führt sie unter allen Verhältnissen ihres Prüfungslebens so, daß fast alle trotz aller sich entgegenstellenden Schwierigkeiten ihre hohe Bestimmung erreichen müssen, derentwegen sie von der Gottheit einzig und allein ins Dasein gerufen und gestellt sind!

[RB.01_024,03] "Freilich gibt es wohl ziemlich viele, die ihren Willen, trotz aller für sie angewendeten Willensbeugungsmittel, dennoch nicht unter den besten (Willen) der Gottheit beugen wollen! - Daß für solche Geister die Gottheit dann auch ernstere und schärfere Mittel gebrauchen muß, um sie, unbeschadet ihres freien Willens, am Ende dennoch auf den rechten weg zu bringen, Ich meine, daß man darob die Gottheit von deiner Seite denn doch ein wenig zu seicht beurteilt und Ihr Ergebnisse Ihres Sorgewaltens unterschiebt, die ganz allein nur in dem freien (verkehrten) und hochmütigen Willen der Menschen zu suchen und ganz leicht zu finden wären!?

[RB.01_024,04] "Du sprachst wohl viel von der gewissen gnädigen Zulassung schlechter Regenten. Aber davon sagtest du nichts, daß es auch schlechte Völker gibt, die nicht durch die etwaigen politischen Verfügungen schlechter Regenten, sondern lediglich durch sich selbst schlechter als sehr schlecht geworden sind, was Ich dir durch zahllose Beispiele mehr als handgreiflich dartun könnte und später auch dartun werde.

[RB.01_024,05] "Aber nun siehe zweitens - den Punkt deiner vermeinten ewigen Verdammnis, die nach dem Tode des Leibes den durch Gott-zugelassene, schlechte Regenten verdorbenen und also ohne eigenes Verschulden schlecht gewordenen Menschen zuteil werden solle! Da muß Ich dir, der Ich doch, wie nicht leicht ein anderer, alle Verhältnisse der Geisterwelt genauest kenne, offen gestehen, das Mir dergleichen Begebnisse noch nie vorgekommen sind. Ja die ganze Ewigkeit kann dir in Wahrheit auch nicht einen Fall vorweisen, wo nur ein Geist von Gott aus verdammt worden wäre! Aber zahllose Fälle kann Ich dir vorführen, wo Geister nur zufolge ihrer vollsten Freiheit die Gottheit verabscheuen und verfluchen und um keinen Preis von deren endlosester Liebe abhängen wollen, da sie selbst Herren, sogar über die Gottheit, zu sein sich dünken!

[RB.01_024,06] "Da aber die Gottheit nur jenen Ihre endloseste Liebesfülle in den vollsten Zügen zu genießen geben kann, die sie haben und genießen wollen, so wird es hoffentlich doch klar sein, daß jene, welche die Gottheit samt ihrer endlosesten Liebe aus das allerfesteste und bestimmteste über alles hassen und verachten und ein grobes Gespötte aus ihr machen, dieser Liebe eben darum nicht teilhaftig werden können, weil sie aus das allerentschiedenste derselben nicht teilhaftig werden wollen!

[RB.01_024,07] "Solche Wesen lieben nur sich selbst allein und hassen alles, was sie nicht für ihr selbstsüchtiges Ich als vollkommen tauglich und demselben tiefst ergeben finden. Die Gottes- und Nächstenliebe ist ihnen ein Greuel der Verwüstung, ein Fluch in ihrem Herzen! Gott ist ihnen nur pure Fadheit eines zelotisch verbildeten Gemütes, eine Albernheit eines im höchsten Grade verdummten und verbildeten Verstandes, und der Nächste eine Canaille, nicht wert, daß man ihn anpisse!

[RB.01_024,08] "Wenn aber freieste Geister bei dem tatsächlich allerhartnäckigst verharren und durch gar kein ihrer Freiheit gegebenes freies Mittel, also durchaus nicht durch sich selbst, von ihrem verderblichsten Wahne zu heilen sind und sich eher aller Bitterkeit und Herbe, die sie sich selbst bereiten, für ewig unterziehen wollen, als sich auch nur ein allersanftestes Gebot von der Gottheit gefallen zu lassen - sage, kann da wohl die Gottheit an solch einer Selbstverdammnis die Schuldträgerin sein?!

[RB.01_024,09] "Wenn aber dann die Gottheit aus purster Liebe solche Abtrünnlinge durch ihre Allmacht, Liebe und Weisheit von ihren seligsten Freunden absondert, ihnen aber auf den abgesonderten Zustandsorten dennoch die vollste Freiheit beläßt,kann sie dann als unsorgsam, hart und lieblos gescholten werden?!

[RB.01_024,10] "Aber du sagst: Dafür können Menschen und Völker ja nicht, wenn sie so arg werden - denn daran schulde die schlechte Erziehung und ein schlechter Unterricht; daß aber Erziehung und Unterricht schlecht sind, daran schulden schlechte, selbst- und herrschsüchtige Regenten; und endlich an den schlechten Regenten schulde die Gottheit Selbst! Oh, Ich will es dir gar nicht in Abrede stellen und sagen: Es gebe keine schlechten Regenten, und noch nie sei ein Volk durch schlechte Regenten verdorben worden! Oh, das sei ferne von Mir, dir gegenüber so etwas behaupten zu wollen! -

[RB.01_024,11] "Aber ebensowenig wirst du auch Mir gegenüber behaupten können und wollen, daß die gerechteste Gottheit noch nie irgendeinen schlechten Regenten gezüchtigt habe! Gehe die Weltgeschichte vom Anbeginn des Menschengeschlechtes durch, und sie wird dir viele Tausende von Regenten vorführen, die wegen ihrer schlechten Leitung der ihnen anvertrauten Völker auf das allerempfindlichste gezüchtigt worden sind.

[RB.01_024,12] "Aber nichtsdestoweniger hat sich in allen Zeiträumen der Erde diese alte Erfahrung als stets bewährt erfunden, daß gerade unter harten und tyrannisch schlechtem Regenten das Volk im allgemeinen stets besser, fügiger und lenksamer war als unter guten und sanften Regenten. Weshalb denn die Gottheit schlechte Regenten auch zumeist darum über Völker aufstellen läßt, auf daß die Völker, so sie arg geworden, an ihren Regenten eine Zuchtrute haben sollen und dadurch genötigt werden, ein rechtes Bußkleid anzuziehen und sich zu bessern, wonach ihnen dann die Gottheit ganz unfehlbar schon wieder bessere Regenten geben wird und auch allzeit noch gegeben hat!"

 

25. Kapitel – Sinn und Zweck der irdischen Lebensschule. Zeitliche oder ewige Glückseligkeit?

[RB.01_025,01] Rede Ich weiter: "Aber so ein Volk unter guten und sanften Regenten und unter friedevollen und gesegneten Jahren zu sehr laß, geil und völlig naturmäßig-sinnlich wird und auf nichts anderes mehr denkt, als wie es sich aus der Erde für sein Fleisch einen Himmel der Himmel schaffen könnte, - siehe, so etwas kann und darf die gute, nur fürs rein geistige Wohl eines jeden Menschen über alles besorgte Gottheit nimmer dulden noch also belassen, weil ein irdischer Fleischhimmel nach der ewigen, notwendigsten Urordnung Gottes stets den Tod des Geistes in sich führt und enthält. Gleich wie ein Knabe, der sich schon von der Wiege an im größten Wohlleben befindet, für jede geistige Entwicklung und Fortbildung gar keinen oder nur sehr wenig Sinn haben wird, also auch ein Volk, dem es irdisch zu gut ginge.

[RB.01_025,02] "Gehe in die Paläste der Reichen und erkundige dich da nach der rechten, von Gott angeordneten Bildung, und du wirst es zumeist finden, daß da selten eine (gottgewollte Herzensbildung) zu Hause ist. Gehe aber dann in die Hütte eines armen Landmannes, und du wirst ihn in der Mitte der Seinigen betend und das wenige Brot segnend antreffen! Sage, was gefällt dir besser? - Du sagst: der arme Landmann in seiner armen Hütte! Ich sage dir: auch Mir! Denn dieser betet aus seinem Geiste, erzieht dadurch seine Kinder geistig und erhebt sie zu Gott. Des Reichen Gott aber ist nur sein Fleisch, das er durch alle erdenklichen Wohlgenüsse anbetet und hochverehrt. Und also erzieht er auch seine Kinder, auch nur fleischlich fürs Fleisch, des Fleisches wegen. Solch eine Erziehung aber kann doch Gott unmöglich gefallen, weil durch sie jener heilige Zweck, dessentwegen Gott die Menschen geschaffen hat, ewig nie erreicht werden kann.

[RB.01_025,03] "Und siehe, derselbe Fall ist es auch mit einem ganzen Volke. Wird es irdisch zu wohlhabend, so wird es stets mehr und mehr sinnlich, und weil es ihm zu wohl gehet, so braucht es auch keinen Gott mehr, vergißt am Ende des wahren Gottes ganz und macht dafür sich selbst, oder was (sonst) seinen Sinnen am meisten zusagt, zu einem Gott. Und das ist noch allzeit der Ursprung des Götzentums gewesen!

[RB.01_025,04] "Du sprichst freilich bei dir: »Wozu ist denn die Gottheit dann höchst weise und allmächtig, wenn Sie so etwas nicht verhüten kann?« - Ich aber sage dir: Wenn die Gottheit die absolut frei werden sollenden Geister mit Ihrer Allmacht richtete, da wäre es mit der Freiheit wohl auf ewig gar! Denn die Allmacht würde da anstatt der freiesten Geister nur gerichtete Spielpuppen darstellen, aber ewig nie von der Gottheit ganz frei und unabhängig sich selbst bestimmende Geister, die in ihrer Vollendung selbst Götter werden sollen!

[RB.01_025,05] "Was aber die Einwirkung der göttlichen Weisheit betrifft, so verfügt diese eben solche Zustände über entartete Menschen, durch die sie wieder auf den Weg zum rechten Ziele gebracht werden können. Es ist zwar das auch ein Gericht und gewisserart eine Nötigung, aber nur den Außenmenschen berührend, auf daß der innere desto eher und leichter erwache und seine wahre Bestimmung wieder ergreifen möge und könne. Die Allmacht aber würde den ganzen Menschen richten und töten!

[RB.01_025,06] "Bedenke daher nun, ob du nun wohl noch ein Recht hast, die Gottheit zu beschuldigen, als täte Sie nichts für die Menschen oder, so Sie etwas täte, bloß nur Hartes, Liebloses und somit auch allerbarst Schlechtes!

[RB.01_025,07] "Findest du nun immer noch das Erdenleben so verächtlich? Ist der Erfinder desselben in deiner Kritik noch gewisserart ein Wesen, das Sich solch einer Erfindung durchaus nicht zu rühmen hätte?

[RB.01_025,08] "Ich meine, so du nur irgendeinen Funken eigenen Lichtes und des ,Hegelschen' besitzest, so mußt du es ja doch einsehen, und zwar aus endlos vielen Erfahrungen, daß auf der Erde, wo alles vergänglich sein muß, denn doch unmöglich je eine wahre Glückseligkeit zu suchen und zu finden ist, und das, wie gesagt, eben darum, weil sie, nach der natürlichsten Ordnung aller Dinge der Außenwelt, mit der Zeit notwendig veränderlich und am Ende ganz und gar vergänglich sein muß!

[RB.01_025,09] "Wer sich aber nach Meiner Lehre Schätze sammelt, die kein Rost angreift und die Motten nicht zerstören, der allein nur kann von einer wahren Glückseligkeit reden. Denn was für ewig bleibt wird doch offenbar besser sein, als was dem scharfen Zahne der Zeit unterliegt?

[RB.01_025,10] "Was wohl hast du selbst nun von all deinen rein irdischen Glückseligkeitsbestrebungen? Siehe, ein viertel Lot Pulver und ebensoviel Blei hat all deinen Mühen für die irdische Glückseligkeit ein vollkommenes Ende für ewig gemacht. Ob du das gerade verdient oder nicht verdient hast, das lassen wir nun dahingestellt sein. Denn Ich habe das gleiche Los ertragen müssen, nur mit dem Unterschiede: Ich - für Gott und Geist; du aber - für die Welt und für ihre vermeintliche materielle Glückseligkeit; Ich fürs ewige, und du - fürs zeitliche Wohl der Menschen.

[RB.01_025,11] "Wie Ich, so kannst auch du nun sagen: ,Herr, vergib ihnen; denn was sie taten, das taten sie in ihrem blinden Eifer, glaubend, etwas Rechtes zu tun! - Also darüber ist nicht viel mehr zu reden. - Aber was hast du nun für die sichere Ewigkeit mit herübergebracht?! - Siehe, Freund, das ist eine ganz andere Frage! - Wird dir die für dich so gut wie für immer vergangene Welt wohl etwas zu geben imstande sein? Denke nur einmal darüber nach und sage Mir, wie du es nun hier anfangen wirst?!"

 

26. Kapitel – Roberts Antwort: Das Leben gebe ich dem zurück, von dem ich's erhielt. Gibt es einen Gott der Liebe, der seine Geschöpfe so hart behandelt?

[RB.01_026,01] Nach einigem Nachdenken spricht Robert wieder und sagt: "Mein geachtetster, allerliebster Freund und Bruder! Was da deine überaus triftige Widerlegung meiner Anwürfe auf die Gottheit und auf ihre einmal aufgestellte Lebensordnung betrifft, so bin ich nun auch in diesem Punkte mit dir ganz einverstanden und sage und bekenne es laut vor dir, daß ich der lieben Gottheit sehr unrecht getan habe, vorausgesetzt, daß es wirklich eine solche Gottheit gibt, so einen liebevollsten Vater, wie du ihn deine Jünger wolltest lehren, und sie ihn aber dennoch nie ganz erkannt haben.

[RB.01_026,02] "Als sie denn darum von dir auch einmal verlangten, daß du ihnen solchen, deinen Vater, hättest zeigen sollen, und da du solch einem Begehren nicht anders genügen konntest, als, deiner Jünger leichten Glauben benützend, dich ihnen selbst als Vater darzustellen, so wolltest Du, nach meinem Dafürhalten, damit nichts anderes sagen als: O ihr jüdischen Dummköpfe! Wisset ihr denn nicht, daß es außer dem Menschen nirgends einen Gott gibt?! So ihr mich oder auch einen andern Menschen sehet, so sehet ihr ja auch, was zu sehen ihr verlanget. Wisset ihr denn noch nicht, und könnet ihr es denn unmöglich fassen, daß der Vater in uns ist und wir im Vater sind; oder mit anderen Worten gesagt, daß es nirgends einen Gott gibt, außer den im Menschen!?

[RB.01_026,03] "Obschon ich aber dieses notwendig nur so auffasse und fast kaum anders auffassen kann, so bin ich aber deswegen dennoch nicht hartnäckig darauf versessen und will recht gerne irgendeine Gottheit annehmen, so du sie mir erweisen und zeigen kannst, aber ich wollte, so ich's hätte, auch hier eine ganze Welt voll der größten Kostbarkeiten dir zum Pfande bringen, so du es imstande bist, mir außer der ,Hegelschen' Gottheit in dir noch eine andere irgendwo zu erweisen und zu zeigen! So ich demnach aber einer nicht und nirgends als nur in uns seienden Gottheit solche Anwürfe machte, (die sie wohl beleidigen könnten, so sie irgendwo wäre), - da kann ich deine wirklich allertriftigste Widerlegung auch um so leichter und allerwahrst annehmen, weil sie sich lediglich nur auf unsere eigenste innere Ordnung bezieht, die erst ganz begriffen und verstanden sein will, bevor sie sich, wohl begründet, einer zu seicht gefaßten kritischen Beurteilung preisgeben kann. Oder mit anderen Worten gesagt: ,Mensch, erkenne dich zuvor ganz, dann erst beurteile dein Sein und alle die verschiedenen, notwendigen Verhältnisse, welche die feste Bestimmtheit deines Seins mit sich führt!'

[RB.01_026,04] "Ich kann dir für diese deine nunmalige wahrhaft große Belehrung nur danken aus allen meinen Kräften; denn aus meinem überaus nichtigen und magersten Boden dürften solche Früchte wohl noch sehr lange nicht zum Vorscheine kommen.

[RB.01_026,05] "Aber trotzdem ich nun die weisen Beschränkungen der im menschlichen Geiste zugrunde liegenden absoluten Freiheit als überaus notwendig und der Natur der menschlichen Ordnung und ihrer zum wahren Leben erforderlichen Dinge höchst angemessen finde, so muß ich aber daneben denn doch noch immer leider offen bekennen, daß ich die Lehre, derzufolge Gott die purste Liebe ist, und das man diese Liebe über alles, den Nächsten aber gleich wie sich selbst lieben solle, durchaus nicht mit alledem, was du mir bis jetzt gesagt hast, vereinigen kann, und eher schon gar nicht, als bis du mich vom Dasein einer wirklichen Gottheit überführen wirst!

[RB.01_026,06] "Gott muß zuerst desinitiv dasein und seine Natur und sein Wille vollkommen erkannt, - dann erst läßt sich von Notwendigkeiten reden. Ist aber Gott nur ein vom blinden Glauben wohl angenommenes, nie aber der reinen Vernunft qualitativ erweisbares Wesen, da muß notwendig früher oder später jede auf Gott Bezug habende Lehre, und möchte sie auch noch so ominös metaphysisch (bedeutungsvoll übersinnlich) und ultra theosophisch (über die Maßen gotttesweise) klingen, sich von selbst in ein barstes Nichts auflösen.

[RB.01_026,07] "Ich widerspreche hiermit deiner nun an mich gerichteten Belehrung gar nicht; denn ich sehe ihre Realität (Wahrheit) nur zu klar ein. Aber es versteht sich auch nur in dem Falle, so es eine Gottheit gibt, die solche Ordnung zur Heranbildung des Menschen zu einem höheren, freiesten Wesen für unausweislich nötig gestellt hat. Gibt es aber keine Gottheit, dann brauche ich dir gar nicht zu widersprechen. Denn da widerspricht sich die Sache von selbst, und wären ihre Prinzipien auch noch so richtig gestellt.

[RB.01_026,08] "In der Beantwortung oder vielmehr Darlegung meiner an dich gerichteten Frage: »Mit welchem Rechte mich ein Windischgrätz erschießen ließ?« gingst du ganz kurz zu dem Entschuldigungsgrunde über, daß es nun gewisserart gar nicht an der Zeit sei, darüber viel zu reden, ob solches mit Recht oder Unrecht geschehen sei; denn auch dir sei ein ähnliches Los zuteil geworden, nur mit dem Unterschiede: Dir - für Gott und der Menschen ewiges und geistiges Wohl; mir aber - für die Welt und ihre vergängliche Glückseligkeit! - und ich solle dir nun kundgeben, was ich aus der für mich für ewig vergangenen Welt für die Ewigkeit mit herübergenommen habe? - Freund, ich meine, diese Frage zu beantworten, wird mir eben nicht zuviel Kopfzerbrechens machen!

[RB.01_026,09] "So es denn doch irgendeine liebevollste Gottheit geben soll, so lehrt uns die mehrere tausend Jahre alte Erfahrung, daß eben diese Gottheit den Menschen, so sie dieselben zur Welt in die seinsollende Freiheitsschule schickt, absolut nichts als bloß nur das allernackteste, unbehilflichste, begriffloseste und somit auch allerdummste Leben mitgibt. - Also ein allerreinstes und barstes Nichts bringt der Mensch auf die elende Welt! Von all den Weltschätzen gehört streng genommen nichts ihm, da er sie am Ende seines Lebens ex offico aeterno et naturali (aus ewigem und natürlichem Grunde) für ewig wieder verlassen muß!

[RB.01_026,10] "Was wohl hätte ich da für die Ewigkeit mit herübernehmen sollen oder können, außer ohne mein Verlangen und ohne meinen Willen mich ganz allein! Nur mit dem geringen Unterschiede, daß ich nun in diese Welt als ein denkendes, und somit etwas mehr geistig gebildetes Wesen eintrat, während mein Eintritt in die materielle Welt ein höchst unbehilflich elender war; welchen Eintritt ich aber dennoch diesem zweiten in diese unweltliche Welt sehr vorziehen möchte. Denn in der Materienwelt fühlte ich als Säugling nichts, außer etwa, wie ein Polyp, einen stummen Hunger oder einen ebenso stummen Schmerz, aber diese beiden Martern waren für mich so gut wie gar nicht da; denn ich hatte damals ja kein Bewußtsein und keine Beurteilung. Hätte meine arme irdische Mutter mir in dieser Zeit die kärglichste Pflege nicht gegeben, so hätten mich zufolge irgendeiner göttlichen Liebsorge wohl alle Mäuse und Ratten zusammenfressen können; die Gottheit hätte es sicher nicht abgewehrt!?

[RB.01_026,11] "Ja die Gottheit in der Brust meiner Mutter sorgte wohl für mich, aber die große, allmächtige, irgend über allen Sternen, die weiß vielleicht noch diesen Augenblick nichts von einem armen Teufel, von einem Robert Blum!

[RB.01_026,12] "So ich aber dennoch ein miserables Produkt dieser großen Gottheit sein soll, die aus purster Liebe mich so reichlichst ausgestattet in die Prüfungswelt sandte, kann sie nun wohl mehr von mir zurückverlangen, als sie mir aus die Weltreise mitgegeben hat?! Ich meine, wo nichts ist, da hört wohl von selbst jedes Recht aus!? Oder gibt es hier in der Geisterwelt wohl irgendeine solche Rechtsverfassung, nach der man auch für ein barstes Nichts jemandem zum Schuldner werden kann?!

[RB.01_026,13]"Das nackte Leben, ja, das ist nicht mein, da ich mir's nicht gegeben habe. Dieses Leben, mit einiger Intelligenz sogar bereichert und mit einem schlechten Rocke auch noch dazu, habe ich wieder hierhergebracht und stelle es mit dem größten Vergnügen dem wieder zurück, der es mir gegeben hat, - aber mit der Bitte, daß ich, als der elende Robert, für alle Ewigkeit völlig zu sein aufhöre! Denn ich ersehe nun auch sogar aus deinen, wenn schon sehr weisen Reden, daß dem Leben überhaupt, und ganz besonders dem meinen, für ewig keine glückliche Seite abzugewinnen sein dürfte. Und so ist es ja endlos besser, ewig nicht mehr zu sein, als so elend zu sein, sie ich es noch stets zu sein die große Ehre hatte!

[RB.01_026,14] "Es ginge nun zur Vollendung meines diesgeistigen (soll wohl heißen: diesseitigen) Glückes nur noch das ab, daß du, lieber Freund, also zu mir sprächest: »Weiche von mir, du Verfluchter, in das ewige Zornfeuer Gottes und brenne dort ewig unter den gräßlichsten Qualen und Schmerzen«, so wäre dadurch dem Leben und seiner Herrlichkeit wahrlich die Krone aller Kronen der urgöttlichen Liebe aufgesetzt! - Freund, wenn solch eine unbegreiflich härteste und aller Liebe ledigste Sentenz (Spruch, Urteil) auch dein liebevollster Vater dir eingegeben hat - wahrlich, da wäre von seiner endlosen Liebe nicht viel Gutes zu erwarten! Aber ich meine, solch eine scheußlichst grausame Sentenz dürfte wohl kaum je über deine Lippen gekommen sein, sondern wurde höchst wahrscheinlich in der späteren Zeit von den liebevollsten Römlingen eingeschoben? Das Warum dürfte nicht schwer zu erraten sein! Rede nun wieder du, denn ich bin mit meiner Antwort zu Ende."

 

27. Kapitel – Aufklärung aber die Erziehung des Menschen zur Selbständigkeit. Scheinbar harte Erziehungsschule – höchste göttliche Liebeweisheit.

[RB.01_027,01] Rede Ich: "Höre, du Mein lieber Freund! Mit dir wird es noch einige Anstände haben, bis du zu klareren geistigen Begriffen gelangen wirst! Du hängst noch viel zu sehr an der Materie und ihren Verhältnissen und (den) daraus hervorgehenden Erscheinlichkeiten. Deshalb beurteilst du auch alles nach der Materie, die gerichtet und daher vergänglich ist, und magst das rein Göttlich-Geistige nicht erfassen.

[RB.01_027,02] "Begreifst du, als ein Hauptphilosoph, denn das noch immer nicht: so die Gottheit ein Leben aus sich freigibt, so muß sie dasselbe ja doch vollkommen freigeben, und nicht gerichtet, - außer was allerhöchst notwendig gerichtet sein muß, als da ist das eigentliche leibliche Leben, das da gerichtet ist, auf daß es eine Festigkeit habe zur Aufnahme des Lebensgeistes aus Gott heraus. Hat dieser (der Lebensgeist des Menschen) einmal die rechte Festigkeit erreicht, oder will Gott einen an und für sich (noch) sehr schwachen Geist auf eine andere Art zum ewigen Leben kräftigen, ohne daß solch ein Geist es nötig haben soll, die volle Fleischprobe durchzumachen, so nimmt Gott Selbst das Gerichtete vom freiesten Geiste, und der Geist ist dann auch ganz frei, und es geschieht ihm dann nichts anderes und kann ihm auch nichts anderes geschehen, als was er absolut selbst frei aus sich heraus will? - Was willst du da noch mehr?

[RB.01_027,03] "Glaubst du denn, Gott wird dir gebieten, etwa entweder in die Hölle zu fahren oder in die Himmel einzugehen?! - Oh, mit solchen Ideen brauchst du dich in Ewigkeit nicht abzugeben. Denn Ich sage dir, da bist du ganz vollkommen frei; was deine eigene Liebe will, das soll dir auch werden! Gott kann und will dir auch zum bessern Teile behilflich sein, aber nur, so du es willst. Willst du aber solche Hilfe nicht, so wird sie dir Gott auch nicht von selbst an den Rücken nachwerfen, und das darum nicht, weil du ein ganz freies und von Gott ganz unabhängiges Leben hast, das sich ganz frei bestimmen kann wie es will, und daher auch für seine Ernährung und Stärkung zu sorgen hat, ganz unabhängig von Gott, ansonst es wahrlich kein freies Leben wäre!

[RB.01_027,04] "So aber Gott den Menschen auch ganz nackt und in jeder Hinsicht aus sich heraus völlig unbehilflich zur Welt geboren werden läßt, so geschieht das darum, um das Menschenleben schon da freizugeben, damit dasselbe sich an das sich-selbst-überlassen-sein schon von der Geburt aus gewöhnen solle. - Dieser Lebens-Trennungsprozeß muß darum auch mit der Geburt seinen Anfang nehmen, wo das Kind noch keiner Vorstellung, keines Begriffes und somit auch keines eigentlichen (d.h. voll und klar bewußten) Schmerzes fähig ist; weil bei einer solchen Lebenstrennung, so sie dem Menschen in einem begriffsfähigen Zustande geschähe, er den Schmerz und die zu große Trauer gar nicht ertragen könnte. Trauert doch ein Mensch, so durch des Leibes Tod einer seiner besten Freunde gewisserart von seinem Lebensbande getrennt wird; um wieviel mehr würde der Mensch erst trauern, so er mit vollstem Bewußtsein sich von seinem eigensten Lebensvater (Gott) trennen sollte? - Was denn am Ende dennoch geschehen müßte, weil ohne diesen an und für sich noch so schmerzlichen Akt kein Leben neben Gott frei gestellt werden könnte.

[RB.01_027,05] "So aber des Herrn höchste Weisheit und Liebe solch eine notwendigste Trennung in einen beinahe ganz empfindungslosen Zustand des Menschen versetzt, ihm (zum anfangs ganz gebundenen geistigen Leben) ein äußeres Naturleben gibt, das vor dem Geiste das ehemalige, mit Gott vereinte Leben auf eine unbestimmte Zeit verbirgt, auf daß der Geist sich solche Trennung desto leichter angewöhne und sich in sein künftiges, absolut freies Leben desto unbeirrter finden könne, sage, kann ein Mensch dann darum die Gottheit schmähen oder gar leugnen, so Sie tut, was Ihr Ihre eigene höchste Liebe, Weisheit und Ordnung gebietet?!

[RB.01_027,06] "Glaube es Mir, so es einen andern möglichen Weg zur Freigestaltung des Lebens aus sich gäbe, der noch weniger schmerzlich wäre, so hätte ihn die Gottheit auch sicher in Ihre Ordnung aufgenommen. Aber bei den Verhältnissen der Lebensdinge, wie sie sind und notwendig sein müssen, ist kein besserer und schmerzloserer Weg möglich, weil das schon der beste und schmerzloseste ist, und (er) ist somit auch gut und ganz zweckmäßig. Und weil also und nicht anders, da ist ja doch an der Sache selbst schon der größte Beweis fürs sichtbare, greifliche Dasein Gottes, ohne Den nichts entstehen, sein und bestehen kann.

[RB.01_027,07] "Ist aber dadurch das Dasein Gottes (nur zu) bestimmt und offenkundig erwiesen, wie verdient es vom so weisen Männern, wie du wenigstens einer sein willst, geschmäht zu werden? - Sieh, sieh, lieber Freund, wie sehr Unrecht du dem großen, heiligen Vater tust!"

 

28. Kapitel – Auch der Leibestod ein Hilfsmittel der Liebe Gottes. Vom Todesleiden in alter und jetziger Zeit.

[RB.01_028,01] Rede Ich weiter: "Siehe, das Sterben der Menschen auf der Erde ist auch für die äußeren Sinne eine sehr traurige und zumeist mit sehr verschiedenen Schmerzen verbundene Erscheinung. Der bloße Weltverstand findet sie für sehr hart und grausam angeordnet von Seite einer allmächtigen Gottheit, die noch dazu voll der höchsten Liebe und Erbarmung sein soll! Wie oft ist die gute Gottheit schon darob von Menschen und Geistern geschmäht oder auch ganz geleugnet worden!

[RB.01_028,02] "Aber siehe, auch da tritt wieder dieselbe Notwendigkeit wie bei der Geburt ein. Und der freie Geist im Menschen kann unmöglich anders von jedem seine wahre Freiheit hemmenden Gerichte ledig werden, als durch die Hinwegnahme seiner gerichteten, zeitweiligen Umhüllung, die dem Geiste nur so lange belassen werden darf, bis er von dem (Einleben mit dem) Urleben Gottes nach allen Teilen völlig isoliert (getrennt) worden ist, - Wobei freilich nur Gott, als der Gestalter des Lebens, wissen kann, wann solch ein Geist zur völligen Selbständigkeit gediehen ist. Ist solch eine Reife eingetreten, dann ist es auch an der Zeit, dem Geiste die Last abzunehmen, die ihn an seiner Freiheit hindert.

[RB.01_028,03] "Freilich sagst du, wie viele deinesgleichen: »Warum geschieht denn diese Abnahme dann nicht schmerzlos?!« Ich aber sage dir: Würde ein jeder Mensch nach der Lehre Gottes leben, so würde seines Leibes Tod ihm auch nur eine Wollust sein, oder doch wenigstens wäre er völlig schmerzlos. Aber da die Menschen zufolge ihrer Freiheit sich zu sehr in die (Wider-)Ordnung der Materie begeben, ihren Geist mit eisernen Ketten daran befestigen und ihn zur Weltliebe ziehen, da freilich muß solche Trennung, so sie erfolgen muß, mit um so mehr Schmerzen verbunden sein, je fester ein freier Geist sich an die gerichtete Welt angeklebt hat.

[RB.01_028,04]"Aber auch dieser Schmerz ist dennoch keine Härte, sondern nur die purste Liebe Gottes. Denn würde die Gottheit da nicht eine kleine Gewalt anwenden, die freilich nie wohl tun kann, dann ginge der Geist ganz ins vollkommene Gericht über und somit in den ewigen, qualvollsten Tod, der da die eigentliche Hölle ist. Aber um den edelsten Geist davon möglicherweise zu retten, muß die Gottheit ein solches notwendiges Gewaltstreichlein ausführen. Und da Sie das tut, sage, verdient Sie darum wieder, geschmäht oder gar geleugnet zu werden?! Leider gibt es nun eine zu große Menge Geister, die von Gott nichts mehr hören wollen, so sie ihre Freiheit erlangt haben. Aber Gott unterläßt es dennoch nie, sie auf den besten Wegen zum wahren und vollkommensten Ziele zu führen und zu leiten.

[RB.01_028,05] "Siehe, in der Urzeit wurden die Menschen im allgemeinen dem Leibe nach viel älter und starben endlich auch eines gar sehr gelinden und schmerzlosen Todes. Das geschah aber darum, weil sie in ihrem Geiste von Gott nicht so leicht wie die Menschen dieser Zeit abgelöst werden konnten, und das darum nicht, weil die Erde für sie viel zu wenig Reize aufzubringen hatte, und sie dadurch mehr in sich gekehrt und auch mit Gott in einem schwerer zu trennenden Verbande standen.

[RB.01_028,06] "Aber als mit der Zeit die Menschen stets mehr Reize der Erde abzugewinnen begannen, und die Trennung vom Gottesleben daher auch sich eher gab, da wurde auch die irdische Lebensperiode stets kürzer und kürzer.

[RB.01_028,07] "Als aber endlich die Menschen vor lauter Welttum und seinen Reizen ganz und gar ihres Urhebers zu vergessen anfingen, da erreichten sie dann aber auch das entgegengesetzte Extrem wider alle Gottesordnung, in welchem der ewige Tod ihnen zuteil werden müßte. Siehe, da war es dann göttlicherseits nötig, sich ihnen wieder mehr zu nähern und Sich hie und da zu offenbaren, um die dem ewigen Untergange nahen Menschen zu retten. - Viele ließen sich retten. - Viele aber nicht - aus eigenem, freiestem Willen! Hätte sie die Gottheit da mit Ihrer Allmacht ergreifen sollen, so sie Ihrer Liebe kein Gehör schenken wollten? Siehe, das hieße: alle solchen Geister dann für ewig verderben!

[RB.01_028,08] "Was kann da die ewige Liebe anderes tun, als aus Ihrer Liebe und Weisheit zu sagen: Weichet von Mir, die ihr euch allzu gänzlich von Mir abgefluchet oder abgelöset habt, und gehet in eine andere Erhaltungsschule, die euch und allen euresgleichen zu eurer möglichen Wiederlöse bereitet ist. Es ist ein Feuer des Gerichtes der Welt! Das muß euch lostrennen von ihr (der Welt), ansonst es um euch geschehen ist!

[RB.01_028,09] "Wenn die Gottheit, um solche Übel soviel als möglich zu verhüten, nun äußere Plagen über die Erde kommen läßt, sage, ist Sie da nicht (vorhanden)? Oder so Sie (tatsächlich vorhanden) ist, ist Sie da hart und lieblos? - Wenn Sie tut, was zu tun Sie für allernötigst findet!? Wie kannst du dir (aber) auch nur in einem Traume beikommen lassen, daß die Gottheit Ihre Geschöpfe, die Sie aus Sich heraus zeuget und schaffet, - verfluchen, verdammen und elend machen solle für ewig! Was hätte Sie wohl davon?!

[RB.01_028,10] "Aber so Sie die Geschöpfe frei darstellen will für ewig, -muß da nicht Ihre größte Sorge dahin gerichtet sein, daß diese Geschöpfe ja nicht irgend wieder in die Arme Ihrer Allmacht hinein geraten, wo es mit der Freiheit in jedem Falle geschehen sein müßte; gerade als so du Kinder hättest und möchtest sie aber in ihrer Zartheit nach aller deiner Manneskraft an deine Brust drücken, was ihnen natürlich das zarte Leben kostete; so du sie aber zu Tode erdrückt hättest mit deiner Kraft und hättest noch andere Kinder, - sage, würdest du diese nicht warnen vor deiner unbändigen Kraft, oder würdest du diese Kraft noch an mehreren versuchen? Dich würde wohl die Erfahrung davor warnen.

[RB.01_028,11] "Die Gottheit aber bedarf freilich der Erfahrung nicht da Sie um Besitze der unendlichsten Weisheit ist, Sie ist der alleinige wahre gute Hirte aller Ihrer Schäflein und kann sie am besten schützen vor Ihrer Allmacht, die Sie nur zur Gestaltung der gerichteten Dinge aller Körperwelt gebraucht, nie aber zur freien Gestaltung und Bildung freier Geister aus Ihr! Diese müssen allein aus ihrer Liebe und Weisheit hervorgehen, ansonst an ihnen ewig keine Freiheit und somit auch kein Leben zu bewerkstelligen ist! Denn Gottes Allmacht zeuget nichts als Gericht über Gericht!"

 

29. Kapitel – Wahrer Sinn des Textes: „Weichet von Mir, ihr Verfluchten!“ Jeder böswillige Geist verflucht sich selbst. Sünde wider den Heiligen Geist.

[RB.01_029,01] Rede Ich weiter: "Wenn du jene dir so schauderhaft vorkommende Sentenz aus dem Evangelium nur einmal als ein kritischer Denker bloß grammatikalisch durchgegangen hättest, so müßtest du schon aus der alleinigen Wortfügung auf den ersten Blick erkannt und eingesehen haben, daß die Gottheit damit ein wirkliches richterliches Verdammungsurteil über die sogenannten verstockten Todsünder nie habe für ewig wirkend aus der Allmacht heraus aussprechen können und noch weniger wollen!

[RB.01_029,02] "Denn sieh, es heißt da: »Weichet von Mir, ihr Verfluchten!« - Also sind die schon verflucht, an die das Gebot ergeht. Denn sonst müßte es heißen: Darum ihr vor Mir allzeit so gröblichst und unverbesserlich gesündigt habt, so verfluche Ich als Gott euch nun für ewig zur Hölle ins ewige Qualfeuer!

[RB.01_029,03] "So aber die schon verflucht sind, an welche die Gottheit solche Sentenz ergehen läßt, so folgt daraus schon fürs erste, daß die Gottheit hier durchaus nicht als Richter, sondern nur als ein alles ordnender Hirte auftritt und den, von Ihr leider aus eigener Willensmacht ganz abgetrennten Geistern einen andern Weg strenge anweisen muß, weil sie sonst, alles Verbandes mit der Liebe der Gottheit ledig, unmittelbar in die Arme der Allmacht geraten müßten, wo es dann um sie wahrlich geschehen sein müßte!

[RB.01_029,04] "Fürs zweite aber fragt es sich, da solche schon verflucht sind, - wer sie dann verflucht hat? - Die Gottheit unmöglich! Denn so die Gottheit jemanden verfluchete, da wäre keine Liebe in Ihr und auch keine Weisheit. Denn jeder Geist ist ja, wie alles andere, aus der Gottheit. So die Gottheit aber also gegen Ihre Werke, die aus Ihr sind, zu Felde zöge, zöge sie da nicht so ganz eigentlich gegen sich Selbst, um sich zu verderben, anstatt stets mehr und mehr von Ewigkeit zu Ewigkeit Sich aufzurichten durch die stets wachsende Vollendung Ihrer Werke, Ihrer Kinder!

[RB.01_029,05] "So aber die Gottheit danach unmöglich (aus Ihrer Allmacht heraus) als ein Richter erscheinen kann, sondern allein aus Ihrer Liebe und Weisheit heraus (als ordnender Hirte), so ist es ja klar, daß solche Geister zuvor durch jemand anders mußten gerichtet worden sein! - Durch wem aber? Diese Frage ist gar leicht zu beantworten, so man nur soviel Selbstkenntnis besitzt, um einzusehen, daß ein Wesen, das einerseits einen völlig freien Geist und Willen hat, der eigentlich allein der Liebe und Weisheit Gottes entstammt, anderseits aber (auf daß es von der Allmacht isoliert werden könne, um ein wahrhaft vollkommen freies Wesen zu werden), dennoch auch eine Zeitlang einen (wohlverstanden) von der Allmacht gerichteten Leib und eine äußere, gerichtete Welt mit eigenen, ebenfalls gerichteten Reizen haben muß, durch niemand anders als lediglich nur durch sich selbst gerichtet und bestimmt werden kann. Oder was dasselbe ist: Es kann sich (ein solch freies Wesen) nur selbst ,verfluchen', oder - gänzlich von aller Gottheit absondern und ablösen!

[RB.01_029,06] "Die Gottheit aber, die auch solch einem Wesen darum dennoch die Freiheit nicht nehmen kann und will, kann da ja doch nichts anderes tun, als solche verirrte Wesen bei ihrer Beschaffenheit anrufen und aus ihrem weisesten Liebernste ihnen den Weg anzeigen, aus dem für sie die Rettung möglich ist und sie wieder in den Verband der Liebe und Weisheit Gottes treten können. (Denn) außerhalb dieses Verbandes ist keine absolute Freiheit und somit auch kein geistiges, ewiges Leben denkbar, da außerhalb dieses Verbandes gewisserart allein nur die Allmacht der Gottheit wirkt, in der nur die Kraft der Liebe und Weisheit Gottes, als ein Wesen mit der Allmacht, (und) als das Urleben alles Lebens bestehen und sie (die Allmacht) leiten kann. Jedes andere von diesem Urleben abgelöste Leben aber muß in ihr zugrunde gehen und ewig erstarren, weil es für sich doch unmöglich der endlosesten Kraftschwere nur den allerleisesten Widerstand leisten kann!

 

30. Kapitel – Vom reichen Prasser und armen Lazarus im Jenseits. Wer hat die Hölle gemacht? Nur die Bosheit der Geister.

[RB.01_030,01] Rede Ich weiter: "Du sprichst nun bei dir: »Ja, ja, das ist alles richtig, so die Gottheit zu jenen also spricht, die sich zufolge ihrer vollsten Freiheit von ihr ganz abgelöst haben (nach der Art und Weise), wie sie durch sich selbst in sich beschaffen sind. Somit kann in dieser scheinbaren Schreckens-Sentenz unmöglich das unmenschlichst Schaudervolle vorhanden sein, wie man es aus den ersten Augenblick doch notwendig vermuten sollte. - Aber was hat es dann mit der Parabel vom armen Lazarus und dem reichen Prasser für eine Bewandtnis, der ohne alle Gnade und Pardon im heftigsten und schrecklichsten Feuer der Hölle gesehen wird, - der da bittet und keine Erhörung seiner Bitten findet, - zwischen dem und der Liebe und Gnade Gottes eine unübersteigliche Kluft angezeigt wird, über die für ewig keine Übergangsbrücke sich befindet!? Was sagt denn da die göttliche Liebe, Weisheit, Erbarmung und Gnade dazu?«

[RB.01_030,02] "Lieber Freund, Ich wußte es wohl, daß du mit dieser Frage kommen wirst. Dagegen frage Ich dich aber auch, ob du Mir sagen kannst, wer denn diesen Prasser so ganz eigentlich in die Hölle geworfen hat? Hat das etwa die Gottheit getan? Mir ist so etwas wahrlich nicht bekannt!

[RB.01_030,03] "Oder hat dieser in seiner notwendigen Qual sich etwa an die Gottheit und Ihre Liebe und Gnade gewendet, um von seiner Qual befreit zu werden? -Ich weiß nur, daß er sich an den Geist Abrahams und nicht an die Gottheit gewendet hat! - Der Geist Abrahams ist aber, obschon als ein geschaffener Geist überaus vollkommen, doch ewig die Gottheit nicht, die allein nur helfen kann und auch in solchen Fällen die alleinige, unübersteigliche Kluft ist, über die sich die Geister verschiedenster Art nie die Hände reichen können und dürfen, denn da wirkt allein Gottes geheimste und tiefste Weisheit und Liebe!

[RB.01_030,04] "Wenn dieser Prasser sich aber in großem Elende befindet, kann da die Gottheit darum, so er sich allgewaltigst selbst hineingestürzt hat? Was meinst du nun wieder zu diesem Punkte? Kann dem Selbstwollenden ein Unrecht geschehen, so ihm geschieht, was er will? - Sage Mir nun wieder deine Meinung!"

[RB.01_030,05] Spricht Robert: "Ja, ja, das ist wieder ganz richtig! Volenti non fit injuria (dem Selbstwollenden geschieht kein Unrecht)! Aber so die Gottheit voll der höchsten Liebe ist, was sie auch sein wird, weil ich's nun mehr und mehr einsehe, da fragt es sich von selbst: wie konnte wohl diese Gottheit einen so qualvollen Ort oder Zustand einrichten, in welchem ein Geist zuvor unbeschreibliche Schmerzen auszustehen hat, bis er möglicherweise irgendeiner Vollendung sich nähern und durch diese in einen etwas gelinderen Zustand übergehen kann? - Muß denn eine Hölle sein? - Und müssen solche Geister schmerzfähig sein? Könnte denn das alles nicht auf eine andere weniger grausame Art eingerichtet sein?"

[RB.01_030,06] Rede Ich: "Höre, Mein lieber Freund, meinst du denn, daß die Gottheit die Hölle also eingerichtet habe!? - Oh, da bist du in einer großen Irre! Siehe, das haben von alten Urzeiten her die argen Geister selbst getan. Die Gottheit hat es ihnen nur zugelassen, um sie ja nicht im geringsten zu beirren in ihrer Freiheit. Aber daß Sie eine Hölle je erschaffen hätte, das kann in allen Himmeln kein Wesen sich auch nur im allerentferntesten Sinne denken. Denn so die Gottheit eine Hölle erschaffen könnte, da müßte in Ihr auch die Sünde und somit Böses sein, was für die Gottheit eine eigentliche Unmöglichkeit wäre. Denn es ist nicht möglich, daß die Gottheit wider Ihre ewige Ordnung handeln könnte.- Und so ist es auch unmöglich zu denken, daß die Gottheit aus Sich im eigentlichsten Sinn des Wortes eine Hölle erschaffen könnte. Aber zulassen kann und muß Sie es den freiesten Geistern, so sie aus ihrer ganz Verkehrten ursprünglichen Gottesordnung (d.h. wohl: aus ihrer Widerordnung) heraus sich selbst Zustände bereiten, die allerdings sehr arg und schlimm sind!

[RB.01_030,07] "In der ganzen Unendlichkeit aber wirst du nirgends einen Ort finden, der da schon von der Gottheit aus als eine barste Hölle gestaltet wäre. Denn es gibt nirgends eine Hölle - außer im Menschen selbst nur. So aber der Mensch in einem fort ganz freiwillig in sich, durch die gänzliche Nichtbeachtung des Gotteswortes, die Hölle gestaltet und ausbildet und sich nimmer an die leichte Beachtung der Gottesgebote kehrt, was kann da die Gottheit dann dafür, so ein Geist Sie freiwillig flieht, verspottet und lästert!?

[RB.01_030,08] "Da aber die Gottheit doch allein nur das wahre Leben und auch das Licht alles Lichtes ist und sonach auch die alleinige, wahre, vollste Seligkeit aller Wesen, so ist es ja auch gar wohl erklärlich, daß ein gottloser Zustand durchaus nichts Angenehmes an sich haben kann, da es ohne Gott kein Leben, kein Licht, kein Wahres und kein Gutes geben kann!

[RB.01_030,09] "Ein Mensch aber, der die Gottheit verläßt und Sie aus sich hinausschafft und keine mehr annehmen will, muß ja dann in sich eine wahre Hölle gestalten, die in allem böse und arg sein muß, weil er freiwillig die Gottheit aus sich (hinaus) schafft! - Wenn es dann solch einem gottlosen Menschengeiste notwendig sehr schlecht ergehen muß, und je länger er in dem gottlosen Zustande beharret, desto schlechter, da kann die Gottheit nichts dafür. Denn würde die Gottheit Sich durch Ihre Macht eines Wesens trotzdem bemächtigen, obschon das Wesen aus seinem eigenen freiesten Willen Ihr aus das hartnäckigste und entschiedenste widerstrebt, so würde das solch ein Wesen augenblicklich gänzlich vernichten, was wider alle göttliche Ordnung wäre.

[RB.01_030,10] "Denn so die Gottheit nur ein kleinstes Wesen, das einmal aus Ihr heraus frei gestellt ward, vernichten möchte, so wäre das ein Anfang zur gänzlichen Vernichtung aller Wesen. So aber die Gottheit Ihre Ordnung für ewig unwandelbarst dahin feststellet, daß (solcher Ordnung zufolge) kein Wesen, möge es in der Folge sich gestalten wie es wolle, vernichtet werden kann, - so ist dadurch allen Wesen die ewige Fortdauer gesichert und zugleich auch für jedes Wesen die freie Möglichkeit gestellt, ein überglückliches werden zu können, aber natürlich auch so lange ein unglückliches zu verbleiben, als es selbst will!

[RB.01_030,11] "So jemand einen Weinberg besitzt, in den lauter edle Reben gepflanzt sind, von denen der Besitzer auch die besten Früchte zu erwarten berechtigt ist; wenn dieser Besitzer aber dann freiwillig hergeht und nicht nur die edlen Reben nicht pfeegt, sondern sie sogar ausrottet und an ihre Stelle Dornen und Disteln setzet, weil ihn derlei Wildgewächse mehr freuen als der einfache Weinstock, - sage, ist auch da die Gottheit schuld, so dieser dumme Weingartenbesitzer keine Weinernte macht und darob zum Bettler und zu einem mittellosen, elenden Menschen wird?

[RB.01_030,12] "Siehe, also ist es auch mit allen Geistern der Fall, die sich die Ordnung Gottes nicht wollen gefallen lassen und den herrlichen Gottesweinberg in ihnen nicht pflegen wollen! - So sie dann Dornen und Disteln anstatt der herrlichen Trauben ernten und elend werden, sage Mir, kann da wohl die Gottheit dafür? Kann Sie als Schöpferin solches Unheiles angeschuldet werden? Sage Mir, was du darüber denkst?"

 

31. Kapitel – Roberts freudige Zustimmung. Weitere Hauptfrage: Wiegestaltet ist die wahre Gottheit?

[RB.01_031,01] Spricht Robert: "Höchstgeehrtester Freund! Was soll ich da über diese Sache noch mehr denken, als was du nun gedacht und ausgesprochen hast. Denn alles, was du mir erläuterst, ist klar, wohlverständlich und zugleich unwidersprechlich wahr. Es kann wahrlich die Gottheit nicht anders sein und handeln, als so, wie du es mir dargestellt hast. Denn um ein Haar darüber oder um ein Haar darunter müßte die Gottheit aufhören, Gottheit zu sein, oder, so sie bliebe, da wäre es doch wenigstens mit allen ihren Schöpfungen ehest völlig zu Ende.

[RB.01_031,02] "Ich sehe es nun auch von selbst ein, daß ein jeder Geist, so er wahrhaft glückselig sein soll, für die höchste Wonne und für alle Reize der Glückseligkeit empfänglichkeit, das zarteste Gefühl und eine allerfeinste Empfindung und Wahrnehmung haben muß, so daß ihm auch die allersubtilsten Eindrücke unmöglich entgehen können und dürfen. Und so muß er als ein lebendiger Geist mit dergleichen Empfänglichkeit im Gegenteile auch die schlimmen Eindrücke mit einer gleichen Gefühlsschärfe wahrzunehmen imstande sein, ansonst er entweder halbtot oder geistigerweise narkotisiert sein müßte, - was sich aber mit seiner stets gleich freiesten Willenskraft und mit deren Tätigkeit doch unmöglich vertrüge!

[RB.01_031,03] "Siehe, das sehe ich nun ganz klar ein. Und es kann daher die Gottheit sich nur so, wie du sie mir im klarsten und besten Verhältnisse zu ihren Geschöpfen darzustellen die Güte hattest, als für ewig bestehend denken lassen. Darum ich denn auch nicht weiter mehr darüber nachdenken kann, weil ich in der wahrsten Notwendigkeit deiner Gedanken mich völlig zurechtgefunden habe.

[RB.01_031,04] "Aber nun kommt eine andere Hauptfrage, und zwar diese: "Wo, wo ist denn diese Gottheit? Wo ist ihre ewige Burg? In welcher Region der Unendlichkeit hat sie denn für ewig ihre Wohnung aufgerichtet? Denn irgendwo muß sie denn doch so ganz eigentlich in aller ihrer Fülle zu Hause sein?! Hat sie eine Gestalt? - Welche wohl? - Oder ist sie gestaltlos und ist ihr Sein ein unendliches, ohne Form, damit sie eben darum der Inbegriff aller Formen sein kann? - Siehe, Freund, da wir nun die Notwendigkeit eines obersten Gottseins klarst einsehen, so ist nun das Wo und Wie für uns von der größten Wichtigkeit!

[RB.01_031,05] "Vor allem aber muß ich dir doch bekennen, daß es mir viel lieber wäre, so die Gottheit möglicherweise doch unter einer Form vorhanden wäre, und zwar eben in der menschlichen. Denn eine völlig ihrem Wesen nach entweder unendliche Gottheit, oder eine Gottheit unter einer unserer menschlichen ganz fremden Form, könnte weder ich und ebensowenig auch jemand anders aus allen seinen Kräften lieben!

[RB.01_031,06] "Denn ein Wesen, das man nie erfassen und beschauen kann, wie auch ein Wesen in einer unserer menschlichen ganz fremden Form, die für uns nur mehr oder weniger abschreckend sein kann, kann nie geliebt werden! Mathematisch ist freilich wohl die Gestalt einer vollkommenen Kugel die vollkommenste; aber moralisch sicher die unvollkommenste!? Es nehmen sich wohl die großen himmlischen Leuchtkugeln sehr schön aus, aber das macht das Licht. Ob man aber auch eine solche Leuchtkugel lieben könnte? Wahrlich, auf diese Frage würde mein Gefühl offenbar verstummen müssen!

[RB.01_031,07] "Daher, mein liebwertester Freund, da du in allem Ernste mit der Gottheit um vieles näher vertraut zu sein scheinst als ich es bin, so mache vor mir keinen Rückhalt und rücke auch einmal mit der lieben Gottheit, und zwar mit dem wo und wie vollernstlich heraus!

[RB.01_031,08] "Denn von nun an brauchst du mit mir nicht mehr gar so beweisgründlich zu reden wie bisher. Ich bin von deiner tiefsten Weisheit vollkommen überzeugt und will, gerade herausgesagt, dir aufs Wort glauben, was du mir nur immer sagen wirst. Daher bitte ich dich, daß du mich darüber nicht im Zweifel belassest, da ich doch schon in anderen aus dieses Hauptthema Bezug habenden Dingen von dir wahrlich die allergenügendste Aufklärung erhielt!"

 

32. Kapitel – Liebe Mich, Jesus, denn in Christus wohnt die Fülle der Gottheit körperlich! Robert bezweifelt Jesu Gottheit, will aber blind glauben.

[RB.01_032,01] Rede Ich: "Höre du, Mein liebster Freund und Bruder! Bevor die Traube am Stocke nicht völlig reif wird, soll sie nicht von selbem gelöset werden! Denn eine noch nicht reife Traube ist sauer, und ihr Lebenssaft würde dann einen noch sauereren Wein geben, der sehr wenig Geist hätte; und hätte er schon einen, so doch einen sehr unedlen.

[RB.01_032,02] "Siehe, du bist nun auch noch wie eine nicht vollreife Traube und bist für deine verlangte Enthüllung noch nicht reif. Warum aber, das wird dir die jüngste Folge zeigen! - So du aber reif wirst, dann wird es dir dein eigener Geist sagen, was du nun von Mir so ganz gerade heraus haben möchtest.

[RB.01_032,03] "Wir haben nun zuvor noch ein sehr wichtiges Kapitel miteinander zu verhandeln. Wird diese Verhandlung wohl vonstatten gehen, so wirst du eher reif als du dir's vorzustellen magst: wird aber diese Verhandlung nicht also ausfallen, wie es die Ordnung Gottes verlangt, dann wirst du noch eine geraume Weile bis zu deiner Vollreife vonnöten haben.

[RB.01_032,04] "Das aber sollst du dennoch im voraus wissen, daß, wie die Traube nur durch die Wärme der Sonne, also auch ein jeglicher Menschengeist durch die rechte Liebe zu Gott zur Reife kommt. - Kannst du aber (schon) Gott nicht lieben, da du noch fragst, wo und wie Er sei, so liebe denn Mich, und das aus allen deinen Kräften, da du doch über Mein Sein nunmehr sicher in keinem Zweifel sein kannst. Damit wirst du der erwünschten Reife schon mäher kommen! Denn die Liebe des Nächsten ist gleich der Liebe zu Gott. Daß Ich aber hier doch unfehlbar dein Nächster bin, daran wirst du nun wohl keinen Zweifel haben?

[RB.01_032,05] "Und so tue das, so wirst du dich der Gottheit sehr zu nahen anfangen. Aber nun gehen wir zu unserem zu verhandelnden Kapitel über!

[RB.01_032,06] "Lieber Freund, sage Mir, da dir die Briefe Pauli nicht unbekannt sind, was dieser Lehrer wohl meinte mit den Worten, da er sagt~: »In Christo wohne die Fülle der Gottheit körperlich« - Meinte er wohl, daß sich in Christo, also in Mir, die gesamte Gottheit befindet? Oder wollte er mit diesen Mein Wesen vergötternden Worten bloß nur die außerordentliche Vortrefflichkeit des Geistes Meiner Lehre bezeichnen, - und zwar nach der damaligen Sitte, wo man, nach deinem eigenen Bekenntnisse, nur zu leichtfertig war, alles Außerordentliche zu vergöttern?! Sage du Mir darüber dein eigenes Urteil! Ich möchte es von dir vernehmen!"

[RB.01_032,07] Spricht Robert: "Ja, mein geliebtester Freund, höre, das - ist - eine ganz kurios kitzliche Frage! Denn wie möglich wohl möchte sich hier erraten lassen, was der gute Paulus damit so ganz eigentlich gemeint habe?! Es wäre äußerst gewagt, festweg zu behaupten und zu sagen: Das und nichts anderes hat damit dieser übrigens höchst respekable Lehrer der Heiden gemeint! Ich finde das überhaupt für eine große Anmaßung so mancher Gelehrten, so sie festweg behaupten, den wahren Geist irgendeines genialen Autors vollauf erfaßt und begriffen zu haben! Ich bin da um sehr vieles bescheidener und rufe mir in solchen Fällen sehr gerne das berühmte sutor ne ultra crepidam (Schuster bleib bei deinem Leisten) zu und lasse da andere urteilen. Gefällt mir ihr Urteil, so pflichte ich ihnen bei; und gefällt es mir nicht, so höre ich darüber noch andere urteilen und handle dadurch auch nach Paulus, der da spricht: Prüfet alles, aber nur das Gute behaltet!« - Als gut aber kann ich nur das anerkennen und annehmen, was meiner innersten Überzeugung am nächsten kommt. Alles andere gehört unter den Leisten des Schusters! - Hätte Paulus das erste gemeint, was auch möglich sein kann, so hat er unmöglich das zweite meinen können. Das ist mathematisch und logisch richtig! - Hätte er aber das zweite gemeint, was ich natürlich nicht wissen kann, was er (aber) wohl auch hat meinen können, so hat er unmöglich das erste meinen können, was wieder mathematisch und logisch richtig ist!

[RB.01_032,08] "Aus dieser meiner Desinition aber wirst du hoffentlich auch einsehen, daß ich dir auf deine mir sonst sehr teure Frage eine genügende Antwort schuldig bleiben und von dir erwarten muß, was du von mir haben wolltest! Daß ich dich mit der größten Aufmerksamkeit anhören werde, dessen kannst du völlig versichert sein! Sei demnach gebeten, selbst über dieses Kapitel nach deiner Weisheit zu reden!"

[RB.01_032,09] Rede Ich: "Deine Antwort, Freund, wie du sie Mir nun gegeben hast, habe Ich erwartet. Sie mußte ebenso natürlich klug ausfallen, als wie du in dir ein natürlich kluger Mann bist. Aber von einer übernatürlichen Klugheit ist darinnen noch nichts zu entdecken. Nach der innersten, übernatürlichen, also rein geistigen Klugheit aber kann Paulus nur ein Bestimmtes und rein Ausgeprägtes gemeint haben, das sich aus der Stellung seiner Worte ganz genau also muß definieren (bestimmen) lassen, daß man im Verfolge dieser wichtigsten Sache dann nimmer in einem Zweifel sein kann, ob er dies oder jenes gemeint habe; sondern daß er ganz bestimmt nur, nehmen wir an, das erste notwendig hatte meinen müssen. Wie aber das aus der innersten, übernatürlichen Klugheit zu entnehmen, das kannst du freilich nicht wissen. Denn Hegel und Strauß, wie auch der ältere Rousseau und Voltaire, haben solches selbst noch nie begriffen und daher auch unmöglich je gelehrt. Und du, als einer der eifrigsten Verehrer dieser Weltweisen, kannst daher auch jene Wege unmöglich kennen, die deinen Lehrern und Führern noch unbekannter waren als den alten Römern ein Amerika, ein Austalien und ein Neuseeland.

[RB.01_032,10] "Hättest du, als ein Deutscher, an der Stelle deiner früher benannten Führer lieber die deutsche Bibel,den Swedenborg und andere ähnliche Weise deutscher Abstammung mehr so recht tatsächlich fleißig durchstudiert, da wüßtest du nun ganz perfekt, wie der Paulus zu verstehen ist. Aber natürlich als Hegelianer bist du davon wohl noch weit entfernt, und es wird noch ziemlich vieles brauchen, bis du zu der innersten Klugheit gelangen wirst! Habe aber nun acht! Ich will dir etwas sagen! So du es annimmst, da sollst du dem Ziele um ein bedeutendes nähergerückt werden!

[RB.01_032,11] "Siehe, Paulus hielt Christum, also (respektive) Mich, für das höchste Gottwesen selbst, obschon er zuvor Mein schroffster Gegner (gewesen) war. Sage nun du Mir, was du von dem Glauben und von der Weisheit des alten Paulus hältst?"

[RB.01_032,12] Spricht Robert: "Mein geliebtester Freund, auf diese deine Frage ist wieder äußerst schwer irgendeine genügende Antwort zu geben. Denn fürs erste gehörete da wohl auch eine übernatürliche Klugheit dazu, die mir aber mangelt. Und fürs zweite kann man denn ohne alle näheren kritischen Beweise doch nicht so ganz als ausgemacht annehmen, daß ein sonst sehr weiser Paulus das im vollsten Ernste selbst geglaubt hat, was er den anderen Menschen wollte glauben machen. Denn alle ehrenhaft guten alten Weisen haben, vielleicht samt Paulus, sicher bei sich selbst gar wohl eingesehen, aus welch lockerem und unhaltbarem Boden alle metaphysischen und theosophischen Theorien stehen, und berechneten es nach ihrer genauen Menschenkenntnis gar wohl, wie sehr unglücklich in kurzer Zeit das gesamte Menschengeschlecht werden müßte, so es auf dem Wege höherer Aufklärung über sein nichtiges und vergängliches Wesen ins völlig klare gekommen wäre. Daher suchten sie durch kräftige Reden und Denksprüche - manchmal nach Art des Orakels zu Delphi - die Völker zu einem gewissen mystischen Glauben zurückzuführen, durch den wenigstens eine goldene Hoffnung auf ein künstiges Leben sich zuwegebringen, nähren und für die Folge erhalten ließe. Ob sie aber auch im Ernste selbst vollauf solcher Hoffnung lebten oder gar von alledem, was sie lehrten, eine feste und somit völlig wahre Überzeugung hatten, das muß ich (bis dahin) wohl sehr in Frage gestellt sein lassen, bis ich entweder auf einem innersten Klugheitswege oder durch eine unmittelbare Konfrontation (Gegenüberstellung) mit den Geistern, die so etwas gelehrt haben, eines andern belehrt werde!

[RB.01_032,13] "Ich aber für meine Person nehme übrigens, ganz abgesehen von Paulus und Petrus, nicht den geringsten Anstand, dich, meinen allerliebsten Freund, so lange für einen Gott zu halten, bis ich einen andern irgendwo finde! Sollte sich aber für ewig kein anderer Gott finden lassen, so bleibst du mein einziger Gott und Herr auch für ewig! Denn so es unter uns einer ist, da bist es offenbar du! Denn an mir läßt sich trotz aller meiner hegelschen Weisheit auch nicht ein allerleisester Tropfen von irgendeiner Gottheit verspüren. - Aber um einen gründlichen Beweis, warum ich das sehr gerne glaube und annehme, darfst du mich nicht fragen; denn da müßte ich dir die Antwort wieder schuldig bleiben!

[RB.01_032,14] "Denn was man glaubt, das glaubt man ohne Beweis, da der Glaube an sich selbst nichts ist als entweder eine Trägheit oder manchmal wohl auch ein gewisser Gehorsam des Verstandes. Fordert aber ein tätigerer Verstand Beweise für das Glaubensobjekt, und können solche dem Verstande genügend geliefert werden, so hört der Glaube ohnehin auf, ein Glaube zu sein; denn dann wird er zur anschaulichen Überzeugung!

[RB.01_032,15] "Diese anschauliche Überzeugung aber kann ich mir hier von deiner Gottheit durchaus nicht verschaffen. Daher will ich's unterdessen nur glauben, daß du vorderhand ein Gott seist. Sollte es in der Folge aber irgend möglich werden, diesen meinen Glauben bis zu einer bestimmten Evidenz (Offensichtlichkeit) beweislich zu steigern, da wird mein Glaube aufhören, ein Glaube zu sein, und wird beschauliche Wahrheit! - Ob aber dieser mein Glaube leicht zu einer beschaulichen Wahrheit wird umgestaltet werden können, das gehört freilich wieder in ein anderes Kapitel!

[RB.01_032,16] "Denn siehe, ich bin - besonders in diesem Punkte ein sehr starker Thomas und verlange zuvor ganz kuriose Beweise, bis ich etwas als eine bestimmte Wahrheit annehme.

[RB.01_032,17] "Du hast mir wohl die Bibel und den deutschen (Deutsch im weiteren Sinne, d.h. arisch-germanisch. Swedenborg war ein Schwede) Theosophen Swedenborg angeraten. Aber was nützt hier ein solcher Behelf, wo man ihn nicht haben kann. Und so man ihn auch hätte, so ließe sich darüber sicher ebensoviel dawider als dafür sagen und beweisen. Daher bleiben wir nur bei dem ganz einfachen Glauben. Und so es dir möglich ist, dann mache mich ein wenig dummer, als ich so von der Natur aus bin, auf daß ich im bloßen Glauben desto stärker werde. Und ich sehe es schon zum voraus ein, daß ich dann um vieles glücklicher sein werde, als ich es so bin!

[RB.01_032,18] "Denn ein so recht blitzdummer Kerl hat in Hinsicht auf ein glücklicheres Sein viel vor einem aufgeklärten Geiste voraus. Während dieser gewisserart im Schweiße seines Angesichtes in einem fort forscht und forscht, um nur der großen und heiligen Wahrheit näher und näher zu kommen und dadurch sich und viele Tausende möglichst glücklich zu machen, da betet der reine Glaubensmensch sein ,Pater noster', und legt sich dann ganz behaglich, sich um nichts weiter mehr kümmernd, auf seine echte Bärenhaut nieder und schläft wie ein Murmeltier sorglos, süß und ruhig! Kommt dann die letzte Stunde, so macht er sich eben nicht gar zu viel aus ihr. Wenn ihm nur irgendein Priester ob einiger gutbezahlter Messen die Dispens von der Hölle und den Nachlaß der zeitlichen Strafen im Fegfeuer verschafft! Sein blinder Glaube nimmt das alles als bare Münze an, und er stirbt in der zuversichtlichsten Hoffnung, sogleich vom Munde aus in den Himmel aufzufahren! - Das heiße ich doch - eine glückliche Dummheit! - Und ich sage auch noch hinzu:

[RB.01_032,19] "Ein großer Narr und Esel ist der, der sich durch sein ganzes Leben mit Denken und Forschen abgibt. Denn das vermehrt weder auf der Körperwelt und noch viel weniger in dieser geistig dunstigen sein Glück. Im Gegenteile macht es ihn nur um so unglücklicher, je mehr er nach Licht und Wahrheit dürstet, aber dabei auch stets mehr und mehr zu der klarsten Einsicht gelangt, daß die irgendwo seiende Gottheit zur Stillung dieses Durstes nirgends eine erquickende Quelle erschaffen hat.

[RB.01_032,20] "Also will ich nun diesen Weg ganz verlassen und mich dafür in die weichen Arme des stumpfen und trägen Glaubens werfen. Vielleicht komme ich da eher zu so etwas, das man mit Recht ein wahres Glück des menschlichen Wesens nennen kann?!

[RB.01_032,21] "Wie glücklich ist z.B. so ein Stiftsprälat! Er denkt nichts, er empfindet nichts; sondern er lebt bloß seines echt römisch-katholischen Glaubens in der süßen Ordnung seines epikuräisch-stoischen Ordensstifters, läßt sich täglich seine ausgesuchte Mahlzeit wohl schmecken, und so er abends nach einigen zu sich genommenen besten Gläschen Weines vom süßen Schlafe die ersten Visiten bekommt, da murmelt er wieder ganz takt- und gedankenlos sein ,Pater noster', und darauf ein stummes ,Gloria in excelsis', und läßt sich dann von seinen Dienern ins weiche Bettlein bringen. Kaum in dasselbe gefallen, kommen schon die lieben Engelein (natürlich ex spiritu vini (aus dem Geiste des Weines) und drücken ihm die Äuglein zu! Da schläft er dann allerruhigst bis zum nächsten Morgen, wo ihn gewöhnlich die Morgenbetglocke weckt. So er noch ein Schläfchen verspürt, da kann er sich noch einmal umkehren. Verspürt er aber kein Schläfchen, da läutet er an der Bedientenschelle, und diese dienstbaren Geister kommen daraus mit Sturmeseile und kleiden den Mann Gottes an. Ist er angekleidet, dann werden auf einem weichgepolsterten Betschemel einige Praeces matutinae aus einem lateinischen Breviarium herabgemurmelt, darauf ein stilles und kurzes Meßchen verrichtet und dann sogleich ein gutes Frühstückchen eingenommen, und das alles so fort bis zum letzen Atemzuge! - Wahrlich, siehe Freund, das ist ein glückliches Leben! Und solch ein Leben gibt der blindeste und stupideste Glaube?!

[RB.01_032,21] "Wie dumm ist da unsereiner dagegen! Daher will ich nun auch rein nur ganz ohne Gedanken mich dem Glauben in die Hände werfen. Vielleicht werde ich dadurch glücklicher werden!? Ich glaube daher nun an deine Gottheit! - Sage mir, tue ich recht und wohl damit? O rede du, mein geliebtester Freund!"

 

33. Kapitel – Vom wahren und falschen Glauben. Gefahren und Folgen des stumpfen Wohllebens.

[RB.01_033,01] Rede Ich: "Höre du, mein liebster Freund! Zwischen dem, was du Glauben nennst, und was der rechte Glaube ist, waltet ein endloser Unterschied ob! Dein Glaube wohl ist eine barste Trägheit des Verstandes, während der wahre Glaube alle Leibes-, Seelen- und Geisteskräfte in den vollsten Tätigkeitsanspruch nimmt. Dein Glaube ist ein Froschglaube; denn wie ein Frosch sich mit jeder noch so schlechten Pfütze begnügt, so auch begnügt sich ein solcher stumpfgläubiger mit allem Unflate und weiß am Ende nicht zu unterscheiden, was da Himmlisches oder Höllisches ist in der Lehre, der er stumpfgläubig blinde Folge leistet.

[RB.01_033,02] "Wie kannst du einen Prälaten darum als glücklich bezeichnen, so er durch seinen Stumpfglauben unter dem privglegierten Protektorate Roms in seinem Stifte auf Kosten der Dummheit seiner Untertanen sich mästet und ganz außerordentlich wohl geschehen läßt?! Ist denn das irdisch glückliche Leben auch also gleich ein glückliches in dieser Welt der Geister? O mitnichten, sage Ich dir!

[RB.01_033,03] "Denn je mehr jemand auf der Welt seinem Fleische, das da ist des Geistes Kerker, gedient hat, je mehr er dasselbe pflegte und nährte, und je mehr er diesem Kerker willigst gewährte, darnach es diesen gelüstete, - desto mehr und desto fester hat er sich auch mit demselben verbunden!

[RB.01_033,04] "So es dann aber zu der endlichen Ablösung von diesem Kerker kommen wird, wie hart, wie schwer und schmerzlich wird diese sein?! Wird man nicht, wie bei einer schlechten Geburt, wo die Leibesfrucht mit der Gebärmutter an mehreren Stellen förmlich verwachsen ist, die Seele und den Geist auch mit aller Gewalt förmlich stückweise dem zu sehr gemästeten Fleischkerker entreißen müssen, um diese ineinander verwachsenen Wesenheiten notwendigst trennen zu können!? Wird solch eine Operation dem Fleische, der Seele und dem Geiste wohl ein angenehmes Gefühl verursachen?! O siehe, das setzt schon zuerst eine Marter ab, die mit keiner rein irdischen zu vergleichen ist, was ich nur zu sehr und zu gut kenne! - Da aber diese bittere Folge auf solch ein irdisch glückliches Leben nahe allzeit nur zu bestimmt zu erwarten und zu bestehen ist, sage - kann man solch ein Leben ein wahrhaft glückliches nennen?

[RB.01_033,05] "Siehe, es gab in Asien, als Mohammed seine Lehre und sein irdisches Reich gründete, eine sonderbare, grausame Art von Aberglauben, namentlich unter den Mohammedanern, der, zumeist aus einem Christenhasse entspringend, darin bestand: Die Weiber der Osmanen mußten getrocknetes und pulverisiertes Blut von jungen und sehr fetten Christen einnehmen, so sie sehr schöne Mädchen zur Welt bringen wollten. Zufolge dieses krassesten Aberglaubens wurden dann nicht selten junge Christenmänner von den Osmanen gefangengenommen, natürlich ohne Ahnung zu welchem Zwecke. Diese Gefangenen wurden mit der größten Freundlichkeit behandelt und hatten das beste Leben einige Jahre hindurch. Sie bekamen die besten und nahrhaftesten Speisen und Getränke und wurden sonach förmlich gemästet. Hatten sie aber einmal die rechte Fette, da kamen dann die Schlächter, zogen dem wohlgemästeten Christen alle Kleider aus und hoben ihn dann in ein Bad, wo er ganz rein von allem Schmutze gewaschen wurde. Als er also gewaschen ward und noch nicht wußte, was mit ihm nun weiter geschehen werde, da ward er an Händen und Füßen festgebunden und also auf ein durchlöchertes, starkes und breites Brett, das über einer reinen Wanne befestigt war, gelegt und fest an dasselbe gebunden. Als diese Vorkehrungen getroffen waren, da zogen die Schlächter feine und scharfe Dolche aus den früher versteckten Scheiden und fingen an Stiche in das fette Fleisch des gemästeten Christen zu machen, auf daß das schöne und fette Blut dann aus taufend Wunden in die Wanne floß. Und damit das Blut desto reichlicher floß, wurde nach und nach der Leib des also Geschlachteten mit schweren Gewichten belegt! Welche verzweifelten Schmerzen aber der arme Geschlachtete dabei empfand, und das manchmal mehrere Stunden lang, bevor er starb, - das kannst du dir ohne eine weitere Beschreibung leicht vorstellen!

[RB.01_033,06] "Ich frage dich aber und sage: War sein früheres allerbestes Leben mit Bezug auf ein solch elendestes Ende wohl ein glückliches zu nennen? Hätte ein solcher Christ sich nicht so blind und sorglos mästen lassen, da wäre er fein mager geblieben; und die Osmanen hätten ihn gar bald wieder laufen lassen, da er nimmer fett werden wollte. Aber da er ganz sorglos, gleich einem Schwein, sich den Speck hinaufmästen ließ, so mußte er sich aber dann auch die Folgen seines Fettwerdens leider nur gar zu bitter gefallen lassen.

[RB.01_033,07] "Aber es bedarf zu solcher endlichen Bitterkeit wahrlich keiner abergläubigen Osmanen. Sondern der Speck selbst gibt und vollzieht noch viel Ärgeres! Glaube es Mir, solche sorglosen und egoistischen Fettwänste, sowie alle die durch ihr eigenes Fleisch gerichteten und verfluchten Unzüchtler und Hurer werden sich vollaus zu verwundern haben, welch merkwürdige Schmerzen ihnen der Leibestod bereiten wird! Wahrlich, der osmanische wäre (im Vergleich mit diesem tobenden Sturme) kaum ein kühles Lüftchen dagegen.

[RB.01_033,08] "Mit diesen Schmerzen nimmt das eigentliche ,Glück, eines Stumpfgläubigen erst so recht seinen Anfang! Kommt ein solch ,glückliches' Wesen dann aber wie ganz zerrissen und zerstochen in dieser (Geister-)Welt an, wo die Empfindsamkeit für jeden Eindruck bis in ein förmliches Indefinitum (ins Ungemessene) gesteigert sein muß, weil die früher durch den groben Leib geschützte Seele hier ganz bloß gestellt ist, - da fängt dann erst das eigentliche Schmerz-Glück an, das dein Stumpfglaube bereitet!

[RB.01_033,09] "So du aber ein solches ,Glück' im Ernste willst, so tue, wodurch du also glücklich zu werden wähnest, und Ich stehe dir dafür, daß du nur zu bald ganz anders denken und urteilen wirst!

[RB.01_033,10] "So Ich aber Selbst gelehrt habe: »Werdet vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!« und der Paulus verlangte, daß man alles genau prüfen solle, und das Gute daraus behalten, sage, wurde dadurch ein Stumpfglaube, der kein Glaube ist, oder ein wahrer, lebendiger Glaube, der über alles Wissen himmelhoch erhaben ist, geboten?! Urteile nun selbst, ob das, was du Glauben nennst, wohl Glaube ist!? - Sodann erst werde Ich dir sagen und genau erläutern, was so ganz eigentlich wahrhaft glauben heißt! Rede nun, denn es ist die Reihe wieder an dir!"

 

34. Kapitel – Roberts Begriffe vom Glauben und der rechten Gottesverehrung.

[RB.01_034,01] Spricht Rorbert: "Freund, wahrhaftig wahr, du machst mich ganz perplex (verblüfft) oder, mit anderen Worten gesagt, ganz dumm! Höre einmal, wenn das nicht Glauben heißt, was ich für den Glauben halte, da kannst du mir gleich den Kopf vom Rumpfe reißen, und ich werde es dir dennoch nicht zu sagen imstande sein, was man denn so ganz eigentlich für den Wahrglauben halten soll.

[RB.01_034,02] "Das reine Wissen kann doch kein Glaube sein! Das Schauen und Vernehmen und gar das Betasten noch weniger!? Außer dem Wissen und außer dem truglosen Wahrnehmen durch unsere Sinneswerkzeuge kenne ich aber wahrlich nichts, das der Mensch in sein Erkenntnis- und Beurteilungsvermögen aufnehmen könnte. Und so das Wissen und das Schauen, Hören, Schmecken und Fühlen Glauben heißt, was ist denn hernach das, was ich bisher Glauben nannte?

[RB.01_034,03] "Glauben heißt bei mir ein für alle Male etwas für wahr halten, das an sich auch wahr sein kann, so es nicht mit den Gesetzen der reinen Vernunft im Widerspruche steht, wenn die Lehrsätze auch nicht wie ein mathematischer Grundsatz bewiesen werden können. Können sie aber einmal also mathematisch erwiesen werden, so hat es dann ja auch notwendig mit dem Glauben ein Ende, sowie die Hoffnung, die eine Tochter des Glaubens ist, eben da ihr erwünschtes Ende erreichen muß, wo man das Erhoffte endlich einmal in aller Wirklichkeit erreicht hat!

[RB.01_034,04] "Ich kann mir unter Glauben demnach nichts anderes vorstellen als eine willige Annahme von Lehrsätzen und geschichtlichen Daten auf so lange, bis sie für den menschlichen Verstand erwiesen werden können. Soll das jedoch nicht Glauben heißen, da möchte ich doch wissen, was sonst noch Glauben heißen soll!

[RB.01_034,05] "Du hast wohl zu deinen Jüngern ein paar Male von der Wunderkraft des Glaubens gesprochen, weißt du, wo du vom Berge-versetzen etwas sagtest, - das sie aber wahrscheinlich auch um kein Haar besser verstanden haben als ich! Du müßtest alsonach nur diesen fabelhaften Glauben meinen? Da freilich wäre mein Glaube alles eher als ein Glaube. Denn vor meinem Glauben wäre nicht einnmal ein kleinstes Sandkörnchen, geschweige ein Berg gewichen!

[RB.01_034,06] "Ja, hör, einmal, Freundchen! Wenn ich solch eines Glaubens irgendwo auf der Erde hätte teilhaftig werden können, da wäre es dem guten Alfred (Windischgrätz) ganz verzweifelt schlecht ergangen! Nun, den hätte ich doch ganz kurios versetzt! Aber, wo bin ich, und wo solch ein Glaube? Ach herrje, bloß mit dem Glauben Berge versetzen können, das ist ein sehr großer und schöner Gedanke! Aber leider nur bloß ein großer, herrlicher Gedanke!

[RB.01_034,07] "Den Lehrsatz Pauli über das Alles-prüfen und daraus nur das Beste annehmen habe ich wohl auch allezeit mir zu meinem Leitsatz gewählt. Und die große Idee, Gott ähnlich zu werden, (wenn schon unmöglich je so vollkommen wie er selbst es ist), war die mächtigste Triebfeder zu allen meinen Mühen. Aber was habe ich dadurch erreicht?! Mein diesmaliger Zustand gibt dir von selbst die Antwort auf diese Frage!

[RB.01_034,08] "Auch du scheinst eben auch noch keine Sonne unter deinen Füßen zu haben. Ich meine damit und sage: Dein Wunderglaube hat weder dir noch mir noch bisher irgend goldene Berge getragen!? - Aber wer weiß es, was da noch nachkommen kann?!

[RB.01_034,09] "So ich es nun z.B. ganz willig ohne alle Widerrede annehme, daß du der Sohn des lebendigen Gottes bist, oder gar ausschließlich das höchste Wesen selbst, vorausgesetzt, daß du solch eine Annahme von mir verlangst, - so glaube ich, daß du entweder Filius Dei (der Sohn Gottes) oder das Numen supremum (das höchste Wesen) selbst seiest. Denn ich kann mir keinen Beweis verschaffen, daß du das auch wirklich bist, was ich von dir glaube. Und so glaube ich es denn bloß nur, und das darum, weil meine geläuterte Vernunft darinnen wenigstens keine logische Unmöglichkeit findet, und das hauptsächlich durch deine triftigsten Erläuterungen, durch die ich recht helle einsehen lernte, daß die Gottheit noch ganz unbeirrt in all ihrem allmächtigen Tun und Lassen als die wirkliche Gottheit verbleiben kann, wenn sie auch ihren Geschöpfen gegenüber die beschauliche, geschöpfliche Form annimmt. Aber wenn ich etwa mit der Weile denn doch tastbare Beweise bekäme, daß du wirklich das bist, was ich nun bloß nur glaube, so hört denn ja doch der Glaube auf, ein Glaube zu sein, und an seine Stelle tritt dann ein helles Erfahrungswissen.

[RB.01_034,10] "Freilich könntest du wohl nun sagen: »Siehe, alle wahrhaft Gläubigen beugen ihre Knie bei der Nennung meines Namens und beten mich an. - So du aber sagst, daß du glaubest, daß ich die Gottheit selbst bin, warum tust du denn nicht, was da alle wahrhaft Gläubigen tun?«

[RB.01_034,11] "Dieser Einwurf ist allerdings sehr beachtenswert, und es ist etwas daran. Aber ich halte diese der Gottheit geziemenden Ehrfurchtsbezeugungen für eine Art Verstandesschwäche. Denn was dem Verstande mangelt, das ersetzt dann die gewisse sanatische Glaubensbegründung. Wer sich aber in irgendeinem Glauben begründen läßt, bevor er durch tatsächliche Beweise von der Wahrheit dessen, was er blind glaubt, hat überführt werden können, der ist, wenigstens in meinen Augen, ein Narr!

[RB.01_034,12] "Und du, so du auch wirklich die Gottheit selbst wärest, müßtest das doch auch für etwas ganz Ähnliches ansehen, ansonst du eine ehrsüchtige und somit überaus schwache Gottheit wärest, die eher auszulachen als anzubeten wäre! Aber ich weiß, daß dich solche Schwächen nicht plagen und nie geplagt haben, ob du schon Gott oder auch nicht Gott sein solltest! Daher liege ich auch noch nicht auf meinen Knien vor dir. Denn ich weiß es nur zu gut, daß dich ein solcher Aktus menschlicher Verstandesschwäche, von mir aus begangen, nur ärgern müßte.

[RB.01_034,13] "Daher täte ich so was sogar auch dann nicht, so ich (auch) die Überzeugung bekäme, daß du wirklich Gott seiest. Denn ich kann es durchaus nicht annehmen, daß eine allerweiseste Gottheit anbetungssüchtig sein könnte, da eine solche Frommkriecherei, so sie mir erwiesen würde, sogar schon mir, als einem nur ein wenig über die gewöhnliche Stupidität der Menschen hinausgerückten Denker, als sinnlos und in hohem Grade dumm vorkommen müßte. Wie sollte so was die weiseste Gottheit annehmen können!?

[RB.01_034,14] "Ich halte eine gewissenhafte Haltung der Gesetze Gottes für die rechte und der Gottheit allein wohlgefällige Anbetung. Denn das verlangt die ewig unabänderliche Ordnung der Gottheit selbst, ohne die kein Wesen denkbar wäre. Aber alles, was darüber hinausgeht, gehört in das Reich des blindesten Heidentums und ist somit auch die wahrhaftigste Narrheit!

[RB.01_034,15] "Ich habe deine Lehre, besonders über die Schändlichkeit der langen jüdischen Lippengebete, gar oft bewundert und wahrlich hochgepriesen; wogegen ich wieder das paulinische ,Betet ohne Rast' für die größte Eselei ansehen mußte, vorausgesetzt, daß der sonst sehr weise und erleuchtete Paulus unter dem Gebete nichts als ein sogenanntes andächtiges Lippengemurmel verstanden hat, was man von einem sonst so weisen Manne doch wohl kaum annehmen kann!

[RB.01_034,16] "Ich glaube demnach nun, daß du Gott seiest,- oder wenigstens ein wahrer Sohn Gottes, ein Prädikat, das du selbst allen Menschen zusagtest, die Gottes Gebote halten und Ihn dadurch über alles lieben. Ich bin auch fest entschlossen, alles zu tun, was du von mir weisermaßen verlangst. Aber so du von mir Kniebeugung und ein rosenkranzartiges Gebet verlangen möchtest, da sei du im voraus versichert, daß ich so was nie tun würde, und das darum, weil ich darinnen nur eine Verletzung, nie aber eine Verehrung deines mir über alles teuren Namens finden müßte! - Sage mir du nun wieder gütigst, ob du mit dieser meiner Erklärung zufrieden bist oder nicht."

 

35. Kapitel – Doppeltes Erkenntnisvermögen des Menschen. Nur das Licht des Geistes verschafft wahren Glauben. Übung und Sittenreinheit.

[RB.01_035,01] Rede Ich: "Mein Freund, solange der Mensch bloß aus seinem Verstande heraus Definitionen (Begriffsbestimmungen) macht, kann er vom Glauben und vom Gebete auch keine andere Meinung haben, als du sie Mir nun gar sehr unumwunden kundgegeben hast. Denn des Menschen Kopsverstand hat keinen andern Weg, als den der materiellen Anschauung und sinnlichen Betastung. Und ein geistiger, lebensvoller Glaube kann in einem sinnlichen Gemüte ebensowenig Wurzeln fassen, wie ein Weizenkorn aus einem Granitfelsen, allda es wohl eine feste Unterlage hat; aber da der harte Fels keine Feuchtigkeit hat, die das Weizenkorn auflösete und den Keim frei machete, so bleibt das Korn auch auf dem harten Felsen wohl eine Zeitlang was es war; aber mit der Länge der Zeit stirbt es dann gänzlich, dieweil es keine Nahrung hat! Was nützet dir all dein Wissen und was deines Verstandes Gehorsam, den du ,Glauben' heißest, so dein Geist daran keinen Teil nimmt?!

[RB.01_035,02] "Siehe, ein jeder Mensch hat ein doppeltes Erkenntnisvermögen: ein äußeres, das da ist der Kopf- oder eigentliche äußere Seelenverstand. Mit diesem Erkenntnisvermögen läßt sich nie das göttliche Wesen erfassen und begreifen, weil es der Seele gerade nur darum gegeben ward, um den Geist in ihr von der Gottheit vorderhand zu trennen und ihn Diese gewisserart auf eine Zeitlang verlieren zu machen! Wenn nun ein Mensch oder vielmehr eine Seele mit diesem alleinigen negativen Vermögen Gott suchen und finden will, da entfernt sie sich nur stets desto weiter vom Ziele, je hartnäckiger sie auf diesem Wege dasselbe verfolget!

[RB.01_035,03] "Aber die Seele hat noch ein anderes Vermögen, das da nicht in ihrem Kopf, sondern in ihrem Herzen Wohnung hat. Dieses Vermögen heißt inneres Gemüt und besteht aus einem ganz eigenen Willen, aus der Liebe und aus einer diesen beiden Gemütselementen entsprechenden Vorstellungskraft. Hat diese einmal den Begriff vom Dasein Gottes in sich aufgenommen, so wird dann dieser Begriff sogleich von der Liebe umfaßt und durch ihren Willen festgehalten, welches Festhalten dann erst ,glauben' heißt.

[RB.01_035,04] "Durch diesen Glauben, der lebendig ist, wird dann der wahre Geist erweckt, und der beschauet dann seinen Wecker; erkennt und ergreift ihn dann auch sogleich, richtet sich darnach auf wie ein mächtig Licht aus Gott und durchdringt dann die Seele und umwandelt in ihr alles ins Licht. Und dieses Licht ist dann der eigentliche Glaube, durch den jede Seele selig werden kann.

[RB.01_035,05] "Hast du je von diesem allein wahren Glauben etwas vernommen? Du sprichst in dir: »Nein, diese Art des Glaubens ist mir völlig fremd; denn ein Denken im Herzen kommt mir völlig unmöglich vor!« - Ja, ja, so ist es auch! Es muß dir diese Sache unmöglich vorkommen.

[RB.01_035,06] "Denn um im Herzen denken zu können, muß man eine eigene Übung haben; und diese Übung besteht in der stets erneuerten Erweckung der Liebe zu Gott. Durch diese Erweckung wird das Herz gestärkt und erweitert, wodurch dann des Geistes Bande lockerer werden, so daß sein Licht (denn jeder Geist ist ein Licht aus Gott) sich nach und nach stets mehr und mehr und freier und freier entwickeln kann. Fängt dann des Geistes Licht an, des Herzens eigentliche Lebenskammer zu erhellen, so werden auch die zahllosen Urtypen in rein geistigen Formen an den ebenfalls zahllosen Wänden des Lebenskämmerleins stets deutlicher und deutlicher ausgeprägt und der Seele beschaulich gemacht. Und siehe, diese Beschauung der Seele in ihrem Herzen ist dann ein neues Denken; die Seele gelangt da zu neuen Begriffen, zu großen und klaren Vorstellungen; ihr Sehkreis erweitert sich mit jedem Pulsschlage; die Steine des Anstoßes verschwinden nach dem Maße, wie da verstummet der Kopfverstand. - Da ist dann kein Fragen nach Beweisen mehr. Denn das Licht des Geistes erleuchtet die inneren Formen also, daß sie nach keiner Seite hin einen Schatten werfen; somit auch alles, was einem Zweifel nur wie im leisesten Hauche ähnlich wäre, für ewig verbannt wird.

[RB.01_035,07] "Und so ist denn auch ein Glaube, der also gestaltig im Herzen und nicht im Kopfe seinen Sitz hat, ein wahrer und lebendiger Glaube zu nennen; ,wahr', weil er dem untrüglichen Lichte des Geistes entstammt, und ,lebendig', weil im Menschen nur der Geist im wahrsten Sinne lebendig ist!

[RB.01_035,08] "In diesem Glauben aber liegt dann auch jene außerordentliche Kraft, von der in den Evangelien zweimal die Rede ist.

[RB.01_035,09] "Um aber zu diesem allein seligmachenden Glauben zu gelangen, muß man die vorerwähnte Übung wohl angehen und sich aufs ernsteste bestreben, darinnen sobald als möglich eine rechte Fertigkeit zu erlangen. Denn so der Mensch zu sehr und zu lange nur für die Ausbildung des Kopsverstandes und durch diesen rein nur für irdische Zwecke und Wohlfahrten gesorgt hat, da freilich muß es dann einem solchen Menschen völlig unmöglich vorkommen, auch im Herzen denken zu können, besonders so man einen ganzen Hegel, Strauß umd Ronge und dergleichen mehreres im Kopfe herumträgt.

[RB.01_035,10] "Ferner muß man sich auch der evangelischen Sittenreinheit zu erfreuen vollen Grund haben. Man muß kein Schwelger und hauptsächlich kein fleischlicher Unzüchtler sein. Denn die Unzucht und Hurerei tötet entweder beinahe ganz den Geist, oder, so sie schon den Geist auch nicht zu töten vermag, so verhindert sie doch für alle Zeiten die freie Entwicklung seines Lichtes, - woher es denn auch kommt, daß solche Unzüchtler, besonders in vorgerückteren Jahren, ganz stumpfsinnig werden und ihrem matten Leben nur dann noch ein heiteres Augenblickchen abkneipen, so sie ein wenig geschwelgt und irgendeine Maid angegafft und betastet haben.

[RB.01_035,11] "War solches bei dir etwa gar nicht der Fall in der spätern Zeit? - da du doch das weibliche Geschlecht ohnehin als nur dem alleinigen Lustzwecke bestimmt zu sein ansahst. Fandest du nach Ronge nicht auch in solchen unlautersten Genüssen die eigentliche irdische Glückseligkeit, für die du strittest und starbst? Und so du nun zu einer rein geistigen übergehen sollst, da gibt es in dir nun beinahe keinen Grund, auf dem man etwas bauen könnte. Denn siehe, rings um dich herum ist alles leer, so leer wie in deinem Herzen und ebenso wesenlos wie in deines Herzens-Lebenskammern!

[RB.01_035,12] "Sage, woher werden wir nun Stoff nehmen, um in dir einen ganz neuen Menschen aufzubauen?! - Rede nun wieder und schaffe Rat!"

 

36. Kapitel – Roberts Unmut über die Erinnerung an irdische Schwächen. Er wünscht andere Gespräche.

[RB.01_036,01] Spricht Robert: "Liebster und wertester Freund! Soviel ich's merke, wirst du da so ein wenig anzüglich und mitunter auch etwas beleidigend! Es ist das wohl so eine Eigenschaft, die nahe allen Lehrern, mögen sie groß oder klein sein, anklebet. Denn alle durch die Bank sind bei gewisser Gelegenheit etwas grob und deuten ihren Zöglingen wenigstens per circumstantias varias ambagesque (durch allerlei Umstände und Umschweife) manchmal so ganz leise an, daß diese dem Geschlechte jener sanften und geduldigen Gattung der Tiere angehören, die mit den großen Weltweisen (hinsichtlich der Sanftmut und Geduld) so manches Ähnliche haben sollen! Wenigstens weiß die Weltgeschichte kein Beispiel aufzuweisen, daß ein solches Tier je irgendein Lamm zerrissen hätte! Nach Blut also lechzen diese Tiere niemals, wohl aber nach Heu und Stroh! Diese sehr magere Kost soll freilich zur Bildung des Gehirnes nur einen geringen Beitrag leisten, daher auch sollen diese Tiere durch die Bank im Kopfe verdammt wenig jenes breiartigen, weißlichten Stoffes besitzen, an dem der Kopf des Sokrates einen überschwänglichen Reichtum gehabt haben soll!

[RB.01_036,02] "Und da du mir denn nun auch eben nicht gar zu schwer verständlich angedeutet hast, wie es da um mich her, sowie an und in mir so gewisserart leer ist, wie etwa in dem Haupte des Vierfüßlers, der seinen Lebensäther aus Heu und Stroh beziehet, - so kann ich wirklich nicht umhin, für die Folge zu bitten, daß du, so ich schon durchaus ein Esel bin, mir das so ganz deutsch ohne vorhergehende Umschreibung glattweg heraussagest! Denn so du in mir denn im ernste nichts findest, das da zu irgendeinem weiteren Ausbaue meiner Erkenntnisse taugete, wenn in mir kein anderer Stoff vorhanden ist als wie etwa in dem Haupte eines Esels, so sage es mir ohne Vorhalt heraus, und ich werde mich darob gar nicht kränken; denn wo nichts ist, da ist einmal nichts!

[RB.01_036,03] "Ich sehe es wohl ein, daß der von dir mir nun übergründlich erläuterte innere Glaube in mir nie zu Hause war, wie ich es dir schon einmal bemerkt habe. Aber was kann denn ich dafür, so mir bis jetzt die Sache des wahren Glaubens von niemandem ist erläutert worden?! - Wäre da an der Stelle des Hegel jemand aufgetreten und hätte mir nach deiner Art Belehrungen gegeben, da wäre auch ich sicher kein Hegelianer und noch weniger ein Straußianer geworden, sondern ich stünde gleich einem Paulus vor dir.

[RB.01_036,04] "Aber da das durchaus nicht der Fall war und meines Wissens wohl niemandem je ein Gedanke durch sein Gehirn gefahren ist, daß der Mensch auch im Herzen, ja am Ende vielleicht gar auch in den Knien und Fersen solle denken können, so mußte ich ja doch dort meine Gedanken fassen und regeln, wohin sie in mir die liebe Mutter Natur beschieden hatte. Auf der Welt dachte ich im Kopfe also: Jedes Glied und jeder Bestandteil des menschlichen Wesens hat seine eigene Bestimmung und zweckdienliche Verrichtung. Die Füße können nicht die Hände ersetzen, der Hintere nicht den Kopf, der Inhalt des Magens nicht den des Kopfes, das Ohr nicht den Dienst des Auges und das Herz nicht den der Zunge. Daher dachte ich denn auch nur im Kopfe und ließ dabei dem Herzens eine Verrichtung ganz unbeirrt, und das darum, weil es mir auch nicht einmal in einem Traume eingefallen ist, daß der Mensch auch im Herzen solle denken können! So ich aber darum leer hierhergekommen bin, kann ich etwas darum?

[RB.01_036,05] "Wenn du nun aber von mir Dinge verlangen möchtest, deren ich auf der Welt wohl niemals habe teilhaftig werden können, so bist du ja doch offenbar trotz aller deiner Weisheit um tausend Male blöder als ich und wirst mir für die Folge wenig oder nichts nützen können!

[RB.01_036,06] "Es ist auch gar läppisch von dir, mir hier meine irdische, wahrlich nur seltene Schwelgerei und Venusdienerei vorzurupfen und sie zugleich als einen Grund anzuführen, deswegen ich nun hier also leer, wie du behauptest, mich vor dir befinde. Wenn solche Genüsse, die in die Natur des Menschen also gelegt sind wie der Keim in das Samenkorn, vor dir eine Sünde sind, warum sind sie denn dann in den Menschen gelegt worden?

[RB.01_036,07] "Man sagt doch von einem Löwen, daß er kein Mückenfänger ist; denn das Bewußtsein seiner großen Kraft sagt ihm: Meister, es ist nicht löblich, dich mit solchen Kleinigkeiten abzugeben! So du aber nicht nur einer der größten Weisen bist, welche die Erde je getragen hat, sondern sogar die große, allmächtige Gottheit selbst,- wie du mir im Verlaufe unseres diesfälligen Beisammenseins schon einige Male eben nicht zu undeutlich hast zu verstehen gegeben, da ist es mir wahrlich unbegreiflich, wie du solcher Kleinigkeiten gedenken magst, die ich als ein bloßer Mensch, selbst zur Zeit so ich mich auf Augenblicke in ihrem leidigen Genusse befand, kaum eines nähern Denkens würdigte!

[RB.01_036,08] "Der Mensch ist seinem Leibe nach ein Tier und hat daauch leider tierische Bedürfnisse, deren Befriedigung ihm elend genug die leidige Natur mit einer eisernen Hand diktiert. Findet er in sich einen unwiderstehlichen Drang, gegen den alle

geistigen Vorstellungen nichts auszurichten vermögen, so ist es ja des Geistes, der im Fleische wohnet, unerläßliche Pflicht, das Fleisch seinen Notdrang befriedigen zu lassen, um sich dann in der eigenen, rein geistigen Sphäre wieder freier bewegen zu können!

[RB.01_036,09] "Wenn der Geist also dem Muß in seinem Fleische, und zwar in dessen Drangperioden, nachkomnmt: wenn er den Kot durch den Darmkanal von sich treibt, wenn er dem Leib urinieren läßt, wenn er Speise und Trank zu sich nimmt, wie sie dem Fleische schmecken, wenn er ferner den lästigen Geschlechtstrieb, so dieser sein Opfer verlangt, auch nach Möglichkeit befriedigt, um darnach wieder einige Stunden Ruhe vor ihm zu haben, sage, kann das wohl je als eine Sünde deklariert werden?! Und ganz besonders hier, wo wir beide hoffentlich für ewig von solcher groben Naturlappalie verschont bleiben; denn ohne Fleisch werden wir im Dienste des Fleisches wohl sicher ein ganz verdammt schlechtes Geschäft machen!?

[RB.01_036,10] "Reden wir daher von etwas anderem und lassen all die vergangenen Naturfetzen das und dort sein, was und wo sie sind! - Reden wir z.B. einmal etwas vom gestirnten Himmel! Das wird mich mehr erbauen als die Aufwärmung meiner weiland - Naturfetzerei!

[RB.01_036,11] "Schau, du mein liebster und höchst wertester Freund und Gott und alles, was du mir gegenüber nur immer sein willst! Ich kann mich zwar über mein gegenwärtiges Befinden gar nicht beklagen; denn ich bin weder durstig noch hungrig; mein ganzes Wesen plagt kein Schmerz, und an deiner Gesellschaft habe ich für die Ewigkeit genug. Aber, so wir zu unseren gegenseitigen Belehrungsdebatten nur ein ums Kennen besseres Plätzchen irgendwo ausfindig machen könnten, so wäre das wirklich gar nicht übel! Denn hier sieht es schon ein für alle Male etwas zu luftig, ja man könnte sogar sagen, zu nichtsisch aus! Außer diesen Putterbergleins (Kleinhügeln), auf denen wir nun schon eine geraume Zeit beisammenstehen, ist nirgends etwas von irgendeiner Wesenheit zu entdecken. Wenn wir nur irgendwo so ein Rasenplätzchen mit etwa einem ganz schlichten Landhüttchen entdecken und dasselbe für bleibend in den Besitz nehmen könnten, so könnten wir daselbst unsere, für mich wenigstens äußerst interessante Debatten mit viel mehr Animo (Gemütlichkeit) vornehmen und durchführen!

[RB.01_036,12] "Besonders interessant wären da Worte von großer Bedeutung über die Sonnen und verschiedenen anderen Weltkörper zu wechseln!? Aber nur nichts mehr von den - gottlob weiland - irdischen Lebensverhältnissen! Denn diese könnten mich mit größtem Hasse und Widerwillen erfüllen, so zwar, daß ich am Ende sogar mit dir ganz und gar über nichts mehr zu reden imstande wäre! - Wenn es dir alsonach möglich wäre, für uns beide ein solches Plätzchen ausfindig zu machen, da sei von mir über alle Maßen gebeten, dafür deine Sorge und Weisheit in die gehörige Tätigkeit zu versetzen!"

 

37. Kapitel – Die Seelengefahr des Lobes. Selbst Engelsfürsten brauchen Demut zum Geistesfortschritt. Bekenne demütig deine Schuld – zu deinem Heil!

[RB.01_037,01] Rede Ich: "Höre, du Mein lieber Freund und Bruder! Das wird sich nun nicht tun lassen, da hier in der Welt der Geister nur das in die wesenhafte Erscheinlichkeit treten kann, was eine Menschenseele in ihrem Herzen mit herüberbringt. Ist das Herz aber geistig ganz leer, wie es bei dir leider der Fall ist, trotzdem du dagegen protestierest - so kann daraus auch nicht das allerkleinste Rasenplätzchen zum Vorscheine kommen!

[RB.01_037,02] "Du sprachst auch, daß Ich dir lieber etwas vom gestirnten Himmmel kundtun solle, als daß Ich dir deine irdischen Fehler vorrupfe. Das glaube Ich dir recht gerne, denn einer jeden Seele ist es schon vom Urbeginne ihres Seins lieber, so sie gelobt, als so sie, wenn auch gegründetstermaßen, getadelt wird.

[RB.01_037,03] "Aber glaube es Mir, jedes auch sogar verdiente Lob ist ein Gift für die Seele und daher auch schädlich für den Geist. Wenn Ich dir feind wäre oder sein könnte, dann würde Ich dich loben, um dich dadurch zu verderben. Da Ich dir aber sicher ein größter Freund bin, so muß Ich ja schon darum offen und aufrichtig mit dir reden! Denn ein schändlicher Schmeichler ist jedem ein barster und gefährlichster Feind darum, daß er unter der Maske der Freundschaft gewöhnlich nur einen reißenden Wolf birgt. Ja Ich sage dir, du kannst dir nichts Ärgeres antun, als so du dich selbst lobest und eine rechte Freude an deiner eigenen Vortrefflichkeit hast. Denn dadurch versetzest du dir selbst einen barsten Todesstoß in dein eigenes Herz.

[RB.01_037,04]"Ich habe es darum auch allen Meinen Jüngern strenge aufgetragen, sich auch sogar dann nicht zu loben oder loben zu lassen, so sie auch alles getan haben werden, was nur immer Gott von ihnen haben will. Auch da sollen sie von sich dennoch stets ganz ernstlich sagen und behaupten, daß sie nichts als unnütze Knechte waren.

[RB.01_037,05] "Warum aber forderte Ich solches von den Jüngern? - Siehe darum, weil Ich allein es nur zu klar sehe, was die Seele tun muß, um sich selbst durch die Freimachung ihres Geistes wahrhaft frei zu machen. Es gibt in der ganzen Unendlichkeit nur ein wirksames Mittel zur Erreichung dieses Zweckes, und dieses einzige Mittel heißt die Demut des Herzens im ganzen Umfange ihrer Bedeutung!

[RB.01_037,06] "Die rechte, vollkommene Demut aber, die allein der Seele wahrhaft nützen kann, schließt auch selbst das schwächste, stillste und bescheidenste Selbstlob aus - weil durch dasselbe die Selbstliebe, welche eine Abwendung von der Gottheit und daher in sich der rechte Tod ist, eine Nahrung bekommt, das heißt - eine Nahrung zum Verderben des Geistes, welches ist ein rechter Tod der Seele.

[RB.01_037,07] "So Ich dich nun dazu auch noch loben möchte, da fürs erste alle deine irdischen Handlungen im Grunde nur Meinen gerechten Tadel verdienen; und fürs zweite in dir noch dazu eine große Gier nach Lob vorhanden ist, aus der heraus du dich selbst nur zugerne vor Mir erheben oder Mich wenigstens dahin bringen möchtest, daß Ich deine Weisheit anerkennete und vor der Schärfe deines Verstandes so einen recht massiven Respekt bekommen solle - was würde da aus dir werden?~

[RB.01_037,08] "Ich aber setze den Fall, daß es möglich wäre, solches an Mir zu bewirken - was käme dann für dich heraus? Siehe, nichts anderes, als daß Ich von dir als Besiegter weichen müßte, da Mich deine größere Stärke unterjochete, was aber in der Geisterwelt so viel sagen will, als seinen Gegner verschlingen und so aus der Erscheinlichkeit treten machen. Die Folge davon wäre, daß du fürs erste wieder ganz allein dastehen würdest, und fürs zweite es dann wohl äußerst schwer halten würde, daß du je wieder zu einer Gesellschaft kämest. Denn so Ich jemanden verlassen würde, der wäre dann auch für ewig verlassen, und der wahre Tod müßte der ewige Anteil seiner Seele sein und bleiben!

[RB.01_037,09] "Aber es ist so etwas wohl rein unmöglich. Niemand kann es mit Meiner Weisheit aufnehmen. Selbst der größte Weise aus allen Sternen muß sich vor Meiner Weisheit beugen bis zur innersten Faser seines Lebens. Und das ist heilsam sogar für den größten und tiefsinnigsten Engelsgeist. Denn auch die größten Engel müssen demütig sein, so sie ganz selig sein wollen, obschon ihr Weisheitsglanz jede Sonne zum finstern Klumpen umstalten müßte, so diese in seines Lichtes Sphäre käme.

[RB.01_037,10] "Um wieviel notwendiger ist dir sonach eine rechte Demütigung, der du noch ganz leer bist von allem, was dich nur wenigstens mit dem leisesten Schimmer eines reellen Seins erfüllen möchte. - Beurteile daher künftig alles was Ich dir vorhalten werde genauer und werde darob nicht erbost, sondern bekenne deine Schuld vor Mir und demütige dich, so wirst du in Augenblicken weiter kommen, als sonst in Jahrtausenden!

[RB.01_037,11] "Bedenke das wohl und sage Mir es genau, was du tun wirst, - und Ich werde Mich darnach richten von nun an."

 

38. Kapitel – Roberts Rückschau auf seine Erdenschicksale. „Züchtige mich – aber verlasse mich nicht!“

[RB.01_038,01] Spricht Robert: "Freund, deine Worte sind wohl voll Ernstes, und du scheinst es mit mir ganz ernstlich nehmen zu wollen, wofür ich dir nur aus allen meinen Lebenskräften dankbar sein muß. Aber wie du mich als noch viel zu wenig gedemütigt ansehen kannst, das ist mir völlig unbegreiflich! Bin ich denn, schon von meiner elenden Geburt angefangen, nicht durch alle möglichen allerwidrigsten Erfahrungen ohnehin bis auf den letzten Blutstropfen gedemütigt worden?

[RB.01_038,02] "Als ich mich trotz aller Hemmnisse mit der Zeit aus meinem angeborenen Staube denn doch ein wenig nur zusammenraffte, da brachen Unruhen in meinem Staate aus, und siehe, ich dämpfte sie durch meinen sicher redlichsten Willen und Verstand, ohne mich dann dafür vom Staate erhöhen und verehren zu lassen! Als darauf sozusagen ganz Europa rebellisch ward, da wurde ich als ein Deputierter meines Staates nach Frankfurt abgesandt und vertrat dort meinen Staat nach meiner möglichst besten Ansicht und Kenntnis, geleitet von einem mir bewußten guten Willen. Denn wahrlich, es war nie nur im entferntesten Sinne meine Absicht gewesen, jemand zu schaden, sondern allein nur zu nützen, d.h. freilich nur in der Art, als wie ich es für die Völker nach meiner damaligen Überzeugung als nützlich erachtete; ob es ihnen aber wirklich zum Nutzen geworden wäre, so meine Projekte für sie verwirklicht worden wären - das ist freilich eine andere Frage. Aber ich konnte damals dennoch unmöglich anders reden und handeln, als wie ich es redlichstermaßen mit meinem Wissen und Gewissen für billig, gut und recht fand! Und ich meine, daß eine jede Rede und Handlung, die einem ganz redlichen Gemüte entstammt, vor Gott und vor aller Welt als rechtlich anerkannt werden muß. Denn ich glaube, daß auch Gott nur auf die Redlichkeit des Willens und nicht aus den Erfolg sieht, der ohnehin allzeit in der Hand der rein göttlichen Macht liegt!

[RB.01_038,03] "Als in Österreich die wütendsten Unruhen ausbrachen, da dachte ich daran, wie es mir in meinem Staate gelungen war, einen Volksaufstand gegenüber dem Könige zu dämpfen und dachte darnach auch, daß mir so etwas auch in Österreich gelingen dürfte! Ich faßte den Entschluß dahin zu eilen.

[RB.01_038,04] "Als ich aber allda ankam, fand ich die Sachen bei weitem anders stehen, als wie ich sie mir in Frankfurt vorstellte. Das Volk war bedrückt und klagte laut über die Wortbrüchigkeit seines Regenten. Die schwärzeste und geldsüchtigste Reaktion (Unterdrückungssucht) war allen Dynasten und allen Aristokraten, Kaufleuten und Gold- und Silberjuden ohne Brille von der Nase herabzulesen. Das arme Volk wurde nur Luder und Canaille benannt und gescholten. Und jeder, der es mit dem armen, über alle Maßen geistig und körperlich bedrückten Volke hielt und ihm mit Gut, Blut, Rat und Tat helfen wollte, wurde als ein Volksaufwiegler und Meuterer aufgegriffen und, wie bekannt, ohne Gnade und Pardon ums irdische Leben gebracht, welche ,Ehre' auch mir allerschnödest widerfuhr - was aber doch (in Wahrheit) niemand für eine Ehre halten wird?! Denn so man, als ein sonst aller besseren und gebildeten Welt achtbarer und angesehener Mann, wie ein gemeinster Verbrecher vor den Augen gar vieler Menschen auf den Richtplatz hinausgeschleppt und dort wie eine gemeinste Bestie erschossen wird, so glaube ich doch, damit für jede Ehre, die einem je irgendwo zuteil geworden ist, zur Genüge gedemütigt worden zu sein?!

[RB.01_038,05] "Oder ist dir das auch noch zu wenig Demut? Soll ich wohl noch, oder kann ich wohl noch mehr gedemütigt werden?! - Ich finde besonders in dieser meiner Lage, daß so was geradewegs unmöglich ist. Denn weniger und elender zu sein, als ich es nun bin, wird wohl kaum irgendwo einem Wesen (beschieden) sein!

[RB.01_038,06] "Nichts habe ich als dich, meinen allergeliebtesten Freund, ganz allein. Du bist mir alles, mein Trost, mein größter Reichtum, meine einzige Entschädigung für alle meine irdischen Leiden und großen Demütigungen! - Und du statt mich zu trösten erweckst durch deine weisheitsvollen Reden in mir auch noch eine Menge neuer, qualvoller Bedenklichkeiten, die mein großes Elend nur vermehren, nie aber verringern können! - O sieh, du mein geliebtester Freund, das ist etwas hart von dir!

[RB.01_038,07] "Es mag wohl sein, daß du mit mir alles dessen ungeachtet die besten Absichten hast, und so es mir möglich ist, das zu tun, was du mir ratest, o kann das auch leichtlich mein größtes und ewiges Glück sein. Aber nur das einzige bedenke dabei, daß ich ein elendestes und über alle menschlichen Begriffe unglückliches Wesen bin, das allerwahrst von allem, was das Gemüt ausrichten könnte, völlig blank und leer ist - so wirst du deine sonst allerweisesten Lehren wenigstens also stellen, daß sie mich nicht zu sehr erschrecken und beängstigen möchten!

[RB.01_038,08] "Ich will mich fürderhin auch gar nicht mehr, auch nur mit dem schwächsten Gedanken, loben. Alle meine Handlungem sollen für ewig mit dem unvertilgbarsten Stempel der vollsten Schlechtheit und Verächtlichkeit gebrandmarkt werden und bleiben. Gerne will ich vor dir, so du es verlangst, das letzte und wertloseste Wesen der ganzen unendlichkeit sein.

[RB.01_038,09] "Aber nur verlasse du mich nicht! Und mache mich dadurch nicht gar zu unendlich elend! Drohe mir ja nicht mehr mit deiner Entfernung, sondern stärke mich mit der Versicherung, daß du mich ewig nie verlassen werdest - so gebe ich dir die allergetreueste Versicherung, daß ich alles tun werde, was du nur immer von mir verlangst!

[RB.01_038,10] "Habe ich auf der Welt je und wie immer gesündigt, so züchtige mich dafür, und demütige mich, so tief es nur immer möglich ist, und ich werde nie aufhören, dich zu lieben. Aber nur vom Verlassen rede nichts mehr! Denn das wäre das Schrecklichste, was du mir nur immer antun möchtest!"

 

39. Kapitel – Gute Wendung bei Robert. Texterklärung über den Täufer Johannes. In Robert bricht der Tag des ewigen Erkenntnislichtes an.

[RB.01_039,01] Rede Ich: "Nun, nun, Mein liebster Freund und Bruder! Das werde Ich auch nicht tun. Wir bleiben schon beisammen! Aber freilich in der Art, wie wir nun beisammen sind, könnte sich's für künftige Dauer wohl nicht gar zu leicht verwirklichen lassen! Denn damit würde dir und Mir wenig geholfen sein.

[RB.01_039,02] "Aber Ich entdecke nun in dir im Ernste eine gute Wendung und kann dich daher auch im voraus versichern, daß es mit dir ehestens besser gehen werde. Aber nur mußt du das, was Ich dir nun sagen und eröffnen werde, ganz genau nach Meiner Vorschrift erfassen und darnach handeln mit deinem Herzen, so wirst du sogleich heller zu sehen anfangen, und es werden dir Dinge, über deren Wesenheit du nun noch sehr im dunkeln bist, ganz klar und helle werden. Und so höre Mich denn!

[RB.01_039,03] "Siehe, in den Evangelien, allda von Johannes dem Täufer die Rede ist, heißt es unter anderem: Ich bin nur die Stimme eines Rufers in der Wüste und bereite den Weg des Herrn. Nicht würdig bin ich. Dem die Schuhriemen aufzulösen, der nach mir kommt. Ich taufe nur mit dem Wasser; er aber wird taufen mit dem Geiste der Wahrheit, mit dem Geiste Gottes zum ewigen Leben! Dieser mein erhabenster Nachfolger wird wachsen unter euch und in euch; ich, Johannes, aber werde abnehmen? - Was meinest du wohl, was dieser größte aller Propheten damit hat sagen wollen?"

[RB.01_039,04] Spricht Robert: "Ja, du mein bester, mein allerliebenswürdigster Freund! Wenn ich das verstünde, so wäre ich wahrlich nie aus diesen traurigen Punkt zu stehen gekommen, aus dem ich nun stehe!

[RB.01_039,05] "Wahrlich, diese von mir nie verstandenen Texte waren ja eben am meisten schuld, daß ich an deiner Gottheit zu zweifeln begann und nimmer aus diesen Zweifeln kommen konnte - was denn auch ein Hauptgrund war, daß ich ein Neukatholik wurde.

[RB.01_039,06] "Daher sei du nur gleich so gut und erkläre mir diese höchst mystisch klingenden Texte. Denn ich könnte mich wohl ganz vom A bis Z umkehren, so würde ich die eigentliche Bedeutung dieser, wie noch gar mancher anderer Texte nimmer herausbringen!"

[RB.01_039,07] Rede Ich: "Nun, so höre denn! Johannes (der Täufer) ist im Leibe der Kirche das, was da bei jeglichem Menschen der äußere Weltverstand ist. Und eines jeden Menschen Verstand sollte also beschaffen sein, wie da beschaffen war der Johannes. Wie der Johannes vor Mir den Weg bereitet hat, also soll auch ein rechter äußerer Verstand den Weg zum Verstande des Herzens anbahnen - welcher Herzensverstand da gleich ist Mir selbst; denn Ich Selbst nehme diesen (Herzens-)Verstand aus Meinem Geiste und lege ihn wie ein guter Sämann in das Erdreich des Herzens ein, welches Erdreich aber da ist die rechte Liebe, die durch die Demut und Sanftmut bestens gedünget wird.

[RB.01_039,08] "Johannes ist auch eine Rufers-Stimme in der Wüste; und das muß auch ein rechter äußerer Verstand sein. Denn die Welt, aus welcher der Verstand seine ersten Begriffe schöpft, ist eine Wüste, und das darum notwendig, weil sonst kein Mensch von der Gottheit völlig abgelöst und freigestellt werden könnte, was Ich dir schon früher einmal gezeigt habe. Da aber die Welt notwendig eine Wüste ist, so ist der äußere Verstand, der zum Teile aus eben dieser Wüste, zum Teile aber auch durch mittel- oder unmittelbare Offenbarungen aus den Himmeln seine Begriffe, Ideen und (daraus hervorgehenden) Urteile schöpft, eben durch die Aufnahme der geoffenbarten Wahrheiten aus den Himmeln, auch die ,Stimme eines Rufers in der Wüste' und ,bereitet' durch den Glauben die ,Wege' zum Verständnisse des Herzens.

[RB.01_039,09] "Dieser rechte äußere Verstand tauft sonach die Seele mit dem Wasser der Demut und des willigen Gehorsams; während der Verstand des Herzens, in dem der ewige Geist aus Gott wohnet, durch die Erweckung eben dieses Geistes notwendig mit diesem Geiste taufen muß, weil dieser Geist aus Gott das wahre Licht, die vollste und hellste Wahrheit, die Liebe und somit das ewige Leben selbst ist.

[RB.01_039,10] "Es versteht sich demnach auch schon von selbst, daß der äußere Verstand (da) notwendig abnehmen, ja endlich sogar gefangen" genommen und enthauptet werden muß, so der wahre Herzensverstand, der Mich Selbst darstellet, in eines jeden Menschen Herzen zunimmt und zum herrlichsten Baume des wahren, ewigen Lebens wächst, in dem da alle vollkommene Erkenntnis ist, und daß demnach der äußere Verstand auch wahrlich nicht wert ist, dem Verstande des Herzens die Schuhriemen zu lösen - das wird etwa doch auch ebenso klar sein, wie klar es dir selbst sein muß, daß das Licht einer Nachtlampe denn doch bei weitem unbedeutender ist als das Licht der Sonne am hellsten Mittage!

[RB.01_039,11] "Ich will nun auch nichts mehr von deinen irdischen Taten erwähnen, ob sie recht oder nicht recht waren. Denn sie flossen ja alle aus deinem äußersten Verstande, in dem die Stimme des Rufers gar nicht durchdringen konnte, weil das zu große Geräusch der Wüste, die da ist die eigentliche ,johanneslose' Welt, den eigentlichen Johannes, der da ist Meine geoffenbarte Lehre, übertäuben mußte! Denn so durch eine Wüste große Orkane toben und Donner rollen und mächtige Sturzbäche rauschen, da geht des Rufers Stimme wohl nur zu leicht unter, und das Gericht und der Tod hält dann ungestört sein Erntefest!

[RB.01_039,12] "Aber Ich komme dann auch (dorthin), zu retten, was noch zu retten ist. Nur freilich nicht also wie aus einem vom Johannes bereiteten Wege, sondern - wie ein Blitz, der vom Aufgange bis zum Niedergange leuchtet, wie es eben bei dir nun der unverkennbare Fall ist! Wer da das Licht des Blitzes annimmt, der wird gerettet. Wer aber dieses Licht nicht annimmt, der geht zugrunde; d.h. er begibt sich dann auf einen Weg, auf dem es sehr schwer wird, jenes Ziel zu erlangen, das ihm Gott gestellet hat!

[RB.01_039,13] "Du aber hast das Licht des Blitzes wohl ergriffen. Daher kam auch der Retter Selbst zu dir und führet dich nun des rechten Weges. Aber du mußt nun auch dem Retter willig folgen, und mußt Ihm durch deinen äußeren Verstand keine Hemmnisse in den Weg legen, sonst verzögerst du nur selbst die Erreichung jenes Zieles, das dir eben der Retter Selbst gestellet hat.

[RB.01_039,14] "Was wirst du nun tun auf diese dir gemachte Erläuterung jener Texte, die dir nach deinem eigenen Geständnisse Den verbargen, den du am allerklarsten hättest erkennen und erschauen sollen?!"

[RB.01_039,15] Spricht Robert nach einer nachdenklichen Weile: "O Freund! Ja endlos mehr als nur ein Freund! Nun erst fängt es in mir auf einmal an ganz gewaltig zu tagen!!- O Herr! O Herr! O Herr! Wie kannst Du bei mir verweilen!? - denn ich bin ja ein Sünder!!

 

40. Kapitel – Neues Leben aus dem göttlichen Geiste beginnt. Ankündigung einer neuen Freiheitsprobe auf höherer Erkenntnisstufe.

[RB.01_040,01] Rede Ich: "Liebster Bruder und Freund! Ich sage dir: Deine Sünden sind dir vergeben, dieweil du dich also gedemütiget hast, daß du den Wert deines Außenverstandes gänzlich hintangabst und dafür den Verstand des Herzens annahmst. Daher soll auch von nun an von allen deinen irdischen Gebrechen ewig keine Rede mehr sein!

[RB.01_040,02] "Du hast daher von nun angefangen eine ganz neue Lebensepoche (Lebensabschnitt) zu beginnen, in der du eine nochmalige Freiheitsprobe durchmachen mußt. In dieser Probe wird dir die Gelegenheit geboten werden, deinen alten und irdischen Menschen ganz auszuziehen und dafür den innern, der aus Mir ist, vollends auftauchen zu machen.

[RB.01_040,03] "Bis jetzt warst du ganz gesellschaftslos und hattest auch keinen Grund und Boden, auf den du deine Füße hättest stellen mögen. Der magere Boden, aus dem wir beide uns noch befinden, entspricht genau jenen von dir angenommenen und auch nach deinem Geständnisse gehandhabten Lehrsätzen, die du als Neukatholik Meinem Evangelium entnommen hast, und Ich Selbst kam dir auch gerade also entgegen, wie du Mich auf der Erde mit Hilfe deines Verstandes in deinem Gemüte ausgebildet hast, nämlich: als ein bloß nur sehr weiser Lehrer der Vorzeit. Aber also konnte Ich wohl nicht verbleiben, sondern mußte dich durch allerlei Lehre dahin leiten, daß du Mich denn endlich doch aus dir selbst als das erkennen mußtest, was Ich von Ewigkeit her bin und auch hinfort ewig sein werde!

[RB.01_040,04] "Aber mit dieser Erkenntnis allein ist es noch bei weitem nicht genug. Sondern du mußt, um das wahre Himmelreich zu erlangen, diese Erkenntnis auch mit der wahren Liebe zum Nächsten und daraus mit aller Liebe zu Mir beleben!

[RB.01_040,05] "Daher werde Ich dich nun sogleich an einen Ort hinbringen wo es dir an Gesellschaften verschiedener Art durchaus nicht fehlen wird. Du sollst einen gar ansehnlichen Grund mit einem großen und wohleingerichteten Wohnhause überkommen, und das an einer Hauptstraße und in einer sehr anmutigen Gegend. Auch für eine zahlreiche Dienerschaft wird gesorgt sein, die dir auf den leisesten Wink gehorchen wird.

[RB.01_040,06] "Viele Reisende von der Erde in diese (geistige) Welt werden an deiner Wohnung und Wirtschaft vorüberziehen, und viele werden bei dir zusprechen. Darunter werden sein Freunde und Feinde. Aber da sehe du darauf, daß du sie alle mit der rechten Liebe empfängst und ihnen reichest, dessen sie bedürfen - und das alles darum, weil sie alle Meine Kinder und somit auch deine Brüder sind. So wirst du alles das vielfach wieder gutmachen, was du auf der Erde, freilich nicht mit deinem Willen, sondern lediglich nur mit deinem geistigen Unverstande, verdorben hast, und Ich Selbst werde dann wieder zu dir kommen und werde zu dir sagen: Weil du bei dieser kleinen Haushaltung so gut gewirtschaftet hast, so sollst du nun über Großes gesetzt werden!

[RB.01_040,07] "Vor allem aber nehme dich in acht vor Zorn, Rache, wie auch vor unreiner Liebe, wozu es dir an Gelegenheiten nicht fehlen wird, so wird diese deine neue Lebensaufgabe ehestens gelöset sein, und dein wahres, ewiges Lebensglück wird von da an erst seinen hellsten Anfang nehmen!

[RB.01_040,08]"Also hüte dich auch vor der Neugierde! Denn diese macht keinen Geist besser und heller, sondern nur gar zu leicht schlechter und finsterer! - Wo deine Kräfte nicht auslangen sollten, da opfere nur allenmale Mir auf (d.h. stelle es Mir anheim), und es soll dir dann sobald eine Hilfe werden.

[RB.01_040,09] "Nun weißt du alles. Daher sage es Mir nun, wie du mit diesem Meinem Antrage zufrieden bist? Worauf wir uns dann aber auch sogleich an dem bestimmten Orte befinden werden!"

 

41. Kapitel – Robert: „Dein Wille sei mein Leben!“ Der Herr: „Liebe um Liebe!“

[RB.01_041,01] Spricht Robert: "O Herr! O Du meine nun und ewig ganz alleinige Liebe! Alles, alles ist mir ja unaussprechlich vollkommenst recht, was immer du mit mir armem sünder verfügen willst und wirst. Denn ich kann das alles nur als Deine unermeßlichste Gnade und Erbarmung ansehen? - Was wohl bin ich vor Dir?! - Was ist der Staub gegen Den, der den ewig endlosen Raum mit seiner alleinigen Macht ausgespannt und mit den zahllosesten Wunderwerken seiner ewigen Liebe und Weisheit erfüllet hat?! Ich bin nur ein durch Deine Gnade belebter Staub vor Dir! Dein heiliger Wille ist mein Leben! Wie sollte mir da etwas gar Unrecht sein, was Du mit mir bestimmest?! O Herr! Dein Name werde geheiliget, und Dein Wille sei mein Leben!

[RB.01_041,02] "Was ich nur immer vermag, das werde ich sicher auch mit dem freudigsten Herzen tun! Denn Du, Du, o mein Gott und mein Herr und meine alleinige Liebe, hast es mir nun ja selbst geboten! Und wie sollte mir das, was Du, o Herr, o Vater, mir gebietest, nicht über alles, alles, alles heilig, überwert und in aller meiner Liebe zu Dir im höchsten Grade angenehm sein!?

[RB.01_041,03] "Nur, daß Du mich sichtlich wieder verlassen wirst, wie ich's aus Deiner heiligen Unterweisung entnahnm, das wird mich freilich wohl überschmerzlich berühren! Aber es ist ja auch Dein heiliger Wille, und dieser wird Dich Selbst mir wiedergeben, wenn mein Herz Deiner vielleicht doch einmal würdiger sein wird als jetzt, wo es, zu unheilig, vor Deiner zu endlosen Heiligkeit nahe vergehen könnte aus einer gerechten Schande - da es so lange gar so unbegreiflich blind und stumpf hatte sein mögen. Dich nicht auf den ersten Augenblick zu erkennen, und Dir sogar spitzig und widerspenstig zu begegnen!

[RB.01_041,04] "O Herr! O Herr! Mein zu großer Unsinn lähmt mir nun wahrlich die allzeit dumme Zunge, daß ich nahe gänzlich unvermögend bin, noch länger Dir gegenüber, o Du Heiligster, Rede zu stehen. Daher geschehe nur sobald als möglich Dein heiligster Wille!"

[RB.01_041,05] Rede Ich: "Nun, nun, Mein geliebtester Bruder - !

[RB.01_041,06] Bittet Robert dazwischen: "O Herr! Nenne mich ,Staub' und ,Nichts' vor Dir doch nicht einen ,Bruder'! Denn wie sollte das, (was) nichts ist, Dir ein Bruder sein?!"

[RB.01_041,07] Rede Ich: "Mache dir nichts daraus! Denn Ich weiß es wohl am besten, ob und wie du Mir auch ein rechter Bruder bist. Daher mache dir nun nicht gar so viel daraus! Denn Ich ersehe in dir soeben etwas, und zwar in deinem Herzen, das sich nun plötzlich gestaltet hat! Und so werden wir Beide bei deiner nächsten Lebensfreiheitsprobe eben nicht so ferne voneinander abstehen, als du es dir vorstellest! Denn so jemand mit solcher Liebe aufzublühen anfängt, wie da nun die deinige sich plötzlich zu gestalten beginnt, dessen Weg wird fürderhin mit sehr wenig Steinen zum Anstoße beleget sein!

[RB.01_041,08] "Schau, schau, du Mein lieber Robert du, deine Sünden sind alle hinweg, und Ich liebe dich ja ganz unbeschreiblich, weil du Mich nun gar so sehr zu lieben anfängst! Und da Ich dich so sehr liebe, wie sollte Ich dich demnach verlassen können!? O nein! O nein! Fürchte dich nicht!

[RB.01_041,09] "Da du Mich so sehr liebst, so werde Ich dich nicht verlassen, sondern werde mit dir in dein Wohnhaus einziehen und mit dir arbeiten! Denn da du Mich gar so sehr zu lieben anfängst, so will Ich dir auch vieles erlassen, was du sonst noch notwendig zu bestehen haben müßtest! Denn - wer viel Liebe hat, dem wird auch viel vergeben werden!

[RB.01_041,10] "Du wirst zwar alles sehen und durchmachen, was Ich dir ehedem zugesagt habe, aber an Meiner Seite! - Sage Mir nun, du Mein geliebtester Bruder, ob Dir dieser Antrag lieber ist als der frühere?"

 

42. Kapitel – Ein wahrer Bruder. Gleichnis vom Scheibenschießen. Die Liebe zum Herrn bestimmt alles.

[RB.01_042,01] O Herr, spricht Robert nach einer Weile, "wenn Du mich Sünder vor Dir nur doch nicht ,Bruder' nennen möchtest! Denn solch einer ungeheuren Gnade bin ich ja doch nicht wert!"

[RB.01_042,02] Sage Ich:"Lasse das nur gut sein! Es lebt ja nun Mein Ebenmaß in dir! Durch deine Liebe zu Mir bist du ja in Mir, wie Ich in dir, und so sind wir eins in der Liebe. Und siehe, diese Einheit ist ein rechter Bruder. Sind wir auch ein jeder für sich ein vollkommenes Individuum, so beirrt aber das demnach die engste Verbrüderung nicht, di da ist eine rechte Einung durch die Liebe. Denn es gibt nur eine wahre Liebe und ein wahres Gute; und diese Liebe und dieses Gute ist gleich und somit eins in allen Engeln und anderen seligen Geistern, und ist vollkommen gleich Meiner Liebe und all dem Guten aus ihr. Und siehe, diese völlige Gleichheit heißet wahrhaft ,ein Bruder'!

[RB.01_042,03] "Und so bist dur Mir - zufolge deiner nun wahren Liebe zur Mir - auch ein wahrer Bruder, so wie Ich einst auf der Erde alle, die Mir werktätig nachfolgten, Brüder nannte, nicht etwa aus einer Art freundlicher Höflichkeit, sondern aus gegründetster, vollster Wahrheit heraus. - Also mache dir nun künftig nichts mehr daraus, so Ich dich Bruder nenne; denn nun weißt du es schon, warum!?

[RB.01_042,04] "Nun aber sage Mir auch, ob dir dieser zweite Antrag lieber ist als der erste?"

[RB.01_042,05] Spricht Robert: "O Herr! Du allzu überguter, heiliger Vater aller Menschen und Engel, da ist ja gar nichts mehr zu sagen, und jeder Vergleich fällt da von selbst hinweg. Denn was Du bestimmest, möge es so oder so gestaltet sein, so ist es schon allzeit das Allerbeste - darum, weil Du, als die endloseste Güte Selbst, es also bestimmet hast: Daß aber mir der zweite Antrag doch offenbar lieber sein muß als der erste, das versteht sich schon von Ewigkeit her von selbst. Denn Dich, o Du liebevollster Vater, wenn auch nur der Erscheinlichkeit nach zu missen, wird doch sicher keinem Wesen, das Dich so unbeschreiblich liebt wie ich nun, ebenso angenehm und beseligend sein, als so es Dich - als sein alles, alles, alles - auch persönlich sichtbar an seiner Seite hat!

[RB.01_042,06] "Aber, da Du mir nun gar so endlos gnädig und barmherzig bist, so bitte ich Dich aus aller Tiefe meines Herzens aber auch, daß Du mir gnädigst anzeigen möchtest, was ich wohl tun solle, damit ich solcher Deiner Gnade und Liebe denn doch wenigstens um ein Haar würdiger wäre, als ich es leider bis jetzt war? O Herr! Zeige, zeige mir doch solches gnädigst an!"

[RB.01_042,07] Rede Ich: "Höre, du Mein geliebtester Bruder! Du hast aus der Erde wohl zu öfteren Malen ein Spiel gesehen unter dem Namen: das ,Scheiben- oder Bestschießen?' Du sprichst in dir: »O ja, hab' öfter selbst mitgeschossen und sogar manchmal ein Bestes gewonnen!« Gut, da sage Mir, sie und durch welches Verdienst gegenüber dem Bestgeber hast du dir wohl das Beste erworben? Es mußten ja doch alle, die durch die Schüsse, gleich dir, ums Beste sich bewarben, ein gleiches Leigeld geben, und dennoch gewannst du das Beste!

[RB.01_042,08] "Du sprichst nun in dir: »Weil ich das Zentrum der Scheibe glücklicherweise getroffen habe! Es hatte der Bestgeber dadurch freilich wohl im Grunde keinen Nutzen, daß ich das Beste gewann; denn (auch) die Bestabzüge von den Leigeldern wären dem Bestgeber noch zum Gewinne geblieben, so niemand das Beste durch einen Zentralschuß gewonnen hätte. Aber er hatte dennoch eine große Freude mit mir, da ich einen Zentralschuß gemacht habe.«

[RB.01_042,09] "Gut, Mein geliebtester Bruder" (rede Ich weiter zu Robert) "Siehe, also geht es auch bei Mir! Ich bin ein ewiger Bestgeber allen Meinen Geschöpfen, und besonders den aus ihnen hervorgehenden Kindern! Die Schießscheibe ist Mein Vaterherz, die Schützen sind Meine Kinder, ihre Schießgewehre sind ihre eigenen Herzen, und das Beste bin wieder Ich Selbst und das vollkommenste ewige Leben mit Mir und aus Mir!

[RB.01_042,10] "Was wohl haben demnach die Kinder zu tun, welches Verdienst haben sie sich zu erwerben, um das von Mir für sie bestimmte Beste zu gewinnen? Siehe, nichts anderes, als recht scharf ihre Herzen zu laden und damit auf das Zentrum Meines Herzens zu schießen. Und so sie es gar leicht treffen, dann haben sie auch schon das Beste in der Tasche ihres Lebens. Und bei Mir geht es umso leichter, weil Ich gar keine Leigelder brauche, da Ich jedem ein ganz Vollkommenes Freischießen gebe.

[RB.01_042,11] "Wie du aber nach deinem eigenen Geständnisse aus der Erde manchmal ein Hauptschütze warst, so ist es dir auch hier gelungen, ebenfalls das Zentrum Meines Herzens mit dem deinen zu treffen, und so hast du nun auch schon alles, was Ich von dir verlange, nämlich die wahre Liebe. Diese allein macht dich aller Meiner Gegenliebe würdig, da sie vor Mir allein als ein wahres Verdienst angesehen und anerkannt wird. Was sollen da noch irgend andere Verdienste um Meine Gnade vonnöten sein? Daher sei auch deshalb ruhig! Denn so Ich mit dir zufrieden bin, was solltest du denn daneben wohl noch wollen? Siehe, Ich kenne nichts. Und so Ich nichts weiteres kenne, so möchte Ich denn doch wissen, wie du da noch etwas Weiteres, Größeres und Meiner Würdigeres tun sollest!?

[RB.01_042,12] "Ah wie du aber diese Meine Liebe in dir auch andern deiner verschiedenartigen Mitbrüder wirst mitzuteilen haben, das wirst du wohl noch durch deine künftige Stellung dir erst eigen zu machen bekommen, was dir aber auch zu keinem höheren Verdienste angerechnet wird. Denn diese größere Vervollkommnung deines Wesens wird dir nur darum zuteil, daß du dadurch selbst wirst desto seliger werden können, also lediglich nur ein Bene (Vorteil) für dich! - Aber von einem Meiner Gnade würdiger werden kann ewig keine Rede mehr sein, da du unmöglich mehr tun kannst, als Mich über alles lieben, was Ich von dir, wie von jedem andern, auch allein verlange.

[RB.01_042,13] "Sei also nun ganz unbesorgt wegen der größeren Verdienste, deren Ich ewig nicht benötige. Und habe nun acht, was jetzt vor deinen Augen vor sich gehen wird!

[RB.01_042,14] "Siehe, wir sind nun noch auf unserer dürftigsten, kleinen Welt beisammen, und du erschauest noch nichts außer dieser Welt, die uns einen kärglichen Standpunkt bietet. Du hast gemeint, diese Welt sei so ein kleiner, angehender Komet, auf dem sich etwa nach Trillionen von Erdjahren allenfalls ein Planet bilden könnte, und entstehe etwa zufolge der Anziehungskraft Meines Wesens, durch die sich Atome aus dem endlosen Äther um Mich her ansammeln. - Allein, dem ist nicht also, sondern ganz anders!

[RB.01_042,15] "Siehe, diese kleine, sehr nackte und dürftige Welt ist aus dir und entspricht völlig deinem bisherigen inneren Zustande, in und aus dem freilich Ich wohl das Allerbeste bin. - So also, wie diese Welt, und wie du Mich aus ihr zuerst erschautest - war dein Inneres beschaffen: der Grund klein und schwach, und Ich aus diesem Grunde nur als ein purer Mensch!

[RB.01_042,16] "Nun aber, als dein Herz Mich erkannte und in aller Liebe zu Mir entbrannte, wird aus dieser kleinen und sehr dürftigen Welt sogleich eine größere und festere und reichere hervorgehen!

[RB.01_042,17] "Ich halte nun noch die innere Blende in dir, daß sich das starke Licht deines Geistes noch nicht in die Seele ergießen kann. Aber so Ich nun in dir diese Blende zerreißen werde wie einst den Vorhang des Tempels, wodurch das Allerheiligste freigegeben wurde - so wirst du sogleich eine ganz andere Welt erschauen und dich verwundern über alles! Und so habe denn nun recht acht!"

 

43. Kapitel – Roberts neue, herrliche Welt. Worte staunenden Dankes und innigster Liebe. – „Diese Welt ist aus dir!“ Gleichnis der Kinderzeugung.

[RB.01_043,01] Robert schaut nun voll der größten Aufmerksamkeit um sich her, um bald irgendwo eine bessere und größere Welt zu erschauen. Aber es will sich dennoch keine so schnell zeigen, als er sie nun auf Meine Worte erwartet. Er strengt seine Augen noch mehr an und schaut nach auswärts, ob nicht von oben, als aus den Himmeln, nach seiner Idee die verheißene neue, bessere Welt niedersteigen möchte?! - Aber es kommt auch von da nichts!

[RB.01_043,02] Nach einer Weile gespanntester und in einer Hinsicht vergeblicher Erwartung wendet Robert sich wieder an Mich und spricht: "Allerhöchst Erhabenster, ewiger Meister umd Schöpfer der Unendlichkeit. Du mein heiligster, liebevollster Vater! - Siehe, ich schaue mir schon fast die Augen aus, und es kommt denn doch noch keine andere Welt zum Vorscheine? - Woran mag es nun da wohl liegen? - Es wird höchst wahrscheinlich, da wohl bei mir noch irgendeinen Haken haben. - Aber wo?! - Das bringe ich durchaus nicht heraus! Daher möchte ich Dich wohl bitten, mir diesen Grund zu zeigen.

[RB.01_043,03] "O Herr, so es Dir wohlgefällig wäre, da ziehe Du mir endlich einmal die Decke von den Augen!"

[RB.01_043,04] Rede Ich: "Nun Bruder. Ich sage dir, tue dich auf? - Was sagst du denn nun? Woher kam diese Gegend? und wie gefällt sie dir?"

[RB.01_043,05] Robert blickt, vor Freuden sich kaum fassen könnend, nach allen Seiten über alle Maßen erstaunt um sich. Denn er ersieht nun in größter Klarheit die herrlichsten Fluren rings um sich herum. Auch die schönsten und kühnsten Gebirgsgruppen begrenzen den weitgedehnten Gesichtskreis. Mitten aus den herrlichen Fluren ragen auch kleine, hellgrüne Hügel empor, an deren Füßen gar niedliche Wohnhäuser angebauet sich Roberts staunendem Auge zur Beschauung darbieten. Und in der Nähe steht ein großes, herrliches Gebäude, um das ein gar üppige frucht- und blütenreicher Garten sich ausbreitet. Über diese herrliche Gegend wölbet sich ein reinster, hellblauer Himmel, an dem zwar noch keine Sonne zu erschauen ist, aber dafür desto mehr der schönsten Sterngruppen, von deren einzelnen Sternen der kleinste heller glänzet als auf der Erde die Venus in ihrem hellsten Lichte; daher denn auch diese Gegend durch das schönste Licht dieser vielen tausend Sterne nahe stärker erleuchtet ist als die Erde von der Mittagssonne.

[RB.01_043,06] Robert kann sich kaum satt sehen an dieser für ihn mehr als zauberhaft schönsten Gegend. Nach einer geraumen Weile seines Schauens und Staunens fällt er vor Mir auf seine Knie nieder, starrt Mich eine Weile ganz liebetrunken an und preßt dann förmlich aus seiner Brust folgende Worte:

[RB.01_043,07] "O Gott, o Vater! O Du allmächtigster Schöpfer nie geahnter Wunderwerke! Wie soll denn ich reinstes Nichts vor Dir Dich zu loben und zu preisen anfangen und wo enden mit dem ewigsten Lobe? - Ach, ach, wie endlos groß muß Deine Weisheit und Macht sein, daß Du mit dem leisesten Winke solch eine Schöpfung zuwege bringen kannst?!

[RB.01_043,08] "Und doch stehest Du also bei mir da wie ein anderer ganz gewöhnlicher Mensch! Ja, das erst macht Dich noch endlos größer, liebens- und anbetungswürdiger, daß Du äußerlich nicht mehr zu sein scheinest, als wie da ist ein ganz gewöhnlicher Mensch; aber so Du sprichst und gebietest, so entströmen Deinem Munde zahllose Welten, Sonnen, Engel und Myriaden anderer Wesen von nie geahnter Wunderpracht und Herrlichkeit!

[RB.01_043,09] "O Herr! Wer kann Dich je fassen und wer begreifen Deine Liebe, Weisheit und Allmacht-Größe! O mein Gott, o mein Gott! Ich bin wohl nur ein ärmster Sünder vor Dir und kann nichts als Dich lieben, lieben und lieben! Ich bin so verliebt nun in Dich, daß ich mir vor lauter Liebe gar nicht zu helfen weiß! O Du liebster, herrlichster Jesus Du! Wer auf der Erde begreift es, daß Du, und gerade Du, und sonst ewig nirgendswo ein anderes Wesen, das allerhöchste, urewigste Gottwesen Selbst bist!?

[RB.01_043,10] "Und Du, Du, Du bist hier bei mir armem Sünder, bei mir, als einem, den die Welt verflucht und gerichtet hat!? O Du Liebe der Liebe! Ach, ach! O Herr, o Vater, o Gott! Und Du nennst mich, den von der Welt Verfluchten - einen Bruder! Nein, nein! Du bist zu groß, und Deine Liebe ist zu furchtbar groß! Wie kann ein Verfluchter neben Dir sein?! Wie nennst Du ihn einen Bruder!? O schaffe, schaffe in mir Kräfte, daß ich Dich für solche Deine zu endlose Güte und Herablassung mit der Glut aller Sonnen, die der endloseste Raum fasset, lieben kann!"

[RB.01_043,11] Rede Ich: "Mein liebster Bruder! Es erfreut Mein Herz wohl gar sehr, daß du Mich also preisest in deinem Herzen darum, daß Ich dir nun gewisserart die Decke von deinen Augen nahm, und du nun wieder eine Gegend schauest, die herrlicher ist als die schönste auf Erden und heller als ein reinster Mittag des gelobten Landes!

[RB.01_043,12] "Mit Recht lobest du Meine Liebe, Weisheit, Macht und Tatengröße. Denn wahrlich, ob du Mich auch lobetest mit der Zunge aller Engel, so würdest du dennoch ewig nicht den kleinsten Teil Meiner göttlichen Größe und Vollkommenheit geziemend zu preisen imstande sein!

[RB.01_043,13] "Daß du Mich aus allen deinen Kräften liebst, das wohl ist Mir das angenehmste Lob! Denn nur durch die alleinige Liebe bin Ich als Vater für jene Geschöpfe, die Meine Kinder sind, erreichbar; durch die Weisheit aber ewig nicht. Denn alle Weisheit aller Meiner ohne Zahl und Ende vorhandenen Engel und Geister ist gegen Meine ewige Weisheit kaum das, was da ist ein Tautröpfchen gegen das ewige Äthermeer, das da erfüllet den unendlichen Raum!

[RB.01_043,14] "Da du Mich aber also liebst, wie es Meine Ordnung will, und aus dieser Liebe heraus Mich lobst, so ist auch dein Lob gerecht, obschon hier gerade nicht nötig. Denn siehe, alles das, was du nun siehst, ist eigentlich dein Werk. Es ist insoweit freilich wohl auch Mein Werk, als du selbst Mein Werk bist, aber sonderheitlich ist das alles gerade also nur dein Werk, als wie es auf der Erde dein Werk war, was du gemacht hast.

[RB.01_043,15] "Freilich, wohl fragst du nun in dir und sagst: »O Herr! Wie ist das möglich?! Wenn das mein Werk wäre, da müßte ich selbst denn doch in mir irgendein Bewußtsein haben, das mir kund täte, wie ich es doch angefangen habe, solche Herrlichkeiten und solche Größen zu erschaffen?! Aber ich habe in mir auch nicht eine allerleiseste Ahnung davon!«

[RB.01_043,16] "Das ist wohl vorderhand wahr, daß du dessen noch nicht innewerden kannst, wie so etwas wohl möglich sein könne! Aber es tut das nichts. - Zeugtest du doch aus der Erde auch Menschen, von denen jeder ein endlosmal größeres Wunderwerk ist als alles, was du hier siehst, wußtest du wohl darum, daß du durch die ganz einfache und stumme Zeugung solche für dich noch lange nicht völlig begreiflichen Wunderdinge bewerkstelligtest, und wie und nach welchem vorgefaßten Plane?

[RB.01_043,17] "Und doch warst du es, und nicht Ich, der du mit deinem Weibe solche Wunder zeugetest, freilich bin Ich wohl (auch) da wieder der (Grund-)Urheber und der alleinige Plan- und Ordnungssteller und habe die Sache also eingerichtet, daß durch den Akt der Zeugung ein Mensch werden muß. Aber trotz all dem muß denn doch auch der willkürliche Akt der Zeugung von Seite der Menschen hinzukommen, so ein neuer Mensch gestaltet werden solle!

[RB.01_043,18] "Darum staune nun auch nicht zu sehr, so Ich zu dir sage: Siehe, das alles ist dein eigen Werk, daher ist auch alles dein, was du hier anschauest! Denn siehst du diese Sache jetzt auch noch nicht völlig klar ein, so wird schon noch eine geistige Zeit kommen, im der du das einsehen wirst. Nun aber zu etwas anderem!"

 

44. Kapitel – Roberts Aufgabe im neuen Heim. Erste Gesellschaft – die im Kampfe gefallenen politischen Freunde. Roberts Belehrung an die Gäste.

[RB.01_044,01] Rede Ich weiter: "Du siehst hier vor uns in unserer nächsten Nähe ein recht großes und herrliches Wohngebäude! Sieh, das wirst du nun bewohnen. Und Ich werde zeitweilig bei dir sein woraus du dir aber eben nichts zu machen brauchst. Denn Ich werde allezeit und allemale bei dir sein und dir helfen, so oft du Mich nur immer in deinem Herzen berufen wirst; was aber eben so viel sagen will als: Ich bleibe stets bei dir!

[RB.01_044,02] "Du wirst auch keineswegs etwa allein sein, so Ich Mich auch dann und wann auf Augenblicke sichtlich von dir entfernen werde. Denn du wirst in diesem deinem Hause eine bei weitem größere Gesellschaft finden, als du sie je irgendwo zu finden vermeinen möchtest! Im gleichen Maße ist auch diese ganze Gegend, so weit nur immer deine Augen reichen, vollauf bewohnt. Daher es es dir von nun an um eine Gesellschaft auch nimmer bange zu sein braucht.

[RB.01_044,03] "Aber Ich sage dir, daß diese Gesellschaften zumeist sehr radikaler Art sind. Es wird daher eine Hauptaufgabe von deiner Seite sein, alle diese Radikalen auf den gleichen Weg zu bringen, auf welchen nun Ich dich gebracht habe. Wird dir dieses Werk gelingen, so wirst du dann noch ganz andere Wunderdinge zu entdecken anfangen, als wie du sie nun bis jetzt an Meiner Seite entdeckt hast! Denn eben dadurch wirst du erst so recht in deine eigene Schatz- und Wunderkammer eingehen, in der sich dir Dinge offenbaren werden, von denen dir bisher noch nie etwas geträumt hat!

[RB.01_044,04] "Vor allem aber mußt du beachten, daß du Mich an gar keinen aller derer, die dir hier bald entgegenkommen werden, verratest! Denn sie alle kennen Mich nicht, da es mit ihrem Glauben noch mangelhafter aussieht, als es mit dem deinigen ausgesehen hat! - Und so du Mich ihnen vor der Zeit verrietest, so würdest du ihnen dadurch um vieles mehr schaden als nützen! Daher sei du da vorsichtig!

[RB.01_044,05] "Nun aber folge Mir durch den Garten in dein Haus! An der Flur des Hauses wird uns eine große Gefellschaft empfangen."

[RB.01_044,06] Ich gehe nun voran, und der Robert folgt Mir in der allergrößten Liebe, Ehrfurcht und Demut auf dem Fuße nach.

[RB.01_044,07] Als wir durch den Garten vor eine gar herrlich geformte Hausflur gelangen, da strömen aus derselben Massen von Menschen beiderlei Geschlechtes und schreien ein lautes: "Vivat hoch! Hoch lebe unser hochverehrtester Robert Blum, der größte Völkerfreund Europas! Vivat hoch dir, du erster und größter Deutscher des 19. Jahrhunderts! Willkommen, tausend Male willkommen, du unser größter Freund und mutvollster Anführer deiner vielen tausend Freunde gegen die starren Feinde der Freiheit der Menschen! Komme, komme in deiner Brüder Mitte! Wie lange harrten wir hier schon deiner, und du wolltest nicht vorkommen, obschon wir gar wohl wissen, daß du gar vielen aus uns vorangegangen bist! Wie sehr drängt uns die höchste und gerechteste Begierde, dein Blut und unser Blut an jenen hochmütigen Barbaren zu rächen, die aus der pursten und absolutesten Herrschsucht uns haben gemeinsten Hunden gleich erschießen lassen! Aber es fehlte uns an einem Anführer. Nun aber bist du hier als derjenige Mann, der mit allen Gesetzen der Natur- und Geisterwelt gar wohl vertraut ist. Daher ordne uns zuvor nach unseren Fähigkeiten und führe und dann dorthin, wo wir die (glühendste) Rache nehmen können! Und diese irdisch großglänzenden Raubtiere in menschlicher Gestalt sollen Wunder der schaurigsten Rache erleben, die wir an ihnen verüben werden!"

[RB.01_044,08] Spricht Robert: Freunde! Kommt Zeit, kommt Rat! - Vor allem meinen Dank für euren herzlichsten Gruß, und Gott dem Herrn alles Lob, daß Er mich euch alle hier beisammen hat treffen lassen! - Vorderhand sage ich euch bloß nur das: wie auf der Erde, also hat auch hier alles seine Zeit! Bevor der Apfel nicht reif ist, fällt er nicht vom Baume; wann er aber reif ist, dann richtet ein kleines Lüftchen, das gar leise durch die Zweige säuselt, mehr aus als ehedem ein Orkan. Was sollen wir uns hier nun vor der Zeit eine extra-ordinäre (außergewöhnliche) Mühe machen, um uns an jenen Wüterichen zu rächen, die auf der Erde nun die Herren über alle Menschen zu sein sich dünken?! Lassen wir ihnen nur diese elende Freude noch einige Wochen oder Monde; sie werden uns dann schon von selbst kommen. Und haben wir sie einmal hier, dann, Freunde, werden wir mit ihnen so ein paar Wörtlein diskutieren! Ihr versteht mich hoffentlich, was ich damit sagen will?!"

[RB.01_044,09] Schreien alle: "Ja, ja, wir verstehen dich! Du bist wohl doch stets ein grundgescheiter Mann gewesen und bist es sicher auch noch hier in dieser Welt, in der wir uns eigentlich noch gar nicht auskennen und auch gar nicht wissen, wie wir hierhergekommen und wo wir nun so ganz eigentlich sind?

[RB.01_044,10] "Es ist wohl diese Gegend sehr schön, ja, sie ist so schön wie ein wahrhaftiges Paradies. Aber wir kennen uns hier weiter gar nicht aus (und wissen nur), was uns sogleich bei unserer Ankunft hier von ein paar recht freundlich aussehenden Männern gesagt worden ist, und zwar sogestaltig: Dies Haus gehöre dem Robert Blum samt allem, was hier unsere Augen ersähen. - »Also auch sogar die Sterne am Firmamente?« fragten wir. - »Ja, auch die Sterne«, antworteten die zwei Männer. - Darauf beschieden, sie uns, so lange hier ganz ruhig uns zu verhalten, bis du als der alleinige Besitzer aller dieser Herrlichkeit selbst kommen wirst mit noch einem großen und guten Freunde. Da werdest dann schon du selbst mit deinem Freunde uns bescheiden, was wir in dieser Gegend werden anzufangen haben.

[RB.01_044,11] "Und so verhielten wir uns denn auch bisher in diesem deinem Hause und dessen Gemächern ganz mäuschenstill und ruhig. Nur als wir dich nun mit diesem deinem Freunde ankommen sahen, brachen wir die Ruhe, eilten dir entgegen und teilten dir auch sogleich unser Hauptanliegen mit; worauf du auch die Güte hattest, uns allen sogleich einen rechten Bescheid zu geben, den wir auch alle mit der größen Freude annahmen.

[RB.01_044,12] "Aber nun sei du nur so gut und zeige uns allen gütigst an, was wir denn unternehnmen und tun sollen? Denn durch so ein ganz müßiges und sinnloses Herbrüten wird uns auch diese schönste Zeit und Gegend sehr langweilig! - Kurz und gut, wir hoffen von deiner weisen Einsicht und von deinem redlichen Brudersinne alles Beste! Denn einem Robert Blum soll künftighin nichts mehr mißglücken! Vivat! Hoch!!".

[RB.01_044,13] Spricht Robert: "Ganz wohl und gut! Es wird euch alles werden, was ihr wünschet. Und es freut mich ganz außerordentlich, daß ihr alle euch hier nicht minder folgsam zeiget, als wie ihr es aus der Erde wirklich waret, was euch hier aber auch sicher bessere Früchte tragen wird, als weiland auf der Erde. - Aber nun lasset mich vor allem in dies mein sein-sollendes Haus ziehen, auf daß ich, als der Eigentümer, es auch einmal in den Augenschein nehmen kann.

[RB.01_044,14] "Vor allem aber muß ich euch darauf aufmerksam machen, mir von nun an ja kein ,vivat hoch' hoch, mehr darzubringen - was hier auch eine reine Dummheit wäre, wo wir ein ewieges, unverwüstliches Leben zu leben anfangen, dem ewig kein Tod mehr folgen wird. Warum sollen wir sonach einander ein Lebehoch zurufen, wo wir ohnehin durch Gottes außerordentliche Güte und Gnade das eigentliche, höchste Leben überkommen haben?!

[RB.01_044,15] "Euer künftiger Ruf sei daher ein ganz anderer und laute also: Hochgelobt und über alles geliebt und gepriesen sei Gott der Herr in Christo Jesu, den wir für einen puren Menschen hielten, der aber dennoch von Ewigkeit zu Ewigkeit ist der alleinige Gott und somit Schöpfer der Unendlichkeit und alles dessen, was in ihr ist! - So ihr also rufen werdet, da werdet ihr ehestens den vollsten Grund haben, euch eines vollkommenen Lebens zu erfreuen während euch Ehrenbezeugungen, die ihr mir erweiset, nicht um ein Haar weiterbringen werden!

[RB.01_044,16] "Dieses merket euch auch, und denket, daß der Blum kein Narr ist und seinen guten Grund hat, euch allen solches hier gleich anfangs kundzugeben, was er aus der Erde leider selbst in hohem Grade bezweifelt hatte! Und das tut Blum hier, wie auf der Erde, als euer aller bester und aufrichtigster Freund. Und so ihr das wohl erwäget, da wird es euch auch hoffentlich ein leichtes sein, auf das Wort eures Freundes das anzunehmen, was euch sonst wohl ziemlich schwer ankommen dürfte. Nicht wahr, Freunde! Was ich euch sage, das wollet und werdet ihr auch glauben, da ihr es wohl wisset, daß ich nichts leichten Kaufes annehme, besonders wo es sich um Sachen des Glaubens und der Religion handelt!"

[RB.01_044,17] Schreien alle: "Ja, ja, was du uns sagst und lehrst, das nehmen wir alle unbedingt an! Denn wir wissen es ja alle, daß unser Robert eine weiße Kuh auch bei der stockfinstersten Nacht niemals für eine schwarze angeschaut hat. Was du uns sagst, das ist auch sicher wahr; denn du hast uns auch auf der Erde, und zwar in Wien, die Wahrheit gesagt und rietest uns, vom Gefechte abzustehen, da der Feind zu stark und das Zusammenhalten und der Mut der Verteidiger Wiens zu locker sei! Aber wir glaubten dir's nicht und sprachen: »Ist denn nun auch Blum ein Feigling geworden?!« Da riefest du mit männlicher Stimme: »Blum, der das Leben nie für der Güter höchstes gehalten hat, fürchtet auch hunderttausend Teufel nicht, geschweige diese frechen Söldlinge! Daher zu den Waffen von neuem, wer Mut hat, an meiner Seite zu sterben!« - Da griffen wir zu den Waffen und sahen es leider zu spät ein, daß du ehedem die Wahrheit geredet hast!

[RB.01_044,18] "Nun aber wollen wir dir denn alles aufs Wort glauben und dir nimmer in etwas Widerrede tun. Aber nur bleibe du stets unser Führer und Lehrer! Denn du bist in einem Finger weiser als wir alle zusammen im ganzen Leibe! - Nun aber gehe ungestört in dein Haus und besehe es. Und gebe uns bald irgendeine unseren Kräften angemessene Beschäftigung!"

 

45. Kapitel – Roberts machtvolles Bekenntnis zu Christus. Die Wiener Gesellschaft.

[RB.01_045,01] Spricht Robert: "Das freut mich, das freut mich sehr von euch, ihr meine lieben Freunde und wackeren Kampfgenossen, daß ihr nun so willig alles annehmet, was ich euch anrate! Ich gebe euch allen dagegen aber auch die treueste Versicherung, daß ich - so wahr mir dieser mein und auch euer größter Freund allzeit beistehen und helfen werde - euch nun auch die durchdachteste und bestimmteste Weisung geben werde, durch die ihr allerunfehlbarst zur wahrsten Wohlfahrt des ewigen, unzerstörbaren Lebens, in welchem ihr euch nun nach der Ablegung der schweren Leiber befindet, gelangen müsset.

[RB.01_045,02] "Es wird freilich noch gar manches erforderlich sein, und ihr werdet noch so manche Proben zu bestehen haben, bevor ihr für jene großen Zwecke vollends reif werdet, die der große, heilige, ewige Urheber aller Dinge und alles Seins uns Erdenmenschen, die Er sich zu Kindern erkor, gestellet hat!

[RB.01_045,03] "Aber nur Mut und Ausharrung und eine wahre, vollkommene Liebe zu Ihm, unserem ewigen, heiligen Vater! Dadurch werden wir alle uns beirren-wollenden Vorkommnisse leicht besiegen und diejenige Reife ehestens erreichen, durch die wir uns Ihm wahrhaftigst im Geiste und in der vollsten Wahrheit werden nahen können!

[RB.01_045,04] "O Brüder! Ich, euer getreuster Freund Robert, sage es euch: was ich Selbst auf der Erde nicht einmal zu ahnen vermochte, das entfaltet sich hier vor meinen wie auch vor euren Augen nun schon so wundersam herrlich, daß auch die gebildetste Zunge nicht darzustellen vermöchte, was Gott denen bereitet, die Ihn lieben! Aber alles, was ihr nun sehet, ist nicht einmal ein Tautröpfchen gegen dem Meer! Denn Unaussprechliches erwartet uns!

[RB.01_045,05] "Höret, ein weiser auf Erden, der das Reich der menschlichen Phantasien mit einer tiefdurchdachten Würdigung jahrelang durchprüfte, sprach in großer Entzückung: »Welch ein Reichtum, welch ein unversiegbarer Born von zahllosen Himmeln der Himmel ist in dessen kleines Herz gelegt, der auf der Erde auf zwei gebrechlichen Füßen einhergehet und, unter allen Tieren aufrecht gehend, sich Mensch nennt! Könnte dieser Mensch alle seine Ideen durch ein göttliches ,Werde' verwirklichen - oh, was Großes wäre es da, ein Mensch zu sein! Und doch ist aller dieser Ideen- und Phantasienreichtum eines Menschen kaum nur ein gebrochenster und leisester Schimmer jener endlosen Fülle, Tiefe und Klarheit, die in Gott jedes tiefdenkenden Menschen Erkenntnis annehmen muß!«

[RB.01_045,06] "So aber dieser Weise, der meines Wissens ein Heide war, schon da er noch als der Erde mit dem Staube der Bergänglichkeit bekleidet war, eine so erhabene Idee vom Menschen und, durch die untrüglichsten Symptome im Menschen, eine noch endlos erhabenere von der Gottheit faßte um wieviel mehr haben wir nun das vollste Recht, uns ganz diesen großen Ideen hinzugeben, da wir fürs erste durch des großen Gottes Gnade über dem Staube der Verwesung uns befinden, und fürs zweite wir uns auch ,Christen' nennen, die berufen sind, in des großen Gottes Reich einzugehen!

[RB.01_045,07] "Freilich und leider sind wir nur kaum dem Namen nach Christen, und viele aus uns haben sich sogar geschämt, Christen zu heißen, woran aber freilich Rom und unsere eigene Dummheit die Hauptschuld trägt. Aber von nun an soll es nimmer also sein! - Die größte Ehre unseres Herzens wird es nun sein, Christo völlig anzugehören!

[RB.01_045,08] "Ich sage es euch: Christus ist alles in allem! Er ist das ewige Alpha und Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende! Er allein ist das Leben, die Wahrheit und der Weg - allen Wesen, Menschen, Geistern und Engeln! In Seinen Händen ruhen alle Himmel, alle Welten und alles, was auf und in ihnen ist, atmet, lebet, webet und strebet! Durch Ihn und durch Sein heiliges, ewiges Wort können wir Kinder Seines ewigen Vaterherzens werden und mit und in Ihm alles in allem sein. Ohne Ihn aber gibt es ewig kein Sein, kein Leben und somit auch keine Seligkeit! Glaubet ihr, meine lieben Freunde, mir das?!"

[RB.01_045,09] Schreien alle: "Ja, ja, wir glauben es! Sehen wir es nun auch noch nicht völlig ein, was du uns nun gar so herrlich verkündet hast, so glauben wir es aber dennoch unerschütterlich fest! Denn wir wissen es ja, daß du uns nichts verkünden kannst und auch nichts verkünden willst, was du zuvor nicht selbst allerklarst einsiehst, was du aber einmal einsiehst, das siehst du mit allem Grunde ein. Und so glauben wir dir aber auch alles, was du uns nur immer verkünden magst und kannst! Ehre sei darum Gott in der Höhe, der dich mit so viel Verständnis und tiefer Einsicht begabt hat!

[RB.01_045,10] "Das, was du uns nun von Christo gar so schön vorgesagt hast, hat uns alle ganz besonders erfreut! Denn weißt du, wir hielten heimlich aus Ihn stets große Stücke. Aber freilich, wie Ihn die römischen Pfaffen, besonders die gewissen Mönche, nur zu oft entstellten und Ihn nichts anderes tun ließen, als alle Menschen, die nicht nach ihrer Pfeife tanzen möchten, ohne allen Pardon schnurgerade zur Hölle zu verdammen; da freilich mußte man sich ja am Ende denn doch dieses sonst allererhabensten Namens förmlich - wenigstens öffentlich - zu schämen anfangen! Denn einen Gott von so kaprizierter (launevoller) zorniger und eigensinnigster Art, wie diese Mönche einen aus dem sonst so unmenschlich guten, guten Christus Jesus gemacht haben, konnte denn doch wohl kein nur mit einiger Vernunft begabter Mensch annehmen! Das Rosenkranzbeten, die höchst fade Litanei, alle die Heiligen-Gebete, die Exerzitien, die Verehrung der Reliquien, das Beichten ohne Maß und Ziel, das Messenzahlen ditto, und noch zahllose ähnliche Dummheiten mehr fordere Christus für die Gewinnung des Himmels? - Weißt, Bruder, das konnte man denn im 19. Jahrhunderte doch nicht mehr annehmen, besonders wenn man als ein armer Tagwerker nur zu oft Gelegenheit zu sehen hatte, wie diese Gottesdiener,- sicher aus lauter strenger Buße, sich beim Altare, wo sie ihre Messen herunterleierten, vor lauter Speck beim Dominus vobiscum kaum umdrehen konnten!

[RB.01_045,11] "Aber den Christus, von dem du nun gesprochen hast, nehmen wir wohl mit der größten Bereitwilligkeit an und haben eine große Freude an Ihm! Der kann auch wohl Gott Selbstsein! Denn Er ist nach unserem Verstande gut, weise und mächtig genug dazu, - besonders so Seine Wundertaten keine Märchen sind, was aber auch nicht sein wird und sein kann; denn der rechte Christus muß gewiß ein ganz anderer gewesen sein, als sie Ihn die schwarzen Pfaffen Roms ums Geld den armen Sündern verkündeten?!

[RB.01_045,12] "Ah, was meinst du, Bruder, und was meint etwa dein uns gar liebvoll vorkommender Freund, der bis jetzt noch nichts geredet hat werden wir wohl auch einmal der Gnade für wert befunden werden, diesen Christus, den du uns nun verkündet hast, also den wahren, wohl irgendwann einmal, so wir etwa doch einmal würdiger sein werden, nur so von fernehin zu sehen zu bekommen?! Bruder, wenn das möglich wäre, wenn wir Christum allenfalls so wie eine Magdalena oder wie die zwei nach Emmaus wandelnden Jünger einst könnten zu sehen bekommen, o da wären wir schon über alle Begriffe selig! Denn das könnten wir wohl nimmer verlangen, daß ein Christus, wie du Ihn uns nun verkündet hast, sich so hundsgemeinen Menschen, wie wir dahier fast ohne Ausnahme sind, männlich und weiblich durcheinander, gar öfter zeigen sollte! - Bruder, wenn so etwas möglich wäre, so leisten wir auf jede andere Seligkeit aus ewig Verzicht! - Viel wissen und viel einsehen und verstehen, ist wohl sehr schön; aber wir haben darnach wahrlich keine so große Sehnsucht, als so es möglich wäre - weißt schon was?!"

[RB.01_045,13] Spricht Robert: "Liebe Freunde, ich versichere euch aus alles, was ihr nur immer wollt: der wahre Christus, obschon das allerhöchste und heiligste Gottwesen Selbst, ist noch immer Derselbe, wie Er als Mensch auf Erden war! Er sieht nur das an, was aus der Welt niedrig und verachtet war, und die von der Welt Verfolgten sind Seine Freunde und Brüder! Alles aber, was die Welt groß und herrlich nennt, und was sie bevorzugt, ist vor Ihm ein Greuel!

[RB.01_045,14] "Daher freuet euch, ihr meine lieben Freunde und Brüder, ihr werdet den wahren Christus nicht nur einmal, sondern für immer sehen und lieben - ohne Maß und Ende! Denn ich sage es euch, und glaubet es Mir aufs Wort: Christ's ist euch jetzt schon näher als ihr es je glauben möchtet! Ja, so ich dürfte, so könnte ich euch alle beim Schopf nehmen und eure Köpfe dorthin drehen, wo Er Sich befindet, und ihr würdet Ihn da auch ohne weiteres ersehen müssen. Aber ich darf es nun noch nicht, eures Heiles willen. Daher geduldet euch nur noch eine gerechte Weile, bis ihr so ums kennen (etwas) reifer werdet. - Dann wird auch das geschehen, das glaubet mir aufs Wort! Ich will vor euch ewig als der allerverachtetste Lump erscheinen, so nur eine Silbe von alledem unwahr ist, was ich euch nun gesagt habe! Seid ihr damit zufrieden?!"

[RB.01_045,15] Schreien alle: "Ja, ja, wir sind alle damit vollkommenst zufrieden! Jetzt verlangeten wir Ihn auch noch nicht zu sehen. Denn wir wissen wohl nur zu gut, daß wir Seines Anblickes noch gar lange nicht wert sind. Aber wir wollen darum auch alles tun, um uns Seines Anblickes nur einigermaßen würdiger zu machen!

[RB.01_045,16] "Denn weißt du, wir waren in Wien halt doch schöne Lumpen! Ah, wir wollen gar nicht daran denken, was wir besonders in der letzten Zeit alles angestellt haben. Und so können wir's wohl unmöglich etwa bald verlangen du weißt schon was! Denn wenn die römischen Pfaffen nur ein hundertstel Wahrheit in ihren Höllenpredigten den Zuhörern auftischten, da wären wir halt gerade reif fürs Zentrum der Hölle! Wenn aber Gottes, Christi, made dennoch größer ist, als die Prediger uns sie verkündet hatten, da dürfen wir wohl auch noch hoffen, zu der Gnade zu kommen, deren du uns versichert hast! Aber da gehört noch gar viel Zeit und Geduld dazu! Also sind wir aber nun dennoch sehr zufrieden und danken dir und deinem Freunde für diese Zusage! Und so magst du nun wohl in dein Haus ziehen und es besehen!"

 

46. Kapitel – Frage Roberts nach drei irdischen Kampfgenossen. Ein Seelenbild dieser „Volksfreunde“. Roberts Mahnung zu friedlichem Vergeben.

[RB.01_046,01] Spricht Robert: "Ich wußte ja, daß es mit euch leicht zu handeln ist, und das macht mir wahrlich eine große Freude! - Bleibet stets also, die ihr nun seid, und habet ein weiches und beugsames Herz, so wird euch die Erreichung des von Gott gestellten Zieles eine leichte Mühe machen!

[RB.01_046,02] "Aber nun noch etwas, liebe Freunde! - Saget mir, so ihr es könnt wo sind denn die drei irdischen Kampfgenossen: Messenhauser, Jellinek und Dr. Becher hingekommen? - Ich habe euch nun schon einige Male Mann für Mann durchgemustert und fand schon recht viele, mir von Wien aus wohlbekannte und wohlehrenwerte Freunde; aber von den Dreien kann ich leider niemanden entdecken! Sind sie in dieser Welt von euch auch noch nicht gesehen worden? Oder habt ihr sie vielleicht irgendwo zurückgelassen? Saget mir darüber etwas, so ihr's könnet! - Danach will ich sogleich in dies Haus einziehen mit diesem meinem liebsten Freunde."

[RB.01_046,03] Sprechen einige aus der Menge: "O Freund! Wie fragst du um diese drei Erzlumpen?! Die sind nicht unter uns! Wir wollten's ihnen auch gar nicht raten, sich unter uns irgendwo blicken zu lassen! Na, hörst du! Denen wollten wir's gar kurios beschreiben, wie es hier in der Geisterwelt aussieht!

[RB.01_046,04] "Glaubst du denn, diese haben es auch so redlich mit uns gemeint wie du?! Oh, da wärest du in einer sehr großen Irre! Siehe, diese drei, die sich so wichtig machten und sich nicht selten also gebärdeten, als könnten sie mit dem kleinen Finger die ganze Erde bezwingen, taten das nur des irdischen Gewinnes halber. So sie ihre Säckel vollgestopft hätten, und hätten dann mit diesen, ihren alleinigen Lieblingen, so ganz unbemerkt etwa in die liebe Schweiz oder sonstwohin entwischen können so hätten uns dann in Wien alle Katzen, Hunde und Schweine auffressen können, da hätten sie sich sicher sehr wenig daraus gemacht! Aber es ist ihnen ihr sauberes plänchen nicht gelungen, und so hieß es denn am Ende: ,Mit g'stohl'n, mit g'hängt!'

[RB.01_046,05] "Wir wollen von den letzten zweien das nicht gerade ganz bestimmt behaupten. Aber der Messenhauser, das war dir ein Sechzehnlötiger! - und verstand es aus der (mit viel) Kunst, viel blinden Lärm zu machen und sich dafür seine Säckel zu füllen! Hat er uns nicht die Munition verleugnet und hat die tapferen Verteidiger Wiens gerade dorthin zu beordern gewußt, wo die Gefahr am geringsten war! Wo aber die Feinde herkamen, da ließ er ihnen das Tür'l offen! - O das war ein feiner Lump? - Wahrscheinlich dachte er sich dabei heimlich: Die dummen Wiener habe ich nun am Band'l! Die halten mich für ihren Retter und lassen darum die Haare! Nun mache ich an ihnen einen Verräter und liefere sie alle in die Hände des Windischgrätz, so wird mir dieser wohl auch so ein allerliebstes Denunziantensümmchen zukommen lassen?! Aber oha! nix da! - Fehl g'schossen Herr Messenhauser! - Andere waren geschwinder und haben eher als Messenhaufer den Weg zum Feldmarschall gefunden! Dieser verstand gleich anfangs schon gar keinen Spaß, machte mit Messenhaufer nicht viel Umstände und sandte ihn mit einer Extraschnellpost in diese Welt. Nun ist er sicher auch irgendwo hier in dieser Welt angestellt. - Wo aber? - das werden die Engel Gottes sicher besser wissen als wir! - Gott Lob, unter uns ist er nicht.

[RB.01_046,06] "Und ebenso sind auch der Jellinek und Dr. Becher nicht unter uns. Gott hab sie selig, wo sie sind! Aber wir sind sehr froh, daß sie nicht unter uns sind! Wir wissen von ihnen zwar gradewegs nichts besonderes, außer daß sie mit den Gänsekielen noch ärger herumfuchtelten als der Feldmarschall mit allen seinen Kanonen, und daß beide wahre Zungenkünstler waren, wodurch sie viele dahin brachten, sich mit ihnen am Ende auch es ex offico odioso (aus schlählichem Grunde, in Teufels Namen) auf die Entdeckungsreise in diese Geisterwelt begeben zu müssen. Das ist ungefähr alles, was wir von ihnen wissen! - Einige, die durch ihren sozialen Eifer, d.h. durch den Eifer des Jellinek und Becher, die Reise in die Geisterwelt unternehmen mußten, sind wohl unter uns hier. Aber sie wissen von ihren Cooks und Perings ebensoviel wie wir.

[RB.01_046,07] "Nun macht es uns zwar wenig mehr, da wir denn doch im Ernste nach dem Tode fortleben, und das, aufrichtig gesagt, geradewegs gar kein schlechtes Leben! Aber so wir mit dem lumpigen Kleeblatte irgendwo zusammenkämen, so würden wir ihnen bloß so einige ganz unschuldige Leviten aus echt wienerisch vorlesen! Jetzt ist's freilich gut, und wir sind nun sehr froh, das dumme irdische Schmeiß- und Hurenleben für alle Ewigkeiten überstanden zu haben, um welches Leben wirklich keinem ehrlichen Kerl leid sein darf! Aber weißt du, so kitzeln macht es uns dennoch manchmal, so wir der Gewissenlosigkeit jener Lumpen gedenken, die unser gutes Vertrauen so schmählich mißbraucht haben!

[RB.01_046,08] "Aber in Gott's Namen, jetzt ist uns schon völlig alles eins. Gott wird's ihnen schon geben, wie sie sich's verdient haben! - Nun weißt du soviel als wir über die drei, wo sie in dieser Welt (sind). Wie sie aber auf der Erde waren, das wirst du ohnehin besser wissen als wir, weil du besonders mit Messenhauser öfter die Gelegenheit hattest, Worte zu tauschen als wir armen Teufel, die wir bloß als ein Kanonenfutter betrachtet wurden! - und so haben wir dir nun alles gesagt, was wir wußten."

[RB.01_046,09] Spricht Robert: "Meine lieben Freunde, fürs erste tut es mir wahrlich leid, daß jene drei, um die ich euch fragte, sich nicht unter euch befinden. Fürs andere aber sage ich euch: Enthaltet euch hier im Reiche des ewigen Friedens, der Sanftmut und der Liebe alles urteiles, und gelte dasselbe, wem immer es wolle! Denn wir haben nie jemanden je etwas gegeben und geben können, was wir zuvor nicht selbst enmpfangen hätten. Haben wir aber selbst alles empfangen, was wir nur immer hergegeben haben, sei's Gut oder Blut oder Leben, so können wir auch nicht die Nehmer also beurteilen, als wenn sie uns unseres baren Eigentumes entblödet hätten, sondern also nur, als ob sie von uns entliehen hätten, was wir selbst nur als ein zeitweiliges Darlehen besaßen! Ob es gefehlt war oder nicht, daß sie uns des Darlehens beraubten, das überlassen wir dem großen Eigentümer, welcher der alleinige wahre Richter über alles ist, das allein Ihm angehört. Der wird das richtigste urteil fällen!

[RB.01_046,10] "Wir aber wollen von nun an also handeln, wie Christus, der Herr, es gelehret hat! Nämlich - unseren Feinden wollen wir Gutes tun, und die uns fluchen, die wollen wir segnen, und denen, die uns hassen, wollen wir mit Liebe entgegenkommen - so werden wir vor Gott dem Herrn als Ihm wohlgefällige Kinder erscheinen, und seine Gnade wird mit uns sein ewiglich!

[RB.01_046,11] "Denn wir beten ja oft: "Herr! Vergib uns unsere Schulden, so wie wir unseren Schuldigern vergeben! - Tun wir also das, so wird uns auch der Herr alles vergeben, wie oft und wie gestaltig wir auch immer gesündiget haben! Wann wir allen alles werden vergeben haben, dann wird auch uns alles vergeben sein. - Seid ihr mit diesem meinem Antrage einverstanden und zufrieden?"

[RB.01_046,12] Schreien alle: "Ja, ja, ja, wir sind mit dir ganz einverstanden! "

[RB.01_046,13] Spricht Robert: "Nun, so lasset uns ins Haus ziehen!"

 

47. Kapitel – Eintritt in Roberts Haus. Geistige Entsprechung der Stockwerke. Mahnung zur Vorsicht mit der Wiener Gästeschar. Herzensverkehr mit dem Herrn.

[RB.01_047,01] Darauf begibt sich Robert mit Mir ins Haus, das da drei hohe Stockwerke nebst dem sehr majestätisch schönen Erdgeschoße hat. Jedes Stockwerk aber hat eine andere Farbe, und das Erdgeschoß ebenfalls eine andere und zwar in folgender Ordnung und Art: Das Erdgeschoß ist hell saftgrün und mit weiß und rot mannigfach verziert. Das erste Stockwerk ist völlig weiß und mit lichtgelb und blau verziert. Das zweite Stockwerk ist hellblau und mit violett und rosenrot verziert. Und das dritte Stockwerk ist rot, gleich dem Morgenrot, und hat durchaus keine Verzierungen.

[RB.01_047,02] Dem Robert fallen diese verschiedenen Färbungen und Verzierungen des gesamten Hauses auf, und er fragt Mich heimlich beiseits: "O Herr, müssen diese Färbungen und Verzierungen also sein, wie sie sind, oder ist das eine bloße Geschmacksache der hiesigen Bauleute? Denn aus der Erde, etwa in Wien oder in Dresden oder in Berlin oder in Frankurt und noch an gar vielen Orten Europas würde man so einen Baustil, der sich hier zwar wunderherrlich ausnimmt, für entweder chinesisch oder auch wohl gar für närrisch halten! Ich möchte daher wohl von Dir darüber eine Aufklärung bekommen. So es Dein heiliger Wille wäre, da könntest Du mir ein paar Wörtchen aus Deinem heiligsten Munde allergnädigst zukommen lassen!"

[RB.01_047,03] Rede Ich: "Fürs erste, liebster Bruder, mußt du, so du mit Mir in Gegenwart dieser deiner vielen Freunde und Gäste sprichst, bloß nur in deinem Herzen sprechen, aus daß du Mich ihnen nicht vor der Zeit verrätst! Denn so alle diese Mich nun dir gleich erkenneten, da müßte ich dann offenbar weichen, weil sie alle noch viel zu wenig Festigkeit haben, um Meine Gegenwart voll ertragen zu können. So du aber schon in Gegenwart aller dieser etwas mit Mir (vernehmlich) reden willst, um sie dadurch auf eine höhere Erkenntnisstufe zu setzen, so heiße Mich nur gleichweg Freund und Bruder, aber ja nicht Herr - so wirst du mit diesen deinen Gästen und Freunden in einer kurzen Zeit recht sehr weit kommen, was eben Mein sehnlichster Wunsch ist!

[RB.01_047,04] "Fürs zweite aber, was deine eigentliche Frage betrifft, bist du ja ohnehin in der Farben- und Blumensprache bewandert und weißt daher genau, was diese verschiedenen Färbungen dieses deines Hauses besagen. So du aber das weißt, siehe da ist ja eitel dein Fragen, besonders hier in der Gegenwart dieser vielen, die noch hübsch lange nicht wissen dürfen, wer Ich bin!

[RB.01_047,05] "Nehme dich alsonach nur in der Zukunst recht in acht, besonders so es sich um Reden über Mich handelt; sonst könntest du bei deinem wahrlich allerbesten Willen dennoch mehr Schaden als Nutzen stiften! Denn du mußt dich nicht auf die Reden und Bejahungen dieser deiner Freunde stützen und glauben, so ihnen alles recht ist, was du ihnen sagst, daß sie dadurch der Vollendung schon sehr nahe sind. Ich sage es dir: da ist oft gerade das Gegenteil von dem, was du meinst, vorhanden.

[RB.01_047,06] "Siehe. Ich kenne dir Menschen hier und noch eine Menge aus der Erde, die Mich bei weitem besser kennen von allen Seiten als du nun. Und Ich sage es dir, daß Ich ihnen so schön gleichgültig bin wie ein alter, abgetragener Rock, und ihre Liebe zu Mir ist so stark, daß ein Mädchen mit nur einigen sinnlichen Reizen ausgestattet, sie bis aus den letzten Tropfen aufzehren kann! Und Ich habe dann zu tun, um bei solchen Meinen Bekennern nicht ganz in die schönste Vergessenheit überzugehen!

[RB.01_047,07] "Und siehe, gerade das könnte auch bei diesen deinen Freunden der Fall sein. Sie sind sämtlich ,Wiener', also Genußmenschen und Spektakelhelden. So wir ihnen stets eine Menge Wunderchen, etwa in der Art eines Eskamoteurs (Taschenspielers) vormachten, sie dabei recht gut bewirteten und ihnen auch eine Menge recht sauberer, rundgesichtiger und üppiger Jungferchen zuführeten, mit denen sie sich ganz ungeniert vergnügen könnten, wie es nur ihrer noch starken Sinnlichkeit am meisten zusagen möchte, da würden sie auch stets unsere besten Freunde sein, und wir möchten ihnen sogar unentbehrlich werden. Aber so wir mit der Zeit nötigsterweise denn doch etwas ernster zu reden anfangen würden, da würdest du dich hoch verwundern, wie sie uns, einer nach dem andern, gar schön möchten den Rücken zuwenden! Es gibt dir unter diesen Wesen einige so arge Böcke, daß sie allen Himmeln entsageten, so sie so einer recht üppigen Dirne sinnlich beiwohnen könnten. Wir werden sie schon noch näher kennenlernen und werden mit ihnen auch noch eine recht schwere Not bekommen! - Aber durch eine recht weise Leitung können sie dennoch gewonnen werden! - Ja Ich sage dir insgeheim: Einige werden sogar den ersten Grad der Hölle zu verkosten bekommen müssen, um von ihrer zu großen Weibergier los zu werden! Wir werden zwar wohl alles eher noch versuchen, was sich nur immer mit ihrer Freiheit verträgt; aber so etwa am Ende dennoch alles das nichts fruchten möchte, da freilich wird leider zu dem äußersten Mittel geschritten werden! Sei daher und darum ja recht vorsichtig, und verrate Mich durch gar keine Miene, und suche sie vor allem aus ihre Sinnlichkeit und deren Folgen aufmerksam zu machen, so werden wir mit ihnen noch am leichtesten über Ort kommen. Ich werde sie schon auch bearbeiten; aber nur dürfen sie es, wie gesagt, noch lange nicht erfahren, wer Ich bin.

[RB.01_047,08] "Nun höre denn aber auch noch ganz kurz was die verschieden gefärbten Stockwerke dieses deines Hauses bedeuten. - Siehe, das saftgrüne Erdgeschoß stellt den geistig naturmäßigen Zustand dar, dessen Hauptlebenszug sich im Hoffen ausspricht, welches Hoffen mit Glauben und Liebe umkleidet ist. Der erste Stock stellet den reinen und wahren Glauben dar, der mit sanfter Ruhe und Beständigkeit umkleidet ist, - Der zweite Stock stellet die Liebtätigkeit dar, die aus dem reinen Glauben entspringt, entsprechend der irdischen Himmelsfarbe, durch die ebenfalls die beständigste Liebtätigkeit des Lichtes sprechend und wohlerkenntlich verkündet wird allen, die eines verständigen Herzens sind. Dieser Stock ist darum auch geziert oder bekleidet mit tiefer himmlischer Weisheit (violett) und reinster Nächstenliebe (rosenrot). Das dritte Stockwerk endlich bezeichnet durch sein jungfräulich hehrstes Morgenrot den allerhöchsten Unschulds- und pursten Liebehimmel, der eigentlich der völlig wahre Himmel ist, in dem Ich mit allen jenen zu wohnen pflege, die Mich über alles lieben. Dieser Himmel ist daher auch ohne Verzierung, weil er in dem Wesen seiner Färbung schon ohnehin alle erdenklichen Vollkommenheiten in sich faßt und Mich ganz allein zu seiner Zierde hat.

[RB.01_047,09] "Nun hast du ganz kurz die richtige Bedeutung der sondersfärbigen Gestaltung deines Hauses. Frage aber nun um nichts weiter; denn (in dem Male) wie du in diesem deinem Stockwerkhause selbst von Stock zu Stock höher kommen wirst, da wird dir auch Ohnehin alles klar werden, was du jetzt noch nicht einsehen und begreifen könntest.

[RB.01_047,10] "Wir werden nun aber ins Erdgeschoß einziehen, allwo wir uns fürs erste Stockwerk vorbereiten werden. Und so denn gehen wir voran hinein und lassen dann auch alle anderen nach uns hineingehen, so sie es wollen. - Die aber nicht wollen, die sollen aber auch tun, was sie wollen! Hast du wohl alles verstanden?"

[RB.01_047,11] Spricht Robert: "Ja,Bruder, und werde es auch getreust beachten! - Aber sonderbar ist es denn doch, daß es unter diesen gutmütigen Menschen so verstockte und leichtfertige Wesen geben solle; wahrlich, das ist mir ein Rätsel der Rätsel!"

[RB.01_047,12] Rede Ich: "Ja, du Mein geliebtester Bruder, du wirst dich noch ganz absonderlich zu wundern anfangen, wenn du mit mehreren Charakteren der Geister dieser Welt wirst zu tun bekommen! Du wirst die Schönsten können finden mit schneeweißer Wolle äußerlich angetan, und innerlich werden sie lauter reißende Wölfe, Löwen, Hyänen, Bären und Tiger sein!

[RB.01_047,13] "Aber siehe da, nun sind wir schon in deines Hauses, und zwar in dessen Erdgeschosses ersten Eintrittsgemächern! - Wie gefallen sie dir?"

 

48. Kapitel – Wundervolles Innere des Hauses. Roberts Ärger beim Ausblick in den Garten. Skandalszenen der Wiener Gesellschaft. Der Herr unternimmt die Seelenkur der Argen.

[RB.01_048,01] Spricht Robert: "O Freund, o Bruder! Wunderherrlich, wunderherrlich! Man sieht es von außen diesem Hause wahrlich nicht an, daß es innerlich so herrliche und so geräumige Gemächer enthalten solle! Und wie herrlich ist die Aussicht durch die schönsten, hohen Fenster! Ach wie herrlich nimmt sich nur der Garten aus! Und die schönsten Gebirgsgruppen in der Ferne! Und wie lieb die vielen netten Häuschen, welche die umliegenden kleinen Hügel zieren! Ach Freund, ach Bruder, das ist ja mehr als himmlisch!

[RB.01_048,02] "Aber da sieh, da sieh bei dem ersten Fenster hinaus! Was ist denn das für ein wahrstes Lumpenpack?! Ah, ah, nein, so was von einem allerechtesten Lumpengesindel ist mir noch nie vorgekommen! Da, da! O der frechsten Unverschämtheit! Sieh, sieh, ein Schöckchen lustiger Dirnen ziehen die lumpigsten Mannsbilder -! --- Ah, ah, das ist zu arg! --- Die müssen wir denn doch aus dem Garten schaffen!?"

[RB.01_048,03] Rede Ich: "Siehe, das sind schon so einige ,Wiener Früchteln'! Es sind dieselben, die dir draußen alles bejahten. Da wir nun aber ins Haus gegangen sind, sind sie lieber draußen geblieben, als daß sie dir gefolgt wären - und unterhalten sich nun nach ihrer Lieblingsweise! Sieh dich nur um und zähle sie, die uns ins Haus gefolgt sind; und du wirst auch nicht einen finden! Denn die etlichen Buhldirnen sind ihnen mehr als wir und alle deine Lehren! - Und sie werden ihnen noch lange mehr sein als wir beide!

[RB.01_048,04] "Gehe aber jetzt hinaus und mache ihnen eine Predigt, da werden sie wieder ganz Ohr sein - zum Scheine! Ich sage dir, es gibt kaum eine Gattung Sünder, die schwerer zu bekehren wären als eben die fleischlichen Sündenböcke; und das darum, weil sie äußerlich ganz geschmeidig erscheinen und alles annehmen, wenn sie sich nur in ihrer inneren Lustgier nicht beeinträchtigt fühlen. Versuche aber, ihnen solche Lust ganz ernstlich zu untersagen, so wirst du Wunder vom allen möglichen Widerspenstigkeiten und Grobheiten erleben. Lassen wir sie nun aber nur austoben und ihre Lust befriedigen. - Dann wollen wir wieder hinaustreten und sie fragen, warum sie nicht ins Haus gefolgt sind. Und du wirst dich nicht genug verwundern können, mit welcherlei Entschuldigungen sie uns entgegenkommen werden!

[RB.01_048,05] "Bevor wir aber hinausgehen, werde Ich es zulassen, daß da einige recht üppige Dirnen zu ihnen stoßen sollen. Da erst wirst du Wunderdinge der Unzucht zu schauen bekommen! Und so gebe denn acht!"

[RB.01_048,06] In diesem Augenblicke kommen durch den Garten zwölf recht saubere Dirnen zu der Gesellschaft. Sogleich geschieht ein feldgeschreiartiger Jubelruf, und alles, was nur Mann heißt, stürzt sich, wie Tiger auf ihre Beute, auf diese Dirnen los.

[RB.01_048,07] Robert springt über diese Ungezogenheit nahe vor Ärger auseinander und will mit Donner und Blitz hinauseilen. Aber ich halte ihn weislich davon ab, und er bleibt voll gerechten Ingrimms in dem Hause bei Mir und wirft nur manchmal einen Blick zum Fenster hinaus.

[RB.01_048,08] Nach einer Weile, als Robert sich über die Ohren an den verschiedenartigsten Unzuchtsskandalen seiner Wiener Freunde satt geärgert hat, spricht er zu Mir: "O Herr, nun hätte ich mich doch wahrlich geärgert zur großen Übergenüge! Aber, bei aller Deiner Heiligkeit, was wahr ist, ist wahr - diese echten Lumpen werden darum dennoch um kein Haar besser. Und so sehe ich es nun wieder bei mir ein, daß es von mir selbst eine tüchtige Dummheit war, daß ich mich darüber geärgert habe!

[RB.01_048,09] "Du könntest diese Sache freilich sogleich anders machen, so Du es wolltest, und so es Deine Weisheit für gut und recht fände. Aber Du, der Du nur zu handgreiflicherweise die ungeheuerste Geduld, Liebe und Sanftmut Selbst bist, siehst diesem echtesten Luderspektakel mit einer Ruhe zu, als könnte Dich so etwas ewig nimmer in einen auch nur scheinbaren Ärger versetzen. Was soll aber da ich mich noch ärgern, wo Du so ruhig zuschauest?! O da werde ich mich für die Zukunft auch nicht ärgern, und sollen's diese Lumpen noch tausendmal ärger treiben, als sie es nun schon getrieben haben und noch treiben!

[RB.01_048,10] "Nur das begreife ich nicht, die einem sonst gebildeten Menschen solch eine Schweinerei aller Schweinereien zur Leidenschaft werden kann!? -Ich war doch auch ein Mensch von festem Fleische und sehr heißem Blute und habe wohl auch dann und wann dem Fleische gedient. Aber, bei all meinem Leben, bis zur Leidenschaft ist bei mir dieser actus bestialis nie gediehen! Denn wahrlich wahr, ich habe mich dabei stets geschämt wie ein ganz gemeiner Bettpisser. Denn ich dachte nur zu sehr dabei und sagte mir's auch oft ganz tüchtig ins Ohr: »Robert! Was bist du nun? - Du sollst in allem ein rechter Mann sein, und siehe, du bist - ein Tier! Schäme dich, Robert, der du ein Mann sein sollest, durchaus ein Mann, und du bist ein Tier und blöd wie ein Esel! Robert! Du bist kein Mann, ein Weiberpoppel bist! Ein rundes und glattes Gesicht, ein paar nach Unzucht glotzende feurige Augen einer dicken Dirne, ein voller Busen und dergleichen Dummheiten mehr können dich zum Tiere 'runter machen, du kannst drob schwach Werden! Psui, und noch tausendmal psui dir! Denn so bist du kein Mann, sondern bloß nur ein abscheuliches Tier! Ein Tier aber kann nicht handeln, sondern bloß nur wie ein Ochse, ein Esel oder ein Schwein aller Gedanken ledig genießen eine Beschäftigung, deren jeder Polyp fähig ist!«

[RB.01_048,11] "Siehe, eine solche und oft noch ärgere Lektionen habe ich mir selbst gegeben, wenn ich dann und wann schwach geworden bin, besonders so ich manchmal bei gewissen festlichen Gelegenheiten zu tief ins Gläschen geguckt habe. Aber, bei meinem armen Leben, bis zur Leidenschaft ist es bei mir nie gekommen!

[RB.01_048,12] "Aber diese hundsgemeinen Kerls betreiben diese Sachen mit einer so leidenschaftlichen Gier, daß sich wirklich alle Hunde, Affen und Spatzen allerweidlichst schämen müssen, so sie diese Lumpen in die Betrachtung nehmen! Was mich aber am meisten wundert ist das, daß hier gerade die alten Schöpfe und Esel es am ärgsten treiben! Da sieh einmal hinaus, dort unter einem Feigenbaume haben drei recht wunderalte Kerls eine Dirne und machen Spektakel mit ihr! Ach herrje! Das ist ja doch zum Donnerwetterdreinschlagen! Wird denn diese Schweinerei kein Ende nehmen?!"

[RB.01_048,13] Rede Ich: "Gedulde dich nur noch ein wenig! Siehe, Ich will ihnen noch mehr Dirnen herbeiziehen. Die neu herbeigezogenen sollen noch üppiger sein als die früheren, aber dafür etwas spröder und züchtiger. Und wir werden sehen, was deine Freunde mit diesen machen werden!?"

[RB.01_048,14] Spricht Robert: "O Herr, ich meine, um das im voraus zu bestimmen, braucht man gar nicht allwissend zu sein! Da werden diese Kerle es noch hunderttausendmal ärger treiben! Ach herrje - das wird eine schöne Hetze abgeben!? Mag gar nicht einmal hinausschauen, so diese dumme Hetze angehen wird! Aber sag, mir doch gnädigst einmal, Du Herr, Du einziger Herr über alle Himmel und Welten, was wird denn da am Ende herauskommen? Werden diese Lumpen die Sache nicht einmal satt bekommen? Werden sie, statt Geister zu werden, sich nur zuechten Tieren umwandeln? - Bei meinem armen Leben, das wird denn etwa doch eine erzdumme Geschichte abgeben?!"

[RB.01_048,15] Rede Ich: "Sei nur ruhig, du wirst in all dem gar bald ein rechtes Licht bekommen! Nur mußt du bloß, gleich Mir, einen ganz ruhigen Zuschauer machen! Wenn Ich dir aber die Augen mehr und mehr öffnen werde, so wirst du dann erst vollends einsehen lernen, wie man hier zu Werke gehen muß, um womöglich solche Schweine zu Menschen umzugestalten? - Was aber hier die Liebe nicht vermag, das wird der Hölle oder dem eigenen, in jeder Seele wohnenden Strafgerichte anheimgestellt! Aber nun ruhig! Denn sieh die Dirnen kommen schon!"

[RB.01_048,16] Robert blickt nun zum Fenster hinaus, sieht sich nach den neu ankommenden Dirnen um und spricht nach einer Weile: "Bei meinem armen Lebe? - Wahrhaftig wahr, diese Dirnen, etlich zwanzig an der Zahl, sehen dir gar nicht übel aus, das heißt, so man sie mit einem rein irdischen Maßstabe beurteilt! Potz Tausend und alle Elemente, die vorderen drei sind ja wie die ersten pariser Ballettänzerinnen angekleidet! Die werden sicher diesen Wiener Tiermenschen ein Pas de trois (Dreitanz) zum besten geben, um sie desto lüsterner pro actu bestialis zu machen?! Ich möchte es ihnen wohl sagen, daß sie sich deshalb eben keine Mühe geben sollen; denn dise Tiermenschen haben zu derlei Verrichtungen ohnehin nur zu viel Gier, ohne es vonnöten zu haben, sich dazu extra durch allerlei weibliche Füßewacklereien reizen zu lassen!

[RB.01_048,17] "Es wäre nach meiner freilich menschlich unvollkommenen Meinung wahrlich besser, so an der Stelle dieser schmucken Choreographinnen (Tanzkünstlern) ein paar Dutzend Bären aufmarschiert wären. Vielleicht würden diese sehr kräftigen und keinen Spaß verstehenden Wald- und Alpenchoreographen auf diese meine tierischen Wiener Freunde eine bessere und vielleicht auch heilsamere Wirkung üben, als diese rundfüßigen, vollbrüstigen und pausbackigen Tänzerinnen!

[RB.01_048,18] "Mich wundert es aber dennoch, daß die Wiener Geister sich nun beim Anblicke dieser Schönheiten noch so viel zurückhalten, daß sie diese neuen Schönheitskoryphäen (Schönheitssterne) der Geisterwelt doch nicht so wie die früheren sofort beim ersten Erscheinen gleich wütenden Hunden angefallen haben! Wahrscheinlich imponieren ihnen diese Schönheitssterne doch etwas zu stark, und sie trauen sich nicht an sie."

 

49. Kapitel – Eine Schar einstiger Kunsttänzerinnen tritt ins Haus. Sie erfuhren viel Not in der Geisterwelt. Demütige Bitte um Brot und Unterkunft.

[RB.01_049,01] Während Robert noch solches kaum ausgeredet hat, kommen diese zwei Dutzend weiblicher Schönheiten eine nach der andern in das Zimmer zu uns beiden, machen vor uns eine tanzmeisterliche Referenz und fragen uns, ob in diesem Prachtpalaste nicht etwa auch ein Theater sei, auf dem sie etliche Vorstellungen in der hohen Choreographie geben könnten.

[RB.01_049,02] Spricht Robert: "Da, neben mir steht der eigentliche Herr. Den fraget! Ich bin erst seit einigen Augenblicken der ärgerliche Inwohner dieses Hauses und kenne im selben außer diesem Gemache, in dem ihr euch nun befindet, noch kein anderes. Es komnmt mir überhaupt sehr sonderbar vor, wie ihr euch hier in der Geisterwelt, wo man allein nur Gott den Herrn suchen und sich in aller Liebe zu Ihm üben soll, um ein vollendeter Geist zu werden, mit solchen rein irdisch-materiellsten Skandalkünsten abgeben könnet?! - Aber mir ist das gleich! - So es dem Herrn dieses Hauses angenehm und zweckdienlich ist, dann machet, was ihr wollet! - Da, neben mir aber, wie ich's euch schon angezeigt habe, ist eben der Herr Selbst!"

[RB.01_049,03] Sagen die drei ersten: "Wie ist nun das?! Da draußen sagte uns einer, der uns an die Türe gefolgt ist: Du wärest der Eigentümer und somit auch Herr dieses Palastes! - Und du sagst nun, dieser, dein Freund, ist es!"

[RB.01_049,04] Spricht Robert: "Ja, und noch tausendmale ja - Dieser ist der eigentliche Herr dieses Hauses! Und wer euch gesagt hat, daß ich der Herr sei, der war ein dummer Mensch und blinder als zehntausend Maulwürfe! - Fraget also Diesen oder schauet, daß ihr bald zum Tempel hinauskommet!"

[RB.01_049,05] Darauf wenden sich die drei an Mich und fragen Mich, ob Ich alsonach wohl der Herr dieses Palastes wäre?

[RB.01_049,06] Rede Ich: "In der Welt der Geister ist ein jeder Herr, das ist: Besitzer dessen, was sein ist, und so dieser da Mein Freund und Bruder ist, so besitze Ich ihn auch als das, was er Mir ist, und Ich bin sonach auch sein Herr und auch der Herr dessen, was sein ist; wogegen er vor euch aber auch von Mir das Gleiche aussagen kann.

[RB.01_049,07] "Daß Ich aber dieses Haus, wie es beschaffen ist, besser kenne als er, das hat seine gewissen Gründe, worunter auch der sich befindet, daß Ich schon um sehr viele Jahre länger, nach irdischer Rechnung, Mich hier in der Welt der Geister befinde als der Freund da.

[RB.01_049,08] "Mit der größten Gewißheit kann Ich euch daher sagen, daß sich in diesem ganzen großen Hause durchaus kein Theater und ebensowenig irgendein Tanz- oder Springsaal befindet außer an der ganz äußersten Nordseite eben dieses Hauses eine Art Rednerkammer mit einer Versenkung, durch welche unlautere Geister, die sich Gottes Ordnung durchaus nimmer wollen gefallen lassen, ganz behaglich und wohlerhalten zur Hölle hinab versenkt werden können! So ihr dort eure produktionen diesen Gästen da draußen wollet zum besten geben, so kann euch diese Redner- oder besser Haderkammer zur beliebigen Verfügung gestellt werden! Aber ihr müsset da sehr Achtung geben, daß ihr bei eurer Choreographie nicht in eine solche Versenkung stürzet. Denn so ihr da hineinkommet, da dürftet ihr schwer wieder den Weg zurückfinden! Habt ihr das verstanden?"

[RB.01_049,09] Sprechen die drei ersten Koryphäen: "Höre, du lieber Freund, das ist etwas fatal! So ein Lokal können wir durchaus nicht brauchen! Kannst du aber nicht gestatten, daß wir draußen im Garten unsere hohe Kunst produzieren dürften?"

[RB.01_049,10] Rede Ich: "Ja, ja, draußen könnet ihr tanzen und springen wie ihr nur immer wollt, da haben wir vorderhand nichts dagegen. - Gehet sonach nur wieder hinaus und machet draußen, was ihr wollt! Denn hier im Hause tut es sich mit eurer Sache (schon) durchaus nicht!"

[RB.01_049,11] Spricht die eine aus den dreien: "O lieber Freund, als wir noch auf der Erde waren, da ging es uns sehr gut. Denn wir waren die Abgöttinnen der größten Städte. Alles, was uns zu bewundern Gelegenheit hatte, war entzückt. Wir erwarben uns nebst der Gunst der größten Kronenträger auch sehr viel Geld und sonstige Schätze, womit wir uns auf 1000 Jahre best versorgt sahen. Aber als wir uns in die Ruhe begaben, um die goldnen Früchte unserer Bemühungen zu genießen, da kam plötzlich eine fatale Krankheit über unsern schönsten Leib; wir zehrten ab und starben!

[RB.01_049,12] "Nun sind wir schon bei 30 Jahre lang hier in dieser armseligsten Geisterwelt, oder was sie sonst sein mag, und es geht uns ganz entsetzlich schlecht! Nirgends gibt es für uns einen Verdienst! Wo wir nur immer anklopfen, da werden wir wie hier beschieden. Und o Freunde der Hunger tut gar entsetzlich weh! Auf eine gar zu gemeine Weise wollen wir uns das Brot denn doch nicht verdienen, da wir dazu denn doch zu gut sind. Besonders möchten wir mit einem so lumpichten Gesindel wie das da draußen, schon gar nichts zu tun haben, da wir auf der Erde doch nicht selten Prinzen das nicht gewährten, was sie gar so oft bei uns suchten. Und sonst gibt uns hier aber auch kein Mensch oder Geist nur einen Tropfen Wasser! Du siehst daraus, daß wir hier sehr elend und gar entsetzlich arm sind.

[RB.01_049,13] "Könntest oder wolltest du uns denn nicht gegen was immer für einen letzten Dienst hier in diesem Hause eine Unterkunft und nur so viel Brot zukommen lassen, daß wir uns nur einmal den allerbrennendsten Hunger um ein kleines stillen könnten?! - Oh, sei von uns allen durch mich allerinbrünstigst darum gebeten!"

[RB.01_049,14] Rede Ich: "Ja, Meine lieben Tanzkünstlerinnen, das hängt hier nicht von Mir ab. Denn der eigentliche Eigentümer dieses Hauses, wie auch alles dessen, was eure Augen erschauen in dieser weitgedehnten Gegend, ist dennoch dieser Mein Freund und Bruder. Wenn er euch das geben will, was ihr möchtet, da werde Ich nichts dagegen haben, im Gegenteile wird Mir das nur eine große Freude sein. Aber dazu bereden oder gar bei den Haaren dazu ziehen, werde Ich ihn nicht! Wendet euch daher an ihn!"

[RB.01_049,15] Die Sprecherin will sich nun in dieser Sache an den Robert wenden.

[RB.01_049,16] Aber Robert kommt ihr zuvor und spricht: "Meine liebe Tanzkünstlerin und ihr alle zwei Dutzend desselben Gewerbes! Ich habe von euresgleichen bisher nur das gewußt, daß eure Füße viel elastischer seien als die Füße anderer ehrlicher Menschen. Daß aber die Tanzkünstlerinnen auch fuchsfeine Nasen hätten, das wußte ich bisher noch nicht! Wahrlich, eure Nasen machen euch nun mehr Ehre als eure noch so feingebildeten Füße! So ich's allein mit euch zu tun hätte, da würde ich euch sogleich zur Türe hinausweisen. Aber da es diesem meinem Freunde eine Freude macht, so ich eure Bitte erhöre, so will ich euch denn in Gottes Namen auch ausnehmen! - Und so bleibet denn! - Dort im Hintergrunde, und zwar in einer Ecke dieses Gemaches, befindet sich ein kleiner Tisch mit etwas Brot und W ein! Gehet hin und stärket euch! - Sodann kommet wieder, und wir werden euch dann schon ein Geschäftchen anweisen, dem ihr recht emsig obzuliegen haben werdet. Nun gehet, wohin ich euch beschieden habe!" Die Tänzerinnen folgen sogleich diesem Befehle.

 

50. Kapitel – Die Wiener Gesellschaft verlangt nach den Tänzerinnen. Roberts Donnerpredigt. Seelenrettung am Abgrund.

[RB.01_050,01] Diese vierundzwanzig schönen Tänzerinnen aber bleiben für die lüsternen Wiener Freunde Roberts nun schon zu lange im Hause. Daher kommen diese vor die Zimmertüre Roberts und sagen laut schreiend: "Nun, wie lange belieben denn diese Pariser und Londoner Schnellfüßlerinnen bei euch zu verweilen?! Wir glauben gar, daß du sie für dich und deinen Freund da zurückbehalten möchtest!? - Wäre nicht übel, du behieltest das Beste für dich, und wir als deine Freunde könnten uns draußen mit den mageren, braunen und häßlichen Fetzen begnügen! - Schau, schau, du wärest uns ein rarer Freund, das Beste möchtest du behalten und das schlechte uns zukommen lassen! Wir bedanken uns ganz gehorsamst für solch Saubere Freundschaft! Höre, wir wollen billig sein, weil du der Blum bist: ein Dutzend kannst du für dich behalten; aber das andere Dutzend von diesen schönen Engländerinnen oder Französinnen mußt du uns sogleich ausliefern, sonst fangen wir ein Spektakel ums andere an! Ja sogar mit der schönsten Katzenmusik sollst du hier im Geisterreiche bedient Werden! Und wenn dich diese auch noch nicht für die Erfüllung unserer Wünsche stimmen sollte, so schlagen wir hier alles quintelweis zusammen!"

[RB.01_050,02] Spricht Robert: "Aber oha! sagt auch eine gewisse Gattung der Bewohner Wiens! - Ich sage euch: so wahr ein ewiger Gott lebt, und so wahr ich bis jetzt noch den Erdnamen Robert Blum führe, so wahr auch kommt keine von diesen Tänzerinnen zu eurem schändlichsten Vergnügen aus dieser Burg, in der Gott der Wahrhaftige wohnt und jedem gibt, wie er sich's verdienet hat!

[RB.01_050,03] "Ich habe sie als hungrige und elende Wesen in dies mein Haus aufgenommen; sie sind meine Gäste nun und genießen als solche auch alle jene Sicherheit und jenen Respekt, den mein Haus von jedem gut und ehrlich gesinnten Geiste zu fordern das vollste Recht hat! Seid ihr aber etwa ernstlich gesonnen, dieses heilige Recht jedes Hauses an diesem meinem Hause zu schänden, so versuchet es, und wir wollen sehen, wer da den kürzeren ziehen wird?!

[RB.01_050,04] "Ich glaube und bin nach dem, was ich von euch durch diese Fenster gesehen habe, der Meinung, daß ihr euch draußen in meinem Garten doch zur Vollgenüge müßtet ausgebuhlet haben!? Denn wahrlich, ich kenne kein Tier auf der Erde, das einen solch schändlichen Instinktstrieb je irgendwo verriete, wie ihr als vernünftige Menschengeister hier im Gottesreiche sogar allertätigst an den Tag geleget habt! Aber nicht genug, daß ihr euch ohnehin schon bis ins Zentrum der untersten Hölle hineingesündigt habet und den Teufeln gleich geworden seid; nicht genug, daß eure schändliche Gier jene ärmsten weiblichen Wesen, statt ihnen zu helfen, noch tausendmal elender gemacht hat als sie ehedem waren; nicht genug, sage ich, daß ihr diese reine, geistige Gotteserde mit dem schändlichsten Geifer der echt höllischen Unzucht und Hurerei auf das schmählichste befleckt habet! Nein, das alles ist eurer unersättlichen Lustier noch viel zu wenig!

[RB.01_050,05] "Auch diese armen Wesen, die dreißig lange Jahre (nach irdischer Rechnung) Hunger, Durst und tausendfaches anderes Elend nach dem Ratschlusse des Allerhöchsten zu erdulden hatten, die Gott Selbst nun aufgenommen hat, und die dort injener Ecke dieses Gemaches vielleicht seit dreißig langen Jahren das erste Stückchen nährenden Brotes genießen und dafür Gott, den sie leider noch kaum kennen, mit Tränen danken - diese wollet ihr auch noch mit euch zur Hölle hinabziehen! O eurer grenzenlosen Verruchtheit!!

[RB.01_050,06] "Die armen Wesen da draußen, die ihr soeben aus das gewissenloseste und unbarmherzigste geschändet habt, die nun voll Schmerzen jammern und weheklagen und dahinliegen wie Halbtote - wisset ihr, wer sie sind? Sehet, das sind eure eigenen Töchter auf Erden gewesen! Sie kamen zum Teile durch natürliche Krankheiten, wie sie im lustigen Wien leider nur zu häufig vorkommen, und zum Teile durch die Beschießung Wiens um ihr irdisches Leben. Aller geistigen Bildung bar und ledig kamen sie in dieser geistigen Welt an und wußten nicht wohin, wo aus und wo ein. Da erfuhren sie durch eine gütige Fügung Gottes, daß ihr, als ihre irdischen Väter, euch in dieser Gegend befindet, die ihnen angezeiget ward. Voll Freuden, in der Hoffnung, ihr traurig aussehendes Los zu verbessern, eilten sie hierher. Als sie hier anlangten und euch erblickten und erkannten und euch mit dem kindlichen Rufe »Vater!« an ihr kindliches Herz ziehen wollten, da spranget ihr gleich wütenden Hyänen über sie und finget sogleich an - als Väter mit den eigenen Töchtern die allerschmählichste Unzucht und Hurerei zu treiben. Umsonst riefen die Armen: »um Gotteswillen! Wir sind ja eure Töchter! Was tut ihr mit uns!? Jesus, Jesus! Was tut ihr?!« Aber das hörtet ihr gar nicht! Denn eure verfluchte Geilgier und teuflische Brunst hat euch blinder und stummer gemacht, als da ist ein Auerhahn in seiner Balzzeit! Ihr zerrisset förmlich die Armen in eurer Geilwut! O ihr verruchten Täter des Übels! Da sehet hinaus, euer schönes Werk - mit welchem Namen soll man es bezeichnen?! Wahrlich, meine Zunge findet keinen Ausdruck dafür!!

[RB.01_050,07] "Als ich mit diesem meinem großen Freunde hier ankam und euch alle eben hier in meinem Hause antraf, da hatte ich eine rechte Freude an euch; und besonders freute es mich, als ich von euch nach Verlauf einiger Worte, die ich an euch gerichtet habe, das herrliche Verlangen vernahm, demnach es eure diesweltliche größte Freude wäre, Christum, den Herrn, nur einmal von ferne zu Gesichte zu bekommen! Ich gab euch darauf die Versicherung, daß ihr, so ihr Ihn recht innigst liebend in euer Herz werdet aufgenommen haben und durch solche Leibe reiner machet eure Herzen. Ihn, den Herrn der Ewigkeit, nicht nur einmal, sondern immer und ewig sehen werdet! Worauf ihr sehr froh ergriffen waret und recht demütigst bekanntet, daß ihr solcher zu großen Gnade noch gar lange nicht wert seid! Das gefiel mir so gut, daß ich vor Freude hätte weinen mögen.

[RB.01_050,08] "Aber incredibile dictu (unglaublich zu sagen)! - als ich in dies mein Haus mit diesem meinem Freunde trat und Ihm darob meine Freude äußerte, da sprach Sein weisester Mund: »Traue ihnen nicht zu viel; das sind lauter grobsinnliche Genußmenschen! Ich sage es dir, es werden von ihnen etliche zur Hölle hinab müssen, und es wird ihrer aller Besserung ein hartes Werk sein!« O der großen Wahrheit! - Ich sage es euch, ihr brauchet nun nicht mehr zur Hölle hinab zu kommen ihr seid schon völlig in ihr! Denn diese böse, unersättliche Lustgier eurer unratvollsten und stinkendsten Herzen kann Gott in euch nicht mehr bessern, außer durchs Gericht der Hölle, da ihr selbst ganz Hölle seid!

[RB.01_050,09] "Nun habe ich's euch gesagt, wie es mir Gott ins Herz gelegt hat! Ihr wisset nun, was ihr getan habt, und was ihr noch tun wollet, und was davon die unvermeidlichste Folge sein wird! Tuet nun, was ihr wollt! Noch seid ihr frei; aber bald, nur zu bald, wird das Gericht Gottes euch ergreifen und euch euren Lohn geben! Aber nicht nur euch, sondern auch allen, die auf Erden in dieser Zeit noch im Leibe herumwandeln und sich die Mahnungen Gottes, deren diese Zeit so voll ist, nicht wollen gefallen lassen!

[RB.01_050,10] "Hätte ich selbst auf der Erde lieber so manchen unverkennbaren Gottesmahnungen mein Ohr und mein Herz geöffnet, so wäre ich auch in gar kein Gericht gekonmmen. Aber weil ich nur dem folgte, was mein zu verstiegener und ruhmsüchtiger Verstand mir eingab, so mußte ich mir denn auch ein übles Gericht gefallen lassen! - Ich aber wollte (immerhin) Gutes, nach meinem Urteile, und habe mich dadurch dennoch eines Gerichtes schuldig gemacht und ward auch gerichtet! Was wird aber mit euch, da ihr nur Arges wollt, das ihr gar wohl einsehet, daß es ein Arges ist?!"

[RB.01_050,11] Auf diese sehr eindringliche Rede Roberts fangen die äußerst betroffenen Zuhörer ganz gewaltig zu stutzen an, und einer um den andern zieht sich zurück. Keiner hat den Mut, dem Robert auch nur ein Wörtlein zu erwidern. Nur untereinander murmeln sie, daß sie die Veränderung Roberts nicht begreifen, und sein Ernst sei wie ein großer Donner und seine Rede wie eine alles verheerende Sturmflut!

[RB.01_050,12] Einige unter ihnen aber fangen an, sehr in sich zu gehen, und eine mächtige Furcht ergreift ihr ganzes Wesen, und sie bereuen sehr, was sie getan haben.

[RB.01_050,13] Daraus wendet sich Robert zu Mir und spricht: "O Herr, Du mein allerheiligster und ewig wahrster und bester Vater! Vergebe es mir, so ich nun an diese meine Wiener Freunde eine vielleicht denn doch etwas zu harte und scharfe Mahnrede geführt habe!? Du siehst es ja in meinem Innersten, daß ich ihnen allen nur das Beste wünsche und durch die Schärfe meiner Rede nichts anderes bewerkstelligen möchte, als ihnen, so es möglich wäre, das sicher allerhöchst traurige Gericht der Hölle ersparen. Denn ich meine, ein nicht so scharfes Mahnwort ist dennoch unberechenbar milder als das kleinste Fünklein höllischen Gerichtes! Und so donnerte ich denn auch in diese aller höhern Bildung ledigen Brüder mit aller Kraft, die ich nur immer aus allen Winkeln und Ecken meines Wesens habe zusammenraffen können, hinein und habe, wie es wenigstens scheint, bei einigen einen recht wohl sichtbaren Effekt zuwege gebracht!

[RB.01_050,14] "O Vater, segne Du diese meine Worte in ihnen, wer weiß es, vielleicht werden sie bei ihnen doch das bewirken, was ich damit so ganz eigentlich habe bewirken wollen!?"

[RB.01_050,15] Rede Ich: "Mein lieber Freund, Bruder und nun auch Sohn! Ich sage es dir: Nicht ein Wort mehr und nicht ein Wort weniger hast du geredet, als was Ich selbst in dein Herz gelegt habe! Denn was du geredet hast, das habe Ich in deinem Herzen gedacht und gewollt. Darum darfst du dir auch durchaus keine Vorwürfe machen, als wärest etwa du aus dir selbst gegen diese, aller geistigen Lebensbildung ledigen Menschen zu hart gewesen. O deshalb sei du nun ganz ruhig!

[RB.01_050,16] "Denn siehe, solche Geister, die am Rande des Abgrundes stehen und sich schon also vorneigen, um im nächsten Augenblicke in selben hineinzustürzen, müssen mit aller Kraft ergriffen und so vom Rande des Abgrundes zurückgerissen werden. Nur so ist es möglich, sie ohne Hölle auf einen bessern Weg zu bringen.

[RB.01_050,17] "Du wirst dich nun bald überzeugen, welch eine gute Wirkung die Donnerrede deines Mundes bei ihnen hervorgebracht hat! Alle werden freilich noch allerlei Ausflüchte suchen und werden sich schöner machen wollen als sie sind. Ober das macht nichts, wenn nur nahezu der größere Teil in sich geht, so ist das schon gut. Der mindere Teil wird dann, als der ganz natürlich schwächere, mit der Weile dennoch bemüßigt sein, sich am Ende willig zu fügen, da er nach sonst irgendwohin keinen Ausweg finden wird.

[RB.01_050,18] "Doch lassen wir sie nun ein wenig ruhen und in dieser Ruhe gleicherweise ein wenig durchgären! So sie nach rechtem Maße also werden durchsäuert sein, wie da auf Erden durchsäuert ist die Maische, bevor sie zur Gewinnung des Weingeistes in den Destillierkessel getan wird - da werden wir sie dann auch in den Destillierkessel tun, unter dem ein stets gleich mächtiges Feuer unserer Liebe brennet. Und es wird dann ein leichtes sein, ihr wahres Geistiges von den groben, irdischen Trebern zu scheiden. - Nun aber unterdessen von etwas anderem!"

 

51. Kapitel – Drei Kampfgenossen Roberts vor dem Herrn. Auch sie sollen gebessert werden. Die dankbaren Tänzerinnen als Werkzeuge.

[RB.01_051,01] Rede Ich weiter: "Es war schon ehedem einmal die Rede von deinen drei anderen Freunden, nämlich von Messenhauser, Jellinek und Becher. Es ward gefragt, wo diese, die mit dir das Los teilten, wären? Deine Freunde gaben ihnen ein eben nicht zu glänzendes Zeugnis. Ich sage dir, so plump und grob zwar dieses Zeugnis an und für sich auch immer war, so war aber dennoch im Ernst etwas daran. Denn jene drei waren alle heimlich von einem ganz andern Geiste getrieben als du. Du hattest nach deinem Verstande und Erkenntnisse nur einen, irdisch genommen, guten Zweck vor dir, den du eben also zu erreichen strebtest, wie du einen gleichen in deinem Lande auch wirklich erreicht hast. Aber nach solch einem irdisch allerdings achtbaren Zwecke und Ziele trachteten deine drei vorbenannten Freunde nicht. Während du als ein echter Menschenfreund handeltest und wirktest, handelten und wirkten die drei, mit geringen Gesinnungsunterschieden, bloß nur für die Erreichung entweder des losesten Volksabsolutismus oder, so dies fehlschlüge, doch wenigstens einer reich bespickten Börse, mit der sie sich dann bei einer günstigen Gelegenheit in nächtlicher und nebliger Dunkelheit hätten empfehlen können!

[RB.01_051,02] "Aber die schlüpfrige Fortuna (Glücksgöttin) war ihnen nicht günstig. - Sie stellte wohl aus eine Zeitlang dem ersten ein tüchtiges Füllhorn vor die Füße. Aber er merkte es nicht, daß sich unter dem Füllhorne jene fatale Rollkugel befand, die an das unbeständige alles irdischen Glückes gar so trefflich mahnt! Und so geschah es denn auch leicht, daß das irdische Glück des Messenhauser nur zu bald umschlug.

[RB.01_051,03] "Den andern zweien war diese Fortuna freilich sichtlich nicht so günstig, obschon sie mit Hilfe der Gänsekiele alles aufboten, um sich diese Göttin der Heiden geneigt zu machen. Sie fochten mit den Waffen, die ihnen die Gänse gaben, gleich einem Simson umher und schlugen damit eine Zeitlang gar sehr wacker und ohne alle Schonung auf den Köpfen der sogenannten reaktionären Philister herum. Aber es wollte an diesen Wunden, die sie ihren Feinden mit den Gänseschwertern beibrachten, niemand sterben. Und die Fortuna war auch so trotzig und eigensinnig und wollte ihnen kein freundliches Gesicht zeigen. Das ärgerte sie sehr mächtig, daß sie darob die erste Waffengattung von sich warfen und sich dafür andere beim Mars ausborgten, mit denen sie im Ernste simsonsche Philister-Niedermachungstaten zu bewerkstelligen vermeinten, und zwar aus dem Grunde, daß ihnen dadurch die für sie einzig göttlichste Fortuna geneigter werden möchte als sie es früher war, wo sie ob die leichtere Waffengattung gebrauchten. Aber da stand es bald noch ärger um die beiden. Die Fortuna wurde erbost und warf ihnen am Ende so viele Kugeln unter die Füße und machte den Boden, auf dem sie fest stehen wollten, so glatt und schlüpfrig, daß es für sie unmöglich ward, sich noch fernerhin aufrecht zu erhalten; sondern gleich jenen sonst gutmütigen Tieren, die manchmal auch einen Tanz auf dem Eise versuchen sollen, (mußten sie) fallen. Und ihr Liedchen an die Fortuna ist damit auch völlig zum Ende gekommen.

[RB.01_051,04] "Mit diesem Falle traten diese drei Helden aber auch von dem Schau- und Prüfungsplatze der Außenwelt ab; und sind nun, dir gleich, in diese ewig gleich fortdauernde neue Welt herübergewandert, natürlich unter zahllosen Verwünschungen jener Veltmächtigen, die sie mit einer wahren Extraschnellpost hierher befördert haben. Sie sind nun alsonach auch ohne allen Zweifel, hier in der Geisterwelt, und das sicher nicht gar zu weit von hier.

[RB.01_051,05] "Du sprichst in dir: »Das ist sicher und wahr; aber wo so ganz eigentlich? Schweben sie etwa auch, mir gleich, noch irgendwo zwischen Himmel und Erde im Äther? Oder sind sie etwa gar hier in der Nähe dieses Hauses irgendwo in einem Winkel verborgen?«

[RB.01_051,06] "Ich sage es dir: Nicht im Äther und nicht in irgendeinem Verstecke, etwa in der Nähe dieses deines Hauses, das da gleich ist dem Innern deines Herzens. Sondern wie sie in deinem Herzen durch dein liebvolles Gedenken an sie gegenwärtig sind, so sind sie auch in der Wirklichkeit in diesem Hause gegenwärtig! Eine einzige Türe scheidet sie noch von dir und Mir. So wir diese Türe öffnen, da wirst du sie noch ganz so, wie sie die Erde verlassen hatten, antreffen.

[RB.01_051,07] "Aber so Ich dir die Türe öffnen werde, da darfst du sie nicht sogleich anreden, sondern sie eine Zeitlang an Meiner Seite belauschen, was alles sie untereinander abmachen und beschließen werden. Erst so sie einen Vollbeschluß werden gefaßt haben, alsdann wird es an der rechten Zeit sein, sie anzureden und sich ihnen zu zeigen. - Das also zu deiner Darnachrichtung!

[RB.01_051,08] "Vorderhand aber wollen wir noch mit unseren Tänzerinnen ein paar Wörtlein wechseln und sie für unsere kommenden Maßnahmen ein wenig vorbereiten. Denn diese (Tänzerinnen) werden wir in der Folge so gut brauchen können, daß du dir's nun noch gar nicht vorzustellen vermagst! Daher nun an dies nötige Vorwerk!"

[RB.01_051,09] Nach dieser kurzen Vorunterweisung begeben wir uns aber auch sogleich zu unseren Tänzerinnen, die uns beide gar liebfreundlichst empfangen und gar herzlich danken, zuerst für die so überaus gute Bewirtung, und fürs zweite aber auch für den energischen Schutz gegen jene, die üble Absichten aus ihre ohnehin sehr unglücklichen und elenden Personen hatten! Auch bitten sie den Robert tausendmal um Vergebung, daß sie, was er wohl hatte merken können, ihn für ein hartes Wesen hielten, während er nun in der Tat bewiesen habe, was für ein überaus liebevoller und rechtlicher Mann er sei.

[RB.01_051,10] Robert, solches Lob zwar gerade nicht ungerne anhörend, ermannt sich aber doch gleich und spricht in seinem gewöhnlichen, etwas rauh-ernstlichen Tone: "Höret, ihr meine lieben, armen Schwestern! Seid nicht zu voreilig mit eurem Lobe und Danke! Denn ihr wisset es ja noch lange nicht, wer hier der eigentliche Geber aller guten Gaben ist!

[RB.01_051,11] "Das sage ich euch, und ihr könnet es mir aufs Wort glauben, daß ich durchaus nicht der Geber bin, sondern jemand ganz anders. Ich aber bin hier nur sozusagen ein recht derber und grober Hausknecht, aber gottlob kreuzehrlich! Aber das ist nun alles eins, ob ihr mir oder dem eigentlichen Herrn dieses Hauses danket; denn was mir nicht gebührt, das nehme ich auch nicht an, sondern gebe es ganz getreu meinemn einzigen Herrn wieder!

[RB.01_051,12] "Doch nun von etwas anderem! - Saget uns beiden, ob ihr nun noch darauf bestehet, eine Tanzproduktion in diesem Hause zu veranstalten? Oder seid ihr nun etwa gar von dieser tollen Idee im Ernste abgekommen?"

[RB.01_051,13] Sprechen die Tänzerinnem: "O ihr allerbesten und liebevollsten Freunde der armen Menschheit! So ein Verlangen wäre nun wahrlich die größte Tollheit von unserer Seite! Denn wir wollten ja nur darum allhier umsere armseligste Kunst in die Ausübung bringen, um uns durch sie möglicherweise so viel zu verdienen, daß wir mit dem Verdienste doch den brennendsten Hunger hätten stillen können! Da wir aber nun. Dank euch beiden, bei euch auch ohne unsere beabsichtigte vorführung die herzlichste Aufnahme fanden, da wäre es ja doch eine der größten Torheiten von unserer Seite, so wir nun an so etwas gedenken möchten, davon wir nur zu sehr überzeugt sind, daß unsere genug elende irdische Kunst in euren sicher himmlisch reinen Augen ein Greuel ist! Oh, so ihr beide uns nur stets so gnädig seid, wie ihr es bis jetzt waret, da wollen wir von unserer Kunst auch ewig nichts mehr hören und wissen! Dessen könnet ihr völlig versichert sein."

[RB.01_051,14] Spricht Robert: "Das freut uns,und das ist schön und gut von euch! Aber so wir beide später eines gewissen guten Zweckes wegen von euch verlangen möchten, daß ihr bei einer bald kommenden Gelegenheit denn doch so ein Tänzchen produzieren möchtet - würdet ihr auch dann dem sehr löblichen Entschlusse, nimmer zu tanzen, getreu verbleiben?"

[RB.01_051,15] Sprechen die Tänzerinnen: "O Freunde, was immer ihr wollet, das werden wir auch tun, da wir nur zu gut wissen, daß ihr nur etwas Gutes wollen könnet, und so wollen wir auch tanzen, so ihr es verlanget. Denn euer Wille soll fortan stets auch der unsrige sein!"

[RB.01_051,16] Spricht Robert: "Nun gut, so haltet euch dazu bereit! Denn es wird die Gelegenheit sich in kurzer Frist ergeben."

 

52. Kapitel – Das gute Werk des Geistes in Robert. Die Herablassung des Herrn erschüttert sein Herz. Sein Mitleid kommt den Tänzerinnen zugute.

[RB.01_052,01] Rede Ich zu Robert: "Mein liebster Freund, Bruder und Sohn! Du hast wahrlich ein sehr geschmeidiges Herz, und das ist für Mich eine große Freude. Denn siehe, du redest wie aus dir selbst, und dennoch redest nicht du aus dir, sondern Ich! Und das ist eine rechte Sache hier im Reiche der Geister, daß des Freundes Mund das laut kündet, was da Rechtliches und wahres vorgeht im Herzen seines Nächsten. Dein Herz vernimmt genau Meine Gedanken, und Mein Wille bleibt ihm nicht fremd! Und siehe, das alles ist das Werk Meines schon stark wach gewordenen Geistes in dir.

[RB.01_052,02] "Dieser Geist, weil er ganz rein aus Mir ist, kann daher auch in Meine Tiefen dringen und allda erschauen und erforschen Meine Gedanken und Meinen Willen. Und das ist nun bei dir schon sehr stark der Fall; daher du nun schon also fertig in deinem Herzen wahrnimmst, was Ich denke und will, als wärest du schon tausend Jahre hier in die heiligen Geschäfte vollständig eingeweiht! Fahre du nur so fort, da wirst du Mir in aller Kürze ein ganz tüchtiges Rüstzeug werden.

[RB.01_052,03] "Und nun, da unsere Tänzerinnen schon unterrichtet sind und wissen, was sie zu tun haben, so wollen wir uns sogleich an die Eröffnung der Türe machen, hinter der wir sogleich das ,Wiener Heldenkleeblatt' miteinander debattierend antreffen werden.

[RB.01_052,04] "Nur muß Ich dich noch vorher fragen, ob die Tänzerinnen also schön genug sind, wie du sie nun siehst oder sollen wir sie etwa so recht ,non plus ultra (im höchstmöglichen Grade) schön machen?"

[RB.01_052,05] Spricht Robert etwas lächelnd: "O Herr, wie doch gar so über alle Begriffe gut, mild und herablassend bist Du! Du sprichst mit mir wahrlich nicht als ein ewiger Herr der unendlichkeit; sondern gerade wie ein irdischer Freund zum andern, und als ob Du im Ernste meines Rates bedürftest! Ja, das, das erst macht Dich noch unendlichmal größer in meinem Gemüte, als so Du ganze Heere neuer Welten und Himmel vor meinen Augen erschaffen möchtest. Daß Du, als Gott und Herr unendlich mächtig in Dir Selbst, auch unendliches gestalten kannst. Siehe, das findet mein Herz nun ganz natürlich; aber daß Du mit mir, Deinem Geschöpfe, so ganz vertraulich redest und handelst wie ein rechter Bruder mit dem andern - das macht mein Herz völlig erstarren vor Deiner Größe!

[RB.01_052,06] "Aber sei ihm nun, wie es ihm wolle? - Was die noch größere Verschönerung dieser Tänzerinnen betrifft, so stelle ich es, so wie alles andere, natürlich ganz nur Dir anheim! Die ersteren sehen nach meiner Beurteilung wohl ohnehin gar nicht übel aus; denn sie sind, wie man auf der Erde zu sagen pflegt, so recht fest und nett beisammen. Ihr Anzug ist recht, wie man sagt, gewählt, und ihre Gesichter, Brüste, arme und Füße suchen ihresgleichen. Aber die anderen sehen wohl, besonders einige dort im Hintergrunde, sehr spitzig aus, und ihr Anzug erinnert mich sehr lebhaft an den Anzug jener sogenannten fliegenden Komödianten-Trupps, die sich als eben nie zu reiche und geniale Trambulin-Springer, Purzelbaummacher und Seiltänzer in den Märkten und Dörfern herumtreiben! So Du diese in ein ein bißchen besseres Licht stellen möchtest, das, meine ich, könnte gerade nicht schaden vorausgesetzt, daß sie dadurch etwa doch nicht eitler werden, als sie nun zu sein scheinen; denn jetzt scheint sie die Eitelkeit eben nicht gar zu sehr zu plagen, weshalb sie auch wahrscheinlich sich mehr im Hintergrunde befinden!"

[RB.01_052,07] Rede Ich: "Ganz gut, Mein allerliebster Robert, wie du es gewünscht hast, so soll es auch geschehen! - Siehe, dort an der Wand, gerade wo die Spitzigeren stehen, befindet fich ein Schrank! Gehe hin und eröffne ihn und zeige es dann jenen Tänzerinnen, die du einer Verschönerung für nötig erachtest! In diesem Schranke werden sich eine Menge Kleider vorfinden, die ihnen ganz gut stehen werden; diese sollen sie anziehen!"

[RB.01_052,08] Robert tut sogleich, wie Ich es ihm geraten habe. Und die Tänzerinnen haben eine große Freude daran und kleiden sich gar hurtigs an.

[RB.01_052,09] Als sie nun in der kürzesten Zeit von wenigen Augenblicken gar sehr herrlich bekleidet dastehen, da kann sich der Robert nicht genug verwundern über die herrlichen Gestalten. Er kommt schnell wieder zu Mir und spricht: "Aber das ist doch alles, was man nur immer denken und sagen kann! Siehe, nicht nur, daß ihnen diese rein himmlisch schönsten Kleider wie angegossen gut anstehen, sondern diese Kleider wirken auch auf ihre Gestalt ein! Was das nun für herrlich allerliebste Gesicher sind! Eines in seiner Art interessanter als das andere! - Dann, wie schön weiß und rund sind nun ihre früher sehr spitzeckigen Arme geworden! Wie hochrund und wallend ihr Busen! Und erst ihre Füße! Mord und tausend Elemente! Nein, hörst Du, so was bekommt ein armer Sünder auf der Erde nie zu Gesichte! Ist aber auch gut; denn so einem Fuß wäre ich auf der Erde selbst bis Kamtschatka nachgerannt! Hier an Deiner Seite aber ist mir das eine Tinte!

[RB.01_052,10] "Aber nun stechen sie denn doch etwas zu stark ab von diesen ehedem schöneren Tanzmeisterinnen! Du wirst nun schon diese Hascherinnen auch ein wenig besser ausstaffieren müssen!"

[RB.01_052,11] "Rede Ich: "Ganz wohl und recht! Gehe nur wieder hin und eröffne den bewußten Schrank, und es werden sich auch für diese noch Kleider in gerechter Menge vorfinden!"

[RB.01_052,12] Robert zeigt das den ersteren Tänzerinnen sogleich an, und diese hüpfen vor Freude hin und ziehen sich auch in wenig Augenblicken ganz außerordentlich himmlisch brillant an.

[RB.01_052,13] Diese gefallen nun dem Robert noch besser als die frühern, sodaß er sich gar nicht genug satt sehen kann an diesen nach seinen Begriffen himmlisch schönen Gestalten. - Er kommt sogleich wieder zu Mir zurück und spricht: "O Herr, was Dir doch alles gar so leicht möglich ist, das ermißt wohl ewig keines noch so vollkommenen Geistes tiefster Sinn! - Nein, wie schön aber diese Engelchen nun dastehen, und welch eine echt himmlische Anmut, frische und Heiterkeit nun aus ihren schönsten Augen strahlt, das ist ja gar nicht zu beschreiben! Bei meiner großen Seligkeit, die könnten, so sie mir gar zu freundlich kämen, sogar zu einem Ku- -! Nein, nein, doch nicht! Auch das muß für einen Blum eine und dieselbe Tinte sein! Aber schön sind sie, das ist wahr! - Na, gute Nacht, meine lieben ,Wiener' draußen! Wenn ihr diese sehen werdet, dann wird der Teufel bei euch etwa doch ein bißchen los werden!? - Nun aber könnten wir etwa doch schon zu den drei Helden gehen?!"

[RB.01_052,14] Rede Ich: "Ja, jetzt komme nur mit Mir!"

 

53. Kapitel – Die Volksführer Messenhauser, Jellinek und Becher im Jenseits. Ihre Ansichten über Gott, Hölle und Fatum.

[RB.01_053,01] Wir beide langen nun bei der Türe an, und diese geht auch alsogleich wie von selbst auf.

[RB.01_053,02] Durch die geöffnete Türe sieht man nun die drei, ganz vertieft um einen runden Tisch sitzend, in verschiedenen Schriften und Akten also herumwühlen, als suchten sie irgendein wichtiges Dokument.

[RB.01_053,03] Nach einer Weile dieses wie vergeblichen suchens spricht Messenhauser ziemlich aufgeweckt: "Aber ich sage es ja immer: dies wichtigste Dokument für unsere Unschuld ist bei den letzten unglücklichsten Affären rein verloren oder wohl ganz und gar vernichtet worden! Was nützt uns nun all unser suchen? Verloren ist verloren! Rettet uns nicht sonst ein guter Genius aus diesem unserem Gefängnisse, etwa bei Nacht und Nebel, so sind wir ohne weiteres verloren! Denn bei diesen Rechtlern Gnade erwarten, wäre noch bin größerer Wahnwitz, als so man meinen würde, eine ganze Herde Tiger möchte einem Menschen nichts tun, der recht mutig mitten durch sie ginge! Wir sind nun schon einmal in den Händen der rechten Teufel, und da gibt es weder Gnade noch Erbarmen! Denn wo Minos, Aaakus und Rhadamanthus (Unterweltsrichter) zu Gerichte sitzen, da steigen sogar dem Satan die Grausbirnen auf, geschweige uns drei armen Sündern! Ihr werdet es sehen, es wird gar nicht lange hergehen, so wird ein sanfter Herr Auditeur (Kriegsrichter) mit einem Prososen (Gefängniswärter) zu uns hereinkommen und wird uns ein allerliebstes Todesurteil vorlesen, und das mit einer so stoischen Gleichgültigkeit, als hätte er statt Menschen bloß nur so ein paar Regenwürmchen vor sich, die zertreten werden sollen! Ich sage es euch, wir werden erschossen werden!"

[RB.01_053,04] Spricht daraus Jellinek: "Freund Messenhauser, ich versichere dich um was du nur immer willst, daß das, was du noch immer befürchtest, an uns schon lange buchstäblich ist vollzogen worden! Es sieht die Sache wohl nahe so aus sie ein Fiebertraum; aber es ist dennoch kein Traum! Denn ich weiß es nur zu gut, und es schwebt mir nur zu klar noch vor meinen Augen, wie ich hinausgeführt worden bin in den entsetzlichen Graben und dort in opitma forma (regelrecht) erschossen worden bin - daß ich darauf mich aber auch alsogleich in diesem zweiten, dem irdischen gar nicht, unähnlichen Kerker befand und dich, Messenhauser, schon hier antraf und auch der Freund Becher solchergestalt hier eintraf. Nur daß ich wahrlich nicht weiß, ob er oder ich früher da war, das ist mir das einzige unerklärliche bei der ganzen Sache! Wir leben also nun ganz bestimmt nach dem Tode unseres Leibes hier ein gewisserart geistiges Seelenleben fort, und unsere Furcht vor einem nochmaligen Erschossenwerden ist eitel - das versichere ich euch aus alles, was ihr nur immer wollt!

[RB.01_053,05] "Aber mich drückt hier in diesem sonderbaren Zustande etwas ganz anderes, und das ist die große Ungewißheit erstens darüber, wo wir nun sind zweitens, was wir zu erwarten haben - und drittens, was in der Folge aus uns wird!? - Wenn in Dreiteufelsnamen denn am Ende an den vielen Höllenpredigten der Liguorianer (Mönchsorden mit der Aufgabe der kirchlichen Reform und der Verbreitung des Marienkultus) und Konsorten doch etwas daran wäre- da wären wir mit unserem Lose wahrlich nicht zu beneiden! So ein ewiges Verdammungsurteil von Seite irgendeines allmächtigen Wesens ginge zur Vervollständigung unseres Glückes gerade noch ab! Aber ich tröste mich bis jetzt noch immer mit dem, daß das Gottwesen, so es irgendwo ist, doch sicher endlos besser sein muß, als alle die besten Menschen der Erde zusammengenommen. Und sollte es auch nicht gar so unmenschlich gut sein, so ist es doch sicher besser als der Feldmarschall Windischgräz, der uns mit einer, so unbeschreiblichen Gemütsruhe hat hinrichten lassen, als wie da ein Aar verzehret ein Aas. Oh, wenn es nur da irgendein Mittel gäbe, sich an diesem Tiger rächen zu können, und das so ausgedacht grausam als nur immer möglich, so wäre das für mich wenigstens die größte Seligkeit, die ich mir nur immer denken und wünschen könnte? - Wäret ihr da nicht einverstanden?!"

[RB.01_053,06] Spricht Becher: "Ja, ja, Bruder, du scheinst in allem recht zu haben! Der Freund Messenhauser ist da noch in einer gewissen Hinsicht wie irdisch gefangen und meint, daß er noch immer in Wien, in einem Kerker schmachtend, das Todesurteil zu erwarten habe! - Allein in diesem Punkte stimme ich nun ganz dem Freunde Jellinek bei. Es ist im vollsten Ernste kein Traum, sondern leider die allernackteste Wahrheit, daß wir alle drei samt und sämtlich ganz vollkommen erschossen worden sind, und (zwar), so ich mich nicht irre, etwa November oder Dezember herum?! Ich könnte aber dennoch nicht mit Gewißheit bestimmen an welchem Tage. Denn ich bin hier, wo es weder ganz Tag noch ganz Nacht ist, ganz vollkommen aus aller Zeitrechnung heraus! Es liegt hier aber auch nichts daran! Wir sind irdisch genommen ein für alle Male tot, und da nützt kein Denken und kein Reden. Aber ich frage hier auch, wie du Bruder Jellinek ehedem ganz richtig gefragt hast.

[RB.01_053,07] "Aber an eine Hölle glaube ich durchaus nicht. Denn so es einen Gott gibt, da kann es keine Hölle geben. Gibt es aber keinen Gott, da kann es wohl noch weniger eine Hölle geben! Denn der eigentliche Begriff Gott ist zu rein, zu heilig, zu erhaben groß und zu weise gut, als daß man sich neben Ihm und eigentlich aus Ihm eine Hölle als den Begriff der totalsten Unvollkommenheit in allem denken könnte. Gibt es aber keinen Gott, sondern blos rein mechanische, bewußtlose Kräfte, so fragt sich's, wie haben diese eine systematische Hölle zuwege bringen können?"

[RB.01_053,08] Spricht Jellinek: "Oh, das kann ich mir recht leicht vorstellen, und das also: Gibt es einen Gott, was nicht zu bezweifeln ist, so fragt sich's: wie hat dies vollkommenste, beste Wesen auch z.B. einen Windischgräz erschaffen? Dieser Tiger-Mensch wird etwa doch die Hölle so ziemlich getreu auf der Erde vorstellen, und ist doch gleich wie eine jede Klapperschlange ein Werk der vollkommensten Gottheit?! Sollte es aber keine Gottheit geben, so fragt sich's dann auch wieder, wie konnten die stummen Naturkräfte in eine so miserable Laune geraten und einen Windischgräz gewisserart zufällig herausmodeln?! Ihr seht nun, daß unter einem Gott, wie auch unter gar keinem Gott - das Böse sich ebensogut vorfindet wie das Gute, und zumeist noch reichlicher und stärker, woraus sich aber dann unter beiden Bedingungen die Hölle ganz gut herausfolgern läßt. Und es ist daher auch gar sehr leicht möglich, in diese also ganz unschuldig zu geraten, als wie wir weiland irdisch in die Hände des Windischgräz geraten sind? - Was meinet ihr in dieser Beziehung?"

[RB.01_053,09] Spricht Messenhauser: "Ja, ja, Bruder, du scheinst ganz recht zu haben! Mir kommt es nun auch schon ganz evident (klar überzeugend) vor, daß ich wirklich erschossen worden bin, und das bald nach dem armen, gutherzigen Blum. Ich habe nun schon so manche Beobachtungen nebenher gemacht, wollte euch aber dennoch nicht stören in euren Gesprächen. Aber da ihr nun damit zu Ende seid, so kann ich's euch wohl mitteilen!

[RB.01_053,10] "Sehet auf den Tisch, auf dem wir unsere wichtigen Papiere liegen hatten - die Papiere sind auf einmal rein unsichtbar geworden! Das ist schon ein verblüffend sonderbarer Umstand, den man sich ohne Döbler und Bosko (zwei berühmte Zauberkünstler) nicht leicht erklären kann!? - So bemerke ich auch dort gegen Morgen zu aus einmal eine Türe offen, wo wir noch kurz vorher alle drei zusammen keine Spur hatten, an welcher Wandseite sich möglicherweise etwa doch eine Art Türe vorfinden ließe?! - Endlich bemerke ich mit nicht geringem Staunen, daß dieser unser Kerker sich, nach Art der döblerschen Nebelbilder, in ein ganz nett aussehendes Zimmerr umzugestalten anfängt. Also fange ich nun auch wirklich an, Fenster in diesem Zimmer zu entdecken und nehme es ganz genau wahr, daß es nun lichter und lichter wird. Es war zuvor zwar wohl auch so ein gewisses sonderbares Dämmerlicht in diesem unserem Kerker; aber wir konnten bei diesem Lichte nicht so recht bestimmt unterscheiden, ob wir von Wesen oder Gegenständen mechanischer Art umgeben sind? Nun aber nehme ich schon alles recht genau aus und sehe allerlei recht zierliche Gegenstände!

[RB.01_053,11] "Alle diese Erscheinungen bestärken mich immer mehr und mehr, daß wir uns nun richtig in einer Traum oder Geisterwelt befinden müssen. Aber was da in dieser sonderbaren Welt aus uns in der Folge wird, das ist freilich eine ganz andere Frage, die schier keiner von uns gar zu leicht beantworten wird!

[RB.01_053,12] "Du, Bruder Jellinek, hast ehedem auch einmal etwas angezogen, wie du dich an dem Windischgräz rächen möchtest, und wie dir diese Rache zur größten Seligkeit gereichen würde. - Siehe, in diesem Punkte stimme ich dir wieder nicht bei; denn sieh, ich bin durchaus ein Fatalist. Das Fatum (Schicksal) hat auf die Erde Gift und Balfam in gleichem Maße ausgestreut. Was kann ein Tiger dafür, daß er ein Tiger ist!? Ist die Klapperschlange darum verdammlich, daß sie eine Klapperschlange ist?! Was kann die Tollkirsche dafür, daß ihre Frucht dem Leben des Menschen gefährlich ist!? und ebensogut läßt sich das auch von Windischgräz sagen. Er ist ein blindes Werkzeug des Fatums, das so gestaltet und eingerichtet hat, wie er ist. Und er ist in seiner ebenso zu bedauern wie wir, die wir ihm zu einem blutigen Opfer geworden sind.

[RB.01_053,13] "Wir haben es gottlob, wie man so zu sagen pflegt, überstanden. Er hat es noch zu überstehen. Und wer weiß, ob er es am Ende besser haben wird, als wir es gehabt haben, die wir auch als arme Werkzeuge des Fatums eben darum gefallen sind, weil uns das leidige Fatum dazu auserkoren hat. Heute mir, morgen dir! Und am Ende ist es eins, ob man hundert oder ob man zehn Jahre den Staub und Kot der Erde flachgetreten hat, oder ob man am Galgen oder im weichen Bette den Leib den Würmern zum Speise übergeben hat. Mir ist das nun ganz einerlei!

[RB.01_053,14] "Ein Leben habe ich wieder! Der Messenhauser bin ich auch noch! Ich habe keinen Schmerz, wie auch keinen Hunger und keinen Durst! Ihr, meine lieben Freunde, seid mir auch geblieben, und unser Zimmer wird stets heller und schöner! Was wollen wir da noch mehr?! Vom Schlechterwerden scheint hier schon durchaus keine Rede zu sein. Und wenn es so fortgeht, so können wir uns nur gegenseitig hoch zu gratulieren anfangen. Denn besser und sorgenloser ist es uns auf der lieben Erde ja auch nie gegangen! Wer weiß es, wie es sich hier noch fürder gestalten wird? Ich glaube, stets besser und besser! Und sollte es mit der Weile wieder einmal schlechter werden, nun, so wird uns das doch etwa auch nichts Neues sein? Denn wie gar oft hat das Fatum uns auf der Erde zwischen gut und schlecht hin und her geschoben.

[RB.01_053,15] "Also bleibt es wenigstens bei mir dabei, daß ich alles annehme, wie es nur immer kommen mag. Denn ändern kann ich die Sache nicht. Und so ist es doch am klügsten, alle Sachen zu nehmen, wie sie sind und wie sie kommen, und dabei alle seine Wünsche aber rein an den ersten besten Nagel zu hängen. Denn diese haben uns noch nie Interessen getragen und werden uns auch höchst wahrscheinlich nie einigen Nutzen bringen! Seid ihr darin mit mir nicht ganz vollkommen eins?"

 

54. Kapitel – Jellinek beweist aus dem Buch der Natur das Dasein Gottes. Näheres über die Gottheit könne der Mensch aber niemals fassen.

[RB.01_054,01] Spricht Jellinek: "Bis auf dein Fatum ganz vollkommen einverstanden in allem! Aber mit deinem Fatum, weißt du, scheint es, wie die Wiener sagen, einen Faden zu haben, und das einen sehr bedeutenden!"

[RB.01_054,02] Spricht Messenhauser fragend: "Wieso? erkläre dich darüber deutlicher!"

[RB.01_054,03] Spricht Jellinek: "Nur eine kleine Geduld, mein lieber Bruder Messenhauser! Denn weißt du, so was läßt sich nicht sogleich wie mir nichts, dir nichts aus dem Ärmel herausbeuteln! Aber ich will es dennoch versuchen, dir dein leidiges Fatum ein wenig aus deinem Kopfe herauszutreiben.

[RB.01_054,04] "Siehe, du warst dein ganzes Leben lang nur ein Mensch, der sich nie viel mit der höheren Sphäre der Wissenschaften abgegeben hat. Du warst sozusagen schon mit dem Einmaleins zufrieden und kümmertest dich wenig oder nie um die "höhere Mathematik!" - Du weißt schon, was ich mit dieser Anspielung sagen will? Kurz und gut, du warst als Belletrist (Unterhaltungsschriftsteller, Schöngeist) ein Schalen- oder Hülsengelehrter und hast dich wenig um den Kern der Wissenschaften bekümmert. Daher kam es denn auch, daß dir das innere Wesen der Dinge verschlossen bleiben mußte. Weil dir aber dieses Wesen verschlossen blieb, so konntest du auch nie jene wohlbegründete Einsicht bekommen, in der sich dir eine gar wunderbar wohlberechnete Ordnung in all den Dingen und ihren Wirkungen und Gegenwirkungen beschaulich dargestellt hätte. Und so bliebst du nur an der äußern Rinde kleben, die freilich wohl dem ersten Anscheine nach das Aussehen hat, als wäre sie bloß nur des leidigen Zufalles Werk. Aber es ist dem nicht also, sondern ganz anders!

[RB.01_054,05] "Sage mir, Bruder, hast du schon einmal erlebt, daß irgendwo ein Haus mit allen seinen Einrichtungen aus bloßem Zufall entanden ist? - Du sprichst: "Nein, so was ist noch nie geschehen!« - Gut, sage ich! Wenn der Zufall aber nicht einmal ein dummes Haus zuwege bringen kann, wie soll er eine ganze Erde erschaffen können, aus der wir doch die wohlberechnetsten Wunderdinge in einer Unzahl antreffen, von denen das allereinfachste schon eine viel zu tief durchdachte und weiseste Konstruktion ausweist, als daß man nur von ferne hin, sogar mit verbundenen Augen, aus die Mutmaßung kommen könnte, zu behaupten und zu sagen: Das ist ein Werk des stummen und sozusagen blindesten Fatums! Bruder, du gibst mir recht, und das freut mich! Aber höre mich nur noch ein wenig weiter an!

[RB.01_054,06] "Betrachte du nun erst die wunderbarsten Einrichtungen der Pflanzen! Wie strenge und genau sie in ihrer einmal gestellten Form durch Jahrtausende als stets dieselben vorkommen und ihr Geschlecht! und ihre Tauglichkeit auch nicht um ein Atom ändern. Wie unberechenbar kunstvoll muß schon die bloß nur mechanische Gestaltung eines Samenkornes sein, derzufolge es aus der Erde nur die ihm zusagenden Teile an sich zieht, durch die es sich dann wieder, und zwar allzeit vervielfältigt, fortpflanzt! Von dem übersinnlichen Wesen eines Samenkornes will ich gar nichts reden! Denn wer begreift jene rein göttliche Berechnung, derzufolge ein einziges Samenkörnchen zahllose Myriaden seinesgleichen in sich faßt, und das nicht nur in der Form des Samenkornes, sondern auch in der Form der Pflanze, aus der das Samenkorn reift!

[RB.01_054,07] "Nehme nur eine Eichelnuß an! Setze sie ins Erdreich, so wird in Kürze ein ganzer Eichbaum zum Vorscheine kommen, und dieser wird dir dann viele Jahre hindurch eine unzählbare Menge Eichelnüsse abgeben. Wenn du alle diese Nüsse wieder in die Erde legst, so wirst du schon einen Wald von vielen Millionen Eichbäumen haben, die dir alle die gleichen Früchte in einer dir nimmer berechenbaren Vielheit erzeugen werden! Und siehe, das alles liegt wunderbarst in einer jeden Eichelnuß vor unseren Blicken verborgen und ist doch unleugbar da! Wenn aber so, o sage mir dann, ob ein Fatum eine Eichelnuß wohl also einzurichten vermag?"

[RB.01_054,08] Spricht Messenhauser: "Bruder Jellinek, wahrlich, ich muß es dir sagen, daß du ein ganzer Theosoph bist! Dein ganz schlichter Beweis mit der Eichelnuß hat mir mehr gesagt als alle die gelehrten Redensarten, mit denen ich je auf der Erde meinen Gehirnkasten belästigt habe! Von der völligen Nichtigkeit eines Fatums bin ich nun gänzlich und mit geläutertster Erkenntnis überzeugt, und ich brauche weiter gar nichts mehr. Denn dein Beweis war ein schlagender für mich, aber nun kommt etwas anderes:

[RB.01_054,09] "Einen Gott voll der höchsten Urmacht und Weisheit muß es sonach (zwar) geben - das kann mein Gemüt und all mein Verstand ewig nimmer in Abrede stellen! Aber wo und wer ist dieses Gottwesen? Kann es von einem Geschöpfe je erschaut und begriffen werden?! - Ich kann mich noch gar wohl entsinnen, wie ich noch als Studierender in der fünsten Gymnasialklasse die sogenannte biblische Geschichte habe zu studieren gehabt und da - so ich mich nicht irre, etwa wohl in einem der fünf Bücher Mosis einen Text gefunden habe. Dieser Text lautete: Gott kann niemand sehen und leben zugleich! Dieser bedeutsame Text soll dem Moses aus einer Feuerwolke zugerufen worden sein, als er an die mit ihm redende Gottheit das heißeste Verlangen stellte, dieselbe nicht nur zu hören, sondern auch zu schauen. Ich muß dir aufrichtig bekennen, daß ich eben zufolge dieses Textes wohl noch immer einerseits so einen gewissen halben Glauben an die Gottheit behielt. Aber was dann den Glauben betrifft, daß der gewisse Jesus die Fülle der Gottheit in sich fassen solle da muß ich euch, meinen beiden liebsten Freunden, ganz offen bekennen, daß ich darin ein reinster Atheist war und noch bin.

[RB.01_054,10] "Es hat zwar die reine Lehre Jesu, natürlich getrennt von den ihr beigemischten Wundermärchen, wahrhaftig die alleredelsten und allerrichtigsten mit der Natur der Menschen vollkommen übereinstimmenden Grundsätze, gegen die sich gar nichts einwenden läßt. Es setzt wahrlich einen vollkommensten Anthropologen (Menschenkenner) voraus, um solche allgemeinst praktikable (brauchbare) Grundsätze aufstellen zu können! Aber daß der Erfinder solcher Grundsätze darum auch ein Gott sein solle, weil er aus dem klar vorliegenden Bedürfnisse der Menschen moralische Grundsätze, die sich mit der allgemeinen Natur der Menschheit am besten vertragen, abstrahiert, zusammengestellt und endlich gelehret hat - das geht über allen Horizont meines Wissens und Glaubens!

[RB.01_054,11] "Die Lehre für sich kann also ganz gut bloß nur menschlichen Ursprunges sein und benötigt keines Gottwesens. Denn so jeder richtigen Lehre Urheber ein Gott sein müßte, da müßte es nun schon beinahe wimmeln vor lauter Göttern auf der Erde! Euklides, als der Erfinder der geometrischen Figuren (einer der wichtigsten Erfindungen), wäre ein Gott! Der Erfinder der Ackergerätschaften, die von unberechenbarer Wichtigkeit sind, wäre schon eine Art Gott-Vater! Der Erfinder der Zahlen ditto! Der Erfinder der Schiffe ebenfalls ein Gott! Und so noch zehntausend und mehr andere allerartige Erfinder von den verschiedensten nützlichsten Dingen! Wie aber das ganze Heer von allerlei Erfindern von gleich großen, wichtigen und nützlichen Dingen nie noch auf eine Vergötterung Anspruch machte, also glaube ich, daß auch der Erfinder der besten und einfachsten Moral wohl darauf hat Verzicht leisten können. Meines Wissens hat er aus die lächerliche Vergöttlichung wohl nie einen Anspruch gemacht. So aber in jener Zeit kurzsichtige und sehr abergläubige Menschen aus ihm einen Gott machten, weil er tausendmal gescheiter war als sie, so soll uns das nun nicht mehr beirren, Jesus nicht mehr lächerlicherweise für einen Gott, sondern nur als das, was er wirklich war, zu halten! Denn ich glaube, daß die gegenwärtige Menschheit es endlich doch einmal einsehen sollte, daß das Unendliche niemals emdlich werden kann; daß Gott ewig Gott bleibt, und der beschränkte Mensch nur ein beschränkter Mensch.

[RB.01_054,12] "Doch es lohnt sich hier wahrlich nicht der Mühe, viele Worte darüber zu machen, was gegenwärtig bei allen Grundgelehrten als eine ausgemachte Sache betrachtet wird. - Aber, was ich früher bemerkt habe, nämlich das: Wo und wer so ganz eigentlich die Gottheit ist, deren Dasein ich nun durchaus nimmer bezweifeln kann darüber saget mir etwas, ihr meine beiden lieben Freunde!"

[RB.01_054,13] Spricht Jellinek: "Ja, du mein liebster Bruder Messenhauser, das ist eine ganz verzweifelt kitzliche Sache! Das Wo und das Wer werden wir wohl wahrscheinlich ebensowenig herausbringen, als wie du soeben selbst recht trefflich als Gegenbeweis für die Gottheit Jesu gesagt hast, daß nämlich das Unendliche niemals endlich werden kann! Denn so wir endliche Wesen das unendliche Wesen der Gottheit begreifen wollten, da müßten wir es zuvor endlich machen können, was natürlich ganz Vollkommen unmöglich ist, und ebenso scheint es mir auch vollkommen unmöglich zu sein, von dem unendlichen Gottwesen mehr zu wissen und zu begreifen, als was ich dir früher durch das Beispiel der Eichelnuß gezeigt habe! Ich bin der Meinung, wir sollten uns nun mit etwas anderem abzugeben anfangen. Denn im Punkte der Gottheit werden wir alle drei ganz verzweifelt wenig herausbringen."

[RB.01_054,14] Spricht Becher: "Ja, ja, du hast ganz vollkommen recht! Denn die Gottheit ergünden wollen, heißt wahrlich, wie eine alte, aber recht gelungene Kirchenfabel sagt: das Meer in eine hohle Nuß einfassen wollen! - Lassen wir daher dieses Feld, das kein Ende und kein Absehen hat, und fangen wir von etwas anderem zu parlieren an, z.B. Was etwa unser Freund, der Blum, in dieser Welt, oder was etwa unser Erzfeind, der Windischgrätz, auf der Erde nun macht, und ob er nicht etwa auch bald zu uns herüberkommen wird, wo wir ihn ganz gebührend empfangen würden!

[RB.01_054,15] Spricht Jellinek: "Brüder, was unsern Freund, den samt uns armen Blum betrifft, ja, da bin ich gleich dabei! Aber mit dem Alfredius Windischgrätz verschonet mich; denn diesen Tiger wünsche ich wohl ewig nimmer zu Gesichte zu bekommen! Aber horchet, horchet! Mir kommt es vor, als vernehme ich noch mehrere Menschenstimmen außerhalb der Türe, die nun offenstehet! - Erheben wir uns einmal von diesem unserem Disputiertische und begeben uns zur Türe, um zu sehen, was es etwa außerhalb derselben gibt."

 

55. Kapitel – Aufbruch zu Entdeckungsfahrten. Furchtsame Helden. Der Herr und Robert treten auf.

[RB.01_055,01] Die drei erheben sich nun endlich einmal von ihrem Tische und begeben sich langsamen und sehr behutsamen Schrittes zur offenstehenden Türe. Als sie an die Türe kommen, entdecken sie, als wie aus einem Schlafe erwachend, daß es außer ihrem Wohnzimmer noch ein viel größeres und viel herrlicheres Zimmer gibt. Sie gucken einige Schritte vor der Türe hin und her und auf und ab, um irgend etwas für sie Denkwürdiges zu entdecken. Denn ganz an die Türe getrauen sie sich doch noch nicht, weil sie nicht wissen, wer und was ihnen da etwa doch begegnen könnte.

[RB.01_055,02] Nachdem sie eine ziemliche Weile das Zimmer, in dem Ich Mich mit Robert, etwas von der Türe zurückgezogen, befinde, sowie auch die vierundzwanzig Tänzerinnen mehr im Hintergrunde beisammenstecken - gehörig durchspioniert haben (soweit sie es von ihrem Standpunkte aus können) und darinnen nichts Bedenkliches und Gefährliches wahrnehmen, da spricht Jellinek mit einer etwas leiseren Stimme:

[RB.01_055,03] "Liebe Freunde, ich entdecke durchaus nichts Gefährliches in diesem unserem Antichambre (Vorzimmer)! Im Gegenteile ersehe ich gerade in der rechten Ecke dort einen Tisch, auf dem sich in einer sicher zwei Maße haltigen Kristallflasche ein sehr gut aussehender Wein und einige sehr einladenden Stücke Brotes, sicher aus dem feinsten Weizenmehle gebacken, befinden. Wenn uns sonst keine Gefahr droht, als bloß die nur, auch hier im Reiche der Geister eine Bekanntschaft mit Brot und sicher bestem Weine zu machen, da glaube ich, wir sollten da nicht so sehr zaghastig und über alle Maßen zaudernd dem entgegengehen, was offenbar nur dafür bestimmt zu sein scheint, um uns von diesem unserem geistigen Sein bessere Begriffe und Ideen beizubringen als die, aus welchen wir bis jetzt ungefähr also herumgeritten, wie die Donischen Kosaken aus ihren beinahe alles Fleisches und Fettes ledigen Reitpferden in einem Feldzuge gegen die Kaukasier! Es dürfte uns meines Erachtens daher ein bißchen mehr Mut gar nicht schaden! Was meinet ihr in dieser Hinsicht?"

[RB.01_055,04] Spricht Messenhauser: "Bruder Jellinek, da stimme ich ganz vollkommen dir bei! Nur das muß ich dir wie auch dem Bruder Becher gegenüber sogleich zu meiner eigenen Schande bekennen, daß ich bei solchen Naturforschungsgelegenheiten allzeit am liebsten der letzte bin! Denn könnte es da am Ende doch wohl möglicherweise zu einer Retirade (Rückzug) kommen, so wäre ich da dann natürlich der erste!"

[RB.01_055,05] Spricht Jellinek: "Aber lieber Bruder! Schau, schau! Wie es mir vorkommt, so bist du ja ein Haupthasenfuß! Wie aber hast du doch mit solch einem Mute einen Armeekommandanten vorstellen können?! O Bruder, nun wird mir so manches klar! Schau, so du nicht von einer gar so hasenfußischen Begeisterung beseelt gewesen wärest und hättest deine Heeresmacht anstatt von deinem wohlbewachten Kommandantenbüro aus lieber im offenen Felde vor dem Feinde befehligt wer weiß es, ob Wien nicht gesiegt hätte? Wenn -allenfalls ein Napoleon an deiner Stelle gewesen wäre, da hätten die kaiserlichen Kanonen und Bomben sicher einen sehr bedeutend submisseren (bescheiderenen) Ton angenommen. - Aber nun all das beiseite. Freund! - Ich bitte dich um deiner eigenen Ehre willen, sei mir nur jetzt kein Hasenfuß!"

[RB.01_055,06] Spricht Messenhauser: "Aber biederster, liebster Freund und Bruder, weil du schon so ein förmlicher Napoleon von einem Helden bist, wie wäre es denn, so du mir und dem Bruder Becher eine mutigste Avantgarde (Vortruppe) machtest?! Denn ich sehe nun schon, daß du unter uns den meisten Mut hast! Daher sei so gut und mache uns einen Anführer! Oh, ich halte mich darüber gar nicht auf, daß du soeben meinen Mut ein wenig durch die Hechel spazieren ließest. Denn wahrlich, ein wahrer Heldenmut hat mein Gemüt nie belebt! Aber was wahr ist, das ist wahr: ich hatte trotz meinem geringen Heldenmute dennoch nie eine große Furcht vor dem Tode! -und so ist es auch jetzt. Ich fürchte mich durchaus nicht davor, als ob mir etwas Arges widerfahren könnte oder möchte; aber es klebt mir so ganz eigene Scheu vor diesem unserem Vorzimmer an, allenfalls gleich jener, die gespensterscheue Kinder vor manchen Gemächern haben, die ihnen durch ihre Ammen als gespensterhaft bezeichnet worden sind. Es ist wirklich etwas ganz Eigenes an dieser meiner Furcht! Es kommt mir auch also vor wie jemanden, der eine unverscheuchbare Ahnung hat von großen Ereignissen, die ihm sehr nahe berührend bald und sicher eintreffen werden! Wahrlich, ich kann für dies mein sonderbares Vorgefühl nicht! Aber es ist einmal da, und ihr werdet es sehen, ob mich mein Gefühl getäuscht hat, wenn wir unsere Füße über die Türschwelle setzen werden. Da kommt es mir denn gerade so vor, als daß wir da sogleich auf unerwartete, große Dinge und Begebnisse stoßen werden. Und das, hoffe ich, wird meine sonderbare Mutlosigkeit bei dir, mein liebster Bruder Jellinek, denn doch etwa ein wenig zu entschuldigen imstande sein?"

[RB.01_055,07] Spricht Jellinek: "Ja, ja, mein Freund, das ist aber auch etwas ganz anderes! Denn siehe, auch mich foltert ein ähnliches Vorgefühl. Aber weißt du, das darf nie einen großen Geist genieren! - Wenn ich mir jene schöne Flasche Wein so recht von Angesicht zu Angesicht besehe, und das schöne Weizenbrot daneben, und mein zwar nun geistiger, aber dessenungeachtet appetitvoller Magen auch eine sehr bedeutende Sehnsucht kundzugeben anfängt und gewisserart sagt: »das könnte deinen Räumlichkeiten sicher bestens bekommen!" - oh, da möchte ich schon lieber draußen an selbem Tische mich befinden als hier in eurer tremavollen (zittrigen, hasenfüßigen) Gesellschaft! Was soll mich aber eigentlich hier auch noch länger zurückhalten? - Frisch gewagt, ist allzeit noch gewonnen gewesen! Daher also vorwärts, hurrah!"

[RB.01_055,08] Hier geht Jellinek mutig aus die Türe los und will auch ebenso mutig durch die Türe an den gutbesetzten Tisch hinwandeln. - Aber in dem Augenblicke, als er den Fuß über die Türschwelle setzt, vertreten Robert und Ich ihm die Türe. Und Robert spricht in seinem gewöhnlich etwas barschen Tone: "Halt!, wer da?! - Keinen Schritt eher weiter, als bevor du nebst deinen zwei anderen Begleitern dich legitimierend ausweisen wirst, wer ihr seid und was ihr hier wollet?!"

[RB.01_055,09] Jellinek fährt bei dieser unerwarteten Begegnung anfangs etwas zurück, ermannt sich aber bald, da er in dem Examinator sogleich den Blum erkennt, und spricht ganz erstaunt: "Oh, oh, oh, Blum! Robert! Ja wo, wo bist denn du nun gewest?! - Ah, ah, das ist denn doch etwas zu stark! - Geh und laß dich tausendmal umarmen und küssen ohne Ziel und Maß! Kennst du uns denn etwa doch im Ernste nicht? - den Messenhauser, den Becher und mich, deinen Jellinek?!"

[RB.01_055,10] Spricht Robert: "Ja, richtig, richtig! Ihr meine Leidens- und Schicksalsgenossen seid es ja so leibhaftig ganz dieselben, wie ihm es aus der Erde waret! -Ich wußte ja lange schon, daß ihr hier meine Gäste seid. Ihr aber wußtet es nicht, daß ihr euch in meinem Hause befindet. Ihr habt euch (aber) von einer läppischen Furcht beschleichen lassen, daher trat ich euch denn nun auch also barsch entgegen, um euch eure närrische Furcht wie einen faulen Apfel mittelst eines kräftigen Schüttlers vom Baume zu nehmen. Kommet nun nur alle ganz Wohlgemut heraus, und lasset uns dort bei jenem Tische, aus den du, Freund Jellinek, schon einige bedeutungsvolle Blicke geworfen hast, ganz guter und fröhlicher Dinge sein! - Bruder Messenhauser und du, Bruder Becher, trauet ihr euch nun auch noch nicht über die Türschwelle?"

[RB.01_055,11] Sprechen Messenhauser und Becher zugleich: "Sei uns tausendmal gegrüßt, als unser schätzbarster Bruder und Freund! Mit dir gehen wir, wohin du uns nur immer führen willst - besonders aber zu jenem Tische hin, der für unsere nun sicher vollkommen leeren Magen eine sehr reichliche Segnung trägt!"

[RB.01_055,12] Mit diesen Worten stürzen sie auch voll Freuden zu Robert heraus, umarmen und küssen ihn klein ab und begeben sich dann zum Tische hin.

 

56. Kapitel – Jellineks Herz entbrennt in Liebe zu Roberts Freund. Ein Himmelswein. Jellineks Trinkspruch und des Herrn Erwiderung.

[RB.01_056,01] Jellinek aber schauet Mich so recht freundlich fest an und fragt Mich, sagend: "Lieber, holdester Freund unseres Freundes und Bruders Blum, dürfte ich dich nicht bitten, daß du dich uns auch näher zu erkennen geben möchtest! Denn du mußt sicher auch ein äußerst edler und guter Mensch sein, sonst du dich sicher nicht in der Gesellschaft unseres edelsten Freundes Blum befinden möchtest!"

[RB.01_056,02] Rede Ich: "Die Folge wird dir alles enthüllen, was dir nun noch dunkel ist! Gehe aber nun mit Mir nur auch zum Tische des Herrn hin und stärke dich dort zuvor, alsdann wirst du viel geeigneter sein, so manches zu begreifen, was dir bis jetzt noch ein Rätsel sein mußte. Komme also, mein lieber Freund und Bruder Jellinek!"

[RB.01_056,03] Spricht Jellinek: "O Freund, deine stimme klingt wunderbar freundlich! Jedes deiner Worte schwellte mir das Herz auf eine bisher noch nie empfundene Weise! So du nicht ein Engel aus den Himmeln Gottes bist, so leiste ich auf meine Menschheit ewig Verzicht! Ja, ja, du bist, du mußt ein Engel sein! Weißt, ich werde bei dir bleiben und mich ganz besonders an dich so recht (ansschließend) fest halten! Denn ich muß dir's offen bekennen, so lieb ich auch den guten Freund Blum habe, so habe ich dich nun, seit du mit mir geredet hast, aber dennoch ganz unbegreiflich um sehr vieles lieber! - Aber jetzt also zum Tische und ein Gläschen miteinander zur ewigen Freundschaft! Denn ich glaube, hier wird es doch etwa keine Windgschgrätz, Jellacich und Radetzky geben, die über dies Haus ein Standrecht verhängen könnten?!"

[RB.01_056,04] Rede Ich: "O nein! Diese Furcht lasse du für ewig beiseite! Nun aber also nur zum Tische hin; denn die andern trinken uns schon eine rechte Gesundheit entgegen."

[RB.01_056,05] Messenhauser geht dem Jellinek sogleich mit einem sehr schönen Kristallpokale voll des besten Weines entgegen und spricht: "O Bruder Jellinek, das ist eine wahre Tausendessenz aller der besten Weine, die wir je irgend wann und wo aus der Erde verkostet haben! Da, trinke den Pokal aus! - Trinke ihn auf das Wohl aller unserer Freunde und Feinde! -Auch der Windischgrätz soll leben! Dies blinde Werkzeug der irdischen Völkerbeherrscher wird villeicht wohl (auch) einmal zu einer bessern Einsicht gelangen!"

[RB.01_056,06] Jellinek nimmt erfreuten Gemütes den Pokal und spricht: "Liebe Freunde! So gefallet ihr mir besser, als ehedem im Verlaufe unserer nichtssagenden Debatten in jenem Haftkämmerchen dort, wo du, Bruder Messenhauser, noch inner aufs Todesurteil in aller ersichtlichen Verzweiflung harrtest!

[RB.01_056,07] "Aber höret, ich habe mir hier den Freund unseres Bruders Blum zu meinem Herzensfreunde erwählet. Und so müsset ihr mir's schon vergeben, daß ich von diesem göttlichst duftenden Safte eher keinen Tropfen auf meine Zunge geben will, als bis nicht er zuvor aus diesem nun mir gereichten Pokale getrunken hat!"

[RB.01_056,08] Alle stimmen überfröhlichen Mutes in den Wunsch des Jellinek. Dieser aber reicht sogleich Mir mit sichtlich innigster Freundschaftsliebe den Pokal und spricht: "O du lieber, göttlich erhabener Freund! Verschmähe es nicht, aus der Hand eines armen Sünders, aus der Hand eines irdischen Staatsverräters diesen Becher anzunehmen! - Wahrlich, hätte ich hier etwas besseres, wie gerne würde ich dir's als ein Zeichen meiner innigsten Verehrung und vollsten Hochachtung reichen! Aber so muß ich denn hier auch, wie einst der Apostel Petrus zum Lahmen an der Pforte des Tempels, sagen: ,O du lieber Freund! Sieh, Gold und Silber besitze ich nicht!', aber was ich nun habe, nämlich diesen mir dargereichten Becher und dann ein warmes, dich als einen allerwertesten Freund erfassendes und begrüßendes Herz, das gebe ich Dir! Oh, nehme es also an, wie ich es dir darreiche! Es ist wohl sicher eine große Keckheit von mir, daß ich, als ein in den Augen eines Engels sicher für die Hölle ganz reifer Sünder, es wage, dir, der du sicher so ein Engel bist, diesen Becher und mein schlechtes Herz als Freundschaftspfand anzubieten. Aber ich liebe dich einmal auch mit diesem meinem schlechten Herzen, weil ich ehedem in deinen wenigen Worten, die du an mich zu richten die Güte hattest, gar so viel Freundliches, Liebes und Weises fand! Bin ich auch ein ganz unreiner Geist oder Mensch, da drücke du ein wenig deine gar so himmlisch milden Augen zu und denke dir: Der Kerl versteht's nicht besser! - Weißt, ich bin ganz irdisch verfaßt und weiß die Manieren noch lange nicht, wie man mit Geistern deiner Art umzugehen hat. Aber dessen kannst du versichert sein, daß bei mir Herz und Zunge fest aneinandergewachsen sind! Gelt ja, Freundchen, du nimmst mir diese meine kecke Freiheit nicht übel!?"

[RB.01_056,09] Ich nehme gar sehr freundlich den Becher aus der Hand des Jellinek, trinke daraus und sage dann zu Robert: "Bruder, gehe hin, in dem Speiseschranke steht noch eine Flasche voll Meines eigentlichen Leibweines! Diese trage her, auf daß Ich diesem Meinem neuen, wärmsten Herzensfreunde zeige, wie gar sehr teuer Mir nun seine Freundschaft geworden ist!"

[RB.01_056,10] Robert springt geschwinde hin und bringt eine förmlich diamantene Flasche voll des allerköstlichsten Weines und reicht sie Mir unter sichtlicher Rührung dar.

[RB.01_056,11] Ich aber nehme die Flasche und schenke denselben Becher voll ein. Daraus nehme Ich den Becher und sage: "Hier, lieber Freund und Bruder, nehme den Becher hin und trinke dir daraus die vollste Überzeugung, wie gar überaus lieb, wert und teuer Mir deine Freundschaft ist! Was sprichst du von deinen Sünden? - Welcher Mensch wohl könnte je ein Herz, das so voll der uneigennützigsten Liebe ist, als ein mit Sünden behaftetes ansehen!? Bruder. Ich sage es dir, vor Mir bist du rein. Denn deine Liebe zu Mir bedecket die Menge deiner irdischen Sünden! - Was du aber noch irgend der Welt schuldig warst - weißt du, Ich müßte dir ein schlechter Freund sein, so Ich dir diese Schuld nicht abnähme und sie an deiner Statt nicht berichtigte! Also trinke nun, Bruder Jellinek auf unsere ewige Freundschaft!"

[RB.01_056,12] Jellinek, ganz zu Tränen gerührt, spricht: "O du göttlicher Freund, du! Wie gar so lieb und gut bist du! Oh, wenn ich mir nur jetzt das Herz aus dem Leibe reißen und in deine Brust hineinschieben könnte! Aber gib nun den Becher her!"

[RB.01_056,13] Jellinek nimmt den Kristall, trinkt daraus und spricht: "Nein, o du himmlischer Engelbruder! So deine Freundschaft diesem Safte gleicht und du natürlich zuerst selbst -, dann, dann, dann bist du kein Engel, sondern - ein reinster Gott selbst!! - Denn etwas Göttlicheres von einem Geschmacke und Geiste kann die ganze Unendlichkeit unmöglich irgendwo mehr aufzuweisen haben!! - Brüder, kostet auch ihr davon und saget,ob ich nun nicht ganz vollkommen richtig geurteilt habe!"

 

57. Kapitel – Wirkung des Himmelsweines. Frage nach Christus und Seiner Gottheit. Bedeutsame Antwort Roberts. Jellineks Liebeswahlspruch.

[RB.01_057,01] Robert, Messenhauser und Becher trinken alle daraus und verwundern sich über alle Maßen über die unaussprechliche Güte dieses wahrhaft allerechtest himmlischen Weines.

[RB.01_057,02] Messenhauser nimmt das Wort und spricht: "Ja, wahrhaftig, deine Anspielung ist wirklich nahe so trefflich, wie dieser Wein hier!" O Herr, ist das aber ein Wein! - Bruder Blum, weißt du, in diesem Hause ist gut sein; ich glaube, wir sollten uns hier geradeaus für ewig einquartieren! Denn wo es in einem Hause, ob in der materiellen oder geistigen Welt, so ein Brot und so einen Wein gibt, da ist es schon ein für alle Male non plus ultra gut sein! Daher bleiben wir hier in diesem Hause nun gleich für ewig, wenn es sein kann, beisammen! Sollte sich etwa dann und wann uns gleich so ein armer Sünder einfinden, d.h. wie wir (natürlich mit Ausnahme dieses unseres bisher namentlich noch unbekannten Freundes) es waren und eigentlich noch sind - so wollen wir ihn aufnehmen und ihm hier, wie man zu sagen pflegt, einen guten Tag angedeihen lassen, und wenn's auch einer unserer ärgsten irdischen Feinde wäre! Was meinet ihr in dieser Sache?"

[RB.01_057,03] Spricht Robert: "Freund Messenhauser, das war von dir sehr schön und würdig gesprochen, und das darum, weil du diese Worte wirklich aus deinem Herzen und nicht aus deinem Verstande geholt hast. Ich sage es selbst: so jetzt der Windischgrätz hierherkäme als ein dürftiger und notleidender Geist, wahrlich, er soll bei uns sicher eine bessere Aufnahme finden, als wir sie auf der Erde bei ihm gefunden haben!"

[RB.01_057,04] Alle drei schreien: "Bravo, so ist es recht! - Um ein rechter Christ zu sein, muß man aus seinem tiefsten Lebensgrunde das Böse mit Gutem vergelten können! Denn wer noch Rache in sich verspüret, der ist noch lange nicht ein vollkommener Geist und hat einen noch sehr großen Mangel an jeder freien Lebensgröße. Aber wer, wie einst der größte und weiseste Lehrer der Juden, am Galgen noch sagen kann: ,Herr! Vergib es ihnen; denn sie sind voll Unverstandes und wissen nicht, was sie tun!' - der hat in sich gewiß die höchste Lebensfreiheit! Ja, wir möchten sogar behaupten und sagen: Der ist ein Gott! Und das spricht auch am meisten für die Annahme der sonst noch sehr ins Dunkel gestellten Gottheit Christi.

[RB.01_057,05] "Wo etwa doch dieser einstige Jesus, an dessen irdischer Existenz gar nicht zu zweifeln ist, sich nun in dieser Geisterwelt befindet? Wahrlich, das war wohl ein allergrößter Freund der Menschen! - Freund Blum, hast du bisher noch nie eine Gelegenheit gehabt, hier über diesen höchst merkwürdigen Mann irgend Näheres in eine sehr erwünschte Erfahrung zu bringen?"

[RB.01_057,06] Spricht Robert: O liebste Freunde, ich kann euch auf mein ganzes Leben versichern, daß gerade Er meine erste wesenhafte Bekanntschaft in dieser Welt war!"

[RB.01_057,07] Fragen alle freudigst überrascht: "Wieso? Wie ging das zu? In welcher Gegend ereignete sich das? Was hat Er zu dir geredet?! - Geh Bruder, geh und gebe uns davon etwas zum besten!"

[RB.01_057,08] Spricht Robert: "Liebe Freunde, da wir nun etwas ganz anderes zu tun haben, so wollen wir das auf irgendeine günstigere Gelegenheit verschieben. - Aber das kann ich euch schon in aller Kürze zum voraus versichern, daß Er mich gar bald wieder besuchen wird, bei welcher Gelegenheit dann auch ihr Ihn sicher werdet sehen und näher kennenlernen."

[RB.01_057,09] Spricht Jellinek: "Aber das kannst du uns doch im voraus auch noch dazu sagen, ob du mit ihm nicht über seine von gar vielen Schwachgläubigen geglaubte Gottheit zu reden gekommen bist? Und hat er solchen Glauben gebilligt oder nicht?"

[RB.01_057,10] Spricht Robert: "Ja, liebe Freunde, ich sage euch ganz kurz, wir haben darüber sehr viel gesprochen. Und ich muß euch nun, der für euch nun freilich kaum begreiflichen Wahrheit gemäß, das schon hinzu sagen: Christus ist der alleinig wahreste Gott von Ewigkeit! Er ist der Schöpfer aller Himmel und aller Welten! Mehr kann ich euch nun nicht sagen. Wenn Er aber kommen wird, da werdet ihr alles Nähere schon von Ihm Selbst erfahren!"

[RB.01_057,11] Spricht Jellinek: "Freund Blum, das ist wegen des Beweises wahrlich nicht nötig, wohl aber wenigstens - meines Herzens wegen. Denn ich muß euch's offen bekennen, daß so er jetzt daherkäme und mir winkete, ihm zu folgen, so würde ich euch allen augenblicklich untreu! Denn ich liebe ihn schon als einen vollkommensten, besten Menschen mehr als alle Menschen der Erde zusammen genommen; denn alle Menschen zusammen haben ihm bisher auch nicht das Wasser reichen können. Um wie sehr vieles mehr aber werde ich ihn erst lieben und liebe ihn eigentlich schon, so er auch wirklich Gott ist! - Um das: wie er ein Gott sein kann, will ich mich gar nicht kümmern. Denn ich habe einen Wahlspruch einmal wo in einem Buche gelesen, und dieser lautet: »Gott ist die Liebe! Wenn dein Herz je irgendwo und -wann von einer mächtigen Liebe ergriffen wird, so denke: Gott ist in dieser Liebe!« - und sehet, dieser Spruch ist mein Barometer für das Dasein Gottes auch in einem Menschen, wie gleicherweise in einem ganzen Volke! - Wenn ich sonach aber nun zu Christo eine allermächtigste Liebe in meinem Herzen verspüre, da sagt mir eben diese Liebe dann: Christus, den ich gar so überaus achte und liebe, ist und muß ein Gott sein; denn wie könnte ich ihn sonst gar so mächtig lieben! - Darum liebe ich auch diesen himmlischen Bruder nun gar so sehr, weil er sicher gar viel Gottesliebe in sich birgt! Habe ich recht oder nicht?"

[RB.01_057,12] Spricht Robert: "Ganz vollkommen! Nur das Herz kann Gott begreifen, der Verstand ewig nie! Aber nun, liebe Freunde, zu etwas anderem! Da wir schon gerade bei dem Kapitel der Liebe sind, so können wir dies vermeinte andere gar leicht damit verbinden.

[RB.01_057,13] "Höret! - Wohl ist die Liebe der einzige Beweisbarometer für die Gottheit und Ihr unbestreitbares Dasein. Aber wir wissen es auch, daß es neben uns ein zartes weibliches Geschlecht gibt, das nur gar zu oft unsere Herzen dergestalt in Anspruch nahm, daß wir darob einer höheren und reineren Liebe für Gott gar nimmer fähig waren! Nun, meinet ihr wohl, daß auch in dieser, zumeist doch nur rein sinnlichen Liebe, Gott wohne?"

[RB.01_057,14] Spricht Jellinek: "Allerdings! Wäre nicht Gottes Zartheit in dem Weibe, wer könnte sie lieben? Aber daß dessenungeachtet diese Liebe auch ausarten kann, daran ist gar nicht zu zweifeln."

[RB.01_057,15] Spricht Robert: "Wenn zur Probe hier mehrere so ganz ausgezeichnete weibliche Schönheiten allenfalls im schönsten Ballettkostüme auftreten, und zwar mit der größten Freundlichkeit gegen uns und daneben aber auch der strenge, wenn sonst auch übergute Gottmensch Jesus - sage mir, besonders du, Jellinek, was würde dein Herz dazu für eine Miene machen? - Denn ich weiß, daß dir die sogenannten Tanzkünstlerinnen stets am meisten gefährlich waren!"

[RB.01_057,16] Spricht Jellinek: »Bruder, du hast zwar hier eine meiner leider schwächsten Seiten berührt. Aber so viel kann ich dir dagegen doch als von mir gewisserart rühmlich dartun, daß ich trotz allen meinen Schwächen dennoch für ein echtes Haar Christi, wenn es darauf ankäme, 10000 Tanzkünstlerinnen aus der Stelle kann sitzen oder tanzen lassen! Denn weißt du, die Liebe zu Gott wird doch etwa ein bißchen mächtiger sein als die Liebe zu einer schmucken Tänzerin. Die Liebe zu den Weibern kann nur dann die Liebe zu Gott schwächen, wenn man entweder an einen Gott kaum glaubt, oder auf einen Gott zu glauben bemüßigt ist, der irgend in einer Hostie gleich einem Buschritter stecken soll!? Aber so die Gottheit wirklich, und zwar in der Person Christi da ist, daß man Sie sieht, als solche erkennt und mit Ihr sogar reden kann Bruder, da fahre du ab mit 10000 Fanny Elsler und Cerittos (berühmte Bühnensterne und Tänzerinnen)! - Aber natürlich ohne Christo könnten mir einige gar sehr üppig bestellten Fannys in der Brust etwas mehr Wärme erzeugen, als so keine da sind."

[RB.01_057,17] Spricht Robert: "Bruder, möchtest du einige sehen?"

[RB.01_057,18] Spricht Jellinek: "Wenn du auch derlei Geister hier hast, so laß sie sehen, aus daß wir an uns erfahren, in wie weit sie uns gefährlich werden könnten! - Experientia docet (Erfahrung lehrt).

 

58. Kapitel – Probe der Weiberliebe für Roberts Freunde. Gute Erwiderungen Jellineks und Messenhausers.

[RB.01_058,01] Auf diese Rede des Jellinek begibt sich Robert sogleich in den schon bekannten hinteren Teil dieses Zimmers, wo sich die vierundzwanzig Tänzerinnen nun hinter einem reichen Vorhange befinden - welcher Vorhang erst nach der Bekleidung dieser Tänzerinnen auf ihr bittendes Verlangen hergestellt worden ist, und zwar auf die wohlfeilste Art von der Welt, nämlich bloß durch Meinen Willen. Als er da anlangt, zieht er den Vorhang auseinander und spricht zu den hier ganz ruhig versammelten Tänzerinnen: "Nun, meine Lieben, ist es an der Zeit! Tretet sonach hervor und machet vor jenen drei Gästen einige recht artige Bewegungen! Aber machet eure Sache gut und machet diesem Hause auf keine Weise irgendeine schande!"

[RB.01_058,02] Die Tänzerinnen tun sogleich, was Robert von ihnen verlangt. Sie treten hervor, und bevor sie noch einen sogenannten Pas (Tanzschritt) machen, spricht die erste zu Robert: "Nur das bitten wir dich, daß du es uns nicht zu irgendeinem Fehler anrechnest, so wir durch unsere hier merkwürdig üppige Gestalt etwa gefährlich würden?! Denn dafür könnten wir wahrlich nicht! Kannst du aber so etwas im voraus vermuten, da wäre es uns allen wohl lieber, du ließest uns nicht vor jene deine drei neuen Gäste treten! Denn es wäre uns allen wahrlich sehr leid, so wir Böses anrichteten, da wir nur ganz vollernstlich Gutes wirken möchten!"

[RB.01_058,03] Spricht Robert: "Meine lieben Schwestern, gar sehr erfreut diese eure Äußerung mein Herz! Denn ich entnehme daraus klar, daß ihr alle vollkommen eines guten und reinen Sinnes seid! Aber es sei euch allen nicht im geringsten bange! Denn dafür wird schon mein liebster Freund dort und ich auch die beste Sorge tragen, daß ihr jenen Gästen, und die Gäste euch nicht, den allergeringsten Schaden zufügen werden! Tretet sonach nur mutig und unerschrocken auf; denn nichts Böses oder doch wenigstens Gefährliches, sondern nur Gutes und Ersprießliches sollet ihr durch euren Tanz an jenen drei Gästen bewirken!"

[RB.01_058,04] Als die Tänzerinnen solche Versicherung vernehmen, da treten sie ganz rasch in den sehr hellen Vordergrund des Zimmers und beginnen sogleich mit den freundlichsten Mienen ihre Künste durch allerlei artige Bewegungen zu entfalten. - Robert, der nun schon wieder bei den drei Freunden sich befindet, frägt sogleich den Jellinek: "Nun, Bruder Jellinek, wie gefallen dir diese unsere Haustänzerinnen? Hast du auf der Erde je etwas Vollendeteres in dieser Art gesehen?!"

[RB.01_058,05] Jellinek betrachtet die Tänzerinnen eine Weile mit großer Aufmerksamkeit und spricht darnach wie mit einem tiefen Seufzer: "Ach, lieber Bruder, ich kann mir nicht helfen, aber mein Gefühl beim Anblicke solcher Produktionen bleibt sich stets gleich! Ich muß es dir ganz offenherzig sagen, daß ich daran nie ein wahres Vergnügen gehabt habe; im Gegenteile, ich bin dabei stets nur mit einer gewissen Art von Wehmut erfüllt worden und verließ ganz sonderbar (gestimmt) das Komödienhaus! Ich dachte auf der Erde gar oft über diese seltsame Erscheinung oder vielmehr über den sonderbaren Vorgang in meinem Gemüte nach, aber ich war stets unfähig, mir darüber eine gegründete Rechenschaft zu geben. Nun aber fange ich darüber so ein recht tüchtiges Lichtlein zu bekommen an, und das freuet mich mehr als all diese wirklich allerausgezeichnetste Tanzkunstproduktion. Der Grund liegt in der totalen Zwecklosigkeit dieser künstlerischen Gliederverrenkung! Sage mir, welchen Nutzen kann diese Kunst wohl je bezwecken?! Siehe, nach meinem Dafürhalten nicht den allergeringsten fürs allgemeine! Alle anderen Künste, als da ist die Tonkunst, die Dichtkunst und die Maler- und Bildhauerkunst können in ihrer wahren und würdigen Haltung dem menschlichen Gemüte wohl von einem sehr wesentlichen Nutzen sein, indem sie das Herz sänftigen und veredeln und so nicht selten aus einem ganz rauhen Menschen einen sanften und gemütlichen ziehen und nicht selten eine rechte Liebe in der Brust erwecken und beleben. Nun aber lassen wir diese Tanzkunst eine noch so reine und würdige Haltung nehmen, so werden durch sie stets nur die unlautersten Gefühle in der Seele wach, und die Natur fast eines jeden Mannes wird nach einer solchen Vorführung stets ums vielfache sinnlicher und begehrender. Wer unter den Zuschauern ein Reicher ist, dem kommt es danach nicht auf Tausende an, um das zu erreichen, wonach er schon während der Vorführung so sehnlichst getrachtet hat! Der ärmere Teufel aber, dessen Kasse zu beschränkt ist, als daß er sich nach einer solchen, im höchsten Grade alle Sinne aufreizenden Vorführung auch noch die bewußte Quintessenz des sinnlichen Genusses verschaffen könnte, zieht dann allezeit wehmütig nach Hause wenn es gut geht - und spielt einen Philosophen; geht es aber ein bißchen schlechter, da sucht er sich die nächste beste feile Dirne auf und treibt dann gegen einige Groschen Genußtaxe das mit ihr, was er, so es möglich wäre, freilich um eine Million lieber mit der Tanzprimadonna treiben möchte!

[RB.01_058,06] "Ich meine, liebster Bruder, daß dieser von mir nun ganz offenherzig angeführte Grund meines Mißbehagens beim Anblicke solcher Vorführungen allerdings beachtenswert ist, obschon er nicht so ganz eigentlich die Quelle meiner Wehmut war, die, wie schon gesagt, stets meine Gefährtin nach solchen Darbietungen war - die ich zwar allezeit sehr eifrig besuchte, wobei ich aber stets den gleichen Lohn davontrug. Die eigentliche Quelle meiner bedeutungsvollen Wehmut bei und hauptsächlich nach solchen Kunstleistungen war, wie ich's nun recht deutlich wahrnehme, der gute Gedanke, durch den ich so eine wohlgestaltete Tänzerin wie durch ein magisches Theaterperspektiv (Augenglas) als einen gefallenen Engel ansah!

[RB.01_058,07] "O wie oft dachte ich und sprach ich da bei mir selbst also: was könntest du meinem Herzen sein, wenn dein Herz je begreifen könnte, was dir mein Herz sein möchte! Aber du bist ein gefallener Engel und erkennst nimmer den Wert eines Herzens, das dich gar so gerne aus dem eitlen Schlamme deiner Gesunkenheit wieder zu einem wirklichen Engel erheben möchte. Der Welt Mammon ist nun dein Gott. Und dein eigen Herz trittst du Blinde mit den Füßen, mit denen du, die du einen Sonnentempel bewohnen könntest, so du den Wert deines Herzens erkennetest - die frechste Unzucht stachelst und manchen armen, seiner Natur bewußten Zuschauer für die etlichen Gulden, die er dir opferte, mit ein paar Dutzend schlaflosen Nächten strafest, ja manchen mit noch etwas viel Ärgerem! Aber, was kümmern dich tausend arme Teufel, die dich bezahlt, bewundert, beklatscht und oft an deinem Wagen sogar Tierdienste verrichtet haben!? Dein Herz ist stumm gegen sie wie eine Marmorbüste! Du kennst sie nicht und willst sie auch nicht kennenlernen! Denn du hast ja Tausende eingenommen und hast dazu dir noch Privatim die Säcke der reichen Wollüstlinge zinsbar gemacht! Was kümmern dich die Herzen, in die deine zauberischen Füße mit jedem Pas giftige Pfeile geschleudert haben, wenn sie gar schauerlich gewaltig etwa vor deinem Hotel par excellance dich noch einmal zu sehen verlangen!? Da wirfst du ihnen dann höchst eigenhändig einen Pantoffel auf ihre Köpfe, womit sie zufrieden sein können, und kehrst darauf wieder in dein Prachtgemach zurück!

[RB.01_058,08] "Siehe, Freund Blum, solche Gedanken waren stets meine Begleiter und stimmten meine Seele ganz sonderbar schlecht. Hatte ich aber nicht recht, wenn ich so dachte, wie eigentlich ein besseres Herz seinem Mitmenschen gegenüber doch allzeit denken soll?! - Weil ich aber aus gutem Grunde bei solchen Gelegenheiten stets so dachte und nun (auch hier) eben also denke - so frage dich nun selbst, ob mir nach deinem allfälligen Dafürhalten diese Tänzerinnen, die nun glücklicherweise ihre Vorführung beendet haben und uns nun zu behorchen scheinen, je gefährlich werden könnten? - Vielleicht meinen beiden lieben Brüdern, dem Messenhaufer und dem Becher? Was ich aber auch nicht behaupten möchte! Mir sind sie in dieser Situation wohl am wenigsten gefährlich, sowie auch diesem meinem nun wohl allerliebsten Freunde, der meine Rede nun mit sichtlicher Rührung angehört hat. - Also muß ich dir, liebster Freund Blum, die vollste Versicherung geben, daß alle diese vierundzwanzig Künstlerinnen samt ihren achtundvierzig allerschönsten Füßen meiner Jesusliebe nicht den allerleisesten Eintrag gemacht haben! Im Gegenteile nur erhöht haben sie diese meine nun heiligste Liebe! Denn siehe, ich habe nun ein rechtes Mitleid mit diesen armen, gefallenen Engeln! Und so es mir möglich wäre, sie aus dieser ihrer Niedrigkeit zu wahren Menschen zu erheben, so gäbe ich mein halbes Leben darum! - Aber lassen wir das! Es sind auf der Erde gar manche meiner Wünsche zu Wasser, ja am Ende sogar zu Blut geworden; warum soll das hier nicht auch der gleiche Fall sein können? Aber nun saget auch ihr beide, Messenhauser und Becher, wie euch dieses Spektakel gefallen hat?"

[RB.01_058,09] Sprechen die beiden: "Nun, nun, so, so gar nicht übel! Aber etwas komisch kommt uns die Sache offenbar vor! Auf der Erde kommen einem solche Exzentritäten menschlicher Dummheit ganz erträglich vor. Aber hier im Geisterreiche müssen dir offen gestehen, Bruder Blum, du wirst es uns nicht für übel nehmen, kommen uns solche Verirrungen des menschlichen Strebens wohl ein bißchen gar zu sonderbar vor! - Denke dir, so wir nun wieder zur Erde zurückkehren und dort unseren Freunden erzählen könnten, daß wir soeben einem himmlischen Ballete beigewohnt hätten! Na, das Gelächter möchten wir hören! - Aber sage nun das einzige, wie du so ganz eigentlich zu diesem tollen Gedanken gekommen bist, dir hier im Reiche des Geistes ein förmliches Serail, gleich nur von so ein paar Dutzend der saubersten Ballettänzerinnen zu halten? Hast du sie denn förmlich in deinen Sold, oder was - genommen? Oder ist das etwa der Himmel der Neukatholiken? - Geh, fahr, ab mit diesen deinen neukatholischen Engelchen! Bringe uns lieber noch so ein Bouteillerl von dem letzten! Von dem ist ein Tropfen mehr wert als alle die achtundvierzig Füßlein!" Robert lächelt dazu und holt die zweite Bouteille.

 

59. Kapitel – Der Herr über den oft mißbrauchten Satz: „Der Zweck heiligt das Mittel“.

[RB.01_059,01] Jellinek aber wendet sich nun auch an Mich und fragt, wie etwa doch Mir diese sonderbare Kunstleistung gefallen hätte?

[RB.01_059,02] Ich aber sage zu ihm: "Lieber Freund, Ich muß dir hier offen bekennen, daß Ich bei solchen Gelegenheiten viel weniger auf das Mittel als nur einzig und allein auf den Zweck Mein Augenmerk richte. Denn es kann an und für sich das Mittel oft noch so sonderbar aussehen, so macht das nichts, wenn damit nur ein in allen seinen Beziehungen edler und guter Zweck erreicht worden ist. Denn hier im Geisterreiche heiligt allzeit der erreichte beste Zweck jedes Mittel, durch das er einzig und allein nur hat erreicht werden können! Es liegt hier wahrlich gar nichts an dieser Tanzvorführung; aber in Verbindung mit der durch sie allein möglichen Erreichung eines edelsten und besten Zweckes liegt dann wieder unendlich viel an ihr.

[RB.01_059,03] "Ich will dir diesen zwar jesuitisch klingenden Grundsatz aber zuvor irdisch beleuchten, aus daß dir dann sein geistiger Gehalt desto einleuchtender werden möge, und so höre Mich! Siehe der Grundsatz lautet kurz also: Der gute Zweck heiligt jedes Mittel, durch das er möglich erreicht werden kann. Ob dieser Grundsatz aber auch richtig ist, werden wir nun aus mehreren Beispielen ersehen. Und so habe nur wohl acht!

[RB.01_059,04] "Siehe, ein Sohn aus der Erde hat einen Vater, der bei einer Arbeit das Unglück hatte, sich ein Bein dergestalt zu brechen, daß selbes nur durch eine geschickte Operation wieder geheilt und dem jeweiligen Naturleben der anderen Leibesteile unschädlich werden kann. Was würde der gute, seinen Vater über alles liebende Sohn wohl mit einem bösen Menschen tun, der seinem Vater rein nur aus Zorn oder bösem Mutwillen einen Fuß mit einem scharfen Beile abhiebe? Siehe, dieser Sohn würde den Übeltäter ergreifen und ihn züchtigen sein Leben lang und doch hätte sein Vater bei dieser Schnelloperation bei weitem weniger gelitten, da sie an einem ganz gefunden Fuße pfeilschnell wäre bewerkstelligt worden, als da sie nun an einem im höchsten Grade leidenden Fuße (vom Arzte) muß vollzogen werden. Siehe, das Mittel an und für sich, ohne Verbindung mit dem durch eben dies Mittel erreichbaren Zwecke, allein genommen, wäre ein Greuel. Aber in Verbindung mit dem guten Zwecke ist es ein Heil. Und der Sohn wird sich gewiß dem geschickten Operateur, der seinem geliebtesten Vater das Leben rettete, im höchsten Grade dankbar erweisen. Denn ohne diesen wäre der Vater am Brande gestorben. Gehen wir aber weiter!

[RB.01_059,05] "Was wohl würdest du jemanden tun, der dir mit der Faust einen Zahn einschlüge? - Siehe, du würdest diesen Wüterich vors Gericht fordern und von ihm kein kleines Schmerzgeld verlangen. So du aber einen leidenden Zahn hast, der dir viel Schmerzen verursacht, da gehst du selbst zu einem Zahnarzte und zahlst ihn gerne dafür, so er dir geschickt den schlechten Zahn herausreißt. Wer könnte einen Zahnreißer loben, der bloß zu seinem Vergnügen den Menschen, wo und wann er nur könnte, die Zähne einschlüge oder ausrisse!? Aber ganz anders verhält sich die Sache in den Händen eines wirklichen Zahnarztes, und das darum, weil er mit seiner oft noch so schmerzlichen Operation einen guten Zweck erreicht. Und du kannst es unmöglich in Abrede stellen, daß hier das an und für sich sehr grausame Mittel durch den erreichten guten Zweck geheiligt wird! Aber darum nur weiter!

[RB.01_059,06] "Siehe, der Totschlag ist eine der größten Sünden, die ein Mensch an seinem Nebenmenschen begehen kann. - Es wandeln aber ein Vater und dessen Sohn durch einen Wald. Ein böser Mensch, der bei dem Vater viel Geld wittert, springt auf einmal gleich einem Tiger aus dem Dickicht hervor, packt den Vater an der Kehle und will ihn erdrosseln (eine solchen Mördern liebste Tötungsart, weil ihnen dabei, so sie vors Gericht kämen, die Absicht zum wirklich aus vollem Willen vollbrachten Morde nicht so leicht erwiesen werden kann). Der Sohn ersieht die große Gefahr seines Vaters, greift sogleich nach seinem Gewehre und tötet den Raubmörder! - Siehe, der Totschlag ist also, wie bekannt, eine der größten Sünden, die ein Mensch gegen seinen Nebenmenschen begehen kann. Ist aber auch der Totschlag, den der Sohn an dem Mörder, der seinen Vater erdrosseln wollte, beging, auch eine Sünde? - O nein! Schon der pure Verstand sagt es dir: Der Totschlag ist nur an und für sich, sowie, um so mehr auch, als Mittel zur Erreichung eines schlechten Zweckes, eine der größten Sünden. Aber, wie hier, in Verbindung mit dem besten Zwecke, ist er ebenso heilig als der Zweck selbst, und ganz besonders dann, wenn er als ein einzig möglich wirksames Mittel sich herausstellt.

[RB.01_059,07] "Und siehe, wie mit diesen drei Beispielen, also verhält es sich auch mit jeder Handlung, deren nur immer ein Mensch oder ein Geist fähig ist, wenn sie nach genauer und weiser Überlegung als das einzig möglich wirksame Mittel zur Erreichung eines guten Zweckes erscheint, so ist sie auch gut, gerecht und durch den erreichten guten Zweck geheiligt (es bedarf hier wirklich "weiser" Überlegungen, sonst ist das Ergebnis bei unweiser Anwendung schlecht, s. ev06.39,01 ff)

[RB.01_059,08] "Und so wirst du, lieber Freund, bei diesen armen Tänzerinnen schon auch ein Auge zudrücken müssen. Denn sie tanzten zur Erreichung eines mehrfach guten Zweckes. Und dieser Zweck ist nun auch wirklich erreicht worden, wie du es gar bald einsehen wirst. Sage, sollen wir diesen Tanzkünstlerinnen dafür grollen, oder sollen wir ihnen dafür etwa auch vom zweiten ,Bouteillerl' einige Gläschen zu verkosten geben?"

[RB.01_059,09] Spricht Jellinek: "Oh, wenn so allerdings, allerdings! - Kommet nur her, ihr lieben Herzerln, kommet nur her! Sollet auch einen guten Tag haben!"

 

60. Kapitel – Die Tänzerinnen wünschen Aufschluß über Gott. Robert belehrt sie: „Nur in dir suche Licht!“ – Gefahr rein äußerlicher Forschung.

[RB.01_060,01] Die Tänzerinnen verneigen sich auf diesen Ruf gar ehrerbietigst, und die drei ersten sagen:"O ihr lieben, herrlichen Freunde, ihr seid gar zu gut und nachsichtig gegen uns! Denn unsere gar schlechte und elende Kunst ist wohl zu sehr die allerunterste aller Künste, als daß sie von Geistern, wie ihr es seid, nur die allergeringste Achtung verdienen könnte. Und so sehen wir es gar nicht ein und können es auch gar nicht begreifen, wie und warum ihr uns armen Sünderinnen gar so gut sein könnet!? Wahrlich, so wir auf der Erde noch im Fleische uns befänden und möchten dort ebenso herzlichst gute Menschen treffen, wie ihr da nun seid, da könnten diese eine große Macht über uns bekommen. Denn einer wahren Freundschaft und einer echten, uneigennützigen Liebe kann man wohl am leichtesten die größten Opfer bringen! Aber wir sind nun hier ganz vollkommen Arme, im Geiste wie in unserem Gesamtwesen, und haben nichts, als was eure große Güte uns bescheret. Daher können wir auch für solche eure zu große Güte euch nichts anderes entgegentun, als euch achten und lieben, so stark und mächtig es auch nur immer unseren Herzen nöglich ist! Dürfen wir uns euch mit solcher unserer Liebe nahen, so wollen wir uns sämtlich auch übergerne zu euch hinbegeben und mit euch fröhlich sein. Ist aber diese unsere vielleicht zu wenig reine Liebe für euer Wesen euch nicht genehm, und sind wir leichtlich auch wohl gar nicht wert, euch zu lieben - o dann lasset uns wieder fortziehen und unsere irdischen Sünden beweinen, die uns eurer Liebe vielleicht für ewig unwürdig gemacht haben."

[RB.01_060,02] Spricht Jellinek: "Ich bitte euch, ihr allerliebsten Herzchen, seid nur nicht gar so römisch-katholisch schwach! Wo ist denn der Gott, der je die Liebe für ein Verbrechen hielte!? Ich sage es euch, so ein Teufel mich wahrhaft zu lieben anfinge, da würde ich ihn dafür wieder lieben! Wie sollten dann wir euch wohl verachten können, daß ihr uns liebet, da ihr doch sicher keine Teufel seid und auch ewig keine werdet! Kommet also nur alle her und trinket von diesem wahren Lebensweine! Scheuet euch ja nicht vor uns; denn wir alle tragen unsere Herzen auf der Zunge und sind wenigstens für diese unsere Wirkungssphäre innerlich nicht um ein Haar anders gesinnt, als wie wir reden und äußerlich handeln. Wir alle fünf verlangen von euch nichts als bloß eure Liebe, die ihr uns auch gerne werdet zukommen lassen. Und so hoffe ich, daß ihr nun ganz im klaren seid, was ihr an uns habet, und was wir von euch zu haben wünschen - nämlich nichts als eure reine Liebe und Freundschaft!"

[RB.01_060,03] Als die Tänzerinnen solches von Jellinek vernehmen, da machen sie eine noch freundlichere und tiefere Verbeugung und begeben sich darauf gar liebfreundlichen Angesichtes zu uns hin, begrüßen uns da wieder freundlichst und sagen: "Wir sind eure Mägde! Euer reiner, guter und edelster Wille an uns sei ewig unser heiligstes Gesetz! - Eine Bitte aber wagen wir euch dennoch vorzutragen, und diese besteht darin: wir haben aus der dummen Welt wenig Gelegenheit gehabt und haben sie im Grunde auch wenig gesucht, um das höchste Gottwesen näher und wahrhaft kennenzulernen, und sind sonach in diesem allerersten Fache jedes menschlichen Wissens und Glaubens hier als rein Blinde angekommen.

[RB.01_060,04] "Wohl waren wir sogenannte römische Christinnen und machten äußerlich wohl alles mit, was diese Kirche zu beachten vorschrieb, obschon wir Tänzerinnen waren. Aber was nützte uns das alles für diese Welt?! Alle unsere Fasten, Beichten und Kommunionen haben uns alle der wahren Erkenntnis Gottes auch nicht um ein Haar nähergebracht. Wir starben etwa in einem Verlaufe von zehn bis fünfzehn Jahren alle, wie wir hier sind, und fanden uns hier wie zufällig wieder. Aber in demselben Zustande, in welchem wir diese ernste Welt betraten, befinden wir uns noch (jetzt), d.h. wir kannten Gott nie, wie man Ihn eigentlich kennen soll, und kennen Ihn noch nicht! Und doch kann nur ein Gott, ja ein überaus guter, höchst weiser und allmächtiger Gott uns dieses Dasein gegeben haben!

[RB.01_060,05] "Wenn ihr, lieben Freunde, es nicht zu sehr unter eurer Würde fändet, auch uns armen weiblichen Kreaturen bei manchen Gelegenheiten von Gott nur eine etwas bessere Vorstellung zu geben, als wie sie uns auf der Erde gegeben ward, da würdet ihr uns eine überaus große Freude machen.

[RB.01_060,06] "Man hat uns auf der Welt die Gottheit stets aus eine solche Weise vorgestellt, daß eben diese Vorstellung von Gott uns jede (wahre) Vorstellung von Gott nahm. Ein Gott bestehe aus drei Personen, deren jede für sich ganz vollkommen Gott sei, was somit doch offenbar drei Götter geben müßte. Aber diese drei Götter sind dennoch nicht drei Götter, sondern nur einzig und allein ein Gott! Jeder der drei Götter hat zwar seine eigene Verrichtung und hängt, wie z.B. der Gott-Sohn, doch sehr vom Gott-Vater ab und darf nur das tun und lehren, was der Vater will. Und doch heißt es wieder: Sohn und Vater sind völlig eins! - Mit dem Heiligen Geiste weiß man eigentlich gar nichts zu machen! Ist er mehr oder weniger als der Vater oder als der Sohn? Er geht aus beiden hervor und ist über beiden als eine Taube dargestellt! Nun kommen aber noch die Milliarden Hostien, von denen jede auch vollkommen Gott sein soll! - Freunde! Kann daraus ein Mensch über das Gottwesen je ins klare kommen?! - Daher lasset euch unsere Bitte nicht zuwider sein. Denn ihre Erhörung tut uns not - mehr als dieser Wein nun!"

[RB.01_060,07] Spricht Robert, einen Pokal des besten Weines darreichend: "Liebe Schwestern, im Namen Gottes, des Herrn und Schöpfers der Unendlichkeit, nehmet nur getrost hin diesen Wein und trinket ihn! Denn dieses Weines Geist ist nicht wie der Geist der irdischen Weine, in denen nach Paulus, dem weisen Lehrer der Heiden, die Geister der Unzucht und Hurerei wohnen. Sondern der Geist, der in diesem Weine wohnt, heißt der Geist der ewigen, reinsten Liebe in Gott; welcher Geist aber zugleich auch eine heilige Flamme voll Licht, Helle und Klarheit ist. In diesem Lichte werdet ihr gar bald von selbst in euch finden, was ihr von uns haben möchtet.

[RB.01_060,08] "Erhaben ist zwar euer Wunsch, und kein Engel Gottes kann an ihm einen Makel entdecken. Aber suchet seine Erfüllung ja nicht außer euch, sondern in euch, so wird sie euch frommen und nützen für ewig! Geben wir sie aber euch, da habt ihr ein fremdes Eigentum in euch, das euch wohl äußerlich einen zeitweiligen Vorteil gewähren kann, aber innerlich euch nie einen Nutzen, sondern mit der Zeit den barsten, nicht leicht zu verbessernden Schaden bringen müßte!

[RB.01_060,09]"Denn sehet, eine bloß äußere Lehre kann sich vorerst auch nur bloß den äußeren Geistern, deren Sinn ein materieller ist, mitteilen. Er macht dann in diesen Geistern wohl eine Revolution und nötigt sie hie und da, solche Lehre anzunehmen. Der innere Geist merkt solches auch gar bald und macht sich auf und geht hinaus unter die Naturgeister oder die eigentliche Naturseele jedwedes Menschen und gewahrt da die gute Saat und hat eine große Freude daran. Er freut sich um so mehr der herrlichen Ernte, die aus dieser Saat hervorgehen möchte. Aber sehet, eben da geschieht dann meistens das beinahe unvermeidliche Unglück, daß eben, während der eigentliche Lebensgeist des Menschen die äußere Saat betrachtet und sich außerhalb seines Gemaches unter seinen Naturgeistern auf eine baldigste und reiche Ernte freut, die bösesten und unlautersten der Naturgeister, die noch in der Seele vorhanden waren, sich zusammenraffen, in das Gemach dem wahren Geistes eindringen und diesem dann den Rückzug verwehren ja gar oft unmöglich machen! So der wahre Geist aber dann diesen seinen wahren Sitz des Lebens verliert, dann sucht er freilich anfangs, sich einen neuen Sitz unter den besten seiner seelischen Naturgeister aufzurichten und wohnet da unter ihnen wie eine Wohnpartei im Hause eines andern Besitzers. Aber da er, all seines Eigentums beraubt, am Ende den Mietzins nicht entrichten kann, so pfändet ihn der eigentliche Hausherr und nimmt alles, was er noch hatte, und macht ihn noch obendrauf zu einem Gefangenen oder wohl gar zum Sklaven seiner Herrschsucht - in welchem Zustande dann der wahre innere Lebensgeist sich mit den unlautersten Naturgeistern verbinden und in selbem Joche am Schandseile des Lasters ziehen muß. Und das ist dann auch so viel als der geistige Tod des Menschen. Denn in solch einem Menschen hat dann der Satan seinen Thron aufgerichtet und hat den eigentrichen Herrn des Lebens im Menschen zum Sklaven höllischer Gelüste und Triebe gemacht!

[RB.01_060,10] "Daher lasset euch das für allzeit geraten sein, daß ihr nicht zu gierig nach einer äußern Belehrung trachtet. Denn diese taugt für nichts, wenn sie der Geist nicht in der größten Demut aufnimmt und alsogleich vollkommen sein ganzes Leben darnach einrichtet, was wohl für jeden Geist eine sehr schwere Aufgabe ist. Sehet, Salomo, Israels weisester König, fiel trotz seiner Weisheit, weil sein innerer Geist, sich stark genug fühlend, es einmal wagte, seinen innersten Wohnsitz zu verlassen, dann hinauszutreten unter seine Naturgeister und sie zu ordnen nach seiner Weisheit. Aber da er das tat vor der Zeit seiner Vollreife, die allzeit von innen heraus und nie von außen nach innen erfolgen muß, so ward er von seinen unlauteren Naturgeistern gefangen und nicht mehr in sein Haus gelassen, welches nur zu bald zu einer Wohnung alles Lasters, der Hurerei, der Unzucht und der Abgötterei umgestaltet wurde! Also verriet auch ein Judas seinen Meister, seinen Herrn und Gott, weil er die Lehre des Heils nur in seine äußeren Geister, die im Verstande und daraus in allerlei Begierlichkeiten ihren Sitz haben, aufnahm, dadurch den eigentlichen Lebensgeist aus seiner innersten Wohnung lockte und sie dadurch dem Satan zum freien Einzuge öffnete. Die Folge davon ist zu bekannt, als daß ich sie euch hier wiedergeben sollte!

[RB.01_060,11] "Daher trinket nun diesen Wein! Dieser wird in euch die rechte Liebe zu Gott erwecken. Und diese Liebe wird euern Geist stärken und wachsen machen. Wenn der Geist dann durch sein Wachstum alle seine äußeren Naturgeister durchdringen wird, ohne seinen ursprünglichen Sitz zu verlassen, so wird er auch dann schon in sich alles finden, was er jetzt von außen her erhalten möchte. - Habt ihr mich wohl verstanden?"

 

61. Kapitel – Der Tänzerinnen Verständnis. Kampf gegen unreine Naturgeister im Menschen. Stufenleiter der Vervollkommnung. Der Allerhöchste.

[RB.01_061,01] Sprechen die Tänzerinnen: "O du lieber, weisester, wahrhaft in das innerste Wesen des menschlichen Lebens eingeweihter Freund! Gar wohl haben wir dich verstanden! Du hast das, was wir oft dunkel geahnt haben, uns zur klaren Anschauung gestellt. O wie sollen wir dir dafür je genugsam danken können!?

[RB.01_061,02] "Wie oft sahen wir auf der Welt Menschen und haben mit ihnen nicht selten zu tun bekommen, deren Geist alle erdenkliche, beste Bildung hatte. Wir sagen dir, Menschen, die zufolge ihrer innern Bildung, und namentlich im Fache der Religion, in einem Rufe der Heiligkeit standen, und die jedermann ehrte und pries; ja noch mehr: Menschen, die unverkennbare Spuren höherer Erleuchtung durch Wort und Tat bekundeten. Solche Menschen kamen zu uns und machten uns Anträge zu den allerabscheulichsten Vergnügungen, die wir ihnen leider zumeist aus dem Grunde nicht gewähren konnten, weil sie zu allermeist schon ganz bösartig angesteckt waren! Nein, dachten wir uns, wenn das die Folgen einer so ausgezeichneten christlichen Tugend sind, so wollen wir von ihr nichts weiteres mehr! Damals waren uns solche Erscheinungen ein unerforschliches Rätsel. Aber jetzt ist uns alles klar und helle! Oh, Dank dir. Dank dir für diese Aufklärung! Denn nun wissen wir erst, woher die vielen Übel rühren. - Gib nun den Wein des Lebens her, und wir alle wollen diesen Becher der Demut bis auf den letzten Tropfen in uns aufnehmen!"

[RB.01_061,03] Robert reicht ihnen nun den Becher, und sie trinken alle daraus und werden dabei voll Freude.

[RB.01_061,04] Jellinek aber verwundert sich samt Messenhauser und Becher ganz gewaltig über die Weisheit Roberts und spricht nach einer kleinen Weile: "Bruder! Das ist zu viel auf einmal von dir zu vernehmen! Weißt du, daß ich dich allzeit für einen sehr weisen Mann und Geist hielt, daran wirst du hoffentlich nicht zweifeln; aber daß du ein gar so grundweiser Mann seiest, wahrlich, davon hatte ich wohl nie eine allerleiseste Ahnung! Bruder, mußt mir's aber nicht für übel nehmen, mir kommt es nun unwillkürlich so vor, als wenn das, was du nun zu diesen lieben Schwestern geredet hast, nicht auf deinem höchst eigenen Grunde und Boden gewachsen wäre?! Aber es macht das nichts. Denn auch mir hast du damit ein so sonderbares Lichtlein angezündet, daß ich nun die Sachen und Erscheinungen, die mir je vorgekommen sind, ganz anders zu schauen und zu beurteilen anfange, als das je früher der Fall war! Mir kommt es nun vor, als wenn auch alle die gegenwärtigen politischen Umtriebe auf der Erde, und tausend andere Übel mehr, eben darin ihren sehr zu bedauernden Ursprung hätten.

[RB.01_061,05] "Es wird mir nun auch ein wenig einleuchtend, warum diese Tänzerinnen vor uns getanzt haben? - Haben sie etwa nicht dadurch unsere unreinen Geister aus der usurpierten (ordnungswidrig in Besitz genommenen) Wohnung unseres wahren Ichs gelockt, und dieses hat dann schnell wieder seine rechte Wohnung eingenommen?!"

[RB.01_061,06] Spricht Robert: "Ja, ja, Bruder Jellinek, beinahe hättest du die Sache des Tanzens der Wahrheit gemäß abgemacht und dargetan. Aber in dem hast du noch ein wenig zu seicht in dich hineingeschaut, da du meinest, durch den Tanz seien deine, die Wohnung deines wahren Geistes usurpierenden unreinen Naturgeister herausgelockt worden, und du, oder dein wahres Ich, sei dann flugs in seine ursprüngliche, rechte Wohnung, die im Herzen des Lebens sich befindet, gewisserart hineingesprungen? Aber lieber Bruder, wie hast du so von dir und uns allen denken können?

[RB.01_061,07] "Ich sage dir, bei uns ist gerade der umgekehrte Fall vorhanden! Unsere, und nun im besondern eure Geister, befinden sich glücklicherweise in ihrer rechten Lebenswohnung, ansonst ihr euch nicht hier in dieser Wohnung befinden würdet, sondern in einer solchen, in die ewig kein Licht und keine Wärme des Lebens kommt.

[RB.01_061,08] "Aber eure Geister wurden nur zu sehr von den Naturgeistern umlagert, sodaß sie sich kaum rühren und durch diese Geister der Naturmäßigkeit (hindurch-)schauen konnten - aus welchem Grunde ihr euch ehedem in jenem Gemache euch kaum rühren und noch weniger irgendwohin sehen konntet. Nur durch eine außerordentliche Hilfe von oben sind die Umlagerer eures Geistes nach außen hinausgerückt worden. Und sehet, euer Geist hat sich dann schon mehr rühren können, konnte auch sogleich aus sich mehr Licht entwickeln und dadurch seinen ehedem äußerst beschränkten Gesichtskreis erweitern. Ihr entdecktet dann auch sogleich eine offenstehende Türe und diesen Tisch mit dem Lebensweine.

[RB.01_061,09] "Aber dessenungeachtet sind dennoch eine solche Menge von Naturgeistern als Umlagerer um die rechte Wohnung eures Geistes geblieben, daß durch ihre noch immerhin große Anzahl euer Geist nicht in voller Klarheit, sondern wie durch einen leichten Nebel schauen mußte. - Da aber diese Geister, die stets am hartnäckigsten den wahren Geist umlagern und ihn in ihre Sphäre herauslocken wollen, zumeist der sogenannten sinnlichen Fleischliebe entstammen, so haben sie auch in einer Hinsicht die bedeutendste Ähnlichkeit mit dem wahren Geiste der reinen Liebe Gottes in unseren Herzen und sind am schwersten von dieser Wohnung des Lebens hinwegzubringen, weil sie, wie keine andere Art der Naturgeister, nur zu sehr am Leben hängen und ihre größte Furcht es ist, das Leben zu verlieren, das ihnen so viele süße Genüsse darreicht.

[RB.01_061,10] "Diese hartnäckigen Naturgeister können nur durch eine außerordentliche äußere Lockung ein wenig mehr der Wohnung des eigentlichen Geistes entrückt werden, bei welcher Gelegenheit dann der wahre Geist sein Territorium wieder ein wenig erweitern und dadurch freier und heller werden kann. Und siehe, eine solche äußere Lockung ward auch hier durch diese Tänzerinnen veranstaltet. Und eure wahren Ich sind dadurch nun auch um vieles freier und heller geworden. Daher hat auch ehedem dieser mein erhabener Freund zu dir, du Bruder Jellinek, als du die Tanzerei allhier ein wenig sonderbar fandest, gesagt, daß du hier nicht so sehr auf das Mittel, als vielmehr nur aus den guten Zweck sehen sollest! Du hast nun den klar beleuchteten, besten Zweck vor dir. Und so meine wenigstens ich, daß du gegen das Mittel nun auch nichts mehr einzuwenden haben wirst?

[RB.01_061,11] "Daß aber diese Tänzerinnen darum auch noch keine reinen Engel sind, weil durch sie für euch ein guter Zweck erreicht worden ist, das brauche ich euch kaum näher darzustellen und zu beleuchten. Aber wir wollen alles tun, daß sie das werden, was sie und wir auch noch nicht sind!

[RB.01_061,12] "Ich habe nur eine einzige Stufe vor euch, und das ist vor euch (auch) mein ganzer Vorteil. Aber die Leiter unserer ewigen Bestimmung ist eine unendliche, und da wird es wohl ehestens gar leicht geschehen, daß sich diese unsere gegenwärtigen Unterschiede vollends also ausgleichen werden, daß von uns niemand vor dem andern etwas voraushaben wird - mit Ausnahme jenes Freundes und Bruders neben dir, Bruder Jellinek, der uns allen ganz natürlich zu ungeheuer weit voran ist, als daß wir Ihn je möglich einzuholen vermöchten! Warum? Das wird euch die Folge und eine nähere Bekanntschaft mit Ihm sehr klar zeigen und zur Übergenüge treu beantworten.

[RB.01_061,13] "Nun aber haben wir noch eine andere, sehr bedeutende Arbeit vor uns, die ehestens in die Ordnung kommen muß, ansonst wir uns in diesem Hause nicht nach unserer freien und reinen Lust und Willkür bewegen könnten."

 

62. Kapitel – Bei der losen Wiener Gesellschaft. Heilsame Kur dieser Fleischeshelden. Robert ermuntert sie zum Eintritt ins Haus.

[RB.01_062,01] Spricht Robert weiter: "Sehet einmal zu diesem Fenster hinaus in den herrlichen Garten, der weit und breit dieses Haus umgibt, und saget mir, was ihr da sehet?"

[RB.01_062,02] Die drei gehen sogleich ans Fenster und schauen hinaus. Aber kaum (haben sie) einen Blick durch dasselbe gemacht, schaudern sie förmlich zurück. Und Jellinek nimmt das Wort und spricht: "Aber Brüder! Um Gottes, des Herrn, Willen, was ist denn das? - Sind das Menschen, Tiere oder Teufel!? Es scheint alles durcheinandergemengt zu sein! - Nein, so was hätte ich in der Nähe dieses Hauses wohl ewig nicht vermutet! Wahrlich, da sieht man ja aus einmal alle Scheußlichkeiten der alten, schmutzigsten Heidenmythologie auf einem Hausen beisammen - plastisch und tatsächlich! Ich bitte dich, lieber Bruder, verschließe doch die Pforte des Hauses und die Türe dieses Zimmers fest, sonst laufen wir Gefahr, daß diese Bestien zu uns hereindringen und uns alle bei Butz und Stengel rein auffressen!"

[RB.01_062,03] Spricht Robert: "Oh, fürchtet euch dessen nicht! Sie sehen im Grunde nicht gar so abschreckend aus, als wie sie auf den ersten Blick von hier euch vorkommen. Daß sie euch aber also abschreckend vorkommen, das rührt daher, weil sie euch noch von Wien aus darum ,im Zornmagen' haben, weil sie meinen, ihr hättet sie an den Windischgrätz verraten! Werden sie einmal vom Gegenteile überwiesen sein, so werden sie euch dann auch sogleich etwas menschlicher vorkommen. Denn wisset, das sind allerlei Wiener Individuen, die in den verhängnisvollen Oktobertagen als Kämpfer für die irdische Freiheit durch die Waffen der kaiserlichen Soldaten gefallen sind. Sie glauben nun, daß dieser Fall gar nie möglich gewesen wäre, so besonders der Bruder Messenhauser an ihnen nicht einen heimlichen Verräter gemacht hätte! Werden sie aber vom Gegenteile überführt, dann wird auch etwas anderes mit der Hilfe Gottes mit ihnen zu machen sein! Und sollten unter ihnen auch einige sein, die sich nimmer eines Besseren belehren lassen, nun, so wird der Herr schon wissen, mit seiner Macht solche Böcke von den besseren Schafen also abzuscheiden, daß sie weder uns und ebensowenig der andern, bessern Herde mehr gefährlich sein können!

[RB.01_062,04] "Daher werden wir sie denn auch hereinkommen lassen und werden sie da nach dem Willen des Herrn in Arbeit nehmen! Denn da wir doch auch sehr viel Schuld daran waren, daß sie durch unsere Reden und Gesetze dahin gekommen sind, wo sie sich nun elend genug befinden, so ist es nun auch vor allem unsere Pflicht, sie auf einen besseren Weg zu bringen! Und so folget mir nun hinaus zu ihnen, im Namen des Herrn!"

[RB.01_062,05] Robert begibt sich nun in Mitte des Messenhauser und Becher hinaus in den Garten, allwo sich noch die schon bekannten Wiener nebst ihren ganz matt gewordenen Dirnen und ihren vergewaltigten Töchtern befinden. Ich aber folge den drei Vorgängern mit dem Jellinek an Meiner Seite sobald in den Garten, wo wir die Menge in einem ersichtlich sehr unbehaglichen Zustande antreffen.

[RB.01_062,06] Als Robert sie auch sogleich fragt, wie es ihnen nun ergehe, da schreien sie beinahe alle zugleich: "Miserabel elend und schlecht! Helfet uns, oder bringet uns um, dieses elende Schweineleben, das wird uns eine Leberwurst sein! Ist das nicht rein zum Teufels werden!? Jetzt stell dir's vor, was wir hier in diesem dreckigen, nach faulen Pomeranzen riechenden Geisterreiche alles für schöne und merkwürdige Erfahrungen gemacht haben! Es ist wahr, wir haben es mit der Menscherei ein wenig zu arg getrieben. Aber wir sind Viecher und waren nie was anderes, weil wir nie zu etwas Besserem erzogen worden sind, woran natürlich nicht wir, sondern unsere weisen und milden Regenten die alleinige Schuld tragen. Und so unterhielten wir uns denn auch hier auf jene beliebte Art gleich dem Vater Adam mit der Eva, wodurch dann der erste Brudermörder Kain, dergleichen es jetzt zu Millionen gibt, das Dasein erhielt! Aber nun höre, was an der Sache hier im Geisterreiche ganz besonders und zugleich auch ganz niederträchtig verflucht merkwürdig ist, wir sind dir, was kaum glaublich, hier fast durch die Bank angesteckt worden! Oh, das ist ja doch verflucht, hier, im Geisterreiche, angesteckt! Und das wie!? Hörst Brüderl,das wär so ein Paradieserl! Wenn's hier nur irgendeine Hilfe gäbe! Aber da ist überall nichts, wo man nur hinschaut! - Du siehst also nun, wie es uns geht! Aaher sei doch so gut und verschaffe uns irgendeine Hilfe, oder bringe uns alle um, wenn's dir möglich ist! Denn es ist ja doch zehntausendmal besser, gar nicht zu sein, als unter gar so scheußlich bittern und schlechten Umständen!

[RB.01_062,07] "Apropos, noch was! - Sage uns auch, wer deine Begleiter sind? Den einen kennen wir schon; das ist der sogenannte eigentliche Hausherr dieses Hauses, ein recht rarer Mann Gottes! Aber die anderen drei kennen wir nicht! Geh und sag' uns, wer sie sind!"

[RB.01_062,08] Spricht Robert: "Meine armen, kranken Freunde, seid ihr denn gar so blind, daß ihr den Messenhauser, Becher und Jellinek nicht mehr erkennen möget?"

[RB.01_062,09] Schreien mehrere: "Potz tausend und fix Laudon! Was!? Die drei Hauptlumpen sind das!? Na, hätt, mer uns a eher den Tod eingebild't, als daß wir besonders den Hauptspitzbuben Messenhauser nochmal zu Gesicht kriegen werd'n! Aber sein Glück, daß wir nun alle so miserabel san! Sonst hätten wir ihm hier wohl einen ganz kuriosen Dank für sein Oberkommando in Wien zukommen lassen! Aber weil wir für eine handfeste Dankbezeugung zu schwach sein, so kann er sich unterdessen bloß mit dem vertrösten, daß wir ihn allesamt für einen recht ausgepickten Lumpen und Spitzbuben ansehen und in der Wahrheit anerkennen und ihm wünschen, was er sich selbst sicher gar nicht wünscht! Also Messenhauser, Becher und Jellinek! - Na, so kommt da aber alles G'sindl zusammen! - Wirklich a schön's Paradieserl das!".

[RB.01_062,10] Spricht Robert: "Saget mir, geschieht es euch nun leichter, daß ihr diese meine Freunde also beschimpst habt!?" - Sagen die Wiener: "Na, das just am End' nicht. Aber wir haben's ihnen ja sagen müssen, weil sie es wirklich verdient haben! Du weißt es ja selbst, wie und warum?!"

[RB.01_062,11] Spricht Robert: "Höret, lassen wir das nun gut sein, was vorüber ist, das ist vorüber! Keiner aus uns allen, mit Ausnahme meines früheren Freundes, der nun mit Jellinek sich bespricht, kann von sich sagen und behaupten, daß er nie gefehlet habe! Ich glaube vielmehr, daß wohl ein jeder von uns die Skala aller Todsünden nicht einmal, sondern zu sehr often Malen durchgemacht hat - nur mit dem Unterschiede, daß einer bald in der einen und ein anderer in einer andern Todsünde sich als hervorragend erwiesen hat. Und es wäre sehr dumm von mir, so ich nun diese drei von euch Beschuldigten als unschuldig vor euch hinstellen wollte. Sie haben ihre gehörige portion Sünden begangen; aber wir haben sie unsererseits auch durchaus nicht gespart. Wer von uns vor Gottes Richterstuhle eigentlich für die Hölle reifer wäre, das dürfte dem ewigen Meister des Lebens wohl nicht viel Kopfzerbrechen und Nachdenken kosten! Aber da meine ich, da wir schon alle durch die Bank vor Gott kaum das wert sind, als wie hoch uns der gute Fürst Windischgrätz in dem Stadtgraben und in der Au taxiert hat, so sollten wir uns gegenseitig hier wohl gar nicht mehr anschuldigen und anklagen, sondern uns die Hände unter der allgemeinsten gegenseitigen Amnestie (Straferlassung) reichen, uns gegenseitig alles vergeben und so hier in diesem neuen Reiche und Leben auch eine neue Kolonie aus lauter Freunden und Brüdern gründen! Und ich meine, daß uns das in der Folge viel bessere Früchte tragen wird, als so wir uns auch hier noch richten wollten, wo ohnehin ein jeder von uns ein ganz gehörig vollgemessenes Maß des Gerichtes auf seinen Schultern zu tragen hat! Was meinet ihr da, wie gefällt euch dieser mein sicher bestgemeinter Antrag?!"

[RB.01_062,12] Schreien alle: "Ja, ja, du hast vollkommen recht, und dein Antrag gefällt uns außerordentlich wohl! Aber nur die Gesundheit, die Gesundheit tut uns vor allem not! Denn du weißt, daß ein leidender Mensch oder Geist nicht leicht zu einem gesunden Beschlusse kommen kann, und ,a Weaner' (ein Wiener) schon gar nicht! Denn ein kanker ,Weaner' ist für die Sau zu schlecht!"

[RB.01_062,13] Spricht Robert: "Nun, nun, lasset das nur gut sein! - Erhebet euch und kommet alle zu mir ins Haus! Dort werden sich schon Mittel finden, euch wieder gesund zu machen! Da draußen habe ich weder einen Arzt noch eine Apotheke. Denn hier (im Geisterreiche) ist fürs Äußerliche mit keinem Arzte etwas zu machen, weil hier alle Übel von innen aus geheilt werden müssen, so einem Kranken geholfen werden soll. Und dazu ist es auch nötig, daß ihr euch in einem Hause befindet, und zwar hier in diesem meinem Hause, das mit allem Möglichen reichlichst eingerichtet und bestens versehen ist! - Erhebet euch daher nur und folget mir!"

[RB.01_062,14] Auf diese Worte Roberts erheben sich alle, auch die weiblichen Wesen, und hatschen, so gut es nur immer geht, uns nach ins Haus, und zwar in das schon bekannte Zimmer, das da groß genug ist, um viele tausend Gäste aufzunehmen.

 

63. Kapitel – Die Gäste beim Anblick der Tänzerinnen. Volksgespräche. Die Barrikadenheldin. Der Pathetikus.

[RB.01_063,01] Als sie alle im Zimmer beisammen sind, da bemerkt einer die Tänzerinnen und spricht: "Na, die könnten uns nun auch alle gestohlen werden! Unser Zustand und die da, das tauget, so hübsch für einander!" Spricht ein anderer neben ihm: "Aber potz Seppel Laudon fix Element! Sabbatmirzl! - Sauber warn's! Und nur die schön'n Füß', die sei hobn, das wär so ein Extra-Speis'l auf'n Ostersonntag! - Saprament, wann i nur g'sund war meiner Seel, der Mittern dort von den drei voranigen saget i was!"

[RB.01_063,02] Ermahnt ihn sein Nachbar: "Aber ich bitt dich Franz, sei nur itzt g'scheidt! Weißt denn nit, daß wir nimmer auf der Welt san?" Spricht der erste: "Das weiß i wohl! Aber Welt hin, Welt her - schön san's holt doch! Und ma müßt goar kein G'fühl hobn, wann ma do dabei gleichgülti bleibn kunnt!"

[RB.01_063,03] Spricht ein dritter: "Aber wann holt der Franz nachher mit seiner Ungleichgültigkeit in d' Höll kimmen tät, wie wär's n' Franz nachher z' Mut?". Spricht der Franz: "Eh hol's der Teufel! Bist und bleibst holt a dumms Luder! Sein wir denn itzt etwa im Himmel?! Oder host du schon anmol die Höll g'sehn, um sag'n zu können, daß du jetzt noch nit in der Höll wärst!? Glaubst du, wir zwa wär'n etwa z'gut für die Höll?'" Spricht der Angeredete: "Dos woaß i schun, aber do müss'n wir erst verdammt werdn und nachher s' höllische Feuer sehn! Und dos moan i, is itzt mit uns denno mit der Fall! Es brennt mi wohl ganz fix sakrisch - du woaßt schun, was und warum! Aber dos is denno ka Höll! Weil mer no nit san verdammt wordn, und weil wir a ka Feuer sehn! Aber dos moan i holt, wan wir itzt a no nit von de verdammten Menscher ablassen tun, wo wir schun in der Geisterwelt san, da kunnt ma holt viel leichter in d' Höll kummen als auf der Welt! Ha, wos moanst du, hab i etwa unrecht?!"

[RB.01_063,04] Spricht der erste: "Jo, jo, hast wohl recht! Aber denken kann i ja doch, wie mir der Kopf g'wachsen is?! - Deswegen werd i denno nix tun!" Spricht der andere: "Jo, jo; nix tan, nix tan! - Aber z'erst kummen allzeit die Gedanken; nach die Gedanken kummen die Begierden, und nach die Begierden kummen die Taten, und nach die Taten kummt die Höll, und nachher is gar! Verstehst mi? Nachher is gar?! I moan holt jetzt so: Gstorbn wärn wir und san itzt in der Geisterwelt. Do hoaßt's izt holt schön ruhig und g'hursam sein und nix anders denken, redn und tan, als wos uns der Blum sagen wird - und do kanns mit uns no besser werdn!" - Spricht der Franz: "Nu ja, is a recht so; bist erst nit gar so dumm als wie's du ausschaust."

[RB.01_063,05] Spricht an der Seite (der Beiden) eine Barrikadenheldin: "Do schauts die zwa Lerchenfelder Schnipser an! Die wulln anonder die Höll aus- oder einreden! Hahaha! Das es spaßi! War do aner a größrer Schnipser als der andre - und woarten no, bis sie möchten verdammt werdn - als wenn's etwa mit längst schun verdammt wärn! - Hahaha! Das is do spaßi!" Spricht der Franz: "Haltst mir dein golgenstinketn Brotlad'n!? Du Hauptmärzenflaxen von alli Weaner Studenten! Du krahschinketer Barrikadenschnepf! Na, wart du, dir meß i vor'n Himmelreich Christi schun no a Paarl über, daß dabei die allerseligste Jungsfau selber auweh schreien sull! Do schau aner dös kuckuschäckge Mistbradl an! Die möcht ums schun alli mitanander verdammt in der Höll hobn! - Schau, daß du mit deine Fledermausflügeln von Händ mit z'erst hineinfliegen wirst!"

[RB.01_063,06] Kommt ein anderer hinzu und spricht in einem pathetischen Tone: "Freunde, bedenket, wo ihr seid! Das ist nicht etwa der Prater oder die Brigittenau, in der die rohe Wiener Menschheit noch zehnmal roher sich gebärdet als sonst! Bedenket, hier ist das ernste Geisterreich, so man ganz ordentlich und ernstlich sein muß, um nicht augenblicklich auf ewig verdammt zu werden! Denn bei Gott ist keine Gnade und kein Pardon mehr in dieser Welt!" - Spricht die Heldin: "Oh, oh, oh! ereifern's Ihne mit goar so ollmächti. Sei bratschulteriger Tapschädl! Daß unser lieber Herrgott mit an solchenen Eimerbier-Sauflümmel, wie Sei aner san, ka Erbarmnis hobn kann, das wird doch etwa ganz natürli san!?" - Spricht der pathetiker, seine Augen sehr weit auftuend: "Wa-a-s sagt diese Blocksberghexe!? Oh, für diese Hacke wird ja wohl auch sogar noch hier in der Geisterwelt sich ein Stiel finden lassen! Ist denn kein so gemeiner Kerl hier, dem es um seine Hände nicht leid sein dürfte, dieser unflätigsten Dirne den Hals umzudrehen!?" - Spricht die Heldin: "Oh, deswegen mochen's Ihnen ka Müh! Denn wenn's auf die gemeinste Kerlschaft hier ankäm, um mir den Hals umz'drahn, da war zu dem G'schäftl ja so ka Tauglicherer wie Sei!? Aber da moan i, daß so an Arbeit für Sei wohl no viel z'gut war! Was moanen's denn, wer Sei san, Sei lebendigs, täglichs 4-Eimer-Bierfaßl Sei!? Gelten's, 's Bierl und Ihnre kopfete Mierl - die gehn Ihne holt ob hier in der Geisterwelt, drum san's so ernstli!? Aber trösten's Ihne nur, vielleicht kummt etwa Ihre Mierl a bald nochi. Und do wird dann der liebe Herrgott glei barmherziger sein als er jetzt ist!"

[RB.01_063,07] Spricht der pathetikus: "Freunde! Lassen wir ab von diesem stinkenden Aase! Denn eine Kuh mit einem bedreckten Schweife macht alles unrein, was sie umgibt!" - Spricht die Heldin: "No, wär doch a Schand, wann Sei nit reiner warn als i - hobens Ihne ja doch durch Ihr ganzes Leben mit anige tausend Eimer Bier ausgwoschen und ausgschwappet gnua! Und das wird etwa doch wohl etwas ganz wos anderes sein als hundert Generalbeichten bei olli Jesuiter!? Wann i so a bißl von an lieben Herrgott war, i wißt schon wie Sei selig z'machen warn! Schaun's, i mochet die Donau zu lauter Linsinger Doppelbier und manchmal zu a bißl Gmischts, und do setzet i Ihne dann grad durt hin, wo die Donau ins Schwarze Meer rinnt, und die kropfete Mierl neben Sei'n. - Und da wärn Sei dann der seligste Mensch!"

 

64. Kapitel – Der Pathetikus wird von Robert zurechtgewiesen. Die gutherzige Heldin redet ihm vergebens zu.

[RB.01_064,01] Der pathetikus verläßt nun die Heldin und begibt sich zu Robert hin und zeigt ihm ehrerbietigst an, was für zotige Wesen hier in der Geisterwelt sein erhabenstes Haus verunreinigen! Er möchte solche Wesen doch irgendwo anders hin bescheiden!

[RB.01_064,02] Spricht Robert: "Mein schäztbarer Freund, das geht hier wohl durchaus nicht an! Sehen Sie, wir wollten auf der Erde ja nichts anderes erreichen, als die volle Gleichheit unter den Menschen und ihre vollste Gleichberechtigung in jeder Hinsicht und Beziehung! Was jedoch auf der Erde nicht zu erreichen war, bietet sich nun (hier) uns allen im vollsten Maße dar. Und das ist ein wahres Geschenk von seiten des allerhöchsten Beherrschers aller Himmel und aller Welten. Wollen sie nun unter der allerfreiesten Konstitution (Verfassung), die uns hier Gott Selbst gibt, aber wahrhast glücklich sein, so überschätzen sie nie Ihren Menschenwert, und denken sie ja gewissenhaft, daß alle Menschen beiderlei Geschlechtes, die sie hier sehen, den ganz gleichen Gott zu ihrem Schöpfer und Vater haben, so werden sie diese Menschen dann wahrhaft lieben und werden dafür wieder eine rechte (Gegen-) Liebe finden, die hier allein das Glück aller bewirkt. So werden sie in der Folge (auch) nimmer, wie auf der Welt, zu Ehrenrichtern Ihre Zuflucht zu nehmen brauchen, um vor den Beleidigern gerechtfertigt zu werden; sondern Ihr eigenes Herz wird Ihnen die allerbeste und allergültigste Rechtfertigung in den Herzen Ihrer Brüder und Schwestern verschaffen! - Übrigens haben sie sich darum gar nicht zu sorgen, ob mein Haus durch diese armen Wesen verunreinigt werde oder nicht; denn dafür ist schon gesorgt! Auch muß ich Ihnen offen bekennen, daß mir jene mundgeläufige Heldin lieber ist als sie! Sie ist, wie sie ist, eine Wienerin, und hat dabei ein gutes Herz. Sie aber sind ein sogenannter kk.(Käiserlich-Königlich) pensionierter Bomben und Kartätschen-Philosoph, der sich nur per Sie titulieren läßt, ohne zu bedenken, daß wir hier alle Brüder und Schwestern sind! Sagen Sie selbst wer mir hier teurer sein solle - Sie, oder jene Wienerin in ihrer vollen Echtheit?!"

[RB.01_064,03] Der pathetikus verneigt sich vor Robert und spricht: "Wenn man hier eine solche Sprache gegen Ehrenmänner führt, da bitte ich, mir erlauben zu wollen, daß ich mich wieder hinaus ins Freie begeben darf; denn hier stinkt es vor Gemeinheit und Gesindel!"

[RB.01_064,04] Spricht Robert: "Mein Freund, in diesem Hause befindet sich nirgends ein Kerker noch irgendeine Fessel - außer die der Liebe! Wollen Sie sich diese nicht gefallen lassen, so können Sie ebenso frei wieder hinausgehen, wie Sie hereingekommen sind! - Nur das muß ich Ihnen leider hinzu bemerken, daß es Ihnen dann ein wenig schwer werden dürfte, so Sie doch etwa wieder einen Appetit bekämen, herein in dies Haus der Liebe gehen zu wollen! Denn es könnte sehr leicht sein, daß Sie dies Haus sobald aus dem Gesichte verlören, als sie den ersten Schritt in die äußere Freie täten! Sie wissen nun, woran Sie sind und was Sie rechtens zu tun haben. Aber Sie sind frei und können tun, was sie wollen!"

[RB.01_064,05] Der pathetikus stutzt nun und weiß nicht, was er tun soll. - Aber unsere Heldin kommt schnell herzu und spricht: "Gängen's, gängen's, und bleiben's do! Und san's nur mit gar so hoppertaschi! - Schaun's, i bin scho lang wieder ganz guat! Mi hat's holt a a bißl verdrossen, daß Sei dem lieben Herrgott goar alle Gnad und Barmherzigkeit hobn absprechen wolln. Und do hob i Ihne halt so mei Mainung gsogt, war aber, ganz gutherzi dabei. Aber Sei hätten mi glei gfrassen vor Zorn wann's Ihne war mögli gwest! - Nachher san's mi a no klagen gangen und hätten mi gern gstraft gsehn. Aber der Herr Blum is holt a bißerl gscheider als wir zwa, und so hobn's holt nix ausgricht und das verdrießt Ihne itzt! - Aber lassen's die Verdrießlichkeit! San's wieder guat und bleibn's do! Nachher wird scho alls wieder guat werdn! Wir san ja lauter fehlerhaftige Menschen und müss'n deswegn holt mitanand a bißl a Geduld hobn! Wos war denn dos, wann wir als Geister hier a noch hoppertaschi warn!? Gängen 's nur wieder zu uns her! Der alte Franz, der lang Euer Stiefelputzer war, wird Ihne schun wieder den Kopf z'rechtbringen! - No, san's no harb aus mi?"

[RB.01_064,06] Spricht der pathetikus: "Nein, böse gerade bin ich nicht auf dich! Denn wahrlich, das würde mir zu keiner Ehre gereichen, auf dich böse zu sein, weil du gegen mich denn doch sozusagen nichts bist! Aber in eure Mitte, wo die größte Gemeinheit herrscht, kann ich mich auch nicht mehr begeben; sondern ich werde mich hier im Kreise der Honoratioren aufhalten. - Und so gehe sie zurück!" - Spricht die Heldin: "Aber gebn's acht, daß es den Honoratioren neben Ihnen mit übel wird. Sei eingebildeter Tapschädl Sei! Was glaubn's denn, was Sei etwa da san?! I bin wuhl a recht lustigs Weaner Madl; aber schlecht bin i grod nit. Wann i aber für Sei z'schlecht bin, da suchen's Ihne holt a bess're aus! Dort steheten glei a poar Dutzend! Gehn's hin und probirn's holt Euer Glück! Die werdn Ihne schun sag~n, wieviel's etwa wert san!"

[RB.01_064,07] Die Heldin begibt sich wieder in die Mitte der Ihrigen. - Der pathetikus aber rümpft seine Nase und macht, als so er auf die mundläufige Heldin gar nicht geachtet hätte.

 

65. Kapitel – Die Wiener und der ungemütliche Böhme. Die Heldin wendet sich an Jellinek. Dieser weist sie an den Herrn.

[RB.01_065,01] Als unsere Heldin wieder in der Mitte der Ihrigen sich befindet, d.h. jener, mit denen sie früher ein etwas beißendes Zwiegespräch gehalten hatte, da sagt der schon bekannte Franz zu ihr: "No, du odrati Luxemburger Achazibaum-Mierl, wie es dir denn gang'n mit dem bratschultrigen Kolifonifeuerhelden?! No, hast's ihm so recht einigsogt af ächt weanerisch?" - Spricht die Heldin: "Na, verstanden wird er's wuhl hobn! Jtzt moant der Tolkentipl, daß er do a no a gnädiger Herr is! Na, dem werdn's do glei an ondre wurst broten! Ober gsagt hob i's ihm! Hätt ihr's ghört, wie ihm's der Herr Blum einigsogt hot, weil er mi verklogen is gangen, ös hätts a narrische Freud ghobt! - I Wünsch kan Menschen was Schlechts, a diesem Tapschädl nit; aber weil er holt goar a so a hochmietiger Dinger is überanand, da hob i a rechti Freud, wann ihm die guaten Herrn dort a wengerl die Flügel stutzen tan. O dös gschiecht ihm schun recht!" - Spricht der Franz: "Na, Mierl, itzt g'fallst mi scho wieder, und i bin scho wieder guat af di! Ober dos sog i di a, wanns mi wieder amol so angreifst, wie's ehnter tan host, da mogst schaun, wie's weiter kummen mogst! Ober itzt es olles wieder guat!"

[RB.01_065,02] Spricht die Heldin: "No, no, mir san ja keine Böhmen, doß wir auf anond sieben Johr solle harbig san! Die Weaner, wann's no so tan, als wullten's anonder fressen, wann sie sich aber dann amol umdrahn, do san's nachher glei wieder die besten Freund! - Aber mit den Böhmen is do a Kreuz! I hob amol so an Dolken harbig gmocht - i glaub, der hätt mi vor lauter Lieb nach drei Jahrln no z'rissen, wo er mi so kriegen hätt kinnen!" - Spricht der Franz: "Mierl! I sog dir, red mit so laut! Denn ma kann mit wissen, wer do olles zuhört. Woaßt denn nit, daß d' Böhmen die längsten Finger und d' längsten Ohrwaschl hobn, deshalb se a immer die besten Spitzl und Polizeidiener warn?!"

[RB.01_065,03] Auf diese Worte des Franz erhebt sich sogleich eine kräftige, dickbackige männliche Gestalt (ein Böhme), holt einen tiefen Odem und spricht dann hauptsächlich zum Franz: "Hörte mi Kerl fluckte! Wer hot de Urwaschl lunge, un wer hot de Finger lunge? A, sog du mi nu amul a su, noche wart mi! Wan bin a Geist; aber werd di noche schun sogn, wer hot de Urwaschl lunge! A, host di mi verstondn, Kerl fluckte!" - Spricht die Heldin: "O jegrl, o jegrl! Franz! Jitzt schaun ma, daß ma weiterkummen! Wann ma in Wulf nennt, so kummt er grennt! - Da war scho grad aner, wie ma sich sein Lebtag kan bessern wünschen kunnt! No, wann der zurni wurd, i glaub, der bringet an no in hundert Jahrln um! Mir scheint, der hot schun mit olli Russen d' Bruderschaft trunken!", - Spricht der Böhme: "Holt die Kusche, deine fladerwaschete! Oder i schlag de ani eine, do wirst de k'nug hobn! Oder manst'de, de Böhme sein Teibl!? Du bis de am Hur satrazena, aber de Böhnen sein gute Leut! Verstehs mi, du fladerwaschete Großkuschete!?" - Spricht die Heldin: "Hörts meine lieben Weaner, do es aner! Wann mer mit do in so an ehsamen Haus warn, der mießt mir hinausgwutzelt werdn und wann's das Lebn meiner Muater kosten tät! Aber do es nix z'machen! Gehn ma do nur glei weg, sunst ib's Spektakl!"

[RB.01_065,04] Aus diese Worte begibt sich die Heldin mit mehreren Wienern schnell gerade zu Jellinek und zu Mir hin und fängt sogleich mit dem Jellinek folgendes Gespräch an, sagend: "No, no, Herr Dokter, Hietz hätt i Ihna bold nit kennt! Grüß Ihna Gott! Wia geht's Ihna, und wos mochn denn Sei do?"

[RB.01_065,05] Spricht Jellinek: "Schau, mir geht es sehr gut, viel besser als je auf der Welt! Mein sehnlichster Wunsch aber ist es, daß es euch allen bald ebenso gut gehen möchte, wie mir nun, so werdet ihr miteinander nicht mehr also hadern wie bis jetzt! Ihr müsset das hier ganz ablegen, sonst kann's mit euch allen wohl schwerlich besser werden! Lernet es von uns, wie man mit den Schwächen seiner Brüder Geduld haben kann und haben muß, so werdet ihr euch gleich leichter verstehen, und das wird euch goldne Früchte tragen! Aber wenn ihr euch untereinander stets so bekrittelt, beschimpfet und mit Schlägen bedrohet, da wird noch lange nicht jene christlich-himmlische Liebe unter euch sich aufzuhalten anfangen, die allein die wahre Seligkeit aller Menschen und Geister bedingt.

[RB.01_065,06] "Daher werdet vernünftiger nun! Lasset ab von eurem dummen Hader und werdet sanft in euren Herzen, so wird euch auch leicht und bald zu helfen sein! Aber so ihr stets also untereinander forthadern werdet, da werdet ihr noch lange leiden müssen. Und so euch auch geholfen wird, da wird aber die Hilfe dennoch ebenso karg bemessen sein, als wie karg da ist eure gegenseitige Liebe und Freundschaft! - Denket doch, daß wir vor Gott alle gleich sind und niemand einen andern Vorzug hat, außer allein, wie er am meisten demütig ist und die stärkste Liebe zu Gott und allen seinen Brüdern in seinem Herzen birgt! Da werdet ihr euch gleich leichter verstehen! Hast du die Worte wohl verstanden?"

[RB.01_065,07] Spricht die Heldin: "O ja, verstandn hätt ich's wohl, wia's nur glei recht war! Aber unsre Weanergöscherln, de können holt nit still sein, wann's wo a Lüftl kriegen! Da war holt a so a Wunderkur guat! Wär dos denn nit mögli dohier im Geisterreich? Wissen's, unsre Herzen warn grod so schleacht nit; aber holt's Göschl, 's Göschl, das hot holt 'n Teixel gsehn!"

[RB.01_065,08] Spricht Jellinek: "Nun, nun, wir werden es schon sehen, was sich da wird tun lassen! Aber ein bißchen müsset ihr euch denn doch auch selbst bestreben, eure Zungen im Zaume zu halten, dann wird sich wohl so manches tun lassen. - Bitte diesen Herrn neben mir da, der vermag sehr viel! Wenn der euch hilft, so wird euch wahrhaft geholfen sein! Hast du mich verstanden, du Heldin?"

[RB.01_065,09] Spricht die Heldin: "Sei, Herr Jellinek, sogen's mir, versteht der Herr do a unser weanerisch? - A guats Gsichtl hot er wohl, und gar so gmütli sahet er aus! - Den trauet i mi schun anz'redn; aber wann er nur weanerisch versteht!?"

[RB.01_065,10] Spricht Jellinek: "Oh, und das wie! Der versteht und spricht ja alle erdenklichen Sprachen! Ja, ich sage es dir, daß er sogar die Sprache des Herzens ganz genau versteht und sozusagen von der Nase herabliest, was sich nur immer jemand noch so geheim denken möchte! Versuch's nur einmal, und du wirst dich sogleich überzeugen, daß ich recht habe!"

[RB.01_065,11] Spricht die Heldin: "Ei der Tausend, was sogen Sei mir da!? Wann der dos kann, da muß er fast mit unserm lieb'n Herrgott a bißl verwandt sein? 'S wird aber a a spaßigs Redn werdn, wann der schun ehenter alles waß, wos ma ihm sog'n möcht! - Aber angehn tu i ihn amol, und do möcht er schun sog'n, wos er nur glei immer wollt! - Aber nur dos sogen's mir no, wia er haßt - nachher brauch i nix mehr."

[RB.01_065,12] Spricht Jellinek: "Ja, meine liebe Freundin, da klopfst du bei mir gerade auf dem Flecke an, unter dem es auch bei mir so ziemlich hohl ist! Ich ahne und vermute es, daß er ein gar großer und mächtiger Engelsgeist Gottes ist und ist zu uns ausgesandt, um uns zubelehren, und den rechten Weg zu Gott zu zeigen. Das ist aber auch alles, was ich dir sagen kann. Wie er aber so ganz eigentlich heißt, und welche hohe Stellung er vor Gott bekleidet, das weiß ich ebensowenig als du! - Aber das ist gewiß, daß er hier ganz allein wahrhaft helfen kann, weil er dazu die hinreichende Macht besitzt."

[RB.01_065,13] Spricht die Heldin: "Aha, aha, hietzt geht mir schun so a Lichtl uf! Wissen's Sei, Herr Jellinek, i moan, das wird leicht wuhl goar so an Apostl san?! Vielleicht goar der Petrus oder der Paulus? - He, was moanen denn Sei do hob i recht oder nit?"

[RB.01_065,14] Spricht Jellinek: "Meine Liebe! Das kann alles gar leicht sein. Wende dich daher nur schnurgerade zu ihm hin, und du wirst es bald wissen, wie du mit ihm daran bist. Nur ein wenig zu selbständig spricht er mir für einen Petrus oder Paulus! Und ich vermute daher, daß er noch etwas Bedeutenderes sein müsse. Vielleicht so eine Art Erzengel!? - Aber rede du nur selbst mit ihm, da wirst du am ersten ins klare kommen!".

 

66. Kapitel – Die Heldin wendet sich um Hilfe an den Herrn. Des Heilands Rat: Bekenne offen, was dir fehlt! Geschichte einer Gefallenen.

[RB.01_066,01] Auf diese Belehrung von Seite des Jellinek schaut Mich die Heldin eine Weile an, geht darauf näher zu Mir hin, da Ich Mich während ihrer Unterredung mit dem Jellinek ein wenig zurückgezogen habe, und spricht zu Mir: "Verzeihn's mir, sei mein allerbester Herr, wann i Ihne hietzt mit aner Bitt lästig fall'n tu! - Schaun sei, der Herr Jellinek hat mi an Sei ang'wiesen und hot mir gsogt, daß Sei holt goar so allmächti warn und kunnten an holt überoll helfen, wo's an nur glei immer fahlen möcht. Schaun sei, bester, liebenswürdigster Herr! Mir fahlet's halt so hübsch tüchti! Und do gab's denn holt a hübsch viel z'helfen! San's so guat und helfen's mir, und uns Weanern ollen, wann's Ihne nur glei mögli ist! Schaun's, wir san aus der Welt holt aufg'wachsen wie's liebe Vieh und san so a als Viecher doherkummen und san krank hietzt do überall, so's nur glei hinschaun mög'n; und dumm san w'r a no dazu, wie a 30jähriger Religionskrieag! San's so guat und mach's uns a bißl gsund und a bißl gscheidter, wie mir sunst san - und wir olli werden uns dann schun besser aufführen ols wia bis hietzt!"

[RB.01_066,02]Rede Ich:"Ja, ja, helfen kann Ich euch wohl, und dir am ersten! Aber du mußt Mir zuvor so ganz offen bekennen und gestehen, was dir nun so ganz besonders fehlt? Bist du krank, da mußt du Mir sagen, wo, wie und wodurch du dir die Krankheit zugezogen hast. Und so du dich dumm zu sein glaubst, da mußt du Mir denn auch recht getreu angeben, was dir an dir selbst so ganz eigentlich dumm vorkommt? und Ich werde dann schon sehen, wie dir und auch deinen Landsleuten zu helfen sein wird! Denke nun nur so recht gewissenhaft über alle deine Zustände nach und sage Mir's dann, wie du dich gefunden hast! - Das andere werde dann natürlich schon Ich machen!"

[RB.01_066,03] Spricht die Heldin: "O jegrl, o jegrl! - Da wird's bei mir an g'waltigen Faden hobn! - Sei wärn ja noch über an Liguorianer, wann i Ihne dos olles sogen sull! Schaun's, i war amol bei an sulchtenen beichten; na hören's, um was mi der a olles ausg'frogt und ausg'fratschlt hot - da hobn Sei gar kan Begriff! - Na, an ärgsti Stabscanaille müßt da bis af die Zehn blitzschandrot werdn. Und schaun's, wann i Ihne holt hietzt do olles sogn müßt, wos i mei Lebtag olles schon tan hob - o jegrl, na! - Da möchten Sei Augen mochen, als wann Sei so a rechts Golgenbradl vor Ihne hätten! Wann nit so viel Leut da wärn, do ganget's a no, aber vor so viel Leut mießt i mir jo grod die Augen ausschamen! - Wos manen's denn? Hören Sei, dos war so a Spaßl! - Können denn Sei nit so erkennen, wos mir fehlt? - San's so guat und probiern's mit mir holt Ihne Glück, vielleicht geht's doch ohne Schand aber?"

[RB.01_066,04] Rede Ich: "Aber hör du, Meine Liebe, wie kam es denn, daß du dich damals nicht geschämt hast, so du sündigtest? Du warst ja bei deinen Sünden-Gelegenheiten auch zumeist in Gesellschaften und schämtest dich wenig, so dich in nächtlichen Stunden ein Dutzend Jünglinge, vor denen du dich ganz entkleidet aufstelltest und allerlei wollüstige Gesten machtest, angafften, betasteten und dann gewöhnlich noch was taten?! Wie solltest du denn gerade jetzt gar so schamhaftig sein?! Schau, Ich weiß es, daß du einmal, als du etwas tief ins Gläschen geschaut, so ungeheuer schweinisch dich benommen hast, daß es dabei sogar den ausgelassenst sinnlichen Hurenhelden vor dir zu eckeln anfing! Sage Mir, wo war denn damals deine Schamhaftigkeit?! Und so weiß ich noch eine Menge noch ärgerer Schaustückchen von dir, die du wie eine wahre Heldin ohne die allergeringste Schamhaftigkeit vollbracht hast, - und so wird es auch hier, meine Ich, nicht gar zu sehr deine Keuschheitsehre angreifen, so du Mir es offenherzig sagst, wo es dir fehlt, und wie du zu solch deinem Fehltum, in Not und Elend gekommen bist!?"

[RB.01_066,05] Spricht die Heldin etwas verdutzt: "No, Sei warn mir a der Rechte! (Sei wissen,) wie man die andern fangt! G'spührn's wos!? - Sei kunnten an ins G'schrei bringen, daß ma sein Lebtag gnua dran hätt! - Schaun's, wann's nit gar so guatmüti aussaheten, i künnt meiner Seel harb aus Ihne werdn! Ober weil i aus Ihnern guaten Gsichtl erkennen tu, daß Sei mir's net schlecht moanen, so will i mir glei wuhl nix draus mochen! Ausrichti gsogt, schiniern tu i mi eigentli nur vor Ihne. Wos do dieses Weaner Gsraß anbetrifft, do machet i mir grod nit z'viel draus! Wenn's mir aber derlauben, a wengerl stater z'reden, da künnt i Ihne schun a so manche Stückl zum besten gebn."

[RB.01_066,06] Sage Ich: "Das kannst du schon tun. Aber nur nichts verheimlichen, verstehst du - nur nichts verheimlichen!"

[RB.01_066,07] Spricht die Heldin, sich zuvor ein wenig räuspernd: "No,in Gotts Nam', wann's denn schon san muß, so hören Sei mi holt guatnmüti an! - Schaun's, mit vierzehn Jahrln hob i grod am Pfingstmontag mei Jungferschaft einbüßt, und wann i mi mit irr, so war's a g'wisser Pratenhuber-Toni. Dos woar Ihne holt schon o ganz sakrisch saubrer Bua! Und weil er mir holt goar so zugredt und zugsetzt hot, do hob i holt gmant: Na, ewi kannst so ka Jungfer bleibn, und amol muaßt doch probiern, wie dös is? - Und so hob i ihn holt feschweg drübr lassn! - Und weil's mir holt do goar so guat gschmeckt hat und ihm a, so hamer's nochher holt öfter probiert. Und i wär nit goar so schlecht worden, wann ich nur amol hät künne schwanger werdn! Aber do hob i schun tan kinnen, wos i nur glei g'wullt hob, so es holt denno'nix draus wordn! Und schaun's, do hot nochher der Toni mi heiroten solln, und weil er holt gmant hot, daß i unfruchtbar wär, so hot mi der Hauptschnipfer nochher sitzen lossen und hot ihm an andre g'numma! Und i war holt do ganz deschperadig und hob mir denkt: Hietzt is schon olls ans, um a paar Dutzend Liebhaber aus oder ab! Die Höll es dir so g'wiß, wann's am gibt! Und do hob i holt recht fidel z'leben ang'fangen, was nur's Zeig gholten hat! - Vadern (Vater) hob i ehenter nie an gsehn, und mei Muader, Gott tröst sie, woar holt selber nix besser wie i! - Und schaun's, bei so an Lebenswandel bin i holt a öfter ang'steckt worden, und andre nochher a von mir. Und do hot mir nochher wuhl so a homipathischer Doktor ghulfen; aber dafür hab i nochher müssn zu ihm in Dienst gehn; no, daß er nochher mit mir a kan Rosenkranz bet't hat, dos werden's Ihne wohl denken künnen, wann's wos g'schpüren!

[RB.01_066,08] "Wie nochher aber die Gschichten in Wean ausbrochen san, do wor holt mei Herr Doktor a dabei und hot überoll fleißi g'hulsen Revolution machen. Und weil i holt goar a so a kuraschierts Madl wor, so hob i mi holt a zum Revolutionmachen brauchen lassen, und hob do a mein Tod gfunden. Und hietzt bin i holt do als au oarmi Seel und muaß holt dsür leidn, weil i auf der Welt z'lusti war! Und hietzt hob i's Ihne a olles gsogt, wos i gwißt hob. Und Sei wissn's hietzt a, wie's mit mir dran san, und wissen a, wo's mir fehlt, und wie i dazu kummen bin. Und so bitt i Ihne holt um Himmels Jesu willen, wann's mir helfen künnen, so helfen's mir!"

[RB.01_066,09] Rede Ich: "Nun, Ich bin zufrieden mit deiner Offenherzigkeit! Und Ich werde mun auch schauen, ob und wie dir zu helfen sein dürfte. Zugleich aber muß Ich dir entgegen auch ebenso offen bekennen, wie du Mir deine Hauptsünden ganz offen bekannt hast, daß dich nur dein gutes Herz und deine dir unmöglich zu Schulden kommen könnende schlechte Erziehung von der Hölle retten! Hättest du entweder ein nur etwas schlechteres Herz, oder wärest du in deiner Erziehung nur etwas weniger vernachlässigt worden, als es bei dir der Fall war, so würdest du offenbar in der Hölle dich befinden und dort die entsetzlichste Qual leiden! Denn siehe, es steht geschrieben: "Hurer und Ehebrecher werden in das Himmelreich nicht eingehen!" - Aber, Ich will aus den oben angeführten Gründen mit dir die Sache nicht gar so genau nehmen und werde sehen, wie dir zu helfen sein wird! Sage Mir aber zuvor, was du von Jesu, dem Heilande, hältst?"

[RB.01_066,10] Spricht die Heldin: "Oh, den hob i z'Tod gern! Denn der hot jo die Ehbrecherin grettet und hot die Magdalena a nit verstoßen, wann sie a no so a große Sünderin woar! Und vor der Samariterin hot er grad a kan Grausen kriegt! - Und do moan i holt, wann er mi sähet, und ihn recht schön bitten tat, daß er mi grod a nit glei umbringen tät!?"

[RB.01_066,11] Sage Ich! "Nun gut, Meine Liebe. Ich werde heimlich mit Ihm reden! Denn Er ist nicht weit von hier. Vielleicht macht Er's mit dir auch wie mit der Magdalena? - Und so warte nur ein wenig hier - aber ganz ruhig!"

 

67. Kapitel – Sonderbemerkung des Herrn über den Zweck dieser zum Teil ärgerlich scheinenden Kundgabe.

[RB.01_067,01] Wohlzubemerken! Daß diese Szenen hier ganz so wörtlich wirdergegeben wird, wie sie in der Geisterwelt in der Wirklichkeit vor sich geht, und auch unmöglich anders vor sich gehen kann, als wie da Sitte, Sprache, Leidenschaften und die verschiedenen Grade der Bildung bei einem Volke es notwendig mit sich bringen - geschieht deshalb, um dem gläubigen Leser und Bekenner dieser Offenbarung einen desto anschaulicheren Beweis zu geben, daß der Mensch nach der Ablegung des Leibes ganz so Mensch ist mit Haut und Haaren, mit seiner Sprache, mit seinen Ansichten, Gewohnheiten, Sitten, Gebräuchen, Neigungen, Leidenschaften und daraus hervorgehenden Handlungen, wie er es auf der Welt bei seinem Leibesleben war - d.h. solange er nicht die völlige Wiedergeburt des Geistes erlangt hat.

[RB.01_067,02] Deshalb heißt denn auch ein solcher erster Zustand sogleich nach dem Übertritte »die naturmäßige Geistigkeit«, während ein vollends wiedergeborener Geist sich im Zustande der »reinen Geistigkeit« befindet.

[RB.01_067,03] Den Unterschied zwischen dem Leben dieser Welt und dem Leben in der Geistwelt macht bei naturmäßigen Geistern, so sie mehr einfacher Art sind, bloß die zweckmäßige Erscheinung der Örtlichkeit aus, die stets mehr oder weniger ein Aushängeschild ist von dem, wie die Geister zum größten Teile innerlich beschaffen sind. - Aber wie gesagt, diese die vernachläßigte Wiedergeburt des Geistes hier in der Geisterwelt sehr begünstigende Erscheinlichkeit kommt zumeist nur jenen armen Geistern zugute, die auf der Welt in ihrer wahren natürlichen und geistigen Armut ihr Leben zugebracht haben. - Aber Geister von reichen Besitzern von allerlei irdischen Gütern, an denen ihr Herz wie ein Polyp am Meeresgrunde klebet, die finden alles wieder, was sie hier verlassen haben, und können dort mehrere hundert Jahre nach irdischer Rechnung in solch einem grob naturmäßigen Zustande ausharren und werden aus demselben nicht eher gehoben, als bis sie selbst Bedürfnisse nach etwas Höherem und Vollkommenerem in sich zu verspüren anfangen.

[RB.01_067,04] Nun wisset ihr, warum diese wichtige Szene also wörtlich und umständlich veroffenbart wird! - Und so wollen wir denn wieder zu der Szene selbst übergehen! Denn unsere Heldin wird schon unrühig und erwartet mit der größten Sehnsucht den Bescheid, den Ich ihr von Jesu Christo wieder zu geben verheißen habe! Ihr müsset aber auch noch dabei den wichtigen Umstand berücksichtigen, daß sich diese sehr bedeutungsvolle Szene gerade jetzt in der Geisterwelt zuträgt und sonach einen großen Einfluß auf die Begebnisse dieser irdischen Zeit ausübt! Aus allen diesen noch so trivial klingenden Gesprächen könnet ihr bei einiger Verstandesschärfe die ganze Lage und Bewegung der Dinge, wie nun auf der Erde statthaben, gar leicht erkennen und ebenso auch die Folgen dieser Bewegungen, die besonders aus dem späteren Verlaufe dieser bedeutungsvollen Szene recht hell und klar hervorgehen werden. Aber stoßen dürfet ihr euch an nichts! Denn es muß hier alles so kommen, wie es kommt. - Und nun wieder zur Szene!

 

68. Kapitel – Die harrende Heldin und der hochmütige Pathetikus. Letzterer vom Herrn zurechtgewiesen. Liebeswunder an der Heldin Helena.

[RB.01_068,01] Die Heldin, nun schon ganz ungeduldig, geht etwas schüchtern näher zu Mir hin und fragt Mich, ob Ich schon etwa so ganz geheim durch gewisse Zeichen mit Jesu, dem Herrn, ihretwegen gesprochen habe?

[RB.01_068,02] Der pathetikus, der nun aus der Gesellschaft mehrere seines Gelichters gefunden hat, ist schon sehr ärgerlich darüber, daß diese - nach seiner Meinung - elende Lerchenselderin so effront (frech) ist und Mich als einen Honoratior dieses Hauses so sehr belästige! - Er geht daher auch mit noch einigen auf sie zu und spricht: "No - Sie Lerchenselder Bagage, wie lange wird es Ihr denn noch belieben, diesem allerrespektabelsten Herrn dieses Hauses mit Ihrem Hundegebelle zur Last zu fallen?! Hat sie denn gar keine Lebensart?!"

[RB.01_068,03] Spricht die Heldin: "Noooo, sei bratschultriger Tapschädl sei! - Geht Ihne das eper wos an?! Schaun's daß weiter kummen, sei naturwidrigs Fleischfuttral von allen adeligen Weaner Drecksäu! Sonst sag i's Ihne, wia's auf echt deutsch hoaßen tan! - Do schau der Menssch so an zopfign Gallpitzlfabrikanten an! - Hietzt is ihm gar nit recht, daß unserans mit an sulchenen Herrn redt! Was glauben's a, wer sei san!? Glauben's denn, weil's amol auf der Welt als pansionierter Fourierschütz an kaiserlichen Sabl krogen hobn, daß sei deshalb a do in dieser Welt besser san als unserans! - O Sei damischer Tapschädl Sei, do wird ma Ihne glei an Extrawurst broten! Is wohl guat, daß Christus der Herr nit do bei uns is; denn der müßt jo a narrische Freud hobn, wann er so an grobn Limmel vor ihm sahet, wie do Sei aner san! - Hietzt schaun's aber nur, daß sei mit ihnre Krokodilaugen und Bockfüß weiterkummen tan, sonst gschieht Ihne wos anders!"

[RB.01_068,04] Wendet sich darauf der pathetikus zu Mir und spricht: "Aber lieber, bester Freund, ich bitte sie um Gottes willen, dieser Kreatur zu untersagen, fürderhin so ein loses Maul gegen Männer von Ehre und Reputation zu haben; denn sie stellt einen ja her, wie wenn man der allergemeinste Schuhflicker wäre! Es ist wohl wahr, daß wir hier in der Geisterwelt sind, wo der Standesunterschied für ewig aufzuhören hat. Aber der Unterschied der Intelligenz und der feineren Bildung kann solange nicht aufhören, als bis diese aus Erden vernachläßigten und verwahrlosten menschlichen Potenzen jenen Grad von Bildung und Humanität werden erreicht haben, durch den allein sie einer besseren Gesellschaft angenehm und interessant werden können! Ich bitte Sie, lieber Freund, bedeuten Sie das doch dieser weiblichen echten Lerchenfelder-Kreatur!"

[RB.01_068,05] Rede Ich: "Mein lieber Freund, es tut Mir leid, hier Ihrem Verlangen auf gar keinen Fall Gewähr leisten zu können, und zwar aus dem alten Grunde, demzufolge vor Gott alles ein Greuel ist, was die sogenannte bessere Welt groß, glänzend, erhaben und schön nennt und preiset! Denn Gott bleibt sich stets gleich und hat nie ein Wohlgefallen an solchen Ehrenmännern, die den Menschenwert nur nach der Anzahl der Adelsahnen oder nach der Amtswürde oder nach der Vielheit des Geldes bestimmen, alles andere aber, was nicht adelig, nicht beamtet und nicht reich ist, als Canaille bezeichnen. Aber alles, was vor der Welt klein, gering und oft sehr verachtet ist, das steht wieder bei Gott in großen Ehren! Und so muß Ich Ihnen hier auch ganz offen bekennen, daß Mir, als einem allerintimsten Freunde Gottes, diese von euch sehr verachtete Lerchenfelderin gerade um eine volle Millionmal lieber ist als Ihr, Meine hochadeligen Freunde, d.h. wenn Ich so frei sein darf, euch als Meine Freunde zu titulieren! Ihr habt aber dieser Armen nun sehr genützt, denn von nun an will Ich sie erst recht fest an Mich ziehen und ihr eine Bildung hinzugeben, vor der selbst die Engel einen Respekt bekommen sollen. Sie wird bald sehr hoch oben stehen und eine Zierde dieses Hauses sein! Wo ihr Ehrenmänner aber euch in der Kürze befinden dürftet, das wird die leidige Folge zeigen! Ich ersuche euch aber, eures eigenen Heiles willen, diese Arme ja nicht mehr zu belästigen, denn sie gehört nun ganz Mir an! -(Mich zur Heldin wendend): und du Meine liebe »Magdalena«, bist du damit zufrieden?! "

[RB.01_068,06] Spricht die Heldin: "O Jesus ja, und ob!? - Sei san mir a um zehnmillionenmol lieber als diese hochmütigen Dinger do, die an armen Menschen grod als a Vieh betrachten! I bin nit harbig af sö; aber giften kann mi das denn doch wohl, wann's an goar so bagatellmäßi behandeln tan. Unser Herrgott verzeih's ihnen, denn die wissn wohl a nit, was sei tan!?"

[RB.01_068,07] Spricht der pathetikus: "No, schon gut, schon gut! - Hört ihr, meine Kameraden, wenn's in der Welt der Geister überall so fade zugeht als dahier, da ist diese Welt eine saubere Bescherung für die saueren Vorbereitungen auf der Erde zu eben diesem viel gerühmten Leben der Seele nach dem Tode des Leibes! Auf der Erde hat der gebildete Ehrenmann sich doch durch seine Stellung, durch sein Staatsamt und durch seine Wohlhabenheit vor den Angriffen solch gemeinsten Geschmeißes verwahren können; hier aber wächst einem dieses Lumpengepack ganz keck übers Haupt, und man wird sich am Ende etwa gar noch müssen eine Gnade daraus machen, daß unsereinen so eine pausbackige Dirne anschauete! Zum größten Überflusse aller sozialen Fadheiten muß dieser sonst recht ehrenwert aussehende Mann sich auch noch für diese faule Pomeranze von einer Lerchenfelderin interessieren und sie uns zum Trotze gerade und linea recta bis zum Himmel erheben! Das ginge uns hier gerade aber auch noch ab zur vollen Verzweiflung! - Der sagte, daß er ein allerintimster Freund Gottes sei! Nach dieser seiner Neigung zu der pausbackigen, vollbrüstigen und pompös und ominös dicksteißigen Lerchenfelderin zu urteilen, muß die ihm so sehr befreundete Gottheit ein wahrer Superlativ aller Gemeinheit und der allergroßartigsten Fadheit sein! Diese feile Dirne stinkt vor Unzucht, und er will sie bilden und sie zur Zierde dieses Hauses erheben! - Hört, das wird eine schöne Zierde werden! Hahaha, oder was!?" -

[RB.01_068,08] Spricht die Heldin zu Mir: "Aber hörn's, hörn's, wie der schimpfen tut! Na, dem sulltn's doch was sogn so aber, daß er's verstanget!"

[RB.01_068,09] Sage Ich: "Mache dir nichts daraus! Sie sollen nur schimpfen, wie es ihnen gefällt! Es wird aber dann schon kommen, daß es sich zeigt, wie viele Interessen ihnen ihr hochmütiges Schimpfen tragen wird! Auf daß aber ihr Hochmut noch mehr Steine zum Anstoßen an uns zweien finden soll, so mußt du von nun an als Meine Geliebte Mich mit »du« anreden und mußt zugleich auch versuchen, recht fein deutsch zu reden. Wenn diese das hören werden, da wirst du erst sehen, wie ihnen der Hochmutspitzel steigen wird! - Versuch's einmal, ob du nicht zugleich ganz rein deutsch zu reden imstande sein solltest!"

[RB.01_068,10] Die Heldin merkt in sich eine Veränderung, und ein großes Wohlgefühl durchströmt ihr ganzes Wesen, was auch auf ihre Gestalt einen sehr günstigen Eindruck macht. Ganz selig erstaunt über solch eine plötzliche Veränderung ihres Wesens, an und in dem sich auch nicht ein leisester Schmerz irgend mehr verspüren läßt, blickt sie Mich voll Freuden an und spricht: "O du hoher Freund aus den Himmeln, wie wohl wird mir nun an deiner Seite! Alles Rohe viel wie ein Schuppenpanzer von mir! Mein grobes Denken und meine grobe Sprache haben sich verwandelt wie eine ehemals eklige Raupe in einen herrlichsten Falter! Und alle meine Schmerzen schwanden wie der Schnee vor der Glut der Sonne! - O wie wohl ist mir nun! Und wem danke ich das? - O dir,dir! Du großer, heiliger Freund des Allerhöchsten!

[RB.01_068,11] "Aber da du mir ärmsten Sünderin eine so unendlich große Gnade erwiesen hast, deren ich wohl ewig nie nur im allergeringsten Maße wert kann werden - o so sage mir nun aber auch, was ich tun soll und wie mich benehmen, um dir nur einigermaßen meine gebührendste Dankbarkeit an den Tag legen zu können!"

[RB.01_068,12] Rede Ich: "O du Meine geliebteste Helena (d.i. der himmlische Name!), wir beide sind schon quitt miteinander! Du gefällst Mir nun ganz ausgezeichnet gut und hast ein Herz, das Mich gar sehr liebt, wie das Meinige dich! - Was braucht es danoch mehr?! - Reiche Mir nun auch deine Hand zum Pfande deiner Liebe zu Mir und gebe Mir einen so recht brennheißen Kuß auf Meine Stirne! - Für alles Übrige werde schon Ich sorgen."

[RB.01_068,13] Die Helena, solches von Mir vernehmend, wird nahe ganz glühend vor Liebe, reicht Mir sogleich die Hand und gibt Mir auch den verlangten Kuß auf die Stirne mit einer kaum zu beschreibenden Liebe-Innigkeit.

[RB.01_068,14] Diese Szene lockt dem Robert, dem Messenhauser, Becher und vorzüglich dem Jellinek Tränen aus den Augen. - Und die Helena sieht bald nach dem Kusse auf Meine Stirne wie eine Verklärte aus und wird in ihrer Gestalt so edel und schön wie ein schon himmlisches Wesen bis auf ihre Kleidung, die aber dennoch nun sehr gereinigt und nett aussieht. - Robert aber kommt sogleich herzu und fragt Mich, ob er für diese schöne Blume auch neue Kleider holen solle? Ich sage ihm: "Nach einer kurzen Weile, so Ich es verlangen werde!"

 

69. Kapitel – Pathetikus über diese wunderbare Veränderung Helenas. Unterschied zwischen Traum und wirklichem Leben. Olafs Gleichnis von der Brautwerbung.

   

[RB.01_069,02] Spricht der pathetikus: "Ja, ja, ich merke wohl auch so etwas Ähnliches. Aber weißt du, das Menschl ist auch sonst nicht übel, und wann so ein Menschl recht verliebt ist, und ihr die Liebe die Wangen zu röten anfängt und den Busen anschwellen macht, so ist dann so ein Figürl gleich ganz nett aussehend beisammen! Oh, da hab, ich dir aus der Erde gar nicht selten Menscheln gesehen, die in ihrer gewöhnlichen, schmutzigen Hausverfassung, man könnte sagen grauslich ausgesehen haben; wenn sie aber Sonntags mit ihrem Liebhaber zum Sperl hinausgewandelt sind, ja - da waren sie gar nicht mehr zu kennen! -Ich habe ja selbst einmal ein recht verliebtes Ding von einer Küchenfee im Dienste gehabt! Unter der Woche sah sie dir manchmal ja doch so schmasumäßig aus, daß es einem, der sie ansah, offenbar ekeln mußte; voll Fett, schwarz und geschmiert wie ein Ölgötze stand sie dir in der Küche am Herde! Aber wenn der liebe Sonntag kam, und sie am Nachmittage ihre Ausgehezeit hatte, so hättest du sie dann sehen sollen! Ich sage es dir, wie eine Zirkassierin sah sie dir aus! - Und mit diesem Menschl wird's hier der gleiche Fall sein! Das ist bloß die Liebe, die hier wie auf der Erde gar nicht selten solche wunderähnliche Verschönerungen des weiblichen Geschlechtes hervorbringt! Nehme du ihr die Liebe, da wird sie gleich mit einem ganz andern Gesichte dastehen!"

[RB.01_069,03] Spricht der andere: "Weißt, du hast wohl in einer Hinsicht recht; aber hier scheint sich die Sache denoch ganz anders zu verhalten! Denn fürs erste ist dies Wesen wirklich auf einmal zu schön geworden, und fürs zweite spricht es nun auch ein ganz reinstes und edelstes Deutsch, und es ist keine Spur von einem Wiener Dialekte an selbem zu entdecken! Ich sage dir, das bewirkt so eine ganz gewöhnliche Liebe nicht! Da muß etwas Höheres, für uns rein Unbegreifliches mit im Spiele sein! Betrachte nur einmal recht den unendlich zarten Teint, die Weichheit ihrer Arme und ihres Nackens, das schönste Blond ihres Haares, die höchst interessante Form ihres Gesichtes, die echt himmlische Rötung ihrer Wangen, und was'für ein wunderherrliches Füßchen unter ihrem Kleide hervorlugt! Und was wahr ist, ist wahr! Du wirst mir in jedem Falle recht geben müssen: Ex trunco non fit Mercurius (aus einem Klotz wird kein Gott)!"

[RB.01_069,04] Der pathetikus fängt hier ganz ernstlich zu stutzen an, da er die Bemerkung seines Freundes ganz wohl begründet findet. - Aber ein dritter in der Gesellschaft erhebt sich und spricht: "Liebe, werte Freunde, ich muß euch da schon aus einem Traume helfen! Ihr beide fasset diese Sache ganz irrig auf! Sehet, diese Verwandlung hat in meinen Augen einen ganz natürlichen Grund, und zwar den: Wir alle sind nun in der reinen Geisterwelt. Unser Leben ist nichts als ein vollkommener Traum, und was wir nun sehen ist ein Spiel unserer Phantasie, an der nichts echt und wahr ist als sie selbst, als das was sie ist, nämlich eine leere Pphantasie. Dieser Phantasie beliebt es nun, uns allerlei Spektakel vorzumachen, die sich unseren seelischen Traumsinnen wie objektive Wirklichkeiten darstellen, an denen aber natürlich ebensowenig gelegen ist wie an den Bildern, die wir aus Erden mittelst einer sogenannten Zauberlaterne zuwege gebracht haben! - Schauet und sehet, also verhält sich diese Sache hier! - Begreifet ihr das?!"

[RB.01_069,05] Spricht der erstere der Gesellschaft: "Freund, mit dieser deiner Erklärung hat es hier einen ganz offenbaren Faden. Denn siehe, wenn das alles nur so eine Art Traum wäre, da müßte ja deine soeben an uns erfolgte Erklärung auch ein Traum sein, auf den man dann auch ebensowenig halten könnte als auf alle übrigen Erscheinungen, die sich hier vor unseren Augen als ganz zusammenhängend entfalten?! Oder könntest du wohl nur mit einiger Konsequenz behaupten, daß deine an uns gerichtete Belehrung von deiner Ansicht eine Ausnahme mache? Ich habe doch auf Erden sehr oft und sehr lebhaft geträumt; aber welch ein Unterschied zwischen einem Traume und zwischen dieser nur zu einleuchtend hellsten Wirklichkeit!

[RB.01_069,06] "In meinen Träumen verhielt ich mich stets vollkommen passiv, und hier bin ich meinem ganzen, klarsten Bewußtsein nach vollkommen aktiv! Im Traume hatte ich nie eine Rückerinnerung; und wenn mir schon so etwas vorkam, als wäre es eine Art Rückerinnerung, so war sie aber dennoch so dumpf und unvollständig, als sich nur etwas unvollständiges in derart denken läßt. Hier aber ist eben die Rückerinnerung von einer solchen Klarheit, daß mir sogar die allerunbedeutendsten Erscheinungen meines irdischen Lebenwandels wie vollendetste Bilder einer Camera luzida von A bis Z vorschweben! - Sage Freund, kann man das einen Traum nennen?!

[RB.01_069,07] "Im Traume empfand ich nie vollkommen einen Schmerz oder einen Hunger und Durst, und die Gestalten der mir im Traume vorkommenden Wesen waren stets sehr unstät, flüchtig und wandelbar und verdrängten sich in sehr schneller Reihenfolge sogestaltig, daß von den Vorhergehenden gewöhnlich nichts mehr vorhanden war, so die Nachfolgenden in die Reihe der Erscheinlichkeit traten. Und von irgendeiner logischen Ordnung zwischen dem Vorhergehenden und Nachfolgenden war natürlich nie eine leiseste Spur zu entdecken. Hier hingegen aber geht alles, wennschon das Gepräge des Wunderbaren unleugbar an sich tragend, in einer solchen logischen Konsequenz seinen bestimmtesten Weg vor sich hin, daß man sich darüber nicht genug verwundern kann, besonders wenn man, mir gleich, so einen stillen Beobachter macht.

[RB.01_069,08] "Welche weise Logik durchweht jede Rede, die entweder der Blum oder seine Freunde an jemanden richten! Wie formbeständig und architektonisch richtig ist dieser Saal erbaut! Und sie sieht hier alles gar so bedeutungsreich aus!

[RB.01_069,09] "Und, Freund, das alles soll ein Traum sein?! Nein, nein, Freunde, das ist kein Traum, keine Phantasie; sondern das ist eine große, heilige Wirk