Band 9 (GEJ)

Lehren und Taten Jesu während Seiner drei Lehramts-Jahre.

Durch das Innere Wort empfangen von Jakob Lorber.

Nach der 7. Auflage.

Lorber-Verlag – Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.

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1. Kapitel – Der Herr auf dem Weg von Essäa nach Jericho. (Kap.1-5)

[GEJ.09_001,01] Als wir uns schon bei einer Stunde Weges ferne vom Orte befanden, da kamen uns obbezeichnete arme Wallfahrer aus der Gegend um Jericho entgegen und baten uns um ein Almosen.

[GEJ.09_001,02] Und Ich sagte zu den Judgriechen: „Gebet ihnen von eurem Überfluß; denn diese sind ebenso arm in der Welt wie Ich Selbst, der Ich auch keinen Stein also als ein Eigentum besitze, daß Ich ihn als das unter Mein Haupt legen könnte! Füchse haben ihre Löcher und die Vögel ihre Nester; aber diese Armen haben nichts zu eigen außer sich selbst und ihre dürftigste Bekleidung. Daher beteilet sie!“

[GEJ.09_001,03] Auf diese Meine Worte legten alle Judgriechen und auch die etlichen Jünger des Johannes ein gutes Sümmchen zusammen und übergaben es mit Freuden den Armen, und diese dankten Mir und den Gebern mit aufgehobenen Händen und baten uns um Vergebung, daß sie uns auf dem Wege aufgehalten hätten, fragten uns als Juden aber auch ängstlich und bekümmert, ob sie vor dem Aufgange wohl Essäa erreichen würden.

[GEJ.09_001,04] Sagte Ich: „Was sorget ihr euch, durch das Gehen auf dem Wege den Sabbat zu entheiligen? Hat doch weder Moses noch irgendein anderer Prophet je ein Gebot gegeben, daß man an einem Sabbat nicht reisen solle; die neuen Tempelsatzungen aber sind keine Gottesgebote und haben vor Gott auch keinen Wert. Es ist aber heute noch früh, und ihr werdet in einer Stunde den Ort erreichen. So ihr aber in den Ort kommen werdet, da kehret in die erste Herberge ein, die sich außerhalb des Tores des Ortes befindet! Dort werdet ihr eine gute Aufnahme und Pflege finden, denn Ich habe euch dort schon angesagt. Wer aber Ich bin, das werdet ihr in Essäa schon erfahren; und so ziehet nun weiter!“

[GEJ.09_001,05] Es machten diese Armen wohl große Augen darum, daß Ich ihnen solches alles gesagt habe; aber sie getrauten sich dennoch nicht zu fragen, wie Ich solches alles wissen konnte, und zogen weiter.

[GEJ.09_001,06] Auf dem Wege aber fragten Mich die Jünger, warum diese Armen eigentlich nach Essäa zögen, da es ihnen doch nicht anzusehen war, als wären sie irgend krank; denn kranke Menschen seien niemals so gut bei Fuß.

[GEJ.09_001,07] Sagte Ich: „Diese ziehen auch nicht darum nach Essäa, um sich dort heilen zu lassen, sondern um als gänzlich Verarmte dort eine Arbeit und Unterstützung zu finden; denn sie haben es von Reisenden in Erfahrung gebracht, daß die Essäer in dieser jüngsten Zeit sehr wohltätig gegen wirkliche Arme geworden seien, und so denn machten sie sich auf den Weg nach Essäa, weil sie daheim keine Arbeit und somit auch keinen sie ernährenden Verdienst finden konnten, was ihrer Gegend zu keinem Ruhme gereicht und sie darum von Mir auch spärlich gesegnet wird.

[GEJ.09_001,08] Es waren aber unter diesen Armen doch auch etwelche Kranke, als sie daheim ihre Reise antraten; aber es kamen einige der von Mir ausgesandten etlichen siebzig Jünger zu ihnen in ihrer armseligen Gegend und machten sie gesund, und so war denn nun auch kein Kranker unter ihnen. Die Jünger rieten ihnen auch, ihrer Armut wegen nach Essäa zu wandern, allwo sie sicher Arbeit und Versorgung geistig und leiblich finden würden. Und so denn machten sich diese Armen denn auch alsbald auf den Weg.“

[GEJ.09_001,09] Sagte Petrus: „Da müssen sie bald nach uns sich auf den Weg gemacht haben, da sie nun schon da sind; denn sie können sich ja doch nicht uns gleich auf eine wunderbare Weise vorwärtsbewegen?“

[GEJ.09_001,10] Sagte Ich: „Das geht uns aber auch gar nichts an! Sie werden nun den Ort ihrer Bestimmung bald erreicht haben, und das genügt; an dem Tage und an der Stunde aber liegt nichts, und so lassen wir nun das!“

[GEJ.09_001,11] Mit diesem Meinem Bescheid waren alle zufrieden. Wir schritten rüstig vorwärts und kamen denn auch schnell weiter, was besonders in dieser Gegend ganz gut und zweckmäßig war; denn sie war sehr öde, und mehrere Stunden weit war kein Baum, kein Gesträuch und so auch kein anderes Gewächs anzutreffen. In dieser Gegend begegnete uns denn auch kein Mensch, und wir konnten uns daher mit Windesschnelle fortbewegen und hatten auf diese Weise die weite und sehr öde Strecke Weges denn auch bald hinter unserm Rücken.

[GEJ.09_001,12] Als wir diesen für jeden Wanderer unwirtlichsten Weg hinter uns hatten, zu dessen Begehung wir trotz unserer Windesschnelle bei zwei Stunden Zeit benötigten, da sonst ein Wanderer selbst auf einem Kamele wohl beinahe einen vollen Tag auf der öden Wegstrecke zubringen mußte, da kamen wir wieder in eine wirtliche Gegend, in der sich am Wege denn auch eine Herberge nebst mehreren zumeist den Griechen gehörenden Wohn- und Wirtschaftshäusern befand.

[GEJ.09_001,13] Bei der Herberge angelangt, sagten einige Jünger: „Herr, wir haben nun eine sehr weite Strecke Weges zurückgelegt und sind durstig geworden! Wäre es Dir denn nicht genehm, so wir hier eine kleine Erfrischung nähmen und uns zur Löschung des Durstes ein Wasser geben ließen?“

[GEJ.09_001,14] Sagte Ich: „Das können wir allerdings tun; aber es ist hier eine wasserarme Gegend, und der Wirt wird sich auch das Wasser gut bezahlen lassen, denn er ist ein sehr gewinnsüchtiger Heide, wie das die meisten Griechen sind. Wollet ihr das Wasser bezahlen, so können wir in die Herberge treten, eine kleine Rast nehmen und uns Wasser und etwas Brot geben lassen.“

[GEJ.09_001,15] Sagten die Judgriechen und auch die Jünger des Johannes, da sie Geld bei sich hatten: „Herr, das tun wir mit vieler Freude! So der Wirt auch einen trinkbaren Wein hat, da wollen wir auch einen Wein bezahlen!“

[GEJ.09_001,16] Sagte Ich: „Das steht euch hier frei. Tuet sonach das Eurige, und Ich werde das Meine tun! Und so treten wir in die Herberge!“

 

2. Kapitel

[GEJ.09_002,01] Wir traten darauf sogleich in die Herberge, und der Wirt kam uns überaus höflich entgegen und fragte uns, womit er uns dienen dürfe.

[GEJ.09_002,02] Sagte Ich: „Wir sind hungrig und durstig, und so gib uns etwas Brot und Wasser!“

[GEJ.09_002,03] Sagte der Wirt: „Meine Herren, ich habe auch Wein! Wollet ihr nicht lieber einen Wein trinken, der bei mir sehr gut ist, als das Wasser, das in dieser Gegend kaum zum Kochen taugt?“

[GEJ.09_002,04] Sagte Ich: „Dein Wein ist wohl eben nicht ungut; wir aber sind irdisch nicht so wohlhabend, um uns mit deinem teuren Weine unsern Durst zu löschen. Daher bringe du uns nur, was wir begehrt haben, und wir werden damit denn auch zufrieden sein! Nimm aber das Wasser aus dem Quellbrunnen in deinem Weinkeller und nicht aus der Zisterne im hintern Hofraum; denn das Wasser wird bei dir auch gezahlt, und es muß daher gut, frisch und rein sein!“

[GEJ.09_002,05] Der Wirt sah Mich groß an und sagte: „Freund, meines guten Wissens bist du nun wohl das erste Mal in meinem Hause! Wie weißt du denn, wie es bestellt ist? Wer kann dir das verraten haben?“

[GEJ.09_002,06] Sagte Ich: „Oh, wundere dich dessen nicht, sondern bringe uns das Verlangte! Bin Ich mit diesen Meinen Freunden auch nun das erste Mal unter deines Hauses Dache, so ist Mir in ihm dennoch nichts unbekannt. Wie aber das möglich ist, das weiß schon Ich, wie Ich denn auch weiß, daß deine älteste und liebste Tochter Helena schon drei volle Jahre an einem bösen Fieber leidet und du es dich schon viel hast kosten lassen, und es hat ihr dennoch kein Arzt und noch weniger einer deiner vielen Hausgötter, die du um ein teures Geld aus Athen hast bringen lassen, geholfen. Und siehe, so weiß Ich noch um mehreres in deinem Hause! Aber nun gehe, und bringe uns das Verlangte, auf daß wir uns stärken und dann weiterziehen können!“

[GEJ.09_002,07] Hierauf berief der über alle Maßen erstaunte Wirt ein paar Diener und ließ uns Brot, Salz und mehrere Krüge frischen Wassers bringen.

[GEJ.09_002,08] Als das alles auf dem Tische sich vor uns befand und die durstigen Jünger gleich nach den Krügen greifen wollten, da sagte Ich zu ihnen: „So wartet doch ein wenig noch, bis Ich das Wasser segne, damit es niemandem schade; denn auch das Quellwasser in dieser Gegend ist fiebrig, da es in sich unlautere Naturgeister enthält!“

[GEJ.09_002,09] Da warteten die Jünger, und Ich behauchte die Krüge und sagte zu den Jüngern: „Nun ist das Wasser gesegnet und gereinigt; aber esset zuvor etwas Brot, dann erst trinket mit Ziel und Maß, auf daß ihr nicht berauscht werdet!“

[GEJ.09_002,10] Die Jünger taten das; und als sie zu trinken anfingen, da sagten sie mit verwundert freundlichen Mienen: „Ja, solch ein Wasser heißt es freilich mit Maß und Ziel trinken, auf daß man nicht berauscht wird!“

[GEJ.09_002,11] Das merkte der Wirt und sagte zu den beiden Dienern: „Wie? Habt ihr denn diesen sonderbaren Gästen Wein gebracht, da sie doch ausdrücklich nur Wasser verlangt haben?“

[GEJ.09_002,12] Sagten die Diener: „Herr, wir haben getan, wie uns befohlen ward! Wie aber nun aus dem Wasser Wein geworden ist, das wissen wir nicht; der es aber behauchet hat, der wird es schon wissen, wie das Wasser zu Wein hat werden können. Den frage du, denn der scheint mehr zu verstehen als wir alle in dieser Gegend!“

[GEJ.09_002,13] Hierauf trat der Wirt an unsern Tisch, und wir gaben ihm zu trinken. Als er den Krug beinahe ganz geleert hatte, da sagte er voll Staunens zu Mir: „Bist du denn irgendein großer und berühmter Magier oder gar ein mir noch unbekannter Gott, daß du solches bewirken kannst? Ich bitte dich darum, daß du mir solches sagest!“

[GEJ.09_002,14] Sagte Ich: „Wenn du deine Götter aus deinem Hause schaffst, an sie nicht mehr glaubst, so will Ich dir gleichwohl sagen, wer Ich bin, und dir auch zeigen den einen rechten, wahren, aber dir noch völlig unbekannten Gott, der auch deiner Tochter helfen könnte, so du an Ihn glaubtest und Ihm allein die Ehre gäbest.“

[GEJ.09_002,15] Als der Wirt solches von Mir vernommen hatte, da sagte er: „Du führest sonderbare Worte in Deinem Munde! Die Götter alle vernichten, wäre gerade keine Kunst, – erfahren das aber unsere Priester oder die Römer, so wird es mir übel ergehen; denn ein Vergreifen am Bilde eines auch nur Halbgottes ist bei uns mit schweren Strafen belegt. Ich müßte mit meinem ganzen Hause zuvor ein Jude werden und mich darüber vor einem Gerichte mit Schrift, Siegel und Beschneidung ausweisen, wonach mir das Recht eines römischen Bürgers abgenommen würde und ich es als ein Jude dann um ein schweres Geld wieder erkaufen müßte, so ich fernerhin ein römischer Bürger sein wollte! Es ist, wundersamer Freund, dein an mich gestelltes Verlangen etwas in dieser meiner Stellung kaum Ausführbares. Aber da weiß ich einen Rat: Schaffe du mir die Götter aus dem Hause unter Zeugen, die in meinem Hause mir zu Diensten stehen, und ich werde dann im stillen mit meinem ganzen Hause nur dem mir von dir gezeigten Gott die Ehre geben!“

[GEJ.09_002,16] Sagte Ich: „Wohl denn, so gehe nun in deinem Hause umher, und überzeuge dich, ob noch ein Götze, groß oder klein, eines deiner vielen Gemächer ziert!“

[GEJ.09_002,17] Als der Wirt darauf nachsehen wollte, da kamen ihm schon mit verzweifelten Mienen alle Hausgenossen schreiend entgegen und heulten: „Dem Hause muß ein großes Unglück werden, denn alle Götter haben es auf einmal verlassen!“

[GEJ.09_002,18] Da sagte der Wirt mit herzhafter Miene: „Seid darob ruhig! Die toten, von Menschenhänden gemachten Götter nur, die niemandem etwas nützen und in einer Not helfen können, sind sicher von einem wahren, lebendigen und über alles mächtigen Gott zunichte gemacht worden; dafür ist aber höchstwahrscheinlich der eine, allein wahre, lebendige und über alles mächtige Gott in unser Haus gekommen, den uns dieser Sein schon für sich übermächtiger Diener näher kennen lehren und sogar zeigen wird! Und so ist durch die Entfernung der toten und gänzlich machtlosen Götter unserem Hause kein Unheil, sondern nur ein höchstes Heil widerfahren.

[GEJ.09_002,19] Auf daß ihr aber glaubet, daß es wundersam also ist und sich verhält, so besehet hier diese unsere Wasserkrüge! Diese sind auf Verlangen eben dieses wundersam mächtigen Dieners des einen, wahren Gottes voll Wasser durch meine hierseienden zwei Diener, die das vor aller Welt bezeugen können, auf diesen Tisch gestellt worden. Und es wollten diese Gäste, nachdem sie sicher durstig waren, alsbald das Wasser trinken, aber der mächtige Gottesdiener sagte zu ihnen, daß sie das Wasser erst dann trinken sollen, so er es zuvor gesegnet haben werde. Darauf behauchte er die Krüge und das Wasser, und das Wasser ward augenblicklich in den besten Wein verwandelt. Da ist noch ein voller Krug; nehmet und verkostet den Inhalt, und urteilet, ob er Wasser oder Wein der allerbesten Art ist!“

[GEJ.09_002,20] Hierauf nahm das Weib des Wirtes den Krug, verkostete dessen Inhalt und verwunderte sich übergroß, sagend: „Höret, das ist noch nie erhört worden! Ein solches Wunderwerk kann nur einem Gott möglich sein! Ich habe einmal in Athen wohl auch wundertätige Magier gesehen, die auch das Wasser bald in Blut, bald in Milch und bald wieder in Wein und in allerlei noch andere Dinge verwandelten; aber ich als eine damals überaus schöne und reiche Griechin hatte nur zu bald von einem mir nachstellenden Apollopriester gründlich erfahren, wie derlei wunderbar aussehende Verwandlungen auf eine ganz natürliche Art bewerkstelligt werden können. Das nahm mir aber auch den Glauben an alle Magier und ihre falschen Wunder.

[GEJ.09_002,21] Aber da ist keine irgend geheime und versteckte Falschheit zu entdecken, und es ist das demnach eine vollkommen wahre Wundertat eines lebendigen Gottes, was ich nun vollends glaube und in diesem Glauben auch verbleiben werde bis an mein Ende. Und nun verkostet ihr alle diesen Wein, und urteilet!“

[GEJ.09_002,22] Hierauf verkosteten alle den Wein und fanden die Sache so, wie sie der Wirt und sein Weib beschrieben hatten.

 

3. Kapitel

[GEJ.09_003,01] Darauf aber sagte der Wirt weiter zu seinen nun anwesenden Hausleuten: „Wir haben uns nun überzeugt, daß dieser uns noch völlig unbekannte Diener des einen, wahren Gottes ein wahres Wunder gewirkt hat, um uns zur Erkenntnis des einen, wahren Gottes zu bringen; aber er hat mir auch zuvor andere Beweise gegeben, die nicht minder wunderbar sind und denen ich entnahm, daß es mit ihm eine gar überaus seltsame Bewandtnis haben müsse, denn er weiß um alle noch so verborgenen und geheimgehaltenen Einrichtungen und Verhältnisse unseres Hauses genauer als oft wir selbst.

[GEJ.09_003,02] Und so weiß er auch um die bis jetzt unheilbare Krankheit unserer liebsten Tochter Helena, und er hat mir denn auch versprochen, sie zu heilen, so ich die toten Götzen, groß und klein, alle aus dem Hause schaffe und dann mit meinem ganzen Hause auf den einen, allein wahren Gott halte und Ihm die Ehre gebe. Ich aber getraute mich dennoch selbst nicht, mich an den toten Götzen zu vergreifen, aus Furcht, zuerst von jemandem verraten und dann von den Priestern und Gerichten bestraft zu werden, sagte aber dann zum wundersamen Diener des einen, wahren Gottes: ,Schaffe du sie vor Zeugen aus dem Hause, so bleiben wir unverantwortlich!‘ Und seht, er tat das in einem Augenblick, und es sind demnach alle unsere vielen Götzen ebenfalls auf eine höchst wundersame Weise im Hause rein zunichte gemacht worden, und wir alle sind nun des Zeugen und können weder von den Priestern und noch weniger von einem römischen Gericht darob zu einer Verantwortung gefordert werden, was ihr alle so gut begreifen werdet wie ich selbst!

[GEJ.09_003,03] Aber da nun dieser heute so Unerwartetes plötzlich vor unseren Augen entfaltet hat, so möge denn auch nun noch unsere Tochter geheilt und uns allen der eine, allein wahre Gott bekanntgegeben und gezeigt werden, auf daß wir allesamt Ihm allein die Ehre geben und nach Seinem Willen handeln und leben können!“

[GEJ.09_003,04] Damit waren nun alle Anwesenden völlig einverstanden, und der Wirt wandte sich nun samt seinem Weibe und seinen Kindern an Mich und bat Mich um die mögliche Heilung der kranken Tochter.

[GEJ.09_003,05] Und Ich sagte: „Weil du glaubst mit all den Deinen, so geschehe auch nach eurem Glauben! Gehet aber nun in das Gemach eurer Tochter, und überzeuget euch, ob sie nun schon geheilt ist! Dann aber bringet sie hierher, auf daß auch sie verkoste von diesem Weine des Lebens und lerne Den erkennen, der sie geheilt hat!“

[GEJ.09_003,06] Als Ich das ausgesprochen hatte, da verließen alle eiligst unser Speisezimmer, um zu sehen, ob Helena wohl geheilt sei. Als sie bei ihr ankamen, da fanden sie sie ganz vollkommen gesund, und sie erzählte denn auch, wie sie von einem Feuer durchströmt worden sei und das Fieber und alle Schmerzen und alle ihre frühere Schwäche sie urplötzlich verlassen hätten. Es entstand darob ein großer Jubel. Die Tochter verließ denn auch sogleich das Krankenlager, kleidete sich an und ward unter Jubel denn auch bald zu Mir gebracht.

[GEJ.09_003,07] Als ihr gesagt ward, daß Ich der Heiland sei, da fiel sie Mir zu Füßen und benetzte sie mit Tränen des Dankes. Also dankten Mir denn auch alle die andern für die wunderbare Heilung der Helena.

[GEJ.09_003,08] Ich aber sagte zu ihr: „Erhebe dich, Tochter, und trinke den Wein aus dem Kruge, der dir zunächst steht, auf daß du gestärkt werdest am ganzen Leibe und an deiner Seele!“

[GEJ.09_003,09] Da erhob sich behende die Helena, nahm bescheiden den Krug und trank daraus den sie stärkenden Wein, dessen Wohlgeschmack sie nicht genug loben und rühmen konnte.

[GEJ.09_003,10] Als sie gestärkt war, da fingen wieder alle an, Mich zu bitten, daß Ich sie nun denn auch den einen, wahren Gott möchte erkennen lehren und Ihn ihnen dann auch zeigen, so das möglich wäre.

[GEJ.09_003,11] Sagte Ich: „So höret denn, was Ich nun in aller Kürze zu euch reden werde!

[GEJ.09_003,12] Es gibt beinahe keinen Griechen, der im Judenlande lebt und handelt, der mit der Lehre Mosis und der andern Propheten nicht vertraut wäre. Also der Gott, den Moses den Juden verkündete, der Gott, der auf dem Berge Sinai mit Moses und durch ihn und seinen Bruder Aaron unter Blitz und Donner redete und später gleichfort durch den Mund der Propheten und vieler anderer weiser Männer, dessen Name Jehova heißt und überheilig ist, ist der eine, allein wahre, ewig lebendige, höchst weise, übergute und über alles mächtige Gott, der den Himmel mit Sonne, Mond und allen Sternen und diese Erde mit allem, was in ihr, auf ihr und über ihr ist, aus Sich erschaffen hat.

[GEJ.09_003,13] An diesen Gott glaubet, haltet Seine euch bekannten Gebote, und liebet Ihn dadurch über alles, daß ihr eben Seine Gebote haltet, und liebet aber auch eure Mitmenschen, so wie ein jeder von euch sich selbst liebt, das heißt, tuet ihnen alles, was ihr vernünftigerweise wünschet, daß sie dasselbe auch euch tun möchten, so wird der eine, allein wahre Gott euch allzeit gnädig sein und gerne erhören eure Bitten!

[GEJ.09_003,14] Er wird Sich euch dann nicht als ein ferner und harthöriger Gott, sondern als ein stets naher, euch über alles liebender Vater erweisen, der eure Bitten niemals unerhört lassen wird.

[GEJ.09_003,15] In dem bestehet alles, was der eine, allein wahre Gott als auch der allein wahre Vater aller Menschen von den Menschen verlangt. Die das tun werden, die werden nicht nur über und über gesegnet sein schon auf dieser Erde, sondern sie werden auch überkommen nach dem Abfalle des Leibes das ewige Leben ihrer Seele und werden dort sein ewig, wo der Vater ist selig über selig. Kennet ihr nun den allein wahren Gott?“

[GEJ.09_003,16] Sagten alle: „Ja, so Der es ist – was wir nun nicht mehr bezweifeln –, da kennen wir Ihn aus den uns gar wohl bekannten Schriften! Des Moses Lehre hat uns allzeit wohlgefallen; aber als wir uns nur zu oft überzeugten, wie ganz entgegengesetzt sie besonders von den Hauptpriestern befolgt wird, und wie gar nichts Arges ihnen der allein wahre Gott als Strafe für ihre Frevel, die sie an ihren Nebenmenschen begehen, tut und erweist, so dachten wir: Was Wahres wohl kann an einer Lehre haften, an die aus allen Taten nur zu wohl ersichtlich ihre ersten Vertreter und sogenannten Gottesdiener nicht einen Funken Glauben besitzen?!

[GEJ.09_003,17] Denn daß man seinen Nebenmenschen wie sich selbst lieben soll, das ersieht man ja auf den ersten Blick aus den Geboten Mosis. Man sehe aber auch, wie die Vorsteher der Lehre Mosis ihre Nebenmenschen lieben, und man müßte mit der dicksten Blindheit geschlagen sein, um das nicht zu merken, wie eben die Vorsteher der Lehre an sie nicht im geringsten glauben. Denn ein rechter Glaube muß sich ja doch vor allem durch das Handeln nach der Lehre als wahr darstellen, und das besonders bei den Vorstehern und Ausbreitern der Lehre. Wenn aber diese durch ihr Handeln vor jedermanns Augen nun schon ganz ohne alle Scheu und Furcht vor einem allein wahren Gott zeigen, daß sie nichts glauben, – wie sollen dann wir Fremde uns zu ihrer Lehre bekennen?

[GEJ.09_003,18] Und siehe, du mächtigster, wahrer Diener und Priester des einen, allein wahren Gottes, das war denn auch stets der Grund, warum wir an der Wahrheit und Echtheit der Lehre Mosis ebensogut zweifelten wie an unserer Vielgötterei! Wir machten der Welt und ihrer Gesetze wegen am Ende wohl alles mit, aber wir bei uns glaubten wahrlich an einen Gott nicht mehr, – wohl aber glaubten wir an die allwaltenden Kräfte der Natur, die wir durch unsere Weltweisen etwas näher haben kennen gelernt.

[GEJ.09_003,19] Aber nun haben sich die Sachen bei uns allen infolge deines Wirkens und Redens gewaltigst geändert, und wir glauben nun ungezweifelt an den einen, allein wahren Gott der Juden, der dir, weil du sicher allzeit Seinen Willen erfüllt hast, solch nie erhörte rein göttliche Macht erteilt hat.

[GEJ.09_003,20] Wir werden uns aber nur allein an Mosis Lehre und niemals an ihre Vorsteher in Jerusalem halten. Es sind auch schon spät in dieser Nacht von Essäa herkommend uns ein paar solcher Vorsteher vorgekommen, die über ihre eigene Tempelwirtschaft ganz gewaltig loslegten und die große Weisheit und Macht der Essäer sehr rühmten, und wir dachten uns: ,Wenn ihr über euch selbst schon so losziehet, was sollen dann erst wir Fremden von euch halten?‘ Aber sie gefielen uns dennoch, weil sie die Wahrheit bekannten. Heute frühmorgens sind sie weitergezogen. Wir wären nun, was die Lehre betrifft, in der Ordnung; aber es ist nun noch ein Punkt übrig, und der besteht in deinem Endversprechen.

[GEJ.09_003,21] Du versprachst, uns auch den allein wahren Gott zu zeigen, was dir sicher so wie alles andere möglich sein wird. Da du uns schon unaufgefordert soweit glücklich gemacht hast, daß du uns mit Tat und Wort den einen, allein wahren Gott hast erkennen gelehrt, so vollende nun unser Glück denn auch dadurch, daß du uns den allein wahren, einen Gott zeigest! Wir alle bitten dich darum allerinständigst!“

 

4. Kapitel

[GEJ.09_004,01] Sagte Ich: „Ja, Meine lieben Kinder, das geht aber eben um euretwillen nicht gar so leicht, wie ihr das meinet; aber weil Ich euch auch das versprochen habe, so sollet ihr alle den einen, allein wahren Gott auch schauen. Aber zuvor muß Ich euch wohl ermahnen, daß ihr das Geschaute vor dem Verlaufe eines vollen Jahres nicht ruchbar machet.“

[GEJ.09_004,02] Alle versprachen Mir das auf das feierlichste.

[GEJ.09_004,03] Und Ich sagte dann weiter: „Wohl denn, so höret Mich, und machet eure Augen und Herzen weit auf!

[GEJ.09_004,04] Ich Selbst, der Ich nun mit euch rede, bin es also, wie das die Propheten den Menschen verkündet haben! Es hat Mir nach Meinem ewigen Ratschlusse gefallen, als Selbst Mensch mit Fleisch und Blut unter die in der alten Nacht der Sünde irrenden und verschmachtenden Menschen als ein hellstes und lebenbringendes Licht zu kommen und sie zu erlösen vom harten Joche des Gerichtes und des ewigen Todes.

[GEJ.09_004,05] Ich kam aber nicht nur zu den Juden, die von Uranbeginn das Volk des einen, wahren Gottes waren und sich auch noch also nennen, – obwohl gar viele ob ihrer argen Taten schon seit langem ein Volk der Hölle geworden sind, sondern auch zu den Heiden, die zwar auch von demselben ersten Menschen dieser Erde abstammen, sich aber im Laufe der Zeiten von den Reizen der Welt also haben verlocken lassen, daß sie dadurch von dem einen, wahren Gott abfielen, Ihn nicht mehr erkannten und sich dann aus der toten und vergänglichen Materie selbst Götter nach ihrer Lust und nach ihrem Belieben schufen und sie dann verehrten und anbeteten, wie das noch gegenwärtig gar sehr der Fall ist, und wie ihr das wohl kennet.

[GEJ.09_004,06] Damit also auch die Heiden die ewige und lebendigste Wahrheit, als in Gott allein seiend, erkennen sollen, so kam Ich denn auch zu den Heiden und gebe ihnen das selbstwillig lange verlorene Lebenslicht wieder, und also auch das ewige Leben.

[GEJ.09_004,07] Ich Selbst bin das Licht, der Weg, die ewige Wahrheit und das Leben. Wer an Mich glaubt und nach Meiner Lehre lebt, der hat das ewige Leben schon in sich und wird nimmerdar weder sehen noch fühlen den Tod, so er dem Leibe nach auch tausendmal stürbe; denn wer an Mich glaubt, Meine Gebote hält und Mich sonach liebt über alles, der ist in Mir und Ich im Geiste in ihm. In dem aber Ich bin, in dem ist auch das ewige Leben.

[GEJ.09_004,08] Und so habe Ich euch denn auch den allein wahren, einen Gott gezeigt, wie Ich euch das zuvor verheißen habe. Und nun aber erforschet euch selbst, ob ihr das auch glaubet! Ja, ihr glaubet nun auch das, – bleibet aber auch in diesem Glauben als wahre Helden, und lasset euch von niemandem mehr davon abwendig machen, so werdet ihr leben, und Meines Willens Kraft wird in euch sein und bleiben! Also sei es und bleibe es!“

[GEJ.09_004,09] Als Ich das zu den anwesenden Heiden geredet hatte, da wurden sie von einem tiefsten Ehrfurchtsschauder ergriffen, und es getraute sich niemand ein Wort zu reden.

[GEJ.09_004,10] Ich aber sagte mit freundlicher Stimme: „Fasset euch doch, Kinder! Bin Ich als ein wahrster Vater aller Menschen denn gar so fürchterlich aussehend, daß euch vor Mir nun ein solcher Schauder ergreift? Seht, Mir ist wohl sicher nichts unmöglich – denn in Mir ist alle Kraft, Macht und Gewalt im Himmel und auf Erden –, aber das kann Ich nicht machen, daß Ich nicht das wäre, was Ich bin, und ihr auch nicht das, was ihr seid! Ich bin einmal Der, der Ich bin, war und sein werde von Ewigkeit zu Ewigkeit, und ihr werdet auch dasselbe sein und bleiben. So Ich euch nun Meine lieben Kinder nenne, so seid ihr Mir ja vollends ebenbürtig, und so ihr nach Meiner Lehre und also nach Meinem Willen lebet und handelt, da werdet ihr wahrlich nicht minder vollkommen sein, als Ich Selbst es bin, und werdet dieselben Zeichen wirken können, die Ich wirke. Denn welche Freude können einem vollkommenen Vater unvollkommene Kinder wohl gewähren? Darum lasset fahren eure zu große Ehrfurcht vor Mir, und fasset dafür ein volles Vertrauen und die Liebe zu Mir, und ihr werdet Mir um gar vieles angenehmer, wohlgefälliger und werter sein!

[GEJ.09_004,11] Wahrlich, wer Mich liebt, der hat nicht not, sich vor Mir zu fürchten! Denn die Gott zu sehr fürchten, die haben Ihn erstens noch niemals recht erkannt, und ihr Herz steht noch ferne von Seiner Liebe, und zweitens stehen solche zu furchtsamen Kinder auch in der selbstverschuldeten Gefahr, in ihrem Glauben und Erkennen irre zu werden, weil ihnen die Furcht den Mut und Willen schwächt, sich Mir im Herzen soviel als nur immer möglich zu nahen und dadurch auch in aller Lebenswahrheit aus Mir erleuchtet zu werden. So ihr das verstanden habt, da lasset fahren eure Furcht vor Mir, und fasset Liebe und vollstes kindliches Vertrauen zu Mir!“

[GEJ.09_004,12] Als Ich solches zu ihnen geredet hatte, da wich die götzenhafte Furcht aus ihren Herzen, und sie fingen Mich traulicher zu loben und zu preisen an, und in ihren Herzen wurde mehr und mehr die Liebe wach. Aber so ganz trauten sie dem Landfrieden dennoch nicht, denn ihre aus dem Heidentume lang gepflegten Begriffe von der Unerbittlichkeit und ewigen Macht und Strenge eines Gottes wollten und konnten nicht so bald verwischt werden. Doch nach einer Stunde, welche Zeit Ich noch in der Herberge verweilte, wurden sie alle zutraulich, und Ich gab ihnen noch so manche Lehre, die ihre Liebe zu Mir stärkte und befestigte.

 

5. Kapitel

[GEJ.09_005,01] Es fragten darauf aber Meine Jünger, die da Geld bei sich hatten, den Wirt, was da für das Brot und für das Quellwasser zu zahlen wäre.

[GEJ.09_005,02] Der Wirt aber sagte: „Oh, wie könnet ihr mich darum fragen, da ich doch nun Gott dem Herrn und somit auch euch, Seinen sicher nächsten Freunden, ein ewiger Schuldner verbleiben werde? Ein jedes Wort, das Er zu uns geredet hat, ist ja endlos mehr wert als alle Schätze der Erde! So ihr bleiben möchtet tausend Jahre in diesem Meinem Hause und zehren Tag und Nacht, und ich würde auch nur einen Stater dafür verlangen, so wäre ich wahrlich nicht mehr wert, als daß man mich lebendigen Leibes den Schlangen und Drachen zum Fraße vorwürfe! Es ist nun aber nicht ferne mehr vom Mittage; welch ein Glück wäre das für mich, so Gott der Herr bei mir mit euch das Mittagsmahl nehmen möchte!“

[GEJ.09_005,03] Sagte darauf Ich: „Dein Wille gilt Mir fürs Werk! Wir aber müssen nun weiterziehen, da es auch andernorts arme Kinder gibt, denen Ich helfen will. Es werden aber bald arme Pilger hierher kommen, und zwar in der Richtung von Essäa gen Jericho. Sie haben dort wohl die Gesundheit ihres Leibes vollkommen wieder erhalten, aber des Geldes haben sie wenig und sind hungrig, durstig und müde; denen gib du Speise und Trank und auch die Nachtherberge, und Ich werde das also annehmen, als hättest du es Mir getan!“

[GEJ.09_005,04] Sagte der Wirt: „O Herr und Gott, so die Armen ein volles Jahr hierbleiben wollen, so sollen sie ihre Verpflegung haben! So sie auf der Heerstraße gehen, da will ich ihnen sogleich meine Lasttiere und Wagen, mit Pferden bespannt, entgegensenden und sie hierher bringen lassen.“

[GEJ.09_005,05] Sagte Ich: „Auch da gilt dein Wille fürs Werk! Die von Mir dir angesagten Pilger sind von Essäa aus übers Gebirge hierher schon gestern in der Nacht abgegangen und werden denn in ein paar Stunden auf dem Bergsteige hierher kommen, und es würde ihnen daher mit deinen Lasttieren und Wagen schlecht gedient sein. Wenn sie aber morgen von hier abgehen werden, so kannst du ihnen einen oder den andern Dienst erweisen, so sie eines solchen benötigen werden.

[GEJ.09_005,06] In der Folge aber wolle du dir das Wasser von niemandem mehr bezahlen lassen; denn Ich habe auch dafür gesorgt, daß deine Brunnen gleichfort ein reichliches und gesundes Wasser geben werden. Sei allzeit barmherzig gegen Arme, und du wirst auch Barmherzigkeit bei Mir finden! Meinen Segen und Meine Gnade hast du erhalten, und er wird dir auch bleiben, so du tätig in Meiner Lehre verbleiben wirst; und somit werden wir uns nun wieder auf die Weiterreise begeben.“

[GEJ.09_005,07] Nach diesen Worten erhob Ich mich schnell und ging mit den Jüngern hinaus.

[GEJ.09_005,08] Es versteht sich von selbst, daß uns der Wirt mit den Seinen eine Strecke unter Tränen, Dank und Lobpreisung begleitete; als wir aber unsere Schritte sehr zu beschleunigen anfingen, da blieben die Begleiter zurück und kehrten wieder heim.

[GEJ.09_005,09] Wir aber zogen, da es auf dieser Strecke um die Mittagszeit keine Wanderer gab, wieder mit der Schnelligkeit des Windes vorwärts; wo wir aber wieder in eine Gegend kamen, die da bevölkert war, da gingen wir denn auch natürlichen Schrittes vorwärts. Und so kamen wir bis zum Abend hin in die Nähe von unserem Jericho.

[GEJ.09_005,10] Es war da ein schöner Rasenplatz. Auf diesem ruhten wir bis zum vollen Sonnenuntergang; denn Ich wollte nicht bei Tageslicht in die Stadt gehen, und das darum um so weniger, weil die beiden Pharisäer, die wir trotz ihrer schnell trabenden Kamele eingeholt hatten, nur ein paar Morgen Landes weit vor uns sich der Stadt nahten.

[GEJ.09_005,11] Als wir auf unserem Rasenplatz unter mancherlei Besprechungen ruhten, da kam aus dem nahen Zollhause ein Zolldiener zu uns und fragte uns, von woher wir gekommen seien, und ob wir auf diesem Platze die Nacht über verweilen würden.

[GEJ.09_005,12] Sagte Ich: „Es geht dich weder das eine noch das andere etwas an; aber so du es schon wissen willst, da sage Ich es dir, daß wir erstens heute gar von Essäa her kommen, und zweitens, daß wir hier nun ein wenig ausruhen und uns dann in die Stadt begeben werden.“

[GEJ.09_005,13] Als der Zolldiener vernahm, daß wir gar von Essäa an einem Tage bis nach Jericho zu Fuß gekommen seien, da schlug er die Hände über dem Kopfe zusammen und sagte: „Oh, das ist wohl einem schnellbeinigen Kamel möglich, aber von Menschenfüßen ist so etwas noch niemals erhört worden! Da müsset ihr geflogen sein!“

[GEJ.09_005,14] Sagte Ich: „Das ist unsere Sache; du aber gehe in die Stadt, dieweil du Zeit hast, und sage es dem Kado, dessen Vater euer Oberherr ist: er wolle heraus zu Mir kommen; denn Ich, der Herr, harre hier seiner!“

[GEJ.09_005,15] Da fragte der Zolldiener: „Herr, so ich dem Kado deinen Namen nicht angeben kann, wird er dann wohl auch zu dir herauskommen?“

[GEJ.09_005,16] Sagte Ich: „Auch dann! Gehe, und es wird dir der Lohn schon werden; denn ein jeder willige Arbeiter ist seines Lohnes wert!“

[GEJ.09_005,17] Auf diese Meine Worte begab sich der Zolldiener schnell in die Stadt und hinterbrachte das dem Kado.

 

6. Kapitel – Der Herr in Jericho. (Kap.6-25)

[GEJ.09_006,01] Als Kado das vernahm, da wartete er keinen Augenblick mehr, gab dem Zolldiener einen Groschen Botenlohn und eilte so schnell als möglich zu Mir heraus.

[GEJ.09_006,02] Als er beinahe atemlos bei uns ankam, da erhoben wir uns vom Rasenplatz, und Ich reichte ihm die Hand; er aber umarmte Mich, drückte Mich an seine Brust, überschüttete Mich mit vielen Freundschaftsküssen und sagte endlich ganz in Freude und Wonne zerflossen (Kado): „O Herr und Meister, welch eine unbeschreibbare Freude hast Du mir durch Deine sobaldige Wiederkunft bereitet! O wir Glücklichen, daß wir Dich wieder in unserer sündigen und Deiner ewig unwürdigen Mitte haben! Es sind nun nur erst drei Tage, die Du von hier abwesend warst, und mir sind sie nahe zu drei Jahren geworden; denn unseres ganzen Hauses größte Sehnsucht nach Dir hat unsere Geduld auf eine starke Probe gesetzt. Wärest Du heute nicht gekommen, so hätte ich morgen schon in aller Frühe unsere besten Kamele in Bewegung gesetzt und wäre Dir nach Essäa nachgezogen. Oh, weil Du nur gekommen bist, so ist nun schon alles wieder vollkommenst gut und in der besten Ordnung! Aber nun, o Herr und Meister, Du unsere einzige Liebe und unser höchstes Bedürfnis, komme, komme nun mit mir, auf daß unser ganzes Haus überselig werde!“

[GEJ.09_006,03] Sagte Ich: „Deine Freundlichkeit hat Mein Herz erquickt, und Ich werde mit dir gehen; aber wir wollen uns noch einige Augenblicke Zeit lassen! So es dunkler wird, werden wir in die Stadt ziehen, auf daß wir für die gafflustige Volksmenge kein Aufsehen machen; denn es sind wegen des morgigen Marktes viele Fremde hier, und diese sollen unseren Einzug nicht begaffen und bekritteln. Bei deinem Vater sind ja nun auch ein paar Pharisäer eingezogen; diese werden bald untergebracht sein, und dann können wir ganz unbeirrt in dein Haus kommen.“

[GEJ.09_006,04] Das war dem Kado ganz recht; aber er berief noch einmal den Zolldiener und sandte ihn in die Herberge, auf daß er seinen Leuten sagen solle, daß sie ein bestes Nachtmahl bereiten sollten. Warum, das würden sie in einer kurzen Zeit schon allerfreudigst erfahren.

[GEJ.09_006,05] Darauf eilte der Zolldiener abermals in die Stadt und richtete die Botschaft aus.

[GEJ.09_006,06] Da sagte der Vater des Kado: „Ich ahne es schon, um was es sich handelt! Gehe, und sage es dem Kado, es werde alles in der besten Ordnung besorgt werden!“

[GEJ.09_006,07] Als der Zolldiener wieder zurückkam und dem Kado des Vaters Antwort hinterbrachte und der Abend schon ziemlich dunkel zu werden begann, da sagte Ich: „Nun können wir uns schon ganz gemächlich weiterzubewegen anfangen, und wir werden von niemandem auf dem Wege mehr beobachtet und erkannt; und sieht uns auch jemand, so wird er uns für ankommende Handelsleute halten, was uns nicht beirren wird.“

[GEJ.09_006,08] Wir kamen gemach denn auch ganz unbeirrt in des Kado Herberge.

[GEJ.09_006,09] Vor der Herberge angelangt, sagte Ich zu Kado: „Freund, nun gehe du zum voraus hinein, und sage es deinen Angehörigen, daß Ich mit Meinen Jüngern von Essäa angekommen bin! So Ich aber ins Gastzimmer eintreten werde, da sollen sie keinen zu großen Freudenlärm machen, um die etlichen Fremden nicht zu vorzeitig auf Mich aufmerksam zu machen. Also sollen sie Mich auch nicht als ,Herr‘ und ,Meister‘ anrufen, sondern nur als einen guten Freund; denn Ich sehe ja ohnehin nur aufs Herz und niemals auf den Mund. Warum Ich es nun aber also haben will, davon wirst du den Grund schon später einsehen und bestens begreifen. Gehe, und tue das!“

[GEJ.09_006,10] Kado eilte nun ins Haus und unterrichtete die Seinen also, wie Ich es ihm aufgetragen hatte.

[GEJ.09_006,11] Ich ging darauf in das große Gastzimmer, in dem schon ein großer Tisch für uns gedeckt war.

[GEJ.09_006,12] Als wir eintraten, kam uns freilich alles freundlich entgegen. Der Vater und die Mutter des Kado, wie auch dessen Weib und Kinder grüßten Mich auf das freundlichste und baten Mich, Platz zu nehmen, indem Ich von der weiten Reise wohl sicher müde sein würde. Diese Ansprache war ganz gut und ließ die Fremden gegen Mich und Meine Jünger gleichgültig. Aber bei all der gut gewählten Ansprache kamen allen die Tränen der höchsten Freude zur Folge in die Augen, namentlich dem Vater des Kado und dem alten, treuen Diener des Kado, der Apollon hieß. Aber Ich stärkte sogleich ihr Gemüt, und so konnten sie Meine Gegenwart weiter wohl ohne Tränen ertragen.

[GEJ.09_006,13] Wir setzten uns denn sogleich an den Tisch, und der Wirt, der Kado, dessen Weib und Kinder, wie auch auf Mein Verlangen der Apollon setzten sich Mir zunächst; des Kado Mutter aber hatte ohnehin in der Küche zu tun, und des Kado Geschwister hatten die Gäste zu bedienen.

[GEJ.09_006,14] Als wir nun so ganz wohlgemut am Tische saßen, auf dem sich schon des besten Weines und Brotes in Hülle und Fülle befand, da wollten einige Jünger, und hauptsächlich unser Judas Ischariot, gleich danach greifen, weil es sie schon bedeutend hungerte.

[GEJ.09_006,15] Ich aber sagte: „Habt ihr schon bisher ausgehalten, so werdet ihr wohl noch die etlichen Augenblicke ohne zu verhungern und zu verdursten auszuhalten imstande sein! Wartet auf die warme Speise; wenn diese auf dem Tische stehen wird, dann erst nehmet zuvor etwas Brot mit Salz und darauf einen kleinen Schluck Weines, dann wird euch das Nachtmahl stärken und frisch und heiter machen, sonst aber nur Glieder und Eingeweide schwächen! Der Mensch muß auch suchen, seinen Leib gesund zu erhalten, so er seine Seele von Traurigkeit und Angst befreit haben will. Wie Ich es tue, also tuet es auch ihr!“

[GEJ.09_006,16] Die Jünger dankten Mir für diesen Rat und befolgten ihn auch.

 

7. Kapitel

[GEJ.09_007,01] Es hatten einige Fremde gemerkt, daß Ich den Jüngern solchen Rat gegeben hatte, und es stand einer auf, der ein Kaufmann von Sidon war, ging zu Mir hin und sagte: „Guter Freund, vergib mir, daß ich mir die Freiheit genommen habe, als ein Fremder dich hier anzureden! Ich merkte aus deinen Worten, die du an deine Freunde gerichtet hast, daß du ohne Zweifel ein Arzt sein werdest; und so möchte auch ich dich um einen Rat bitten, was ich tun und anwenden soll, um von meinem schon mehrjährigen Leiden im Magen befreit zu werden.“

[GEJ.09_007,02] Sagte Ich: „So du meinst, daß Ich ein Arzt sei, da nimm denn von Mir auch den Rat an! Iß nicht, wie es bisher der Fall war, zuviel und zu fettes Schweinefleisch, und trinke nicht so viel des stärksten Weines den ganzen Tag hindurch, dann wird dein Magenleiden schon ein Ende nehmen! Das ist Mein ärztlicher Rat; wenn du den befolgst, so wird es dir mehr dienen denn dein Aloesaft, der dir wohl den Magen ausräumt, auf daß du ihn darauf wieder desto mehr anfüllen kannst. Der Mensch lebt nicht, um zu essen, sondern er ißt nur, um zu leben, und dazu bedarf es keines vollgestopften Magens und keiner täglichen Nervenberauschung durch einen möglich stärksten Wein.“

[GEJ.09_007,03] Als der Fremde das von Mir vernommen hatte, sagte er ganz erstaunt: „Du hast mich zuvor doch noch nie gesehen! Wie kannst du so genau wissen, wie ich lebe?“

[GEJ.09_007,04] Sagte Ich: „Wahrlich, Ich müßte ein schlechter Arzt sein, so Ich nicht imstande wäre, einem Kranken von seiner Stirne abzulesen, wie er lebt, und wie er zu seiner Krankheit gekommen ist! Tue das, was Ich dir geraten habe, und enthalte dich von der Wollust, dann wird dein Magen schon besser werden!“

[GEJ.09_007,05] Der Fremde dankte Mir für diesen Rat und legte drei Goldstücke vor Mir auf den Tisch.

[GEJ.09_007,06] Ich aber gab sie ihm mit den Worten zurück: „Gib du sie den Armen; denn Ich bedarf weder des Goldes noch des Silbers, nach dem die Menschen gar so mächtig gieren!“

[GEJ.09_007,07] Da nahm der Fremde sein Gold wieder und sagte: „Nun erkenne ich erst, daß du ein wahrer Arzt bist! So es mit mir besser wird, da sollen die Armen das Hundertfache von mir erhalten!“

[GEJ.09_007,08] Mit dem begab er sich wieder an seinen Tisch, und auf den unsern wurden Speisen aufgetragen.

[GEJ.09_007,09] Die Speisen bestanden in gar wohlbereiteten Fischen, in drei gebratenen Lämmern und in zwanzig eben auch gebratenen Hühnern und danebst in mehreren edlen Obstgattungen. Wir fingen nun denn auch sogleich zu essen an, und jedem schmeckten die Speisen, das feine Weizenbrot und der Wein, und es ward an unserem Tische bald recht lebhaft.

[GEJ.09_007,10] Als die Fremden das merkten, wie wir an unserem Tische es uns wohlschmecken ließen und es ihnen auch bekannt war, daß es in dieser Herberge stets sehr teuer zu zehren war, da sagte eben der Fremde, dem Ich zuvor für seinen Magen einen guten Rat gab, so mehr in der Stille zu seinen Gefährten: „Ja, nun wird es mir erst klar, warum der Arzt von mir die drei Goldstücke nicht annahm! Gäste, wie er und seine Gefährten es sind, die solch eine kostspielige Mahlzeit einnehmen können, haben der Schätze sicher mehr denn wir und da sind nur drei Goldstücke für solch einen schon überreichen Arzt sicher zu wenig! Oh, solch ein Nachtmahl kostet in dieser Herberge mindestens fünfhundert Groschen! Ja, ja, wer das Geschick hat, ein berühmter Arzt zu sein, der ist glücklicher und reicher denn ein König, der bei solch einem Arzte, so er krank geworden ist, um große Schätze Hilfe suchen muß! Denn mag ein König noch so mächtig und reich sein, da kann er sich aber doch nicht heilen und vom Tode retten, so er krank und schwach wird. Da läßt er den besten Arzt, den es nur irgend gibt, oft von großer Ferne um ein großes Geld kommen, und hat ihm der Arzt geholfen, so wird er mit noch größeren Summen belohnt. Und das wird bei diesem Arzte auch ganz sicher der Fall sein, daß er sich bei Königen und Fürsten schon gar große Summen wird erworben haben, daher er auch ganz anders leben kann als wir armen Kaufleute aus Sidon und Tyrus.“

[GEJ.09_007,11] Meine Jünger vernahmen auch diese Bemerkung von seiten des Fremden, und es wollte Jakobus der Ältere ihm schon in die Rede fallen.

[GEJ.09_007,12] Ich aber sagte zu ihm, auch mehr mit leiser Stimme: „Lassen wir sie reden und urteilen über uns, denn dadurch schaden sie uns wahrlich nicht! So ihr in Meinem Namen den Menschen in aller Welt das Evangelium predigen werdet, so werdet ihr allerlei Urteilen, die die Menschen über euch schöpfen werden, nicht entgehen. Werden die Urteile zwar blind und dumm sein, da lasset die Menschen reden, so ihre Urteile nur kein Böses in sich enthalten! Sind die Urteile aber böser Art, dann möget ihr die bösen Beurteiler entweder vor einem Richter zur Rede stellen, oder ihr verlasset den Ort und schüttelt auch den Staub von euren Füßen über solch einen Ort, und Ich werde dann im geheimen schon den Richter über solch einen Ort und seine Bewohner machen! Und so lassen wir diese nun auch über uns reden und urteilen, wie sie wollen, und wie sie es verstehen; denn über sein Verständnis hinaus kann kein Mensch ein Urteil über eine Sache oder über irgendein Verhältnis schöpfen, sowenig als es einem Ochsen möglich ist, einen Psalm Davids zu singen, oder einem Blinden, zu führen einen Blinden! Darum sollen euch in der Folge derlei Vorkommnisse durchaus nicht mehr beirren!“

[GEJ.09_007,13] Alle gaben Mir recht und dankten Mir für diesen Rat.

[GEJ.09_007,14] Apollon aber sagte hinzu: „O Herr und Meister, Du hast ewig wohl in allem recht; aber es ist hier nur der Umstand, daß wir durch diese Fremden dennoch darin sehr beirrt sind, daß Du Selbst, um Dich nicht ruchbar zu machen, auch uns nichts Besonderes sagen kannst und wir Dich auch um nichts Außerordentliches fragen können.“

[GEJ.09_007,15] Sagte Ich: „O Freund, sorge du dich darum nicht! Bis zur Mitternacht hin wird des Außerordentlichen noch gar vieles vorkommen; denn Ich bin heute, als an einem gut beendeten Tagewerke, guten Mutes, und ihr alle sollet es auch also sein! Nun aber essen und trinken wir und lassen uns in unserer Freude durch niemanden stören!“

[GEJ.09_007,16] Darauf aßen und tranken wir ganz wohlgemut und die Fremden an den andern Tischen auch.

 

8. Kapitel

[GEJ.09_008,01] Da es aber in Jericho Markt war, der sieben Tage hindurch andauerte, so kamen dahin nebst vielen Kaufleuten auch allerlei Gaukler, Pfeifer, Sänger, Harfner und Leierer, die abends von Herberge zu Herberge zogen und den Gästen um eine kleine Bezahlung allerlei vorzeigten und vormachten; und so kam denn in unsere Herberge ein Sänger mit einer Harfe, die er recht gut zu behandeln verstand und dazu auch mit einer reinen Stimme die Psalmen Davids sang.

[GEJ.09_008,02] Als er ins Zimmer trat, da bat er die Gäste um die Erlaubnis, sich um einen kleinen Lohn produzieren zu dürfen.

[GEJ.09_008,03] Die Fremden, zumeist Griechen und Römer, sagten: „Ah, gehe du mit deinem alten Judengekrächze! Die Musik, die göttliche Kunst, ist ja nur unter den Griechen zu Hause! Wenn dich aber der Haupttisch dort anhören will, so werden wir nichts dagegen haben; doch einen Lohn wirst du von uns nicht ernten.“

[GEJ.09_008,04] Darauf kam der arme Harfner und Sänger an unseren Tisch und bat uns um die Erlaubnis, sich für und nur vor uns produzieren zu dürfen.

[GEJ.09_008,05] Und Ich sagte mit freundlicher Stimme: „Produziere du dich nur ohne Scheu und Bedenken, denn Ich kenne dich und weiß es, daß du ein reiner Sänger ganz in der Weise Davids bist! Der Lohn soll dir darum gar reichlich werden!“

[GEJ.09_008,06] Darauf verneigte sich der Sänger und Harfner tief vor uns, stimmte seine Harfe rein und verwunderte sich selbst, sagend: „Wahrlich, das ist ein guter Saal für Musik und Gesang; denn so himmlisch hell und rein habe ich noch niemals die Saiten meiner Harfe ertönen hören!“

[GEJ.09_008,07] Sagte Ich: „Nun, wenn also, da magst du dich nun schon zu produzieren anfangen!“

[GEJ.09_008,08] Darauf griff der Harfner mit kunstgeübten Fingern in die Saiten und ließ ein ergreifendes Vorspiel ertönen. Als die Fremden die höchst reinen Töne und kunstvollen Tonweisen vernahmen, da wurden sie stille und hörten mit der gespanntesten Aufmerksamkeit dem Künstler zu.

[GEJ.09_008,09] Bei vollster Stille im ganzen Saale begann der Künstler unter gar herrlich klingender Begleitung mit einer wunderreinen und auch höchst wohlklingenden Stimme folgenden Psalm Davids zu singen: „Singet dem Herrn ein neues Lied; singe dem Herrn alle Welt! Singet dem Herrn, und lobet Seinen Namen! Prediget einen Tag um den andern Sein Heil! Erzählet den Heiden Seine Ehre, unter allen Völkern Seine Wunder; denn der Herr ist hoch und groß zu loben, wunderbarlich über alle Götter! Denn alle Götter der Völker sind tote Götzen; nur der Herr hat den Himmel gemacht. Es stehet herrlich und prächtig vor Ihm und gehet gewaltiglich und löblich in Seinem Heiligtume.

[GEJ.09_008,10] Ihr Völker, bringet her dem Herrn, bringet her dem Herrn Ehre und Macht! Bringet her dem Herrn die Ehre Seinem Namen, bringet Geschenke, und kommet in Seine Vorhöfe! Betet an den Herrn im heiligen Schmuck, und es fürchte Ihn alle Welt! Saget es unter den Heiden, daß der Herr allein König sei und habe Sein Reich, so weit die Welt ist, bereitet, daß es bleiben solle, und richtet die Völker recht! Himmel, freue dich, und du, Erde, sei fröhlich; das Meer brause, und was darinnen ist! Das Feld sei fröhlich, und alles, was darauf ist, und lasset alle Bäume im Walde rühmen vor dem Herrn; denn Er kommt, und Er kommt zu richten das Erdreich! Er wird den Erdboden richten mit Gerechtigkeit und die Völker mit Seiner Wahrheit.“ (96.Psalm).

[GEJ.09_008,11] Als unser Sänger und Harfner diesen Psalm ausgesungen hatte, machte er noch ein Nachspiel und schloß damit seine Produktion. Da überhäuften ihn die Fremden mit Lob und Beifall und gestanden, daß sie in ihrem ganzen Leben etwas Herrlicheres sowohl in der Saitenmusik und ebenso auch im Gesange nicht vernommen hätten und baten ihn auch um Vergebung, daß sie ihn gar so roh und grob empfangen hätten, baten ihn aber zugleich auch um die Wiederholung des gesungenen Psalmes.

[GEJ.09_008,12] Der Sänger aber fragte Mich, ob er das noch einmal tun dürfe.

[GEJ.09_008,13] Und Ich sagte: „Tue das nur immerhin, denn herrlicher hat auch David diesen Psalm nicht gesungen!“

[GEJ.09_008,14] Und der Sänger sagte: „Herr, wer du auch seist, – ich selbst auch noch niemals! Es kam mir unterm Singen wahrlich vor, als wäre mir Jehova ganz nahe gewesen und hätte mich wohlgefällig behorcht; und wieder kam es mir vor, als hätten ganze Chöre der Engel mit mir gestimmt. Oh, wenn mir doch die Kunst und Stimme bliebe, so würde ich der glücklichste Mensch auf der Erde sein und alle Heiden durch meinen Gesang zu unserm Jehova bekehren!“

[GEJ.09_008,15] Sagte Ich: „Singe du nun nur noch einmal den 96. Psalm, und sei versichert, du frommer Samarite, daß dir die Kunst und Stimme erhalten bleibt bis ans Ende deiner irdischen Lebenstage, – und im Himmel sollst du vor dem Throne des Allerhöchsten ein lieblicher Sänger sein und bleiben ewig! Aber nun singe!“

[GEJ.09_008,16] Sagte der Sänger: „O Herr, du mußt ein Prophet sein aller Wahrheit nach; denn so wie du reden gewöhnliche Menschen nicht! Doch nun nichts Weiteres mehr davon, denn ich muß ja noch einmal den Psalm singen!“

[GEJ.09_008,17] Hierauf griff er wieder in die Saiten, und sie klangen noch heller und reiner denn das erste Mal, und so war es auch mit seiner Stimme. Alle Meine Jünger, unsere Wirtsleute und ebenso auch die Fremden wurden zu Tränen gerührt, und die Meinen an unserem Tische am meisten, da sie wohl wußten, Wem dieser Psalm galt.

 

9. Kapitel

[GEJ.09_009,01] Als der Sänger auch zum zweiten Male den Psalm vollendet hatte, da erhob sich unter den Fremden ein ordentlicher Lobes- und Beifallssturm, und sie beschenkten ihn mit vielen Goldstücken und luden ihn ein, sich an ihren Tisch zu setzen und mit ihnen zu essen und zu trinken.

[GEJ.09_009,02] Er aber sagte (der Sänger): „Ich danke euch für die mir angetane Ehre und für das mir so reichlich gespendete Almosen; doch ich bin noch ein altreiner Jude – wenn ich auch erst dreißig Jahre Alters zähle –, und darf eure Speisen nicht genießen. Zudem hat mir nur dieser Herr hier die Erlaubnis zur Produktion erteilt, und so werde ich auch nur das tun, was er mir gebieten wird!“

[GEJ.09_009,03] Da belobten die Fremden des Künstlers Treue, und Ich behieß ihn, sich an unsern Tisch zu setzen und mit uns zu essen und zu trinken, – was er mit vielem Dank denn auch sogleich tat.

[GEJ.09_009,04] Es ging aber unser Wirt und der Kado und brachten dem Harfner ein reichliches Almosen, das er beinahe gar nicht annehmen wollte, da er ohnehin schon von den andern Tischen zu reichlich beschenkt worden sei.

[GEJ.09_009,05] Ich aber sagte zu ihm: „Nimm du nur an, was man dir mit Freuden gibt; denn du selbst hast ein gutes Herz und teilst gerne mit den Armen auch von dem wenigen, was du dir mit deiner Kunst mühsam erwirbst! So du dir von nun an aber mehr erwerben wirst, so wirst du deinem guten Herzen auch einen größeren Tätigkeitsraum gewähren können. Den Armen wohltun, ist Gott wohlgefällig, und für die Armen arbeiten und sammeln, ist herrlich vor Gott und wird allzeit schon in diesem und noch mehr im andern Leben belohnt.“

[GEJ.09_009,06] Sagte der Harfner: „Ja, du gütigster Herr, also ist es, und ich habe auch allzeit also geglaubt, obschon es mich mit dem diesirdischen Lohne lange stecken ließ, und ich doch schon seit beinahe fünfzehn Jahren treu in diesem Sinne meine schwache Kunst ausgeübt habe. Doch diesmal ist mir eine reiche Ernte geworden, und Gott dem Herrn, der mich in meiner Armut einmal angesehen hat, alles Lob und Ehre und allen meinen Dank dafür immerdar! Aber nun möchte ich dich, du bester Herr, denn doch auch um etwas fragen, wenn du mir das gnädigst erlauben möchtest.“

[GEJ.09_009,07] Sagte Ich: „Oh, recht gerne! Frage du nur, und Ich werde dir die Antwort nicht schuldig bleiben!“

[GEJ.09_009,08] Darauf fragte Mich der Harfner, sagend: „O du bester Herr, dem ich nächst Gott mein großes Glück zu danken habe, wie weißt du denn gar so genau um alle meine Lebensverhältnisse, – und ich weiß mich doch nicht zu entsinnen, dich jemals irgend gesehen zu haben?“

[GEJ.09_009,09] Sagte Ich: „Das ist auch gar nicht nötig; es genügt, so nur Ich dich schon gar oftmals gesehen und gehört habe. Siehe, du hast dich nun hier produziert und bist von uns allen fest angesehen worden! Wir werden dich denn auch leicht überall wiedererkennen, wo wir uns auch treffen mögen; du aber wirst uns alle gewiß nicht so leicht wiedererkennen, und das aus dem ganz einfachen und natürlichen Grunde, weil sogar viele Tausende von Menschen sich einen irgend in etwas besonders ausgezeichneten Menschen leichter merken und ihn in allem beobachten können als der eine Mensch die vielen Tausende, vor denen er sich produziert hatte. Siehe, das ist der ganz natürliche Grund, warum auch allenfalls Ich dich besser kennen kann als du Mich.

[GEJ.09_009,10] Es kann aber schon auch andere Gründe geben, die du nun aber nicht wohl verstehen würdest, so Ich sie dir auch sagte; darum ist es der Fremden wegen besser, davon zu schweigen. Du hast aber ehedem selbst gesagt, daß Ich etwa ein Prophet sei, weil du in Meiner Nähe um vieles besser geharft und gesungen habest denn sonst irgendeinmal. Bin Ich für dich allenfalls denn ein Prophet, so kann Ich etwa als ein solcher ja aus dem Geiste Gottes in Mir auch wohl wissen, wie es mit deinen Lebensverhältnissen steht. Und so hast du nun einen natürlichen und einen übernatürlichen Grund, aus dem Ich dich allzeit besser kennen kann als du Mich oder jemand andern von uns. – Bist du nun im klaren?“

[GEJ.09_009,11] Sagte der Harfner: „Ja, du bester und wahrlich auch sehr weiser Herr, ich heiße dich nicht umsonst weise! Denn ich habe es auf meinen Hin- und Herwanderungen auf dieser lieben Gotteserde mehrfach erfahren, daß wahrhaft gute Menschen auch stets weise Menschen waren. Daß aber die guten Menschen im Erdenglück den harten und bösen Menschen nachstehen, daran schuldet nicht etwa die aus ihrer Weisheit geschöpfte Klugheit, als wäre sie eine mindere denn die listige der Harten und Bösen, sondern ihre Herzensgüte, die aus ihr hervorgehende Geduld und die Liebe zur Wahrheit, zu Gott und sogar zu den Feinden, die am Ende doch auch noch Menschen sind, wenn auch blind und taub, und aus dem allen erst die rechte und wahre Weisheit, die die vergänglichen Güter dieser Welt eben nie höher schätzt, als sie von allen großen und wahrhaft Weisen allzeit geschätzt worden sind. Und siehe, du wahrhaft bester Herr, darum nannte ich dich denn auch einen Weisen, weil ich so viel Güte in dir fand!“

[GEJ.09_009,12] Sagte Ich: „Da bist du am Ende ja auch ein Weiser, weil du meines guten Wissens auch ein guter Mensch bist?“

[GEJ.09_009,13] Sagte der Harfner ganz bescheiden: „Bester Herr, ich werde mich dessen wohl nie rühmen, und es mögen darüber die Weisen über mich urteilen! Aber das kann ich von mir aus über mich bekennen, daß ich sehr weise und hochgelehrt sich dünkende Menschen schon um vieles dümmere Handlungen begehen sah, als ich sie je begangen habe. Ich bin der Meinung: An den einen, allein wahren Gott unter allen noch so oft widrigen Lebensumständen ungezweifelt fest glauben und aus wahrer Gottesfurcht und Liebe Seine heiligen Gebote halten, ist offenbar weiser als im Glauben schwach werden, Gott den Rücken zuwenden und sich als ein hochgeehrter Weltweiser in alle erdenklichen Lustbarkeiten der Welt stürzen und also leben und handeln, als hätten die andern Menschen gar kein Recht auf dieser Erde, auf die sie doch auch von Gott aus gestellt worden sind, auch umherzuwandern und sich ihre nötigste Nahrung und andern Lebensunterhalt zu suchen! O bester und weiser Herr, habe ich da recht oder unrecht geurteilt?“

[GEJ.09_009,14] Sagte Ich: „Ganz vollkommen recht und somit auch recht sehr weise! Aber nun iß und trinke du nur nach deinem Bedürfnisse!“

[GEJ.09_009,15] Der Harfner aß und trank nun nach Herzenslust, da er schon sehr hungrig und durstig war; doch merkte man an ihm keine Eßgier und noch weniger einen Säufersinn.

 

10. Kapitel

[GEJ.09_010,01] Während aber unser Harfner ganz bescheiden aß und trank, machten die Jünger unter sich große Augen und staunten nicht wenig über seine weisen Worte.

[GEJ.09_010,02] Ich aber sagte zu ihnen: „Wie staunet ihr denn nun gar so über unseres Sängers Verstand? Habt ihr denn das noch nie gehört, daß Gott dem auch allzeit den Verstand gibt, dem wahrhaft Er zu Seiner Ehre ein Amt gegeben hat?! Ich sage es euch: Dieses Sängers Amt ist wahrlich eines der geringsten nicht auf dieser Erde; denn er erweicht durch die große Wärme seines Gesangs und seines Saitenspiels die harten Herzen, und in sie dringt dann leicht das Wort und die ewige Wahrheit.

[GEJ.09_010,03] Wenn Saul die Harfe Davids vernahm, da ward sein steinern Herz mürbe, und der böse Geist wich von ihm, und es steht auch in der Schrift darum: ,Lobet Gott den Herrn mit Psalmen, reiner Stimme und wohlgestimmten Harfen!‘ Was ein Johannes war, das soll der Harfner und Sänger euch werden!“

[GEJ.09_010,04] Mit diesen Worten waren die Jünger höchlichst zufrieden und begriffen die Ursache der weisen Rede des Harfners.

[GEJ.09_010,05] Aber die Worte des Psalms konnten die Heiden nicht unters Dach bringen und sagten untereinander: „Schade um den Künstler! Wenn er mit seiner götterhaft reinen Stimme unsere Götter nach der Weise Homers besänge gleich einem zweiten Orpheus, er würde in Athen und Rom vergöttert werden und sich große Schätze sammeln!“

[GEJ.09_010,06] Nach dergleichen weniger als nichtssagenden Gesprächen erhob sich derselbe Fremde, dem Ich zuvor einen Rat für seinen Magen gab, kam an unseren Tisch hin, noch einmal den Sänger hochbelobend, und sagte: „Um Vergebung, so ich euch irgend störe; aber so wir schon einmal als Gäste uns in diesem Saale zusammengefunden haben, und wahrlich keine Ursache haben, uns gegenseitig anzufeinden, so möge uns denn auch gegenseitig gegönnt sein, bei dieser wahrlich unerwartet herrlichsten Gelegenheit einige freundliche Worte miteinander zu verkehren! Denn ob wir Heiden sind und ihr Juden seid, das macht bei mir wenigstens dem wahren Menschenwerte gar keinen Eintrag, und ihr scheinet in dieser Hinsicht auch meiner Meinung und Lebensansicht zu sein!“

[GEJ.09_010,07] Sagte Ich: „Freund, vor Mir kann ein jeder Mensch sein freies Wort aussprechen, und so auch du und jeder deiner Genossen! Wenn du etwas hast, so rede offen!“

[GEJ.09_010,08] Sagte der Grieche: „Wir welterfahrenen und gebildeten Griechen sind zwar wohl schon lange über alle unsere Götterfabeln hinaus, und die besseren Juden halten auf ihren Eingottstempel vielleicht nicht um vieles mehr als wir Griechen und Römer auf unsere Vielgöttertempel. Dieser Harfner und Sänger sang einen mir nicht völlig unbekannten Psalm des einstigen Königs der Juden, der in der Reihe der Könige eures Volkes der zweite war und David hieß. Die Dichtung ist voll verborgener Theosophie; was aber daran klar ist, das scheint in dem zu bestehen, daß der große, mächtige, tapfere und auch siegreiche König als ein Eingottsbekenner alle Heiden erobern wollte, um sie auch zu bekehren zu seinem Glauben, weil ihm dies das Regieren um gar vieles erleichtert und sein Ansehen bei allen Völkern um ein gar großes erhöht hätte. Ob er aber bei sich wohl gar so ernstlich auf den einen Gott hielt, wie das aus seinen Dichtungen ersichtlich ist, das ist eine ganz andere Frage! Möglich wohl, – aber man könnte sich aus so manchen seiner Handlungen auch das Gegenteil denken! Doch sei ihm nun, wie ihm wolle, David war und bleibt ein großer und höchst denkwürdiger Mann in jeder guten Hinsicht, und die Erde wird Könige seinesgleichen wenige aufzuweisen haben, und ich kann den Sänger nur loben, daß er sich als ein reiner Altjude des großen Königs Psalmen zum Gegenstande seiner Musik und Sangesproduktionen machte. Doch bei aller seiner großen Vortrefflichkeit ist er dadurch, daß er nur ein Davidssänger ist, etwas einseitig. Würde oder könnte er auch unserer alten Dichter Psalter singen gleich einem Orpheus, und käme er als solcher nach Athen und Rom – wie ich das schon früher bemerkt habe –, so könnte er sich große Schätze erbeuten! Doch lassen wir das und gehen nun auf die Hauptsache über!

[GEJ.09_010,09] Unter anderm fiel mir in dem Psalm besonders die Stelle auf, die also lautete: ,Alle Götter der Völker sind tote Götzen; aber der Herr (also der eine, lebendige Gott der Juden) hat Himmel und Erde gemacht.‘ Sage mir doch, ob sich die Sache der vollen und erweisbaren Wahrheit nach denn auch also verhält! Denn wir Heiden nehmen vor dem ausgebildeten Dasein der Erde und des Himmels einen chaotischen Stoff an, aus dem dann irgend uns unbekannte mehr oder weniger intelligente Kräfte, die später von den phantasiereichen Menschen zu Göttern gemacht wurden, die Erde mit allem, was sie trägt, und auch den Himmel nach und nach geformt haben; ihr aber lasset alles von dem einen Gott in sechs Tagen oder etwa Zeitperioden aus nichts erschaffen. Welches ist da wahr? Zahllos viele Menschen in allen uns weit und breit bekannten Teilen der Erde glauben mit kleinen Unterschieden das, was wir und schon die ältesten Ägypter als eine nahezu erweisbare Wahrheit geglaubt haben; ihr aber seid von unserem Glauben so fern wie der Himmel von der Erde! Wer hat nun recht, und welches ist wahr? Kannst du die Wahrheit eurer Lehre erweisen, so lassen ich und alle meine Gefährten unsern Glauben und werden Juden; sonst aber bleiben wir, was wir sind, und werden von dem Sänger auch nicht begehren, daß er je nach Athen oder Rom kommen solle.“

 

11. Kapitel

[GEJ.09_011,01] Sagte Ich: „Freund, du verlangst etwas ganz Sonderbares nun von Mir! Dein Verstand ist zu sehr mit weltlichen und somit materiellen Dingen angefüllt; wie wird er da Geistiges zu fassen imstande sein? Wir echten, alten und wahren Juden aber haben unseren Verstand mit den geistigen Dingen erfüllt und können denn auch geistige Dinge als für uns wohl erweisbar leicht begreifen.

[GEJ.09_011,02] Es besteht Entsprechung wohl zwischen dem, was des Geistes und was der Materie ist. Wärest du in solcher Wissenschaft bewandert, da wäre es dir leicht zu erweisen, daß nur wir alten und reinen Juden in der vollen Wahrheit stehen, alle Heiden sich aber im Falschen und Unwahren trotz aller ihrer Weltweisheit befinden; aber solche innere Wissenschaft ist euch fremd, und es kann euch denn auch auf einem andern Wege schwer erwiesen werden, daß nur wir Juden allein in der vollen Wahrheit stehen.

[GEJ.09_011,03] David hat den einen, wahren Gott nur darum besungen, weil er an Ihn nicht nur geglaubt, sondern Ihn auch gesehen und allzeit mit Ihm geredet hat. Und unser Sänger hat, als selbst ein reiner Jude, wohl sehr recht, daß er durch sein Harfenspiel und durch seinen Gesang nur Dem die Ehre gibt, dem von Ewigkeit her allein die Ehre gebührt. Er soll darum auch den Heiden, die schon David zur alten Wahrheit zurückgerufen hat, nur die Psalmen Davids vorsingen, auf daß ihre Herzen weicher und offener werden zum Erkennen und Anbeten des nur einen, ewig wahren Gottes, der nicht ein den wahren Menschen so verborgener und unzugänglicher Gott ist, als wie da euch sind eure wahrlich nur erdichteten und nachher von Menschenhänden aus der toten Materie gemachten Götter. Daß sich aber die Sache also verhält, das können wir dir wohl alle sogar praktisch beweisen, obschon du dadurch der innern, geistigen und somit allein in sich lebendigen Wahrheit nicht näherstehen wirst, als du nun stehst.“

[GEJ.09_011,04] Sagte der Grieche: „Freund, so gib mir einen praktischen Beweis, und ich werde mit allen meinen Gefährten an den Gott der Juden glauben und auch die etwa von Ihm ausgehenden Gebote halten und dazu noch viele Tausende zu meinem Glauben bekehren!“

[GEJ.09_011,05] Sagte Ich: „Gut denn, einen solchen Beweis kann Ich als ein wahrer Jude der Juden, der Ich den einen, allein wahren Gott und Herrn Himmels und der Erden wohl kenne und auch weiß, daß Er ist, und wie Er ist, dir alsogleich vor deine Augen stellen! Du leidest noch an deinem Magen, darum du dich auch beinahe nichts zu essen und zu trinken getraust, obschon du nun Hunger und Durst ziemlich mächtig verspürst. Wieviel hast du schon deinen Götzen geopfert nach dem Rate der Priester, und wieviel Arzneien hast du schon verschluckt! Hat alles das dein Leiden nur im geringsten gemildert? Du sagst: ,Nein, nicht im geringsten!‘ Ich aber will dir durch die innere Anrufung des einen, allein wahren Gottes der Juden im Augenblick derart helfen, daß du nimmerdar ein Magenleiden verspüren sollst!“

[GEJ.09_011,06] Sagte der Grieche: „O Freund, so dir das möglich ist ohne Arznei, dann glaube ich nicht nur allein an euren Gott und werde Ihm auch sogleich alle Ehre erweisen samt allen meinen Gefährten, sondern ich will dir auch die Hälfte meines nicht kleinen Vermögens zukommen lassen!“

[GEJ.09_011,07] Sagte Ich: „Freund, dessen benötige Ich nicht; denn Mein allein wahrer und allmächtiger Gott gibt Mir und uns allen allzeit, dessen wir bedürfen. Und so benötigen wir nicht euch Heiden gleich der irdischen Schätze; denn die Schätze des Geistes Gottes in uns stehen endlos höher, als was da wert ist die ganze Erde und der ganze sichtbare Himmel, wovon du dich sogleich überzeugen wirst. Siehe, nun rufe Ich stille in Mir Gott den Herrn an, daß Er dir heile und stärke deinen Magen, – und sage mir nun, ob dein Magen schon besser ist!“

[GEJ.09_011,08] Hier erstaunte der Grieche über alle Maßen und sagte: „Ja, nun glaube ich ungezweifelt, daß nur euer Gott ein allein wahrer ist! Denn als du, Freund, die Worte zu eurem Gott noch kaum völlig ausgesprochen hattest, da ward es mir plötzlich so wohl im Magen, wie ich zuvor ein solches Wohlsein selbst in meinen gesundesten Jugendjahren noch niemals empfunden habe, und dieses Wohlbefinden fühle ich nun gleichfort und habe nun erst einen rechten Hunger und Durst. Deinem allein wahren Gott sei von nun an allein all mein Dank, alle Ehre und alle meine tiefste Hochachtung und Ergebung in Seinen heiligen, über alles mächtigen Willen bis zu meinem Lebensende! Oh, Er aber wolle uns Heiden erleuchten, gleichwie Er euch erleuchtet hat, auf daß wir Ihn möchten tiefer und tiefer erkennen und Ihm geben allein eine rechte, Ihm wohlgefällige Ehre!

[GEJ.09_011,09] Und du, ausgezeichnetster Psalmsänger, bleibe nur bei deiner guten, wahren Kunstweise, und besinge allzeit und überall des allein wahren und lebendigst allmächtigen Gottes Ehre; denn nur Ihm allein gebührt alle Ehre, nicht nur von uns Menschen, sondern nach dem Psalme auch von der gesamten Kreatur, die Sein Werk ist. Denn nun sehe ich es schon ein, daß nur Er allein alles, Himmel und Erde, Sonne, Mond und alle die zahllos vielen Sterne, erschaffen hat. Wie? Um das werde ich niemals fragen; denn es ist genug, daß ich nun weiß, daß Er ganz allein der Urgrund aller Dinge ist, und daß nichts als nur Sein Wille der eigentliche Stoff jedes Daseins ist. In diesem Glauben will und werde ich fortan leben, handeln, denken und endlich auch sterben.

[GEJ.09_011,10] Dir liebstem und vom Geiste Gottes erfülltem Freunde aber danke ich auch, daß du mich in diesem allerwichtigsten Lebenspunkte so treu und wahr belehrt hast, wodurch mir beinahe mehr geholfen ist als durch die Heilung meines böse gewesenen Magens. Doch da es mich nun schon sehr nach Speise und Trank gelüstet, so werde ich mich nun wieder an unsern Tisch setzen und mäßig meinen Leib erquicken und stärken!“

[GEJ.09_011,11] Sagte Ich: „Tue das nun ohne Furcht und Scheu, und bitte im Herzen Gott vor dem Essen, daß Er dir und allen Menschen die Speisen und den Trank segnen möchte, und Er wird solche Bitte allzeit erhören, und dir wird dann jegliche für die Menschen bestimmte Speise wohl dienen und deinen Leib wahrhaft nähren und stärken! Also sei es und bleibe es!“

[GEJ.09_011,12] Auf diese Meine Worte begab sich allerdankbarst der Grieche wieder an seinen Tisch, bat Gott um Seinen Segen und aß und trank darauf mit heiterm Mute und hatte keine Furcht mehr, daß ihm Speise und irgendein Trank je mehr schaden könnte. Was aber nun der eine Grieche tat, das taten auch alle seine vielen Gefährten und aßen und tranken darauf noch weiter mit großer Lust und Freude; auch redeten sie viel untereinander von der Wahrheit bezüglich des Seins des Gottes der Juden und konnten sich noch immer nicht zur Genüge verwundern über das, daß der wahre Gott der Juden die Menschen, die an Ihn lebendig glauben, auf Ihn all ihr Vertrauen setzen und Seine Gebote halten, also sehr mit Seiner Macht unterstützt, daß man am Ende bald glauben könnte, daß sie selbst Götter seien.

[GEJ.09_011,13] Nach mehreren solchen Besprechungen, während deren wir uns über die Vorgänge in Essäa besprachen, erhoben sich die nun vollends gesättigten Griechen, dankten dem wahren Gott der Juden für Seinen Segen und baten Ihn, daß Er allzeit mit solcher Gnade bei ihnen und bei allen Menschen, die Ihn darum anflehen werden im Glauben und Vertrauen, verbleiben wolle.

 

12. Kapitel

[GEJ.09_012,01] Darauf kam der Grieche wieder zu Mir und sagte: „Liebster Freund, war es also recht mit unserer Bitte und unserem Dank?“

[GEJ.09_012,02] Sagte Ich: „Du hast Kinder daheim, die du sehr lieb hast; wenn es sie hungert und sie bitten dich um Brot, wirst du ihnen das Brot als den Segen deiner Vaterliebe vorenthalten, wenn sie dich etwa nach einer dummen, eingelernten Form darum bitten? Siehst du doch als ein Mensch und Heide nur auf das Herz deiner Kinder, und ihr Lallen gilt dir mehr als die schmuckvollste Rede eines Rhetors. Um wie vieles mehr sieht Gott als der allein wahre Vater aller Menschen nur auf deren Herzen und nicht auf die eitlen Worte des Mundes und auf deren künstlich geordnete Form!

[GEJ.09_012,03] Eure Bitte und euer Dank, wennschon in schlichte Worte eingekleidet, kam aus euren Herzen, und so hatte der allein wahre Vater der Menschen im Himmel auch ein rechtes Wohlgefallen daran. Bleibet also, und es wird euch dann zur rechten Zeit ein höheres Licht aus den Himmeln hinzugegeben werden! Wendet euch allzeit in der vollsten Liebe eurer Herzen zu Gott, dem ewigen Vater im Himmel, und Er wird sich allzeit zu euch kehren mit dem lebendigen Lichte der ewigen Wahrheit in Ihm!

[GEJ.09_012,04] Aber um Gott recht zu lieben, müßt ihr auch eure Nächsten lieben wie euch selbst und niemandem ein Unrecht zufügen. Was ihr nicht wünschet, daß man es euch antue, das tut auch euren Nebenmenschen nicht an! Ich verstehe das in einer vernünftigen und weisen Hinsicht und Beziehung; denn so könnte sonst auch ein Raubmörder verlangen, daß man darum auf ihn nicht fahnden und ihn den Gerichten übergeben solle, weil er in solcher Absicht auf niemanden fahndet, – und derlei Ungereimtheiten noch eine Menge.

[GEJ.09_012,05] Wer sonach seinen Nebenmenschen treu und vernünftig und somit auch wahrhaft liebt, der liebt auch Gott und wird von Gott wiedergeliebt. Wer aber schon seinen Nächsten nicht liebt, den er doch sieht, wie wird er dann Gott lieben, den er nicht mit seinen Augen sehen, noch mit seinen Ohren hören kann?

[GEJ.09_012,06] Ihr seid Handelsleute und Wechsler, und es ist euch ein großer Gewinn denn auch lieber als ein kleiner und somit gerechter; Ich aber sage es euch: Seid in der Folge in allem gerecht, und denket, wie es euch lieber ist, daß ein anderer gegen euch gerecht und billig ist, also seid auch ihr gerecht und billig gegen eure Nächsten im Preis, Maß und Gewicht! Denn mit welchem Maß, Gewicht und Preis ihr eure Nebenmenschen bedienet, mit demselben Maße wird es euch Gott der Herr und Vater im Himmel wiedervergelten. Denn Lügner und Betrüger in jeder diesirdischen Lebensbeziehung werden von Gott nicht angesehen und in Sein ewiges Lebensreich nicht eingehen. Das kann Ich euch wohl sagen, weil Ich Gott und Sein Reich und Seinen ewigen Herrscherthron und Seinen Willen gar wohl kenne.

[GEJ.09_012,07] Habt ihr das verstanden, so tuet auch danach, und es wird der wahre und lebendige Segen nicht von euch genommen werden! So ein Mensch in einem Königreich des Königs Gesetze kennt und sie auch stets treulich befolgt und der König darum weiß, so wird er dem Menschen wohlgewogen sein, ihn achten und liebhaben und ihn auch leicht in ein Amt setzen zum Lohne seiner Treue. So ihr aber nun durch Mich vernommen habt den Willen des einen, wahren Gottes, so tuet denn auch danach, und ihr werdet Gnade bei Gott finden!“

[GEJ.09_012,08] Sagte der Grieche: „Freund, wir danken dir für diese wahrlich allerweiseste Belehrung und versprechen dir auch, daß wir von nun an treulich danach leben und handeln werden! Aber da es nun eben noch nicht so spät in der Zeit der Nacht ist und ich nun aus deinen Reden und aus deiner Handlung an mir ersehen habe, daß du den allein wahren Gott gar wohl kennst und als völlig nach Seinem Willen lebend und handelnd dich auch Seiner Liebe und Freundschaft erfreust, so kannst du aus dem Lichte Gottes in dir uns ja auch noch so einige Winke geben, wie Gott wohl aus Sich ohne Stoff und Materie diese Erde hat erschaffen können. Ich habe wohl schon ausgesprochen, daß der Stoff, aus dem alles erschaffen ist, pur in dem allmächtigen Willen Gottes besteht; aber dessenungeachtet muß ich dennoch darüber nachdenken, wie möglich etwa doch aus dem puren Willen Gottes der Stoff und die Materie geworden sind. So wir Griechen davon nur so einen kleinen Begriff bekämen, dann wären wir aber auch über die Maßen zufrieden.“

[GEJ.09_012,09] Sagte Ich: „Ihr verlanget wahrlich Dinge, die der menschliche Verstand niemals völlig begreifen kann; und begriffe er auch ein Näheres in des Reiches Gottes tiefsten Geheimnissen, so würde ihn das der Liebe Gottes nicht näher bringen! Denn niemand kann wissen, was in Gott ist, denn allein nur der Geist Gottes; wer aber Gottes Gebote hält und Ihn liebt über alles, der bekommt dann auch den Geist Gottes in sein Herz, und dieser sieht dann auch in die Tiefen Gottes.

[GEJ.09_012,10] Tut denn nur, was Ich euch geraten habe; ihr werdet dadurch in alle höhere Weisheit geleitet werden, und es wird euch dann das, was euch nun unbegreiflich und unmöglich dünkt, so klar und leichtfaßlich werden wie eurer Kinder Spielzeug!

[GEJ.09_012,11] Auf daß ihr aber noch einen Beweis habt, wie Gottes Wille in Sich alles ist, als erstens pur Geist und dann auch Stoff und Materie, so bringet Mir einen völlig leeren Krug von eurem Tische her!“

[GEJ.09_012,12] Da brachte sogleich ein anderer Grieche einen völlig leeren Krug und stellte ihn vor Mir auf den Tisch, sagend: „Hier, Freund Gottes, ist ein bis auf den letzten Tropfen vollkommen geleerter Krug!“

[GEJ.09_012,13] Sagte Ich: „Gut denn, gebet nun wohl acht, und nehmet den Krug in eure Hand! Seht, wie er noch leer und sogar trocken ist! Ich aber will nun aus dem Willen Gottes in Mir, daß der ziemlich große Krug im Augenblick voll des reinsten und besten Weines werde, den ihr dann zur besonderen Stärkung eurer Glieder trinken könnet!“

[GEJ.09_012,14] Als Ich das ausgesprochen hatte, war der Krug auch schon voll des besten Weines.

[GEJ.09_012,15] Als die beiden Griechen das gar wohl ersahen, da sagten sie höchst erstaunt: „Ja, nun sahen wir alleraugenscheinlichst, daß der Wille des einen, wahren Gottes Alles in Allem ist, darum Ihm allein alle Ehre! Wir brauchen das Wie gar nicht zu wissen, es genügt, daß wir wissen, daß es also und nicht anders ist und sein kann.“

[GEJ.09_012,16] Sagte Ich: „Nun, da ihr den Wein habt, der ebenso nur der Wille Gottes ist wie der, den ihr daheim in den Schläuchen in großer Menge besitzet, so trinket ihn denn auch und saget, wie er euch schmeckt!“

[GEJ.09_012,17] Da verkosteten die Griechen den Wein und konnten abermals nicht zur Genüge staunen über seine Güte und Kraft.

 

13. Kapitel

[GEJ.09_013,01] Als sich aber die Griechen über das Wunderwerk an ihrem Kruge noch gar löblich besprachen, da kam noch eine Gesellschaft von einer Art Künstlern, die aber Griechen waren. Ihre Kunst bestand aber darin, daß sie allerlei gymnastische Bewegungen und Sprünge machen konnten. Diese ersuchten auch den ihnen wohlbekannten Wirt, ihre armselige Kunst vor den Gästen produzieren zu dürfen.

[GEJ.09_013,02] Der Wirt aber fragte auch diesmal Mich, ob er ihnen das gestatten solle.

[GEJ.09_013,03] Sagte Ich: „Du bist der Herr in deinem Hause und kannst tun, was dir gut dünkt! Uns geht aber das nichts an, und wir werden uns um deren heidnische Produktion auch gar nicht kümmern. Ich aber muß gar viele Torheiten der Menschen mit aller Geduld und Langmut ertragen; warum sollte Ich diese Dummheit nicht mit ertragen? Frage aber die Griechen, ob sie nun eine solche nichtssagende und für die Menschheit gänzlich unnütze Produktion wünschen! Ist sie ihnen genehm, so können sie sich von diesen armseligen Menschen ja einige ihrer Künste vormachen lassen; ist den Griechen aber das nicht genehm, dann können sie diese Gymnastiker auch gehen lassen.“

[GEJ.09_013,04] Auf das ging der Wirt hin und besprach sich mit den Griechen.

[GEJ.09_013,05] Diese aber sagten (die Griechen): „Freund, wir haben hier das Höchste aller Künste gehört, gesehen und sind nun ganz mit dem allein wahren Gott der Juden beschäftigt, und da taugen derlei gar zu dumme und den Menschen nie einen Nutzen bringende Künste nicht mehr vor unseren Augen. Wir kennen aber diese Gymnastiker ohnehin schon lange samt ihren Leistungen und wollen sie nun nicht noch einmal wieder kennenlernen, und so können sie von uns aus gehen, wie sie gekommen sind.“

[GEJ.09_013,06] Als der Wirt von den Griechen diesen ganz guten Bescheid erhielt, da sagte er zu den Gymnastikern: „Da von eurer nichts nützenden Kunst niemand etwas zu sehen wünscht, so könnet ihr wieder gehen, wie ihr gekommen seid!“

[GEJ.09_013,07] Mit diesem Bescheide waren die Gymnastiker schlecht zufrieden, und ihr Oberster sagte: „Herr, wir sind mit unserer Kunst beinahe die halbe Welt aus- und durchgereist und sind allenthalben höchst bewundert worden; es ist uns noch niemals verweigert worden, uns zu produzieren! Wir sind zum mindesten wahre Halbgötter und sind die ersten Günstlinge des großen Gottes Mars, wie auch des Apollo und der neun Musen, und diese werden sich rächen an diesem Hause für die Schmach, die uns hier angetan wurde!“

[GEJ.09_013,08] Sagte der Wirt, ganz in heiterer Stimmung: „Seit wir alle in diesem Hause den nur einen und allein wahren Gott der Juden haben kennengelernt, haben wir vor den toten Göttern der Ägypter, Griechen und Römer wahrlich nicht die allergeringste Furcht mehr; und so möget ihr uns mit euren Götzen drohen, wie ihr wollet, so wird uns das in unserer Ruhe nicht im geringsten beirren.

[GEJ.09_013,09] So ihr aber schon die halbe Welt nach eurer Aussage bereist und euch auch schon sicher große Schätze und Reichtümer erworben habt, so bereiset als seiende wahre Halbgötter noch die übrige halbe Welt, und lasset euch hoch ehren, wie ihr wollet, doch uns lasset in Ruhe! Wollet ihr hier aber irgendeinen Spektakel machen darum, weil hier kein Mensch von eurer Kunst etwas sehen will, so dürfte euch so etwas teuer zu stehen kommen; denn es befindet sich ein gar mächtiger Herr hier an meinem Tische, dem nichts unmöglich ist. Der würde euch für eure Zudringlichkeit sicher höchst empfindlich zu züchtigen imstande sein! Und so gehet denn nun lieber gutwillig aus diesem meinem Hause!“

[GEJ.09_013,10] Sagte der Oberste ganz ergrimmt: „Wenn du nun vor den erhabenen Göttern keine Furcht mehr hast, so du sie als tot und nichtig bezeichnest gegenüber dem chimärenhaften Gott der Juden, der nichts als eine leere Dichtung ist, da wisse, du Götterverachter: Ich selbst bin der Gott Mars und werde dies Land durch Krieg, Hunger und Pest zu verderben verstehen! Als Gott aber habe ich sicher keine Furcht vor irgendeinem allmächtigen Juden an deinem Tische!“

[GEJ.09_013,11] Hierauf aber sagte Ich zu dem Mars-Obersten: „Du frecher Heide, nun siehe, daß ihr weiterkommt, – sonst sollst du die Macht des allein wahren Gottes der Juden zu verkosten bekommen!“

[GEJ.09_013,12] Auf diese Meine Worte ward der Oberste erst recht grob und fing an, gegen Mich aufzubegehren.

[GEJ.09_013,13] Ich aber bedrohte ihn noch einmal, und da er noch nicht gehen wollte, so sagte Ich zu ihm: „Weil du auf Meine Aufforderung dich nicht entfernen wolltest, so werde Ich dich durch die Kraft und Macht des Judengottes nun im Augenblick hundert Tagereisen ferne von hier samt deiner Gesellschaft entfernen; dort kannst du dich dann als den Gott Mars von den Mohren anbeten lassen! Und so denn fort mit euch!“

[GEJ.09_013,14] Als Ich das ausgesprochen hatte, da verschwanden die argen Gymnastiker denn auch augenblicklich und wurden versetzt unter jene Mohren in Afrika, die wir schon in Cäsarea Philippi kennengelernt haben, allwo sie bald in der von Mir ausgehenden Lehre unterwiesen und also zu Meinen Jüngern wurden.

[GEJ.09_013,15] Wir aber besprachen uns dann noch über manches und auch über die schnelle Entfernung der vorgeblichen Halbgötter.

[GEJ.09_013,16] Und es war so die Mitternacht herbeigekommen, in der wir uns denn auch zur Ruhe begaben.

[GEJ.09_013,17] Auch der Harfner und Sänger blieb bei uns; der fing an, es zu begreifen, vor wem er seine Psalmen gesungen hatte, darum seine Liebe zu Mir denn auch stets mächtiger wurde.

 

14. Kapitel

[GEJ.09_014,01] Die Griechen aber blieben denn die ganze Nacht auf und konnten über das gar so plötzliche Verschwinden der Gymnastiker nicht ins klare kommen und fragten sich untereinander, ob Ich es mit ihnen wohl ganz ernst gemeint habe, oder ob Ich sie durch die Gewalt Gottes in Mir nur so bloß hinaus in irgendeinen andern Stadtteil getrieben habe.

[GEJ.09_014,02] Aber der erste Redner sagte: „Ich meinesteils bin der Meinung, daß der machtvolle Freund des einen, wahren Gottes durchaus niemals etwas nur so pro forma ausspricht; sondern was er einmal im Verein mit der innern, in ihm wohnenden Kraft des Jehova fest ausspricht, das geschieht auch ohne die allergeringste Abänderung also, wie er es ausgesprochen hat. Und so werden die Gymnastiker sich nun denn auch schon dort befinden, wo er etwa im tiefen Afrika einen Platz für sie bestimmt hat!“

[GEJ.09_014,03] Sagte ein anderer: „Wenn sie durch die Luft – was denn doch am wahrscheinlichsten ist – dahin in mehr denn Blitzesschnelle geworfen worden sind, so wird es ihnen bei einer solchen Wanderung sicher nicht am besten ergangen sein!“

[GEJ.09_014,04] Sagte der erste Grieche: „Darum sorge ich mich nicht; denn er hat mit seinem Machtworte von einer Beschädigung der Gymnastiker nichts merken lassen; und so meine ich, daß sie ihre wundersame Wanderung unversehrt werden gemacht haben. Wie es ihnen aber an dem neuen und ganz fremden Orte weiter ergehen wird, das ist wohl freilich eine ganz andere Frage. Wer weiß es aber, warum er das also hat geschehen lassen? Vielleicht kann mit unseren armseligen Künstlern auch noch ein guter Zweck zu erreichen sein?“

[GEJ.09_014,05] Dieser Meinung waren bald auch die andern Griechen, und sie schlummerten bei solchen Gesprächen gen Morgen an ihrem Tische denn auch ein.

[GEJ.09_014,06] Ich Selbst schlief diesmal mit den Jüngern bis zum vollen Sonnenaufgang in einem ordentlichen Schlafgemach; denn Ich wollte Mich mit den Jüngern der vielen Marktleute wegen nicht zu früh in die offene Stadt begeben, da Ich da wohl erkannt worden wäre, – was in der Stadt unter den Menschen ein Mich vor der Zeit ruchbar machendes Aufsehen erregt hätte. Und so blieb Ich denn auch bis nahe gen Mittag hin in der Herberge.

[GEJ.09_014,07] Als Ich mit den Jüngern wieder in das große Gastzimmer kam, da waren unsere Griechen auch schon wach und saßen schon ganz wohlgemut bei dem für sie bereiteten Morgenmahle und begrüßten Mich freundlichst.

[GEJ.09_014,08] Es ward aber auch für uns das Morgenmahl bereitet, und wir setzten uns denn auch sogleich zum Tische und nahmen es ein.

[GEJ.09_014,09] Die Griechen fragten Mich aber auch gleich nach ihrem eingenommenen Morgenmahle um das etwa sicher sehr traurige Los der Gott weiß es wohin geworfenen Gymnastiker, und Ich sagte ihnen auch, wie es ihnen ergehe, noch weiter ergehen werde, und was sie fernerhin tun würden.

[GEJ.09_014,10] Damit waren die Griechen denn auch zufrieden, baten Mich noch einmal um den Segen Jehovas und begaben sich dann bald an ihre Marktgeschäfte.

[GEJ.09_014,11] Ich aber sagte zu ihnen, daß sie Mich nicht vor ihren Mitkaufleuten am Vormittage ruchbar machen sollten, – was sie Mir auch versprachen und ihr Versprechen nach Möglichkeit auch hielten.

[GEJ.09_014,12] Als unsere Griechen fort waren, da fragten Mich die Jünger, sagend: „Herr, bis gen Mittag sind noch etliche Stunden! Sollen wir diese ganz müßig zubringen oder sollen wir etwas tun?“

[GEJ.09_014,13] Sagte Ich: „Wir sind nun schon nahe an dritthalb Jahre beisammen, und ihr habt wenig irgend etwas anderes zu tun gehabt, als daß ihr Mich allenthalben begleitet, angehört und Meine Taten angestaunt habt, und ihr habt dabei niemals Hunger und Durst gelitten und seid nie nackten Leibes einhergegangen. Habt ihr es schon so lange, ohne etwas Besonderes zu tun, ausgehalten, so werdet ihr es etwa wohl auch heute bis gen Mittag aushalten, ohne irgend etwas Besonderes zu tun!

[GEJ.09_014,14] Wenn Ich nicht mehr unter euch sein werde körperlich und an euch Mein Amt übertragen werde, dann werdet ihr schon genug zu tun haben; für jetzt aber besteht eure Tätigkeit darin, daß ihr allenthalben Meine Zeugen seid. Es wird aber gar nicht lange hergehen, bis wir etwas auch hier im Hause zu tun bekommen werden, und es wird euch die Zeit nur zu schnell verrinnen!“

[GEJ.09_014,15] Mit diesem Bescheid waren die Jünger wieder zufrieden, blieben ruhig am Tische sitzen und besprachen sich mit den Jüngern des Johannes.

[GEJ.09_014,16] Mein Jünger Johannes aber nahm sein Schreibzeug aus seiner stets mit sich getragenen Reisetasche und machte sich ganz kurze Noten über unsere Reise und Taten von Jericho nach Essäa und von da wieder nach Jericho.

[GEJ.09_014,17] Ich Selbst aber besprach Mich mit dem Wirte, mit seinem Sohne Kado und mit seinem alten Diener Apollon über verschiedene, mehr diesweltliche Dinge, welche zum Nutz und Frommen in landwirtschaftlichen Angelegenheiten dienlich waren, wofür Mir die drei sehr dankten, weil ihnen derlei Mittel zum besseren Fortkommen der Landwirtschaft vorher ganz unbekannt waren.

 

15. Kapitel

[GEJ.09_015,01] Als wir so bei einer Stunde Dauer uns mit Wort und Rat unterhielten, da entstand auf dem Platz vor dem Hause unseres Wirtes ein ungewöhnlich großer Lärm, und es hatte sich darum viel Volkes in wenigen Augenblicken angesammelt. Das lockte auch einige Meiner Jünger an die Fenster des Saales.

[GEJ.09_015,02] Ich aber berief sie zurück, sagend: „Wozu diese Neugier? Wir werden es etwa wohl noch früh genug erfahren, was es gibt! Etwas gar zu Erbauliches sicher nicht, und das, was schlecht ist, erfährt man allzeit nur zu früh, so man es auch etwas später erfährt.“

[GEJ.09_015,03] Darauf zogen sich die etlichen neugierigen Jünger wieder an den Tisch zurück.

[GEJ.09_015,04] Es dauerte aber gar nicht lange, da brachten mehrere Kaufleute mit ganz ergrimmten Gesichtern drei mit Stricken fest geknebelte Hauptdiebe, die im Gedränge bei den Kaufleuten Geld und auch andere Dinge gestohlen hatten, in das Gastzimmer zum Wirte, um sie da anzuklagen, weil eben der Wirt in dieser Stadt eine Art Bürgermeister und Marktrichter war und die Diebe zu verhören und dann dem Hauptgericht zur Bestrafung zu überantworten hatte.

[GEJ.09_015,05] Es war aber dem Wirte dieser Fall nicht angenehm um Meinetwegen. Aber was wollte er machen? Er mußte die Kaufleute und noch andere Zeugen anhören und die drei schon allbekannten Diebe in ein festes Gewahrsam nehmen.

[GEJ.09_015,06] Als die Kaufleute das ihnen Gestohlene wieder zurückerhielten, da entfernten sie sich denn auch bald wieder und gingen in ihre Verkaufsbuden.

[GEJ.09_015,07] Ich aber sagte zum Wirte: „Freund, da außer uns nun niemand hier ist, so lasse du die drei Diebe aus der festen Kammer hierher bringen, und Ich werde mit ihnen reden!“

[GEJ.09_015,08] Solches tat der Wirt, und die drei Diebe wurden von seinen Knechten zu uns gebracht.

[GEJ.09_015,09] Als sie vor Mir standen, redete Ich sie also an: „Ihr seid Juden aus der Gegend unweit von Bethlehem. Habt ihr nicht erlernt das Gesetz Gottes, darin es heißt, daß man nicht stehlen soll? Wer erteilte euch denn die Befugnis, wider das göttliche Gesetz zu handeln? Redet frei und offen, so ihr nicht einer noch härteren Strafe verfallen wollet als die, die euch auf euer Verbrechen ohnehin erwartet!“

[GEJ.09_015,10] Auf diese Anrede sagte einer der drei Diebe: „Herr, sei uns gnädig und barmherzig, und ich will dir alles vom Grunde aus sagen, wie sich diese ganze Sache verhält! Sieh, wir sind drei Brüder, und unsere Eltern besaßen wahrlich in der Nähe der Stadt Davids Haus, Grund und Boden und waren samt uns und noch unseren vier Schwestern, die wohl die Schönsten in der ganzen Gegend waren, ganz gute und fromme Menschen und waren auch wahrlich wohlhabend.

[GEJ.09_015,11] Es starb aber der Vater um etliche Jahre früher denn die Mutter, die stets große Stücke auf die Priester besonders in Jerusalem hielt; was diese ihr mit frommer Miene sagten, das galt ihr für Gottes Wort.

[GEJ.09_015,12] Die frommen Gottesdiener aber benutzten nur zu bald die blinde Leichtgläubigkeit der Mutter, malten ihr den Himmel mit den buntesten Farben überaus herrlich vor, die Hölle (Scheoul) aber dagegen so schrecklich qual- und martervoll, als einer bösen Menschenphantasie nur immer möglich ist. Auf daß sich unsere Mutter auf dieser Welt schon völlig des Himmels versichern könne, so müsse sie nach dem Rate der gar entsetzlich frommen Priester alles verkaufen und das Geld dem Tempel zum Opfer bringen; auch die vier Schwestern müsse sie dem Tempel übergeben, auf daß er für sie sorge und sie bewahre in der jungfräulichen Reinheit und Keuschheit. Denn so eine der Töchter sich einem Manne vor der Ehe ergäbe, so würde solche Sünde die Seele der Mutter in den allertiefsten Grund der Hölle auf ewig verdammen. So die Mutter aber das täte, was er als der Priester, der Tag für Tag mit Gott verkehre und Seinen Willen kenne, ihr anrate, so komme sie nach des Leibes Abfall nicht nur sogleich in das himmlische Paradies, sondern sie werde auch vom Tempel aus im heiligen Witwenstifte zur größeren Heiligung ihrer Seele versorgt werden, wo etwa an den Sabbaten und hohen Festen die frömmsten Witwen von den Engeln Gottes bedient werden und kein Teufel sich mehr einer Seele nahen kann, um sie zu verführen.

[GEJ.09_015,13] Das galt unserer Mutter so viel, als hätte ihr das Jehova unter Blitz und Donner vom Berge Sinai herab verkündet.

[GEJ.09_015,14] Wir drei Söhne, die wir das lose Treiben der Templer schon ein wenig durchschaut hatten, widerrieten der Mutter, das zu tun; aber das half nichts, und sie verkaufte in kurzer Zeit alles, und wir mußten das schwere Geld ihr noch in den Tempel schaffen helfen.

[GEJ.09_015,15] Wir aber fragten dann ganz traurig den Obersten im Tempel, was denn wir nun als an den Bettelstab Gebrachte tun sollten. ,Wer wird uns versorgen, und wo werden wir nun einen Dienst und ein Brot finden?‘

[GEJ.09_015,16] Da gab uns der Oberste drei Silberlinge und jedem ein gewisses Päckchen, darin sich etliche Reliquien befanden, und sagte: ,Mit den drei Silberlingen könnet ihr sieben Tage lang leben, und die in den drei heiligen Päckchen wunderbar anwesende Kraft Gottes wird euch alles zu eurem Glücke gelingen helfen, was ihr immer unternehmen werdet. Ihr könnet im Besitze dieser Päckchen auch stehlen und rauben, nur nicht morden, außer im Notfalle einen reichen Heiden und auch einen Samariten, und es wird euch das von Gott aus zu keiner Sünde gerechnet werden, weil ihr durch die fromme und Gott überaus wohlgefällige Tat der Mutter vor Ihm gerechtfertigt und den Engeln gleich geheiligt seid! Darauf bestrich er uns mit einem Stabe und hieß uns gehen.“

 

16. Kapitel

[GEJ.09_016,01] (Die drei Räuber:) „Wir waren anfangs wohl sehr traurig und zogen weinend in unsere Gegend zurück, um allda ein Unterkommen zu finden. Wir fanden auch Dienste, die aber wahrlich so elend waren, wie es schon nichts Elenderes geben kann. Von einem Lohne war schon gar nirgends eine Rede. Um eine für die Schweine zu schlechte Kost mußten wir beinahe Tag und Nacht schwer arbeiten und wurden bei allem unserm Fleiße allzeit nur beschimpft und getadelt; und suchten wir irgendeinen andern, vielleicht doch besseren Dienst, so fanden wir statt einen bessern nur einen noch schlechteren.

[GEJ.09_016,02] Wir litten so fünf Jahre hindurch mehr denn so mancher Heidensklave, und da man uns nirgends einen Geldlohn gab und wir auch sahen, wie schändlich wir von den Templern aller unserer Güter unter dem Titel ,Zur Ehre Jehovas‘ beraubt worden waren, und auch stets heller einzusehen anfingen, daß der Tempel zu Jerusalem kein Gotteshaus, sondern eine wahre Räuberhöhle und Mördergrube ist, so verloren wir denn auch allen Glauben an einen Gott, und die ganze Lehre Mosis und der Propheten galt uns nur als ein Menschenwerk, durch das sich die pfiffigeren und zum Arbeiten trägen Menschen durch die Hände der Armen und leichtgläubig blinden Menschen eine feste Burg erbauten, um aus derselben die Menschen zu knechten, für sich arbeiten zu lassen und sich dabei im größten Wohlleben zu mästen.

[GEJ.09_016,03] Ob wir die besagten fünf elendesten Jahre hindurch uns an keinen Diebstahl gewagt haben? Nein! Weil uns unser Glaube an einen allsehenden Gott davon noch abhielt. Aber nach dieser Zeit fingen wir uns ernstlicher zu fragen an, ob es wohl einen Gott gäbe, – und stets lauter kam uns aus unseren Erfahrungen die Antwort entgegen: Nichts gibt es! Alles ist Trug und Lüge, erfunden von trägen und phantasiereichen Menschen zu ihrem irdischen Wohle! Nur wir ohne unser Verschulden arm gewordenen Menschen sollen die Gesetze halten und an einen Gott glauben; die Reichen und Arbeitsscheuen haben das nicht nötig, weil sie wissen, daß am Moses und all den Propheten kein wahres Wörtlein haftet. Denn wäre es anders, so müßten sie ja doch selbst im Glauben stehen und die Gesetze halten, die an und für sich fürs irdische Zusammenleben der Menschen wohl ganz gut sind, aber in sich dennoch keinen moralisch geistigen Wert haben; denn hätten sie den, da müßten ja doch vor allem die Priester zum Beispiel für die blinden Laien strenge danach leben.

[GEJ.09_016,04] Kurz, unter solchen gewiegten Betrachtungen in unserem Elende und infolge der stets totalen Unerhörtheit aller unserer vielen Bitten, die wir unter vielen Tränen zu den Sternen emporsandten, und ferner noch mehr infolgedessen, als wir vernommen hatten, daß unsere Mutter in dem gewissen Stifte auffallend bald nach ihrem Eintritt gar elend gestorben sei und unsere schönsten Schwestern von den Pharisäern beinahe zu Tode geschändet worden seien, war es vollends aus mit all unserem Glauben, und wir beschlossen, uns an der argen Menschheit zu rächen und ihr zu Gefallen keine leichtgläubigen, blinden Narren mehr zu machen.

[GEJ.09_016,05] Wir fingen an, uns an den Reichtümern der Wohlhabenden zu vergreifen, und es gelang unserer Schlauheit stets, mit heiler Haut durchzukommen. Dies gab uns doch noch so ein kleines Vertrauen zu unseren gewissen Paketchen, und wir befanden uns ganz wohl bei unserem Geschäfte durch einige Jahre. Doch diesmal waren wir zu wenig vorsichtig und wurden ergriffen, was uns denn auch wahrlich nichts macht; denn wir sind alles mögliche Elend schon gewohnt und unser Leben ist uns schon lange zum höchsten Überdruß geworden, und jeder von uns wünscht sich den Tod. Doch bevor wir etwa ans Kreuz gebunden werden, soll laut der gräßlichste Fluch über die ganze Erde, über alle Menschen und anderen Kreaturen, über Sonne, Mond und Sterne und über die Naturkraft, die uns in ein so elendes Dasein rief, überlaut ausgesprochen werden, und wir werden es den Menschen zeigen, was und wieviel an ihrem allein wahren Gott, an Seinen Gesetzen und an Seinen Priestern gelegen ist.

[GEJ.09_016,06] Wir haben zwar bis jetzt noch keine Mordtat begangen, und das aus dem Grunde, weil wir Elenden jedem sein elendes Leben gönnten und niemand von seinem größten Elende befreien wollten, – doch wer sich uns widersetzte auf den Straßen, der ward von uns arg zugerichtet; denn aus unseren Herzen ist schon lange ein jeder Tropfen barmherzigen Blutes entschwunden. Wahrlich, könnten wir mit einem Schlag gar alle Menschen auf der ganzen Erde vernichten, so wäre das für uns ein größtes Labsal, und irgendein harter und tauber Gott könnte sich dann wieder andere elende Menschenkreaturen aus den Pfützen und Sümpfen zu Seinem tyrannischen Vergnügen zusammenmodeln!

[GEJ.09_016,07] Und nun weißt du, gestrenger Herr und Richter, alles und kannst über uns Elende nach deinem Gutdünken urteilen; doch bedenke wohl zuvor, wer und was die Schuld an unserem Elend war! Wir haben treu, wahr und offen, wie du es verlangt hast, geredet.“

 

17. Kapitel

[GEJ.09_017,01] Als der eine Dieb vor Mir solches ausgeredet hatte, da schlug der Wirt, Kado und der alte Apollon dreimal die Hände über dem Kopfe zusammen und sagte: „Nein, Herr und Meister, das von den Pharisäern von Jerusalem zu hören, macht mich ordentlich grimm- und wutwirre im ganzen Gemüte, und ich begreife nun wahrlich nicht, wie ein Gott, den du uns auf die allerwahrste und lebendigste Weise kennen lehrtest, solchen Greueln so viele Jahre lang mit einer wahrlich unbegreiflichen Geduld zusehen kann und wie zulassen solche Missetaten. Gegen solche Priester sind ja die Straßendiebe und Räuber noch wahre Engel!

[GEJ.09_017,02] Wahrlich, wenn diese drei dadurch so elend geworden sind, wie der eine es ausgesagt hat, so verdienen erstens die elenden Templer, die ärger denn die Heidenfurien handeln, mit einem Hieb vernichtet zu werden, und diese drei verdienen zweitens nicht nur keine Strafe, sondern noch eine Belohnung; denn daß sie das geworden sind, als was sie nun vor uns stehen, daran schuldet doch wohl niemand anders denn solche fluchwürdigsten Priester, die sich als Diener des einen, allein wahren Gottes allenthalben überhoch ehren und anbeten lassen, als Menschen aber alle wilden und reißenden Wald- und Wüstenbestien an Grausamkeit himmelhoch übertreffen.

[GEJ.09_017,03] Herr und Meister, es wäre da wahrlich an der Zeit, über solche Ausgeburten der wahrhaftigen Hölle ein sie vernichtendes Gericht loszulassen; denn diese Ärgsten aller Argen müssen ja schon eine solche Masse Greuel an ihren Nebenmenschen begangen haben, daß deren Zahl kein Mensch mehr auszusprechen vermag! Diese drei aber dauern mich als einen Heiden in der Seele, und ich werde sie mit keiner Strafe belegen, sondern sie freilassen, und sie sollen und werden in meinem Hause ihr gutes Unterkommen haben ihr Leben lang und mir als treue Zeugen allzeit zur Seite stehen, wo es sich darum handeln wird, gegen die Teufel im Tempel zu Jerusalem kräftigst zu wirken. Es soll mir nur bald wieder so ein Judenpriester, wie das sehr oft geschieht, mit einer Klage wider jemanden kommen, bei dem er noch einen Zehnt einzutreiben hat! Ich werde ihm dann schon sagen, wie er heißt, und was er von mir für ein Recht zu gewärtigen hat! Und habe ich einmal das Zeitliche verlassen, so wird mein liebster Sohn Kado in meinem Geiste fortzufahren verstehen.“

[GEJ.09_017,04] Hierauf wandte er sich zu den drei Dieben mit freundlicher Miene und sagte: „Seid ihr mit meinem Urteil zufrieden, und wollet ihr meinen Antrag annehmen?“

[GEJ.09_017,05] Sagte der eine, der schon ehedem geredet hatte: „Also, unter den Heiden gibt es noch wahre Menschen, die man unter den Juden nicht mehr findet, die sich frechstermaßen das erwählte Volk Jehovas und Kinder Gottes nennen, dabei aber wahre Kinder aller Teufel sind! Mit vielen Freuden und mit dem dankbarsten Herzen nehmen wir deinen Antrag an und wollen dir treuer dienen als jemand, den du zu deinen treusten Dienern gezählt hast. Wir wollen von nun an das Gute des Guten wegen tun und die Wahrheit um ihrer selbst willen zu unserer ferneren Lebensrichtschnur erwählen, und keine Hölle, als der Juden jenseitige Seelenstrafe für ihre Sünden, soll uns vom Bösen abhalten und kein Himmel, als ewiger Seelenlohn für ihre guten Taten, uns zum Guten und Wahren ermuntern, sondern das Gute und Wahre für sich soll unser wahrhaftigster Himmel sein, und wir werden uns nach allen unseren Kräften emsigst bestreben, uns diesen Himmel anzueignen.

[GEJ.09_017,06] Aber nun bitten wir dich, uns von den Fesseln zu befreien; denn wir haben sie zu tragen wahrlich nicht verdient. Wahrhaft gute Menschen werden das wohl auch einsehen, und ein gerechter Richter sollte lieber diejenigen auf das schonungsloseste züchtigen, die durch ihr unbarmherzigstes Handeln und Gebaren die Menschen zu Verbrechern machten und nicht so sehr die Verbrecher, die nur die Not, Verzweiflung und der Zorn über die unbegrenzte und frechste Bosheit der Menschen zu Handlungen zwang, die an und für sich zwar böse, aber bei Menschen, wie wir sind, sicher sehr zu entschuldigen sein sollen.

[GEJ.09_017,07] Oh, wie viele schmachten in den Kerkern, die, von ihrer Kindheit an gerechnet, sicher die allergeringste Schuld tragen, daß sie Verbrecher geworden sind; denn entweder sind sie durch eine schlechte Erziehung oder auf die Art wie wir zu Verbrechern geworden.

[GEJ.09_017,08] Wenn es einen höchst guten, weisesten und dabei sicher gerechtesten Gott gäbe, so müßte Er das ja doch auch einsehen und mit Seiner Allmacht jene Menschen züchtigen, die der Hauptgrund an der stets zunehmenden Verschlimmerung der Menschen waren und noch gleichfort sind und bleiben werden bis ans mögliche Ende der Welt und ihrer argen Zeit. Aber weil die großen und mächtigen Teufel in Menschengestalt für ihre noch so großen Greueltaten nahezu nie sichtlich von Gott aus zum abschreckenden Beispiel für andere ihresgleichen bestraft werden, sondern sich ganz frei und auch allzeit hochgeehrt im größten Wohlleben bewegen und dazu noch mehr Greuel auf Greuel ungestraft begehen können, so kann es uns denn wahrlich auch nicht verargt werden, so wir sagen und behaupten, daß es bei so bewandten Umständen keinen eigentlichen Gott, wie Ihn uns die Schriften Mosis und der anderen Propheten darstellen, je gegeben hat und je geben kann, sondern irgendeine uns Menschen unbekannte Kraft der Erde unter Einwirkung der Sonne, des Mondes, der Planeten, der andern Sterne und der vier Elemente haben auch uns armseligste Menschen so wie alle andern Wesen und Dinge ohne ihr Wollen produziert, und man wird ungefähr also ins Dasein gerufen von sich ihrer selbst sicher so wenig bewußten Kräften der rohen Natur, als wie wenig sich der Mensch alles dessen bewußt ist, wie sein Leib wächst, und wie auf seiner Haut allerlei Haare und das ihm lästige Ungeziefer produziert wird. Darum ist ein Narr derjenige, der nur die geringste Freude an seinem so elend bestellten und allzeit vergänglichen Leben hat und dazu noch voll Demut und tiefster Hingebung einem nirgends seienden Gott für ein solches Leben dankt.

[GEJ.09_017,09] Ja, ein rechter Mensch soll Gott wohl suchen, – und hat er Ihn gefunden und von Ihm erfahren, warum er in diese elende Welt gesetzt worden ist, und ob es wohl der vollsten Wahrheit nach ein jenseitiges Fortleben der puren Seele gibt, dann soll er Ihm auch in aller Liebe des Herzens danken für solch ein Leben und Sein, das hinter sich gar große Bestimmungen wohl erweisbar birgt. Aber wo ist der Sucher auf der Erde anzutreffen, dem es der vollen Wahrheit nach gelungen wäre, solch einen Gott irgend gefunden zu haben?

[GEJ.09_017,10] Haben Ihn aber irgend Menschen jemals gefunden, wie man derlei in der Schrift häufig liest, warum läßt Er Sich denn von uns gegenwärtigen Menschen nicht mehr finden? Sind wir etwa weniger Menschen, als es da die in der Schrift benannten Menschen waren? Von der Geburt an sind sicher alle Menschen gleich höchst unschuldige Wesen gewesen; wer anders trägt denn hernach die große Schuld an der gegenwärtigen Verkümmerung der Menschen als eben ein solcher Gott, der Sich wohl von den Alten hat finden und erkennen lassen, aber uns, ihre Nachkömmlinge, nicht mehr erhört und ansieht und uns Schwache der vollen Willkür der herzlosesten mächtigen Tyrannen und somit allem Elende preisgibt?“

 

18. Kapitel

[GEJ.09_018,01] (Die Räuber:) „Ja, wir armen Suchenden werden von den vielartigen Mächten zu einem Blindglauben mit Feuer, Schwert und Kreuz gezwungen; aber die Tyrannen können ungestraft tun, was sie wollen, – denn sie stehen außerhalb des Gesetzes. Ich aber frage da die reine Menschenvernunft, ob das auch recht ist im Falle des wirklichen Daseins eines höchst guten, weisen, allwissenden und allmächtigen Gottes, dem doch alle Menschen gleich sein sollen, indem sie Sein und nicht ihr eigenes Werk sind. Wenn sie nun ungeratener sind, als sie früher einmal waren, können sie darum? Oder kann der darum, der blind oder taub aus dem Mutterleibe in diese Welt gestellt worden ist und dann ein elendes Leben zu durchleben hat?

[GEJ.09_018,02] Oh, oh, Freunde, es gibt für einen Denker wohl um tausend Male mehr Gründe, am wahren Dasein eines Gottes zu zweifeln, als an dasselbe zu glauben! Doch wir wollen damit aber noch immer nicht als irgend unwandelbar fest begründet aussprechen, daß aller Glaube an einen Gott ein eitler, von den phantasiereichen Menschen erfundener Trug sei, den sie durch allerlei Zauberwunder den leichtgläubigen, verstandesblinden Menschen als volle Wahrheit darstellen, um sie dann desto leichter für sich dienstwillig zu machen.

[GEJ.09_018,03] War die große Masse einmal gehörig breitgeschlagen, da half es dann den wenigen Helldenkern nichts mehr, sich dem wohlgenährten Volksbetruge entgegenzustellen, sondern jeder mußte, um nicht als ein Frevler gegen die einmal festgestellte Wahrheit auf das grausamste gemartert zu werden, auch nach der Melodie tanzen und springen, wie sie ihm von den sogenannten Gotteslehrern stets mit fürchterlich drohender Miene und Stimme vorgesungen ward. Und hat sich einer erdreistet, solch einen Gotteslehrer um das Wesen Gottes näher zu fragen, da bekam er sicher eine Antwort, ob der ihm bald das Hören und Sehen vergangen ist, wie das heute bei allen Priesterkasten, Heiden und Juden der unbezweifelte Fall ist.

[GEJ.09_018,04] Hat jemand im stillen selbst nach dem Dasein eines Gottes zu forschen und zu suchen angefangen, so fand er gleich uns nichts als nur die stets gleichwirkenden stummen Kräfte der großen Natur, und er erlosch mit der Überzeugung, daß alle seine Mühe eine vergebliche war.

[GEJ.09_018,05] Da wir an uns selbst bis jetzt diese Erfahrung auch zu machen die Ehre hatten, so kann uns abermals von einem vernunftreichen Menschen nicht verargt werden, so wir an einen Gott unter solchen Umständen nicht glauben können, und ebensowenig an ein Fortleben der Menschenseelen nach des Leibes Tode. Wir glauben wohl, daß in der großen Natur im Grunde nichts völlig vergehen, sondern nur seine Formen wechseln kann; ob aber unsere gegenwärtige Menschenform in einer andern, sicher sehr geteilten Form auch ein Denken und Selbstbewußtsein haben wird, das ist eine andere Frage.

[GEJ.09_018,06] Kurz und gut, wir haben nun auch zur Genüge unsere Gründe dargetan, aus denen wir an dem Dasein eines Gottes zweifeln, und warum wir von nun an als Menschen den wahren Himmel nur in der Wahrheit und ihrem Guten suchen und auch finden wollen; und so haben wir euch in dieser unserer Darstellung auch treu und wahr gezeigt, daß wir keinen Hinterhalt haben, und so bitten wir dich nun noch einmal, daß du, Bürgermeister dieser Stadt, uns von den Fesseln befreien wollest!“

[GEJ.09_018,07] Hierauf befahl der Wirt den Dienern, den dreien die Fesseln abzunehmen, was denn auch sogleich geschah. Darauf aber hieß der Wirt die drei in ein anderes Gemach führen und ihnen zu essen und zu trinken geben, sie aber auch ganz frisch bekleiden, indem ihre Bekleidung sich schon in einem sehr elenden Zustande befand.

 

19. Kapitel

[GEJ.09_019,01] Als die drei sich ganz wohlgemut in einem Nebenzimmer befanden, da erst sagte der Wirt zu Mir: „Was, o Herr und Meister, sagst denn nun Du zu der ganz verzweifelt wohlbegründeten Rede dieser drei? Nein, ich habe doch schon so manches von unseren Weltweisen gehört und selbst gelesen, aber so etwas Gediegenes ist mir noch niemals vorgekommen! Man kann ihnen sowohl im Sonderheitlichen wie auch im Allgemeinen wahrlich selbst beim besten Willen und Glauben nichts entgegenstellen. Denn es steht mit der Menschheit im Allgemeinen wie auch im vielfach Sonderheitlichen genau so, und ich bin nun eben auf Deine Meinung im höchsten Grade begierig, wie Du da Dich Selbst entschuldigen und rechtfertigen wirst.“

[GEJ.09_019,02] Sagte Ich: „Es sei euch allen darum nicht bange; denn Ich Selbst habe das alles so kommen lassen der etlichen Erztempeljuden wegen, die sich dort im anstoßenden Zimmer befinden. Sie sind heute in der Nacht von Jerusalem hier angekommen und haben im soeben angezeigten Zimmer die Wohnung auf etliche Tage gemietet. Diese haben an der Wand scharf gehorcht, was hier im Saale über sie alles gesprochen wurde, und der Redner hat mit starker Stimme sie gerade so gezeichnet, wie sie auch sind. Und das war denn auch gut.

[GEJ.09_019,03] Diese Juden kamen hierher, um einen rückständigen Zehent unter deinem Beistande einzuheben. Du aber wirst nun etwa wohl wissen, welchen Beistand du ihnen leisten wirst! Wenn sich die drei werden erholt haben, dann lasse sie wieder hierher bringen, und wir werden dann die Sache schon ganz gut weiterhin ab- und ausmachen!“

[GEJ.09_019,04] Sagte der Wirt und auch Kado: „Gedacht haben wir es uns wohl, daß sich die Sache also verhalten werde, doch auszusprechen getrauten wir uns das darum nicht, weil wir Dich erstens vor den dreien nicht vor der Zeit verraten wollten, und zweitens, weil uns die Rede des Redners allen Ernstes zu einer Aufmerksamkeit nötigte und wir sehen wollten, wie weit es der Mensch mit der Schärfe seines Verstandes bringen kann. Und wahrlich, vom rein menschlichen Standpunkte aus betrachtet, hatte der Redner auch in seiner Darstellung der Verhältnisse zwischen Schöpfer und Geschöpf denn auch recht; denn es ist für unseren Menschenverstand wahrlich schwer zu begreifen, warum Du die Menschen eine so lang andauernde Zeit auf eine nähere Offenbarung Deiner Selbst, Deines Willens und Deiner Absichten mit den Menschen hattest können harren und in der dicksten Lebensnacht zahllos viele verschmachten lassen. Und wie viele werden noch verschmachten, ohne von Dir etwas zu erfahren; und so sie von den Ausbreitern Deiner Lehre auch erfahren, daß Du in Menschengestalt Selbst auf diese Erde kamst und den Menschen gezeigt hast die Wege zum ewigen Leben der Seelen, – werden sie es wohl glauben so fest wie wir nun, daß es auch also war, wie sie von Deinen Boten benachrichtigt worden sind?“

[GEJ.09_019,05] Sagte Ich: „Ihr als Menschen habt allerdings sehr recht, so zu reden, zu fragen und zu urteilen; aber Mich als den Schöpfer fordert Meine Liebe, Meine Weisheit und Ordnung auf, Mich Meinen Geschöpfen gegenüber stets so zu verhalten, wie es für sie zu jeder Zeit am allernotwendigsten ist.

[GEJ.09_019,06] Vom ersten Menschen dieser Erde bis zu dieser Stunde sind die Menschen nie auch nur ein Jahr lang gänzlich ohne alle Offenbarung, von Mir ausgehend, geblieben, – aber stets also, daß ihr völlig freier Wille keine Nötigung zu erleiden hatte, weil der Mensch ohnedem kein Mensch, sondern nur eine Maschine Meines Willens wäre.

[GEJ.09_019,07] Es ward darum dem Menschen aber auch der Verstand gegeben als ein gutes Licht, um mit demselben Gott und Seinen Willen zu suchen, – was denn auch zu allen Zeiten gar viele Menschen getan und beim rechten Ernste auch das gefunden haben, was sie suchten.

[GEJ.09_019,08] Daß Sich aber Gott nicht so bald und so leicht finden läßt, wie es so gar manche Menschen eben gerne hätten, das hat seinen höchst weisen Grund darin: Würden die Menschen mit leichter Mühe das finden, was sie suchen, so hätte das Gefundene bald keinen Wert mehr für sie, und sie gäben sich wenig Mühe mehr, noch weiter zu suchen und zu forschen; sie begäben sich in die Trägheit, und der von ihnen gar so leicht und bald gefundene geistige Schatz würde ihnen noch weniger nützen, als so sie ihn ängstlich gleichfort suchen müssen und in dieser Welt doch nur selten und schwer völlig finden. Darum geschehen große Offenbarungen selten, damit die Menschen, in ihrer Seelennacht geängstigt, selbst Hand ans Werk legen müssen und mit allem Eifer suchen die ewige Wahrheit und also Mich.

[GEJ.09_019,09] Daß die Menschen in dieser Welt während ihres Suchens gar oft auf allerlei Abwege und auch in allerlei Bedrängnisse geraten, ist wohl ein diesirdisches Übel; aber dies entsteht nicht etwa aus dem tätigen Ernst des Suchens, sondern aus der leidigen Trägheit im Suchen, die eine Frucht der übertriebenen Welt- und Eigenliebe ist, vermöge der sich die Menschen das Streben nach dem Reiche des Geistes so bequem als möglich machen möchten. Wenn das andere, noch trägere Menschen merken, so sagen sie dann bald und leicht zu den lau Suchenden: ,Ei, was gebt ihr euch doch noch für Mühe, das zu suchen, was wir schon lange in größter Klarheit gefunden haben! So ihr uns glauben und dienen und statt eures fruchtlosen Selbstsuchens und Forschens kleine Opfer bringen wollt, so werden wir euch alles treu verkünden, was wir leicht und bald gefunden haben!‘

[GEJ.09_019,10] Nun, den trägen und Mühe scheuenden Suchern ist solch ein Antrag willkommen, sie nehmen ihn an und glauben, was ihnen jene unter Mithilfe von allerlei falschen Wundern und Zeichen, die die noch Trägeren im Suchen der Wahrheit erfunden haben und zum Besten ihres diesirdischen Wohllebens vor den Blinden mit allerlei Zeremonie darstellen, mit ernster Miene sagen. Auf diese Art entstehen dann die vielen Gattungen des Aberglaubens, Lügen, Betrug und völlige Lieblosigkeit und mit ihr alles Unheil auf der Erde unter den Menschen.

[GEJ.09_019,11] Ihr fraget nun freilich in euch, warum Ich so etwas zulasse. Und Ich sage es euch: Aus dem Grunde lasse Ich so etwas zu, weil es für die Menschenseele, die zum ernsten Suchen zu träge, besser ist, daß sie doch etwas glaube und durch den Glauben sich in eine Ordnung füge, als so sie völlig erstürbe in ihrer Trägheit und Arbeitsscheu. Geht die Sache des Betrugs und der Bedrückung einmal zu weit, dann zwingt zuerst die Not die Leichtgläubigen zum weiteren Selbstforschen nach der Wahrheit. Sie merken den Betrug, verlassen ihre Trägheit und fangen an, ernstlich selbst zu forschen und scheuen den Kampf nicht, – und es geht daraus bald allerlei Licht hervor. Und zweitens ist darauf eine an solche lang betrogene und darum eifrige Sucher von Mir neu erteilte Offenbarung eine ihnen ums unaussprechliche willkommenere und für die Vertreibung des alten Aberglaubens auch wirksamere.

[GEJ.09_019,12] Da habt ihr nun von Mir aus eine ganz klare Beleuchtung dahin, warum Ich auf dieser Erde unter Menschen so manches nach ihrem freiesten Willen zulasse, was vor dem Richterstuhle der Menschen eben nicht als ganz gut und weise erscheint, aber im Grunde des Grundes doch höchst gut und weise ist.

[GEJ.09_019,13] So weit nun für euch. Aber nun lasset die drei wieder hereinkommen, und Ich werde mit ihnen reden!“

 

20. Kapitel

[GEJ.09_020,01] Hierauf berief der Wirt sogleich die drei, und sie kamen denn alsogleich in besserem Zustande und somit auch heitereren Mutes und dankten dem Wirte für die ihnen erwiesene große Freundschaft.

[GEJ.09_020,02] Der Redner aber bat um die Erlaubnis, zum Dank noch einige Worte hinzufügen zu dürfen.

[GEJ.09_020,03] Und der Wirt sagte: „Rede nur, aber fasse dich kurz; denn es steht euch nun noch etwas gar Wichtiges zu eurem größten Heile zu vernehmen und zu erfahren bevor.“

[GEJ.09_020,04] Sagte der Redner, der Nojed hieß: „Freund und edelster der Menschen, das werde ich auch beachten; denn dein Wunsch soll fortan unser Gesetz sein! Da wir in dir als einem Heiden einen wahren Menschen gefunden haben und auch eine Weisheit mit wahrer Güte vereint, wie man dergleichen unter den Juden wohl nicht mehr antrifft, so gedachten wir eurer Götter und kamen auf die Idee, daß sie vielleicht doch mehr als eine Fabel sind. Wir möchten mit eurer Lehre nun näher vertraut werden, um auch euren Göttern zu opfern und alle Ehre zu erweisen.

[GEJ.09_020,05] Denn ich denke da also: Unter welcher Gotteslehre die besten Menschen anzutreffen sind, die muß auch selbst die beste und wahrste sein. Unsere Gotteslehre ist es wahrlich nicht, weil die in ihr geborenen und erzogenen Menschen nun sicher wohl die schlechtesten sind, die es auf der weiten Welt nur je irgend geben kann. Ihre Priester aber sind schon allgemein bei den besseren Völkern als eine wahre Menschenpest bekannt und anerkannt. Und eine Gotteslehre, in deren geistigem Schoße statt gute und weise Menschen nur wahre Tiger und Hyänen und Wölfe und Bären erzogen werden, kann keine gute und noch weniger wahre Lehre sein. – Was sagst du, edler Menschenfreund, zu dieser unserer Idee?“

[GEJ.09_020,06] Sagte der Wirt: „Meine Freunde, über diese Sache besprechet euch mit diesem neben mir sitzenden Freunde; denn er ist ums unaussprechbare kundiger und weiser denn ich und alle noch so guten und weisen Griechen!“

[GEJ.09_020,07] Sagte Nojed: „Dein Wunsch ist uns Gesetz! Dieser Mann und Herr ist dem Ansehen nach zwar auch ein Jude, kann aber durch den Umgang mit Griechen sehr weise geworden sein; denn wäre er ein Jünger des Tempels, dann wäre es schade, mit ihm irgend viel noch so helle und wahrheitsvolle Worte zu verlieren.“

[GEJ.09_020,08] Hierauf wandte er sich an Mich und sagte: „So du kein Tempeljünger bist und das Wahre und Gute also gesucht und auch gefunden haben kannst, wie wir es nun suchen und irgend zu finden hoffen, da gib uns du dein Urteil über unsere von uns laut ausgesprochenen Ideen! Haben wir nicht recht, nur dort die Wahrheit und ihr Gutes zu suchen, wo wir gute und weise Menschen gefunden haben?“

[GEJ.09_020,09] Sagte Ich: „Oh, allerdings; aber darum ist die Gotteslehre Mosis dennoch die allein wahre, wenn sie in dieser Zeit von den Schweinen im Tempel auch also zertreten und zerstört wurde wie das alte Babylon und Ninive und noch mehrere solcher alten Hurenstädte.

[GEJ.09_020,10] Glaubet es Mir: Unser Jehova war von Ewigkeit her der allein wahre, gute, lebendige Gott und hat die Bitten derjenigen, die an Ihn ungezweifelt glaubten, Seine Gebote hielten und somit Ihn über alles und ihre Nächsten wie sich selbst liebten, niemals unerhört gelassen! Wenn Er zur größeren Läuterung der Menschenseelen oft auch mit der vollen Erhörung ihrer Bitten ein wenig zögerte, so hat Er sie aber darum dennoch niemals völlig unerhört gelassen und hat sie stets zu einer Zeit erfüllt, in der es die Bittenden oft am wenigsten gedachten.

[GEJ.09_020,11] Ihr selbst habt – was Ich gar wohl weiß – unter großer Drangsal Gott oftmals um die Wegnahme eures Elends gebeten. Er aber ließ euch, die ihr zuvor in großem Wohlstande, aber dabei auch in vieler leiblichen und geistigen Trägheit als hochangesehene Leute gelebt habt, durch einige Jahre eine ernstere und härtere Schule des Lebens durchmachen, auf daß ihr nicht nur des Erdenlebens Anmut, sondern auch dessen Bitteres selbst erfahren solltet, um danach erst den wahren Wert des Lebens und dessen Zweck in euch selbst zu erforschen und zu erkennen.

[GEJ.09_020,12] Ihr aber habt nun auch des Lebens Wermutbecher bis zum letzten Tropfen verkostet und seid dadurch zu wahren und tief denkenden Menschen geworden, fähig zur Aufnahme des wahren und lebendigen Gotteslebenslichtes aus den Himmeln, und so hat Gott denn auch nun in dem Moment eure Bitten erhört, in dem ihr Seiner Hilfe am meisten bedurftet!

[GEJ.09_020,13] Und was Er nun euch getan hat, das hat Er getreust schon gar sehr vielen Menschen getan, wenn sie sich wahrhaft gläubig in ihrer Not an Ihn gewendet haben, und so könnet ihr nun nicht mehr sagen, daß der wahren Juden Gotteslehre falsch und unwahr sei; wohl aber ist das die Götterlehre aller Heiden!

[GEJ.09_020,14] Meint ihr, daß dieser Wirt, als ein Patrizier dieser Stadt, euch wohl als noch ein Heide die Barmherzigkeit erwiesen hätte? Oh, mitnichten! Als ein Heide hätte er euch mit aller Schärfe des römischen Gesetzes behandelt; da er aber im Herzen kein Heide mehr ist, samt seinem ganzen Hause, sondern ein wahrer Jude gleich dem Abraham, Isaak und Jakob, so hat er euch denn auch auf Meinen Rat das angedeihen lassen, was ihr nun schon genießet und weiterhin noch mehr genießen werdet. – Erkennet ihr das?“

 

21. Kapitel

[GEJ.09_021,01] Sagte Nojed: „O weiser Freund, das riecht wohl sehr nach der Wahrheit, und es wird sich die Sache schon auch also verhalten; denn es steht ja geschrieben, daß Gottes Ratschlüsse unerforschlich und Seine Führungen und Wege unergründlich sind. Aber warum mußte unsere Mutter, die doch allzeit streng nach den Gesetzen des Tempels handelte und lebte, und so auch unsere vier allerunschuldigsten Schwestern von Jehova so gänzlich verlassen werden? Ist des Tempels Lehre eine gänzlich zerstörte und zertretene, was konnten da wohl die Mutter und die armen unschuldigen Schwestern dafür? Unsere Mutter, wie wir es als etwas Bestimmtes und Wahres vernommen haben, ist bald nach ihrem Eintritt in das schöne Gottesstift gestorben – wahrscheinlich an einem Gifte –, und die Schwestern sind über Hals und Kopf genotzüchtigt worden, und wer weiß es, was da noch Weiteres mit ihnen geschehen ist. Konnte daran der gute und höchst weise Gott der Juden auch ein Wohlgefallen haben, weil Er solches zugelassen hat? Kannst du uns auch darüber eine beruhigende Auskunft verschaffen, so wollen wir denn auch feste und gläubige Juden verbleiben!“

[GEJ.09_021,02] Sagte Ich: „Oh, nichts leichter als das, – und so höret! Euer Vater, der Hiponias hieß – so wie der Älteste von euch –, war ein zum Judentum bekehrter Jude nach der reineren Lehre der Samaritaner. Er hielt nichts von den leeren Zeremonien und allerlei andern Betrügereien des Tempels. Er hatte aber dabei stets seine große Not mit seinem Weibe, die samt euren ihr ganz nachgeratenen Schwestern eine wahre Tempelnärrin war. Euer ehrlicher Vater grämte sich deshalb zu Tode und bat Gott noch auf dem Sterbelager, daß Er das Weib und die Töchter noch diesseits möchte erfahren lassen, daß sie nicht auf Seinen Wegen, sondern auf den Wegen des Fürsten der Lüge und der Macht des Todes wandeln. Gott aber erhörte die Bitte des Ihm in der Wahrheit stets unverändert treu ergebenen Vaters.

[GEJ.09_021,03] Und welches Mittel wäre da zur Besserung der fünf Weiber, die all ihr Heil nur vom Tempel erwarteten, wohl tauglicher und wirksamer gewesen, als sie das so hochstehende Heil des Tempels verkosten zu lassen? Die Mutter, als die größte Tempelnärrin, hat zwar ihr irdisches Leben im Tempel geendet, ist aber dabei zum wahren Glauben ihres Mannes, dem sie so vielen Kummer bereitet hat, gänzlich zurückgekehrt und hat des Tempels Tun und Treiben aus dem Grunde des Herzens verachten gelernt. Und eure Schwestern lernten die sie bedienenden Engel Gottes auch bald aus der Erfahrung unter vielen Tränen sehr wohl näher kennen, bekamen bald einen großen Abscheu vor ihnen und befinden sich nun auf eine höhere Fügung und Zulassung Gottes ganz gesund und voll des rechten Glaubens und Vertrauens auf den allein wahren Gott der Juden in Essäa im Hause des großen Platzwirtes, allwo ihr sie bei Gelegenheit sehen und sprechen könnet. Heute aber ist noch kaum der vierte Tag, daß sie von zwei Erzpharisäern dahin zur Heilung mit mehreren andern gebracht worden sind. Alles Weitere werdet ihr bei Gelegenheit aus ihrem Munde erfahren können.

[GEJ.09_021,04] Wenn sich aber die Sache also verhält, könnet ihr nachher noch behaupten, daß der Gott der Juden eine erdichtete, leere Fabel sei?“

[GEJ.09_021,05] Sagte Nojed: „Freund, du bist ein Prophet, und wir glauben dir und glauben nun auch wieder an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs! Denn wärest du kein Prophet, erfüllt mit dem Geiste Jehovas, so könntest du nicht um unsere Namen und noch weniger um unsere geheimsten Lebensverhältnisse so genau wissen. Darum sei nun von neuem alle Ehre dem allein wahren Gott der Juden, der uns so wunderbar zu wahren Menschen durch Seine Sorge umgestaltet hat! In welchem Lande aber bist du ein Prophet geworden? Bist auch du ein Samaritaner?“

 

22. Kapitel

[GEJ.09_022,01] Sagte Ich: „Höre du, Nojed, samt deinen Brüdern Hiponias und Rasan! Ich bin kein Samaritan, wie du es meinst und verstehst, und doch bin Ich auch ein Samaritan; also bin ich auch kein Jude und doch wieder ein Jude; also bin Ich auch kein Heide und doch wieder ein Heide, ansonst Ich mit den Heiden keinen freundlichen Umgang hätte. Kurz und gut, Ich bin alles mit allem und in allem! Denn wo die Wahrheit, die Liebe und ihr Gutes in vollster Gemeinschaft walten, da bin auch Ich bei allen Menschen auf der ganzen Erde und verdamme niemand, der nach der Wahrheit strebt und ihrem Guten.

[GEJ.09_022,02] Welcher aber aus Welt- und Selbstliebe der Wahrheit und allem Guten aus ihr den Rücken kehrt und somit notwendig sündigt wider die Wahrheit und wider ihr Gutes, welches da ist die reine Liebe in Gott von Ewigkeit, der sündigt auch wider die Ordnung Gottes und wider deren unwandelbare Gerechtigkeit und verdammt sich selbst.

[GEJ.09_022,03] Erkennt er aber sein großes Übel und kehrt zur Wahrheit zurück und fängt an, dieselbe und ihr Gutes zu suchen und danach auch tätig zu werden, dann weicht die Verdammnis in dem Maße von ihm, als in welchem Maße er vollernstlich die gefundene Wahrheit zu seiner Lebensrichtschnur macht, und Gott greift ihm da auch unter die Arme und erleuchtet ihm stets mehr und mehr Herz und Verstand und kräftigt seinen Willen, und das gleich dem Heiden wie dem Juden. Und so bin Ich aus dem in Mir wohnenden Geiste Gottes Alles in Allem im Heiden wie im Juden. –

[GEJ.09_022,04] Du hältst Mich auch für einen rechten Propheten, und Ich sage es dir, daß Ich auch einer bin, – und bin es doch auch wieder nicht! Denn ein Prophet mußte tun, was ihm der Geist Gottes zu tun gebot. Ich aber bin da Selbst Herr und Diener, schreibe Mir die rechten Wege Selbst vor, und niemand kann Mich zur Rechenschaft ziehen und sagen: ,Warum tust du das?‘ Denn Ich Selbst bin aus und in Mir die Wahrheit, der Weg und das Leben; und wer nach Meiner Lehre tun wird und glaubt, daß Ich Selbst die Wahrheit, der Weg und das Leben und somit ein gänzlich unabhängiger, freiester Herr bin, der wird auch gleich Mir in sich das ewige Leben haben.

[GEJ.09_022,05] Denn so die Menschen dieser Erde Kinder Gottes werden wollen, so müssen sie in allem so vollkommen zu werden trachten, als wie vollkommen da ist der ewige und heilige Vater im Himmel, der in Sich ist die ewige Wahrheit, die ewige Liebe und Macht und alles das endlos Gute, Gerechte und Herrliche aus ihr. Darum heißt es auch in der Schrift: ,Nach Seinem Ebenmaße schuf Gott den Menschen, und zu Seinem Ebenbilde machte Er ihn und blies ihm Seinen Odem ein, auf daß er eine lebendige, freie Seele werde!‘

[GEJ.09_022,06] Auf diese Weise sind die Menschen dieser Erde nicht etwa pure Geschöpfe der Allmacht Jehovas, sondern Kinder Seines Geistes, also Seiner Liebe, und somit – wie es auch geschrieben steht – selbst Götter.

[GEJ.09_022,07] So sie aber das sind, was ihnen auch ihr freiester und durch nichts beschränkter Wille laut sagt, da sind sie auch freieste Herren und Richter über sich selbst. Aber vollkommene und Gott völlig ähnliche Herren werden sie erst dann und dadurch, wenn sie den ihnen treu geoffenbarten Willen Gottes zu ihrem eigenen durch das Handeln nach demselben machen, was ihnen auch völlig freisteht.

[GEJ.09_022,08] Darum aber wirkt denn Gott auch nur höchst selten sichtbar unter den Menschen, weil er ihnen schon von Uranbeginn die Fähigkeit aus Sich gegeben hat, sich aus eigener Kraft nach und nach bis zur höchsten, gottähnlichen Lebensstufe erheben zu können.

[GEJ.09_022,09] Wer demnach, sobald er zum Gebrauch seiner Vernunft kommt, die Wahrheit und ihr Gutes zu suchen beginnt und nach dem, was er gefunden hat, auch gleich handelt, der hat schon den rechten Weg betreten, und Gott wird ihm denselben stets mehr und mehr erleuchten und ihn zu Seiner Herrlichkeit führen. Wer aber träge wird, auch durch seinen eigenen Willen, und sich an diese Welt und ihre Lustreize hängt, die nur zur Probung des freien Willens vor die äußeren und vergänglichen Sinne des Materie- oder Leibmenschen gestellt sind, der richtet sich auch selbst freiwillig und macht sich dem, was tot und gerichtet ist, ähnlich, – ist somit auch schon so gut wie gerichtet und tot.

[GEJ.09_022,10] Und dieser Tod ist dann das, was du unter dem Begriff ,Hölle‘ als Strafe der Seele für ihre Sünden verworfen hast, da du nimmer aus Furcht vor solch einer Strafe die Sünde meiden, wie auch einen Lohnhimmel fürs Handeln nach der erkannten Wahrheit erhoffen willst. Und Ich gebe dir da ganz recht; denn es gibt wahrlich nirgends eine solche Hölle, noch einen solchen Himmel. Und dennoch gibt es eine Hölle und einen Himmel, aber nicht irgend außerhalb des Menschen, sondern in ihm, je nachdem er sich selbst richtet auf die soeben gezeigte Art und Weise.

 

23. Kapitel

[GEJ.09_023,01] (Der Herr:) „Wäre aber diese Welt nicht mit allen erdenkbaren Lustreizen versehen, sondern wäre sie nur das für den Menschen, was da ist eine Wüste für die wilden Tiere, so wären sein gottähnlicher freier Wille, seine Vernunft und sein Verstand ihm auch vergeblich gegeben; denn was sollte da seine Liebe erregen und diese nach der Erregung begehren und wollen, und was könnte da seine Vernunft läutern und seinen Verstand erwecken und beleben?

[GEJ.09_023,02] Das nahezu endlos viele und höchst Mannigfaltige, gut und schlecht, edel und unedel, ist also nur des Menschen wegen da, auf daß er alles sehe, erkenne, prüfe, erwähle und es zweckmäßig gebrauche; daraus kann er dann auch schon zu schließen anfangen, daß das alles ein höchst weiser, guter und allmächtiger Urheber also geschaffen und eingerichtet hat, Der, wenn der Mensch aus sich so zu urteilen beginnt, dann wahrlich niemals säumt, Sich dem denkenden Menschen näher zu offenbaren, wie das noch zu allen Zeiten der Menschen unbestreitbar der Fall war.

[GEJ.09_023,03] Aber natürlich, wenn die Menschen sich zu sehr in die bloßen Lustreize der Welt verrennen und verstricken und nur denken, daß sie bloß darum da sind, um sich als vernünftige und denkende Wesen von der mit allem reichst ausgestatteten Welt auch alle erdenklichen Wohlgenüsse zu bereiten und des eigentlichen Zweckes gar nicht gewahr werden, warum sie in die Welt gesetzt worden sind, und wer sie in die Welt gesetzt hat, da kann von einer eigentlichen und höheren Offenbarung Gottes und Seines Liebewillens so lange keine Rede sein, als bis die Menschen durch allerlei Not und Elend wenigstens so weit zu denken anfangen, daß sie fragen und sagen: ,Warum mußten denn wir in diese elende Welt kommen, und warum müssen wir uns denn so plagen und martern lassen bis in den sichern Tod als dem elenden Schlußpunkte unserer Verzweiflung?‘, – wie auch du, Nojed, ehedem auf eine ganz ähnliche Weise weltweise gefaselt hast.

[GEJ.09_023,04] Dann ist auch die Zeit da, in welcher Sich Gott den Menschen wieder von neuem zu offenbaren beginnt durch den Mund geweckter Menschen zuerst, durch andere Zeichen und auch durch allerlei Gericht an jenen Menschen, die durch allerlei Lug und Trug und Bedrückung der armen und schwachen Menschen reich und mächtig, stolz und lieblos und voll Übermutes geworden sind und bei sich an keinen Gott mehr denken und noch weniger im Herzen glauben, sondern sich nur in alle Lustbarkeiten der Welt stürzen und die armen Menschen mit Füßen treten und ihnen gar nicht mehr den Wert eines Menschen, sondern kaum den eines gemeinen Tieres erteilen.

[GEJ.09_023,05] Wenn das einmal auf der Welt unter den Menschen das gewisse Übermaß erreicht hat, dann kommt auch ein großes Gericht und mit demselben auch eine große und unmittelbare Offenbarung Gottes an die Menschen, die noch einen Glauben an Gott und also auch eine Liebe zu Ihm und zum Nächsten in ihrem Herzen bewahrt haben.

[GEJ.09_023,06] Da werden die Gottesleugner und stolzen Betrüger und Bedrücker von dem Erdboden hinweggefegt und die Gläubigen und Armen aufgerichtet und aus den Himmeln erleuchtet werden, wie das nun soeben der Fall ist und später, nach nahe 2000 Jahren, auch wieder einmal der Fall werden wird. Die Zeit aber, in der so etwas vor sich gehen kann und sicher wird, ist ebenso leicht zu erkennen, wie ihr im Spätwinter aus dem das herannahende Frühjahr leicht erkennet, so ihr die Bäume betrachtet, wie ihre Knospen stets angeschwollener und saftiger werden und von ihren Ästen und Zweigen der Saft gleich den Tränen der Menschen auf die Erde herabträuft und diese gewisserart um die Erlösung von der Not des Winters, in der so viele Bäume schmachteten, anfleht.

[GEJ.09_023,07] Wenn alsonach einmal die armen Menschen auch anfangen, in ihrem Herzen vom Lichte der Wahrheit aus Gott heller und angeschwollener zu werden und dabei aber durch die unbarmherzige und maßlose Bedrückung den Erdboden mit ihren Tränen sehr zu befeuchten anfangen, dann ist das große geistige Frühjahr in die volle Nähe gekommen.

[GEJ.09_023,08] Wenn ihr drei und auch ihr, Meine schon älteren Freunde, das so recht betrachtet, so werdet ihr es bald und leicht herausbekommen, um welche Zeit es nun ist, und was Ich so ganz eigentlich für ein Landsmann bin.“

 

24. Kapitel

[GEJ.09_024,01] Sagte Nojed nun ganz voll Staunens: „O du großer und unbegreiflich weiser Freund! Diese deine Rede klang seltsam in unseren Ohren und Herzen! Daß du mehr als ein Prophet bist, das entnahmen wir aus deinen Worten; denn so weit hat es außer Moses und Elias wohl kein Prophet gebracht, und selbst diese sprachen niemals von ihrer eigenen Herrlichkeit, sondern stets nur von der Herrlichkeit Gottes. Du aber sagtest, daß du ganz eigenmächtig ein Herr bist, tun kannst, was du willst, und kein Gott und noch weniger ein Mensch kann und darf dich zur Rechenschaft ziehen und fragen: ,Warum tust du dieses und jenes?‘ Höre, wenn dieses von dir selbst über dich uns gegebene Zeugnis ohne Zweifel sich sicher bewahrheitet, dann ist zwischen dir und Gott gar kein anderer Unterschied mehr, als daß du gleich uns ein in der Zeit gewordener Gott bist und Jehova aber Gott schon von Ewigkeit her ist! Nun, das ist für unseren Verstand denn doch wahrlich etwas zu hoch gestellt, trotzdem auch wir wohl wissen, daß Gott durch den Mund des großen Propheten zu den damals frommen Juden gesagt hat: ,Ihr seid Götter, so ihr genau haltet Meine Gebote und dadurch Meinen Willen zu dem eurigen macht!‘

[GEJ.09_024,02] Es lebten aber hernach bis auf uns her gar viele Juden, die Gottes Gebote von Kindheit an auf das strengste erfüllten; aber unter ihnen gab es auch nicht einen, der sich's zu sagen und zu behaupten nur von weitester Ferne her getraut hätte, daß er gleich Gott ein eigenmächtiger Herr sei, der weder vor Gott und noch weniger vor den Menschen für all sein Tun und Lassen irgend je eine Rechnung abzugeben schuldig ist. Freund, wie sollen wir das denn der Wahrheit gemäß wohl verstehen?“

[GEJ.09_024,03] Sagte Ich: „Ganz leicht und klar! Habe Ich denn nicht gesagt, daß ein Mensch, der Gott und Seinen Willen völlig erkannt hat und unwandelbar nach demselben handelt und somit den Willen Gottes ganz zu dem seinigen macht, Gott gleich ist?! So aber Gott ein Herr ist durch Seine Liebe, Weisheit und Macht, so ist es im Geiste ja auch der, der in allem Gott gleich geworden ist.

[GEJ.09_024,04] Ich meine, daß das denn doch etwas nicht schwer Begreifliches sei. Denn über was sollte er vor Gott oder gar vor einem Menschen eine wie immer gestaltige Rechnung ablegen, so er nur aus dem Willen und Geiste Gottes denkt, will, spricht und handelt?

[GEJ.09_024,05] Ist denn der reine Wille Gottes im Menschen etwa weniger ein göttlicher Wille als in Gott Selbst, und ist er etwa auch weniger selbständig mächtig denn in Gott, der durch eben Seinen Willen überall und also sicherst auch im Menschen gegenwärtig ist und wirkt? Darum soll ein rechter Mensch denn auch also vollkommen werden und sein, als wie vollkommen da ist der Vater im Himmel. Ist der Mensch aber das, ist er dann nicht auch ein Herr voll Weisheit, Macht und Kraft?!“

[GEJ.09_024,06] Sagte darauf Nojed: „Großer und wahrlich überweiser Freund! Du hast lebendig und lichtvoll wahr gesprochen, und ich kann dir da nichts entgegenstellen; aber eines bleibt daneben doch auch noch wahr, und das besteht darin: Der Mensch kann es wohl auf dem Wege der gänzlichsten Selbstverleugnung dahin bringen, daß er Gott ähnlich und somit auch mächtig wird, wie sich das besonders bei den großen Propheten auf das leuchtendste bewährt hat; aber darum ist und bleibt der Mensch doch nur gewisserart ein in der Zeit gewordener und somit bei aller seiner Gott ähnlichen Vollkommenheit ein untertäniger und beschränkter ganz kleiner Gott, während Jehova ewig, also ohne Anfang, unendlich in Zeit und Raum und somit durch gar nichts beschränkt ist. Und dieser überendlos große Unterschied zwischen dem einen und ewig allein wahren Gott und dem in der Zeit gewordenen Menschgott wird wohl ewig nie hinweggefegt werden können.“

 

25. Kapitel

[GEJ.09_025,01] Sagte Ich: „Da hast du wohl recht gesprochen und geurteilt. Der geschaffene Mensch wird sich da freilich mit dem eigentlichen Urwesen Gottes nie vergleichen können; aber in dem geschaffenen Menschen wohnt denn auch ein ungeschaffener, ewiger Geist aus Gott durch den urewigen Willen Gottes, und der kann dann ja im Menschen ebensowenig irgendeine Beschränkung haben als im eigentlichen Urwesen Gottes Selbst, da er doch eins mit demselben ist.

[GEJ.09_025,02] Oder meinst du wohl, daß das Licht der Sonne darum ein jüngeres und beschränkteres ist, das soeben die Erde erleuchtet und erwärmt, als jenes, das vor undenklichen Zeiten diese Erde erleuchtet und erwärmt hat? Ich sage es dir, daß du ein ganz kluger und richtiger Denker und Sprecher bist; aber im Geiste der vollen Wahrheit aus Gott wirst du erst dann denken und sprechen, wenn deine Seele in dem ewigen Geiste aus Gott zur völligen Einung gelangt sein wird. Das aber kann und wird nur dadurch geschehen, daß du in der Folge mit deinem freien Menschenwillen den erkannten Willen Gottes völlig zu dem deinen machen wirst in aller Rede und Tat. – Hast du das verstanden?“

[GEJ.09_025,03] Sagte Nojed: „O Freund, da wird es bei uns noch einer langen Zeit benötigen; denn wir haben noch gar viel von der Welt in uns! Bis diese vollends hinausgeschafft sein wird und wir von der allmächtigen Gegenwart des göttlichen Geistes in uns etwas wahrzunehmen anfangen werden, oh, da wird – wie schon bemerkt –, noch eine geraume Zeit in das Meer der ewigen und nie wiederkehrenden Vergangenheit hinab verrinnen!“

[GEJ.09_025,04] Sagte Ich: „Das ist auch eine noch sehr diesirdisch menschliche Sprache! Denn siehe, für den göttlichen Geist auch im Menschen gibt es weder eine vergängliche Zeit noch irgendeinen beschränkten Raum und somit auch keine Vergänglichkeit, noch irgendeine ferne Zukunft, sondern nur eine ewige Gegenwart! Doch in dieser Welt hat alles seine Zeit, und keine Frucht am Baume wird schon mit der Blüte reif; so du aber nach dem Willen Gottes von heute an unwandelbar zu leben und zu handeln dir fest vornimmst, dann wirst du auch bald anders reden.

[GEJ.09_025,05] So wie du nun geurteilt und geredet hast, so haben schon gar viele geurteilt und geredet; als sie aber aus Meinem Munde vernommen hatten, was sie zu tun und wie zu leben haben, und danach aber auch alsbald die Hand ans Werk legten, da ging es denn auch schnell vorwärts.

[GEJ.09_025,06] So ihr in Bälde nach Essäa kommen werdet, da werdet ihr an dem Obersten Roklus schon ein Beispiel finden, wie weit es ein Mensch, dem es um seine geistige Vollendung völlig ernst ist, in kurzer Zeit mit der Liebe und Gnade Gottes bringen kann.

[GEJ.09_025,07] Wenn Ich aber nun ganz bald mit diesen Meinen Freunden von hier abreisen werde, so werdet ihr von dem Wirte schon auch ein Näheres über Mich in Erfahrung bringen und werdet mit desto größerem Eifer und Ernst nach Meinem Rate zu handeln und zu leben anfangen, und es wird sich dann auch gar wohl fühlbar der Segen Jehovas an euch bemerkbar machen.

[GEJ.09_025,08] Und nun habe Ich euch nichts Weiteres mehr zu sagen, darum, weil ihr es nicht ertragen würdet; wenn aber Gottes Gnade und Liebe in euch wach wird, dann wird sie euch schon von selbst in alle euch in dieser Welt nötige Weisheit leiten. Und so denn möget ihr euch nun schon wieder in euer vom Wirte euch angewiesenes Zimmer begeben!“

[GEJ.09_025,09] Die drei dankten Mir für alles, was Ich ihnen getan und gesagt habe, und begaben sich in ihr Zimmer, in welchem sie sich so lange verborgen aufhielten, als wie lange der Markt andauerte, um nicht von einem oder dem andern Kaufmanne oder Käufer erkannt und belästigt zu werden.

 

26. Kapitel – Der Herr auf dem Weg von Jericho nach Nahim in Judäa. (Kap.26-32)

[GEJ.09_026,01] Als wir nun wieder allein waren, da sagte der Wirt zu Mir: „O Herr und Meister, möchtest Du denn nicht noch über den Mittag bei uns verweilen?“

[GEJ.09_026,02] Sagte Ich: „Freund, was euch not tat, mit dem habe Ich euch wohl versehen! Bleibet nun in Meiner Lehre, und handelt und lebet danach, so werde Ich denn auch bleiben mit Meinem Geiste in euch; aber mit Meinem Leibe muß Ich Mich nun schon der vielen Armen, Blinden und Toten wegen von hier wegbegeben. Zudem werde Ich, so Ich nun am Tage durch Jericho ziehen werde, ohnehin von vielen Menschen erkannt werden, die Mir bei Meinem Abzuge vor- und nachlaufen werden, was viel Aufsehen machen wird. Bliebe Ich erst über Mittag hier, in welcher Zeit sich viele Gäste hier einfinden werden, so würde das Meine Gegenwart noch ruchbarer machen. Und das will Ich der anwesenden etlichen Templer wegen nicht! Daher werde Ich Mich mit Meinen Jüngern denn nun auch sogleich in der Richtung gen Nahim hin von hier begeben.“

[GEJ.09_026,03] Auf dieses sagte Ich denn auch zu den Jüngern, daß sie sich zur Abreise fertigmachen sollten.

[GEJ.09_026,04] Diese taten das denn auch, und wir fingen an, uns in Bewegung zu setzen. Da aber das mehrere Knechte des Hauses vernommen hatten, so liefen sie auf den Platz hinaus und sagten es vielen, daß alsbald der berühmte Heiland Jesus aus Nazareth aus dem Hause abziehen werde, und zwar auf dem Wege gen Nahim hin.

[GEJ.09_026,05] Als das Volk das vernahm, da lief es eine geraume Strecke auf dem Wege großenteils voraus, und es ward auf diese Weise die Straße bis hinaus über des Zachäus, der ein Zöllneroberster war, großes Zollhaus mit Menschen angefüllt; denn alle wollten in Mir den Mann sehen, von dem sie schon so viele Wunderdinge vernommen hatten.

[GEJ.09_026,06] Es befand sich aber des Zachäus Zollhaus eine gute halbe Stunde Weges außerhalb der Stadt in entgegengesetzter Richtung von der, in welcher wir nach Jericho gekommen waren. Als Zachäus sah, wie sich viel Volk aus der Stadt auf der Straße noch über sein Zollhaus hinaus dränge, da trat er aus seinem Hause und befragte die Menschen, was es da gäbe.

[GEJ.09_026,07] Und die Befragten sagten, daß Ich als der berühmte Heiland Jesus aus Nazareth in Galiläa mit Meinen Jüngern bald nach dieser Straße gen Nahim ziehen werde und sie Mich sehen wollten.

[GEJ.09_026,08] Als Zachäus das vernahm, da sagte er: „Oh, den muß ja auch ich um so mehr sehen! Denn ich habe gar große Wunderdinge über ihn vernommen von meinem Freunde Kado, dem alten und dem jungen, und von dessen altem Diener Apollon, wie auch von einem von dem Heilande vor etlichen Tagen sehendgemachten Blinden, und es war mir unbeschreiblich leid, daß ich ihn nicht zu sehen bekam, da er nach seiner ersten Ankunft in Jericho schon am nächsten Morgen etwa nach Essäa gegangen ist. Da er nun abermals über Jericho ebendiese Straße weiterziehen wird, so muß ich ihn denn auch sehen, und koste es, was es da nur immer wolle!“

[GEJ.09_026,09] Da sich aber das Volk immer mehr an der Straße anhäufte und unser Zachäus, als ein kleiner Mensch von Statur, wohl sah, daß er Mich so schwerlich durch die Volksmasse hindurch werde zu Gesicht bekommen können, so bestieg er alsbald einen Maulbeerbaum und harrte also, bis Ich käme und vorüberzöge. (Luk.19,1-4)

[GEJ.09_026,10] Während aber das Volk schon die Gassen der Stadt und mehr noch die offene Straße bis über das Zollhaus um Meinetwillen besetzt hatte und Ich Mich noch im Vorhause Kados mit den Jüngern befand, weil Ich darum wohl wußte, wie Mich die zu dienstfertigen Hausdiener Kados ohne Auftrag ruchbar gemacht hatten, so sagte Ich zum noch an Meiner Seite stehenden Wirte, was da in aller Eile geschehen sei, worüber er seine Knechte scharf zur Rede zu stellen Mir versprach.

[GEJ.09_026,11] Ich aber riet ihm, das zu unterlassen, da die Knechte das in einem guten Sinne getan hätten. Aber Ich begehrte vom Wirte, daß er uns bei des Hauses Hinterflur hinauslassen solle, weil an der Hauptflur zu viele Menschen auf Mich harrten.

[GEJ.09_026,12] Der Wirt tat das sogleich, und wir kamen also leicht, von der großen Volksmenge ungesehen, durch eine schmale und wenig begangene Gasse ins Freie und schlugen da einen Feldweg ein, der sich etwa bei hundert Schritte vor dem großen Zollhause mit der Hauptstraße vereinte, und entgingen so dem großen Gedränge in der Stadt sowohl, als dem größten Teil der Hauptstraße von der Stadt bis zum Zollhause entlang.

[GEJ.09_026,13] Als wir aber in der schon gezeigten Nähe des großen Zollhauses auf die Hauptstraße kamen und Ich von einigen Menschen erkannt wurde, da entstand bald ein großer Lärm, und viele jubelten aus vollem Halse, sagend: „Er ist da, er ist da – der große Heiland aus Nazareth! Heil ihm, und Heil auch uns, daß wir ihn nun zu sehen bekamen!“

[GEJ.09_026,14] Meine Jünger aber bedrohten das lärmende Volk und behießen es zu schweigen.

[GEJ.09_026,15] Ich aber verwies ihnen ein solches Benehmen dem Volke gegenüber, sagend: „Ich bin der Herr! Wenn Ich des Volkes lauten Jubel ertrage, so werdet ihr ihn wohl auch zu ertragen imstande sein! Liebe und Geduld leite allzeit eure Schritte, und nie ein Drohen und Herrschen! Es ist ja doch ums nie Beschreibbare herrlicher, von den Menschen geliebt denn gefürchtet zu sein!“

[GEJ.09_026,16] Als die Jünger solches von Mir vernahmen, da gaben sie nach, und wir gingen ruhigen Schrittes vorwärts und kamen so bald an den Maulbeerbaum, auf dem der kleine Zöllneroberste Zachäus unser harrte.

[GEJ.09_026,17] Als wir an den Baum gekommen waren, da blieb Ich stehen, sah empor und sagte: „Zachäus, steige nun nur eilig vom Baume herab; denn Ich muß heute in deinem Hause einkehren!“ (Luk.19,5)

[GEJ.09_026,18] Da stieg Zachäus auch schnell vom Baume und nahm Mich samt Meinen Jüngern mit der größten Freude auf. (Luk.19,6)

[GEJ.09_026,19] Als aber das Volk solches sah, da fing es alsbald an zu murren und sagte: „Oh, da sehet nun den Heiland an, der seine Werke durch die Macht des Geistes Gottes verrichte! Das muß ein schöner Geist Gottes sein, der bei Zöllnern, die doch allzeit die größten Sünder sind, einkehrt, ißt und trinkt!“ (Luk.19,7)

[GEJ.09_026,20] Und es fing darauf das murrende Volk an, sich mehr und mehr zu verlieren.

[GEJ.09_026,21] Als aber Zachäus merkte, daß das Volk solche Bemerkungen über Mich machte, da ward er um Meinetwillen ärgerlich übers Volk, trat zu Mir hin und sagte laut: „Siehe, o Herr, ich weiß auch ohne des Volkes Zeugnis, daß ich ein Sünder bin, und bin somit auch höchst unwürdig, daß du, Gerechtester, bei mir einkehren magst; da du mich aber dennoch so übergnädig angesehen hast und erweisest mir eine so übergroße und unschätzbarste Freundschaft, so will ich die Hälfte meiner vielen Güter den Armen geben, – und so ich jemanden irgend betrogen habe, der komme, und ich will es ihm vierfach wieder zurückerstatten!“ (Luk.19,8)

[GEJ.09_026,22] Als das noch in großer Anzahl anwesende Volk solche laut ausgesprochene Äußerung von Zachäus vernahm, da legte sich auch das Murren; denn einige Bessere sagten untereinander: „Da seht, ein Mensch, der das tun will und auch sicher wird, ist noch der allerärgste Sünder nicht! Denn Almosen bedecken die Menge der Sünden, und wer ein unrecht an sich gebrachtes Gut dem vierfach vergütet, dem er es entrissen hat, der hat seine Schuld vor Gott und vor den Menschen getilgt, – und es ist sonach dem Heilande nicht zu einem Fehler zu rechnen, so er bei einem sich gar sehr bessern wollenden Sünder einkehrt.“

[GEJ.09_026,23] Andere, besonders die Armen, aber berechneten schon zum voraus, ob und wieviel sie etwa bei der Güterverteilung von Zachäus bekommen würden. Und noch andere aber dachten auch schon daran, wie sie etwa mit falschen Zeugen vor den Zachäus treten könnten und ihm erweisen, daß auch sie von ihm um etwa soundso viel in der und jener Zeit und bei dieser und jener Gelegenheit betrogen worden seien, um von ihm dann vierfach soviel zurückzuerhalten.

[GEJ.09_026,24] Ich aber habe später im Hause den Zachäus auf das alles aufmerksam gemacht und ihm die rechte Klugheit und Vorsicht empfohlen, die er auch treulich befolgte.

 

27. Kapitel

[GEJ.09_027,01] Als das Volk sich aber mehr und mehr verlief, da sagte Ich laut zum nun ganz glücklichen Zachäus: „Heute ist diesem Hause und somit auch dir ein großes Heil geworden, indem auch du ein Sohn Abrahams bist! (Luk.19,9) Denn Ich als der Menschensohn und wahre Heiland bin gekommen, zu suchen und selig zu machen, was da verloren war (Luk.19,10), und komme als Heiland nur zu den Kranken und nicht auch zu den Gesunden, die des Arztes Hilfe nicht bedürfen.

[GEJ.09_027,02] Ich bin also in diese Welt gekommen, auf daß Ich den Menschen wiederbringe das Reich Gottes, das sie nun schon seit lange her völlig verloren haben, und dessen Gerechtigkeit, die unter den Menschen nicht mehr besteht. Ich bin sonach der Weg, die Wahrheit, das Licht und das Leben; wer an Mich glaubt, der wird das ewige Leben haben!“

[GEJ.09_027,03] Als das noch immer ziemlich zahlreich anwesende Volk das hörte, da sagte es unter sich: „Es hat dieser Mensch zwar wohl höchst wunderbar seltene Eigenschaften, – aber daß er sich für den hält, der uns das verlorene Reich Gottes und dessen Gerechtigkeit wiederbringen werde, da lebt er in einer großen Einbildung und Selbstüberschätzung! Denn wir sind doch aus der Nähe von Jerusalem und wissen noch nichts davon, daß nun solches geschehen solle! Wenn er aber sagt und behauptet, daß er das verlorene Reich Gottes und dessen Gerechtigkeit uns wiederbringen werde, so kann er uns dasselbe ja auch sogleich offenbaren! Was zögert er denn noch und hält unsere Erwartung vergeblich in Spannung?“

[GEJ.09_027,04] Ich aber wandte Mich darauf zu dem also unter sich urteilenden Volke und sagte eben darum zu ihm, weil Ich Mich bei ihm wahrlich so gut wie in der Nähe Jerusalems befand, folgendes Bild: „Ihr habt recht, daß ihr saget, daß ihr aus der Nähe von Jerusalem seid und von der Wiederbringung des Reiches Gottes und desselben Gerechtigkeit nichts wisset und nun hier begehret, daß sich das Reich Gottes alsogleich offenbaren solle, so es sich durch Mich offenbaren kann und will!

[GEJ.09_027,05] Ich befinde Mich nun an eurer Seite wahrlich in der Nähe des blinden Jerusalem, das mit offenen Ohren nichts hört und mit weit aufgesperrten Augen nichts sieht! Wie oft war Ich schon in Jerusalem und habe euch gelehrt und vor euren Augen Zeichen zum Zeugnis der Wahrheit über den Grund Meines Kommens in diese Welt gewirkt, und ihr saget es noch, daß ihr von der Wiederbringung des Reiches Gottes und dessen Gerechtigkeit nichts wisset, und verlanget nun von Mir, so Ich der Wiederbringer des Reiches Gottes und dessen Gerechtigkeit sei, daß Ich denn nun alsbald das Reich Gottes und dessen Gerechtigkeit auch vor euch offenbaren solle. Gut denn! Ich will es tun, und so vernehmet denn folgendes Bild (Luk.19,11):

[GEJ.09_027,06] Ein Edler zog in ein fernes Land, daß er ein Reich einnähme und dann wiederkäme. (Luk.19,12) Vor seiner Abreise aber forderte er zehn Knechte vor sich, gab ihnen zehn Pfunde und sprach: ,Handelt damit, bis ich wiederkomme! (Luk.19,13) Wer von euch mir einen guten Gewinn bereiten wird, der wird nach seinem Verdienste auch den gebührenden Lohn ernten!‘

[GEJ.09_027,07] Darauf verzog der Edle. Die Knechte aber fingen an, mit den Pfunden zu handeln, nütz und unnütz.

[GEJ.09_027,08] Die heimischen Bürger aber waren dem Edlen, der ihr Herr und König war, feind, und als sie vernahmen, daß er verreist sei und die Knechte für ihn handelten, da sandten sie eine Botschaft dahin zu ihm, wohin er gezogen war und ließen ihm sagen: ,Wir wollen nimmer, daß du fürder über uns herrschest!‘ (Luk.19,14)

[GEJ.09_027,09] Es begab sich aber, daß der Herr wiederkam, nachdem er das Reich eingenommen hatte, und forderte dieselben zehn Knechte, denen er das Geld zum Handeln gegeben hatte, zuerst zu sich, um zu erfahren, wie viel ein jeglicher gewonnen hatte. (Luk.19,15)

[GEJ.09_027,10] Da trat der erste zu ihm und sprach: ,Herr, dein Pfund hat zehn Pfunde erworben! (Luk.19,16) Hier ist dein Pfund, und da die zehn Pfunde hinzu! Und der Herr sagte zu ihm: ,Ei du frommer und treuer Knecht! Dieweil du im Geringsten treu gewesen, so sollst du nun Macht haben über zehn Städte!‘ (Luk.19,17)!

[GEJ.09_027,11] Darauf kam ein zweiter Knecht und sagte: ,Herr, dein Pfund hat fünf Pfunde getragen! (Luk.19,18) Hier ist dein Pfund und die fünf Pfunde hinzu!‘ Und der Herr sprach auch zu diesem Knechte: ,Also sollst du auch Macht haben über fünf Städte!‘ (Luk.19,19) Und also geschah es auch den andern, die mit dem einen Pfunde etwas erworben hatten.

[GEJ.09_027,12] Es kam aber auch, als besonders berufen, ein dritter und eigentlich ein letzter Knecht und sagte: ,Sieh da, Herr, hier ist dein Pfund, das ich in einem Schweißtuche aufbewahrt behalten habe! (Luk.19,20) Ich fürchtete mich vor dir, da ich wohl wußte, daß du ein harter Mann bist, der da nimmt, das er nicht gelegt hat, und erntet, wo er nicht gesät.‘ (Luk.19,21) Der Herr aber sprach zu ihm: ,Aus deinem Munde richte ich dich, du Schalk! Wußtest du, daß ich ein harter Mann sei und nehme, da ich nicht gelegt, und ernte, da ich nicht gesät habe (Luk.19,22), warum hast du denn mein Geld nicht in eine Wechselbank gegeben, auf daß es mir einen Wuchergewinn erworben hätte?!‘ (Luk.19,23) Da verstummte der Knecht, weil er sich da weiter nicht mehr entschuldigen konnte.

[GEJ.09_027,13] Der Herr aber sagte zu den andern Knechten: ,Nehmet diesem trägen Knechte das Pfund weg, und gebet es dem, der mir zehn Pfunde erworben hat! (Luk.19,24) Er wird mit ihm am besten gebaren!‘

[GEJ.09_027,14] Da sprachen die Knechte zu ihm: ,Dieser hat ja ohnehin das meiste!‘ (Luk.19,25)

[GEJ.09_027,15] Der Herr aber sagte zu den Knechten: ,Oh, wahrlich, Ich sage euch: Wer da hat, dem wird noch mehr gegeben werden, daß er dann in großer Fülle habe; wer aber nicht hat – wie ihr in Jerusalem –, dem wird auch ehest genommen werden, was er irgend noch hat! (Luk.19,26) Jene Meine Feinde aber, die nicht wollten, daß Ich herrsche über sie (die Pharisäer nämlich), bringet her, und erwürget sie vor Mir!‘ (Luk.19,27)

[GEJ.09_027,16] Auf daß ihr aber auch verstehet, was dies Bild besagt, so will Ich es euch in aller Kürze zerlegen, – und so höret:

[GEJ.09_027,17] Der Herr, der verreiste, um ein fernes Reich einzunehmen, ist Gott, der durch Moses zu euch geredet hat. Er übergab den Juden auf zwei steinernen Tafeln die zehn Pfunde (Gesetze des Lebens), mit denen die ersten Juden wohl gehandelt haben und darum auch bald zu einer großen Macht gelangten.

[GEJ.09_027,18] Die Zeit der Könige aber ist jener andere Knecht, der dem Herrn nur fünf Pfunde erworben hat; daher war ihre Macht auch nach ihrem Gewinne wohl bemessen. Wie diese Zeit aber im Gewinne für den Herrn stets magerer ward, das zeigte Ich euch im Gebaren der noch übrigen Knechte, und ihr möget sie näher erforschen im Buche der Könige und in der Chronika.

[GEJ.09_027,19] Der dritte, ganz träge Knecht aber stellt diese Zeit dar, in der die Pharisäer das ihnen von Gott verliehene Pfund vor den Augen, Ohren und Herzen im wahren Schweißtuche der armen und betrogenen Menschheit verbergen und es auch nicht in die Wechselbank der Heiden also, wie sie es von Gott erhalten haben, legen wollen, auf daß es dem Herrn Wuchergewinn brächte, – sondern sie legen ihren eigenen Unrat, den sie als Gold ausschreien und damit für ihren Leib Wucher treiben, in die Bank der noch blinden Heiden.

[GEJ.09_027,20] Diese jetzigen Pharisäer und Juden sind denn auch jene argen Bürger, die dem Herrn feind sind und nicht wollen, daß Er über sie herrsche. Darum wird ihnen denn auch geschehen, was Ich euch hier in dem Bilde gezeigt habe: Erstens, weil sie nichts erworben haben, wird ihnen auch das genommen, was sie noch hatten, und wird dem gegeben werden, der da nun wahrlich das meiste hat, – und das sind nun die Heiden, die zugleich jenes ferne Reich darstellen, dahin der Herr verreist ist, um es einzunehmen. Und Er hat es bereits eingenommen und ist nun in Mir heimgekehrt, um Rechnung zu machen, wie es euch das Bild in mannigfachem Lichte vor Augen gestellt hat.

[GEJ.09_027,21] Kurz, das Licht wird den Juden genommen und den Heiden gegeben werden! Die Zeit der Bestrafung der Gott dem Herrn feindlichen Bürger ist sehr nahe herbeigekommen, und die, denen das Licht gegeben wird und schon gegeben worden ist, werden jene neuen Diener des Herrn sein, welche die Feinde des Herrn erwürgen werden.

[GEJ.09_027,22] Das, was Ich euch nun geoffenbart habe, ist auch Gottes Reich, das Ich euch wiederbringe samt seiner Gerechtigkeit. Wer das beherzigen und das zum Handeln dargeliehene Pfund treu und gewissenhaft verwalten wird, der wird auch den Lohn des Lebens finden.

[GEJ.09_027,23] Das habe Ich zu euch, ihr Bürger in und um Jerusalem, geredet; wohl dem, der es gewissenhaft beherzigen wird!“

 

28. Kapitel

[GEJ.09_028,01] Als die Juden solches von Mir vernommen hatten, wurden sie ärgerlich, und es sagten einige unter sich: „Die Pharisäer haben am Ende doch recht, so sie diesen Galiläer verfolgen; denn aus seiner Rede leuchtet klar hervor, daß er die Römer, die ihn seiner Zaubertaten wegen für einen Gott halten, auf uns hetzen wird, die uns ganz sicher alle unsere Rechte nehmen und uns vollends zu ihren Sklaven machen werden. Wenn er der Wiederbringer des verlorenen Reiches Gottes und dessen Gerechtigkeit ist, und das soll in dem bestehen, was er uns nun geoffenbart hat, da soll er sein Gottesreich und dessen schöne Gerechtigkeit nur selbst behalten! Und so er fortfährt, uns Juden ein solches Gottesreich und dessen Gerechtigkeit stets lauter zu verkünden, da kann es wohl gar leicht geschehen, daß die Juden ihn noch eher erwürgen werden, als er die Juden mit Hilfe der Römer!“

[GEJ.09_028,02] Als Meine Jünger solches Gerede vernahmen, sagten sie zu Mir: „Herr, vernimmst Du nun nicht, was diese reden? Wirst Du sie nun wohl ungestraft von dannen ziehen lassen?“

[GEJ.09_028,03] Sagte Ich: „Es hat noch keiner seine Hand nach Mir ausgestreckt, um Mich zu ergreifen; warum sollte Ich sie da bestrafen? Ich habe zuvor geredet, und nun reden sie unter sich und fangen an, sich davonzumachen; denn Mein Wort hat ihnen nicht gemundet, und dafür strafe Ich die Blinden nicht. Wenn sie aber einmal die Hände nach Mir ausstrecken werden, dann wird auch die Strafe über sie kommen, wie Ich sie euch schon zu mehreren Malen gezeigt habe. Und so lassen wir sie nun ungestraft reden und ihren Weg gehen! Wir aber begeben uns nun in das Haus des Freundes Zachäus, und er wird uns ein Mittagsmahl bereiten.“

[GEJ.09_028,04] Auf diese Meine Worte begaben wir uns in das Haus des Zachäus, und er ließ uns sogleich Brot und Wein geben und behieß seine Leute, alles aufzubieten, um uns auf das möglich Beste zu bewirten.

[GEJ.09_028,05] Als wir nun in einem größten und reichst ausgestatteten Zimmer uns befanden und uns mit Brot und Wein labten und stärkten, da fing unser Zachäus an, Mir aus voller Brust auch darum zu danken, daß Ich den ihm sehr widerwärtigen Jerusalemern das verkündet habe, was sie sich schon lange verdient haben. Denn Zachäus, obwohl ein Nachkomme Abrahams, war ein Samaritan und darum bei den Jerusalemern um so mehr verhaßt.

[GEJ.09_028,06] Er fragte Mich denn auch, ob Ich etwas dawider hätte, daß er ein Samaritan sei.

[GEJ.09_028,07] Ich aber sagte zu ihm: „Bleibe du, was du bist, und sei in allem gerecht aus wahrer Liebe zu Gott und zum Nächsten, und du wirst Mir so besser gefallen denn die Juden, die des Tempels Gold küssen und die Armen von ihrer Häuser Türen mit Hunden wegtreiben lassen! Darum werde auch Ich sie ehest in alle Welt hinaustreiben lassen unter fremde Völker, und sie werden fürder kein eigen Land und kein Reich mehr besitzen. Aber nun lassen wir sie noch eine kurze Zeit walten und sündigen, bis ihr Maß voll werde!“

[GEJ.09_028,08] Nach dieser Meiner kurzen Rede dankte Mir Zachäus wieder, bat Mich aber, daß Ich ihm einen Rat gäbe, was er mit seinem ältesten, bereits sechzehn Jahre zählenden Sohne machen solle, der seit drei Jahren irrsinnig sei und beinahe von Tag zu Tag in eine größere Raserei verfalle. Er habe zu dem Sohne schon alle ihm bekannten besten Ärzte kommen lassen, und alle hätten versucht, den Sohn zu heilen; doch alle ihre Wissenschaft und Mühe sei nicht nur gänzlich erfolglos geblieben, sondern der Sohn sei nach jedes Arztes Behandlung noch ärger denn vorher geworden.

[GEJ.09_028,09] Da sagte Ich zu Zachäus: „Freund, derlei Übel heilt kein irdischer Arzt mit seinen Kräutern! Bringe aber den Sohn hierher, und du sollst die Macht der Herrlichkeit Gottes sehen!“

[GEJ.09_028,10] Da befahl Zachäus seinen Knechten, daß sie den Sohn, wohl gebunden, aus seinem wohlverschlossenen Gemache bringen sollten.

[GEJ.09_028,11] Da sagten die Knechte: „Herr, das wird sich vor diesen fremden Gästen gar übel machen; denn erstens rast er nun beinahe unausgesetzt, und zweitens stinkt er ärger denn alle Pestilenz, da er sich gleichfort mit seinem Kote beschmiert!“

[GEJ.09_028,12] Da sagte Ich: „Bringet ihn nur hierher; denn Ich will ihn sehen und heilen!“

[GEJ.09_028,13] Sagte ein Knecht, der viel im Hause galt: „O Freund, nur Gott allein kann den heilen, aber auf dieser Erde kein Mensch mehr! Wenn du auch den heilst, dann bist du kein Mensch, sondern ein Gott!“

[GEJ.09_028,14] Sagte Ich: „Das kümmere dich nicht, sondern tue, was dir geboten ist!“

[GEJ.09_028,15] Da gingen die Knechte und brachten den Sohn, vor dem sich alle Meine Jünger entsetzten und sagten: „Mit dem steht es noch ärger, als was wir sahen in der Landschaft der Gadarener!“

[GEJ.09_028,16] Ich aber erhob Mich, bedrohte die bösen Geister im Sohne und hieß sie, ihn augenblicklich für immer zu verlassen.

[GEJ.09_028,17] Da rissen sie noch einmal den Sohn und fuhren in Gestalt von vielen schwarzen Fliegen aus dem Sohne, welcher darauf völlig gesund ward.

[GEJ.09_028,18] Ich aber sagte nun zu den Knechten: „Nun führet ihn hinaus an den Brunnen, und reiniget ihn; gebet ihm auch frische Kleidung, und bringet ihn wieder hierher, auf daß er mit uns halte das Mittagsmahl!“

[GEJ.09_028,19] Das geschah denn auch. Und als der Sohn nun gesund und gereinigt an unserem Tische sich befand, da kamen alle im Hause wohnenden Verwandten und Bekannten in unser Zimmer und konnten nicht zur Genüge erstaunen über solch eine schnelle Heilung des Sohnes, und Zachäus dankte Mir über alle Maßen für diese Heilung.

[GEJ.09_028,20] Der Hauptknecht aber sagte zu Mir: „Herr, Du bist kein Mensch wie unsereins, sondern Du bist ein wahrer Gott, den wir Menschen allzeit anbeten wollen und werden!“

[GEJ.09_028,21] Als der Knecht noch also redete, da ward auch das Mittagsmahl auf den Tisch gesetzt, und wir fingen an zu essen.

 

29. Kapitel

[GEJ.09_029,01] Während des Essens und Trinkens fragten mehrere den geheilten Sohn, der nun ganz frisch und heiter aussah, ob er in seinem kranken Zustande auch große Schmerzen zu bestehen hatte.

[GEJ.09_029,02] Er aber sagte (der geheilte Sohn): „Wie kann ich nun das wissen? Denn ich war ja so gut wie tot und hatte kein Gefühl und wußte auch nichts um mich! Das aber weiß ich dennoch, daß ich mich fortwährend in einem Traume befand und in einer schönen Gegend mich mit guten Menschen unterhielt.“

[GEJ.09_029,03] Das wunderte die Anwesenden, und sie konnten das nicht fassen, und Zachäus fragte Mich, wie das doch möglich wäre, und warum so etwas von Gott zugelassen werde.

[GEJ.09_029,04] Sagte Ich: „Freund, darüber wollen wir nun nicht viele Worte verlieren! Bei solchen Übeln zieht sich die Seele ins Herz zurück, und ein oder oft auch viele arge und unreine Geister bewohnen den übrigen Leib und tun mit ihm, was sie wollen, wovon aber die im Herzen ruhende Seele nichts wahrnimmt.

[GEJ.09_029,05] Es werden aber derlei Besessenheiten darum zugelassen, auf daß die Menschen, bei denen der Glaube an Gott und an die Unsterblichkeit der Seele beinahe ganz erloschen ist, doch wieder an etwas Geistiges zu denken und auch zu glauben anfangen. Denn auch ihr seid schon schwachen Glaubens geworden, und so war euch diese Lektion auch sehr notwendig vor Meiner Ankunft in dieses Haus.

[GEJ.09_029,06] Wenn Ich früher gekommen wäre, so hättest du selbst Mir nicht also geglaubt, wie du Mir nun glaubst; und wäre dein Sohn, auf den du die größten Stücke hieltest, nicht in das Übel gekommen, so hätte dich der Stolz und Hochmut derart zugerichtet, daß du zu einem wahren Teufel unter den Menschen geworden wärest. Du hättest allen Glauben an Gott aus dir verbannt und die Menschen als pure Maschinen eingeschätzt, die vor dir nur dann irgendeinen Wert hätten, so sie dir beinahe umsonst dienten und dir zu noch größeren Reichtümern verhülfen.

[GEJ.09_029,07] Als aber dein Sohn, als dein Liebling und dein größter Stolz, also krank ward, wie Ich ihn nun hier angetroffen habe, da ward es dir ganz anders ums Herz. Du fingst an, wieder an einen Gott zu denken und zu glauben und wurdest demütigeren Herzens. Du hattest freilich daneben noch deine Zuflucht zu allen dir irgend bekannten Ärzten, ob Heiden oder Juden – was dir gleich war, – genommen und hattest dich's viel kosten lassen; aber als du sahst, daß deinem Sohne gar kein Arzt, auch kein Essäer und noch weniger irgendein Zauberer hatte helfen können, da wurdest du traurig und fingst an, ernstlicher darüber nachzudenken, warum Gott, so Er irgend einer sei, dich mit einem solchen Übel heimgesucht habe.

[GEJ.09_029,08] Du fingst wieder an, in der Schrift zu lesen, und fandest dein Handeln und Gebaren deinen Nebenmenschen gegenüber für stets mehr und mehr ungerecht und hattest denn auch Gott gelobt, daß du vollernstlich all das von dir begangene Unrecht wieder mehrfach gutmachen wollest.

[GEJ.09_029,09] Als solche Vorsätze in dir stets ernster und wahrer geworden waren und du auch in dem klarer geworden warst, daß dir nur der allmächtige Vater im Himmel helfen könne, da kam Ich dann auch bald in diese Gegend, und du hast es vernommen, was Ich an dem Blinden getan habe.

[GEJ.09_029,10] Da ward dein Glaube an Gott denn auch mächtiger und lebendiger, dieweil du vom alten und vom jungen Kado ein Zeugnis über Mich vernommen hast, das in dir keinen Zweifel übrigließ, daß Ich kein purer Prophet, sondern der Herr Selbst sei. Und siehe, also bist du denn auch dahin reif geworden, daß Ich nun bei dir einkehrte und mit Meiner Macht deinem Sohne half.

[GEJ.09_029,11] Wenn du nun das wohl überdenkst, so wird es dir wohl klar sein, warum Ich über Menschen, in deren Herzen noch nicht jeder Himmelslebensfunke völlig erloschen ist, allerlei Übel zulasse.

[GEJ.09_029,12] Freilich bei ganz verdorbenen und lebensverschlagenen Menschen, die keiner Mahnung von Mir aus mehr wert sind, bleiben derlei sie bessernde Zulassungen denn auch unterm Wege; denn sie fruchten nicht mehr und zeihen die Argen, daß sie noch ärger werden. Diese Art Menschen aber verzehren ihr Materieleben auch hier; nach diesem Leben aber erwartet sie ihr eigenes Gericht, das da ist der andere und ewige Tod.

[GEJ.09_029,13] Über den Ich noch allerlei Leiden und Trübsal zulasse, dem helfe Ich denn auch zur rechten Zeit; den Ich aber sein irdisch stolzes und schwelgerisches Wohlleben unbeirrt fortgenießen lasse, der trägt sein Gericht und seinen ewigen Tod schon in sich und sonach auch allenthalben mit sich. Und somit weißt du nun denn auch, warum so mancher Weltgroße und Weltreiche ungestraft bis zu seines Leibes Tode hin fortsündigen und fortgreueln kann.“

 

30. Kapitel

[GEJ.09_030,01] (Der Herr:) „Es ist von Mir aus in dieser Welt aber einem jeden ein gewisses Maß gestellt, sowohl im Guten und Wahren, als auch im Bösen und Falschen.

[GEJ.09_030,02] Hat der Gute durch seinen Eifer dieses Maß völlig erreicht, dann hören auch alle weiteren Versuchungen auf, und er geht dann im Volllichte aus den Himmeln von einer Lebensvollendungsstufe zu einer noch höheren und also ins Unendliche vorwärts.

[GEJ.09_030,03] Hat aber der Böse ebenso auch sein böses Maß voll gemacht, so hören dann auch weitere Mahnungen auf, und er sinkt von da an denn auch stets tiefer und tiefer in die dickere Nacht und in das härtere Gericht seines schon toten Lebens und Seins und wird von Mir aus weiter nicht mehr angesehen als ein Stein, in dem kein Leben, sondern nur das Gericht und das ewige Muß Meines Willens, den die Alten den ,Zorn Gottes‘ nannten, ersichtlich ist.

[GEJ.09_030,04] Wie lange aber ein Stein von großer Härte brauchen wird, bis er nur zu einem noch lange hin unfruchtbaren Erdreich erweicht wird, das ist eine Frage, die auch kein noch so vollkommener Engel, im höchsten Himmelslichte stehend, beantworten kann; denn darum weiß allein der Vater, der in Mir ist, wie auch Ich in Ihm.

[GEJ.09_030,05] So aber einmal gar zu viele Menschen sich im Vollmaße ihres Bösen befinden, so wird von Mir aus, der noch wenigen Guten und Auserwählten wegen, die Zeit ihres ungestraften argen Waltens abgekürzt, und ihr eigenes Gericht und ihr Tod verschlingt sie vor den Augen der wenigen Gerechten, wie das zu Noahs und zu Abrahams und Lots Zeiten und auch zur Zeit Josuas teilweise der Fall war und von nun an auch fürderhin noch zu öfteren Malen der Fall sein wird.

[GEJ.09_030,06] Den Anfang werden die Juden bald erleben und später auch andere Reiche mit ihren Fürsten und Völkern; nach etwa nicht völlig 2000 Jahren aber wird abermals kommen ein größtes und allgemeinstes Gericht zum Heile der Guten und zum Verderben der Weltgroßen und völlig Lieblosen.

[GEJ.09_030,07] Wie aber das Gericht aussehen und worin es bestehen wird, das habe Ich schon allen Meinen hier mit Mir anwesenden Jüngern mehrere Male geoffenbart, und sie werden es nach Mir den Völkern der Erde verkünden. Wohl dem, der es beherzigen und sein Leben danach einrichten wird, auf daß er nicht ergriffen werde von dem Gerichte!

[GEJ.09_030,08] Und nun weißt du, Mein Freund Zachäus, zur Genüge, was du für dein Seelenheil zu tun und zu wirken hast, und wir haben uns nun an deinem Tische auch zur Genüge gestärkt mit Speise und Trank, – und so wollen und werden wir uns wieder erheben und auf den Weg nach Nahim begeben; denn Ich muß heute noch vor dem Untergange im benannten Orte eintreffen.“

[GEJ.09_030,09] Sagte nun Zachäus: „O Du allein wahrer Herr und Meister! Es ist bis in den benannten Ort von hier noch eine weite Strecke Weges, und es wird auf eine natürliche Art wohl sehr schwer hergehen, heute vor dem Untergange den Ort zu erreichen; denn er liegt ja um vieles näher bei Jerusalem, als da die Ferne von hier bis zum von Dir benannten Orte ausmacht! In einem Tage kann man den Weg dahin auf Kamelen wohl machen, aber zu Fuß in von nun an kaum eines halben Tages Zeit wird das ohne Wunder wohl nicht möglich sein!“

[GEJ.09_030,10] Sagte Ich: „Das, Freund, wird schon Meine Sorge sein! Konnten wir den noch weiteren Weg von hier bis nach Essäa in einem Tage ohne Kamele durchwandern, so werden wir auch den um ein bedeutendes kürzeren von hier bis Nahim durchmachen. Du hast freilich wohl eine Sehnsucht dahin, daß Ich noch hier verzöge bis zum Morgen; aber Ich allein weiß es am besten, was Ich vorhabe, und so denn muß Ich auch handeln, nicht wie Mein Fleisch es will, sondern wie Der es will, der in Meiner Seele wohnt. Und so muß Ich heute noch vor dem Untergange in dem vorbestimmten Orte eintreffen.

[GEJ.09_030,11] Gedenke Meiner Lehre, und handle danach, so wirst du leben im Lichte aus Gott! Und so du vernehmen wirst, daß die Pharisäer Mich fangen und diesen Meinen Leib töten werden – was auch zugelassen werden wird zu ihrem Untergange, aber auch zur Auferstehung der vielen Toten, die nun noch in den Gräbern des Un- und Wahnglaubens schmachten und kein Leben des Geistes in sich haben –, da ärgere dich nicht darob, und werde nicht zaghaften Glaubens; denn Ich werde am dritten Tage wieder auferstehen und werde kommen zu allen Meinen Freunden und ihnen geben das ewige Leben!

[GEJ.09_030,12] Über Meine Feinde aber wird hereinzubrechen anfangen das Gericht zu ihrem Untergange, den noch viele jetzt Lebende sehen werden. Ich habe dir nun denn auch das gesagt, und du weißt es nun, wie du dich in der Folge zu verhalten hast.

[GEJ.09_030,13] Ich habe dir nun auch ein Pfund dargeliehen; verwalte es gut und recht, auf daß Ich es, so Ich wiederkomme, von dir mit Zinsen wieder zurückerhalte! Über Kleines bist du nun gestellt, und über Großes sollst du dann gestellt werden; denn wer im Kleinen treu ist, der wird auch im Großen treu bleiben.“

[GEJ.09_030,14] Nach diesen Worten segnete Ich des Zachäus ganzes Haus und begab Mich mit Meinen Jüngern sogleich auf den Weg.

 

31. Kapitel

[GEJ.09_031,01] Es stand aber noch viel Volk auf der Straße, das Mich noch einmal sehen und sprechen wollte; denn es war durch die Hausleute ruchbar geworden, was Ich des Zachäus Sohne getan hatte. Ich aber ließ Mich nicht beirren und ging rasch durch die Menge unaufhaltsam. Da Mich aber mehrere Hunderte geleiten wollten, so blieb Ich eine kurze Weile stehen und bedeutete den Nacheilenden, daß sie umkehren und nach Hause ziehen sollten, was sie dann auch taten.

[GEJ.09_031,02] Doch als Ich also vom Volke aufgehalten ward, da drängte sich auch ein Weib, das schon mehrere Jahre am Blutgange litt, und dem niemand helfen konnte, zu Mir. Dies Weib rührte Meinen Rock an im vollen Glauben, daß ihr das Hilfe bringen werde, und sie ward denn auch im Augenblick geheilt.

[GEJ.09_031,03] Ich aber befragte zur Probe die Jünger und die andern Menschen, sagend: „Wer hat Mich da angerührt im Glauben? Denn Ich gewahrte, daß von Mir eine Kraft ausging.“

[GEJ.09_031,04] Da sagten die Jünger und etliche andere Menschen: „Da sieh, dies zudringliche Weib hat Dich angerührt!“

[GEJ.09_031,05] Da fiel das Weib vor Mir nieder und bat Mich um Vergebung; denn sie fürchtete, daß sie deshalb bestraft werde.

[GEJ.09_031,06] Ich aber sagte zu ihr: „Stehe auf und gehe nach Hause; denn dein Glaube hat dir geholfen! Sündige aber nicht mehr, so du gesund bleiben willst!“

[GEJ.09_031,07] Da erhob sich alsbald das Weib und begab sich, die Macht Gottes lobend, nach Hause.

[GEJ.09_031,08] Ich aber entließ darauf eiligst das Volk und zog mit den Jüngern schnell weiter.

[GEJ.09_031,09] Wir kamen bald in eine wüste Gegend, durch die die Straße gebahnt war. Da zog in dieser Zeit kein Wanderer, und wir konnten so ungesehen die sonst bei zehn Stunden lange Wegstrecke auf die schon bekannte Weise in einer kaum halben Stunde Zeit zurücklegen und eine Gegend erreichen, die zum Teil von Juden und zum Teil von Griechen und eingewanderten Babyloniern bewohnt war.

[GEJ.09_031,10] Wir kamen an ein Dörfchen, das den Griechen gehörte. In der Mitte dieses Dörfchens befand sich auf einem Hügel ein Tempel, der dem heidnischen Gott Merkur geweiht war. Für die Duldung dieses Heidentempels im Judenlande aber mußten die Bewohner dieses Dörfchens an den Tempel zu Jerusalem jährlich einen namhaften Tribut bezahlen und bekamen darauf allzeit vom Tempel aus die Bewilligung, ihrem Gott Merkur aufs neue wieder ein volles Jahr hindurch Opfer darzubringen und ihm zu Ehren gewisse Feste halten zu dürfen. Dieser Tag – es war ein römischer Merkurtag, obschon der Juden Nachsabbat – war aber gerade ein Festtag des obbenannten Heidengottes, und die Griechen trieben ihr Wesen mit ihrem Götzen.

[GEJ.09_031,11] Als wir an die Stelle kamen, da hielten uns die Griechen auf und verlangten, daß auch wir aus alter Sitte, also aus einer Art Höflichkeit, unsere Knie vor dem Götzen beugen möchten.

[GEJ.09_031,12] Ich aber sagte: „Höret, ihr blinden Heiden solltet lieber vor dem allein wahren Gott der Juden eure Knie und Herzen beugen! Denn dieser euer toter und machtloser Götze ist ein Werk von Menschenhänden, also um vieles minder als eine kleinste und unansehnlichste Moospflanze; der eine und allein wahre Gott der Juden aber hat pur aus Sich Himmel und Erde und alles, was sie trägt, erschaffen. Darum sollen alle Menschen nur an den einen, wahren Gott glauben, Ihn allein anbeten und keine anderen, toten Götzen haben und sie mit allerlei unvernünftiger und die Menschenwürde entehrender Zeremonie ehren.“

[GEJ.09_031,13] Sagte ein Grieche: „So wir nach Jerusalem kommen, da weigern wir uns nicht, unsere Knie vor eurem Gott zu beugen, obschon wir recht gut wissen, daß im großen Tempel Salomos sich kein Gott unter irgendeiner Gestalt befindet. Einen Kasten nur haben die Juden, aus dem zu gewissen Zeiten eine Naphthaflamme emporlodert, die aber so heilig gehalten wird, daß sie nur von dem Obersten und Höchsten der Judenpriester etliche Male im Jahre gesehen und angebetet werden darf. Wir wissen aber auch, daß der Kasten der Juden gleich wie dieser unser Gott von Menschenhänden gemacht worden ist; wie sagst du dann, daß der Gott der Juden der allein wahre ist und aus sich Himmel und Erde erschaffen hat, darum denn auch alle Menschen an ihn glauben, ihn allein anbeten und ehren und nicht irgendwelche anderen Götzen haben sollen?

[GEJ.09_031,14] Freund, mir kommt es vor, daß wir uns in bezug auf die Wahrheit, welcher Gott ein wirklicher sei, gar nichts vorzuwerfen haben! Wir ehren in unseren Göttern als Symbole der verschiedenen Kräfte der Natur eben nur die von uns mehr oder weniger erkannten Kräfte der großen Natur und nicht die von Menschenhänden gemachte Statue samt ihrem Tempel, und das ist doch sicher vernünftiger, als so ihr Juden einen alten Kasten samt dem Tempel für den allein wahren Gott haltet und anbetet! Daß wir aber euch hier aufforderten, eure Knie im Vorübergehen höflichkeitshalber vor unserem Merkur zu beugen, da wollten wir euch damit ja nicht von eurem Judentume abwendig machen und euch sonach zu einer Sünde wider euren Gott verlocken!

[GEJ.09_031,15] Kannst du und alle deine Gefährten uns aber einen faktischen Beweis liefern, daß trotz meiner vernünftigen Gründe wider die von euch behauptete Wahrheit nur euer Gott der allein wahre ist, so sind wir nicht hartwillig und wollen gar bald und leicht nur allein zu eurem Gott uns kehren!“

[GEJ.09_031,16] Sagte Ich: „Freund, einen solchen Beweis können wir dir schon liefern, ohne von euch zu verlangen, daß ihr eure Knie vor uns beugen sollet; aber Ich muß euch zuvor eine Bedingung setzen, die ihr vorher zu erfüllen versuchen müßt, ob sie euch gelingt oder nicht. Gelingt sie euch, dann wollen auch wir unsere Knie vor eurem Merkur beugen und dann als Juden weiterziehen; gelingt euch die Erfüllung der gestellten Bedingung nicht, so werde Ich euch schon den faktischen Beweis liefern, daß der Gott der Juden der allein wahre ist, und ihr werdet euch von euren kostspieligen Götzen abwenden und selbstwillig eure Herzen und Knie vor unserm Gott beugen.

[GEJ.09_031,17] Die Bedingung aber besteht darin: Ihr habt schon gestern und heute euren Götzen geehrt und in dem Tempel die Opfer niedergelegt, und es muß darum der Götze guten Willens sein und alsbald erhören irgendeine an ihn gerichtete Bitte.

[GEJ.09_031,18] Seht, dort an den Stufen des Tempels sitzt ein blindgeborenes Mägdlein von zwölf Jahren Alters! Sie ist ein Liebling ihrer wohlhabenden Eltern, und sie gäben alles darum, so demselben die Sehkraft verliehen werden könnte. Wendet euch darum alle mit der Bitte an euren Gott, daß er der Blinden die Augen öffnen wolle! Denn derlei Blinde heilt kein Mensch auf der ganzen Erde nun; das kann nur einem allmächtigen Gott möglich sein. Heilt euer Gott die Blinde, dann wollen auch wir uns vor ihm beugen; heilt er sie aber höchstwahrscheinlich nicht, sodann werde Ich sie heilen mit der Kraft des Geistes unseres Gottes, der in Mir wohnt, und werde von dieser Stelle aus, wo Ich Mich nun befinde, nachdem das Mägdlein wird sehend geworden sein, aber auch den Tempel samt seinem Götzen im Augenblick derart vernichten, daß ihr nicht einmal die Stelle wiedererkennen sollet, auf der nun der Tempel samt dem Götzen steht. Gehet und erfüllet die euch gestellte Bedingung!“

[GEJ.09_031,19] Sagte der Grieche, der auch der Vater der Blinden war: „Freund, wir wollen den Versuch machen, wie ich ihn schon einige Male gemacht habe – leider allzeit ohne den geringsten Erfolg! Aber was haben wir dann von euch zu fordern, so dich, Freund, etwa auch dein allein wahrer Gott im Stiche ließe und nicht erhörete dein Verlangen? Denn ich habe schon mit gar vielen Juden, die auch ganz ernstlichst an ihren Gott glaubten, in diesem Punkte geredet, und es hat mir ein jeder treu gestanden, daß es mit der alsogleichen Erhörung eurer Ihm dargebrachten Bitten auch seine sehr geweisten Wege habe. Ich aber will darum in das, was du zu leisten versprachst, keinen Zweifel setzen, weil deine Worte äußerst zuversichtsvoll klangen. Aber wenn dein Gott am Ende dennoch in der Wirkung unserem Gotte gliche, was dann?“

[GEJ.09_031,20] Sagte Ich: „Dann wollen wir eure Sklaven sein unser Leben lang! Aber nun gehet zu eurem Gott, und traget ihm eure Bitte vor!“

 

32. Kapitel

[GEJ.09_032,01] Auf diese Meine Worte gingen die Griechen zu ihrem Götzen und hoben ein starkes Bittgeheul an, das eine kleine halbe Stunde lang währte, natürlich ohne allen Erfolg.

[GEJ.09_032,02] Als sie ihr Bittgeheul beendet hatten, da kam der Grieche wieder zu Mir und sagte: „Freund, wie du siehst, so ist unsere Mühe nun, wie immer, eine völlig fruchtlose gewesen! Nun kommt die Reihe an dich, uns den versprochenen faktischen Beweis zu liefern, laut dem euer Gott der allein wahre sei. Gelingt es dir, so wollen wir dann auch gleich euch für alle Zeiten Juden werden!“

[GEJ.09_032,03] Sagte Ich: „So gehe denn hin, und bringe Mir deine blinde Tochter, und überzeuge dich, daß sie noch völlig blind ist! Darauf erst werde Ich ihr die Augen öffnen.“

[GEJ.09_032,04] Da ging der Grieche sehr erfreut, weil er nun schon glaubte, daß seine Tochter sehend werde, hin zur Blinden und brachte sie zu Mir, sagend: „Hier, lieber Freund, ist die noch vollkommen Blinde; wolle ihr denn mit der Hilfe und lebendigen Macht deines Gottes die Augen öffnen!“

[GEJ.09_032,05] Sagte Ich zum Mägdlein: „Achaia, möchtest du sehen, so wie die andern Menschen sehen das Licht und zahllos viele andere herrliche Dinge auf der Erde?“

[GEJ.09_032,06] Sagte das Mägdlein: „O Herr, wenn ich sehen würde durch deine Macht, dann wäre ich wohl überglücklich und würde dich lieben mehr denn alles in der Welt! O so tue mir die Augen auf!“

[GEJ.09_032,07] Und Ich behauchte ihre Augen und sagte: „Achaia! Ich will, daß du sehest in diesem Moment, und daß du in der Folge nimmerdar blind werdest!“

[GEJ.09_032,08] Als Ich diese Worte über das Mägdlein ausgesprochen hatte, da ward das Mägdlein denn auch schon vollkommen sehend und wußte vor Freude nicht, was sie nun gleich zuerst tun sollte, und also ging es auch ihren Eltern.

[GEJ.09_032,09] Nach einer kurzen Weile erst fiel das Mägdlein samt ihren Eltern und Geschwistern vor Mir nieder und sagte: „O Herr! Du bist mehr denn alle Menschen auf der ganzen Erde! Du bist Selbst der eine und allein wahre Gott nicht nur der Juden, sondern aller Menschen auf dem ganzen Erdkreis! Dir allein will ich jedes Opfer darbringen und Dich allein lieben, loben und preisen mein Leben lang!“

[GEJ.09_032,10] Sagte Ich: „Achaia, wie kommt dir denn das in den Sinn, daß du Mich nun als einen Gott anpreisest? Siehst du denn nicht, wie Ich gleich den andern, die um dich sind, ein Mensch bin?“

[GEJ.09_032,11] Sagte das Mägdlein: „Das wohl, das wohl, – aber nur dem Anscheine nach in der Außenform; doch Dein Inneres ist voll der Kraft Gottes, und diese ist ja der eigentliche und allein wahre Gott! Zudem hast Du zu mir nicht gesagt: ,Der Gott der Juden mache dich sehend!‘, sondern Du sagtest: ,Achaia, Ich will, daß du sehest!‘, und ich ward sehend! Du hast mir sonach aus Deiner Macht geholfen, die rein göttlich sein muß, da ich sonst wohl blind geblieben wäre für immerdar. Dir darum alle meine Liebe und tiefste Verehrung!“

[GEJ.09_032,12] Nach dieser Beteuerung kamen auch alle die andern und lobten und priesen Mich, und aller Augen waren auf Mich gerichtet.

[GEJ.09_032,13] Während aber alle Mich betrachteten und lobten und priesen, schaffte Ich denn auch den Tempel samt seinem Götzen hinweg durch die Macht Meines Willens und sagte darauf zu den Griechen: „Weil ihr nun den rechten und allein wahren Gott gefunden habt, so habe Ich denn auch aus Meiner Machtvollkommenheit euren Götzen samt seinem Tempel schon vernichtet. Gehet hin, und suchet die Stelle, wo der Tempel gestanden ist!“

[GEJ.09_032,14] Da sahen sich alle nach dem Tempel um und konnten nicht mehr bestimmen, wo ehedem derselbe gestanden war; denn Ich hatte nicht nur den Tempel mit dem Götzen, sondern auch den Hügel vernichtet.

[GEJ.09_032,15] Als die Griechen das sahen, da fingen sie an, Mich noch lauter zu loben und zu preisen und fragten Mich, was sie nun tun sollten, um der ihnen nun erwiesenen Gnade würdiger zu erscheinen.

[GEJ.09_032,16] Ich belehrte sie mit wenigen Worten, und sie nahmen alle Meine Lehre an und bildeten bald eine gute Gemeinde in Meinem Namen.

 

33. Kapitel – Der Herr in Nahim in Judäa. (Kap.33-44)

[GEJ.09_033,01] Als Ich die Lehre an sie beendet hatte, machten wir uns gleich auf die Weiterreise, da die Sonne schon dem Abend sich zu nahen begann. In einer Stunde erreichten wir Nahim. Es versteht sich aber leicht von selbst, daß uns die über alles erstaunten und zu Meiner Lehre völlig bekehrten Griechen bis nach Nahim begleiteten und wir somit eine recht zahlreiche Karawane bildeten.

[GEJ.09_033,02] Nota bene: Hier kommt eine Begebenheit vor, die eine große Ähnlichkeit mit jener hat, die sich im ersten Lehrjahre zu Nain in Galiläa zugetragen hatte, die folgende aber trug sich in Nahim in Judäa zu, – daher die beiden sich ähnlich sehenden Begebenheiten nicht miteinander zu verwechseln sind. –

[GEJ.09_033,03] Als wir sonach in großer Anzahl vor das Tor des Städtchens kamen, da trugen die Leichnamsträger in Begleitung der Trauernden einen verstorbenen Jüngling als den einzigen Sohn einer Witwe zum Grabe; die Witwe aber weinte gar sehr um ihren einzigen Sohn. Als der Leichenzug in unsere Nähe kam, da hielt er an, bis wir vorüberzögen.

[GEJ.09_033,04] Ich aber trat zur Witwe, tröstete sie und befragte sie auch, wie lange ihr Sohn schon tot sei.

[GEJ.09_033,05] Die Witwe aber antwortete: „Herr! Ich kenne dich nicht, wer du bist; aber deine Trostworte haben sehr gelindert meinen Schmerz! Wer hat es dir aber nun hinterbracht, daß der Verstorbene mein Sohn sei?“

[GEJ.09_033,06] Sagte Ich: „Das weiß Ich von Mir Selbst und habe nicht nötig, daß Mir das jemand verkünde.“

[GEJ.09_033,07] Sagte die Witwe: „Weißt du, daß der Verstorbene mein Sohn ist, so wirst du auch wissen, wie lange er tot ist!“

[GEJ.09_033,08] Sagte Ich: „Weib, du hast richtig geurteilt; denn Ich weiß es auch, daß dieser dein Sohn vor drei Tagen an einem hitzigen Fieber verstorben ist. Aber so du Vertrauen hättest, da könnte Ich dir deinen Sohn wieder beleben und ihn dir wiedergeben!“

[GEJ.09_033,09] Sagte die Witwe: „O Herr! Deine Rede erquickt wohl gar sehr mein Herz, doch einen Toten kann und wird nur Gott nach Seiner Verheißung am Jüngsten Tage wiederbeleben! Oder bist du ein großer Prophet, erfüllt mit dem Geiste Gottes, daß du mit dessen Allgewalt auch einen Toten lebendig machen kannst?“

[GEJ.09_033,10] Sagte Ich: „Das wirst du schon noch erfahren in dieser Nacht, da Ich in deiner Herberge verbleiben werde; nun aber öffnet den Sarg, und Ich will den Jüngling beleben und ihn der traurigen Mutter wiedergeben!“

[GEJ.09_033,11] Auf das öffneten die Träger den Sarg, und Ich trat hinzu, nahm den Jüngling bei der Hand und sagte: „Jüngling! Ich will es, stehe auf, und wandle mit deiner Mutter nach Hause!“

[GEJ.09_033,12] Auf diese Meine Worte erhob sich der Jüngling im Sarge, und als man die Tücher, mit denen die Juden ihre Toten umwanden, ablöste, da stieg er auch sogleich aus dem Sarge ganz kräftig und gesund, und Ich gab ihn der über alle Maßen erstaunten Mutter.

[GEJ.09_033,13] Dieses Zeichen aber bewirkte bei allen Anwesenden – selbst Meine alten Jünger nicht ausgenommen –, ein ordentliches Entsetzen, so daß einige die Flucht ergriffen und andere vor lauter Staunen ganz stumm dastanden und sich nicht ein Wort zu reden getrauten.

[GEJ.09_033,14] Ich aber behieß die Träger, den leeren Sarg hinwegzutragen, auf daß nun Mutter und Sohn ganz heiteren Gemütes Mir danken konnten für die ihnen erwiesene Gnade. Und die Träger taten voll der höchsten Ehrfurcht, was Ich ihnen befohlen hatte.

[GEJ.09_033,15] Als der Sarg hinweggeschafft war und dadurch auch die Erinnerung an den Tod, da erst fingen zuerst die uns bis hierher geleitet habenden Griechen von neuem an, Mich hoch zu loben und zu preisen, und sagten laut: „Das kann kein Mensch bewirken, sondern nur ein Gott!“

[GEJ.09_033,16] Die Juden aber sagten: „Ja, ja, nur Gott sind solche Dinge möglich! Doch Gott ist ein purer Geist, und es kann Ihn niemand sehen und daneben behalten das Leben; diesen Menschen aber sehen wir, und der Tod bleibt ferne, und so ist dieser Mensch wohl sicher ein neu auferweckter großer Prophet voll Geistes aus Gott; aber darum ist er selbst dennoch kein Gott!“

[GEJ.09_033,17] Sagten die Griechen: „Ihr wisset, was ihr wisset; aber wir wissen auch, was wir wissen! So ihr wohl saget, daß solches nur Gott allein möglich sei und ein solcher Mensch solche Taten nur darum bewirken kann, weil er mit dem Geiste Gottes erfüllt ist, so gestehet ihr es ja selbst, daß der Geist Gottes in Ihm unmöglich etwas anderes ist als eben Gott Selbst! Wenn wir nun Ihn als einen wahren Gott loben und preisen, so sind wir sicher näher an der Quelle der großen Wahrheit, aus der alles Licht und Leben kommt, denn ihr Juden, die ihr Den nicht für einen wahrsten Gott haltet, der da sagt: ,Ich will es!‘ und nicht: ,Der Geist Gottes in Mir will es!‘, und es geschieht dann alsogleich, was Er mit dem Munde ausspricht und will!

[GEJ.09_033,18] Wir sind Heiden gewesen noch vor ein paar Stunden Zeit, und dieser Gottmensch kam zu uns und hat meine blindgeborene Tochter Achaia mit einem Wort sehend gemacht und ebenso auch unsern Götzentempel in einem Augenblick derart vernichtet, daß von ihm aber auch nicht eine leiseste Spur übrigblieb und man gar die Stelle nicht mehr erkennt, wo er gestanden ist, und Er tat solches alles bloß aus Sich, also aus Seiner höchsteigenen göttlichen Machtvollkommenheit. Wenn Er aber also wirkt und handelt, so muß Er auch Selbst ein wahrster Gott sein und braucht keinen noch höheren und wahreren Gott zu bitten, daß Er Ihm helfe, eine Wundertat zu bewerkstelligen; denn Er Selbst ist schon der höchste und wahrste Gott!

[GEJ.09_033,19] So denken und urteilen nun wir Heiden, und Er wird uns auch aus Sich geben das wahre, ewige Leben, wie Er nun auch diesem Jüngling das irdische Leben aus Sich wiedergegeben hat, so wir leben und handeln werden nach Seiner Lehre und treu Seinen Willen erfüllen; denn Er Selbst ist der Urquell alles Seins und Lebens!“

 

34. Kapitel

[GEJ.09_034,01] Nach dieser ganz gediegen wahren Rede des Griechen sagte ein Jude dieses Ortes, der ein Rabbi war und einer Synagoge vorstand: „Du, als ein Heide in unserer Schrift sicher wenig bewandert, urteilst wohl recht gut, und man kann dir in vielen Stücken nicht unrecht geben; aber wenn du in unserer Schrift mir gleich bewandert wärest, so würdest du sicher auch ein wenig anders urteilen! Siehe, sooft Gott Sich eines frommen Menschen eben der Menschen wegen bedient hat, da konnte ein solcher Mensch nicht anders handeln und reden, als wie er von dem Geiste Gottes getrieben ward! Einer unserer ersten der vier Großpropheten redete zum Volke nahe stets also, als wäre er Gott Selbst gewesen, was ihm die Juden auch oft zum Vorwurfe machten; aber er konnte eben nicht anders reden und handeln, als wie er vom Geiste Gottes angetrieben worden war.

[GEJ.09_034,02] Ein Beispiel seiner Rede wird dir die Sache heller machen. So sagt der besagte Prophet, der Jesajas hieß, unter anderem gleich im Anfange seines 42. Kapitels, wo er wahrscheinlich auf diesen vom Geiste Gottes erfüllten Mann eine Vorandeutung machte: ,Siehe, das ist Mein Knecht, – Ich erhalte Ihn; und Er ist Mein Auserwählter, und Meine Seele hat an Ihm Wohlgefallen. Ich habe Ihm Meinen Geist gegeben, – Er wird das Recht unter die Heiden bringen. Er wird nicht schreien und rufen; auf den Gassen wird man nicht hören Seine Stimme. Das zerstoßene Rohr wird Er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen. Er wird das Recht wahrhaftig halten lehren. Er wird nicht mürrisch und greulich sein, auf daß Er das Recht auf Erden aufrichte.

[GEJ.09_034,03] Also spreche Ich, Gott der Herr, der die Himmel schafft und ausbreitet, der die Erde macht und ihr Gewächs, der dem Volke, das darauf ist, den Odem gibt und den Geist denen, die darauf halten. Ich, der Herr, habe Dich gerufen mit Gerechtigkeit, Ich habe Dich bei der Hand gefaßt und habe Dich behütet und habe Dich zum Bund unter das Volk gegeben und zum Licht der Heiden. Du sollst öffnen den Blinden die Augen und die Gefangenen aus den Gefängnissen führen und die da sitzen in der Finsternis und in den Kerkern. Ich, der Herr, das ist Mein Name, will Meine Ehre keinem andern geben, noch Meinen Ruhm irgendeinem Menschengötzen. Siehe, was da kommen soll, verkündige Ich nun zuvor und verkünde Neues; ehe denn es aufgeht, lasse Ich es euch hören.‘

[GEJ.09_034,04] Siehe nun, du mein sonst recht weiser Grieche, also sprach einst Gott durch den Mund eines Menschen, daß man meinen möchte, der Mensch Jesajas sei im Ernste der Herr Selbst! Dem aber war dennoch nicht also. Und wie es damals war, also ist es auch heutzutage. Dieser wundertätige Mann ist demnach nichts anderes als jener durch den Propheten angezeigte Knecht Gottes, Sein Auserwählter zum Heile auch der Heiden, wie er es euch ehedem auch tatsächlich bewiesen hat.

[GEJ.09_034,05] Gott wird ihn darum auch mit dem höchsten Ruhme krönen und ihn machen zum Könige aller Völker der Erde, indem Er ihm eine so große Macht gegeben hat, wie sie zuvor noch nie einem Menschen eigen war. Doch deshalb ist und bleibt er dennoch nur ein Mensch und ist aus sich heraus kein Gott und noch weniger irgendein Menschengötze, wie ihr Heiden deren eine Menge aufzuweisen habt. Er ist ein Knecht Gottes, begabt mit aller erdenklichen Macht, ein besonders Auserwählter, und darum sichtlich ein erster Liebling Gottes.

[GEJ.09_034,06] Siehe, so urteilen wir in der Schrift wohlbewanderten Juden; ihr aber, die ihr gewohnt seid, aus jeder außerordentlichen Erscheinung einen Gott zu machen, haltet solch einen vom Geiste Gottes erfüllten Menschen um so eher gleich für den wahren Gott, weil er vor euren Augen Zeichen gewirkt hat, die ganz sicher nur Gott allein möglich sind. Aber er wirkt derlei unerhörte Wunderdinge doch nicht aus seiner eigenen Menschenkraft, sondern nur durch die ihm auf eine Zeitlang verliehene Willensmacht Gottes. So stehen diese Sachen, und ich bin überzeugt, daß er sich selbst kein anderes Zeugnis geben wird.“

[GEJ.09_034,07] Sagte darauf der Grieche: „Du hast auch nun wohl geredet und dürftest in manchem auch wohl so für den Weltverstand der Menschen recht haben. Aber es hat der von dir angezogene Prophet in seinen vielen Kapiteln auch noch anders gesprochen, was mir, trotzdem ich ein Heide bin, nicht unbekannt ist, und das dürfte sich wohl mehr zu meines Urteils Gunsten gestalten denn zu des deinen!“

[GEJ.09_034,08] Sagte der Rabbi: „So lasse hören, was du weißt!“

[GEJ.09_034,09] Sagte der Grieche: „Gut, wie ist denn hernach die Stelle zu verstehen, wo der Prophet also spricht: ,Uns ist ein Knabe geboren, ein Sohn ist uns gegeben, dessen Herrschaft Er trägt auf der eigenen Schulter! Sein Name ist: Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Gott, Ewigkeit, Vater, Friedensfürst.‘ – Wie erklärst du mir dies Zeugnis des Propheten?“

[GEJ.09_034,10] Darauf wußte der Rabbi nichts zu antworten, sagte bloß so hingeworfen: „Nun ja, das steht wohl auch im Jesajas; doch es ist dieser Prophet in gar vielen seiner Weissagungen sehr dunkel und unverständlich, und man kann da nicht sicher feststellen, was er darunter gemeint hat.“

[GEJ.09_034,11] Sagte der Grieche: „Sonderbar, daß du als schriftkundiger Jude hier also urteilen magst, und das geborene Kind und der gegebene Sohn, dessen großen Namen der Prophet offen ausgesprochen hat, stehet doch unverkennbar in der Person, in Wort und Tat vor uns! Er ist als nun ein uns sichtbarer Mensch auch ein Knecht, an dem Gott Sein höchstes Wohlgefallen hat aus dem Grunde, weil Er sicher in aller Fülle in Ihm wohnt. Sein Leib ist nur der Knecht; aber Seine Seele ist Gott von Ewigkeit. Dieser Leib ist doch sicher ein allerhöchst Auserwählter Gottes, an dem Er Sein innigstes Wohlgefallen hat! Ich als ein Heide werde hier nach meinem natürlichen Sinne schier der Wahrheit näherstehen, als du mit aller deiner dir nach deinem eigenen Zeugnisse unklaren und unverständlichen Schriftkundigkeit!“

[GEJ.09_034,12] Hierauf sagte der Rabbi gar nichts mehr, ward ärgerlich und ging davon.

[GEJ.09_034,13] Ich aber sagte zu Meinen Jüngern, die sich über den blinden Rabbi im geheimen auch ärgerten: „Da habt ihr abermals ein Beispiel, wie das Licht den Juden genommen und den Heiden gegeben wird. Diese Griechen waren vor ein paar kleinen Stunden noch feste Götzendiener, und nun stehen sie im wahren Lichte schon um gar vieles höher denn die sich auf ihre Schriftkundigkeit so viel einbildenden Juden! Seid denn froh, daß es nun einmal also gekommen ist! Wahrlich, Davids Thron wird nicht mehr unter den Juden, sondern unter den Heiden aufgerichtet werden!“

[GEJ.09_034,14] Hier erst fiel Mir die Witwe mit ihrem Sohne recht zu Füßen und sagte: „O Herr, Herr! Jetzt erst gehen mir die Augen auf! Du bist der uns verheißene Messias! Oh, vergib es unserer Blindheit, daß wir Dich nicht alsogleich erkennen mochten!“

[GEJ.09_034,15] Ich aber sagte zu ihr: „Hebe dich vom Boden, gehe mit deinem Sohne nach Hause und bereite uns ein Abendmahl; denn heute bleiben wir in deiner Herberge! Ich habe dir das zwar schon ehedem gesagt, aber nun tue alsbald, was Ich dir geboten habe!“

[GEJ.09_034,16] Hierauf erhob sich das Weib alsogleich vom Boden und eilte gar selig mit ihrem Sohne nach Hause und machte sich sogleich an die Bereitung eines guten Abendmahles, dessen wir schon bedürftig waren.

 

35. Kapitel

[GEJ.09_035,01] Da aber die Sonne bereits schon untergegangen war, so sagte Ich zu den Griechen: „Ich stelle es euch nun ganz frei: Ihr könnet, so ihr Unterkunft findet, diese Nacht hier in Nahim verbleiben oder aber auch euch nach Hause begeben. Es wird für euch das eine wie das andere von keinem Nachteile sein.“

[GEJ.09_035,02] Sagte der Grieche, der Vater der Blinden und der Vorsteher des griechischen Dörfchens: „Oh, Du Herr, Herr, Herr von Ewigkeit, wegen der Unterkunft hat es hier seine ganz guten Wege! Wir sind unser wohl bei hundert Personen stark, die aber alle bei der glücklichen Witwe eine ganz geräumige Unterkunft finden können und mit Deiner allmächtigen Hilfe auch werden. So wir heute Nacht um Dich verweilen dürfen, so bleiben wir, und sollte uns in dieser Nacht zu Hause auch aller unser Weltquark zugrunde gehen; denn ein Wort aus Deinem Gottesmunde zu vernehmen, ist endlos mehr wert denn alle Schätze der Erde und mehr als die Sonne, der Mond und alle Sterne! Wir bleiben darum hier. So viel, als die Herberge kosten wird, haben wir schon Gelder bei uns; und sollte es alle unsere Güter kosten, so blieben wir dennoch bei Dir, o Du Herr, Herr, Herr! Denn haben wir auch alle unsere Erdengüter um Deinetwillen verloren, aber dabei Deine Gnade lebendig gefunden, so haben wir dadurch ja einen endlos großen Gewinn gemacht! Darum bleiben wir, zu jedem uns möglichen Opfer bereit, hier in Deiner Nähe!“

[GEJ.09_035,03] Sagte Ich: „So bleibet, – für alles andere wird schon von Mir aus gesorgt sein! Denn wahrlich sage Ich es euch: Wer in der Folge nicht eures Sinnes und Glaubens sein wird, dessen Seele wird schwerlich das Reich Gottes einernten! Wenn ihr gleichfort so im Herzen bei Mir verbleiben werdet, da werde auch Ich bleiben, im Geiste kräftig wirkend, bei und unter euch; und bei denen Ich bleiben werde, die werden keinen Mangel und keine Not je zu erleiden haben, weder für ihre irdischen Bedürfnisse und noch weniger für die Bedürfnisse der Seele.

[GEJ.09_035,04] Mangel, Not und allerlei Elend lasse Ich nur dann unter die Menschen kommen, wenn sie von Mir ganz abgefallen und zum Teil finstere und dumme Götzendiener und zum Teil pur selbstsüchtige und gottlose Weltlinge geworden sind. Denn Not und Mangel nötigen die Menschen zum Denken über die Ursachen ihres Elends, machen sie erfinderisch und scharfsichtig, und es werden auf diese Art bald ganz kluge und weise Männer aus einem Volke aufstehen, die ihren Mitmenschen die Augen öffnen und ihnen die Quellen des allgemeinen Elends zeigen, und viele treten dann bald aus den Schranken ihrer Trägheit und rüsten sich zum Kampfe gegen jene mächtig gewordenen Müßiggänger, die über die durch sie mit Blindheit geschlagenen Völker tyrannisch herrschen und die eigentlichen Gründer des allgemeinen Elends auf dieser Erde sind. Diese werden unter oft schweren Kämpfen entweder gänzlich besiegt und vertrieben oder zum wenigsten dahin genötigt, den Völkern solche Gesetze zu geben, unter denen sie bestehen können. Und so kehrt dann allzeit nach dem Maße Glück und Wohlstand unter den Menschen ein, in welchem Maße die Menschen wieder zu dem einen allein wahren Gott zurückzukehren angefangen haben.

[GEJ.09_035,05] Würden die Menschen sich nie von Gott abwenden, so würden sie auch nie in eine Not und in ein Elend verfallen.

[GEJ.09_035,06] Wenn ihr sonach auch in euren Nachkommen stets in und bei Mir im Glauben und in der Tat nach Meiner Lehre verbleiben werdet, so werdet ihr auch nie ein Elend zu bestehen haben. Auch des Leibes Krankheiten werden eure Seelen nicht ängstlich und kleinmütig machen; denn des Leibes Krankheiten sind allzeit nur die bitteren Folgen der Nichtbefolgung der von Mir den Menschen allzeit klar ausgesprochen gegebenen Gebote.

[GEJ.09_035,07] Wer diese schon von seiner Jugend an treu zu halten anfängt, der wird bis in sein hohes Alter keines Arztes bedürfen, und seine Nachkommen werden nicht an den Sünden ihrer Eltern zu leiden haben, wie das bei den alten, Gott getreuen Völkern oft durch Jahrhunderte der Fall war. Aber wenn die Menschen auszuarten angefangen haben, dann sind auch bald schwere Körperleiden über sie gekommen und haben sie die Folgen der Gering- oder Garnichtachtung der Gebote Gottes kennen gelehrt.

[GEJ.09_035,08] Denn so da ist ein Mensch nur, der eine kunstvolle Maschine zu irgendeinem Gebrauch anzufertigen versteht, so versteht er sicher auch, wie sie zum zweckdienlichen Gebrauch zu verwenden ist, und wie man die Maschine zu handhaben hat, daß sie nicht verdorben und sodann zum ferneren Gebrauch völlig untauglich wird. Und wenn der sachkundige Verfertiger der Maschine dem, der sie ihm zum Gebrauch abgekauft hatte, sagt und zeigt, was er zu beachten hat, um von der Maschine einen dauerhaft nützlichen Gebrauch machen zu können, so muß der Käufer das ja auch genau beachten, was ihm der Maschinenmeister gesagt hat. So aber der Käufer mit der Weile das entweder aus Eigen- oder Leichtsinn nicht mehr beachtet, wie die Maschine zu behandeln und zu gebrauchen ist, so muß er es sich selbst zuschreiben, daß die Maschine verdorben ist und somit für den guten Gebrauch entweder ganz oder doch zum Teil unbrauchbar geworden ist.

[GEJ.09_035,09] Gott aber ist der große Maschinenmeister des menschlichen Leibes, den Er zum nützlichen Gebrauch für die Menschen als eine gar kunstvollste Maschine wohl eingerichtet hat. Gebraucht die Seele diese belebte Maschine nach dem ihr klar erteilten Rat, der in den Geboten Gottes besteht, so wird der Leib auch in seiner stets wohl brauchbaren Gesundheit verbleiben; mißachtet aber mit der Zeit die träg und sinnlich gewordene Seele diese Gebote des ewig großen Maschinenmeisters, so muß sie es sich denn auch selbst zuschreiben, so ihr Leib in allerlei Elend verfallen ist. Ich meine, daß ihr alle Mich wohl verstanden habt, und so wollen wir uns nun in die Herberge begeben.“

[GEJ.09_035,10] Die Griechen konnten Mir nicht genug danken für diese Belehrung, und auch Meine Jünger sagten: „Das war einmal wieder ein klares Wort!“

[GEJ.09_035,11] Darauf machten wir uns auf den Weg und begaben uns in die schon bekanntgegebene Herberge, allwo schon ein reichliches und wohlbereitetes Mahl unser harrte.

 

36. Kapitel

[GEJ.09_036,01] Da aber die Witwe auch die Griechen ankommen sah, da ward ihr bange, weil sie zu wenig vorbereitet habe.

[GEJ.09_036,02] Ich aber beruhigte sie und sagte, daß das Bereitete für alle genügen werde.

[GEJ.09_036,03] Sie glaubte, und wir setzten uns an die Tische und hatten mehr als hinreichend zu essen und zu trinken.

[GEJ.09_036,04] Es fing aber alles sich überhoch zu verwundern an – und ganz besonders die Witwe, die am besten wußte, für wie viele Gäste sie die Speisen bereitet hatte –, wie nun mehr als dreimal so viele Gäste schon bei einer Stunde lang aßen und tranken, und man merke den Speiseschüsseln noch nicht an, daß in ihnen der Speise weniger geworden wäre. Auch die Weinkrüge schienen sich von neuem selbst zu füllen.

[GEJ.09_036,05] Als die Sache noch eine Weile so andauerte, da kam die Witwe mit ihrem Sohne zu Mir und sagte: „O Herr, nun erst weiß ich ganz, wer in Deiner höchst heiligen und anbetungswürdigen Person mein unwürdigstes Haus betrat! Die Griechen hatten recht, dem alten Rabbi auf seine eingebildete Judenweisheit zu zeigen, daß sie die bei weitem Weiseren sind. Er hat sich auch weislich davongemacht und ist nun am Abend, wie sonst doch gewöhnlich, nicht zu mir gekommen. Aber nun, o Herr, Herr, möchte ich denn doch auch aus Deinem heiligsten Munde erfahren, was mich denn vor Dir so würdig gemacht hat, daß Du mir armen Sünderin solche Gnaden erweisen mochtest!“

[GEJ.09_036,06] Sagte Ich: „Ich kenne wohl dein Leben schon von der Wiege an, aber Ich kenne auch dein Herz, dem viele Arme ihr Leben zu danken haben; und darum bin Ich zu dir gekommen in deiner größten Not. Denn du selbst bist schon ziemlich alt und schwächlich geworden, und dieser dein einziger Sohn sollte deine Hauptstütze werden, wie du dir das auch mit Recht erhofftest; aber er ward krank und starb. Da Ich da wohl ersah deinen Schmerz und deine Not, aber daneben auch die sicher bald eintretende Not der vielen Armen, die infolge deiner eigenen Schwäche und Hilflosigkeit ihre bisherige Versorgung in deinem Hause mehr und mehr verloren hätten, so kam Ich, um nicht nur allein dir, sondern auch den vielen andern Armen und durch allerlei Not Bedrängten wunderbar zu helfen.

[GEJ.09_036,07] Siehe, das ist der eigentliche Grund, der Mich bestimmte, zu dir zu kommen! Denn wahrlich, wahrlich sage Ich euch allen: Wer da nach seinem Vermögen den armen und bedrängten Nebenmenschen allzeit Barmherzigkeit und Liebe erweist in aller Freundlichkeit, der wird auch bei Mir Erbarmung, Liebe und Freundlichkeit finden; denn darin besteht das wahre Reich Gottes, das in Mir nun zu euch gekommen ist, daß ihr Gott liebet über alles und eure Nächsten wie euch selbst. Wer das tut, der erfüllt das ganze Gesetz und steht in der vollen Gnade Gottes, und Jehovas segnende Hand ist über ihm. Wer in solcher Liebe verharrt, der ist und bleibt in Mir und Ich in ihm. Wer aber in Mir ist, wie auch Ich in ihm, der hat in sich das ewige Leben und wird den Tod nicht sehen und schmecken; denn er ist also schon in dieser Welt ein rechter Bürger des Reiches Gottes, in dem es ewig keinen Tod mehr gibt. Beherziget das alle wohl, und handelt danach; denn darum kam Ich Selbst in diese Welt, um den Menschen also das wahre Gottesreich zu überbringen und sie zu erlösen von aller Blindheit und vom Tode ihrer Seelen, der euch bisher hart gefangenhielt. So nun jemand von euch noch etwas wissen will, der mag fragen, und Ich werde ihm antworten.“

[GEJ.09_036,08] Als Ich solches ausgeredet hatte, da wandte sich der neu belebte Sohn der Witwe an Mich und sagte: „O Herr des Lebens, sieh, ich war völlig tot und lebe nun durch Deine Gnade wieder. Werde ich von nun an bei der genauesten Beachtung Deines uns nun bekanntgegebenen heiligen Willens gleich ewig fortleben und nimmerdar sterben? Denn das Sterben ist ganz entsetzlich bitter, und ich möchte es nicht wieder noch einmal verkosten! Ist man einmal tot, dann verspürt man freilich keinen Schmerz mehr, und alle Angst und Furcht ist dahin, weil man um sich nichts mehr weiß, nichts fühlt, sieht und hört; aber bis man völlig tot ist, das geht höchst ängstlich und schmerzhaft zu! Daher möchte ich Dich, o Herr des Lebens, wohl bitten, mich und auch alle andern guten Menschen nicht mehr sterben zu lassen!“

[GEJ.09_036,09] Sagte Ich: „Mein lieber Sohn! Ich habe es ja ehedem schon euch allen treuest und wahrst verkündet, daß die, welche an Mich glauben, Mich über alles lieben und ihre Nächsten wie sich selbst, den Tod nicht sehen, fühlen und schmecken werden; denn wer nach Meinem Worte das ewige Leben in sich hat, wie kann der sterben?

[GEJ.09_036,10] Du sagtest aber auch, daß der Tod dann wohl auch gewisserart gut sei, so man einmal völlig tot ist, weil man da nichts mehr höre, sehe und fühle und somit um sich nichts mehr wisse; aber das, Mein lieber Sohn, ist wohl nicht also, wie du nun nach deinem Gefühle urteilst! Dir kommt es nun freilich so vor, als wärest du in deinem leibestoten Zustande völlig tot und bewußtlos gewesen; aber dem war nicht so.

[GEJ.09_036,11] Denn daß du nun keine Rückerinnerung an das hast, was deiner Seele in ihrer Abwesenheit vom Leibe alles begegnet ist, das habe Ich ganz weise angeordnet; denn wäre deiner Seele die Rückerinnerung geblieben an das, wie sie im Paradiese sich höchst wohl und selig unter vielen Engeln befand, und wie sie dann traurig geworden ist, als ihr diese verkündeten, daß sie nach dem Willen Jehovas noch einmal in ihren Leib werde zurückkehren müssen, so würdest du dich als nun wieder mit deinem Leibe vereint, nicht so heiter wie jetzt befinden. Ich könnte dir die vollste Rückerinnerung gleich wieder verschaffen, so Ich das wollte; doch Ich würde dir dadurch nichts Gutes erweisen, weil du dadurch für diese Welt, in der du noch vieles zu wirken bekommen wirst, auf viele Jahre hin völlig untüchtig werden würdest.

[GEJ.09_036,12] Es wird in deinem hohen Alter schon wieder einmal eine Stunde kommen, in der Ich deine Seele aus dem Leibe zu Mir rufen werde; dann werde Ich dir auch die Rückerinnerung an den dreitägigen Zustand im Paradiese Meiner Engel zum voraus geben, und du selbst wirst Mich dann kniend bitten, dich als Seele aus ihrem morsch gewordenen Leibe zu erlösen.

[GEJ.09_036,13] Dein Leib wird dann freilich noch einmal und für immer tot werden, und es wird in ihm kein Lebensbewußtsein zurückbleiben; aber du wirst dann fortleben im vollkommensten Bewußtsein deiner selbst und wirst mit Meinen Engeln, von einer Weisheits- und Liebesstufe stets seliger werdend, emporsteigen und den Vater, der in Mir wohnt, stets tiefer und tiefer erkennen und bewundern Seine end- und zahllos vielen und großen Schöpfungen.

[GEJ.09_036,14] Siehe, du Mein lieber Sohn, also ist es, und also wird es sein, und du kannst das Mir wohl glauben; denn Ich, der dich nun wieder in dieses Erdenleben zurückgerufen hat, und Ich als die ewige Liebe, Weisheit, Macht, Kraft, Licht, Wahrheit und Leben Selbst habe es dir nun geoffenbart!“

 

37. Kapitel

[GEJ.09_037,01] (Der Herr:) „Jetzt mußt du freilich das alles nur glauben; so aber dein Glaube durch Werke lebendig wird, so wirst du durch den lebendigen Glauben schon auch ins Schauen, Selbstfühlen und tiefstes dich überzeugendes Erkennen übergehen, und das ist für die Seele des Menschen um gar vieles besser, als so sie erst etwas als für überzeugend wahr annimmt, was sie durch ihr eigenes Suchen und Forschen mühevoll auf dem Erfahrungswege sich als eine Wahrheit zu eigen gemacht hat.

[GEJ.09_037,02] Es ist wohl solch eine suchende und emsig forschende Seele sicher auch ihres Lohnes wert, da doch jeder Arbeiter seines Lohnes wert ist, aber besser ist eine Seele, die, so sie die Wahrheit – sage – aus dem Munde Gottes vernimmt, da glaubt und danach tätig ist; denn dadurch eint sie durch die Liebe Meinen Geist mit sich, der ihr in einer Stunde Zeit mehr der lichtvollsten Weisheit geben kann und auch gibt, als sie sich auf dem Wege des höchsteigenen Forschens in hundert Jahren erwerben kann. Aber darum sollte auch eine frommgläubige Seele das gerechte Suchen und Forschen nicht auf die Seite setzen! Denn es sollte ein jeder Mensch alles prüfen, was er von Menschen vernimmt, und das Gute, das auch allzeit wahr ist, behalten; doch was leicht erkennbar von Mir Selbst den Menschen geoffenbart wird, das braucht der Mensch nicht viel zu prüfen, sondern nur zu glauben und danach zu handeln, und die lebendige Wirkung wird sich ihm bald sehr bemerkbar zu machen anfangen.

[GEJ.09_037,03] Wer an Mich glaubt, Meinen Willen tut und Mich liebt über alles und seinen Nächsten wie sich selbst, zu dem werde Ich Selbst kommen und Mich Ihm treulich offenbaren. In der Folge aber wird es also sein, daß am Ende ein jeder, den es wahrhaft nach Mir als der ewigen Wahrheit dürstet, von Mir belehrt werden wird; denn Ich, als die Wahrheit im Vater, bin gleich wie ein Sohn, der Vater aber ist die ewige Liebe in Mir. Wen sonach die Liebe oder der Vater zieht, der kommt auch zum Sohne oder zur Wahrheit.

[GEJ.09_037,04] Darum ist es besser, sich Mir durch die Liebe zu nahen als durch das Erforschen der puren Wahrheit. Denn mit der Liebe kommt auch der Geist der Wahrheit unfehlbar gleich also, wie mit dem Feuer, so es sich zur lebendigen Flamme gesteigert hat, das Licht; aber so jemand ein irgend fernes Licht wohl ersieht und demselben nacheilt, da wird er sicher länger zu tun haben, bis er an die Stelle des Lichtes gelangen mag, um daselbst auch von des Lichtes lebendiger Flamme zum Leben erwärmt zu werden.

[GEJ.09_037,05] Wer Gott wahrhaft sucht, der muß Ihn im eigenen Herzen, also im Geiste der Liebe, in der alles Leben und alle Wahrheit verborgen ist, suchen, und er wird Gott und Sein Reich auch so leicht und bald finden, – auf jedem andern Wege aber schwer und in dieser Welt oft wohl gar nicht.

[GEJ.09_037,06] Es heißt auch in der Schrift, daß der Mensch Gott anbeten solle. Wie aber soll er Gott anbeten, so er erstens Gott noch niemals anders als höchstens vom Hörensagen erkannt hat und dabei kaum glaubt, daß es einen solchen Gott gibt, und zweitens, er auch nicht von ferne hin weiß, was Gott anbeten heißt! An dem gewissen Lippengebet, bei dem das Herz ferne ist, kann aber Gott ja doch wohl, als Selbst die ewige und reinste Liebe, kein Wohlgefallen haben.

[GEJ.09_037,07] Gott anbeten heißt: Ihn stets über alles lieben und den Nächsten wie sich selbst. Und Gott wahrhaft lieben heißt: Seine Gebote treust halten unter oft noch so mißlich scheinenden Lebensverhältnissen, die Gott, so es nach Seiner Liebe und Weisheit irgend nötig ist, über einen und den andern Menschen kommen läßt zur Stärkung und Lebensübung der von der Materie zu sehr angezogenen Seele; denn Gott allein kennt jede Seele, ihre Natur und Eigenschaft, und weiß es auch am klarsten und besten, wie ihr auf den wahren Lebensweg zu helfen ist.

[GEJ.09_037,08] Gott ist in Sich also der höchste und reinste Geist, weil die reinste Liebe, und muß daher von jenen, die Ihn wahrhaft anbeten wollen, im Geiste und in der Wahrheit angebetet werden, und das ohne Unterlaß das ganze Leben hindurch, wie das auch tun alle Engel im Himmel ewig!

[GEJ.09_037,09] Wäre das Lippengebet eine rechte und Gott wohlgefällige Anbetung, und Gott verlangte das von den Menschen und Engeln, so wäre Er ebenso schwach, eitel und unweise wie ein blinder und hoffärtiger Pharisäer, der von jedermann über alles hochgeehrt sein und über alles herrschen will. Denn so ein Mensch zu Gott Tag und Nacht mit dem Munde beten sollte, und das ohne Unterlaß, wo würde er dann die Zeit zur andern nötigen Arbeit hernehmen und wie für sich und die Seinen die nötige Leibesnahrung schaffen? Leider gibt es nun unter den Juden eine Menge solcher Narren und wird es auch fürderhin geben, die Gott mit nahe endlos langen Lippengebeten anbeten und meinen, daß das ein wahrer Gottesdienst sei und Gott daran ein Wohlgefallen habe, besonders, wenn ein solches Lippengeplärr mit allerlei Zeremonie begleitet wird.

[GEJ.09_037,10] Allein, wahrlich sage Ich euch allen: Wo Ich also von den Menschen angebetet und geehrt werde, da werde Ich sofort Mein Gesicht abwenden und einer solchen Anbetung und Verehrung nimmerdar achten, und das darum, um den dummen Menschen praktisch zu zeigen, daß vor Mir derlei Anbetungen und Verehrungen ein wahrer Greuel sind und Ich ihrer niemals achte, besonders jener schon gar niemals, die von den Priestern ums Geld verrichtet werden, weil da der Betende, der darum von einem andern bezahlt worden ist, bloß zum Scheine, zumeist ohne allen Glauben, ein solches Gebet hinmurmelt, und der, dem das Gebet helfen soll, selbst zu träge ist, seine Knie vor Gott zu beugen und daher lieber andere für sich beten läßt.

[GEJ.09_037,11] Liebet daher Gott über alles und eure Nächsten wie euch selbst, und tut sogar denen Gutes, die euch Böses tun, und betet sogestaltig auch für eure Feinde, und bittet ebenso für die, welche euch hassen und verfluchen, und vergeltet nicht Böses mit Bösem – außer im höchsten Notfalle, um einen wahren Bösewicht dadurch vom Wege des Lasters möglicherweise auf den Weg der Tugend zu setzen –, und Ich werde solch eine wahre und lebendige Anbetung mit dem innigsten väterlichen Wohlgefallen ansehen und wahrlich keine eurer Bitten unerhört lassen! Aber ein pures Lippengebet ohne Herz und vollsten Glauben werde Ich niemals ansehen und irgend erhören. Ich habe euch nun getreust den rechten Lebensweg gezeigt; wandelt und handelt also, und ihr werdet dadurch sein und bleiben in Mir und Ich in euch!

[GEJ.09_037,12] In wem aber Ich bin durch seine Liebe zu Mir und daraus zum Nächsten, der wird nicht in der Nacht des Gerichtes und des Todes der Seele, sondern gleichfort am hellsten Lebenstage wandeln.

[GEJ.09_037,13] Und nun sage, du Mein lieber Sohn, Mir, wie und ob du das wohl verstanden hast? Denn so du es recht verstanden hast, so wirst du auch recht danach handeln und voll Lichtes werden!“

 

38. Kapitel

[GEJ.09_038,01] Sagte der Jüngling: „O Herr, Herr und ewiger Meister des Lebens, ich habe das alles wohl verstanden und begriffen, und es kommt mir nun wahrlich vor, als ob es in meinem Herzen nun schon ganz frei und lebenshelle geworden wäre, und ich bin darum auch schon zum voraus lebendigst überzeugt, daß es mit der Zeit, so ich nach Deiner heiligsten Lehre erst selbst vollernstlich die Hand ans Werk legen werde, in mir noch um gar vieles lebensheller werden wird! O Herr, Herr! Lasse doch viele, ja alle Menschen also in Deiner Liebe erleuchtet werden, und wir Menschen werden uns dann schon in dieser Welt im Paradiese befinden!

[GEJ.09_038,02] Aber ich gewahre in mir nun auch die starke Nacht in Jerusalem, mit der wir bis zu einem allgemeinen Lebensvolltage gar viele Kämpfe zu bestehen haben werden; denn in meinem nun in mir erwachten Lichte sehe ich erst den ganz entsetzlichen Gegensatz zwischen Deiner reinsten Lehre und den haarsträubend machenden Trug- und somit grundfalschen Lehren und elendsten Gesetzen des Tempels. Wie wird man denen zu begegnen imstande sein? Denn die Templer haben die irdische Macht noch immer in ihren Händen und verfolgen jeden anders Glaubenden, Denkenden und Handelnden mit Feuer und Schwert. So sie uns, wenn sie hierher kommen, nach Deiner Lehre lebend und handelnd treffen werden und uns um den Grund angehen werden, so werden wir als in Deiner Wahrheit stehende Menschen doch auch nur die Wahrheit sagen müssen, um nicht als Lügner vor ihnen und auch vor Dir, o Herr, Herr, zu erscheinen!

[GEJ.09_038,03] Du ewiger Herr alles Seins und der Himmel und der Erde, gib uns auch da einen Rat; denn ich, obschon noch ein junger Mensch, sehe das nun auf einmal nur schon zu gut ein, wie wir uns da nicht ohne die bittersten und harten Verfolgungen von seiten der Templer in vielleicht schon jüngster Zeit befinden werden, und das um so mehr, je ernster und reger wir nach Deiner Lehre leben und handeln werden. O Herr, Herr, was wird da zu machen sein?“

[GEJ.09_038,04] Sagte Ich: „Nun, nun, du Mein lieber Sohn! Bin Ich erstens denn nicht mächtiger denn der Tempel, der auch an Mich nicht glaubt, sondern Mich nur in einem fort verfolgt, zu fangen und zu verderben trachtet? Wer an Mich glaubt, auf Mich baut und vertraut, dem werde Ich doch wohl auch wider die blinde Macht des Tempels zu Hilfe kommen können! Glaubst du das wohl?“

[GEJ.09_038,05] Sagte der Jüngling: „O Herr, Herr, vergib mir meine eitel törichte Furcht, ich glaube, ich glaube das ungezweifelt! Du als der ewig alleinige Herr über Leben und Tod wirst die Deinen zu schützen wissen auch gegen die Macht aller Höllen, so sehr sie auch bemüht sind auf der ganzen Erde, das Reich Gottes zu vernichten und das Reich des ewigen Todes aufzubauen.“

[GEJ.09_038,06] Sagte Ich: „Ganz sicher, wahr und gewiß! Aber ich sage dir als etwas Zweites noch hinzu: Seid auch ihr zwar in euch sanft gleich den Tauben, gegen die Welt hin aber klug gleich den Schlangen! Denn Ich will es nicht, daß ihr Meine Perlen offen all den Weltschweinen vorzeigen und vorwerfen sollet.

[GEJ.09_038,07] So man euch aber irgend zur Rede stellen wird, da werde schon Ich euch die Antwort in den Mund legen, – und wahrlich, man wird euch auf tausend nicht eins zu erwidern imstande sein. So Ich euch auch noch diese Versicherung gebe, da könnet ihr in Meinem Namen jedem Kampfe, der euch irgend erwarten dürfte, schon ganz mutvoll ins Angesicht schauen. Denn in dieser Zeit wird die Ausbreitung Meines Reiches unter den Menschen Gewalt brauchen, und die es werden haben wollen, werden es auch mit Gewalt an sich reißen müssen! Doch der sichere Sieg wird darum nicht schwer zu erkämpfen sein, weil Ich Selbst als der mächtigste Held den Kämpfern um Mein Reich alle Hilfe werde angedeihen lassen! – Verstehst du auch das?“

[GEJ.09_038,08] Sagte der Jüngling: „Ja, Herr, Herr, mit Deiner Gnade ist alles leicht zu verstehen; denn mit Deiner Lehre gibst Du dem, der ernstlich nach ihrem göttlichen Sinne leben will, auch das richtige Verständnis und damit auch den Mut, für die göttliche, reine und lebensvolle Wahrheit den Kampf mit jedem Feinde aufzunehmen und siegreich zu bestehen. Denn ich war tot, und Dein göttlich allmächtiges Wort hat meine Glieder wieder belebt und das Herz von neuem zu pulsieren genötigt, und ebenso hat Dein allmächtiger Wille nun denn auch unsere Schüsseln und Krüge nicht leer werden lassen. Zudem hast Du uns allen noch das größte Lebensgut hinzugetan durch die Gabe Deiner Lehre, durch die wir nun schon ganz lebendig wissen und gar wohl erkennen, was wir zu tun haben und warum.

[GEJ.09_038,09] So wir nun das alles wissen und Dich, o Herr, Herr, auch als den allein wahren Gott erkannt haben, so muß uns das ja den vollsten Glauben und das innigste Vertrauen geben, daß Du uns auch im Kampfe wider die Feinde der Wahrheit schützen und schirmen und den sicheren Sieg über sie allzeit verleihen wirst, weil Du als die ewige Wahrheit uns das treu verheißen hast. Wohl werden wir im Herzen sanft sein gleich den Tauben, aber es wird uns auch an der Klugheit unseren allfälligen Feinden gegenüber nicht fehlen mit Deiner Hilfe, o Herr, Herr!“

 

39. Kapitel

[GEJ.09_039,01] Nach diesen für einen Jüngling sehr geistvollen Worten, über die sogar alle Meine Jünger sehr erstaunten, sagte Mein alter Jünger Jakobus der Ältere: „Herr und Meister! Du weißt es, wie selten ein Wort über meine Lippen kommt; doch hier fühle ich einen eigenen Drang im Herzen, auch einmal ein paar Worte zu reden, so Du mir solches gestatten wollest.“

[GEJ.09_039,02] Sagte Ich: „Mein lieber Bruder! So Ich nicht wollte, daß auch du einmal unter Menschen redetest, da hätte Ruhe dein Herz wie immer; also aber will Ich, daß auch du einmal redest, und so öffne du nun nur den Mund und rede, was dir dein innerer Sinn geben wird!“

[GEJ.09_039,03] Hierauf erhob sich Jakobus und sprach: „Schon stark über zwei Jahre waren wir in schon gar vielen Orten und Landen mit Dir und waren Zeugen von den schon nahe zahllos vielen Wundertaten, die Du mit Deinem Willen verrichtet hast, und hast auch uns die Macht gegeben, in Deinem Namen die Kranken zu heilen und die Besessenen von ihren bösen Geistern zu befreien; kurz und gut, so jemand das alles, wovon wir Zeugen waren, in Bücher schreiben würde, so würde er damit wohl in hundert Jahren noch lange nicht fertig werden, und der Verstand der noch so weltweisen Menschen würde den Sinn solcher Schriften auch nicht fassen und begreifen. Doch diese Deine Tat hier in Nahim hat mich nun ganz besonders erregt, und ich gestehe es hier ganz offen und sage: Hinter dieser Deiner Tat scheint ein ganz besonderer, tief geistiger und prophetischer Sinn zu liegen.

[GEJ.09_039,04] Es liegt da wohl am Ende hinter jeder Deiner vielen Lehren und Taten ein tiefer geistiger Sinn verborgen, und ich selbst habe mir schon so manches ganz geheim bei mir enträtselt; aber hinter dieser Deiner Tat scheint nach meinem Gefühle etwas ganz besonders Großes und für die Zukunft sehr Wichtiges verborgen zu sein, und mich dürstet nun ganz mächtig danach, von Dir auch nur so einige Winke zu überkommen, wohin sich diese Deine Tat als weissagend wendet!“

[GEJ.09_039,05] Sagte Ich: „Du hast recht geurteilt, Mein lieber Bruder Jakobus, der du schon von Meiner diesirdischen Geburt an stets um Mich warst und somit auch von gar allen Meinen diesirdischen Schritten, Tritten, Worten und Taten ein treuer Zeuge warst, nun noch bist und auch bleiben wirst. Hinter dieser Tat steckt freilich wohl etwas ganz Besonderes; doch das, was dahinter verborgen ist vor den Augen der Menschen, ist für den Menschenverstand, wie er jetzt besteht, und für den euren nicht wohl faßbar.

[GEJ.09_039,06] Ich sehe in Mir freilich die ganze, nie endende Ewigkeit enthüllt und somit auch das als eine schon vollendete Tat, was hinter dieser Meiner Tat verborgen ist; aber euer Geist kann, wie nun noch in seiner Kindheit, das nicht schauen und fassen.

[GEJ.09_039,07] Weil du aber schon so ein geheimer Denker bist und auch selbst begreifst und fühlst, daß Ich nichts tue, was da nicht für die ganze Unendlichkeit und Ewigkeit eine wohlentsprechende Bedeutung hätte, und du nur so einige Winke für dich von Mir haben möchtest, da kann Ich dir denn auch einige Winke geben, und so höre!

[GEJ.09_039,08] Siehe, warum Ich Selbst als ein Menschensohn in diese Welt gekommen bin, das habe Ich euch und auch gar vielen andern Menschen nur schon zu oft mit steter Hinweisung auf die Propheten kundgetan und habe das hier früher wieder berührt. Ich habe euch aber auch schon sattsam gezeigt, welchen Verlauf in den künftigen Zeiten diese Meine Lehre, die da ist eine wahrhaft von Mir Selbst neu gegründete Kirche, unter den Menschen nehmen wird. Das habe Ich euch in Jerusalem auch mit großen Zeichen am Firmamente gezeigt; und sieh, jene letzte und allerfinsterste Zeit, in der Meine Lehre in ein tausendfach größeres Götzentum ausarten wird, als je auf der ganzen Erde bis auf diese Zeit eine reine Gotteslehre ausgeartet ist, in der man verstorbenen und von den Priestern heilig und selig gesprochenen Menschen und sogar ihren vermoderten Gebeinen Tempel und Altäre erbauen und ihnen in selben göttliche Verehrung erweisen wird, entspricht eben dieser Begebenheit.

[GEJ.09_039,09] Ich habe euch, Meinen Jüngern, schon bei mehreren Gelegenheiten offen gesagt und gezeigt, daß Mein Reich nicht von dieser Welt ist, daß ihr euch auch nicht sorgen sollet um den kommenden Tag, was ihr essen und trinken werdet, sondern suchen, das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit unter den Menschen auszubreiten, und sollet euch dafür von niemand als irgend pflichtgemäß bezahlen lassen, sondern nur das annehmen, was euch der Menschen Liebe in Meinem Namen geben wird; denn umsonst habt ihr alles von Mir empfangen, und umsonst sollet ihr es auch wieder andern geben!

[GEJ.09_039,10] Also habe Ich auch zu euch und zu den andern etlichen siebzig Jüngern, die Ich in Emmaus hinausgesandt habe, daß sie verkündeten den Menschen das Evangelium aus den Himmeln, gesagt, daß keiner haben solle zwei Röcke, keinen Sack, um etwas einzustecken, und auch keinen Stock, um sich gegen einen Feind zur Wehr zu setzen; denn Mein Name, Mein Wort und Meine Gnade genüge jedem!

[GEJ.09_039,11] Also habe Ich euch und vielen andern Menschen auch treu und offen gesagt, daß ihr niemanden richten sollet, um nicht einmal selbst gerichtet zu werden, daß ihr auch niemanden verfluchen und verdammen und nie jemanden feindlich verfolgen sollet, um nicht dasselbe an euch zu erleben; denn mit dem Maße ihr ausmessen werdet, mit eben dem Maße wird es euch zurückbezahlt werden!

[GEJ.09_039,12] Ja, ihr sollt nur beten für die, welche euch hassen und fluchen, und Gutes erweisen denen, die euch Arges zu tun bestrebt sind, so werdet ihr den Lohn von Mir zu erwarten haben und werdet so glühende Kohlen über den Häuptern eurer Feinde sammeln und sie so am ehesten zu euren Freunden machen!

[GEJ.09_039,13] Und sehet, unter dem Banner der wahren und lebendigen Nächstenliebe habe Ich euch zu lehren, zu leben und zu handeln befohlen und habe euch auch gesagt, daß man euch daran allzeit als Meine wahren Jünger erkennen wird, so ihr euch untereinander also als Brüder lieben werdet, wie Ich Selbst euch liebe, und daß man allzeit Meine wahren Nachfolger pur an den Werken der uneigennützigsten Nächstenliebe erkennen wird.

[GEJ.09_039,14] Aber sehet, so wird es in jener finstersten Zeit nicht sein, sondern gerade solcher Meiner euch treust geoffenbarten Lehre nur schnurgerade entgegengesetzt!“

 

40. Kapitel

[GEJ.09_040,01] (Der Herr:) „Der wahre Glaube und die reine Liebe werden in jener Zeit ganz erlöschen. An ihrer Stelle wird ein Wahnglaube unter allerlei ärgsten Strafgesetzen den Menschen aufgedrungen werden, gleichwie da auch ein böses Fieber dem Menschenleibe den Tod aufdrängt. Und so sich irgendeine von Meinem Geiste gestärkte Gemeinde wider die falschen und von Gold, Silber, Edelsteinen und andern großen Erdengütern strotzenden und allerhochmütigsten und herrsch- und selbstsüchtigsten Lehrer und Propheten, die sich als eure allein wahren Nachfolger und Meine Stellvertreter den Menschen zur tiefsten Verehrung darstellen werden, erheben und ihnen zeigen wird, daß sie nur gerade das Gegenteil von dem sind, als was sie sich den Menschen mit der frechsten und Gottes vergessendsten Keckheit darstellen, indem sie sie zwingen, nur bei ihnen allein das Seelenheil und die Wahrheit zu suchen, so wird es da Kämpfe und Kriege und Verfolgungen geben, wie sie seit dem Beginne der Menschen auf dieser Erde noch nicht stattgefunden haben.

[GEJ.09_040,02] Doch der allerärgste und allerfinsterste Zustand wird nicht lange währen, und es wird kommen, daß die falschen Lehrer und Propheten sich selbst am Ende den Todesstoß geben werden. Denn es wird da Mein Geist, das ist der Geist aller Wahrheit, unter den vielfach bedrängten Menschen wach werden, die Sonne des Lebens wird gewaltig zu leuchten beginnen, und die Nacht des Todes wird sinken in ihr altes Grab.

[GEJ.09_040,03] Ich habe euch aber von dieser nun dargestellten finsteren Zeit schon mehrere Male geweissagt und habe nur darum ihrer nun wieder erwähnt, auf daß ihr um so leichter die Entsprechung in diesem heute abendlichen Begebnis mit jener künftigen Zeit findet.

[GEJ.09_040,04] Seht, dies kleine Städtchen, beinahe von allen Seiten mit heidnischen Dörfchen und Flecken umgeben, ist noch von einer kleinen Anzahl Juden bewohnt, die gleich mit einigen Altsamariten sich in einem reineren Judentume befinden, und denen die Tempelgesetze vielfach ein Greuel sind! Sie sehen des Tempels arges und wirres Treiben gar gut ein, obschon sie sich demselben nicht widersetzen können. Ihre Nachbarn sind Heiden, die auf ihre Götzen zwar auch nichts halten, aber des äußeren Scheines halber doch noch so tun müssen, als hielten sie etwas darauf. Sie glauben aber eigentlich schon an gar nichts mehr als allein an einen guten Gewinn, den sie irgend erbeuten können.

[GEJ.09_040,05] Und seht, also wird es in jener von Mir geweissagten Zeit auch sein, freilich in einem großen Weltumfange!

[GEJ.09_040,06] Es wird eine reine Gemeinde ähnlich diesem Städtchen fortbestehen, umgeben zunächst mit völlig glaubenslosen Menschen, die nur allerlei gewinnbringende Industrie treiben werden und sich weder um Meine reine Lehre und noch weniger um das verrufene Heidentum Roms in jener Zeit kümmern werden. Bei solchem Umstande wird es in der reinen Gemeinde denn auch sehr verwitwet und traurig auszusehen anfangen.

[GEJ.09_040,07] Meine reine Lehre wird gleichen der traurig gewesenen Witwe, deren toten Sohn Ich zum Leben wieder erweckt habe; der Glaube aber bezeichnet den toten Sohn, den Ich erweckte. Ihn tötete das arge Fieber, das da wieder gleicht dem Weltgewinnsinne, in den auch dieses Völkchen überging, und zwar auf Grund des widersinnigsten und argen Betrugtumes Jerusalems und daneben auch auf Grund der gänzlichen Glaubenslosigkeit der diesen Ort umgebenden Heiden, die in der geweissagten argen künftigen Zeit den Namen ,Industrielle‘ haben werden.

[GEJ.09_040,08] Also auf dem Grunde alles dessen geht der ehedem reine, wenn auch darum junge Glaube, weil er sich erst vor etwa sechzehn Jahren durch einen hier eingewanderten Samariten, der eben der Gemahl dieser Witwe war, hier eingebürgert hatte, durch das Weltsinnsfieber zugrunde, da er stirbt und wir ihm als einem Toten begegneten.

[GEJ.09_040,09] Aber da komme Ich Selbst, bekehre die Heiden und komme mit ihnen hierher am größten Trauerabende dieser Gemeinde und mache den toten Glauben wieder lebendig und gebe ihn der Witwe, also der reinen Gotteslehre wieder zurück; und es werden nun nach dieser Meiner Tat auch alle die Heiden hierher kommen und den wieder neubelebten Glauben an einen, allein wahren Gott annehmen und ihr Leben einrichten nach Seinem ihnen bekanntgegebenen Willen.

[GEJ.09_040,10] Das blinde Mädchen aber, das Ich sehend gemacht habe, stellt die völlig glaubenslose Industrie jener Zeit dar, von der nun die Rede ist, und sie wird eine derart karge und magere sein, daß die zu stolzen und prachtliebenden Könige von den Menschen sogar große Steuern mit aller Gewalt von dem fordern werden, was sie essen und trinken werden, und es wird dadurch entstehen eine große Not, Teuerung, Glaubens- und Lieblosigkeit unter den Menschen, die sich gegenseitig betrügen und verfolgen werden.

[GEJ.09_040,11] Doch – das merket euch wohl! – so die Not am größten sein wird, dann werde Ich der wenigen Gerechten wegen kommen, und werde das Elend vertilgen von der Erde und Mein reines Lebenslicht leuchten lassen in den Herzen der Menschen.

[GEJ.09_040,12] Und nun habe Ich dir, du Mein lieber Bruder Jakobus, die Winke, die du von Mir gewünscht hast, mit dem Gesagten auch gegeben, und du als ein kräftiger Denker wirst das Weitere leicht finden.

[GEJ.09_040,13] Obschon aber ein solches Vorerkennen der leidigen Zukunft die Seele des Menschen nicht seliger zeiht, so schadet es ihr auch nicht, wenn sie sich in den Entsprechungen übt und durch sie das erkennt, wie alles Sichtbare, was da ist und geschieht in dieser Welt, mit der inneren und verborgenen Welt der Geister, die alle Zeiten und Räume als stets in enthüllter Gegenwart in sich faßt, auf das innigste zusammenhängt und aufeinander Beziehung hat. – Habt ihr nun das alles wohl verstanden?“

 

41. Kapitel

[GEJ.09_041,01] Sagten darauf alle: „Ja, Herr und Meister, was Du uns jetzt wieder erläutert hast, das haben wir wohl verstanden; nur das ist uns noch trotz dem vielen, was wir darüber schon aus Deinem Munde vernommen haben, stets nicht völlig klar, warum Du es zulässest, daß in dieser Welt in einem fort nach einem aus Deinen Himmeln unter die Menschen gekommenen Lichte wieder eine langwierige dichteste Geistesnacht folgen muß.

[GEJ.09_041,02] Wir alle, die wir nun aus Deinem Munde die reinste Lehre erhalten, werden sie als lebendige Zeugen Deiner persönlichen Gegenwart, Deiner Taten und Lehren auch ebenso rein den andern Menschen überliefern, und unsere Nachfolger werden dasselbe wieder tun. Und sollte es jemanden geben, der den Menschen in Deinem Namen etwa ein anderes Evangelium predigen würde, so wirst Du das ja sehen und sicher klarst darum wissen! Solch einem Propheten wird Deine Macht ja doch den Mund zuschließen können! Wenn das geschähe, dann sehen wir nicht ein, wie da Deine reinste und göttlichste Lehre je verfälscht und am Ende in ein finsterstes und plumpstes Heidentum verkehrt werden könnte.

[GEJ.09_041,03] Sagte Ich: „Ihr sehet jetzt noch gar vieles nicht ein, was Ich aber wohl einsehe! Und so hätte Ich euch gar vieles noch zu sagen und zu erklären, aber ihr würdet das nun noch nicht fassen und ertragen. So Ich aber nach Meiner Auffahrt Meinen Geist aller Wahrheit über euch ausgießen werde, dann wird er euch in alle Weisheit führen, und ihr werdet dann alles einsehen und fassen, was ihr jetzt noch lange nicht einsehen und fassen könnet.

[GEJ.09_041,04] Sehet aber und gebet wohl acht darauf, was Ich euch nun noch sagen werde! Ich werde euch aber keine Lehre geben, sondern nur vielen Sinn enthaltende Beispiele, aus denen euch klarer werden mag, warum ihr jetzt trotzdem, daß ihr schon so vieles von Mir gesehen und gehört habt, noch gar vieles nicht einsehen und fassen könnet.

[GEJ.09_041,05] Seht und betrachtet das Licht der Sonne in seiner mannigfachsten Wirkung auf die Kreaturen nur dieser Erde und also auch die verschiedenartigste Wirkung des Regens auf das Erdreich, auf die Pflanzen, Tiere und Menschen! Da stehen auf demselben Felde heilsame Kräuter und mitten unter ihnen aber giftiges Unkraut. Woher nehmen die Giftkräuter ihr Gift, da sie doch von einer und derselben Sonne beschienen, in der gleichen Erde ihre Wurzeln haben und vom gleichen Regen und Tau befeuchtet und belebt werden?

[GEJ.09_041,06] Seht, das wirkt der innere Geist und verkehrt das Licht und den Regen in sein Eigentümliches! Der Löwe, der Panther, der Tiger, die Hyäne, der Wolf und noch eine Menge anderer Raubtiere nähren sich vom Fleische sanfter Tiere und werden auch von derselben Sonne beschienen und erwärmt, und löschen sich den Durst mit demselben Wasser wie die sanften und zahmen Haustiere; woher kommt ihnen ihre Wildheit? Seht, die erzeugt ihr innerer Geist, der das Sanfte in sich in die reißende Wildheit verkehrt!

[GEJ.09_041,07] Gehet weiter hin in ein Haus, und ihr werdet daselbst finden ein mit mehreren Kindern wohlgesegnetes Elternpaar! Diese Kinder haben alle nur einen und denselben Vater, eine und dieselbe Mutter, genießen an der Eltern Tische dieselbe Kost, empfangen den gleichen Unterricht und genießen die gleiche Pflege; aber da ist das eine leiblich stark, das andere schwach, ein anderes ist munter und voll Fleiß in allem und wieder ein anderes mürrisch und träge. Wieder ein anderes dieser Kinder ist voll Talente und lernt und begreift alles leicht. Ein anderes wieder ist zwar voll guten Willens; aber es fehlt ihm an Talenten, lernt schwer und begreift alles nur mühsam und selten ganz so, wie etwas zu Erlernendes begriffen werden soll. Und so werdet ihr unter diesen Kindern noch eine Menge anderer Unterschiede merken. Ja, wie kommt denn das? Möchtet ihr da nicht auch sagen: ,Aber, Herr und Meister, wie und warum läßt denn Du das zu? Was kann das wohl für einen weisen Zweck haben?‘

[GEJ.09_041,08] Ja, sehet, auch daran schuldet der innere freie Geist, und er bewirkt solches alles; und wäre dem nicht also, so gäbe es auch keinen inneren freien Geist, dessen Aufgabe es ist, sich aus sich selbst zu einem selbständigen Sein auszubilden und zu gestalten.

[GEJ.09_041,09] Wie und warum aber also, das habe Ich euch schon bei verschiedenen Gelegenheiten gezeigt und es euch auch anschaulich zur Genüge erklärt; aber dennoch fasset ihr derlei Dinge noch nicht in der rechten Tiefe, dieweil der ewige Geist aller Wahrheit und Weisheit eure Seelen noch nicht völlig durchdrungen und erfüllt hat.

[GEJ.09_041,10] So ihr aber diese euch nun vorgezeigten Bilder nur einigermaßen durchdenket, so wird es euch auch bald und leicht klarer werden, wie mit der Zeit ein noch so reinstes Licht aus Meinen Himmeln in eine dickste Heidenfinsternis verkehrt werden kann und auch wird, und daß Ich am Ende das doch eher zulassen muß, als mit aller Meiner Macht und Gewalt den freien Lebensgeist im Menschen zu knebeln.

[GEJ.09_041,11] Wie würde euch eine Erde wohl gefallen, auf der ein Ding dem andern so völlig ähnlich wäre, wie ein Auge dem andern? Wie gefielen euch die Menschen, die sich in allem so gleich sähen wie die Sperlinge, von denen keiner weiser und stärker ist als sein ihm völlig ähnlicher Nachbar? Ich meine, daß euch so eine mathematisch gleiche Welt in der kürzesten Zeit sehr zu langweilen anfinge. Und wäre das in Meinen freien Himmeln etwa anders, so es dort nicht noch endlosere Verschiedenheiten und Mannigfaltigkeiten gäbe?

[GEJ.09_041,12] Oder was würdet ihr von Meiner Weisheit denken, so Ich aller Wesenheit nur die Gestalt eines Eies gegeben hätte? Seht, es ist demnach schon alles recht und gut also, wie es ist! Ihr sehet, wie schon gesagt, nun freilich von gar vielem den Grund nicht ein; aber es wird die Zeit schon kommen, in der ihr das alles fassen und begreifen werdet. Und somit wollen wir uns nun mit dem begnügen, was uns bis jetzt gegeben ist.

[GEJ.09_041,13] Nun aber stehen noch Speisen und Wein vor uns auf den Tischen, und wir wollen denn auch noch etwas für unseren Leib tun. Dann aber werden wir uns zur Nachtruhe begeben und uns morgen früh wieder auf den Weg machen. Wohin, das wird uns der Geist des Vaters künden.“

[GEJ.09_041,14] Auf diese Meine Rede erstaunten die Griechen über alle Maßen und lobten und ehrten Mich. Ich aber aß und trank noch ungestört weiter, und so auch alle die andern. Nach dem Essen aber erhob Ich Mich, und die Witwe ließ Mir und den Jüngern gute Lager bereiten. Die Griechen aber blieben bei ihren Tischen.

 

42. Kapitel

[GEJ.09_042,01] Da die Witwe aber vernahm, daß Ich am Morgen früh mit Meinen Jüngern abreisen würde, so sorgte sie auch dafür, daß zeitlich zur Genüge ein Morgenmahl bereitet werde. Als wir denn am frühen Morgen vom Nachtlagerzimmer in das Gastzimmer kamen, da war das Morgenmahl auch schon bereitet, und die Witwe trat mit ihrem Sohne zu Mir und bat Mich, daß Ich vor der Abreise mit Meinen Jüngern das Morgenmahl zu Mir nehmen möchte.

[GEJ.09_042,02] Ich aber sah, daß der Griechen Tische noch nicht gedeckt waren, und sagte zur Witwe: „Siehe, auch die Griechen, die an Mich glaubend geworden sind, sollen nicht mit nüchternem Magen heimkehren! Decke auch ihren Tisch, damit sie sehen, daß Ich nicht nur den Juden, sondern auch den Heiden das Brot des Lebens gebe!“

[GEJ.09_042,03] Als die Witwe das vernahm, da eilte sie hinaus in die Küche, um auch für die Griechen ein Morgenmahl zu bereiten.

[GEJ.09_042,04] Als sie aber in die Küche kam, da fand sie schon ein genügendes Morgenmahl vollauf wohlbereitet und fragte ihre Küchenmägde unter großem Staunen, wer denn da das zweite Morgenmahl für die Griechen in so kurzer Zeit bereitet hätte.

[GEJ.09_042,05] Die Mägde aber sagten: „Wir wissen das nicht und haben auch niemanden außer uns in der Küche gesehen; aber was du nun mit großem Staunen ersiehst, das ersahen wir auch mit gleichem Staunen, und es überfällt uns eine Furcht. Der große und mächtige Prophet, der dir gestern den Sohn belebte, wird das veranlaßt haben durch die Macht seines Willens! Ja, ja, es ist unter den Juden ein großer Prophet aufgestanden, und Gott hat in ihm Sein Volk, das Seiner sehr zu vergessen begann, wieder einmal sichtlich heimgesucht, – und auf diese Heimsuchung, so sich die Menschen nicht alsbald bekehren und Buße wirken werden, wird sicher folgen ein großes Gericht und wird vertilgen alle Übeltäter.“

[GEJ.09_042,06] Sagte die Witwe: „Ja wohl, ja wohl, da möget ihr ganz recht haben! Aber, da nun auch auf eine so überaus wundersame Weise das Morgenmahl auch für die Griechen bereitet ist, so traget es sogleich in das Gastzimmer, und setzet es auf den Tisch, an dem die Griechen sitzen; denn also will es der große und mit aller Gottesgeisteskraft erfüllte Prophet!“

[GEJ.09_042,07] Auf diese Worte der Witwe wurde das wundersam bereitete Morgenmahl denn auch sogleich auf den Griechentisch gebracht, und wir begannen denn auch sogleich das wohlbereitete Morgenmahl einzunehmen und waren dabei voll guten Mutes.

[GEJ.09_042,08] Es wollte aber die Witwe den Griechen, die sich über die schnelle Bereitung des für sie von Mir verlangten Morgenmahles sehr wunderten, zu erzählen anfangen, wie es bereitet wurde.

[GEJ.09_042,09] Ich aber sagte zu ihr: „Weib, was du reden willst, dafür wird sich, nachdem Ich abgereist sein werde, noch eine hinreichende Zeit finden lassen; jetzt aber essen und trinken wir, was auf die Tische gesetzt ist!“

[GEJ.09_042,10] Auf diese Meine Ermahnung schwieg die Witwe und aß und trank mit uns.

[GEJ.09_042,11] Nach einer halben Stunde Zeit hatten wir alle das Morgenmahl eingenommen, und Ich erhob Mich mit Meinen Jüngern vom Tische, und wir schickten uns zur Abreise an.

[GEJ.09_042,12] Als wir aber gewisserart schon die Füße in Bewegung setzen wollten, da kamen schon eine Menge Menschen von der Stadt vor das Herbergshaus der Witwe und wollten sich da erkundigen, ob der vom Tode erweckte Sohn der Witwe wohl noch lebe, und ob die Erweckung eine wirkliche oder etwa nur eine scheinbare gewesen sei. Denn es hätten auch schon große Zauberer, die oft aus den fernen Morgenländern nach Judäa herübergekommen seien, tote Menschen wieder lebendig gemacht; aber das Leben wäre nur von kurzer Dauer gewesen, indem es nur ein Schein-, aber kein wirkliches Leben war, und sie möchten darum nun sogleich erfahren, ob der Sohn noch fortlebe, oder ob er das Leben wieder zu verlieren anfange, wie etwa das nach allen zauberischen Wiederbelebungen noch stets der unausbleibliche Fall gewesen sei.

[GEJ.09_042,13] Da fragte Mich die Witwe, was sie den zudringlichen Fragern sagen solle.

[GEJ.09_042,14] Und Ich sagte zu ihr: „Schicke den Sohn hinaus zu den Fragern! So sie ihn ganz frisch und gesund ersehen werden, da wird er selbst die allerbeste Antwort auf alle ihre albernen Fragen sein. Es hat sie der hiesige Rabbi also beredet aus Ärger, weil ihm gestern die Griechen dargetan haben, daß sie den Propheten Jesajas besser verstehen denn er als ein alter Schriftgelehrter. Der Rabbi also hat die Frager über die Zauberer, von denen er selbst nur reden gehört, aber nie einen gesehen hat, also unterrichtet, daß sie nun zweifeln; wenn sie aber den Sohn sehen werden, so werden ihre Zweifel weichen.

[GEJ.09_042,15] Nehmet euch aber in acht vor dem Rabbi und vor den Pharisäern; denn sie werden, um ihrer Behauptung den Glauben und Triumph beim Volke zu erhalten, dem Sohne, so sie ihn gleichfort gesund leben sehen werden, nach dem Leben trachten und werden ihn irgend zu vergiften suchen! Darum ladet sie ja nicht zu Gaste, und lasset euch auch von ihnen niemals zu Gaste laden, und nehmet von ihnen auch keine sonstigen Dinge an, so werden sie euch nichts antun können! Das beachtet, und Ich werde euch vor allen andern Gefahren bewahren! Und nun gehe du mit dem Sohne hinaus, auf daß sie dadurch die einfachste und beste Antwort auf ihre vielen Fragen erhalten!“

[GEJ.09_042,16] Hierauf ging die Witwe mit dem Sohne hinaus zu den vielen Fragern und sagte zu ihnen, mit der Hand deutend: „Sehet, ihr Zweifler alle, dieser mein Sohn lebt und ist frisch und gesund! Er ist somit von dem großen, mit dem Geiste Gottes erfüllten Propheten nicht scheinbar, sondern wirklich vom Tode zum Leben erweckt worden. Gehet hin, und saget das auch dem Rabbi, der euch so töricht unterwiesen hat!“

[GEJ.09_042,17] Hierauf sagte auch der Sohn, den alle wie ein Weltwunder angafften: „Ja, ja, ich lebe, bin auch ganz heiter, frisch und gesund und werde nach der Verheißung Dessen, der mich vom Tode zum Leben erweckt hat, auch fortleben; und so ich Seinen Willen fortan tun und völlig erfüllen werde, da werde ich auch gleichfort leben und keinen Tod je mehr sehen, fühlen und schmecken. Gehet hin und saget auch das dem Rabbi, auf daß möglicherweise auch er gläubig und selig werden möge!“

[GEJ.09_042,18] Als die Frager den ihnen wohlbekannten Sohn also gesehen und gesprochen hatten, da wich aller Zweifel von ihnen, und einige fingen an, darum auf den Rabbi unmutig zu werden, weil er sie hierüber ganz falsch unterrichtet hatte.

[GEJ.09_042,19] Als die Witwe mit ihrem Sohne wieder ins Zimmer kam, dankte sie samt ihrem Sohne Mir für den guten Rat und hatte eine große Freude, daß sie die vielen lästigen Frager so bald und so leicht losgeworden waren.

 

43. Kapitel

[GEJ.09_043,01] Darauf aber trat noch der Grieche, welcher schon früher der Wortführer war, zu Mir und sagte: „Herr, Herr, Gott und Meister von Ewigkeit in Deinem Geiste! Du verläßt uns nun zwar in Deiner sichtbaren Persönlichkeit, aber wir bitten Dich, daß Du mit Deinem höchsten Gottgeiste bei uns bleiben wollest, und uns nur dann und wann ein Zeichen geben, das uns ein Bürge sei, daß Du unser gedenkest und also im Geiste auch bei uns seiest.“

[GEJ.09_043,02] Sagte Ich: „Ja, das wird auch also sein bis ans Ende der Zeiten dieser sichtbaren Welt! Doch nicht nur ein Zeichen, sondern mehrere sollet ihr allzeit haben davon, daß Ich im Geiste bei euch, unter euch und in euch gegenwärtig bin! Die sicheren und niemals trügenden Zeichen aber werden allzeit und ewig folgende sein:

[GEJ.09_043,03] Erstens, daß ihr Mich mehr liebet denn alles in der Welt! Denn so jemand irgend etwas in der Welt mehr liebt denn Mich, der ist Meiner nicht wert; wer Mich aber wahrhaft liebt über alles, der ist eben durch solche wahre Liebe in Mir, und Ich bin in ihm.

[GEJ.09_043,04] Ein zweites Zeichen Meiner Gegenwart bei euch sei auch das, daß ihr aus Liebe zu Mir eure Nächsten und Nebenmenschen, jung und alt, ebenso liebet wie euch selbst; denn wer seinen Nächsten nicht liebt, den er sieht, wie kann der Gott in Mir lieben, den er nicht sieht? Wenn ihr Mich auch jetzt sehet und höret, so werdet ihr Mich in dieser Welt fortan doch nicht mehr sehen! Und so ihr Mich nicht sehen werdet, wird eure Liebe also bleiben, wie sie nun ist, da ihr Mich sehet? Ja, es wird bei euch die Liebe wohl bleiben; aber sehet auch, daß sie bei euren Nachkommen also bleiben wird! Denn so Mich jemand wahrhaftig im Herzen über alles lieben wird dadurch, daß er leben und handeln wird nach Meinem ihm geoffenbarten Willen, zu dem werde Ich Selbst wie persönlich im Geiste kommen und werde Mich ihm als vollends gegenwärtig offenbaren.

[GEJ.09_043,05] Ein drittes Zeichen Meiner Gegenwart bei, in und unter euch wird auch das sein, daß euch allzeit alles gegeben wird, um was ihr den Vater in Mir in Meinem Namen ernstlich bitten werdet. Aber es versteht sich von selbst, daß ihr Mich nicht um dumme und nichtige Dinge dieser Welt bittet; denn so ihr das tätet, da zeigtet ihr ja doch offenbar, daß ihr derlei Dinge mehr liebtet denn Mich, und das wäre dann wahrlich kein Zeichen Meiner Gegenwart bei, in und unter euch.

[GEJ.09_043,06] Ein viertes Zeichen Meiner mächtigen Gegenwart bei, in und unter euch wird auch das sein, daß so ihr den leiblich kranken Menschen aus wahrer Nächstenliebe in Meinem Namen die Hände auflegen werdet, es mit ihnen besser werden soll, wenn das Besserwerden zum Heile ihrer Seelen dienlich ist.

[GEJ.09_043,07] Es versteht sich aber auch da von selbst, daß ihr dabei allzeit saget im Herzen: Herr, nicht mein, sondern nur Dein Wille geschehe! Denn ihr könnet es nicht wissen, ob und wann das Besserwerden des Leibes einer Seele zum Heile dienlich ist, und ein ewiges Leben auf dieser Erde im Leibe ist keinem Menschen beschieden! Daher kann das Händeauflegen auch nicht allzeit und jedem Menschen von seinen Leibesübeln Befreiung verschaffen. Aber ihr werdet dennoch keine Sünde dadurch begehen, so ihr jedem Kranken die euch angezeigte Liebe erweiset; den Helfer werde schon Ich machen, so es zum Seelenheile des Menschen dienlich ist, – was Ich allein nur wissen kann.

[GEJ.09_043,08] So ihr irgend aus der Ferne vernommen habt, daß da ein oder der andere Freund von euch krank daniederliegt, da betet über ihn, und leget im Geiste die Hände auf ihn, und es soll auch besser werden mit ihm!

[GEJ.09_043,09] Dabei aber bestehe das im Herzen nur auszusprechende Gebet in folgenden wenigen Worten: ,Jesus, der Herr, wolle dir helfen! Er stärke dich, Er heile dich durch Seine Gnade, Liebe und Erbarmung!‘ So ihr das voll Glauben und Vertrauen zu Mir über einen noch so ferne von euch sich irgendwo befindenden kranken Freund – oder Freundin – aussprechen und dabei über ihn im Geiste eure Hände halten werdet, so wird es mit ihm zur Stunde besser werden, wenn das zu seinem Seelenheile dienlich ist.

[GEJ.09_043,10] Ein noch fünftes Zeichen Meiner Gegenwart bei, in und unter euch aber wird auch noch das sein, daß ihr, so ihr Meinen Willen allzeit tuet, in euch des Geistes Wiedergeburt erreichen werdet. Das wird sein eine wahre Lebenstaufe, da ihr dabei mit Meinem Geiste erfüllt und dadurch in alle Weisheit eingeführt werdet.

[GEJ.09_043,11] Nach diesem fünften Zeichen aber strebe ein jeder vor allem! Denn an dem sich dieses Zeichen gewärtigen wird, der wird schon in dieser Welt das ewige Leben haben und wird das tun und schaffen können, was Ich tue und schaffe; denn er wird da sein eins mit Mir.

[GEJ.09_043,12] Nun habe Ich euch die Zeichen Meiner Gegenwart gezeigt; tuet danach, so werdet ihr bei, in und unter euch Meines Geistes ehestens wahrhaftigst gewahr werden!“

 

44. Kapitel

[GEJ.09_044,01] Hierauf fragte Mich der Grieche, sagend: „O Herr und Meister! Da wir alle nun das ewig nie genug schätzbarste Glück hatten, Dich Selbst in Deiner göttlichen Persönlichkeit kennenzulernen, und aus Deinem Munde die Worte des Lebens vernommen haben, so wäre ich wenigstens für uns Griechen der Meinung, daß wir Dir ein Haus erbauten, in welchem wir allwöchentlich einmal uns versammelten, auf daß wir Deine Lehre besprächen und darin Moses und die Propheten läsen; denn an anderen Tagen ist ja doch ein jeder von uns mehr oder weniger mit einer Arbeit belastet, bald da und bald dort, und es ist da nicht leicht möglich, sich über Deine Lehre und Taten gegenseitig zu besprechen und zur Tätigkeit nach Deinem Willen zu ermuntern. O Herr und Meister, sage es uns doch, ob Dir das wohlgefällig wäre!“

[GEJ.09_044,02] Sagte Ich: „Wozu da ein eigenes Haus erbauen, da ihr ja ohnehin eure Wohnhäuser habt, in denen ihr euch auch in Meinem Namen versammeln könnet, um euch über Meine Lehre zu besprechen und die gemachten Erfahrungen mitzuteilen, die sich aus dem Wandel nach dem Willen Gottes sicher für jedermann ergeben werden?! Also ist es auch nicht notwendig, einen bestimmten Feiertag dazu einzuführen, den ihr, etwa wie die Pharisäer den Sabbat, den Tag des Herrn benennetet, da doch ein jeder Tag ein Tag des Herrn ist und man also auch an jedem Tage gleich Gutes tun kann. Denn Gott sieht weder auf den Tag und noch weniger auf ein Ihm zur Ehre und Anbetung erbautes Haus, sondern Gott sieht nur auf das Herz und auf den Willen des Menschen. Ist das Herz rein und der Wille gut und den ganzen Menschen zur Tat ziehend, so ist das schon das wahre und lebendige Wohnhaus des Geistes Gottes im Menschen, und sein allzeit guter und tätiger Wille nach dem erkannten Willen Gottes ist der wahre und darum auch allzeit lebendige Tag des Herrn!

[GEJ.09_044,03] Sehet, das ist die Wahrheit, und bei der sollet ihr denn auch unverwandt bleiben! Alles andere aber ist eitel und hat vor Gott keinen Wert.

[GEJ.09_044,04] Es werden aber die Menschen in der späteren Zeit Mir wohl gewisse Häuser erbauen und darin, gleich den Pharisäern im Tempel zu Jerusalem und gleich den Heidenpriestern in den Götzentempeln, einen gewissen Gottesdienst verrichten an einem bestimmten Tage in der Woche, zu dem sie dann noch mehrere gewisse große und Hauptfeiertage im Jahre hinzufügen werden. Aber wenn das wider Meinen Rat und Willen unter den Menschen gang und gäbe werden wird, dann werden sich die vorbesprochenen Zeichen Meiner lebendigen Gegenwart bei, in und unter den Menschen völlig verlieren! Denn in den von Menschenhänden unter dem Titel ,Gott zur größeren Ehre!‘ erbauten Tempeln werde Ich ebensowenig daheim sein, wie nun im Tempel zu Jerusalem!

[GEJ.09_044,05] So ihr aber aus Liebe zu Mir in einer Gemeinde ein Haus erbauen wollet, so sei das ein Schulhaus für eure Kinder, und gebet ihnen auch Lehrer nach Meiner Lehre hinzu! Also möget ihr auch ein Haus erbauen für Arme und Kranke und Bresthafte! Versorget solch ein Haus mit allem, was zur Pflege der darin wohnenden Menschen nötig ist, und ihr werdet euch dadurch Meines Wohlgefallens allzeit zu erfreuen haben! Alles andere und Weitere ist vom Übel und hat, wie schon gesagt, keinen Wert vor Gott.

[GEJ.09_044,06] In einem wohlbestellten Schulhause aber könnet da schon auch ihr eure Versammlungen und Besprechungen in Meinem Namen halten und habt nicht not, zu dem Zwecke noch irgendein drittes Haus zu erbauen.

[GEJ.09_044,07] Wie aber Gott im Geiste und in der Wahrheit ohne Unterlaß anzubeten ist, das habe Ich euch allen klar und wohlbegreifbar gezeigt, und so habe Ich euch nichts Weiteres mehr hinzuzufügen. Ich habe euch den Weg gezeigt, auf dem fortwandelnd ihr zu aller Wahrheit und Weisheit gelangen könnet, und das war vorderhand für euch notwendig. Nun aber wandelt und handelt also, und suchet vor allem in euch das Gottesreich, alles andere wird euch hinzugegeben werden!“

[GEJ.09_044,08] Auf diese Meine Worte verneigten sich alle Anwesenden und dankten Mir in voller Inbrunst auch für diese Belehrung. Auch die Witwe mit ihrem Sohne trat noch einmal vor Mich hin, und beide dankten Mir für die ihnen erwiesene Liebe, und Ich erteilte darauf allen den Segen, und wir begaben uns darauf schnell auf die Weiterreise.

[GEJ.09_044,09] Als wir durch das Städtchen zogen, da sahen uns viele, die gestern Zeugen waren von dem, was Ich dem Sohne der Witwe getan hatte, und liefen auf uns zu und riefen laut: „Heil dir, du großer Prophet des Herrn! Durch dich hat Gott Sein Volk nun abermals in seiner großen Verlassenheit heimgesucht. Dank und Ehre Ihm, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, jetzt und in alle Ewigkeit! O du von Gottes Geiste vollst erfüllter großer Prophet, möchtest du uns denn nicht gestatten, daß da einige von uns mit dir zögen, damit sie so vernähmen deine Lehre und sie uns dann verkündeten? Denn wir haben gestern deinen wenigen Worten entnommen, daß du voll göttlicher Weisheit bist, – und von der möchten wir mehreres vernehmen!“

[GEJ.09_044,10] Sagte Ich: „Dessen habt ihr nun nicht nötig! Wollet ihr aber nach Meiner Lehre leben und handeln, da haltet die Gebote Gottes, die Moses gab, und ihr werdet so auch völlig nach Meiner Lehre leben; denn Ich bin nicht in diese Welt gekommen, um Moses und die Propheten aufzuheben, sondern zu bestätigen und alles zu erfüllen, was in ihren Büchern geschrieben steht.

[GEJ.09_044,11] Wollet ihr aber Näheres über Mich Selbst in Erfahrung bringen, so gehet zu der Witwe hin, bei der sich auch noch die Griechen befinden! Diese werden es euch schon verkünden, was sie aus Meinem Munde vernommen haben.“

[GEJ.09_044,12] Auf diese Worte aber verließen Mich diese Zudringlinge und begaben sich zur Witwe hin.

 

45. Kapitel – Des Herrn Zug durch Samaria. (Kap.45-63)

[GEJ.09_045,01] Ich aber zog mit den Jüngern schnell weiter auf dem Wege, der auch gen Jerusalem führt. Aber Ich zog noch nicht alsogleich nach Jerusalem, sondern machte einen großen Umweg, und zwar durch Samaria und einen Teil von Galiläa, in welchen Provinzen Mich die Menschen schon größtenteils kannten und hie und da ihre Kranken zu Mir brachten, und Ich sie auch heilte.

[GEJ.09_045,02] Der Weg aber, den wir zu durchreisen hatten, war ein ziemlich verlassener und war deshalb auch wenig begangen, und wir konnten, ohne viel gesehen zu werden, oft mit Windesschnelle uns fortbewegen, wie wir das bei weit zu machenden Reisen auch immer getan hatten.

[GEJ.09_045,03] Als wir uns gen Mittag hin schon in Samaria befanden, da begegnete uns eine kleine Karawane, die über Jericho nach Ägypten zog.

[GEJ.09_045,04] Der erste Führer der Karawane aber hielt vor uns an und fragte uns in griechischer Zunge, ob man auf diesem Wege wohl gut nach Jericho und von dort weiter nach Ägypten kommen könne.

[GEJ.09_045,05] Ich aber sagte zu ihm: „Wie bist du denn ein Führer geworden, so du selbst der Wege unkundig bist?“

[GEJ.09_045,06] Sagte der Führer: „Wir sind noch weit hinter Damaskus zu Hause und machen in unserem Leben zum ersten Male diese weite Reise; daher sind wir denn auch oftmals genötigt, hie und da uns nach dem rechten und nächsten Weg zu erkundigen, was hier oft auch schwierig ist, weil nur selten jemand unserer Zunge mächtig ist.“

[GEJ.09_045,07] Sagte Ich: „Höre, so ein Wanderer eines Weges, den er zu bereisen hat, wahrhaft unkundig ist, da tut er ganz recht und wohl, so er sich bei jemand nach dem rechten und möglich nächsten Weg, der in ein fremdes Land führt, erkundigt; aber es ist nicht fein von dir, uns hier auf dem Wege unter dem Vorwande auf- und anzuhalten, als wärest du des Weges, den du wohl schon bei zwanzig Male durchwandert hast, unkundig! Der Grund aber, aus dem du uns hier aufhältst, ist ein ganz anderer und wahrlich kein löblicher! Du meinst, daß wir geheime Schätze mit uns tragen, deren ihr euch auf eurem Raubzuge bemächtigen möchtet, und deshalb hast du uns angehalten. Doch wir tragen derlei, das du meinst, nicht bei uns; aber andere Schätze für Seele und Geist tragen wir in höchster Fülle bei uns und geben sie auch jedermann umsonst hin, der sie zur Rettung seiner Seele vollernstlich zu besitzen wünscht!“

[GEJ.09_045,08] Auf diese Worte stutzte der Führer und fragte Mich in noch keckerem Ton: „Woher weißt du das von uns, und wer hat uns dir verraten?“

[GEJ.09_045,09] Sagte Ich, auch mit kräftigerer Stimme: „Ich kenne dich und deine siebzig Gefährten schon von deiner Geburt an! Dein rechter Name ist Olgon, den du aber nie, sondern dafür in jedem Orte nur einen erdichteten Namen angibst, so wie auch jeder deiner Helfershelfer, damit man sich in einem Orte, den ihr beraubt habt, nach euch schwer erkundigen kann, um nach euch zu fahnden und euch den Gerichten zu überantworten.

[GEJ.09_045,10] Also wollet ihr nun auch nicht nach Ägypten ziehen; aber ihr wisset, daß in Jericho ein großer Markt abgehalten wird, von dem ihr etwas gewinnen möchtet. Und das wisset ihr auch, daß, von heute an gerechnet in vier Wochen, in Jerusalem das Fest der Tempelweihe abgehalten wird, zu welchem Feste stets viele Fremde mit allerlei Schätzen und Waren kommen, von denen ihr sehr vieles gebrauchen könnt. Aber Ich sage es euch: Diesmal werdet ihr einen schlechten Fang machen!“

[GEJ.09_045,11] Sagte der Führer, nun schon voll Zorns: „Wollt ihr noch gesunden Leibes von dieser Stelle kommen, da schweiget, so ihr uns denn schon kennet, allenthalben von uns, und ziehet nun eiligst von dannen; denn auch ich kenne euch und schwöre euch bei allen Göttern die fürchterlichste Rache, so ich es irgend in Erfahrung bringe, daß ihr uns verraten habt! Wir leben wohl vom Raub, aber sind darum dennoch keine Mörder; denn wären wir das, so erginge es euch nun schlecht!“

[GEJ.09_045,12] Sagte Ich: „Kenntest du Mich, so würdest du zu Mir sagen: ,Herr, sei mir großem Sünder gnädig und barmherzig, und vergib mir meine Sünden; denn ich will mich bessern und Buße tun und will mich bemühen, alles Unrecht, das ich jemandem angetan habe, nach Möglichkeit gutzumachen!‘ Aber dieweil du Mich nicht kennst, so bist du entschlossen, in deinen Sünden zu verharren, und schwörest mir Rache bei allen Göttern, da du doch ein Jude bist und die Gesetze Mosis kennst. Wärst du im Ernste nur ein Grieche, da hätte Ich es nicht zugelassen, daß du Mich angehalten hättest; aber weil du auch ein Sohn Jakobs bist, so habe nur Ich das also zugelassen, auf daß dir eine Gelegenheit werde, die Wahrheit zu erfahren und in ihr einen besseren Fang für dein Leben zu machen, als der da wäre, auf den ihr ausgegangen seid.“

[GEJ.09_045,13] Sagte darauf in einem gemäßigten Tone Olgon: „So sage du es mir, wer du seist, auf daß ich dann anders mit dir reden kann!“

[GEJ.09_045,14] Sagte Ich: „Ich bin einer, dem alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden, und der Gewalt Meines Willens sind alle Dinge untertan; denn Mein Wille ist Gottes Wille, und Meine Kraft ist Gottes Kraft, die über alle Kräfte ewig waltet und herrscht. Jetzt weißt du, wer Der ist, der mit dir redet!“

[GEJ.09_045,15] Sagte Olgon: „Oh, oh, – wie so denn?! Wenn dir denn schon alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden, da wärst du ja mehr denn Moses und alle andern Väter und Propheten; denn sie haben nur eine kleine Macht auf dieser Erde innegehabt, wie wir solches in der Schrift gelesen haben. Und du hättest aber gar alle Macht im Himmel und auf dieser Erde inne? Ah, so etwas habe ich noch niemals aus dem Munde eines Menschen vernommen, – er müßte nur irrsinnig sein, was aber bei dir doch nicht der Fall zu sein scheint, weil du erstens schon das Ansehen danach nicht hast und man zweitens in deiner Rede auch nichts Irriges gewahrt. Wenn dir im Ernste eine solche vollkommenste Gottesmacht innewohnt, so gib uns davon eine Probe, und wir wollen deinem Worte glauben und tun nach deinem Willen!“

[GEJ.09_045,16] Sagte Ich: „So ihr schweigen könnet vor den Juden in Jerusalem und besonders vor den Pharisäern im Tempel und auch andernorts, dahin ihr kommet und Pharisäer treffet; denn vor dieser Menschenunart soll das Licht der Himmel nicht leuchten!“

 

46. Kapitel

[GEJ.09_046,01] Sagte Olgon und auch einige Gefährten von ihm: „Ja, wir werden schweigen! Denn auch wir sind die dicksten Feinde der unersättlichen Pharisäer! Wir waren zuvor alle ehrliche Juden und standen im Dienste der Pharisäer. Da wir rüstige und beherzt mutige Menschen waren und auch die Schrift verstanden, so erklärten sie uns eben die Gesetze der Nächstenliebe also: Es stehe wohl geschrieben, daß man nicht stehlen und rauben und auch nicht nach des Nächsten Gut lüstern sein solle, – aber dies sei nur zu verstehen von den Juden untereinander. Wer aber klug, mutig und kräftig sei, der könne den Heiden ihre Schätze stehlen und auch mit Gewalt wegnehmen, wie er nur immer kann und mag, und er begehe keine Sünde vor Gott; im Gegenteil, es habe Gott nur ein besonderes Wohlgefallen an einem solch mutigen und klugen Juden, der den Gottesfeinden ihre irdischen Schätze stiehlt und raubt und davon einen Teil dem Tempel opfert. Doch solle man die beraubten Heiden ohne Not nicht töten, auf daß sie dann nicht mit ihrem tyrannischen Gesetz über die ohnehin von ihnen schon über alle die Maßen gedrückten Juden herfallen und sie ganz zu Tode erdrückten.

[GEJ.09_046,02] Und siehe, weil wir die Stimme der Pharisäer für Gottes Stimme hielten, so wurden wir denn auch, ohne uns ein Gewissen daraus zu machen, Diebe und Räuber; denn wir bestahlen und beraubten die Heiden ja – nach unserem anfänglichen Dafürhalten – im Auftrage Jehovas, gleichwie auch der große König David im Auftrage Gottes die Philister und noch andere arge Heidenvölker vom Boden der Erde vertilgen mußte, wie ihm das Gott sicher zu einem Verdienste anrechnete, da Er ihn den Mann nach Seinem Herzen nannte!

[GEJ.09_046,03] So dachten auch wir lange Zeit hin, Männer nach dem Herzen Jehovas zu sein; aber als wir mit der Zeit selbst dahinter kamen, wie die Templer selbst sich an den Gütern der Juden zu vergreifen anfingen und das Vermögen der armen Witwen und Waisen an sich rissen, ehebrachen, auch Knaben und Mägdlein schändeten und noch eine Menge anderer Greuel begingen, da ließen wir den ganzen Glauben an einen Gott und an Moses fahren und trieben unser Geschäft für uns, – und es waren nun denn auch reiche Juden vor uns nicht sicher! Wir haben uns darum denn auch in der Griechen und Römer Kleider gesteckt, um als solche auch oft reiche Pharisäer und andere reiche Juden mehr denn irgend Griechen und Römer von ihren Schätzen befreien zu können. Doch den Armen haben wir niemals etwas weggenommen, wohl aber sie oft beschenkt, besonders wenn wir so recht reiche Beuten uns errungen hatten.

[GEJ.09_046,04] Weil du nach dem, daß du in deiner wundersamen Allkundigkeit genau wußtest, wer wir sind, und dir auch mein rechter Name nicht fremd war, auch das sicher wissen wirst, daß es sich mit uns auch also verhielt, wie wir es dir nun treu und offen erzählt haben, so wirst du als ein weisester Prophet auch den Grund einsehen, warum wir in dieser Zeit und schon seit mehreren Jahren wahre Erzfeinde der Pharisäer und aller reichen Erzjuden geworden sind. Und so du uns zur Neubelebung unseres Glaubens an Gott und an dich, Seinen außerordentlichen Gesandten und Erwählten, nun ein Zeichen deiner Allmacht über alles im Himmel und auf Erden geben willst, so kannst du auch versichert sein, daß wir dich den Pharisäern niemals verraten werden. Gib uns denn etliche Proben deiner gottähnlichen Allmacht im Himmel und auf Erden!“

[GEJ.09_046,05] Sagte Ich: „Gut denn, weil ihr nun die Wahrheit geredet habt und habet vor Mir offen kundgetan, wie es euch ergangen ist, so fällt alle eure Schuld an die Pharisäer zurück, die darum auch desto mehr Verdammnis überkommen werden –, und euch aber vergebe Ich eure bisherigen Sünden, so ihr in der Folge euer bisheriges Tun und Treiben völlig aufgebet und als ehrliche Juden euch auch ehrlich ernähret und fortbringt, was ihr leicht tun könnet, da ihr euch der irdischen Mittel bisher schon in Übergenüge zu eigen gemacht habt, mit denen ihr aber auch reichlich der Armen, ob Juden oder Heiden – was nun eins ist –, gedenken sollet. Versprecht ihr Mir auch das offen und treu, so will Ich euch denn auch sogleich die Proben von dem geben, was Ich Selbst von Mir zu euch gesagt habe.“

[GEJ.09_046,06] Sagten alle, sich mit den Händen auf die Brust schlagend: „Herr, das wollen und werden wir tun, so wahr wir uns mit unseren eigenen Händen auf unsere Brust schlagen, und so wahr wir, durch dich neu angeregt, an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs glauben und alle Seine Gebote genauest halten wollen, auch in allen unseren Kindern und Kindeskindern bis ans Ende der Welt, so uns Gott helfen wolle!“

 

47. Kapitel

[GEJ.09_047,01] Sagte Ich: „Nun wohl denn also! Gebet denn acht, und entsetzet euch nicht; denn es wird euch kein Haar gekrümmt werden! Sehet, hier ist eine wüste Gegend von mehreren tausend Morgen Landes; nichts als kahles, wüstes Gestein, kaum hie und da mit einem halbverdorrten Dorngestrüpp bewachsen und mit wenigen Disteln. Diese Wüste ist auch ihrer Unfruchtbarkeit und ihrer sonstigen Zerstörtheit wegen für nichts als höchstens für einen elenden und schwer und mühsam zu begehenden Saumweg tauglich.

[GEJ.09_047,02] So Ich hier mit dieser Gegend eine Änderung vornehme und sie dann euch und euren Nachkommen zu eigen gebe, so wird dabei niemand in seinem Landbesitzeigentum beeinträchtigt. Ihr aber habt euch ohnehin zumeist in dieser Wüste und in ihren vielen Klüften und Höhlen aufgehalten und sie so zu eurer Hauptheimat gemacht, was den an diese Wüste angrenzenden Samaritern und teilweise auch Galiläern und Juden nur zu wohl bekannt ist, und so werdet ihr diese Gegend auch in ihrem fruchtbaren und blühenden Zustande unbeanstandet euer Eigentum nennen können.

[GEJ.09_047,03] Doch bevor Ich noch vor euch und für euch diese Wüste segnen werde, muß Ich euch zeigen, daß Ich auch der Herr aller Mächte und Kräfte der Himmel bin, und so tuet nun eure Augen, Ohren und Herzen auf! – Offenbaret euch, ihr den Fleischesaugen verborgenen Mächte und Kräfte Meiner Himmel!“ –

[GEJ.09_047,04] Als Ich dieses ausgesprochen hatte, da ward allen die innere Sehe aufgetan, und sie ersahen zahllose Heere von Engeln und vernahmen einen hohen Lobgesang, dessen Sinn aber ihre Seelen nicht zu fassen vermochten; und viele der lichtesten Engel senkten sich zu Mir hernieder und beteten an Meinen Namen.

[GEJ.09_047,05] Als die früheren Räuber das sahen, überkam sie eine große Furcht.

[GEJ.09_047,06] Ich aber sagte zu ihnen: „Was fürchtet ihr euch denn vor diesen Meinen Engeln, die Mir untertan sind und bleiben seligst für ewig? Bin ja doch nur Ich der alleinige Herr über alles im Himmel und auf Erden, und ihr habet vor Mir euch lange nicht gefürchtet, obschon Ich euch das gesagt habe!“

[GEJ.09_047,07] Hierauf stiegen auch die Räuber alle von ihren Saumtieren, warfen sich auf die Knie und baten Mich um Barmherzigkeit.

[GEJ.09_047,08] Diese Erscheinung aber dauerte bei einer Viertelstunde lang, während welcher Zeit Ich den um Mich knienden Engeln gebot, daß sie über diese Gegend alsbald den mächtigsten Blitz, Wind und Regensturm bescheiden sollten, auf daß Ich darauf diese Wüste in ein Fruchtland segne!

[GEJ.09_047,09] Darauf fing diese Erscheinung nach Meinem Willen zu verschwinden an; aber an ihrer Stelle fing der irdische Lufthimmel sich mit den dichtesten Wolken zu füllen an. Es dauerte keine halbe Stunde, so fingen vom Süden her so heftige Orkane zu wüten an, daß die Räuber und selbst Meine Jünger Mich zu bitten anfingen, sie nicht zugrunde gehen zu lassen.

[GEJ.09_047,10] Ich aber sagte: „Habt ihr an Meiner Seite derlei doch oftmals erlebt, und es ist euch dabei niemals ein Haar gekrümmt worden! So Ich bei euch bin, ihr Kleingläubigen, welche Macht soll euch da beschädigen können?“

[GEJ.09_047,11] Mit dem gaben sich die Jünger wieder zufrieden. Es war aber einige Schritte weiter vorwärts eine geräumige Höhle. Als der Sturm aber stets heftiger ward, ein Blitz dem andern zu tausendmal tausendweise folgte und der Regen in Strömen aus den Wolken zu stürzen begann, da nahmen die Räuber ihre Saumtiere und flüchteten sich mit ihnen in die Höhle, während Ich mit den Jüngern an der offenen Stelle verblieb, ohne auch nur von einem Tropfen Regen berührt zu werden.

[GEJ.09_047,12] Der Sturm aber dauerte auch nur eine volle halbe Stunde lang, und dennoch hatten die mächtigen Blitze das wüste Gestein der ganzen Wüste mehr denn mannstief zu einem grauen Lehmteige zermalmt und zerknetet, und die kreuz- und querströmenden Fluten hatten damit die vielen Gräben und Schluchten ausgefüllt und sie dadurch für Äcker und Gärten tauglich gemacht. Die vielen andern Erdlöcher und Höhlen aber hatte unsichtbar Mein Wille ausgefüllt, und so ward die ganze, nicht unbedeutend große Wüste in der kurzen Zeit von im ganzen kaum einer vollen Stunde zu einem üppigen Acker- und Weinberglande umgestaltet. Der Sturm war zu Ende, der Himmel klärte sich auf, und die Sonne beschien mit ihren warmen Strahlen nun einen neuen Erdboden.

 

48. Kapitel

[GEJ.09_048,01] Nun kamen denn auch unsere Räuber ganz kleinmütig aus der Höhle, die Ich nicht verschwemmen und ausfüllen ließ, zum Vorschein, und Ich berief den Olgon zu Mir.

[GEJ.09_048,02] Und als er kam mit noch einem Paar seiner ersten Gefährten, da sagte Ich zu ihm: „Nun, Olgon, glaubst du, daß Ich Der bin, als den Ich Mich dir mit dem Munde vorgestellt habe?“

[GEJ.09_048,03] Sagten Olgon und seine beiden Gefährten: „Ja, o Herr, Herr! Wir glauben das ja nun weit über auch den kleinsten Zweifel hinaus! Du bist kein Erwählter Jehovas, sondern Du bist wahrlich, wahrlich und nun leibhaftig wundersamst Er, Er – Selbst! O sei uns armen und allzeit schwachen Sündern vor Dir gnädig und barmherzig!“

[GEJ.09_048,04] Sagte Ich: „Ich habe euch eure Sünden, an denen die Pharisäer die Schuld haben, schon vergeben; habt ihr aber nach eurem Gewissen noch an jemand irgend etwas verbrochen wider das Gesetz Mosis, so machet das an ihm gut, – und so er es euch vergeben wird, da ist es euch auch völlig vergeben in allen Himmeln.

[GEJ.09_048,05] Solltet ihr aber einen harten Menschen finden, der es euch nicht vergeben wollte, so lasset euch darum nicht bange werden im Herzen, denn da wird euer guter Wille fürs Werk bei Mir angenommen werden, und der unversöhnliche Mensch wird seine Härte auf seiner Rechentafel als Schuld aufgezeichnet finden! – Denn Ich allein bin der weiseste und allergerechteste Richter, der allein einem jeden sein wahrstes Urteil allerwirksamst zukommen läßt.

[GEJ.09_048,06] Aber nun habt ihr von Mir ein förmliches Land zum Geschenk also erhalten, daß es euch auch nicht einmal ein Engel der Himmel, geschweige ein Mensch streitig machen könnte; aber wie ihr sehet, so sieht es nun noch öder und unwirtlicher aus denn zuvor, obschon es nun durch eine außerordentliche Umwälzung ungemein fruchtbar geworden ist. Es fragt sich nun, wie ihr es bebauen werdet.“

[GEJ.09_048,07] Sagte Olgon: „O Herr, Herr! Das ginge nach meiner Idee nun ganz sicher, leicht und gut! Siehe, o Herr, Herr, als Du die Erde erschaffen hast durch Deines Geistes allmächtigsten Gottwillen, da hattest Du ja doch auch nicht irgend für die zahllos vielen Pflanzen den Samen zuvor schon irgend vorrätig besessen, außer pur in Deinem allmächtigen Willen! Du aber bist in Ewigkeit Derselbe, der Du auch zu Anfang der wunderbaren Erschaffung der ganzen großen Erde warst. Besame nun Du die Gegend mit der Allmacht Deines Gottwillens, und die Gegend wird sicher also am allerbesten angebaut sein! O Herr, Herr, tue auch hier dasselbe, und die ganze ehedem wüsteste Gegend wird ehest in ein wahres Eden umgewandelt werden!“

[GEJ.09_048,08] Sagte Ich: „Ja glaubet ihr denn wohl auch ungezweifelt, daß Ich auch das zu tun imstande wäre?“

[GEJ.09_048,09] Sagte Olgon: „O Herr, Herr! Dir ganz allein ist nichts unmöglich! Was Du sagst, ist ewige Wahrheit, und wir glauben sie ungezweifelt, und was Du willst, das geschieht, und wir wollen und werden Deinen Willen auch tun also, wie Du ihn durch Moses und durch die Propheten den Menschen geoffenbart hast. Und wir haben nun ja auch aus Deinem Munde vernommen, was Dein Wille ist, und wir werden treu danach handeln; aber besame Du, o Herr, Herr, die jetzt noch wüste Gegend!“

[GEJ.09_048,10] Sagte Ich: „Also sei es denn, wie ihr glaubet! – Wie wüste und öde da war diese Gegend, ebenso wüste und öde war euer Herz, Sinn und Wille, und eure völlige Glaubenslosigkeit erzeugte die Härte eures Herzens, das völligst dem Steinboden dieser Wüste glich. Ich aber erweckte in euren Herzen einen mächtigen Sturm und erweichte es durch den geöffneten Himmel in euch, durch die Wahrheitsblitze Meiner Worte, durch die euch gezeigte Sturmmacht Meines Willens und endlich durch den gewaltigen Regenerguß Meiner Liebe und Erbarmung und habe euch denn auch wieder besamet mit vieler Wahrheit aus dem Munde Gottes, die euch die wahrsten Früchte des Lebens bringen wird, so ihr nach ihr leben und handeln werdet. Wie Ich aber euch besamt habe nun in aller Kürze mit allerlei Frucht zum ewigen Leben der Seele, also ist nun auch besamt diese Wüste mit allerlei Frucht zur Nahrung eures Leibes.

[GEJ.09_048,11] Ihr seid euer siebzig an der Zahl, und so ihr diese Gegend nach den verschiedenen Richtungen durchwandern werdet, so werdet ihr auch schon ebenso viele mit allem versehene Wohnhäuser finden; und wer eines oder das andere in Besitz nehmen soll, das wird euch ein am Hause angeschriebener Name zeigen. Binnen kurzem wird die Gegend vor euren Augen ergrünen und erblühen. – Nun möget ihr gehen zu besehen, was Ich für euch getan habe!

[GEJ.09_048,12] Verbreitet aber Mein Wort auch unter den Heiden, die häufig zu euch kommen werden; doch von dem Wunderzeichen schweiget vorderhand, und machet auch nachderhand nicht viele Worte, es genügt zu sagen, daß bei Gott alles möglich ist.“

[GEJ.09_048,13] Auf diese Meine Worte zog Ich mit den Jüngern wieder sehr schnell weiter, und ehe sich die bekehrten Räuber umsahen, waren wir schon weit von ihnen entfernt.

 

49. Kapitel

[GEJ.09_049,01] Es hatten zwar die bekehrten siebzig Räuber durch den Mund Olgons angegeben, daß sie noch weit hinter Damaskus daheim wären; aber es war das auch unwahr, da sie mit ihren Weibern und Kindern nur gewisse schwer zugängliche Höhlen und Grotten dieser Gegend bewohnten. Aber sie machten ihre Raubzüge oft wohl auch in der Gegend um Damaskus, kehrten aber dann mit der Beute allzeit wieder in diese Gegend zurück, die ihnen vor allen Nachstellungen immer den sichersten Schutz bot.

[GEJ.09_049,02] Als wir ihnen zu ihrem abermaligen großen Staunen in wenigen Augenblicken aus den Augen völlig entschwunden waren, da machten sie sich denn auch auf und zogen längs der Wüste so weit zurück, allwo ihre Weiber und Kinder in einer schwer zugänglichen großen Grotte, die von dem Sturme mehr verschont blieb und auch nicht verschlammt ward, mit ihren Habseligkeiten wohnten. Als die siebzig Männer in die Grotte so bald wieder zurückkamen, da staunten darob ihre vor Furcht und Angst, die in ihnen der plötzlich entstandene, nie erhörte Sturm bewirkte, noch bebenden Weiber und Kinder, daß sie so bald und ohne Beute zurückgekehrt seien.

[GEJ.09_049,03] Die Männer aber erzählten in Kürze alles, was sich mit ihnen unerhörtest wundersamstermaßen zugetragen hatte, und daß sie nun – was die Weiber schon lange gewünscht hatten – von dem Raubmachen für alle Lebenszeit abgestanden seien, aber dafür von einem mit dem Geiste Gottes erfülltesten Manne eine endlos bessere Lebensbeute zum ewigen Leben der Seele erhielten, als da wert wären alle Schätze der Erde.

[GEJ.09_049,04] Sie erzählten auch den immer neugieriger werdenden Weibern und Kindern, wie der Gott gleich mächtige Mann durch Sein Wort und Seinen Willen durch eben den erschrecklichen Sturm diese alte, unwirtlichste Wüste in ein wahres, fruchtbarstes Eden umgestaltet und ihnen zum unbestreitbarsten Eigentum gegeben habe, und daß auf den verschiedenen Punkten dieser ehemals so wüsten Landschaft auch schon fertige und mit allem wohlversehene Wohnhäuser in Bereitschaft stünden, die sicher auch nur die rein göttliche Macht des besagten Mannes erschaffen habe.

[GEJ.09_049,05] Als die Weiber solches von ihren Männern erfuhren, so hieß es, nur gleich ohne viel Säumens die wunderbaren Häuser aufsuchen gehen. Die Männer aber meinten, daß das vor drei Tagen kaum möglich sein werde, weil die Klüfte, Gräben und Schluchten noch voll Schlammes sein würden, in den man leicht ganz versinken und den Tod finden könnte.

[GEJ.09_049,06] Als die Weiber das vernahmen, da gaben sie nach; aber nach drei Tagen gingen sie die Wohnhäuser suchen, und es fand ein jeder das für ihn bestimmte und bezog es auch alsbald.

[GEJ.09_049,07] Es waren aber diese Wohnhäuser also gestellt, daß sie von den diese Gegend durchziehenden Wanderern von keinem Punkte des Weges irgend gesehen werden konnten, was für die Bewohner ganz gut war, auf daß sie nicht von den Reisenden vor der Zeit überlaufen werden mochten, die sie gleich mit tausend Fragen belästigt hätten, wie und wann die Bewohner sie erbaut und wie sie diese alte Wüste fruchtbar gemacht haben.

[GEJ.09_049,08] Denn nach ein paar Wochen merkte man der Wüste Meinen Segen schon an allen Punkten an, und viele diese ehemalige Wüste durchwandernde Samariter und Griechen fragten hie und da emsig, wer diese Wüste so kultiviert habe, und es konnte ihnen niemand einen Bescheid geben. Die es aber wohl wußten, die ließen sich nicht viel unter den andern Menschen sehen, – in der ersten Zeit schon gar nicht. Erst als einige Früchte zu reifen begannen, da kamen auch Samariter und hielten Rat, an wen das Land verteilt werden solle, so es nicht schon irgend eingewanderte Besitzer hätte.

[GEJ.09_049,09] Da kam denn auch Olgon mit mehreren seiner Gefährten herbei und sagte zu denen, die da Rat hielten: „Freunde, diese ganze weite Wüste war nie jemandes Eigentum, wie auch die weite Meeresfläche nie noch jemandes ausgemessenes Eigentum war. Wir als von den Pharisäern verfolgte Juden, weil wir ihrem argen Sinne nicht dienen konnten und wollten, haben diese Wüste in unsern Wohnbesitz genommen und haben sie mit der alleinigen Hilfe des Herrn Himmels und der Erde fruchtbar gemacht, und wahrlich, Jehova Selbst hat sie uns zum unbestreitbaren Eigentum gegeben, und somit brauchet ihr fernerhin keinen Rat darüber mehr zu halten, wem nun diese fruchtbare Gegend zum Eigentume fallen solle; denn sie ist schon von siebzig Familien in Besitz genommen, die auch in dieser Gegend ihre Wohnhäuser wohl eingerichtet haben.“

[GEJ.09_049,10] Als die Beratenden solches von Olgon vernommen hatten, da stutzten sie und fragten einen römischen Richter, der mit ihnen diese Gegend durchzog, wie das zu nehmen wäre, indem diese Wüste denn doch ganz samaritanischer Boden sei und die Samariter darauf im allgemeinen ein Besitzrecht hätten.

[GEJ.09_049,11] Der Richter aber sagte: „In welchem Lande immer eine seit undenklichen Zeiten besitzlose vollkommene Wüste besteht und sich auch kein Landsasse zu einem Besitze einer solchen Wüste je vor einem Gericht gemeldet hat, so ist eine solche Wüste frei und wird als Besitz auch von dem Gerichte dem ersten besten eingeräumt, der sich für den Besitzer erklärt hat. Da sich diese Männer, denen diese ehemalige vollkommene Wüste die Kultur verdankt, nun als Besitzer erklärt haben, so wird ihnen der unbestreitbare Besitz vom Gericht aus eingeräumt.

[GEJ.09_049,12] Als Kultivierern einer Wüste, die zuvor niemandes Eigentum war, kommt ihnen aber noch die Begünstigung zu, daß sie volle zwanzig Jahre die Befreiung von jeder Art Steuer zu genießen haben. Wollen sie sich jedoch freiwillig nach einer gemachten guten Ernte zu einem Ehrentribut für den Kaiser bekennen, so werden sie sich auch bei allen irgend für sie mißlichen Angelegenheiten eines besonderen Schutzes von seiten Roms zu erfreuen haben. Ich, ein Richter im Namen des mächtigen Kaisers in Rom, habe geredet und also befohlen!“

[GEJ.09_049,13] Durch diesen Akt ging denn auch das in Erfüllung, daß den siebzig Familien den Besitz der kultivierten Wüste niemand streitig machen konnte. In ein paar Jahren war diese Gegend schon eine der fruchtbarsten und wurde von allen Reisenden hoch bewundert; und die Besitzer hatten sich schon nach einem Jahre freiwillig zur Entrichtung eines Ehrentributs für den Kaiser beim Gerichte gemeldet und wurden dadurch zu römischen Bürgern erklärt und gemacht, was ihnen viele Vorteile gewährte.

[GEJ.09_049,14] Aber diese neugeschaffene Gemeinde blieb auch viele Jahre hindurch, obschon sie große Proben zu bestehen hatte, am reinsten, gleichwie auch die der Essäer. Freilich – in den späteren Zeiten ging auch dieser schönste Teil Samarias unter den verheerendsten Kriegen und Völkerwanderungen zugrunde und ward wieder zur alten Wüste.

[GEJ.09_049,15] Und nun kehren wir wieder zu uns selbst zurück!

 

50. Kapitel

[GEJ.09_050,01] Wir kamen am selben Tage in die Stadt Samaria und kehrten daselbst in einer mehr abgelegenen Herberge ein. Als wir in die Herberge eintraten, da kam uns der Wirt gleich ganz freundlich entgegen, denn er hoffte, bei uns einen Gewinn zu machen. Es waren aber die Jünger, da sie seit dem Morgen weder etwas gegessen noch getrunken hatten, schon sehr hungrig und durstig, was Ich wohl wußte, obwohl sie diesmal nicht, wie oft zu andern Malen bei ähnlichen Gelegenheiten, heimlich unter sich ein wenig murrten.

[GEJ.09_050,02] Und Ich fragte darum sogleich Selbst den Wirt, sagend: „Freund, wir haben heute schon einen sehr weiten Weg durchwandert und haben von frühmorgens an nichts zu uns genommen, da auf dem ganzen Wege auch nicht eine Herberge anzutreffen war, und sind darum hungrig und durstig. Was kannst du uns in Bälde zum Essen und zum Tranke bieten?“

[GEJ.09_050,03] Sagte der Wirt: „Ihr seid eurer nahe an vierzig Mann an der Zahl, und es werden darum ebenso viele Fische und Brote und auch ebenso viele Becher Weines sicher nicht zu viel sein!“

[GEJ.09_050,04] Sagte Ich: „Lasse von den Fischen die doppelte Anzahl bereiten; denn deine Fische sind kleiner Art, und da sind zwei nicht zuviel für einen von uns. Sieh aber, daß sie bald und gut bereitet werden! Vorderhand aber gib uns Wein, Brot und Salz!“

[GEJ.09_050,05] Sagte der Wirt etwas verlegen: „Ja, meine lieben und wertesten Herren Gäste, es wäre schon alles recht also, wenn ich nur den von euch erwünschten Vorrat an allem dem hätte! Es wird mir mit den Fischen sowohl, wie auch mit dem Brote etwas schlecht gehen, da ich mich nicht so reichlich damit einrichte, indem meine Herberge wegen ihrer unvorteilhaften Abgelegenheit im ganzen nur spärlich besucht wird, aber mit Wein kann ich schon noch ordentlich dienen. Kurz, was da ist, das sollet ihr auch haben; mehr aber kann auch Gott Selbst nicht von einem Menschen verlangen!“

[GEJ.09_050,06] Sagte Ich: „Da hast du zwar ganz recht geredet; doch mit den Fischen steht es bei dir dennoch besser, als wie du es hier bekannt hast! Aber du hast geheim nur so eine kleine Sorge, als dürften wir dir am Ende die achtzig Fische nicht bezahlen können, und gibst uns darum einen geringeren Vorrat an! Mit dem Brote, ja da geht es dir heute etwas kärglich, aber mit den Fischen nicht; habe darum keine Sorge, und laß für uns schnell die verlangte Anzahl Fische bereiten, und bringe uns Brot und Wein!“

[GEJ.09_050,07] Hierauf ging der Wirt eilig, schaffte alles an und ließ sogleich durch seine Diener Brot, Wein und Licht in das Gastzimmer bringen; denn es war schon tiefer Abend, und im Zimmer war die Nacht vollends herrschend geworden. Als das Gastzimmer nun erleuchtet war, da kam auch der Wirt wieder zu uns und gab uns die Versicherung, daß wir binnen einer halben Stunde Zeit bestens bedient werden würden. Dabei aber betrachtete er uns mit der größten Aufmerksamkeit und wußte nicht recht, für was und für wen er uns halten solle; denn etliche von uns trugen griechische Kleidung, etliche jüdische und etliche gleich Mir die galiläische.

[GEJ.09_050,08] Da aber den Wirt die Neugierde zu sehr zu plagen begann, so wandte er sich in aller Artigkeit an einen ihm zunächst stehenden Jünger, und zwar an den Thomas, und sagte (der Wirt): „Erlaube mir, Freund, eine Frage!“

[GEJ.09_050,09] Sagte Thomas: „Dort obenan sitzt der Herr, an Den richte deine Frage! Er wird sie dir am besten beantworten! Wir andern alle sind Seine Jünger und Diener Seines Willens.“

[GEJ.09_050,10] Auf das kam der Wirt zu Mir und sagte: „Herr, vergib mir meine Freiheit und gewissermaßen Zudringlichkeit! Ich möchte denn doch wissen, welches Landes Kinder ihr seid. Nach der Kleidung seid ihr Judäer, Galiläer und auch Griechen. Welch ein Geschäft treibet ihr wohl? Handelsleute seid ihr sicher nicht, da ihr keine Waren mit euch führt, und irgendwelche Künstler oder Zauberer scheint ihr auch nicht zu sein; denn dazu habt ihr ein zu offenes Aussehen. Und wie wußtest du, daß ich mit Fischen weit besser versehen sei als mit dem Brote? Kurz und gut, euer ganzes Erscheinen hier in meiner abgelegenen und stets nur spärlich besuchten Herberge kommt mir ein wenig sonderbar vor. Ihr müßt es mir schon vergeben, so ich hier etwas offener, wie sonst gebräuchlich, mit euch rede.“

[GEJ.09_050,11] Sagte Ich: „Höre, du sehr neugieriger Wirt! Wenn wir uns werden mit dem Brote, Weine und den Fischen gestärkt haben, dann werde Ich dir schon sagen, was wir für Landsleute sind. Jetzt sorge du nur, daß das Abendmahl bald bereitet wird, und bringe nun noch mehr Wein und Brot; denn mit der ersten sehr mäßigen Gabe sind wir bereits zu Ende!“

[GEJ.09_050,12] Als der Wirt solches von Mir vernommen hatte, da ging er sogleich und brachte Brot und Wein zur Genüge.

[GEJ.09_050,13] Und Ich sagte zu ihm: „Da siehe, es scheint dir nun auch mit dem Brote besser zu gehen denn zuvor; auch kommt mir dieses Brot größer und besser vor als das, welches du uns zuerst aufgesetzt hast! Wie kommt denn das?“

[GEJ.09_050,14] Nota bene: Ich wußte es wohl, wie das kam, und fragte den Wirt nur, auf daß er sich selbst prüfen möchte.

[GEJ.09_050,15] Der Wirt machte auf Meine Frage große Augen und wußte nicht, was er Mir darauf hätte antworten sollen. Er verkostete das ihm auch fremd vorkommende Brot und fand es überaus wohlschmeckend.

[GEJ.09_050,16] Nach einer Weile erst sagte er (der Wirt): „Sonderbar! Ich weiß doch sonst um alles, was in meinem Hause ist und geschieht; aber woher mein Weib etwa im geheimen dieses wahre Königsbrot bezogen hat, das weiß ich wahrlich nicht! Es ist nur noch das schon ordentlich wunderbar, daß nun meine Brotkammer ganz voll mit derlei Brotlaiben angefüllt ist. Aber sei das nun schon, wie es wolle, – ich bin nur froh, daß ich wieder mit dem Brote sicher auf mehrere Tage hin bestens versorgt bin! Aber mein Weib muß ich denn doch ein wenig ausforschen, woher das Brot bezogen wurde, und wer es bezahlt hat, und um welchen Betrag. Denn derlei wahres Königsbrot ist teuer, und es dürfte ein Laib wohl vier Pfennige kosten!“

[GEJ.09_050,17] Hierauf berief er sein Weib und fragte sie, woher das Brot gekommen sei, von dem nun auf einmal die Brotkammer ganz voll sei, und wie teuer es wäre.

[GEJ.09_050,18] Das Weib kostete auch das Brot, machte ein noch verwunderteres Gesicht denn zuvor der Wirt und schwor bei ihrer Treue, daß auch sie nicht im geringsten wisse, von woher das Brot gekommen sei.

[GEJ.09_050,19] Es wurden darauf auch mehrere Dienstleute befragt, ob sie nicht wüßten, woher das viele und überaus gute Brot in die Brotkammer gekommen sei. Aber auch diese schworen, daß sie davon nicht die leiseste Kunde hätten.

[GEJ.09_050,20] Sagte Ich zum Wirte: „Was fragst du da nun lange herum? Sei froh, daß deine Kammer voll Brotes ist, und siehe, daß die bestellten Fische bald auf den Tisch kommen; hernach wird sich vielleicht noch manches Rätsel lösen lassen!“

 

51. Kapitel

[GEJ.09_051,01] Darauf ging der Wirt mit dem Weibe und mit den Dienstleuten wieder in die Küche, und bald darauf wurden die bestellten und sehr wohlzubereiteten Fische und eine große Schüssel voll mit wohlgekochten Linsen auf unseren Tisch gesetzt, und wir fingen an zu essen, und der Wirt selbst mußte mit uns halten, ward dabei voll frohen Mutes und wußte uns eine Menge zu erzählen, was sich seit wenigen Jahren in Samaria alles, und das wundersamstermaßen, zugetragen habe.

[GEJ.09_051,02] Unter anderem erzählte er auch, sagend (der Wirt): „Es nimmt mich gerade wunder, daß ihr als Judäer, Galiläer und Griechen von dem berühmten Galiläer, der ungefähr vor zweieinhalb Jahren mit mehreren Jüngern hierher gekommen ist und hat da gelehrt von der Ankunft des Reiches Gottes mit wunderbarer Rede und hat in der Stadt und in der Umgebung Wunder gewirkt, die nur Gott allein möglich sein können, beinahe nichts zu wissen scheinet! Es sind wohl erst unlängst Judäer hierher gekommen und sagten, daß sie von Ihm ausgesandt seien, um zu predigen allen Völkern das Evangelium. Und wir glaubten ihnen das auch; denn sie bestätigten ihre Aussage auch durch sehr beachtenswerte Wunderzeichen, indem sie bloß durch die Auflegung ihrer Hände im Namen ihres Aussenders gar viele Kranke plötzlich geheilt haben. Zudem war ihre Lehre ganz dieselbe, die Er in der erwähnten Zeit Selbst hier gelehrt hat, und so glaubten wir den Jüngern um so mehr.

[GEJ.09_051,03] Sagt mir doch, weil wir nun schon einmal so recht fröhlich beisammen sind, was ihr von dem großen und für mich wahrlich über alles denkwürdigen und auch weit über alle Menschen erhabenen Manne wisset! Denn bei uns Samaritern gilt Er unwiderruflich für den verheißenen Messias, für den Retter und Erlöser der Menschen aus der Gewalt jeglichen Feindes der Wahrheit, der Liebe, des Lebens und dessen Freiheit. Oh, saget es mir doch, ob und was ihr von Ihm wisset und auch von Ihm haltet!“

[GEJ.09_051,04] Sagte Ich: „Freund, wir wissen gar sehr vieles von Ihm und halten auch alles auf Ihn; aber da Er nach deiner Aussage vor zweiundeinhalb Jahren Selbst hier war, gelehrt und Zeichen gewirkt hat, so wirst du Ihn ja doch auch einmal persönlich gesehen haben? Oder ist dir keine Gelegenheit zuteil geworden, Ihn bei Seiner Gegenwart in dieser Stadt persönlich zu sehen?“

[GEJ.09_051,05] Sagte der Wirt: „Freunde, das ist für mich eben das Bedauerliche! Ich war eben in jener Zeit von hier abwesend, weil ich in Tyrus ein Handelsgeschäft abzumachen hatte, und meine Leute haben von Seiner Anwesenheit erst dann etwas vernommen, als Er schon über Berg und Tal war. Ich kam darauf nach ein paar Tagen nach Hause und hörte in der ganzen Stadt und Umgegend nichts als nur von dem Manne, Seiner Lehre und Seinen Taten reden, die so unglaublich groß und wunderbar sind, daß sie ein Fremder, dem man es erzählt, gar nicht glauben kann, so wahr sie auch bloß durch das Wort und durch den Willen jenes Mannes bewerkstelligt worden sind.

[GEJ.09_051,06] Es lebt hier ein Arzt im besten Wohlstande mit einem Weibe, die vormals bekanntermaßen, was die Keuschheit anbelangt, etwa nicht im besten Rufe gestanden ist. Der erwähnte Arzt habe mit dem Manne etwa die größte Bekanntschaft gehabt und hat von Ihm auch die Wunderkraft überkommen, die Kranken verschiedener Art zu heilen bloß durch das Auflegen der Hände. Von dem erwähnten Arzte habe ich denn auch das meiste über jenen Mann aller Männer in Erfahrung gebracht. Er hat mir auch Seine äußere Gestalt beschrieben; aber die beste Beschreibung läßt die Wirklichkeit stets in der Dunkelheit. Man schafft sich in der Phantasie wohl ein Bild, das aber am Ende mit der Wirklichkeit dennoch keine Ähnlichkeit hat. Und so kann ich mir aus gar leicht begreiflichen Gründen von der Gestalt des großen Gottmenschen keine rechte Vorstellung machen.

[GEJ.09_051,07] Es treibt sich im Lande Samaria auch ein gewisser Johannes herum, der vormals ein Bettler war, nun aber auch die von dem großen Manne vernommene Lehre den andern Menschen predigt, selbst ein strenges Leben führt und durchs Gebet und durchs Händeauflegen im Namen des großen Mannes auch viele Kranke heilt und auch die Besessenen von ihren Plagegeistern befreit. Nun, dieser erwähnte Mann war auch schon einige Male bei mir und hat mir vieles erzählt, und ich habe ihn darum nach meinen Kräften auch allzeit bestens bewirtet; aber darum kann ich mir die Gestalt des großen Gottmenschen dennoch nicht vollkommen vorstellen.

[GEJ.09_051,08] Ich bin auch schon vor einem Jahre, als ich von Seinem Wirken viele und große Dinge von vielen Reisenden erfahren habe, Ihm einen ganzen Monat lang nachgezogen und bin in Orte gekommen, in denen Er kurz vorher gelehrt und gewirkt hatte; aber wenn ich in einem Orte ankam und mich emsigst nach Ihm erkundigte, da hieß es: ,Ja, vor zwei oder drei Tagen war Er hier und hat dies und jenes gesprochen und dies und jenes getan!‘, und ich fand auch Beweise genug, daß es also war.

[GEJ.09_051,09] Kurz, ich habe alles in reichlicher Fülle gefunden, das mir zum vollgültigsten Beweise diente, daß Er da war und gehandelt hatte; nur Ihn Selbst konnte ich bis zur Stunde noch nicht zu Gesichte bekommen. Ich habe aber von einem besseren Juden aus Bethlehem, der auch alles auf den großen Gottmenschen hält und an Ihn glaubt, erfahren, daß Er an allen großen Festtagen in Jerusalem und zwar im Tempel Sich aufhält und das Volk lehrt, obgleich Ihm die finsteren und argen Pharisäer im höchsten Grade aufsässig sind. Und so will ich, obschon ich ein von den Erzjuden verachteter Samariter bin, am nächsten Tempelweihfeste dennoch nach Jerusalem ziehen und sehen, ob ich den großen Gottmenschen doch etwa einmal zu Gesicht bekommen werde.

[GEJ.09_051,10] Für jetzt aber macht mich ein Wanderer schon überglücklich, so er mir nur recht vieles von Ihm zu erzählen weiß; kann er das, und hält er auch im Glauben alles auf den mir so heilig gewordenen großen Mann, dann kann er bei mir im Hause die Zeit zubringen, wie lange er will, kann und mag, und es kostet ihn sein Aufenthalt und auch selbst die beste Kost nichts. Und wahrlich, so ihr mir ebenfalls recht vieles von dem großen Manne zu erzählen wisset – aber wohl der vollen Wahrheit getreu –, da werdet auch ihr bei mir die Zeche höchst leicht bezahlen. Erzählet mir daher, ihr lieben Männer, auch etwas von Ihm!“

[GEJ.09_051,11] Sagte Ich: „Ja, du Mein lieber Freund, Ich könnte dir freilich gar manches über deinen großen Gottmenschen, in dem die Fülle der Gottheit körperlich wohnt, erzählen und könnte dir am Ende sogar Sein treuestes Ebenbild zeigen, so du deinen Mund wenigstens nur etliche Tage hindurch im Zaume halten könntest; aber in diesem Stücke scheinst du eben kein besonderer Meister zu sein?!“

[GEJ.09_051,12] Sagte der Wirt: „Ja, was meinen heiligen Gottmenschen betrifft, da dürftest du eben nicht ganz unrecht haben; denn was einem Menschen eine zu große Freude macht und das Herz in die vollste Bewegung setzt, das kann man auch schwer verschweigen. Doch wenn es sein muß, dann kann schon auch ich schweigen, dessen ihr alle völlig versichert sein könnet.“

 

52. Kapitel

[GEJ.09_052,01] Sagte Ich: „Nun gut denn, Ich will sehen, ob Ich dir etwas Rechtes und Wahres über deinen großen Mann werde zu erzählen imstande sein, – und so höre denn!

[GEJ.09_052,02] Siehe, soweit Ich den Mann kenne, so ist Er nach Meinem Erkennen eben derselbe Jehova, der schon mit Adam, Noah, mit dem Abraham, Isaak und Jakob, mit Moses und mit noch vielen andern Propheten geredet hat. Der Unterschied zwischen damals und jetzt besteht nur darin, daß Er, als der ewige Herr aller Kreatur, damals nur als der reinste Geist voll Liebe, Leben, voll der höchsten Weisheit, Macht, Kraft und Gewalt mit dem geweckten Geiste der Menschen geredet und Sich ihnen also geoffenbart hat. In dieser Zeit aber – wie Er das auch zu gar öfteren Malen durch den Mund der Propheten verheißen hat – hat es Ihm wohlgefallen, aus größter Liebe zu den Menschen dieser Erde, die Er zu Seinen Kindern erschaffen hat und ihnen auch schon zu Adams Zeit Selbst diesen Namen gab, Selbst das Fleisch anzuziehen und sie als ein sichtbarer Vater für Sich zu erziehen, auf daß sie ewig dort bei Ihm sein, leben und wohnen sollen, wo Er Selbst Sich ewig befindet und schafft und regiert die Unendlichkeit.

[GEJ.09_052,03] Darum heißt es ja: Im Anfang war das pure Wort, und Gott war das Wort im Munde der Urväter der Erde, aller wahrhaft Weisen und Propheten. Das ewige Wort, also Gott Selbst, ist aber nun Fleisch geworden, also ein Mensch, und so kam der Vater zu Seinen Kindern, aber diese erkennen Ihn nicht. Er kam also in Sein Eigentum, und man will Ihn nicht als den alleinig wahren und ewigen Vater anerkennen. Aber es gibt dennoch auch viele, die Ihn als Den, der Er ist, anerkennen und mit aller Liebe sich an Ihn allein halten, und das Juden und Heiden, und zwar die Heiden mehr denn die Juden; darum aber wird auch nach Seinem Worte das Licht den Juden genommen und den Heiden gegeben werden.

[GEJ.09_052,04] Wenn du das, was Ich dir nun von dem großen Manne gesagt habe, zu würdigen verstehst, so wirst du daraus wohl auch entnehmen, daß Ich den großen Mann gewiß sehr wohl kenne!“

[GEJ.09_052,05] Sagte der Wirt voll Freuden: „Oh, oh, oh, überaus wohl und ausgezeichnet also! Das ist auch unser Glaube! Ich hätte euch das schon lange gerne bekannt; aber weil ihr keine Samariter seid, so mußte ich klug zu Werke gehen, um mich nicht – wie mir das schon einige Male begegnet ist – gewissen unnötigen Grobheiten auszusetzen. Denn das Heiligste gehört nach meiner Ansicht nicht vor die Schweine, die in aufgeblähter Menschengestalt vor uns einhergehen und uns für gar vieles minder halten, als was sie sich zu sein dünken.

[GEJ.09_052,06] Weil ihr aber solches von dem Gottmenschen haltet, so seid ihr denn auch meine freien Gäste, wie lange ihr auch immer bei mir bleiben wollet. Ich bin zwar kein reicher Wirt, aber so viel habe ich schon noch im Vorrat, daß wir es in einem Jahre nicht aufzehren werden. O Freude und übergroße Freude, daß ich in euch so tief erleuchtete Freunde und treue Bekenner des allein wahren Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs gefunden habe! Aber jetzt nur gleich mehr und besten Weines her, und zu den wenigen Fischen, die sämtlich kleiner Art waren, und da ich an Fischen nur noch einen ganz geringen Vorrat haben dürfte, vier Lämmer geschlachtet und schnell bestens zubereitet; denn solch wahre Gottesfreunde dürfen in meinem Hause keinen Hunger und Durst leiden!“

[GEJ.09_052,07] Sagte Ich zum Wirte: „Lasse die Lämmer für heute noch am Leben, sieh aber dafür in deinem größeren Fischbehälter nach; denn Mir kommt es vor, als befänden sich darin noch eine Menge großer und edler Fische aus dem See Genezareth! Wenn sich welche vorfinden, so lasse sie, etwa vierzig Stück, für uns zubereiten!“

[GEJ.09_052,08] Sagte der Wirt, mit den Achseln zuckend: „Darin waren sie wohl vor ein paar Wochen; ob sich aber nach deiner mir ganz unerklärlich scharfsinnigen Wahrnehmung jetzt auch noch welche darin befinden, das getraue ich mir nicht zu behaupten! Ich bin zwar bei dem Ausfischen meines größeren Fischbehälters nicht zugegen gewesen, und so wäre es allerdings möglich, daß da einige zurückgeblieben sind. Aber von vierzig Stück wird da wohl schwerlich die Rede sein können! Ja, im großen Behälter, der aber ein paar Feldwege von hier entfernt ist, da habe ich wohl noch einen ziemlichen Vorrat von allerlei Fischen, aber von den Edelfischen wird wenig darunter sein; denn der Edelfisch ist ein Raubfisch, und so man ihn unter die andern Fische gibt, so macht er einen großen Schaden unter ihnen.

[GEJ.09_052,09] Aber ich will auf dein Wort, weil du mir durch dein Bekenntnis eine so große Freude gemacht hast, denn doch nachsehen gehen, wie es mit den Edelfischen aussieht. Sollte es mit ihnen merkwürdigerweise etwa auch so stehen wie mit den Broten, über deren Vermehrung und Veredlung ich noch lange nicht im klaren bin, dann müßte ich beinahe zu denken anfangen: du selbst bist auch so ein schon bevollmächtigter Gesandter des großen Mannes, meines einzigen Herrn und Gottes! Und ich glaube, daß ich nicht weit fehlen werde, so ich euch alle als das begrüße. Aber jetzt zu den Edelfischen!“

[GEJ.09_052,10] Auf das eilte der Wirt schnell hinaus zu seinem in der Küche für das Hausgesinde noch beschäftigten Weibe und sagte ihr das.

[GEJ.09_052,11] Das Weib aber sagte: „Ei du gar zu leichtgläubiger Mann, woher denn vierzig Edelfische? Auch nicht einen mehr wirst du darin finden! Ich habe sie ja alle vor fünf Tagen dem Arzte, der eine große Mahlzeit gab, verkauft und das schöne Geld in deinen Kasten gelegt, und er wird uns für die ihm erwiesene Gefälligkeit durch jemanden, der schweigen muß, mit dem Königsbrote unsere Brotkammer angefüllt haben!“

[GEJ.09_052,12] Sagte der Wirt: „Höre, du stets etwas hartgläubiges Weib! Das mag also, aber eher auch nicht also sein; aber deine alte Hartgläubigkeit wird mich nicht abhalten, den größeren Fischbehälter in Augenschein zu nehmen. Ob du mit- oder auch nicht mitgehen willst, das wird mir eines sein!“

[GEJ.09_052,13] Auf diese Worte des Wirtes ging das Weib denn doch mit dem Wirte, – und wie sehr staunten beide, als sie den Behälter so voll der edelsten Fische fanden, daß sie darob ein ordentliches Grauen überfiel.

[GEJ.09_052,14] Der Wirt berief abermals alle seine Dienstleute zusammen und befragte sie ernstlich, ob sie nicht wüßten, wie diese vielen und sehr kostbaren Edelfische in den Fischbehälter gekommen seien. Aber alle schworen beim Himmel, daß sie das nicht wüßten.

[GEJ.09_052,15] Da sagte der Wirt: „Wahrlich, da geht es nicht mit natürlichen Dingen zu! Das hat einer der am Abend angekommenen Gäste, die alle etwas Rätselhaftes an sich haben, getan.“

[GEJ.09_052,16] Zum Weibe und zu der Küchendienerschaft sich wendend, sagte er: „Kurz, die Fische sind wundersamsterweise einmal da zu vielen Hunderten, – so nehmet nun denn statt vierzig gleich fünfzig! Machet ein größeres Feuer, und bereitet sie nach bester Art; denn von diesen werde ich selbst ein paar verzehren!“

[GEJ.09_052,17] Darauf griffen die Knechte gleich zu und hoben die verlangten Fische alsbald aus dem Behälter. Und ehe eine Stunde Zeit verrann, standen die schönen Edelfische schon bestbereitet vor uns auf dem Tische.

 

53. Kapitel

[GEJ.09_053,01] Der Wirt aber war schon vorher wieder zu uns in das Gastzimmer gekommen und hatte auch seinen ältesten Sohn, der auf einem Auge blind war, mitgenommen.

[GEJ.09_053,02] Als er voll Staunens zu uns kam, da sagte er zu Mir (der Wirt): „Guter und liebster Freund, ich habe gleich nach deinem mir gemachten Bekenntnisse über den großen Mann die Mutmaßung in mir geschöpft, daß einer unter euch irgendein schon besonders bevollmächtigter Gesandter des großen Gottmenschen sein dürfte; denn die kleineren sind voraus entsendet worden, und nun kommen die großen nach. Aber jetzt, wo ich auch den größeren Fischbehälter voll der edelsten Fische fand, und das auf dein Wort, so ist denn nun auch schon gar kein Zweifel mehr, daß ihr offenbar Gesandte jenes großen Gottmenschen seid, dem du das vollkommenst wahre Zeugnis gegeben hast. Einer unter euch wird sicher der Erste sein, und das am Ende gar du? Wenn das der Fall ist, da sage es mir, auf daß ich dich ganz besonders ehren kann; denn bei uns gilt noch immer der Satz: Ehret den, dem die Ehre gebührt!“

[GEJ.09_053,03] Sagte Ich: „Kümmere du dich nun dessen nicht! Ich bin wohl ein Erster unter diesen Meinen Gefährten, – aber in einer ganz anderen Weise, als du es meinst. Es ist nur gut, daß die Edelfische da sind und noch ein guter Wein; alles andere wird sich schon noch später, und das zur rechten Zeit, zeigen.

[GEJ.09_053,04] Was ist denn mit diesem deinem halbblinden Sohne da?“

[GEJ.09_053,05] Sagte der Wirt: „Ah, wie weißt du denn, daß dieser mein Sohn halbblind ist?“

[GEJ.09_053,06] Sagte Ich: „Oh, das zu erkennen, wird doch etwa keine so wunderbare Sache sein! Sieht er dir ja doch ganz ähnlich. Du bist geistig halbblind, und dieser dein Sohn natürlich. Am Ende kann noch euch beiden geholfen werden! Haben denn die Jünger des großen Mannes, von denen du ehedem erzählt hast, diesem deinem Sohne das eine Auge nicht zu heilen vermocht?“

[GEJ.09_053,07] Sagte der Wirt: „Ja, einen Versuch haben sie wohl gemacht; aber der ist ihnen eben nicht gelungen. Auch der gewisse Johannes war darum schon ein paar Male hier; aber auch dem gelang es nicht, meinem Sohne das Licht des einen Auges wieder zu verschaffen. Und so muß er sein bißchen Ungemach schon mit Geduld ertragen. Ich habe ihn in der Meinung, daß ihr etwa doch die noch mächtigeren Jünger des Herrn wäret, mit hereingenommen, ob vielleicht ihr ihm helfen könntet. Aber weil ihr das etwa nicht seid, da kann er schon wieder an seine Arbeit in die Küche gehen!“

[GEJ.09_053,08] Sagte Ich: „Ah, darum soll auch er nur da verbleiben, – er wird sicher noch eher sehend werden denn du!“

[GEJ.09_053,09] Sagte der Wirt: „Aber liebster Freund! Sieh doch meine Augen an, – ich sehe auf beiden Augen ganz vortrefflich gut! Wie kann da mein halbblinder Sohn eher sehend werden denn ich?“

[GEJ.09_053,10] Sagte Ich: „Ich habe es dir ja zuvor gesagt, daß du nur geistig halbblind bist; und dein physisch halbblinder Sohn wird noch eher sein volles Augenlicht bekommen, als du dein seelisches! Aber nun nichts mehr von dem; denn nun kommen schon die Fische, die wir noch verzehren werden, denn das erste Gericht war für vierzig Mann und darüber etwas karg bemessen, trotz der Beigabe des Linsengerichts. Aber diesmal mußt auch du und dein Sohn mitessen; dein Weib aber soll heute von diesen Fischen nichts zu essen bekommen, ihres harten Glaubens wegen. Morgen kann sie sich auch einen Fisch bereiten und ihren Glauben stärken.“

[GEJ.09_053,11] Als die Fische sich auf dem Tische befanden, da griffen Meine sämtlichen Jünger, nachdem Ich Mir zuvor einen Fisch genommen hatte, gleich wacker zu; denn diese Art Fische waren ihnen als die besten schon lange bekannt. Wir aßen und tranken nun voll guten Mutes und ließen oft den großen Mann aus Galiläa leben, was den Wirt stets über die Maßen fröhlich stimmte, darum er auch nur stets Denselben mit einem Becher Wein begrüßte und Ihn überhoch leben ließ. Dabei erzählten auch Meine Jünger abwechselnd eine und die andere Begebenheit von unseren Wanderungen und auch manches von Meiner Kindheit, was alles dem Wirte über alles angenehm war.

[GEJ.09_053,12] Als das Erzählen, das nahe in die Mitternacht hinein dauerte, zu Ende war, da wandte sich der Wirt mit der Bitte an Mich und sagte: „Mein lieber und selten weiser Freund, ihr habt mir nun so vieles von dem großen Gottmenschen erzählt, daß ich nun schon der glücklichste Mensch in der ganzen Welt zu sein mich dünke und zum größten Teile auch wirklich bin; aber ich wäre nun auch ganz glücklich und so selig wie ein erster Engel im Himmel, wenn ich nur noch ein wohlähnliches Abbild vom großen Gottmenschen zu sehen bekäme! Du, Freund, hast mir zuvor versprochen, daß du ein solches wirst sehen lassen. Wenn du ein solches bei dir hast, so bitte ich dich, daß du mich es wollest sehen lassen!“

[GEJ.09_053,13] Sagte Ich: „Ja, ja, du hast recht, Ich habe dir das versprochen und werde Mein Versprechen auch halten; aber Ich sagte nachher auch, als du deinen halbblinden Sohn zu uns hereingebracht hattest, daß er noch früher ganz sehend werden würde und du am Ende in deiner halbblinden Seele wohl etwa auch ganz sehend werden würdest. Denn als ein an deiner Seele halbblinder Mensch wirst du das wahrste Abbild des Herrn und Meisters immer nicht ganz wohl ausnehmen und lebendig betrachten können. Lasse nun denn deinen Sohn zu Mir kommen, und Ich werde sehen, ob Ich sein blindes Auge werde öffnen und mit dem Lichte erfüllen können!“

[GEJ.09_053,14] Auf diese Meine Worte, die den Wirt stutzen machten, stellte er den Sohn zu Mir hin, und sagte (der Wirt): „Da ist der Sohn, Freund! Versuche nun auch du, ob es dir gelingen wird, ihn sehend zu machen!“

[GEJ.09_053,15] Sagte Ich: „Gut, Mein Freund, Ich will, daß dein Sohn Jorab sehe! – Es sei!“

[GEJ.09_053,16] Auf diese Meine Worte ward des Sohnes blindes Auge auch schon sehend, auf welche plötzliche Heilung Vater und Sohn ordentlich erschraken, und der Sohn zum Vater sagte: „Vater, der Mann muß mit dem großen Gottmenschen in einer viel innigeren Verbindung stehen als alle die andern, die mich in Seinem Namen zu heilen versuchten! Jene sagten: ,Im Namen des Herrn Jesus Jehova werde Licht deinem Auge!‘, – und siehe, ich blieb dennoch blind. Dieser aber sagte: ,Ich will, daß dein Sohn Jorab sehe! Es sei!‘ Der Freund hat mich also durch seine eigene Macht geheilt, da er sagte: ,Ich will es!‘ Er ist darum der große Gottmensch Selbst und niemand anders! Und du, Vater, bist noch halbblind an deiner Seele, wenn du solches nicht alsobald merkst – und Er, Er Selbst ist das treueste Abbild Seiner Selbst voll des Lebens, der Macht und Kraft Gottes; denn nur Gott allein kann sagen: ,Ich will es!‘, – ein Mensch aber nur: ,Gott der Herr wolle dies und jenes!‘“

[GEJ.09_053,17] Als der Sohn solches ausgeredet hatte, da ward auch der Wirt sehend, erkannte Mich und fiel vor Mir auf die Knie nieder und fing an, Mich um Vergebung zu bitten.

[GEJ.09_053,18] Ich aber sagte: „Freund, was soll Ich dir vergeben? Daß du Mich erst jetzt erkannt hast, das wollte Ich also! Und somit sei du nun erst ganz selig! Aber sage es niemandem in deinem Hause, bevor Ich dir das zu tun anzeigen werde! Siehe aber nun, daß wir ein Nachtlager bekommen! Morgen werden wir dann schon das Weitere bestimmen.“

[GEJ.09_053,19] Der Wirt erhob sich nun vom Boden und fing an, Mir über alle die Maßen zu danken, daß Ich ihn solch einer unschätzbaren Gnade gewürdigt habe.

[GEJ.09_053,20] Ich aber sagte zu ihm: „Mache nun nicht so viel Aufhebens, damit dein Hausgesinde nicht vor der Zeit auf Mich aufmerksam gemacht werde! So dein Weib und deine andern Kinder und deine Hausleute den Jorab sehend erschauen und dich und ihn fragen werden, wie er sehend geworden sei, da saget: Die angekommenen Gäste haben das vermocht; denn der große Herr ist mit ihnen mehr denn mit jenen, denen es nicht gelang, dem Jorab das blinde Auge in Seinem Namen zu heilen. – Aber nun gehe und laß uns ein Nachtlager bereiten!“

[GEJ.09_053,21] Da ging der Wirt und ließ uns im großen Schlafsaale etliche vierzig Ruhestühle zurechtrichten und kam dann und zeigte Mir solches ehrerbietigst an. Und wir erhoben uns von unseren Bänken und begaben uns zur Ruhe.

[GEJ.09_053,22] Der Wirt aber besprach sich dann noch über vieles mit seinem Weibe und auch mit seinen mündigen Kindern; aber Mich verriet er dennoch nicht, obschon sein Weib einige Male die Bemerkung machte, daß am Ende doch Ich Selbst eben jener wunderbare Meister sein könnte, der schon vor zweieinhalb Jahren in Samaria so große Zeichen gewirkt habe. Ich wolle Mich aus gewissen Gründen etwa nur nicht, wie dies bei Meinem ersten Besuche dieser Stadt der gleiche Fall war, sogleich zu erkennen geben. Am Tage werde sie Mich schon schärfer ins Auge fassen, da sie Mich bei Meiner ersten Anwesenheit in diesem Orte wohl ein paar Male zu sehen das Glück gehabt habe. Und bei solchen Besprechungen schliefen denn auch die Wirtsleute ein und ruhten samt uns bis zum Sonnenaufgang.

 

54. Kapitel

[GEJ.09_054,01] Am Morgen aber war gleich das ganze Haus besorgt, um für uns ein bestes Morgenmahl zu bereiten. Wir erhoben uns auch von unseren Ruhestühlen und begaben uns wieder in das Gastzimmer, in welchem der Tisch mit reichen und kostbaren Tischgeräten geschmückt war. Da gab es viel Goldes und Silbers und das Tischtuch war von feinstem Byssus und war an den Enden mit Gold und Perlen eingearbeitet. Auch die gestrigen Bretterbänke waren mit reich geschmückten Stühlen vertauscht worden.

[GEJ.09_054,02] Als Meine Jünger das ersahen, da sagten sie: „Da sieh, Herr und Meister, wie sehr Dich dieser Wirt ehrt! Eine solche Aufmerksamkeit von seiten eines Wirtes haben wir noch kaum irgendwo erlebt!“

[GEJ.09_054,03] Sagte Ich: „Meinet ihr denn, daß Ich daran ein Wohlgefallen habe? An der Liebe des Wirtes nur habe Ich ein Wohlgefallen, aber an dieser Pracht gar nicht! Weil Ich aber wohl wußte, mit welchem Glauben und mit welcher Liebe der Wirt an Mir hängt, obschon er von Mir nur hatte reden hören und darum denn auch die große Sehnsucht hatte, Meine Person nur einmal in seinem Leben zu sehen, so kam Ich denn auch mit euch in sein Haus, um Mich so in seiner nächsten Nähe von ihm finden, erkennen und am Ende auch erschauen zu lassen. Warum Ich das also einleitete und auch also geschehen ließ, das sollet ihr als Meine ersten Nachfolger und Jünger, die ihr vor allem die Geheimnisse Meines Reiches auf Erden zu verstehen habt, aus Meinem Munde erklärt vernehmen!

[GEJ.09_054,04] Seht, in der Folge werden Mich auch gar viele Menschen, so sie von Mir hören werden, in aller Welt mit großem Eifer suchen, und also auch Mein Reich. Sie werden Mich aber, als halbblind an der Seele, dennoch nicht völlig finden, wenn sie da- und dorthin Mir nachziehen werden, so ihnen die Menschen sagen werden nach ihrem Forschen: ,Er war wohl hier, und ist nun dort und dort, gehet hin, und ihr könnet Ihn wohl finden!‘ Und die Mich Suchenden werden hineilen, um Mich zu finden, und werden Mich dennoch nicht finden, – wie Ich euch auch schon zu öfteren Malen angedeutet habe, daß da viele sagen werden: ,Sehet, hier ist Er!‘ oder ,Dort ist Er!‘ oder ,Er ist in diesem Hause, oder in jener Kammer!‘, so glaubet es nicht; denn so jemand ungezweifelt an Mich glaubt und Mich wahrhaft im Herzen über alles liebt und darum auch seinen Nächsten wie sich selbst und hat dabei aber auch eine stets wachsende Sehnsucht, Mich Selbst zu erschauen und Mich und Meinen Willen tiefer und heller zu erkennen, so werde Ich also, wie es hier der Fall ist, ganz unerwartet schon in seiner nächsten Nähe gegenwärtig sein, obschon er Mich noch irgendwo unbekannt ferne zu sein glaubt, und gebe Mich ihm denn auch bald nur in seiner nächsten Nähe zu erkennen, mit ihm in einem und demselben Hause wohnend und mit ihm Mahl haltend.

[GEJ.09_054,05] Wer Mich in der Folge, so Ich wieder in Meine Himmel zurückkehren werde, wahrhaftig wird finden, sehen und sprechen wollen, der wird Mich nicht in der Welt oder in gewissen Häusern, Tempeln und Kammern, sondern in seiner nächsten Nähe, das heißt, in seinem Herzen suchen müssen; und wer Mich also suchen wird, der wird Mich auch finden, aber so lange auch nicht erkennen, wenn Ich auch schon bei ihm sein werde, solange er an seiner Seele halbblind verbleiben wird.

[GEJ.09_054,06] Halbblind an der Seele aber ist ein Mensch so lange, als er zwar im Glauben an Mich und in der Liebe zu Mir wächst, aber dabei aus der Einwirkung der Welt in ihren vielen Richtungen von Zeit zu Zeit in allerlei kleine Zweifel und Lebensstumpfheiten gerät und Mich darum, so Ich Mich oft auch in seiner nächsten Nähe befinde und mit ihm wie ein bester Freund handle und rede, dennoch nicht gewahrt und Mich denn auch voll Hochachtung, rechtem Glauben und auch voll Liebe fragt, wo Ich sei, und ob er Mich wohl je einmal zu Gesichte bekommen werde, und wie und wann, und ob möglich schon in dieser oder dereinst erst in der andern und ewigen Seinswelt.

[GEJ.09_054,07] Sein physisch halbblinder Sohn aber bezeichnet des Menschen Sinn und Gemüt. Der Sinn ist das noch diese Welt schauende Auge, das Gemüt aber ist das für diese Welt und ihre Reize blinde, aber darum nach innen gekehrte Auge, das Ich aber ansehe und es völlig heile und erleuchte. Sowie aber dieses Auge lebendig wird, so überwältigt es bald das Weltsinnsauge und kehrt es auch nach innen. Wenn dieses geschieht, so wird der ganze Mensch erleuchtet und sehend und ersieht und erkennt Mich bald und leicht und verwundert sich dann, wie er Mich so lange nicht hatte erkennen mögen, da Ich Mich doch schon lange in seiner vollen Nähe leicht erkennbar wirkend und durch viele Tatsachen redend und lehrend befand.

[GEJ.09_054,08] Das, was Ich euch gesagt habe, das könnet auch ihr die Menschen lehren und ihnen zeigen, wie ein Mensch von Mir heimgesucht wird, so er Mich zuvor im wahren Glauben sucht, und aus diesem in der Liebe zu Mir und aus der in der Liebe zum Nächsten. Merket euch das wohl!“

[GEJ.09_054,09] Die Jünger und besonders Mein Jakobus major dankten Mir sehr für diese Beleuchtung; denn – wie schon bekanntgegeben – der benannte Jünger war am meisten mit den Entsprechungen beschäftigt, und so auch Johannes und Petrus.

 

55. Kapitel

[GEJ.09_055,01] Als Ich diese Erklärung beendet hatte, da kam auch der Wirt mit dem geheilten Sohne und kündigte uns an, daß das Morgenmahl alsbald bestens bereitet auf den Tisch gesetzt werde? Zugleich aber bat er in aller Ehrerbietung Mich um einen Rat, was er tun solle, indem sein Weib und seine Kinder ihn in einem fort ordentlich quälten, daß er ihnen sagen solle, wer und woher Ich sei, daß Ich dem Sohne ohne ein Mittel das eine blinde Auge wieder sehend habe machen können. Er wie auch der geheilte Sohn aber wollten Mich darum nicht verraten, weil Ich ihnen das untersagt habe.

[GEJ.09_055,02] Ich aber sagte: „So Ich nach dem Morgenmahle ohnehin bald weiterziehen werde, dann erst entdecke ihnen, wer und woher Ich bin; denn so du ihnen das nun sogleich sagen würdest, da wäre bald Meine Gegenwart in der ganzen Stadt ruchbar, und du könntest vor Zudrang der Menschen in deinem Hause sehr belästigt werden. Du wirst noch nach Meinem Abgange mit den Neugierigen deine Not bekommen; um wie vieles mehr würde das nun während Meiner Gegenwart der Fall sein!“

[GEJ.09_055,03] Mit dem war der Wirt und der Sohn völlig zufrieden und ging und besorgte das Morgenmahl.

[GEJ.09_055,04] Es ward darauf sogleich in silbernen Schüsseln auf den Tisch gebracht, so wie auch der Wein in großen silbernen Bechern. Meine Schüssel und Mein Weinkelch aber waren aus reinstem Golde angefertigt, und Ich fragte den Wirt, warum er das getan hätte, da Ich an derlei irdischer Pracht niemals ein Wohlgefallen habe.

[GEJ.09_055,05] Er aber verneigte sich tief vor Mir und sagte (der Wirt): „O Herr und Meister, ich weiß es wohl, daß Du an derlei niemals ein Wohlgefallen hast, daß man Dich nur mit einem mit reiner Liebe erfüllten Herzen wohlgefällig ehren und preisen kann. Du hast aber in Mir schon einen Menschen gefunden, der Dich im Herzen über alles geehrt und gepriesen hat und Dich fortan also noch mehr ehren und preisen wird. Ich aber dachte mir, daß ich eine Sünde begehen würde, so ich Dir als dem höchsten Herrn Himmels und der Erde nicht auch die Ehre erwiese, die man doch besseren Menschen zu erweisen pflegt!

[GEJ.09_055,06] Du hast ja die ganze Erde mit allem, was sie enthält, erschaffen, und so denn auch ihr Gold und Silber, und so zeugen ja auch diese Metalle, die von den Menschen schon seit gar lange her als die edelsten und somit auch wertvollsten anerkannt worden sind, von Deiner Liebe, Weisheit, Macht, Größe und Ehre! Und so denke ich in meiner Schlichtheit, daß es besser ist, Dich als den Schöpfer auch des Goldes und des Silbers mit diesen Metallen nach unserer menschlichen Weise zu ehren, als mit ihnen einen schmählichen Wucher zu treiben oder um ihretwillen die blutigsten Kriege zu führen und tausendfaches Unheil über die arme Menschheit wie aus der Hölle heraufzubeschwören.“

[GEJ.09_055,07] Sagte Ich: „Ja, ja, da hast du freilich auch wohl recht; wenn alle Menschen dir gleich dächten und deines Herzens und Sinnes wären, dann würden ihnen Gold und Silber und Perlen und alle die kostbaren Edelsteine niemals zum Unheil werden! Aber weil die Menschen, die darauf sehen, daß Gott mit Gold und Silber und Perlen und Edelsteinen geehrt werde, ganz anders zu denken anfangen und sonach auch bald eines andern Sinnes werden, so wäre es sehr unweise von Gott, wenn Er Sich mit dem ehren ließe, was unter den Menschen zu allen Zeiten das meiste und größte Unheil gestiftet hat.

[GEJ.09_055,08] So wie du dachten auch die Erzväter der Erde und ehrten Gott vor goldenen und silbernen Altären und verrichteten ihre Preis- und Lobgebete in mit Gold und Silber und mit allerlei Edelsteinen reichlichst gezierten Tempeln, wie du solches im Tempel zu Jerusalem wohl ersehen kannst. Was war aber die Folge davon? Siehe, eben dadurch sind die benannten Metalle, Perlen und Edelsteine in der Einbildung der Menschen so überaus wertvoll geworden!

[GEJ.09_055,09] Als die Menschen am Ende von dem Werte dieser gottesverehrlichen Dinge in eine zu hohe Idee geraten sind, haben sie denn auch stets mehr und mehr in der Erde herumzuwühlen angefangen und suchten Gold, Silber und Perlen und Edelsteine, vergaßen dabei nach und nach auch Gott und meinten, Gott schon dadurch im höchsten Grade zu ehren und ungeheure Gnaden von Ihm zu erhalten, wenn sie Ihm zur Ehre irgend den größten Brocken Goldes, Silbers und der Edelsteine auf den Altar legen konnten.

[GEJ.09_055,10] Da aber doch nicht alle Menschen so geschickt waren, die benannten Dinge zu finden, um sich durch sie Gott wohlgefällig erweisen zu können, so befragten sie sich bei den Erzvätern, die zugleich Priester waren, wie viele Schafe, Kühe, Ochsen oder auch Kälber und Stiere sie anstatt soundso viel Goldes oder Silbers Gott zum Opfer bringen sollten, um Ihm wohlgefällig zu werden gleich dem, der da pur Gold und Silber Gott zum Opfer darbringt.

[GEJ.09_055,11] Da merkten es nur zu bald die Ältesten oder Priester, daß sich dabei ein einträgliches Geschäft mit dem Gottesdienste gar leicht und etwa auch unschädlich verbinden ließe, und daß das zur Erbauung und Beruhigung der Menschen auch ganz wohl dienlich wäre. Und so fingen die Priester an, Gold und Silber und Perlen und Edelsteine zu wägen und bestimmten den Wert nach der Anzahl der verschiedenen Tiere, später auch nach dem Maße des Getreides, der Früchte, des guten Bauholzes, des Weines, der Kleidungsstoffe und noch einer Menge anderer Dinge.

[GEJ.09_055,12] Dadurch entstand schon der Tausch- und Stechhandel, die arge und wucherische Wechslerei, darauf Neid, Haß, Zorn, Verfolgung, Lüge, Betrug, Geilheit, irdische Pracht, Größe und Hoheit und Stolz und Verachtung unter den Menschen, da man ihren Wert nicht mehr nach ihrem inneren Seelenadel, sondern nur nach dem Gewichte des Goldes und Silbers, der Perlen und Edelsteine, nach der Größe der Herden, der Äcker und Weinberge und nach dem größeren Besitze auch anderer Dinge bestimmte.

[GEJ.09_055,13] Daß die Armen die Reichen beneideten und durch allerlei List ihnen den Reichtum zu schmälern anfingen, wodurch Dieberei und Raub und Mord auch nicht lange auf sich warten ließen, ist eine selbstverständliche Sache. Denn mit dem stets mehr überhandnehmenden Materialismus geht das Geistige zugrunde, und Gott wird den Menschen am Ende ein alter, verbrauchter, nichtiger und wertloser Begriff, von dem sie sich keine Vorstellung mehr zu machen imstande sind, und die volle Gottlosigkeit und mit ihr alle erdenkbaren Übel werden unter den Menschen auf die allergewissenloseste Weise gang und gäbe, und die Menschen greifen zu den Waffen, und der sich besser dünkende Teil sucht dann den böseren mit Gewalt zu unterjochen; und hat er das, dann gibt er Gesetze, deren Nichtbeachtung er mit den ärgsten Strafen belegt. Und so entstehen dann die Machthaber und ihnen gegenüber die Sklaven auf der Erde.

[GEJ.09_055,14] Siehe, das macht alles das Gold, das Silber, die Perlen und die Edelsteine, so die Menschen in der Meinung, daß diese Dinge die reinste und edelste Materie seien, sie auch zur äußeren Verehrung auf was immer für eine Art anwenden!

[GEJ.09_055,15] Was die äußere Verehrung und Verherrlichung Gottes anbelangt, dafür hat schon Gott Selbst von Ewigkeit her gesorgt; denn Er hat darum den Himmel und alle sichtbare Natur – als diese ganze Erde, den Mond, die Sonne und die zahllos vielen Sterne, die zumeist lauter ums kaum Aussprechliche große Weltkörper sind voll Lichtes und voll der wunderherrlichsten Dinge und Kleingeschöpfe auf ihren übergroßen und überweit gedehnten Flächen und Gefilden – erschaffen, und das genügt zur Außenverherrlichung des großen Gottes und Meisters über alles von Ewigkeit, und Er bedarf darum keines Goldes, Silbers und keiner Perlen und geschliffener und polierter Edelsteine dieser Erde.

[GEJ.09_055,16] Die wahre und Gott allein wohlgefällige Verehrung und Verherrlichung besteht und bestehe denn allzeit nur in einem reinen, Gott über alles und den Nächsten wie sich selbst liebenden Herzen und somit – was dasselbe ist – auch in der getreuen Haltung der Gebote, die Er durch Moses allen Menschen gab; alles andere ist eitel und töricht auch von seiten eines reinen und Gott wohlgefälligen Menschen. Wird die äußere Verehrung aber noch von solchen Menschen, wie es da sind die Pharisäer und die Götzenpriester und -priesterinnen, und auch von anderen Scheinfrommen und Augendienern und Gleisnern Gott, an den sie bei sich gar nicht glauben und nie geglaubt haben, dargebracht, und das um Geld und andere bedeutende Opfer, so gilt das vor Gott nicht nur nichts, sondern es ist das ein Greuel vor Ihm, und dasselbe ist auch alles, was vor den Augen der Welt groß und glänzend ist. Das, Mein Freund, merke dir, da du es nun aus dem Munde Dessen vernommen hast, der Sich mit gar keiner Materie ehren und preisen läßt, sondern allein nur mit einem reinen, Ihm völlig ergebenen Herzen und Willen!“

[GEJ.09_055,17] Sagte der Wirt, nun ganz verlegen: „O Herr und Meister von Ewigkeit, so Dir diese meine auch äußere Verehrung, wie ich das nun schon ganz gründlich einsehe, nicht angenehm ist, so soll alles sogleich anders bestellt werden!“

[GEJ.09_055,18] Sagte Ich: „Jetzt laß nur alles so, wie es ist; denn die wohlbereiteten Fische werden uns diesmal auch aus den goldenen und silbernen Schüsseln wohlschmecken, und desgleichen auch der Wein! Aber für ein anderes Mal laß das hinweg!“

[GEJ.09_055,19] Mit dem war der Wirt zufrieden, und wir begannen das Morgenmahl zu uns zu nehmen.

 

56. Kapitel

[GEJ.09_056,01] Während des Essens aber fragte Mich der Wirt, ob er nicht den Arzt davon ganz im geheimen benachrichtigen solle, daß ich hier sei.

[GEJ.09_056,02] Sagte Ich: „Da würdest du dir eine vergebliche Mühe machen; denn er und sein Weib sind über Land gezogen und werden erst in ein paar Tagen wieder heimkommen. Wenn sie zu dir kommen werden, dann kannst du es ihnen schon melden, was alles sich während ihrer Abwesenheit hier zugetragen hat. Aber nun essen und trinken wir nur ganz ungestört fort!“

[GEJ.09_056,03] Darauf aßen und tranken wir ganz wohlgemut, und der Wirt und sein geheilter Sohn taten dasselbe und konnten den Wohlgeschmack der Edelfische nicht genug rühmen.

[GEJ.09_056,04] Und der Wirt konnte sich der ganz guten Bemerkung nicht erwehren, sagend nämlich: „O Herr und Meister! Also wohl dürften die erst erschaffenen Fische in den Wassern der Erde auch besser geschmeckt haben als die nachher unter sich gezeugten; denn diese Edelfische sind auch keine gezeugten, sondern von Dir, o Herr und Meister, frisch erschaffene, und haben darum denn auch einen außerordentlichen Wohlgeschmack.“

[GEJ.09_056,05] Sagte Ich: „Ja, ja, da magst du auch wohl recht haben! Aber also ist auch das Wort, das aus Meinem Munde geht, kräftiger und wirksamer als das Nachwort eines Propheten; es kann aber das Nachwort auch zur gleichen Kraft erhöht werden in jedem Menschen, wenn es durch die Tat im Herzen und Willen wohl zubereitet wird.

[GEJ.09_056,06] Mein Wort ist schon das Leben in sich und macht lebendig jeden, der es mit gutem Herzen vernimmt, – denn es geht da sogleich das Grundleben alles Lebens ins Leben des Menschen über; das Wort des Propheten aber ist nur ein getreuer Wegweiser und zeigt dem Menschen, wie er zu dem lebendigen Worte aus Meinem Munde gelangen und durch dasselbe ins Leben des Geistes übergehen kann.

[GEJ.09_056,07] Ich sage euch allen: Am Ende muß ein jeder Mensch in seinem Herzen von Gott belehrt werden; denn wer da am Ende nicht vom Vater oder vom Gottgeiste in Mir belehrt wird auf dem Wege der reinen Liebe zu Mir und zum Nächsten, der kommt nicht zu Mir, dem Sohne der ewigen Liebe, der Ich bin das ewige Licht, der Weg, die Wahrheit und das Leben selbst; denn Ich bin des Vaters Weisheit in Mir Selbst. Solches verstehet ihr zwar jetzt noch nicht völlig, aber ihr werdet es verstehen, so ihr nach Meiner Auffahrt im Geiste aus Mir wiedergeboren werdet; denn das ist der ewig in Sich Selbst vollst lebendige Geist aller Wahrheit, und der wird euch leiten in alle Weisheit. Und so hattest du wohl recht, zu sagen, daß die frischerschaffenen Fische ums unvergleichbare wohler schmecken denn die nachher unter sich gezeugten.“

[GEJ.09_056,08] Sagte darauf der Wirt: „O Herr und Meister, ich habe so manches von der einstmaligen Prophetenschule gehört, die besonders in den Zeiten der Richter sehr gang und gäbe war und sich dann auch noch unter den Königen nahezu bis an unsere Zeiten fort erhielt. Aber ich konnte dennoch nie so recht klar dahinterkommen, worin die eigentlichen Lehr- und Übungselemente dieser Schule bestanden. Wer aber einmal ein Prophet der vollen Wahrheit gemäß geworden ist, durch dessen Mund hatte aber auch unverkennbar der Geist Jehovas geredet, was mehrere der großen Propheten denn auch durch die Tat bewiesen haben.

[GEJ.09_056,09] Worin bestanden denn hernach die Lehr- und Übungselemente einer Prophetenschule?“

[GEJ.09_056,10] Sagte Ich: „Höre, du Mein Freund, was damals nur in allerlei Entsprechungen für diese gegenwärtige Zeit vorbildend geschah, das steht nun in der Erfüllung vor dir! Von gottesfürchtigen Eltern schon von der Geburt an rein und wohl erzogene Kinder, natürlich vor allem Knaben, die auch sicher zuallermeist physisch völlig gesund und kräftig waren, wurden von den im Geiste geweckten Richtern und Priestern in der Weise Aarons in diese Schule aufgenommen, in der sie zuerst des Lesens, Rechnens und Schreibens wohl kundig werden mußten; dann wurden sie in der Schrift wohl unterwiesen, das heißt in den Büchern Mosis, und sodann auch in der Länder- und Völkerkunde der den Menschen bekannten Erde.

[GEJ.09_056,11] Dabei aber wurden sie auch sorglichst angehalten, die Gebote Gottes nicht nur zu erkennen, sondern auch strenge, und das soviel als möglich freiwillig und sich selbst bestimmend, zu beachten. Sie wurden dabei nach ihrem Alter und nach dem Grade ihrer geistigen Entwicklung gar manchen Proben und Prüfungen ausgesetzt, auf daß sie in sich selbst zu der lebendigen Überzeugung kamen, inwieweit sie schon in der Kraft, aller Welt und ihren Reizen zu widerstehen, zugenommen haben.

[GEJ.09_056,12] Vor allem mußten sie vor der Trägheit als der Mutter aller andern Sünden und Übel bewahrt werden, darum sie denn auch zu allerlei ihren Kräften angemessenen körperlichen Arbeiten angehalten wurden.

[GEJ.09_056,13] Waren sie einmal in aller Selbstverleugnung und Selbstbesiegung groß und stark geworden, so wurden sie durch die Wissenschaft der Entsprechungen in ihr Inneres geführt, wodurch sie zum lebendigen Glauben und zu einem unbeugsamen Willen unter der Einung mit dem wohlerkannten und auch schon von Kindheit an stets genau beachteten Willen Gottes gelangten, wodurch sie dann auch schon so manche Zeichen zu bewirken imstande waren, weil ihr eigener Selbstwille mit dem Willen Gottes eins geworden war und der Glaube, als ein wahres, lebendiges Licht aus den Himmeln, in ihren erleuchteten Herzen keinen Zweifel mehr zuließ.

[GEJ.09_056,14] War das alles einmal in der wahren und lebendigen Ordnung, so wurden sie eben durch den lebendigen Glauben und durch den in aller Tat mit dem Willen Gottes geeinten Selbstwillen mit dem Geiste Gottes nach der individuellen Fähigkeit erfüllt, wodurch die innere Sehe erweitert ward und sie dadurch auch zukünftige Dinge und Begebenheiten voraussahen in entsprechenden Bildern, die sie dann für die Nachwelt aufzeichneten.

[GEJ.09_056,15] Wer einmal in diesen Zustand, in welchem er Gesichte bekam, gelangte, der gelangte auch zum innersten, lebendigen Worte und vernahm also die Stimme Jehovas in sich, und das war das Gotteswort, das der Prophet wie aus dem Munde Gottes den Menschen verkündete und eigentlich verkünden mußte, weil er von dem in ihm waltenden Geiste Gottes dazu angetrieben worden ist. Und siehe, also sah die Schule der Propheten aus, und auf die beschriebene Art wurden die Menschen in einer förmlichen und wahren Lebensschule zu Propheten gebildet!“

 

57. Kapitel

[GEJ.09_057,01] (Der Herr:) „Aber es wurden fromme und an Gott allzeit fest glaubende und Ihn im Herzen liebende Männer oft auch ohne die vorangehende Schule zu wahren Propheten erweckt. So waren Moses und Aaron selbst große Propheten und sind dazu in keiner Schule gebildet worden; denn ihr Glaube, ihr Gott ergebenes Herz und Gott Selbst waren ihre Schule. Also wurden auch Elias und Jonas, Josua und Samuel zu wahren Propheten ohne vorangehende Schule; denn Gott Selbst war ihr Meister und ihre Schule.

[GEJ.09_057,02] So waren auch die Erzväter zuallermeist Seher und Propheten ohne Schule; denn Gott allein, an den sie ungezweifelt hielten und glaubten, war ihre Schule, in der Er ihnen Seinen Willen offenbarte. Und selbst in diesen Zeiten gab es Seher und Propheten, die nicht in der Schule zu Sehern und Propheten erzogen worden sind; denn Gott sieht allzeit nur auf das Herz der Menschen und nicht auf die Schule, in der ein Mensch zu dieser oder jener Geschicklichkeit gelangt ist.

[GEJ.09_057,03] Siehe da diese, Meine Jünger! Keiner von ihnen hat je eine Prophetenschule gesehen, und dennoch werden von ihnen viele Größeres leisten denn alle alten Seher und Propheten; denn Ich allein bin ihr Meister und ihre Schule, und so wird es in der Folge sein und bleiben bis ans Ende der Zeiten dieser Erde.

[GEJ.09_057,04] Es werden in der Zukunft wohl gar viele Schulen errichtet werden, aus denen wohl eine Unzahl falscher Lehrer und Propheten hervorgehen werden, aber nur sehr wenige der wahren dem Willen Gottes gemäß.

[GEJ.09_057,05] Wahrlich sage Ich dir: In der Folge wird nur der ein Seher und Prophet, der an Mich glauben, Mich über alles, seinen Nächsten wie sich selbst lieben und Meine Lehre tatsächlich befolgen wird! Darum wird aber auch nicht ein jeder, der gläubig zu Mir rufen wird: ,Herr, Herr!‘, in Mein Reich eingehen, sondern nur der, welcher Meinen in Meiner Lehre klar ausgesprochenen Willen tun wird.

[GEJ.09_057,06] Darum seid denn auch ihr nicht nur pur eitle Hörer, sondern sofortige Täter Meines Wortes, so werdet ihr in euch auch das wahre Reich Gottes überkommen! Erwartet aber niemals, als werde das Reich Gottes, als das Reich des inneren Lebens, jemals mit irgend äußeren Zeichen und äußerem Glanzgepränge zu den Menschen kommen, sondern es ist inwendig in euch! Wer es auf die von Mir euch gezeigte Art und Weise sucht in sich und es nicht also findet, der sucht es in aller Welt und in allen Gestirnen vergeblich.

[GEJ.09_057,07] Der Pfad zum wahren und lebendigen Reiche Gottes ist somit ein sehr schmaler und oft mit allerlei Dornengestrüpp überwachsener. Demut und vollste Selbstverleugnung ist sein Name. Für den Weltmenschen ist er völlig ungangbar.

[GEJ.09_057,08] Wer aber an Mich glaubt und Meine Gebote hält, dem werden die Dornen auf dem Pfade zum Reiche Gottes nicht die Füße verwunden. Nur ein ernster Anfang ist schwer; wenn der Ernst aber bleibt und nicht durch allerlei Weltrücksichten geschwächt wird, so ist die volle Erreichung des Reiches Gottes in sich etwas ganz Leichtes. Denn solch einem stets vollernstlichen Bestreber nach dem Gottesreiche in sich ist Mein Joch sanft und leicht die ihm zu tragen von Mir aufgelegte Bürde, und Ich werde den ernsten Suchern des wahren Reiches Gottes stets laut in ihren Herzen zurufen: ,Kommet alle zu Mir, die ihr mühselig und belastet seid! Ich Selbst komme euch schon mehr denn auf dem halben Wege entgegen und will euch vollauf kräftigen und erquicken!‘

[GEJ.09_057,09] Die aber zu Mir nur wohl ,Herr, Herr!‘ rufen, ihre Hauptsorge aber pur weltlichen Dingen zuwenden und nur so nebenbei nach dem trachten werden, was des Reiches Gottes ist, zu denen werde Ich sagen: ,Was rufet ihr Weltlinge Mich, und was schreiet ihr? Mein Herz hat euch noch nicht erkannt. Um was ihr euch sorget, das bringe euch auch die von euch gewünschte Hilfe!‘ Wahrlich sage Ich euch: Solche Menschen werden diesseits schwerlich je das wahre und lebendige Reich Gottes in sich finden und werden ihren Nebenmenschen gegenüber schlechte Lehrer, Seher und Propheten darstellen; und im Jenseits wird es für solche halbtoten Seelen noch ums unvergleichbare schwerer sein, das Reich Gottes in sich zu suchen und zu finden.

[GEJ.09_057,10] Darum arbeite ein jeder, solange der Tag währt; denn es kommt darauf die Nacht, da wird es sich schwer arbeiten lassen! – Hast du, Mein Freund, das von Mir nun Gesagte wohl auch verstanden?“

[GEJ.09_057,11] Sagte der Wirt: „Ja, Herr und Meister über alles, ich danke Dir für diese Belehrung aus der innersten Tiefe meines Lebens! Nun bin ich über das Wesen der alten Prophetenschule ganz im klaren. Ich bitte Dich aber auch zugleich, daß Du mir, so ich ernster, als es bis jetzt der Fall war, den schmalen und dornigen Pfad zum Gottesreiche betreten werde, gnädig schon gleich auf den ersten Schritt entgegenkommest und mir helfest, auf daß ich im Fortschreiten auf dem schmalen und dornigen Lebenswege nicht müde, verzagt und ungeduldig werde!“

 

58. Kapitel

[GEJ.09_058,01] Sagte Ich: „Um was du Mich nun gebeten hast, das habe Ich bereits schon jetzt getan, und so wirst du nun ein leichtes Fortschreiten haben! Denn wem Mein Lebenslicht leuchtet, der wird auf dem Wege mit seinen Füßen nicht leichtlich mehr an einen Stein stoßen, und die Dornen wird er wohl vermeiden mögen. Wer mit Mir wandelt, der hat allenthalben schon einen wohlgebahnten Weg; wer aber ohne Mich dem Reiche Gottes, als dem inneren Reiche des Lebens und aller Wahrheit, zuwandelt, der hat wohl einen langen, schmalen und sehr dornigen Weg zu durchwandern, wie das bei gar vielen alten Weisen aller Völker der Erde von jeher der Fall war und auch künftighin der Fall sein und bleiben wird.

[GEJ.09_058,02] Du hast es von nun an leicht, und so auch gar viele, die Mich gesehen und gehört haben und völlig an Mich glauben; aber die Nachkommen werden nur durch den puren Glauben in das Reich Gottes gelangen. Wer Mich aber sieht und hört, der glaubt leicht und kann auch leicht nach Meinem Worte leben und handeln. Aber wer Mich künftighin nicht mehr in Meinem Fleische sehen wird, der wird es schwerer haben, in das wahre und lebendige Reich Gottes zu gelangen; denn er wird es pur glauben müssen, was ihm die ausgesandten Boten von Mir erzählen werden.

[GEJ.09_058,03] So er aber das Vernommene willig in sein gläubig Herz aufnehmen und eine rechte Freude ob der vernommenen Wahrheit haben wird, da wird denn auch alsbald die Taufe des Geistes aus Mir über ihn kommen, und er wird in ihr das geöffnete Tor ins Gottesreich wohl erschauen. Von der Weg ins volle Gottesreich ein leichter sein.

[GEJ.09_058,04] So ihr aber das alles nun wohl wisset, so freuet euch des, daß Gott das alles schon von Anbeginn her also angeordnet hat! Und so ihr zu den Menschen von Mir und Meinem Reiche reden werdet, da saget ihnen auch das, was Ich nun zu euch geredet habe; aber machet es ihnen auch vor allem begreiflich, daß Mein Reich nicht irgend von dieser Welt ist, – sondern es ist das inwendige Reich aller Wahrheit und alles Lebens im Innersten des Menschen. Wer es in sich gefunden hat und in dasselbe durch den lebendigen Glauben und durch die tätige Liebe einging, der hat die Welt, das Gericht und den Tod überwunden und wird gleichfort das ewige Leben haben.

[GEJ.09_058,05] Es kommt zwar das, was Ich euch jetzt gesagt habe, für den Weltverstand gleich wie eine Torheit anzuhören vor; aber es ist darum dennoch die höchste Weisheit alles Lebens in Gott. Wohl dem, der sich an ihr nicht stößt!

[GEJ.09_058,06] Niemand kann wissen, was im Menschen alles als zum Leben Notwendiges verborgen ist, als nur der Geist, der im Innersten des Menschen ist und wohnt; und so weiß auch kein Weltweiser, was Gott Selbst und was in Ihm ist, als nur der Geist Gottes, der alle Tiefen Dessen durchdringt.

[GEJ.09_058,07] Wenn der Geist im Menschen aber nicht als das wahre Lebenslicht erweckt wird, da ist es finster im Menschen, und er erkennt sich nicht; wenn durch den Glauben an Mich und durch die Liebe zu Mir und zum Nächsten aber der Geist im Menschen erweckt und zum hellen Lichte entzündet wird, dann durchdringt der Geist den ganzen Menschen, durch und durch, und der Mensch erschaut da, was in ihm ist und erkennet sich. Und wer sich erkennt, der erkennt auch Gott; denn der wahre und ewige Lebensgeist im Menschen ist nicht ein Menschengeist, sondern ein Gottesgeist im Menschen, ansonst der Mensch kein Ebenmaß Gottes wäre.

[GEJ.09_058,08] So ihr das nun wohl verstanden habt, da wollen wir uns nun, als leiblich und geistig gestärkt, vom Tische erheben und unsere Reise von hier nach Galiläa hin antreten.“

[GEJ.09_058,09] Alle beteuerten, daß sie das wohl verstanden hätten, und dankten Mir für diese Belehrung.

[GEJ.09_058,10] Der Wirt meinte freilich, ob Ich etwa doch noch bis zum Mittage hin in seinem Hause verweilen möchte.

[GEJ.09_058,11] Ich aber sagte zu ihm: „Sieh, in dieser Welt hat alles seine Zeit, also auch das Kommen, Bleiben und Gehen! Ich weiß aber, wo heute noch eine große Arbeit Meiner harrt, und so muß Ich denn auch nun dahin ziehen, wo die Arbeit Meiner harrt! Zudem wird in einer Stunde eine große Karawane von aus Jericho kommenden Kaufleuten bei dir einkehren, und ihr werdet viel zu tun bekommen. Die Kaufleute werden dir vieles von Mir zu erzählen wissen; erzähle du aber auch ihnen, daß Ich hier war, doch sage es ihnen nicht, wohin Ich den Weg eingeschlagen habe!“

[GEJ.09_058,12] Der Wirt beteuerte nochmals, daß er alles streng halten werde, was er als Meinen Willen erkannt hatte, und dankte Mir auch noch einmal für die ihm erwiesenen Wohltaten; und Ich gab den Jüngern den Wink zum Aufbruch.

[GEJ.09_058,13] Wir erhoben uns denn darauf vollends und betraten den Weg. Der Wirt und sein geheilter Sohn gaben Mir über tausend Schritte weit das Geleit und kehrten darauf voll guter Dinge wieder nach Hause zurück.

 

59. Kapitel

[GEJ.09_059,01] Als aber der Wirt nach Hause kam, da sagte sein Weib in einem schmollenden Tone zu ihm: „Warum hast du mich mit den andern Kindern denn nicht gerufen, auf daß auch ich mit den andern Kindern mich bei dem wundersamen Heilande hätte geziemend empfehlen können?“

[GEJ.09_059,02] Sagte der Wirt: „Weib, so das nötig gewesen wäre, so hätte dich schon der Heiland Selbst gerufen; weil aber das sicher nicht nötig war, so bist du deines kleinen Unglaubens wegen nicht gerufen worden, und so du den Heiland gar näher erkannt hättest, so hätte von Seiner Anwesenheit bald die ganze Stadt gewußt, was Er aber nicht haben wollte, und so ist auch das gut, daß eben Er Selbst das alles also hat geschehen lassen. In der Folge, so unser Arzt wieder nach Hause kommen und uns sicher besuchen wird, da wirst du schon noch früh genug erfahren, wer so ganz eigentlich der wundersame Heiland war.

[GEJ.09_059,03] Aber nun sieh dich mit allem wohl vor; denn von jetzt an etwa in einer halben Stunde Zeit wird eine starke Kaufleutekarawane bei uns einkehren, wie mir das der wahrlich allwissende Heiland zum voraus angezeigt hat, und wir werden da viel zu tun bekommen; darum sieh dich mit allem in der Küche wohl vor!“

[GEJ.09_059,04] Als das Weib das vernommen hatte, da eilte sie sogleich in die Küche und setzte alle ihre Gehilfen und Gehilfinnen in Bewegung; denn sie glaubte nun dem, was der Wirt ihr als von Mir verkündet anzeigte.

[GEJ.09_059,05] Und als allerlei Speisen, mit denen die Kaufleute stets zu bedienen waren, beinahe schon völlig zum Genusse bereitet waren, da kam denn auch schon die von Mir angekündigte Karawane an und konnte sich nicht höchlich genugsam verwundern, wie der Wirt diesmal schon zum voraus wissen konnte, daß sie um diese Zeit ankommen würden.

[GEJ.09_059,06] Es ward nachher noch vieles darüber geredet, und die Kaufleute begriffen denn auch bald, wie der Wirt um die Zeit ihrer Ankunft hatte wissen können. Und es glaubten darauf auch mehrere Kaufleute, die da von Mir abermals gehört hatten, an Mich.

[GEJ.09_059,07] Wir aber zogen unseren Weg ruhig weiter und kamen denn um die Mittagszeit nahe an ein Dorf, das noch in Samaria lag. Um das Dorf waren viele Fruchtbäume, zumeist Feigen und Oliven, Äpfel und Pfirsiche, und die Jünger bekamen Lust, sich mit den Früchten ein wenig zu erquicken.

[GEJ.09_059,08] Als wir vollends in das Dorf kamen, da fragten die Jünger einige anwesende Dorfleute, ob sie sich von den Früchten etwas nehmen dürften.

[GEJ.09_059,09] Die Dorfleute aber sagten: „Was Wunder! Wie wollet ihr Juden von uns Samaritern Früchte essen?“

[GEJ.09_059,10] Sagten die Jünger: „Wir sind wohl Juden, aber keine Pharisäer, die euch hassen, – und so mögen wir schon von euren Bäumen die Früchte essen, so ihr sie uns geben wollet; und wir wollen sie euch auch bezahlen!“

[GEJ.09_059,11] Da sagten die Dorfleute: „Da esset, soviel ihr möget! Aber Geld werden wir von euch nicht annehmen; denn wir haben auch Gott um kein Geld gebeten, als Er unsere Fruchtbäume segnete!“

[GEJ.09_059,12] Da gingen die Jünger hin und aßen von den Früchten nach ihrer Lust, und je mehr sie aßen, desto voller wurden die Bäume.

[GEJ.09_059,13] Es merkten aber das bald die Bewohner des Dorfes und gingen hin zu den Jüngern und sagten: „Wie verzehret ihr denn unserer Bäume Segen? Wir merken es auffallend genug, daß unsere Bäume nicht nur nichts an den Früchten verlieren, sondern es werden die Bäume derart sichtlich voller, daß ihre Äste und Zweige die Last kaum mehr zu tragen imstande sind. Merket ihr das denn nicht, da ihr so ganz gleichgültig die Früchte verzehret? Es ist das ja ein helles und augenscheinlichstes Wunder!“

[GEJ.09_059,14] Sagte darauf der Apostel Andreas: „Was ihr sehet, das sehen wir auch; aber wir Essenden bewirken das nicht, sondern eure uneigennützige Nächstenliebe bewirkt das! Wir sind für euch Fremde, und ihr habt uns gastfreundlich von euren in dieser Gegend mühsam gepflegten Obstbäumen die süßen Früchte ohne Entgelt freundlichst zu essen gestattet, und es hat das Gott dem Herrn wohlgefallen, und so hat Er euch und eure Fruchtbäume nun sichtlich vor unsern und euren Augen wegen der von euch uns erwiesenen Freundschaft und Liebe gesegnet.

[GEJ.09_059,15] Es ist das freilich in dieser Zeit ein seltener Fall; aber er ist darum ein seltener, weil auch das ein äußerst seltener Fall geworden ist, daß man fremden Reisenden ohne Entgelt Freundschaft und Liebe erweist. Denn wohin man nur immer kommt und von einem oder dem andern Menschen eine Freundschaft erwiesen haben will, so geschieht das wohl um ein Entgelt; aber aus einer puren Nächstenliebe geschieht das so selten wie ein derartiges Gottessegenwunder, wie ihr es nun vor Augen habt.

[GEJ.09_059,16] Bleibet darum gleichfort in der treuen Beachtung der uneigennützigen Nächstenliebe, und liebet auch Gott durch die treue Beachtung Seiner Gebote, und ihr werdet euch über den Mangel des Segens Gottes wahrlich nie zu beklagen haben! Gott bleibt Sich allzeit und ewig gleich, nur die Menschen sind veränderlich, vergessen in ihrem Welttaumel Ihn und betrachten Seine Satzungen als ein Machwerk pur menschlicher Klugheit und tun dann dabei, was ihnen nach ihrem Verstande gut dünkt. Bei solchem Glauben und bei solchem Handeln nach dem Weltglauben aber sieht Gott auf die Seiner beinahe gänzlich vergessenden Menschen nicht mehr mit dem Auge Seiner Gnade und Liebe, sondern mit dem Auge Seines Zornes.

[GEJ.09_059,17] Bei solchen Lebensumständen der Menschen werden die göttlichen Segenswunder wohl gar leicht und sicher zu den allerseltensten Erscheinungen auf dieser Erde unter den Menschen; aber wo sich irgend noch Menschen vorfinden, die an Gott noch ungezweifelt glauben, Seine Gebote halten und ihre Herzen und Seelen noch nicht mit der schnöden Gier nach dem Weltmammon besudelt und beschmutzt haben, da erweist Sich Gott ihnen auch, wie es in den Zeiten der Erzväter geschah, stets als ein Seine Kinder segnender bester Vater, – nur den Seiner nicht achtenden Weltkindern zeigt Er Sich als ein unerbittlicher Richter und züchtigt sie mit allerlei Ungemach, und Seine segnende Rechte ist nicht über Weltlinge ausgestreckt.

[GEJ.09_059,18] So ihr lieben und einfachen Bewohner dieses kleinen Dorfes das beherziget, da wird es euch auch leicht begreiflich sein, warum Gott euch hier augenscheinlichst euren guten Willen gesegnet hat.“

[GEJ.09_059,19] Sagte darauf ein Ältester dieses Dorfes: „Freund, der du hier gar weise im Namen Jehovas des Herrn geredet und dadurch auch gezeigt hast, daß du kein Anhänger der schlechten Lehre der Pharisäer bist, du bist ganz unseres Sinnes und hast wahrlich in allem recht; aber ich bin schon ein alter Bürger dieses Dorfes und weiß es, daß seine Einwohner noch stets fest an die Satzungen Mosis, durch den Gott geredet hat, halten. Und was wir euch von Herzen gerne nach eurem Wunsche erwiesen haben, das haben wir auch schon vielen andern, die hungrig und durstig durch unser kleines Dorf gezogen sind, ebenso erwiesen; aber eine solche wunderbare Segnung haben wir dennoch nie erlebt, obwohl ich aber dabei auch offen gestehen muß, daß wir bei aller unserer Freigebigkeit uns noch nie über den Mangel an Gottes Segen haben zu beklagen gehabt. Doch, wie gesagt, auf eine so auffallende Weise haben wir noch nie eine Gottessegnung zu sehen bekommen!

[GEJ.09_059,20] Es scheint denn hier noch ein ganz besonderer Umstand obzuwalten, den ihr uns vielleicht aus sehr weisen Gründen nicht offenbaren wollet oder dürfet. Sei es aber nun, wie es wolle! Die Sache ist einmal ein augenfälligstes Wunder, das niemand leugnen kann, und wir wollen uns da nicht näher nach dem eigentlichen geheimen Grund desselben erkundigen. Doch eines fällt mir auf, und das ist, daß einer von euch, der dort am Wege auf euch wartet, nichts von unseren Früchten verkosten wollte! Ist er denn entweder ein Erzjude, der von Samaritern nichts annehmen will, oder ist er kein Freund der Baumfrüchte, wie sie bei uns gedeihen?“

[GEJ.09_059,21] Sagte Andreas: „Freund, Er ist weder das eine noch das andere! Wer aber Ihn erkannt hat, der hat mehr erkannt, als was alle Welt je zu fassen imstande sein wird; denn Er ist darum auch unser aller Herr und Meister!“

[GEJ.09_059,22] Diese Worte des Andreas fielen dem Alten sehr auf, und er sagte darum auch (der Alte): „Habe ich nicht recht geurteilt, so ich sagte, daß bei diesem augenfälligsten Wunder nebst der besonderen Gnade von oben noch ein ganz eigentümlicher, geheimer Grund obwalte? Und dieser geheime Grund wird sicher in jenem Manne zu suchen sein, den du euren Herrn und Meister nanntest. – Habe ich recht geurteilt oder nicht?“

[GEJ.09_059,23] Sagte Andreas: „Freund, wenn es dir so vorkommt, da gehe hin zu Ihm, und rede mit Ihm Selbst! Denn wir wissen, was wir zu tun und zu reden haben. – Er aber ist der Herr und kann tun und reden, was Er will.“

 

60. Kapitel

[GEJ.09_060,01] Als der Alte das vernahm, da ging er alsbald zu Mir hin und sagte: „Höre du, Herr und Meister dieser Männer, die sich mit den Früchten unserer Bäume gelabt haben! Warum wolltest denn du dich nicht auch mit sicher deinen Jüngern und Dienern an den wohlreifen Früchten erlaben?“

[GEJ.09_060,02] Sagte Ich: „Weil es Mich nun nicht so sehr nach dem Genusse der süßen Baumfrüchte verlangte, als vielmehr nach den um ein gar vieles süßeren Früchten eurer Herzen und eures guten Willens; denn wenn jemand einem Meiner rechten Jünger und Diener eine wahre und uneigennützige Liebe erweist, so nehme Ich das ebenso an, als hätte er es Mir Selbst erwiesen.

[GEJ.09_060,03] Ich aber bin mit Gott, und Gott ist mit Mir; und die mit Mir sind, die sind denn sonach auch mit Gott, und Gott ist mit ihnen. Gott ist aber auch mit jedem, der lebendig an Ihn glaubt, Seine Gebote hält, Ihn über alles liebt und seinen Nächsten wie sich selbst. So aber jemand seinen Nächsten – gleichviel, ob er ein Heimischer oder ein Fremder ist – schon nicht ohne Entgelt liebt und ihm aus irgendeiner Not hilft, den er als ein ihm ähnliches Ebenmaß Gottes doch sieht, wie kann der Gott lieben, den er nicht sieht?

[GEJ.09_060,04] Darum ist die wahre und uneigennützige Liebe zum Nächsten mit der Liebe zu Gott eins, und Gott belohnt solche Liebe schon in dieser Welt und wird sie noch mehr belohnen dereinst jenseits in Seinem ewigen Reiche mit dem ewigen Leben. Wahrlich, auch nicht ein Trunk Wassers, den ihr einem Durstigen dargereicht habt aus gutem Herzen, wird euch unvergolten bleiben!“

[GEJ.09_060,05] Sagte der Alte: „Herr und Meister, aus deinen Worten entnehme ich, daß du wahrlich ein Herr und Meister bist! Mit Wasser haben wir die Reisenden schon gar oft erquickt; denn wir haben einen gemeinsamen Brunnen, der ein gar frisches Wasser enthält. Wir würden aber auch oft gerne einen müden Wanderer mit einem Becher Weines erquickt haben, so wir einen besäßen; aber unsere Gegend ist eine magere, und die Rebe gedeiht hier nicht wohl. Um uns aber einen Wein zu kaufen, haben wir weder des Geldes noch der Herden in der dazu erforderlichen Menge, und so stehen wir denn so manchem armen Wanderer nur mit dem bei, was wir notdürftig haben; der liebe, große und allmächtige Vater im Himmel nehme denn auch unsern Willen fürs Werk an!“

[GEJ.09_060,06] Sagte Ich: „Das hat Er auch schon seit langem, und ihr habt darum noch niemals eine besondere Not gelitten; in der Folge aber wird Er schon noch augenfälliger um euer zeitliches und noch mehr aber um eurer Seelen Heil sorgen, dessen ihr völlig versichert sein könnet! Denn wer auf Ihn, wie ihr, vertraut, den verläßt Er niemals. So Er ihm oft auch nicht sogleich augenblicklich und augenscheinlich hilft, so läßt Er ihn aber doch nicht irgend völlig sinken.

[GEJ.09_060,07] Denn Gott prüft jeden wohl zuvor, bis Er ihm augenscheinlich hilft; hat ein Mensch aber auch in aller Prüfung seine Treue und Liebe zu Ihm bewahrt, dann kommt denn auch auf einmal, ehe sich's ein Mensch versieht, die allzeit augenscheinliche Hilfe von Gott, und Sein Segen bleibt dann immerdar über dem Getreuen. Das behaltet ihr alle in euch, und denket: Gott hat euch zum Wohle eurer Seelen geprüft, ihr habt die Prüfung wohl bestanden, und so kam Er nun mit aller lohnenden Fülle Seines Segens zu euch, und Sein Segen wird euch zum bleibenden Gute werden.

[GEJ.09_060,08] Mich kennet ihr nicht und wisset nicht, wer Ich bin; aber es wird die Zeit kommen und ist eigentlich schon da, in der ihr ausrufen werdet: ,Heil dem Sohne Davids, der zu uns gekommen ist im Namen des Herrn!‘ – Habt ihr denn nicht Kunde erhalten von dem, was sich vor zwei Jahren in Samaria zugetragen hat?“

[GEJ.09_060,09] Sagte der Alte: „Herr und Meister und nun deiner eigenen Aussage zufolge ein Abkömmling aus der Linie des großen Königs der Juden, wir kommen wohl nur selten nach der Stadt Samaria, die mehr denn einen halben Tag Weges von hier entfernt ist, und wissen darum auch wenig von dem, was sich in ihr etwa alles zuträgt und ereignet; aber durch Reisende haben wir vernommen, daß sich in der von dir besagten Zeit durch einen neu erstandenen großen Propheten gar unglaublich wunderbare Dinge sollen zugetragen haben. Er soll den Samaritern auch allerlei trostvolle Lehren gegeben haben, über die sich aber dennoch einige Priester und auch andere Weltmenschen sollen geärgert haben, – ob mit oder sicherer ohne wahren Grund, das vermochten wir in unserer Schlichtheit nicht zu beurteilen und vermochten nicht über eine uns unbekannte Sache zu richten.

[GEJ.09_060,10] Aber etwas anderes ist uns erst vor kurzem begegnet, wovon wir alle ebenso wie heute von der wunderbaren Baumfrüchtevermehrung Zeugen waren, und das bestand darin: Es kamen auch so um die Mittagszeit aber nur zwei Männer, dem Anzuge und der Zunge nach aus Jerusalem, zu uns und baten uns um etwas Brot und auch um einige reife Früchte unserer Bäume, was alles wir ihnen nach unseren Kräften gerne gaben. Als sie sich damit gestärkt hatten, nahm auch ich mir die Freiheit, sie zu befragen, wer sie wären, woher sie gekommen seien, wohin sie weiter ziehen würden, wo ihre Heimat und was ihre Beschäftigung sei.

[GEJ.09_060,11] Und sie sagten: ,Wir waren vor noch nicht gar langer Zeit ganz gewöhnliche und zumeist sehr gedrückte Diener und Knechte und dann und wann, wenn wir keinen bestimmten Herrendienst hatten, auch schlecht belohnte Tagelöhner in Jerusalem. Aber da kam ein Mann voll göttlicher Kraft, Macht und Weisheit aus Galiläa nach Jerusalem und lehrte alles Volk mit gar mächtiger Rede und tat große und nie erhörte Zeichen, und gar viel Volk fing an, an Ihn zu glauben zum großen Ärger der Pharisäer und Schriftgelehrten, deren arge Volksbetrügereien Er ohne alle Scheu vor dem Volke offen aufdeckte und ihnen wie einer, der Macht hat, scharf ans Gewissen ging.

[GEJ.09_060,12] Dieser von Gott in die Welt gesandte Mann, der auch gleichfort einen mächtigen Erzengel zu Seinem Begleiter hatte, nahm auch uns, da wir völlig an Ihn glaubten, zu Seinen Jüngern an, gab uns Weisheit und allerlei Macht, zu heilen die Krankheiten des Leibes und der Seele und von den Menschen auszutreiben die bösen Geister; und Gifte und giftige Tiere können uns nicht schaden, auch dann nicht, so wir irgend genötigt wären, über Skorpionen und Vipern barfuß einherzuschreiten.

[GEJ.09_060,13] Unsere Hauptarbeit und Beschäftigung aber besteht darin, daß wir in des von Gott gesandten Gottmenschen Namen als dessen Gesandte die Ankunft des Reiches Gottes auf Erden unter den Menschen, gleichviel ob Juden oder Heiden, verkünden und ihnen sagen, daß in Seiner Person der von den Propheten verkündete Messias nun in diese Welt gekommen ist, um sie zu erlösen vom alten und überharten Joche der Sünde, der Lüge, des Truges, die da seien das Gericht und der ewige Tod.‘

[GEJ.09_060,14] Ich fragte die beiden um die Elemente der neuen Lehre, durch die das Reich Gottes auf die Erde unter die Menschen kommen solle. Und siehe, da redeten sie so wie du und auch, wie einer deiner Jünger nun mit uns geredet hat, und wir fanden, daß sie die Wahrheit redeten, und glaubten völlig ihren Worten!“

 

61. Kapitel

[GEJ.09_061,01] (Der Alte:) „Es war aber unter uns ein Mensch, der schon seit dreißig Jahren irrsinnig war und sich dann und wann in die Wälder verlief, allwo er von den argen Geistern derart gequält ward, daß er oft so stark und entsetzlich heulte und brüllte, daß sogar die wildesten Tiere vor ihm jählings die Flucht ergriffen. Wenn er wieder aus den Wäldern zu uns zurückkam, da war er ruhig; aber so man ihn befragte, was er in den Wäldern gemacht habe, da wußte er sich dessen niemals zu entsinnen.

[GEJ.09_061,02] Dieser sehr zu bedauernde Mensch befand sich zur Zeit gerade hier im Dorfe, als die beiden Männer uns besuchten, und wir stellten ihn ihnen auf ihr Verlangen vor. Da legten sie die Hände auf ihn und geboten den argen Geistern im Namen des Gottessohnes Jesus, aus dem Menschen zu fahren und seinen Leib auf immerdar zu verlassen. Da aber schrien die bösen Geister so stark wie ein Kriegsheer aus dem von ihnen so lange geplagten Menschen: ,Den Jesus Zebaoth Jehova, geboren ins Fleisch von einer zarten Jungfrau in einem Schafstalle zu Bethlehem und zum kräftigen Manne aufgewachsen in Altnazareth in Galiläa, kennen wir und sind auch Seiner Allmacht untertan, weil es uns nicht möglich ist, ihr zu widerstreben; aber euch kennen wir nicht und werden euch auch nicht gehorchen!‘

[GEJ.09_061,03] Darauf aber beriefen im Geiste die beiden Männer gar ernstlich ihren Jesus zu Hilfe. Wir vernahmen auf diesen Ruf wie einen mächtigen Donner aus der Höhe, und die argen Geister verließen plötzlich den Geplagten, und wir sahen sie wie einen großen Schwarm schwarzer Fliegen eiligst von dannen brausen, und der vorher so viele Jahre geplagte Mensch ward darauf völlig gesund und befindet sich noch bis zur Stunde so unter uns im Dorfe. So du, Herr und Meister deiner Jünger, ihn etwa sehen wolltest, so könnte ich ihn herführen lassen!

[GEJ.09_061,04] Und siehe, das war eine seltene Begebenheit in unserem sehr abgelegenen Dorfe, – und ich möchte nun denn auch erfahren, ob etwa auch ihr so Abgesandte von jenem mächtigen Jesus Zebaoth Jehova aus Nazareth seid, weil auch ihr, gleich den zwei Männern, weise redet und nun auch an unseren Fruchtbäumen augenscheinliche Wunder durch eure Gegenwart geschehen sind.“

[GEJ.09_061,05] Sagte Ich: „Laß zuvor den geheilten Menschen herkommen, und es wird sich dann schon zeigen, wer Ich bin, und wer Meine Jünger sind!“

[GEJ.09_061,06] Auf diese Meine Worte ward alsbald der geheilte Mann aus einem Hause, wo er arbeitete, zu Mir gebracht, und er fragte Mich, was Ich von ihm begehre, das er Mir tun solle.

[GEJ.09_061,07] Ich aber sagte zu ihm: „Daß du Mir irgendeinen Dienst erweisen sollst, das verlange Ich von dir wahrlich nicht; aber Ich kann dir einen guten Dienst erweisen und ließ dich darum zu Mir kommen. Du bist erst vor kurzem von zwei Männern von deinen Plagegeistern erlöst worden?“

[GEJ.09_061,08] Sagte der Befragte: „Ja, mein Herr, die argen Geister haben mich – Dank sei Gott in der Höhe! – verlassen; doch eine gewisse körperliche Schwäche und die stets steigende Furcht vor dem in meinem Alter sich sichtlich nahenden Tode wollen mich trotz alles Betens und Vertrauens auf Gott doch nicht verlassen, und ich kann mich darum über gar nichts in der Welt mehr freuen. Siehe, das ist auch ein großes und sehr traurig aussehendes Übel, besonders für einen unter lauter ärgsten Plagen altgewordenen Menschen. Kannst du mich etwa davon befreien, dann würdest du mir freilich einen größten und mir wohltuendsten Dienst erweisen!“

[GEJ.09_061,09] Sagte Ich: „Ja, mein Freund, das vermag Ich aus Meiner höchsteigenen Machtvollkommenheit und bedarf dazu keines andern Wesens Hilfe! Und so will Ich, daß du nun alsogleich so stark und kräftig werdest, wie du zuvor noch niemals warst, und so verlasse dich denn auch für immerdar die eitel törichte Furcht vor dem Tode des Leibes, der eigentlich kein Tod, sondern nur ein helles Licht ins wahre, ewige Leben ist!“

[GEJ.09_061,10] Als Ich diese Worte über den Menschen ausgesprochen hatte, da ward er plötzlich voll einer jungmännlichen Kraft, und die Furcht vor dem Tode verließ ihn alsbald gänzlich also, daß er vor lauter Freude zu jubeln und Mir aus voller Brust für diese Heilung zu danken anfing und Gott pries, der Mir solch eine Macht verlieh.

[GEJ.09_061,11] Hierauf trat wieder der Alte zu Mir und sagte voll Staunen und Ehrfurcht: „O Herr und Meister, mir kommt es nun vor, als wüßte ich schon, wer Du so ganz eigentlich bist!“

[GEJ.09_061,12] Sagte Ich: „Wenn es dir also vorkommt, da rede, wie es dir vorkommt!“

[GEJ.09_061,13] Und der Alte sagte: „Herr und Meister, vergib mir meine Dreistigkeit, daß ich mit Dir rede! Es geht aus allem, was ich nun vernommen habe, hervor, daß eben Du der Jesus Zebaoth Jehova bist; denn kein Sterblicher von Anbeginn der Welt könnte es je sagen: ,Ich tue dir das aus meiner höchsteigenen Machtvollkommenheit!‘, und es gelänge ihm wunderbarsterweise auf ein Haar, was er will und ganz einfach mit leichtverständlichen Worten ausspricht. Du, Freund, aber hast nicht zu Gott oder dem Jesus Zebaoth Jehova gerufen: ,Hilf mir!‘, sondern Du sagtest: ,Ich will es also aus Meiner höchsteigenen Machtvollkommenheit!‘

[GEJ.09_061,14] Was bist Du demnach? – Du Selbst bist da der einzig allein wahre Jesus Zebaoth Jehova, – und so verbirg denn nicht länger Dein durch der Propheten Weissagungen verheißenes Messiasantlitz, auf daß wir in Dir Den begrüßen, lieben, loben und preisen können, der Du bist, und Dir niemand gleicht weder auf Erden noch im Himmel! Denn so Du Jehova Zebaoth bist – was ich für mich nicht im geringsten bezweifle –, so gebührt Dir allein alle Ehre und Anbetung von uns Menschen, die wir Dich erkannt haben aus Deinen Worten und aus Deinen Taten!“

[GEJ.09_061,15] Sagte Ich: „Was ihr tun wollt, das tuet im Herzen; denn alles Lob aus dem Munde hat vor Mir keinen Wert! Nur vor euren Brüdern bekennet Meinen Namen auch offen mit dem Munde, und redet von Meiner Lehre und von Meinen Taten, und tuet nach Meinen Worten, und handelt und lebet nach Meiner Lehre, die euch Meine zwei Gesandten verkündet haben, und Ich werde euch bekennen vor Meinem Vater; und den Ich bekennen werde vor Meinem Vater, der wird in sich haben das ewige Leben.

[GEJ.09_061,16] Nun aber werden wir unseren Weg wieder weiter fortsetzen; denn Ich muß Mich noch vielen zeigen, die so wie ihr schon völlig an Mich glauben, aber auch eine große Sehnsucht haben, Mich zu sehen.

 

62. Kapitel

[GEJ.09_062,01] (Der Herr:) „So ihr bleibet in Meiner Lehre, da werde Ich auch bleiben im Geiste bei euch also, wie bei allen Menschen, die an Mich glauben und nach Meiner Lehre leben und handeln und jene, die Ich ausgesandt habe, zu predigen allen Völkern das Evangelium von der Ankunft des Reiches Gottes auf Erden, und worin es besteht, und was sein Wesen ist, gleich euch in aller Liebe und Freundlichkeit aufnehmen und ihnen geben zu essen und zu trinken.

[GEJ.09_062,02] Denn die Ich nun aussende, sind gleich den Propheten; wer aber einem Propheten irdisch Gutes erweist, der wird auch eines Propheten Lohn ernten; dieser aber besteht darin, daß Ich im Geiste also, wie im Propheten, bei ihm sein und bleiben werde, und er wird an Meinen Segnungen keinen Mangel haben.

[GEJ.09_062,03] Ihr habt eure Grundstücke, die sehr steinig sind, bisher schwer bearbeitet, und eure Äcker, Gärten und Wiesen haben euch nur eine magere Ernte gebracht; aber ihr habt nicht gemurrt, danktet Gott auch für das wenige, und Er aber segnete euch auch das wenige, und es langte aus für euch und durch eure Nächstenliebe auch für manchen Fremden, der hungrig, durstig und oft auch nackt zu euch kam.

[GEJ.09_062,04] Da ihr Mir aber mit dem wenigen treu waret, so sollen von nun an eure Gründe, die wohl keinen kleinen Flächenraum haben, ihr sehr steiniges Ansehen verlieren, und ihr werdet in der Folge reiche Ernten machen und werdet auch viele Diener benötigen. Kurz, der Geist, den Ich in euch erwecken werde, wird euch lehren, wie ihr in der Folge eure diesweltliche Wirtschaftung werdet zu besorgen und zu bestellen haben.

[GEJ.09_062,05] So aber eure Gründe voll Segens sein werden, da übernehmt euch nicht, sondern bleibet, wie ihr nun seid, und Mein Segen wird auch bei euch bleiben natürlich und geistig! Also sei es, und also bleibe es, gleichwie ihr tatsächlich in Meiner Lehre bleiben werdet!“

[GEJ.09_062,06] Auf diese Meine Worte warfen sich alle die anwesenden Bewohner dieses kleinen Bergdorfes auf ihre Knie vor Mir nieder und dankten Mir für die Gnade, die Ich ihnen erwiesen habe. Der Alte und der ganz Geheilte aber konnten vor lauter Dankestränen kaum reden. Ich aber hieß sie aufstehen und sich nun heiteren Mutes an ihre Geschäfte begeben, was sie denn auch taten; nur der Alte und der Geheilte blieben noch und betrachteten Mich und Meine Jünger mit wonniglichen Blicken.

[GEJ.09_062,07] Und der Geheilte sagte: „Oh, wie glücklich doch müssen diese Deine auserwählten Jünger sein, die stets um Dich, o Herr, und Zeugen von allen Deinen Taten und Lehren sein können!“

[GEJ.09_062,08] Sagte Ich: „Darum werden sie späterhin, so Ich in dieser Meiner sichtbaren Person nicht mehr bei ihnen sein werde, sondern dort, von wannen Ich gekommen bin, aber auch um so stärkere Lebensproben und allerlei Verfolgungen von seiten der Welt zu bestehen bekommen; denn die Welt, wie sie nun ist, ist blind und taub, wird sie hassen um Meines Namens willen, wie sie auch Mich haßt, weil sie Mich noch nie erkannt hat und auch nicht erkennen und so in ihren Sünden und Greueln zugrunde gehen wird.

[GEJ.09_062,09] Und sehet, da werdet ihr es in dieser Welt leichter haben, obwohl man auch euch häufig erforschen wird, ob auch ihr an Mich glaubet und nach Meiner Lehre handelt und lebet!

[GEJ.09_062,10] So man aber euch darum fragen wird, da werdet nicht ängstlich und denket auch nicht nach, was ihr den Fragern und Versuchern zur Antwort bringen sollet! Es wird euch zur Stunde, wann ihr es benötigen werdet, die rechte Antwort schon in den Mund gelegt werden, und eure Versucher werden euch auf tausend auch nicht eins zu erwidern imstande sein. Auch dessen kann Ich euch völlig versichern.“

[GEJ.09_062,11] Darauf wurden die beiden beruhigt, und Ich winkte den Jüngern, daß es an der Zeit zur Weiterreise sei.

[GEJ.09_062,12] Da fingen die Jünger an, sich auf den Weg zu machen, und Ich trat unter sie, und wir verließen in Windesschnelle das Bergdorf. Und ehe sich die Bewohner desselben noch so recht umsehen konnten, waren wir ihnen auch schon aus dem Gesichte völlig entschwunden, welch schnelles Entschwinden einige der Bewohner des Dorfes in die Meinung versetzte, als wären wir Geister gewesen; aber der Alte und der Geheilte erklärten ihnen, wer Ich sei, und wie Mir darum auch alles möglich ist.

[GEJ.09_062,13] In einem Jahre darauf, als ihre steinigen Gründe sich in gar üppige Fluren umzugestalten anfingen, da ward auch ihr Glaube noch kräftiger, und Ich trat von Zeit zu Zeit sichtbar unter ihnen auf und stärkte sie im Glauben und in der Liebe, in der Geduld und Sanftmut. Denn es wurden einige von ihnen, als sie vernommen hatten, daß Ich in Jerusalem bin gekreuzigt worden und am Kreuze starb, sehr ängstlich und bedenklich im Glauben; und so war es denn auch nötig, daß Ich auch persönlich zu ihnen kam, Mich ihnen als Herr und als der Besieger des Todes zeigte, sie tröstete, und ihnen auch aus der Schrift erklärte, wie das alles an Mir hatte geschehen müssen, auf daß durch die finstere Pforte des Todes eine jede Seele, die an Mich glaubt, in die ewige Herrlichkeit eingehe, in die Ich eingegangen bin, und in der Ich Mich schon von Ewigkeit befand. Was aber geschah, das sei aus Liebe zu den Menschen geschehen, auf daß sie durch den Glauben an Mich und an Meine Menschwerdung zu ihrem Heile, aber auch zum Gerichte der argen Welt, zu Meinen wahren Kindern würden, Mir gleich in allem. Und es wurden dann eben diese Bewohner des Bergdorfes, das in wenigen Jahren sehr ansehnlich ward, zu wahren Helden im Glauben und in der Tat danach.

 

63. Kapitel

[GEJ.09_063,01] In einer Stunde aber gelangten wir in einen dichten Wald, durch den der Weg führte gen Galiläa hin. Der Wald dauerte bei drei guten Stunden Weges, und es war kein Haus irgend am Wege.

[GEJ.09_063,02] Und es fragten Mich die Jünger, warum ein solcher Wald von niemandem benützt werde.

[GEJ.09_063,03] Ich aber sagte zu ihnen: „Seid froh darüber, daß in dem Gelobten Lande noch ein so gesunder Wald besteht und noch nicht der menschlichen Habgier zum schnöden Opfer geworden ist! In diesem Walde könnet ihr noch Stellen finden, an denen der Honig aus den Bäumen wie ein kleiner Bach fließt; denn in solchen Wäldern sind noch reichlich Bienen vorhanden und bereiten den Honig.

[GEJ.09_063,04] Dazu habe Ich auch allerlei Getier erschaffen, das da erstens für den natürlichen Bestand der Erde ebenso notwendig ist wie dem Menschen das Auge zum Sehen, und zweitens zur fortschreitenden und selbständigen Ausbildung der Seelen auf dieser Erde vollends unerläßlich ist, wie Ich euch das bei andern Gelegenheiten schon ganz umständlich und durch die Eröffnung eurer inneren Sehe auch wesentlich gezeigt habe; und so werdet ihr denn auch einsehen, daß das Getier aller Art und Gattung, weil es zur endlichen Ausbildung des Menschen nach Meiner Ordnung dasein muß, neben dem Menschen auf dieser Erde doch auch eine Wohnstätte haben muß. Und dazu sind denn auch hie und da auf der Erde derlei größere und dichtere Wälder notwendig. Sie haben aber daneben noch tausendfach andere Zwecke.

[GEJ.09_063,05] Vor allem sind sie die ersten Aufnahmegefäße für zahllos viele Naturgeister, die im Reiche der Pflanzen ihre erste, schon mit einer geordneten Intelligenz gesonderte Inkorporierung erhalten und insoweit zu einer Reife gelangen, durch die sie dann schon ins intelligentere und freiere Tierleben übergehen können, – was alles Ich euch auch schon gezeigt habe, weil Ich es also will, daß ihr alle Geheimnisse des Reiches Gottes auf Erden wohl erkennen sollet.

[GEJ.09_063,06] Solange derlei Wälder auf der Erde in gerecht reichlichem Maße bestehen und die stets aus allen Sternen zur Erde kehrenden und aus dieser Erde sich entwickelnden und aufsteigenden Naturgeister in solchen Wäldern ihre Aufnahme und wohlgeordnete Unterkunft finden, so lange werdet ihr über dem Erdboden hin weder zu heftige Elementarstürme, noch irgend zu verschiedenartig pestilenzische Krankheiten auftauchen sehen; wenn aber einmal die zu gierende Gewinnsucht der Menschen sich zu sehr an den Wäldern der Erde vergreifen wird, dann wird für die Menschen auch böse zu leben und zu bestehen sein auf dieser Erde und am bösesten dort, wo die Lichtungen der Wälder zu sehr überhandnehmen werden, – was ihr euch auch merken könnet, um die Menschen vor solch einer losen Industrie rechtzeitig zu warnen.

[GEJ.09_063,07] Seht, in den ersten Zeiten der Menschen auf dieser Erde wußte man weder von gezimmerten Häusern und noch weniger von gemauerten Burgen; solche Wälder dienten auch den Menschen zur Wohnung, und sie erreichten in diesen naturlebendigen Wohnungen ein überhohes und völlig gesundes Alter. Im Norden sowohl Asiens als auch Europas und noch anderer großer und kleinerer Weltteile, auch auf der südlichen Erdhälfte, wohnen noch heutzutage ganz kräftige und gesunde Menschen, in naturmäßiger Hinsicht genommen, in Wäldern, und so ist ein solcher Wald nicht etwas so Furchtbares und Nutzloses, als sich das der kurzsichtige Verstand der Menschen vorstellt! Wenn ihr das begriffen habt, dann seid nun nur recht heiteren Mutes darüber, daß wir hier noch so einen recht gesunden Urwald angetroffen haben.“

[GEJ.09_063,08] Während Ich aber den Jüngern dieses über den dichten Wald eröffnete, kamen wir auf eine freiere Stelle des Waldes, die mit alten Zedern umwachsen war. Und da war eine Zeder, die hohl war und darum eine große Masse Bienen in sich beherbergte, die so viel Honig bereiteten, daß dieser, weil er von den Bienen nicht verzehrt werden konnte, allenthalben aus den Ritzen und Spalten des mächtigen Baumes so reichlich herausfloß, daß eine Vertiefung, von dem Baume etwas nach abwärts, wie ein kleiner Teich ganz mit dem besten Honig vollgefüllt zu sehen war und von den Jüngern bald ein Abfluß von dem wahren Honigteiche nach rechts weit in den Wald hinein entdeckt wurde.

[GEJ.09_063,09] Und Petrus sagte: „Da ist wahrlich noch ein Stückchen des alten Kanaan, in dem Honig und Milch in Bächen floß! Es ist nur ordentlich wunderbar, daß die stets unersättliche Habsucht der Menschen diesen wahren Honigsee bis jetzt noch nicht entdeckt hat. Herr und Meister, schade, daß wir kein Brot bei uns haben, – da könnten wir uns ganz wohl mit dem Honigbrote sättigen!“

[GEJ.09_063,10] Sagte darauf Philippus: „Einen Laib Brotes hätte ich wohl bei mir; aber wir sind nun unser etliche vierzig an der Zahl, und es wird darum wenig auf einen kommen!“

[GEJ.09_063,11] Sagten darauf die Johannesjünger: „Wir haben auch noch ein paar Laibe, die wir schon in Jericho gekauft haben, und so dürfte das Brot doch, wenn auch in kärglicher Weise, für uns alle wohl auslangen!“

[GEJ.09_063,12] Sagte Ich: „Wenn es euch schon hungert, da verteilet unter euch die drei Laibe, und esset!“

[GEJ.09_063,13] Die Jünger taten das und übergaben auch Mir ein bestes Stück.

[GEJ.09_063,14] Darauf segnete Ich das Brot, und es vermehrte sich also, daß wir nun alle des Brotes zur Übergenüge hatten. Wir setzten uns denn um den Teich, tauchten das Brot in den Honig, und die Jünger, und ganz besonders Judas Ischariot, konnten sich an dem süßen Brote nicht zur Genüge satt essen.

[GEJ.09_063,15] Diese Mahlzeit dauerte bei einer halben Stunde lang, und Ich sagte: „Nun haben wir alle genug des Honigbrotes gegessen, und es ist Zeit, daß wir diese für euch gar zu süße Waldstelle verlassen und sehen, heute vor dem Untergange noch Galiläa zu erreichen, denn hier sind wir noch in Samaria.“

[GEJ.09_063,16] Sagte Petrus: „Herr, wahrlich, hier wäre es gut, ein paar Tage lang zu verbleiben und so ein wenig auszuruhen! Hier wären wir auch vor der oft lästigen Zudringlichkeit der Menschen sicher; denn diese Stelle hat vor uns ganz sicher noch kein Mensch entdeckt, weil der Honigteich noch so voll ist, daß er überfließt.“

[GEJ.09_063,17] Sagte Ich: „Die Menschen haben zwar diese Waldstelle nicht entdeckt, aber mehrere Bären dieses Waldes schon lange, und diese werden nicht zu lange auf sich warten lassen. Wollt ihr mit solchen Bewohnern diese Nacht an diesem Honigteiche zubringen, da könnet ihr schon hier übernachten. Doch Ich werde da nicht in der Gesellschaft der Bären verweilen, und mit der Macht Meines Willens will Ich sie nicht bezwingen und ihnen ihre Mahlzeit schmälern!“

[GEJ.09_063,18] Als die Jünger von der Ankunft mehrerer Bären hörten, vor denen die meisten einen Abscheu hatten, da waren sie denn auch gleich zur Abreise bereit. Ein jeder tauchte noch einmal seinen Rest Brotes in den Honig, erhob sich dann schnell vom Boden, und wir verließen diese Stelle und zogen unseren Weg weiter, den wir uns aber eine ziemliche Strecke weit erst bahnen mußten, weil wir uns ehedem, um zu unserem Honigteiche zu gelangen, von der gebahnten Straße bergaufwärts entfernen mußten.

[GEJ.09_063,19] Nach einer Weile gelangten wir mit mancher kleinen Mühe wieder zu der gebahnten Straße noch im Walde, auf der wir uns dann wieder mit Windesschnelle vorwärtsbewegten und so denn auch schon in einer halben Stunde das Land Galiläa erreichten.

 

64. Kapitel – Der Herr in Galiläa. (Kap.64-96)

[GEJ.09_064,01] Es waren aber die Jünger auf die Honigmahlzeit sehr durstig geworden, und da wir zu einer Landherberge kamen, so verlangten sie zu trinken.

[GEJ.09_064,02] Der Wirt aber entschuldigte sich, daß er außer etwas Zisternenwasser und Schafmilch keine Getränke besitze, und die Jünger begnügten sich mit der Schafmilch, die der Wirt in reichlichem Maße besaß, und stillten sich damit den Durst.

[GEJ.09_064,03] Als sich die Jünger den Durst gestillt hatten, da fragten die sogenannten und schon bekannten Judgriechen und auch die Jünger des Johannes, die alle recht viel Geld bei sich hatten, was die Milch koste.

[GEJ.09_064,04] Der Wirt aber sagte: „Wer unter euch ein Jude ist, der ist frei – denn so ein Jude zum ersten Male in meiner Herberge eine Labung verlangt, so ist es bei mir Sitte, daß sie ihm ohne Entgelt gereicht wird –; aber die Griechen bezahlen die Labung, und zwar ein jeglicher mit einem Pfennige!“

[GEJ.09_064,05] Die Judgriechen aber, obschon sie Juden waren, sagten: „Freund, wir tragen zwar der Griechen Kleidung, sind aber beschnitten und sind darum Juden und keine Griechen! Es macht das aber nichts. Du hast eine so billige Rechnung gestellt, daß wir sie dir nicht nur einfach, sondern dreifach bezahlen wollen und auch werden; denn deiner Schafe Milch war frisch und gut, und wir haben uns unseren Durst gestillt, und so ist deine Rechnung zu gering gestellt! Hier, empfange du das Geld!“

[GEJ.09_064,06] Mit dem übergab ihm einer der Judgriechen ein Silberstück im Werte von hundert Pfennig.

[GEJ.09_064,07] Der Wirt aber entschuldigte sich, daß er so ein Geldstück nicht wechseln könne und sagte: „Da ihr nach eurer für mich völlig glaubwürdigen Aussage denn auch Juden seid, da seid auch ihr frei, und ich nehme von euch kein Geld an, weder klein und noch weniger groß!“

[GEJ.09_064,08] Sagte darauf Ich zum Wirte: „Wer so billig rechnet wie du, der begeht keine Sünde, so er das annimmt, was ihm die Gäste freiwillig darreichen.“

[GEJ.09_064,09] Auf dies Mein Wort nahm der Wirt das Geldstück an und sagte: „Da zahlt einer für den andern! Es ist zwar diese keine Straße, auf der oft und viele Karawanen ihre Reisen machen – denn die Reisenden scheuen den großen und dichten Bergwald, in welchem sich allerlei Raubtiere aufhalten und die Reisenden besonders in der Winterszeit oft sehr belästigen –; aber im Frühjahr und im Sommer kommen doch noch Reisende auf dieser alten Straße, die von den Philistern gebahnt worden sein soll, und darunter werden sich schon etliche vorfinden, denen eine entgeltlose Verpflegung ganz gut zustatten kommen wird.

[GEJ.09_064,10] Oh, hätte ich nur eine gute Brunnquelle bei meiner sonst großen Landwirtschaft, so würde es zu gewissen Zeiten an hier zusprechenden Gästen nicht fehlen; aber alle meine Zisternen haben oft kaum so viel nur halbwegs trinkbaren Wassers, als ich für meine Wirtschaft benötige. Ich kann darum denn auch nur selten Fremde bei mir beherbergen. Seht, es geht der heutige Tag auch schon seinem Ende zu, und ich möchte euch gern über die Nacht beherbergen, weil der nächste Ort, ein kleiner Flecken, bei zwei Stunden Weges von hier entfernt ist, – aber ich habe keinen Wein, beinahe kein Brot und kein Salz! Denn wir leben hier wahrlich nur von der Milch unserer Schafe und Ziegen und von ihrem geräucherten Fleisch – auch Hühner kommen hier gut fort und legen viele Eier –; nur muß ich stets recht viele wohlbewaffnete und mutige Hirten halten, damit meine Herden von den Raubtieren keinen zu großen Schaden erleiden. Seid ihr aber mit meiner Hauskost zufrieden, da möget ihr immerhin hier bei mir die Nacht zubringen. Ich habe von euch des Geldes zur Genüge erhalten und würde euch am Morgen keine neue Rechnung machen. Mein Weib und meine schon erwachsenen fünf Töchter bereiten unsere Hauskost recht gut.“

[GEJ.09_064,11] Sagte Ich: „Freund, wir werden zwar heute nicht hier, sondern im nahen Flecken übernachten; aber da Ich eben ein Meister in der Auffindung der reinen und lebendigen Brunnenwasserquellen bin, so will Ich Mich bei deinem Hause ein wenig umsehen, ob sich nicht eine Stelle irgend finden lasse, unter der sich etwa eine reiche Wasserquelle befindet.“

[GEJ.09_064,12] Sagte der Wirt: „O Freund, da wirst du dir eine ebenso vergebliche Mühe machen, wie sich das hier schon mehrere Wasserkundige gemacht haben, die in der ganzen weiten Umgegend Wasser suchten und mit allen ihren Werkzeugen, mittels denen man das Vorhandensein irgendeiner unterirdischen Quelle wohl wahrnehmen soll, keine solche Stelle gefunden haben! Wahrlich, da müßte zuvor Gott in dieser Gegend erst eine Brunnenwasserquelle erschaffen, ansonst wird sich hier wohl keine finden lassen, – und um mein Haus herum schon am allerwenigsten; denn da habe ich mit meinen Knechten schon das Unterste zum Obersten aufgewühlt und fand nichts als taubes und trockenes Gestein.“

[GEJ.09_064,13] Sagte Ich: „Es kommt da nun nur auch auf eine kleine Probe an. Vielleicht gelingt es Mir besser als dir und allen deinen Wasserfühlern?!“

[GEJ.09_064,14] Sagte der Wirt: „O Freund, du kannst es wohl versuchen, – aber da habe ich einen schwachen Glauben!“

[GEJ.09_064,15] Sagte Ich: „Das macht vorderhand nichts; denn du wirst schon nachderhand zu einem stärkeren Glauben kommen!“

[GEJ.09_064,16] Hierauf fragte Ich den Wirt, auf welcher Stelle er sich in der Nähe seines Hauses eine reiche Brunnquelle wünschen würde.

[GEJ.09_064,17] Sagte der Wirt: „Freund, das auch noch? Ja, wenn du so einen Hirtenstab Mosis besäßest, siehe, da wäre dieser bei zwei Mannslängen hohe harte Fels der geeignetste Punkt dazu! Hatte der Fels in der Wüste sein Wasser geben müssen auf Mosis Geheiß, als er mit dem Stab in den Felsen stieß, so könnte dieser Fels dasselbe tun. Aber es gibt nun keinen Moses mehr und einen solchen Stab auch nicht, und so wird unser Fels wohl auch nimmerdar zu einem Wasserbrunnen werden.“

[GEJ.09_064,18] Sagte Ich: „Freund, hier vor dir ist mehr denn Moses und alle Propheten, und Mein Wille ist mächtiger als dein Hirtenstab Mosis! Siehe, Ich werde mit keinem Stabe an den Fels schlagen, ja denselben nicht einmal mit einem Finger berühren, und der Fels wird so viel des reinsten und besten Trinkwassers von sich für lange hin geben, daß du und deine Nachkommen an keinem Wassermangel je zu leiden haben sollen!“

[GEJ.09_064,19] Auf das wandte Ich Mich zum Felsen hin und sagte: „Ich will, daß aus dir ein ganzer Bach voll des reinsten und besten Wassers hervorzuquellen anfange, dann fortfließe tausend Jahre lang und erst dann versiege, wenn finstere Heiden diese Stätte zertreten werden!“

[GEJ.09_064,20] Auf diese Meine Worte löste sich im Augenblick ein Stück von der Wand des Felsens, und es schoß mit einem starken Gebrause ein so mächtiger Wasserstrom hervor, daß dann von dem Felsen weg etwas abwärts dem tiefergelegenen Tale zu sogleich ein so starker Bach zu fließen begann, daß er sich bald ein Bett grub und im selben fortfloß.

 

65. Kapitel

[GEJ.09_065,01] Als der Wirt das ersah, da erschrak er und wußte nicht, was er nun hätte sagen sollen.

[GEJ.09_065,02] Ich aber sagte zu ihm: „Freund, wie sieht es nun mit der Schwäche deines Glaubens aus?“

[GEJ.09_065,03] Sagte darauf der Wirt, noch ganz voll Staunens: „O Freund, was da meinen Glauben an dein Wort betrifft, da könntest du mir nun schon zum Glauben vorstellen, was du wolltest, und ich würde es dir glauben! Wahrlich, du mußt ein gar mächtiger Prophet sein, ja größer noch als Moses und Elias! Du magst schon vielerorts große Zeichen gewirkt haben, um den verfallenen Glauben an den einen wahren Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs wieder von neuem aufzurichten und die alte Gottesfurcht in den Herzen der Menschen wieder zu erwecken; aber ich lebe hier zwischen den Bergen von aller Welt ganz abgeschlossen und erfahre wenig, was irgend in der weiten und großen Welt ist und geschieht, und die seltenen Wanderer auf dieser alten Straße halten auch nur selten aus den ehedem angeführten Gründen bei mir an, – und so kann nun schon gar viel Wunderbarstes sich in der Welt zugetragen haben, und es ist dennoch nichts davon bis zu unsern Ohren gekommen. Was ist denn so ganz eigentlich deine Sache, die du an der Spitze dieser deiner Gefährten hauptsächlich betreibst? Denn es kommt mir vor, daß du nicht nur darum in der Welt umherziehst, um wasserleere Gegenden mit Wasser zu versehen!“

[GEJ.09_065,04] Sagte Ich: „Da magst du wohl recht urteilen; aber es nimmt Mich wunder, daß du, als selbst ein Galiläer, von Mir bis jetzt noch nichts solltest vernommen haben. Du kamst vor etlichen Jahren ja doch zu öfteren Malen nach Nazareth, in welcher Stadt Ich lange als ein Zimmermann an der Seite des alten, dir wohlbekannten Joseph gearbeitet habe! Und da hast du über Mich denn auch allerlei erfahren. Erinnerst du dich dessen denn gar nicht mehr?“

[GEJ.09_065,05] Sagte nun der Wirt, gar große Augen machend: „Du – wärest eben jener Zimmermannssohn, von dem die Nazaräer allerlei Märchen und Fabeln erzählten und ihn für einen halb irrsinnigen Sonderling erklärten? Ja, ja, von jenem Zimmermanne habe ich wohl vor etlichen Jahren so manches gehört, aber das meiste nur aus seiner Jugendzeit; denn als ein reif gewordener Jüngling und nachher als schon ein Mann soll er gar wenig von seinen Kinderfähigkeiten mehr innegehabt haben, redete nur wenig und tat auch keine Zeichen mehr, und man hat sich denn auch wenig mehr um ihn gekümmert.

[GEJ.09_065,06] Also – du bist des alten Joseph jüngster Sohn, auf den er gar große Hoffnungen setzte, aber am Ende selbst daran zu zweifeln begann, da du nahezu ganz stumm geworden wärest und etwa gar keine Zeichen mehr wirktest! Ah, nun wird mir so manches klar, was ich früher nimmerdar geglaubt hätte! Aber nun erst möchte ich aus deinem Munde erfahren, was nun der Zweck deines Umherreisens ist, und jetzt erst wünsche ich vollends, daß ihr diese Nacht bei mir verbleiben möchtet!“

[GEJ.09_065,07] Sagte Ich: „Siehe, wenn Ich bald werde dahin zurückgekehrt sein, von woher Ich gekommen bin, dann werden Meine Jünger in alle Welt ausgesandt werden und werden in Meinem Namen den Menschen predigen, was sie von Mir gelernt haben, und es wird dir dann der Zweck Meines nunmaligen Umherreisens schon bekanntgemacht werden.

[GEJ.09_065,08] Wer an Mich und an Mein Wort glauben und danach handeln wird, aus dessen Lenden werden Ströme des lebendigen Wassers fließen, und es wird ihn nimmerdar dürsten; denn er wird in sich haben das ewige Leben in der Wahrheit und im Geiste aller Liebe aus Gott.

[GEJ.09_065,09] Es ist aber ein leichtes, einem Fels zu gebieten, daß er ein natürliches Wasser aus sich hervorströmen lasse; aber da die Menschen in ihren Gemütern und Herzen nun um vieles härter geworden sind, als da ist dieser Fels, der auf Mein Wort das Wasser von sich strömen läßt, so ist es auch um ein großes schwerer, die Menschen dahin zu bringen, daß aus ihren Lenden das Wasser des Lebens ströme, – welches Wasser da ist die ewige Wahrheit in Gott und nun im Worte an die Menschen ergeht.

[GEJ.09_065,10] So es im Worte auch an dich ergehen wird, dann glaube und handle, und du wirst im Gottesreiche zu einem Brunnen werden, aus dem sich viele nach der Wahrheit Dürstende fürs ewige Leben ihrer Seelen erlaben werden. Da hast du nun dargestellt den Zweck Meines Umherreisens.

[GEJ.09_065,11] Du wünschtest aber auch, daß Ich diese bald kommende Nacht in deinem Hause zubringen möchte. Allein das kann Ich dir nun nicht gewähren; denn siehe, der Tag wird noch eine Stunde währen, und Ich muß arbeiten, solange der Tag währt! Es harret heute Meiner vor dem Untergange noch eine wichtige Arbeit, und Ich muß darum sogleich weiterreisen mit Meinen Jüngern. Merke es dir aber, was Ich zu dir nun geredet habe; denn es wird bald die Zeit kommen, in der du das höher denn alle Schätze der Welt achten wirst mit deinem ganzen Hause!“

[GEJ.09_065,12] Hierauf winkte Ich den Jüngern zum Aufbruch und somit zur Weiterreise, und wir machten uns auf und zogen gleich weiter.

[GEJ.09_065,13] Der Wirt aber gab uns auf ein paar hundert Schritte das Geleit, dankte Mir für die ihm erwiesene wundersame Wohltat und bat Mich, ehest wieder zu ihm zu kommen und bei ihm länger zu verweilen, als das jetzt der Fall war.

[GEJ.09_065,14] Und Ich sagte zu ihm: „Freund, also, wie diesmal, wirst du Mich wohl nicht mehr sehen; aber wenn du von Meinen Jüngern über Mich und Meinen Willen wirst unterrichtet sein und an Meinen Namen glauben wirst, da werde Ich im Geiste zu dir kommen und auch bleiben bei und in dir. Das verstehst du jetzt noch nicht; aber wenn es geschehen wird, dann wirst du das auch verstehen!“

[GEJ.09_065,15] Auf diese Worte empfahl sich der Wirt und kehrte nachdenkend wieder nach Hause zurück, und wir zogen unseren Weg, der sich auf einem freien Bergrücken fortzog, ruhig weiter und betrachteten die sehr romantische Gegend nach allen Seiten.

[GEJ.09_065,16] Als der Wirt aber bald wieder nach Hause kam, da standen alle seine Leute, bei vierzig an der Zahl, und betrachteten unter großem Staunen und Verwundern den Fels, aus dem nun ein so reichliches Wasser hervorströmte, und fragten den Wirt, wer Ich denn wäre, und wie Ich das angestellt hätte, daß der Fels nun ein so reines und reichliches Wasser von sich strömen lasse.

[GEJ.09_065,17] Der Wirt erzählte ihnen wohl alles, was er gesehen und gehört hatte; aber seine Leute verstanden von allem nichts.

[GEJ.09_065,18] Nur ein ganz schlichter Hirte, der eine Herde Schafe nach Hause brachte und sie gleich an der frischen Quelle tränkte, sagte: „Ihr ratet, fraget und forschet um allerlei, – und die Wahrheit scheint hier ganz nahe zu liegen! Ein Mensch, der bloß durch sein Wort machen kann, was keinem Menschen möglich ist, der muß voll des Geistes Gottes sein; denn derlei zu bewirken ist nur Gott allein möglich! Aber da Gott unserem Hause hiermit eine übergroße Gnade erwiesen hat, so sollten wir denn auch nun zuerst Ihm danken und lobpreisen Seinen herrlichsten Namen; und morgen sollten wir sogleich unsere Hände ans Werk legen und da unten, wo die Ebene ohnehin schon eine recht weite Einsenkung hat, einen Teich machen, in dem sich das hier abfließende Wasser sammle und unseren Herden zu einer bequemeren Tränke diene, als das hier der Fall ist, wo das Wasser zu rasch von dem Fels ins Tal hinab entweicht!“

[GEJ.09_065,19] Alle belobten den Hirten wegen dieses guten Einfalls und Rates, und es nahmen mehrere Knechte sogleich Krampen, Spaten und Hauen in die Hände und brachten es in einer Stunde so weit zustande, daß das Wasser sich in die vorbezeichnete Ebene bewegen und daselbst sammeln mußte; und in ein paar Tagen war die ganze Ebene, die ohnehin nur aus kahlem Gestein bestand, in einen förmlichen See umgestaltet, worüber sich später viele Reisende hoch verwunderten, da sie in den früheren Zeiten hauptsächlich nur darum diese Gegend gemieden hatten, weil sie im Sommer allda an Wassermangel litten.

[GEJ.09_065,20] Diese alte Straße ward denn auch bald von vielen Reisenden durchzogen, und der Wirt wurde auch bald so reich, daß er aus der ehedem kaum beachteten kleinen Herberge eine große errichtete und stets viele Gäste hatte. Viele zogen auch des bald verbreiteten Wunders wegen dahin und hielten sich mehrere Tage in dieser Herberge auf.

[GEJ.09_065,21] Der Wirt aber ward später auch ein Hauptverbreiter Meines Evangeliums, indem er zuvor von Meinen Jüngern darin wohlunterrichtet worden war.

[GEJ.09_065,22] Das ist als Nachtrag für dieses als denkenswert zu erwähnen gewesen.

[GEJ.09_065,23] Und so kehren wir nun wieder zu uns selbst zurück!

 

66. Kapitel

[GEJ.09_066,01] Wir kamen denn nach einer kleinen Stunde in die Nähe eines Fleckens oder Marktes, und da kamen uns zehn mit bösem Aussatze Behaftete entgegen. Diese waren alle aus der Nähe von Nazareth und mußten schon ein volles Jahr hindurch im Freien lagern, weil sie niemand in eine Herberge aufnehmen wollte und ihnen auch kein Arzt helfen konnte. (Luk.17,11.12)

[GEJ.09_066,02] Diese Zehn, als sie vollends in Meine Nähe kamen, erkannten Mich und auch mehrere Meiner Jünger, blieben stehen, erhoben ihre Stimme und sprachen: „O Jesus, Du lieber Meister, wir kennen Dich und Deine göttliche Macht, erbarme Dich unser; denn wir leiden nicht nur oft kaum erträgliche Schmerzen, sondern alles flieht unsere Nähe!“ (Luk.17,13)

[GEJ.09_066,03] Ich aber sagte zu ihnen: „So helfe euch denn euer Glaube! Kehret nun aber wieder in den Markt zurück und zeiget euch einem Priester, der auch ein Arzt ist (wie das gewöhnlich die Judenpriester zu sein sich einbildeten), der wird euch ein vor der Welt gültiges Zeugnis geben, daß ihr nun völlig rein seid! Dann aber gehet hin, und nützet den Menschen durch eurer Hände Arbeit, und sündiget nicht mehr, auf daß es mit euch nicht noch ärger werde, als es bis jetzt war; denn derlei Übel am Leibe bewirkt die Sünde der Geilheit! Gehet nun, und tut, was Ich euch befohlen habe!“

[GEJ.09_066,04] Da kehrten die Gereinigten eiligst wieder in den Markt zurück und gingen zu einem Priester, zeigten sich ihm und baten ihn, daß er ihnen ein Zeugnis gebe.

[GEJ.09_066,05] Und der Priester besah sie, fand sie völlig rein und gab ihnen denn auch gegen ein kleines Opfer ein Zeugnis, und zwar – wie es gebräuchlich war –, einem jeden ein eigenes, bestehend in einem Blättchen geglätteter Eselshaut, das mit einem Stern bezeichnet war.

[GEJ.09_066,06] Mit diesem Zeugnisse gingen sie denn auch in eine Herberge und wurden mit der Vorzeigung des beschriebenen Zeugnisses denn auch sogleich ohne allen Anstand in die Herberge als Gäste aufgenommen. (Luk.17,14)

[GEJ.09_066,07] Einer aber sagte zu seinen früheren Leidensgefährten: „Höret, der liebe Meister Jesus aus Nazareth hat uns durch Seine wunderbare göttliche Macht von unserem großen Übel geheilt; ich erachte es darum für unsere erste Pflicht, daß wir nun alsbald umkehren, Ihm entgegenziehen und Ihm nochmals unseren Dank darbringen!“

[GEJ.09_066,08] Da sagten die andern: „Du hast wohl recht; aber es ist die Sonne schon untergegangen, und es fängt an zu dämmern, und Er wird nun draußen vor dem Markte nicht auf uns warten, daß wir zurückkämen und Ihm unseren mündlichen Dank darbrächten. Wir danken Ihm im Herzen, und Er, der auch weiß, was ein Mensch denkt, wird es uns doch nicht zu einem Übel anrechnen, so wir Ihm nun nicht irgend entgegenziehen, wo Er schwerlich mehr zu treffen sein wird.“

[GEJ.09_066,09] Der eine aber sagte: „So der liebe Meister Jesus die Gedanken der Menschen, wie wir das an Ihm schon erfahren haben, auch in der Ferne erkennt, so wird Er auch erkennen, daß ich nun zurückkehre an die Stelle, wo wir gereinigt worden sind, um Ihm da die Ihm gebührende Ehre zu geben, – ob Er dort weilt oder nicht!“

[GEJ.09_066,10] Und die andern sagten: „Tue du immerhin, was dir gut und recht dünkt; wir aber glauben auch nichts Unrechtes zu tun, so wir tun, was uns auch gut und recht dünkt!“

[GEJ.09_066,11] Da gingen die neun in die Herberge, der eine aber kehrte an die Stelle zurück, auf der er gereinigt worden war, und an der Ich mit Meinen Jüngern des herrlichen Abends wegen auch noch verweilte. Als er zu Mir kam, empfand er eine große Freude, daß er Mich noch an derselben Stelle weilend fand, an der er eine halbe Stunde zuvor mit den andern neun vom bösen Aussatze gereinigt worden war.

[GEJ.09_066,12] Er fiel denn auch alsbald auf sein Angesicht vor Mir nieder und pries Gott mit lauter Stimme, sagend (der geheilte Aussätzige): „O Jesus, Du lieber, guter Meister, Du Sohn des lebendigen, ewigen Gottes, der Du mit Ihm einer Natur und Wesenheit bist und also auch alles vermagst, was der Vater vermag, ich danke Dir und preise Dich darum, daß Du mir und auch den andern, meinen Leidensgefährten, eine so große Gnade erwiesen hast! Ehre, Lob und Preis Dir im gleichen Maße wie dem ewigen Vater im Himmel, der in Dir, Seinem Sohne, zu uns armen Sündern gekommen ist, um zu erfüllen, was Er durch den Mund der Erzväter und Propheten treu und offen verheißen hat! Oh, bleibe Deine Liebe, Gnade und Erbarmung stets bei uns, und lasse, o Jesus, das auch den Blinden im Geiste erkennen!“ (Luk.17,15.16)

[GEJ.09_066,13] Sagte Ich: „Stehe auf! Denn dein großer Glaube hat dir geholfen! Du bist ein Samariter und hast Mich erkannt, und bist gekommen und hast Gott wohlgeziemend die Ehre gegeben; daher wirst du auch in Meiner Liebe verbleiben. Aber was ist denn mit den andern neun? Sind sie nicht auch dir gleich rein geworden? Und so sie rein geworden sind, warum kamen sie nicht mit dir, daß auch sie dir gleich Gott die Ehre gegeben hätten? Hat sich außer dir denn keiner gefunden, der umgekehrt wäre, zu geben Dem die Ehre, der ihn gesund gemacht hat? Ein Fremdling also weiß es besser, was Gott gebührt, als die, welche sich als die Kinder Gottes ehren lassen! Darum aber wird den Kindern diese Ehre auch bald weggenommen und den Fremden gegeben werden!“ (Luk.17,17-19)

[GEJ.09_066,14] Der Samariter aber kniete noch am Boden vor Mir, und Ich sagte zu ihm abermals mit freundlichen Worten: „Stehe nun nur ganz auf, und gehe in die Herberge; denn dein Glaube hat dir geholfen! Sage es aber auch deinen Gefährten, die da Juden sind, was Ich zu dir gesagt habe!“

[GEJ.09_066,15] Da richtete sich der Geheilte vollends auf und ging hin in die Herberge und fand seine Gefährten, wie sie sich beim Brote und Weine gar gut geschehen ließen.

[GEJ.09_066,16] Als er zu ihnen kam, da fragten sie ihn alsogleich, ob er Mich wohl noch irgend angetroffen habe.

[GEJ.09_066,17] Und er erzählte ihnen ganz ernst und offen, was Ich zu ihm gesagt hatte.

[GEJ.09_066,18] Da überfiel die neun eine Furcht, daß sie wieder in den Aussatz zurückverfallen könnten. Da aßen und tranken sie nicht mehr und bereuten, daß sie nicht auch das getan hatten, was der Samariter getan hatte.

[GEJ.09_066,19] Ich aber kam bald nach mit Meinen Jüngern und kehrte in derselben Herberge ein; nur ward uns ein großes Zimmer sogleich angewiesen, und der Wirt selbst, der auch mehr ein Samariter denn ein Jude war, fragte uns gleich, was wir essen und trinken möchten.

[GEJ.09_066,20] Ich aber sagte: „Laß uns nur geben, was du hast, und wir werden es genießen!“

[GEJ.09_066,21] Da befahl der Wirt sogleich seinen Dienern, Brot und Wein zu bringen, und später sollten für uns Fische in gerechter Menge wohl bereitet werden.

[GEJ.09_066,22] Wie es der Wirt anbefohlen hatte, so geschah es denn auch.

[GEJ.09_066,23] Als wir eine kurze Weile uns beim Brote und Weine gütlich geschehen ließen, da lockte die Neugier die Hausleute zu uns, damit sie sähen und erführen, wer wir seien, und von woher wir gekommen seien. Als sie uns aber ersahen, da wurden sie inne, daß wir sicher dieselben wären, von denen die zehn Aussätzigen ihre Reinigung erhalten hatten; denn diese hatten uns schon zuvor genau beschrieben, und so erkannten die Hausleute in uns nur zu bald, daß wir die Wunderheilande seien.

[GEJ.09_066,24] Das ward auch dem Wirte sogleich mitgeteilt, – daher er sich denn auch um uns gleich näher umzusehen und sich nach unserem Stande und Gewerbe zu erkundigen anfing. Er setzte sich an unseren Tisch, nahm auch Brot und Wein und fragte einen Meiner Jünger, ob wir wohl dieselben Männer wären, aus deren Mitte einer, namens Jesus, die zehn Aussätzigen bloß durch die Macht seines Wortes völlig gereinigt habe.

[GEJ.09_066,25] Der Jünger, namens Jakobus der Kleinere, aber sagte: „Dort zuoberst am Tische sitzet der Herr; Den frage, und Er wird dir antworten, was da Rechtens ist!“

[GEJ.09_066,26] Da kam der Wirt denn auch sogleich zu Mir und sagte: „Höre, Freund, bist du der wundersame Heiland, der außerhalb des Marktes die zehn von ihrem bösen Aussatze reingemacht hat bloß durch seines Wortes Macht und Kraft? Bist du der nun schon allbekannte Jesus aus Nazareth?“

[GEJ.09_066,27] Sagte Ich: „Führe die hierher, die dir das gesagt haben; sie werden es dir wohl wieder sagen, ob Ich es bin!“

[GEJ.09_066,28] Da ging der Wirt alsbald hin und brachte etliche der Gereinigten zu uns, und diese sagten gleich mit einer Stimme (die Geheilten): „Ja, ja, dieser ist es, der uns Undankbaren die große Gnade erwiesen hat!“

[GEJ.09_066,29] Und es fielen nun auch die neun, die zuvor nicht umgekehrt waren, vor Mir nieder und gaben Mir die Ehre.

[GEJ.09_066,30] Ich aber sagte zu ihnen: „Weil euch die Furcht, als könntet ihr wieder mit dem Aussatze behaftet werden, zu Mir getrieben hat, so seid nun auch ihr gekommen, um Gott die Ehre zu geben! Es sei euch diesmal vergeben, und ihr sollet rein verbleiben; aber in der Folge wird bei denen Mein Segen nicht verbleiben, die da zu bequem sein werden, nach einer empfangenen Gnade Dem die Ehre zu erweisen, von dem sie die Gnade erhalten haben. Erhebet euch nun und gehet, und sündiget hinfort nicht mehr!“

[GEJ.09_066,31] Da erhoben sich die Gereinigten, dankten noch einmal und begaben sich wieder in ihr ihnen angewiesenes Zimmer.

[GEJ.09_066,32] Der Wirt aber wußte nun, mit wem er es zu tun habe. Er ward darauf gleich voll Hochachtung vor Mir, ging hinaus in die Küche und befahl seinen Köchinnen, daß sie für uns die allerbesten Fische bereiten sollten, was denn auch geschah.

 

67. Kapitel

[GEJ.09_067,01] Es befanden sich aber auch abends stets alle in diesem Markte amtierenden Pharisäer, Rabbis und ein Schriftgelehrter in dieser Herberge, und der Wirt benachrichtigte sie in der Meinung, Mir eine angenehme Gesellschaft zu bereiten, daß Ich, der Ich zuvor die zehn ganz wunderbar von dem bösen Aussatze gereinigt habe, nun auch sein Gast sei und Mich mit mehreren Gefährten im großen Speisesaale befinde.

[GEJ.09_067,02] Als die etlichen Pharisäer, der Schriftgelehrte und die Rabbis das vom Wirte vernommen hatten, erhoben sie sich gleich von ihrem Tische und sagten unter sich: „Nun gut, dem wollen wir hier auf den Zahn fühlen, ob es mit ihm wohl die Bewandtnis hat, die nun schon weit und breit, sogar unter den Heiden ruchbar geworden ist. Er soll der verheißene Messias der Juden sein und das Reich Gottes auf Erden gründen. Wir werden sehen, wie er sich uns gegenüber behaupten wird.“

[GEJ.09_067,03] Mit diesem Vorsatze kamen sie denn auch, vom Wirte geleitet, zu uns in den großen Speisesaal, ließen sich gleich einen Tisch decken und ihn mit dem besten Weine und Brote und mit wohlbereiteten Fischen und noch anderen Speisen best besetzen. Als der Tisch zum großen Vergnügen ihrer Dickbäuche sehr wohl besetzt war, da setzten sie sich und zeigten gleich durch Worte und Gebärden, daß sie die Herren im Orte seien.

[GEJ.09_067,04] Wir aber taten so ganz gleichgültig gegen sie, als hätten wir kaum gemerkt, daß sie in unserem Speisesaale Platz genommen haben; wir aßen und tranken und redeten über ganz gleichgültige Dinge. Es wurden nun auch auf unseren Tisch die Fische gebracht, und wir fingen an, sie zu verzehren.

[GEJ.09_067,05] Es merkten aber die Pharisäer, daß wir die kostbarsten Edelfische aßen und daneben auch den besten Wein tranken. Da wandte sich ein Pharisäer an den Wirt und sagte: „Warum hast denn du nicht auch für uns solche Fische bereiten lassen? Sind wir denn minder als diese Galiläer, von denen wir etliche gar wohl kennen?“

[GEJ.09_067,06] Sagte der Wirt: „Ob minder oder nicht minder, das ist mir gleich; was da jemand bestellt, das bekommt er auch! Was ihr bestellt habt, das steht auch auf eurem Tische; wollet ihr aber auch Edelfische, so ist es noch Zeit, sie auch für euch herrichten zu lassen, soviel ihr deren wollt!“

[GEJ.09_067,07] Die Pharisäer aber wußten es, daß derlei Fische sehr kostspielig sind, und daß der Wirt sich derlei Speisen auch stets gut bezahlen ließ, und so bestellten sie keine Edelfische. Aber einer sagte, um der Pharisäer Geiz zu beschönigen: „Konnten wir als die Ersten derlei Fische nicht haben, so wollen wir sie auch als die Zweiten nicht!“

[GEJ.09_067,08] Sagte der Wirt: „Ihr möget nun sagen, was ihr wollet, so beirrt mich das nicht im geringsten! Wer kann mir denn vorschreiben, jemandem, der nur etwas zu essen begehrt hat, ohne zu bestimmen, worin die Speise bestehen soll, zu geben, was ich will, und wer kann mir gebieten, dem für das, was er fest begehrt hat, etwas anderes auf den Tisch zu setzen? Kurz und gut, bei mir gilt der alte Grundsatz: Jedem das Seinige!“

[GEJ.09_067,09] Sagte der Pharisäer: Da hast du wohl recht, und wir können dagegen nichts einwenden; aber sonderbar ist es immerhin von dir, der du eben nicht im Rufe eines freigebigen Mannes stehst, daß du gerade diesen Galiläern, die alle nicht gar weit her sind, und bei denen sehr die Frage sein kann, ob sie dir die kostbaren Fische auch zu bezahlen imstande sein werden, einen gar so guten Willen erweisen mochtest!“

[GEJ.09_067,10] Sagte der Wirt: „Auch das geht euch schon wieder nichts an! Menschen, wie ihr da seid, sind bei mir wahrlich nichts Seltenes; aber Menschen wie der euch bekannte Heiland Jesus aus Nazareth, der durch die wahrhaft überwunderbare Macht seines Wortes und Willens zehn mit dem bösesten Aussatze behaftete Männer, denen ihr das Zeugnis vor kaum einer Stunde gegeben habt, in einem Augenblick zu reinigen und sie völlig gesund zu machen vermag, sind gar überaus selten und sind eigentlich noch gar nie dagewesen, – und es wird da wohl jedermann sehr begreiflich sein, daß man ihnen diejenige Aufmerksamkeit freiwillig erweist, die ihnen gebührt.“

[GEJ.09_067,11] Auf diese ganz gute Gegenbemerkung wußten die Pharisäer nichts mehr zu erwidern und machten zum für sie nach ihrer Meinung bösen Spiel eine gute Miene, obschon sie innerlich voll Ärgers waren. Sie aßen und tranken darauf ganz wacker, und wir taten dasselbe und kümmerten uns nicht, was die ärgerlichen Pharisäer machten, und was sie untereinander für Worte wechselten.

[GEJ.09_067,12] Als aber der Wein die Pharisäer so recht erhitzt hatte und sie mit Mir in einen Wortwechsel zu kommen trachteten, da erhob sich der Schriftgelehrte, stellte sich ganz keck vor Mich hin und sagte: „Meister, sage es uns doch, aus was für einer Macht verrichtest denn du deine offenkundigen Wunderwerke?“

[GEJ.09_067,13] Sagte Ich: „Ich will euch das sagen, – doch zuvor müsset ihr Mir eine Frage beantworten! Saget Mir: War des Johannes Predigt und Taufe von Gott verordnet, oder war sie ein pures Menschenwerk?“

[GEJ.09_067,14] Hierauf wußte der Schriftgelehrte nicht, was er Mir erwidern solle. Denn er dachte: ,Sage ich: ,Sie war von Gott verordnet!‘, da wird er zu mir sagen: ,Warum habt ihr ihm denn nicht geglaubt?‘, und sage ich: ,Sie war ein pures Menschenwerk!‘, so haben wir gleich den Wirt und morgen den ganzen Markt wider uns; denn alle halten den Johannes für einen von Gott erweckten Propheten!‘

[GEJ.09_067,15] Nach einer Weile erst sagte er (der Schriftgelehrte): „Meister, das wissen wir alle wahrlich nicht, und ich kann dir da weder mit Ja noch mit Nein antworten!“

[GEJ.09_067,16] Sagte Ich: „Dann kann Ich auch dir nicht sagen, aus welcher Macht Ich Meine Wunderwerke verrichte, und so sind wir miteinander wieder wie vorher!“

[GEJ.09_067,17] Es kam aber nun auch ein Pharisäer zu Mir und sagte: „Meister, uns ist über dich schon gar Verschiedenes zu Ohren gekommen, und unter anderm auch das, daß durch dich das Reich Gottes auf Erden gegründet werde! Durch deine Taten zeugest du über dich selbst, daß du der seist, den alle Juden infolge der alten Verheißung erwarten. – Siehe, auch wir wollen an dich glauben; aber sage es uns doch, wie und wann das Reich Gottes kommen wird unter die Menschen auf dieser Erde!“

[GEJ.09_067,18] Sagte Ich: „So, wie ihr euch das vorstellet, ganz sicher nicht!“

[GEJ.09_067,19] Sagte der Schriftgelehrte nun: „Wie denn anders hernach?“

[GEJ.09_067,20] Sagte Ich: „Das Reich Gottes wird nicht kommen mit irgendeinem äußeren Schaugepränge, und man wird da nicht sagen: ,Sieh, hier oder da ist es!‘; denn das Reich Gottes ist kein materielles, sondern ein geistiges Reich, da Gott Selbst in Sich der urewige und reinste Geist ist und Sein Reich daher auch nicht für den Leib, sondern für dessen Seele und Geist gegeben und auf dieser Erde errichtet wird. Seele und Geist aber sind inwendig im Menschen und nicht außerhalb desselben; und so ist das Reich Gottes auch nur inwendig im Menschen, und so es zum Menschen kommen wird, da wird er dessen nur in sich gewahr werden und nicht irgend außer sich.“ (Luk.17,20.21)

[GEJ.09_067,21] Auf diese Meine Antwort wußten die Pharisäer nichts mehr zu erwidern und begaben sich wieder zu ihrem Tische.

[GEJ.09_067,22] Und der Wirt frohlockte heimlich, daß Ich den Pharisäern den Mund gestopft habe, und ließ auf unseren Tisch frischen und besten Wein aufsetzen und sagte zu Mir: „Esset und trinket, soviel ihr wollet; der Zechmeister bin ich diesmal!“

[GEJ.09_067,23] Und wir aßen und tranken ganz wohlgemut.

[GEJ.09_067,24] Da das die Pharisäer sahen, da ärgerten sie sich noch mehr und sagten so ganz laut unter sich: „Der soll der von Gott in diese Welt gesandte Messias sein? Wie ist er doch ein Fresser und Vollsäufer samt seinen Jüngern! Dazu aber wissen wir auch noch, daß er mit Zöllnern, Heiden und andern Sündern umgeht und das Brot mit ungewaschenen Händen ißt, und so mag er noch so viele Wunder wirken, und es wird dennoch kein wahrer Schriftgelehrter und Pharisäer an ihn glauben!“

[GEJ.09_067,25] Sagte hierauf der Wirt: „Daran wird Ihm auch sicher sehr wenig gelegen sein! So Er der Herr ist – wie ich das nun auch glaube –, da wird Er, als in Sich der vollkommenste Geist aus Gott, wohl nicht nötig haben, Sich nach unseren Weltsatzungen zu richten, sondern wir nach denen, die Er uns geben wird!“

[GEJ.09_067,26] Sagten die Pharisäer: „Was du uns sagst, das ärgert uns nicht, da wir wohl wissen, daß du mehr ein Samariter denn ein Jude bist; uns ärgert nur das, daß er viele Juden durch seine Lehren und Taten verführt und sich als etwas ausgibt, das er nicht sein kann, weil er das Gesetz Mosis in vielen Stücken nicht hält!“

[GEJ.09_067,27] Hierauf erhob Ich Mich mit ernster Miene und sagte: „Wem soll Ich diese Unart von Menschen vergleichen? Johannes aß und trank nahe nichts denn nur Heuschrecken und wilden Honig und führte ein strenges Büßerleben; da sagten sie: ,Wie ist doch der Mensch ein Gleisner und Scheinheiliger!‘ Aber das sagten sie, weil Johannes ihnen ihre volle Gottlosigkeit und ihrer Sünden Unzahl vorhielt, darum sie es durch Herodes dahin brachten, daß er ihn ins Gefängnis werfen und darin enthaupten ließ.

[GEJ.09_067,28] Ich esse und trinke, mache keinen Frömmler und Kopfhänger und begegne jedermann freundlich, und helfe jedem, der zu Mir kommt, glaubt und sich von Mir Hilfe erfleht, und da sagen sie: ,Wie ist der Mensch doch ein Vollsäufer und Vielesser und ein Freund der Sünder, Zöllner und Heiden und achtet der Satzungen Mosis nicht!‘

[GEJ.09_067,29] Aber was ist denn hernach das, so sie lehren: ,So du opferst, ist es dir nützlicher, als so du selbst ehrest Vater und Mutter!‘? Heben da nicht sie Gottes Gebote auf und quälen die Menschen mit den Satzungen, die sie zum Besten ihres Bauches erfunden haben? Darum werden sie aber dereinst auch desto mehr Verdammnis überkommen! Sie bürden den Menschen unerträgliche Lasten auf, sie selbst aber rühren dieselben auch nicht mit dem kleinen Finger an! Für die großen Opfer versprechen sie lange Gebete zu halten, die sie dann von ihren untergeordneten Dienern herz- und sinnlos ekelig den betrogenen und blinden Menschen vorplärren lassen. Sind sie da nicht denen gleich, die da Mücken säugen und dafür Kamele verschlingen?

[GEJ.09_067,30] Ja, ja, sie essen das Brot wohl mit gewaschenen Händen, aber ihr Herz ist voll Unflates und Schmutzes. Sie gleichen darum auch den fein und zierlich übertünchten Gräbern, die inwendig voll Moders und Gestankes sind. Mit ungewaschenen Händen das Brot essen, verunreinigt den Menschen nicht – und schon am allerwenigsten dort, wo man oft keine Gelegenheit hat, sich vor dem Brotessen die Hände zu waschen –; aber Lüge, Betrug, Neid, Geiz, Fraß und Völlerei, Stolz, Haß, Zorn, Unzucht, Hurerei und Ehebruch und Gottesleugnung bei sich selbst verunreinigen den ganzen Menschen und machen aus ihm ein Kind der Hölle!“

[GEJ.09_067,31] Als die Pharisäer solches von Mir vernommen hatten, da wurden sie ganz grimmig, erhoben sich von ihrem Tische und verließen den Saal, was uns allen sehr lieb war.

[GEJ.09_067,32] Und der Wirt kam zu Mir und konnte Mir nicht genug danken darum, daß Ich diesen Pharisäern die Wahrheit so ganz unverhüllt ins Gesicht geschleudert habe, und auch alle Meine Jünger lobten Mich.

[GEJ.09_067,33] Der Wirt sagte am Ende: „O Herr und Meister, diese Deine Rede wird etwa doch einen oder den andern dieser Pharisäer auf eine bessere Meinung von Dir bringen?“

[GEJ.09_067,34] Sagte Ich: „Eher wäschest du zehn Mohren weiß, als daß da einer dieser Gleisner sich bekehre und Buße tue! Wo in einem Menschen der Geiz, Neid und die Herrschsucht zu tiefe Wurzeln getrieben haben, da ist von einer wahren Besserung schwer eine Rede mehr! Aber lassen wir sie nun brüten unter sich; morgen ist auch noch ein Tag, an dem sich etwas tun lassen wird!“

 

68. Kapitel

[GEJ.09_068,01] (Der Herr:) „Du hast aber einen kranken Knecht, der dein Liebling ist, weil er dir stets am treuesten und eifrigsten gedient hat, der nun schon ein volles Jahr, von der Gicht geplagt, sich nicht vom Krankenlager erheben kann. So du es wünschest und glaubst, da kann Ich ihm helfen.“

[GEJ.09_068,02] Sagte der Wirt: „O Herr und Meister, so Du mir solche Gnade erweisen willst, so will ich alles tun, was zu tun Du nur immer von mir verlangen wollest!“

[GEJ.09_068,03] Sagte Ich: „So geschehe dir nach deinem Glauben! Gehe hin und siehe, ob dein Knecht noch leidet!“

[GEJ.09_068,04] Da ging der Wirt eiligst in das Gemach, in dem der kranke Knecht sich befand, und siehe, der Knecht war gesund und erzählte dem Wirte, daß es ihm klar vorkam, als ob es um ihn geblitzt hätte, worauf ihn im Augenblick aller Schmerz und alle Schwäche verließen, derart, daß er sich nun gleich vom Krankenbett erheben möchte! Es müsse da Gott an ihm ein Wunder gewirkt haben.

[GEJ.09_068,05] Der Wirt aber sagte: „Stehe nur getrost auf, und komme dann in den Großen Saal; dort wirst du Den sehen, der dich also wundersam gesund gemacht hat!“

[GEJ.09_068,06] Der Knecht tat bald, was ihm der Wirt anbefohlen hatte; dieser aber kehrte sogleich wieder mit dem dankbarsten Herzen zu uns zurück.

[GEJ.09_068,07] Als der Wirt wieder zu uns kam und seinen Dank Mir dargebracht hatte, da kam auch bald der geheilte Knecht nach, und mit ihm kamen auch die andern Hausleute und Diener und Mägde und fragten, welcher von uns derjenige wäre, der den Oberknecht so wunderbar von seiner Gicht geheilt habe.

[GEJ.09_068,08] Und der Wirt zeigte mit seiner Hand auf Mich und sagte: „Dieser Gottmensch hier, von dem ich offen also sagen und bekennen muß, daß wir alle nicht von ferne hin würdig sind, daß Er zu uns kam und die Türschwellen meines Hauses betrat. Diesem danket alle für die uns erwiesene Gnade, und gebet Ihm allzeit vor allen Menschen die Ehre!“

[GEJ.09_068,09] Auf diese Worte des Wirtes fiel der geheilte Knecht alsbald Mir zu Füßen, dankte Mir und pries Mich laut, was denn auch die andern Hausleute, Diener und Mägde taten, wodurch im Hause ein großer Lärm entstand, der auch von den Pharisäern, obschon sie sich in einem von unserem Saale entlegenen Gemach befanden, vernommen wurde und einer von ihnen nachzusehen kam, was es da gäbe.

[GEJ.09_068,10] Als er aber erfuhr, daß Ich den Knecht von der Gicht völlig geheilt hatte und auf welche Weise, da ward er ärgerlich und sagte zum Wirte, den er zu sich berief (der Pharisäer): „Nimm dich in acht vor diesem Volksaufwiegler; denn so er etwa durch die Hilfe des Obersten der Teufel oder durch eine andersartige Zauberei, die er etwa von den Essäern erlernt hat, solche Wunder wirkt, da werden das bald die Römer erfahren, wie ihm alles Volk nachläuft und ihn am Ende gar zu einem Könige aller Juden machen will, und werden dann kommen über uns und werden uns gar übel zurichten!“

[GEJ.09_068,11] Sagte der Wirt: „Dieses Wundertäters wegen, den die Römer sicher schon lange besser kennen denn wir, befürchte ich von ihrer Seite nichts; nur von eurer Seite hätte ich alles zu befürchten, so ich nicht ein römischer Untertan wäre! Aber ihr solltet euch fürchten vor diesem Manne, der voll des Geistes Gottes sein muß, ansonst es Ihm unmöglich wäre, solche Zeichen zu wirken und Taten zu verrichten, die nur Gott allein möglich sein können; wer aber voll des Geistes Gottes ist, der ist auch ein wahrer Herr über alles im Himmel und auf Erden, und die Ihn anfeinden, haben nur Ihn und nicht Er sie zu fürchten! Deine an mich gerichtete Warnung wird daher denn auch in meinem Gemüte niemals Wurzeln schlagen!“

[GEJ.09_068,12] Als der Rabbi, der auch schon ein minderer Pharisäer war, solches vom Wirte vernommen hatte, ward er noch ärgerlicher denn ehedem, sagte nichts mehr darauf und begab sich wieder zu seinen Gefährten.

[GEJ.09_068,13] Als er bei ihnen ankam, da fragten sie ihn alsogleich, was es gegeben habe.

[GEJ.09_068,14] Der Rabbi aber wurde nach den Worten des Wirtes bei sich doch nachdenkend und machte darum einen ganz gleichgültigen Bericht über das, was da vorgefallen sei, und die Hausleute hätten darüber einen kleinen Jubellärm geschlagen, der wenig zu bedeuten habe.

[GEJ.09_068,15] Damit begnügten sich die andern Pharisäer und fragten nichts weiter, sondern schwelgten fort und sagten: „Lassen wir dem verblüfften Wirte die Freude, in einem herumziehenden Wunderarzt, der offenbar aus der Schule der Essäer stammt, auf die auch die Römer große Stücke halten, seinen Heiland und Messias zu preisen; in einigen Wochen wird bei ihm schon alles wieder verraucht und vergessen sein!“

[GEJ.09_068,16] Und es war eine solche Stimmung der schon ziemlich berauschten Pharisäer für uns gut, weil wir dadurch Ruhe vor ihnen hatten und uns über gar wichtige Dinge besprechen konnten.

[GEJ.09_068,17] Auch die in unseren Saal gekommenen Hausleute, Diener und Mägde gingen wieder nach dem Geheiß des Wirtes an ihr Geschäft; denn sie hatten mehrerer Fremden wegen, die von Kapernaum hierher in diesen Markt zumeist der Handelsgeschäfte wegen gekommen waren, noch manches zu verrichten. Nur der geheilte Knecht blieb bei uns, aß und trank mit uns und stärkte sich.

 

69. Kapitel

[GEJ.09_069,01] Der Wirt aber sagte zu Mir: „O Herr und Meister, da wir nunmehr in der Ruhe beisammensitzen und von niemand so leicht gestört zu werden zu befürchten haben und es auch noch nicht zu spät in der Nacht ist, so bitte ich Dich, mir so manches zu sagen, was zur Erlangung des wahren Heils der Seele nötig ist!“

[GEJ.09_069,02] Sagte Ich: „Glaube ungezweifelt an Gott, halte Seine Gebote, liebe Ihn über alles aus allen deinen Kräften und deine Nebenmenschen wie dich selbst und glaube, daß Ich der verheißene Messias bin, der Ich nun im Fleische in diese Welt kam als die ewige Wahrheit, das Licht und das Leben Selbst, auf daß alle, die an Mich glauben und nach Meiner Lehre leben, das ewige Leben haben sollen! Wenn du alles das glaubst und danach tust, so wirst du für deine Seele das wahre und lebendige Heil dir erwerben und behalten in Ewigkeit.

[GEJ.09_069,03] Siehe, das allein genügt vollkommen zur Erreichung des Reiches Gottes in dir; alles andere ist eitel und hat zum Nutzen der Seele keinen Wert vor Gott. So Ich als der Herr alles Lebens dir das sage, da kannst du es auch glauben, daß es also und nicht anders ist.“

[GEJ.09_069,04] Sagte der Wirt: „O Herr und Meister, ich glaube das nun ungezweifelt fest; nur hat Moses noch eine Menge Regeln und Verordnungen gegeben, wie die Speisen, die man als Jude allein nur essen darf, das öftere Waschen des Leibes, das Fasten, das Bußetun in Sack und Asche, das Tragen eines härenen Rockes, und so noch eine Menge, das man sich schwer merkt und daher noch schwerer beachtet und darum auch stets in der Furcht steht, voller unwissentlich begangener Sünden zu sein. Wie soll man sich denn in diesen Stücken verhalten? Ist die strenge Beachtung aller der von Moses und auch den andern Propheten gegebenen Verordnungen eine unerläßliche Bedingung zur Erreichung des göttlichen Wohlgefallens?“

[GEJ.09_069,05] Sagte Ich: „Wenn du das beachtest, was Ich dir ehedem gesagt habe, so hast du dadurch auch schon alles erfüllt, was in Moses und allen Propheten zu tun vorgeschrieben steht. Der Mensch muß essen und trinken zur Erhaltung des Leibeslebens; aber die Speisen und der Trank sollen rein und frisch sein. Und so ist es für den Leib auch gut und gesund, ihn möglichst rein zu halten, und ebenso auch in allem rein, mäßig und nüchtern zu sein. Und so sind derlei Verordnungen auch gut und heilsam nicht nur für die Juden, sondern für alle Menschen; denn in einem kranken Leibe kann auch die Seele sich nicht so leicht zu dem erheben, was ihr Heil fördern und sie zum ewigen Leben kräftigen kann.

[GEJ.09_069,06] Siehe, darum hat Gott durch Moses und auch durch die andern Propheten das verordnet, was auch für die Zeit des Erdenlebens dem Leibe des Menschen frommt, und der Mensch tut wohl daran, so er auch solche Regeln beachtet!

[GEJ.09_069,07] Wer aber das tut, was Ich dir ehedem gesagt habe, den leitet dann schon der Geist des Reiches Gottes im eigenen Herzen und zeigt ihm auch die Regeln zur Wohlfahrt seines Fleisches; und also ist in dem, was Ich dir gesagt habe, auch schon alles enthalten! – Hast du das nun alles wohl verstanden?“

[GEJ.09_069,08] Sagte der Wirt und mit ihm auch dankbarst der geheilte Knecht: „O Herr und Meister, wir danken Dir von ganzer Seele, von ganzem Herzen und aus allen unseren Lebenskräften für diese Deine gar weise und wahre Belehrung, die da ein ganz anderes Licht in uns angezündet hat als die langen Predigten der Pharisäer, die nur auf die strenge Haltung der vielen äußeren Dinge und Regeln alles Heil der Menschen setzen; aber auf die Haltung der Gebote Gottes, durch die die Seele allein geläutert und zum ewigen Leben gekräftigt werden kann, halten sie beinahe gar nichts und sagen, daß ein Mensch dafür opfern könne, – was ihm nützlicher sei als die starre und schwere Haltung der Gebote.

[GEJ.09_069,09] Und so sieht man gar oft die Menschen schwere Opfer vor die Türen der Pharisäer legen; aber einen Menschen, der da strenge die Gesetze Mosis hielte, sieht man beinahe schon gar nicht mehr. Denn sie sagen: Wenn man durch die Opfer dasselbe vor Gott erreichen kann und von den Sünden noch mehr gereinigt wird als durch die eigene schwere Haltung der Gebote, so ist das Opfern um vieles bequemer und das Gewissen leichter, weil nach den Worten der Pharisäer die Opfer alles vor Gott sühnen, die Haltung der Gebote aber nur insoweit, als ein Mensch ein und das andere Gebot strenge und gewissenhaft zu halten imstande war.

[GEJ.09_069,10] Nun, wenn man solche Lehre mit dem vergleicht, was Du, o Herr und Meister, mir angeraten und allerhellst erklärt hast, so besteht darin ja ein unendlicher Unterschied. Bei Dir ist alles die volle und lebendige Wahrheit und bei den Pharisäern faule und tote Lüge, durch die wahrlich keine Seele das ewige Leben erreichen kann. Herr, was sollen wir aber in der Folge nun den Pharisäern gegenüber tun?“

[GEJ.09_069,11] Sagte Ich: „Was sie als reines Wort Mosis und der Propheten predigen, das höret an, und tut nach dem reinen Worte; aber an ihre eigenen Satzungen haltet euch nicht, denn diese sind vor Gott ein Greuel!

[GEJ.09_069,12] Es steht ja auch geschrieben: ,Siehe, dies Volk ehrt Mich mit den Lippen; aber sein Herz ist ferne von Mir!‘ Ich aber sage euch: Das Ende dieser Menschenlehrer ist nahe herbeigekommen! Ich bin darum zu euch gekommen als die Wahrheit, der Weg und das Leben und werde von der Erde hinwegfegen die Lüge und ihre bösen Werke. Ich werde zwar in Kürze diese Welt verlassen, und es wird in der Zeit Meiner sichtbaren Abwesenheit die Lüge und ihr Falsches und Böses noch eine Zeit fortwuchern unter den Menschen auf der Erde; aber Ich werde dann zur rechten Zeit wiederkommen mit aller Macht und Kraft zu euch Menschen und werde der Herrschaft der Lüge und des Truges ein Ende machen!

[GEJ.09_069,13] Ich bereite aber auch schon jetzt in den Herzen der Menschen den Grund dazu und erbaue einen neuen Tempel und eine neue Stadt Gottes. Lasset uns den Bau ehest vollenden, damit für immerdar zerstört werde der alte Tempel und die Stadt der Lüge, des Truges und aller Bosheit!

[GEJ.09_069,14] Dieses werdet ihr nun wohl noch nicht in aller Reinheit verstehen; aber so ihr von Meinem Geiste durchdrungen sein werdet, dann werdet ihr auch das in aller Klarheit verstehen und werdet daran euch wohl erinnern, was Ich euch zum voraus gesagt habe.“

[GEJ.09_069,15] Diese Meine Worte wollten auch den Jüngern nicht recht einleuchtend vorkommen, darum sie auch unter sich also zu reden anfingen (die Jünger): „Von einer zweiten Wiederkunft auf diese Erde hat Er schon zu öfteren Malen geredet, aber stets mehr in unbestimmten Weisen nach Art der Propheten! Gehen wir Ihn nun einmal so recht ordentlich an, – vielleicht sagt Er diesmal etwas Näheres und Bestimmteres darüber!“

 

70. Kapitel

[GEJ.09_070,01] Nach solcher Beratung aber wandten sich die Jünger an Mich und sagten: „Herr und Meister, Du hast uns schon zu öfteren Malen gesagt, daß es uns gegeben sein solle, die Geheimnisse des Reiches Gottes wohl zu verstehen, und Du hast uns auch schon so vieles überklar enthüllt, daß wir im Geiste Deine unendliche Schöpfung und noch tausenderlei anderes wohl erkennen, wovon sich kein Weltweiser je einen Begriff gemacht hat und sich auch durch sein eigenes Forschen und Suchen nie einen vollklaren Begriff wird machen können, darum denn auch bis auf uns alles menschliche Wissen ein Stückwerk ist. Sage uns denn auch einmal über Deine abermalige Wiederkunft etwas Bestimmtes! In welcher Zeit wirst Du wiederkommen, und wo und wie? Denn uns dünket, daß auch das zum Verstehen der Geheimnisse des Reiches Gottes gehört.“

[GEJ.09_070,02] Sagte Ich: „Auch das habe Ich euch schon mehrere Male ganz umständlich gezeigt; aber weil auch ihr von Meinem Geiste nicht völlig durchdrungen seid, so verstehet ihr das denn auch noch nicht in der rechten Tiefe. Das Jahr, den Tag und die Stunde kann Ich euch darum nicht fest bestimmen, weil das ja alles auf dieser Erde von dem vollkommen freien Willen der Menschen abhängt. Darum weiß das denn auch kein Engel im Himmel, sondern allein nur der Vater und der auch, dem Er es offenbaren will. Zudem ist das allergenauest zum voraus zu wissen zum Heile der Seele durchaus nicht unumgänglich notwendig.

[GEJ.09_070,03] Wäre es wohl gut für den Menschen, so er den Tag und die Stunde Seines Ablebens ganz genau zum voraus wüßte? Für sehr wenige, im Geiste völlig Wiedergeborene, ja; aber für zahllos viele wäre das wohl ein großes Übel! Denn die herannahende Stunde ihres Ablebens würde sie derart mit aller Furcht, Angst und Verzweiflung erfüllen, daß sie entweder so zu Feinden des Lebens würden, daß sie sich vor der Zeit das Leben nähmen, um dadurch der Todesangst zu entgehen, oder sie würden in eine derartige Lebensträgheit geraten, in der für die Seele wahrlich wenig Heil zu erwarten wäre. Und also ist es für den Menschen besser, so er nicht alles als ganz bestimmt zum voraus weiß, was, wie und wann in dieser Welt dieses und jenes über ihn kommen kann und auch kommen muß.

[GEJ.09_070,04] Ich sage es euch: Es wird die Zeit kommen, in der ihr in euren Glaubensnachkommen fragen werdet, wie nun hier, wann der Tag des Menschensohnes kommen werde, und werdet begehren, ihn zu sehen, und werdet ihn dennoch nicht sehen nach eurem Begehren. (Luk.17,22) Und es werden sich in jenen Zeiten aber viele erheben und hervortun und werden mit weiser Miene sagen: ,Siehe hier, siehe da und dann ist der Tag!‘ Aber da gehet nicht hin und folget nicht solchen Propheten. (Luk.17,23)

[GEJ.09_070,05] Der Tag Meiner abermaligen Wiederkunft wird gleich sein einem Blitze, der vom Aufgange bis zum Niedergange oben am Wolkenhimmel fährt und über alles leuchtet, was unter dem Himmel ist. (Luk.17,24) Bevor aber das kommen wird, da wird – wie Ich euch das schon mehrere Male verkündet habe – des Menschen Sohn noch vieles leiden müssen und wird gänzlich verworfen werden von diesem Geschlechte (Luk.17,25), nämlich von den Juden und Pharisäern, und in den späteren Zeiten von jenen, die man neue Juden und Pharisäer nennen wird.

[GEJ.09_070,06] Und wie es geschah zu den Zeiten Noahs, so wird es auch geschehen in der Zeit der abermaligen Ankunft des Menschensohnes. (Luk.17,26) Sie aßen und tranken ganz wohlgemut, sie freiten und ließen sich freien bis auf den Tag, da Noah in die Arche stieg und dann die Flut kam und alle ersäufte. (Luk.17,27) Desgleichen auch, wie es geschah zu den Zeiten Lots: sie aßen und tranken, sie kauften und verkauften und pflanzten und bauten. (Luk.17,28) An dem Tage aber, den Ich euch auf dem Ölberge näher erklärt habe, da Lot aus Sodom ging, regnete es schon Feuer und Schwefel vom Himmel und brachte sie alle um. (Luk.17,29)

[GEJ.09_070,07] Sehet nun, also wird es auch sein und geschehen in jenen Zeiten, wenn des Menschen Sohn abermals wieder wird geoffenbart werden! (Luk.17,30) Wer an demselben Tage auf dem Dache ist und weiß um den Hausrat im Hause, der steige nicht vom Dache, um den Hausrat zu holen! – was aber so zu verstehen ist: Wer da ein wahres Verständnis hat, der bleibe in dem Verständnisse und steige nicht unter dasselbe in der Furcht, daß er dadurch etwa seine Weltvorteile einbüßen könnte; denn derlei wird zugrunde gerichtet werden. (Luk.17,31a)

[GEJ.09_070,08] Desgleichen ein weiteres Bild: Wer auf dem Felde (der Erkenntnisfreiheit) sich befindet, der wende sich nicht nach dem um, was hinter ihm ist (alte Truglehren und deren Satzungen), sondern er gedenke des Weibes Lots und strebe in der Wahrheit vorwärts. (Luk.17,31b.32)

[GEJ.09_070,09] Ich sage euch noch ein Weiteres: In derselben Zeit werden zwei in einer Mühle sein und die gleiche Arbeit verrichten. Der eine wird angenommen und der andere verlassen werden, das heißt, der gerechte Arbeiter wird angenommen und der ungerechte und eigennützige verlassen werden. Denn wer da seine Seele der Welt wegen zu erhalten sucht, der wird sie verlieren; wer sie aber um der Welt willen verlieren wird, der wird ihr das Leben erhalten und ihr zum wahren, ewigen Leben helfen. (Luk.17,33)

[GEJ.09_070,10] Und noch weiter sage Ich euch: In einer und derselben Nacht der Seele werden zwei in einem und demselben Bette liegen. Da wird auch der eine angenommen und der andere verlassen werden (Luk.17,34), das heißt, zwei werden sich zwar dem Äußeren nach in der Sphäre eines und desselben Glaubensbekenntnisses befinden, der eine aber wird sein im lebendigen Glauben in der Tat und wird darum auch angenommen werden in das lebendige und lichtvolle Reich Gottes, der andere aber wird bloß am äußeren Kultus festhalten, der keinen inneren Lebenswert für Seele und Geist hat, und wird, da sein Glaube als ein ohne die Werke der Nächstenliebe toter dasteht, nicht in das lebendige und lichtvolle Reich Gottes aufgenommen werden.

[GEJ.09_070,11] Und weiter werden auch zwei auf dem Felde der Arbeiten sich befinden. Der eine, der da arbeiten wird im lebendigen Glauben aus Liebe zu Gott und aus Liebe zum Nächsten ohne Eigennutz, wird auch ins wahre Reich Gottes aufgenommen werden; der aber da auf dem gleichen Felde gleich den Pharisäern arbeiten wird ohne inneren lebendigen Glauben aus purem Eigennutz, der wird selbstverständlich verlassen und ins lebendige und lichtvolle Reich Gottes nicht aufgenommen werden! (Luk.17,37)

[GEJ.09_070,12] Seht, also wird es mit der abermaligen Ankunft des Menschensohnes sich verhalten und gestalten! So ihr von Meinem Geiste in der Folge aber tiefer durchdrungen sein werdet, dann wird euch über all das von mir euch Gesagte auch ein helles Verständnis werden; für jetzt aber kann Ich euch das nicht klarer und deutlicher verkünden.“

[GEJ.09_070,13] Sagten die Jünger: „Herr und Meister, es ist das schon alles recht also; und wir glauben Deinen Worten; aber wo und wann der irdischen Zeit nach wird das geschehen? Das könntest Du uns ja doch auch noch hinzusagen!“

 

71. Kapitel

[GEJ.09_071,01] Sagte Ich: „Es ist wahrlich zum Staunen, wie unverständig ihr noch seid! Ich habe es euch ja doch schon oft genug angedeutet, warum sich da die irdische Zeit nicht ebenso auf ein Haar – wie ihr das meinet – mit Gewißheit bestimmen läßt, wie daß Ich euch wohl genau auf einen Augenblick vorausbestimmen könnte, wann dieser oder jener Berg und seine Felsenspitzen von einem Blitze zerstört werden! Denn da haben wir es mit einer gerichteten Materie zu tun, die in allem ganz von der Macht Meines Willens abhängt; aber bei den Menschen, die einen freien, sich selbst bestimmenden Willen haben, geht das nicht ebenso, wovon Ich euch den Grund schon gar oft gezeigt habe, und ihr werdet ihn endlich doch einmal einsehen und sollet Mir darum auch nicht gleichfort mit den gleichen Fragen kommen!

[GEJ.09_071,02] So ihr aber das Wann und Wo schon durchaus näher bestimmt haben wollet, da merket, was Ich euch nun sagen werde: Wo ein Aas irgend ist, da sammeln sich auch bald die freien Adler.“ (Luk.17,37)

[GEJ.09_071,03] Sagten die Jünger: „O Herr und Meister, da hast Du schon wieder etwas gesagt, was wir nicht verstehen können! Wer ist das Aas, und wer sind die Adler; und wo wird das Aas sein, und von woher werden die freien Adler kommen?“

[GEJ.09_071,04] Sagte Ich: „Sehet euch nun das faule und glaubenslose Pharisäertum an, und ihr sehet das Aas! Ich und alle, die an Mich glauben, Juden und Heiden, aber sind die Adler, die das Aas bald völlig aufzehren werden. Ebenso ist der Seele Sündennacht ein Aas, um das sich das Licht des Lebens auszubreiten anfängt und das Aas, wie der Morgen die Nacht, mit allen ihren Nebeln und Truggebilden vernichtet.

[GEJ.09_071,05] Wie aber das nun vor unseren Augen mit dem faulen und wahrheits- und glaubenslosen Judentume geschieht, das sicher ein gar gewaltiges Aas geworden ist, mit dem es nach etwa fünfzig Erdenjahren zu Ende kommen wird, ebenso wird es in einer späteren Zeit mit der Lehre und Kirche stehen, die Ich nun gründe. Diese wird auch zu einem noch ärgeren Aase werden, als nun das Judentum ist, und es werden denn auch die freien Licht- und Lebensadler von allen Seiten über sie herfallen und sie als ein alle Welt verpesten wollendes Aas mit dem Feuer der wahren Liebe und mit der Macht ihres Wahrheitslichtes verzehren. Und es kann das noch eher geschehen, als da nach Mir, wie Ich nun leiblich unter euch bin, zwei volle Tausende von Erdenjahren verrinnen werden, – was Ich euch auch schon bei anderen Gelegenheiten angedeutet habe.

[GEJ.09_071,06] Ihr aber habt damals gemeint und meinet es auch jetzt, warum das von Gott denn also zugelassen werde. Ich aber habe euch dagegen auch schon oft, wie diesmal, gezeigt, daß Ich die Menschen, denen ein völlig freier Wille zu ihrer Selbstbestimmung gegeben ist, mit Meines Willens Allmacht nicht also halten kann und darf wie alle andere Kreatur, klein und groß, in der ganzen Unendlichkeit; denn täte Ich das, so wäre der Mensch kein Mensch, sondern ein durch Meine Allmacht gerichtetes Tier oder eine Pflanze oder ein Stein. Das werdet ihr nun hoffentlich wohl einsehen und begreifen und Mich um Dinge nicht so leicht mehr fragen, die ohnehin für jeden nur einigermaßen helleren Denker klar am Tage liegen.

[GEJ.09_071,07] Wenn aber nun schon in dieser Zeit, in welcher Ich noch im Fleische auf dieser Erde unter euch wandle und lehre, sich etwelche aufgemacht haben, in Meinem Namen umherziehen und zu ihrem materiellen Vorteile auch Meine Lehre ausbreiten, aber darunter auch ihren eigenen unlauteren Samen mengen, aus dem zwischen dem mageren Weizen auf dem Acker des Lebens und dessen Wahrheit bald viel böses Unkraut emporwachsen wird, – wird es dann in den späteren Zeiten zu verwundern sein, so sich in Meinem Namen noch mehrere falsche und unberufene Lehrer und Propheten erheben und mit gewaltiger Rede, mit dem Schwerte in der Hand, zu den Menschen schreien werden: ,Sehet, hier ist Christus!‘ oder ,Dort ist Er!‘?

[GEJ.09_071,08] So aber ihr und später eure rechten und reinen Nachfolger das hören und sehen werdet, so glaubet solchen Schreiern nicht! Denn an ihren Werken werden sie ebenso leicht zu erkennen sein wie die Bäume an ihren Früchten; denn ein guter Baum bringt auch gute Früchte. Auf Dornhecken wachsen keine Trauben und auf den Disteln keine Feigen.

[GEJ.09_071,09] Worin aber das Reich Gottes besteht, und wie und wo es sich im Menschen selbst nur entfaltet, das habe Ich vor euch ehedem zu den Pharisäern gesagt; und so werdet ihr denn wohl auch einsehen und begreifen, daß denen nicht zu glauben sein wird, die da rufen werden: ,Siehe da, siehe dort!‘ Denn wie der Geist inwendig im Menschen ist und alles Leben, Denken, Fühlen und Wissen und Wollen urstämmlich von ihm ausgeht und alle Fibern durchdringt, also ist auch das Reich Gottes als das wahre Lebensreich des Geistes ja auch nur inwendig im Menschen und nicht irgend auswendig oder außerhalb des Menschen.

[GEJ.09_071,10] Wer das in sich recht auffaßt und es der vollen, lebendigen Wahrheit nach begreift, dem wird ein falscher Prophet in Ewigkeit nichts anzuhaben imstande sein; wer aber in seinem Gemüte einer Windfahne oder einem Schilfrohre im Wasser gleicht, der wird freilich schwerlich den ruhevollen und wahrheitshellen Hafen des Lebens finden. Darum seid denn auch ihr keine Windfahnen und Schilfrohre, sondern seid wahre Lebensfelsen, denen Stürme und Wasserwogen nichts anhaben können! – Habt ihr dieses nun wohl begriffen?“

[GEJ.09_071,11] Sagten die Jünger: „Ja, Herr und Meister, nun haben wir Dich wohl wieder begriffen, da Du uns die Sache auch lichtvoll und mit verständlichen Worten erläutert hast; aber wenn Du in oft sehr verhüllten Bildern zu uns sprichst, so können wir nicht darum, so wir sagen: ,Herr, wo da, wie also?‘ Wir danken Dir nun aber auch, wie allzeit, für solche Deine uns erteilte Gnade und bitten Dich, daß Du mit uns auch stets die gleiche Geduld haben mögest!“

[GEJ.09_071,12] Sagte Ich: „So Ich wäre, wie da sind die Menschen, da wäre Mir Meine Geduld mit euch wohl schon zu öfteren Malen zu kurz geworden; aber weil Ich Der bin, als den ihr Mich kennet, und bin voll der höchsten Geduld, Langmut, Liebe und Sanftmut, so werdet ihr euch über Meine Geduld auch nie zu beklagen haben. Seid aber auch also geduldig, sanft- und demütig, wie Ich das von ganzem Herzen bin, und liebet euch als wahre Brüder untereinander, wie auch Ich euch liebe und allzeit geliebt habe, so werdet ihr es dadurch aller Welt zeigen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger seid! Keiner von euch dünke sich mehr zu sein denn sein Nebenjünger, denn ihr seid alle gleiche Brüder; nur Ich allein bin euer Herr und Meister und werde das auch sein und verbleiben in alle Ewigkeit, gleichwie zu allen Zeiten dieser Welt. Denn so der Vater mit Seinen Kindern keine Geduld hätte, wer anders sollte da mit ihnen noch Geduld haben?

[GEJ.09_071,13] Wir haben nun schon eine geraume Zeit miteinander fürs Gottesreich gewirtschaftet, und ihr habet auch in solcher Zeit so manche Fehler begangen, und nicht einer von euch ist von Mir noch verstoßen worden, sogar der eine nicht, den Ich euch schon zu öfteren Malen bezeichnet habe, und der bis zur Stunde noch ein Teufel ist, der sich noch nicht gebessert hat. Aber Meine Liebe und Geduld hat ihn noch nicht gerichtet; um wieviel weniger wird sie diejenigen richten, die mit aller Liebe und vollstem Glauben an Mir hängen! Darum könnet ihr auch allzeit Meiner höchsten Liebe und Geduld völlig versichert sein; denn wer in Mir bleibt, in dem bleibe auch Ich.“

 

72. Kapitel

[GEJ.09_072,01] Sagte nun der Wirt in aller Ehrfurcht und Hochachtung: „O Herr und Meister, Deine Taten sind allerwunderbarst, – aber Deine Worte sind wahrhaft pur Wahrheit und Leben. Denn so Du handelst, da merkt es auch ein Blinder, daß in Deinem Willen mehr als eine menschliche Kraft und Macht waltet; aber wenn Du sprichst, da erkennt man erst in der Fülle, daß Du der Herr Selbst bist! Denn die Weisheit Deiner Rede ist mehr denn das hellste Licht der Mittagssonne.

[GEJ.09_072,02] Aber nun muß auch ich mir noch die Freiheit nehmen und des Reiches Gottes wegen an Dich, o Herr und Meister, eine Frage stellen. So Du es mir zuvor allergnädigst gestatten wollest, will ich reden.“

[GEJ.09_072,03] Sagte Ich: „Rede du, was du nur immer willst, und Ich werde dir antworten!“

[GEJ.09_072,04] Sagte nun der Wirt: „Herr und Meister, Du hast nun vieles von Deiner abermaligen Ankunft und somit auch von der Ankunft des Reiches Gottes auf dieser Erde gar überweise geredet zu Deinen lieben Jüngern und daneben auch zu mir und zu meinem von Dir geheilten Oberknecht. Da fiel mir denn doch eines sehr auf, und das von einer irgendwann in der Ferne der Zeiten werden sollenden und somit auch von der wahren Ankunft des Reiches Gottes auf Erden.

[GEJ.09_072,05] Und also sagtest Du auch, daß das Reich Gottes nicht irgend mit äußerem Schaugepränge unter die Menschen kommen werde, sondern es sei schon inwendigst im Menschen, der es nur zu suchen, zu finden und also in sich zu entfalten habe.

[GEJ.09_072,06] Ich aber bin da nun einer solchen Meinung, daß wir uns alle hier in Deiner Gegenwart befinden, die sich sichtlich nicht in uns, sondern noch sehr außer uns befindet, und wir mit aller Zuversicht sagen können: Siehe, hier ist Christus, der von Ewigkeit gesalbte Herr aller Herrlichkeit, und Er Selbst ist Alles in Allem und somit auch das ewige Reich Gottes und das Leben und die Wahrheit! Da Du nun aber bei uns bist, so ist ja auch Dein Reich nicht in uns, sondern bei uns in unserer Mitte.

[GEJ.09_072,07] Wird in der von Dir uns vorhergesagten Zeit sich diese heiligste Sache auch also verhalten, oder wird Deine zweite Ankunft von der jetzigen doch eine sehr verschiedene sein?“

[GEJ.09_072,08] Sagte Ich: „O du Mein lieber Freund, du hast nun wahrlich ganz gut geredet, und Ich kann dir sagen, daß dir das nicht dein Fleisch und Blut, sondern nur dein Geist eingegeben hat; aber darum verhält sich die Sache von der einstigen Wiederkunft des Menschensohnes dennoch also, wie Ich sie euch allen klar genug gezeigt habe.

[GEJ.09_072,09] Du hast ganz recht, so du nun sagst, daß das Reich Gottes in Mir zu euch gekommen ist und sich bei euch und in eurer Mitte befindet; aber das genügt noch nicht zur Erreichung und vollen Erhaltung des ewigen Lebens der Seele, weil das Reich Gottes in Mir wohl zu euch gekommen, aber darum noch nicht in euer Inneres gedrungen ist, was erst dann geschehen kann und wird, wenn ihr ohne alle Rücksicht auf die Welt Meine Lehre ganz in euren Willen und somit auch in die volle Tätigkeit aufgenommen habt. Wenn das einmal der Fall sein wird, dann werdet ihr nicht mehr sagen: ,Christus, und mit Ihm das Reich Gottes, ist zu uns gekommen und wohnt bei und unter uns!‘, sondern ihr werdet sagen: ,Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir!‘ Wenn das bei euch der Fall sein wird, dann auch werdet ihr das in der Fülle lebendig begreifen, wie das Reich Gottes nicht mit äußerem Schaugepränge zu und in den Menschen kommt, sondern sich nur inwendig im Menschen entfaltet und die Seele in sein ewiges Leben zieht, festigt und erhält.

[GEJ.09_072,10] Es muß zwar dem Menschen zuvor von außen her der Weg gezeigt werden durch das Gotteswort, das da kommt aus den Himmeln zum Menschen, und wo man sagen kann: ,Der Friede sei mit dir; denn das Reich Gottes ist nahe zu dir gekommen!‘ Aber darum ist der Mensch noch nicht im Gottesreiche, und das Reich Gottes ist nicht in ihm.

[GEJ.09_072,11] Aber so der Mensch ungezweifelt zu glauben anfängt und durch sein Tun nach der Lehre den Glauben lebendig macht, dann erst entfaltet sich das Reich Gottes also im Menschen, wie sich im Frühjahre das Leben in der Pflanze sichtlich von innen aus zu entfalten anfängt, wenn die Pflanze von dem Lichte der Sonne beschienen und erwärmt und dadurch zur inneren Tätigkeit genötigt wird.

[GEJ.09_072,12] Alles Leben wird wohl wie von außen her angeregt und geweckt, – aber die Entstehung, Entwicklung, Entfaltung, Formung und Festigung geht dann immer von innen aus.

[GEJ.09_072,13] Also müssen auch Tiere und Menschen die Nahrung zuerst von außen her in sich aufnehmen; aber dieses Aufnehmen der Speise und des Trankes ist noch lange nicht die wahre Ernährung des Leibes, sondern diese geht erst dann vom Magen in alle Teile des Leibes aus. Wie aber gewisserart der Magen das Lebensnährherz des Leibes ist, also ist auch das Herz im Menschen der Nährmagen der Seele zur Erweckung des Geistes aus Gott in ihr, und Meine Lehre ist die wahre Lebensspeise und der wahre Lebenstrank für den Magen der Seele.

[GEJ.09_072,14] Und so bin Ich denn in Meiner Lehre an die Menschen ein wahres Lebensnährbrot aus den Himmeln, und das Tun nach ihr ist ein wahrer Lebenstrank, ein bester und kräftigster Wein, der durch seinen Geist den ganzen Menschen belebt und durch die hellst auflodernde Liebesfeuerflamme durch und durch erleuchtet. Wer dieses Brot ißt und diesen Wein trinkt, der wird keinen Tod mehr sehen, fühlen und schmecken in Ewigkeit.

[GEJ.09_072,15] So ihr das nun verstanden habt, so tuet auch danach, und Meine Worte werden in euch zur vollsten und lebendigsten Wahrheit werden!“

 

73. Kapitel

[GEJ.09_073,01] Sagten nun die Jünger: „Herr und Meister, diese Deine Belehrung an uns ist wohl verständlich, – aber als Du einmal in Kapernaum, wo Dir so viel Volk aus allen Gegenden um Jerusalem nachgezogen ist, eine ähnliche Lehre von dem Essen Deines Fleisches und vom Trinken Deines Blutes geredet hast, da war das offenbar eine harte Lehre, besonders für jene Menschen, die Dein einfaches und klares Wort nicht also verstanden haben, wie es dem wahren Sinne nach zu verstehen war, darum denn damals Dich auch viele der damaligen Jünger verlassen haben. Wir selbst verstanden das anfangs nicht, nur der Wirt, der niemals ein eigentlicher Jünger von Dir war, hat uns die Sache verdolmetscht, und so wir nun jene Lehre mit dieser vergleichen, so besagt sie dasselbe, was Du nun wohl in höchster und handgreiflicher Klarheit gelehrt hast. – Haben wir recht oder nicht?“

[GEJ.09_073,02] Sagte Ich: „Allerdings, denn Brot und Fleisch sind da eines und dasselbe, so wie auch Wein und Blut, und wer da in Meinem Worte das Brot der Himmel ißt und durch das Tun nach dem Worte, also durch die Werke der wahren, alleruneigennützigsten Liebe zu Gott und zum Nächsten den Wein des Lebens trinkt, der ißt auch Mein Fleisch und trinkt Mein Blut. Denn wie das von den Menschen genossene natürliche Brot im Menschen zum Fleische und der getrunkene Wein zum Blute umgestaltet wird, so wird in der Seele des Menschen auch Mein Wortbrot zum Fleische und der Liebetatwein zum Blute umgewandelt.

[GEJ.09_073,03] Wenn Ich aber sage: ,Wer da ißt Mein Fleisch‘, so ist damit schon bedeutet, daß er Mein Wort nicht nur in sein Gedächtnis und in seinen Gehirnverstand, sondern auch zugleich in sein Herz, das da – wie bereits gezeigt – der Magen der Seele ist, aufgenommen hat, und im gleichen auch den Liebetatwein, der dadurch nicht mehr Wein, sondern schon das Blut des Lebens ist; denn das Gedächtnis und der Verstand des Menschen verhalten sich zum Herzen beinahe geradeso, wie der Mund zum natürlichen Magen. Solange das natürliche Brot sich noch unter den Zähnen im Munde befindet, ist es noch kein Fleisch, sondern Brot; wenn es aber zerkaut in den Magen hinabgelassen und dort von den Magensäften durchmengt wird, so ist es seinen feinen Nährteilen nach schon Fleisch, weil dem Fleische ähnlich. Und also ist es auch mit dem Weine oder auch mit dem Wasser, das sicher auch den Weinstoff in sich enthält, da ohne das Wasser, das das Erdreich zur Ernährung aller Pflanzen und Tiere in sich birgt, die Rebe erstürbe. Solange du den Wein im Munde behältst, geht er nicht ins Blut über; aber im Magen wird er gar bald in dasselbe übergehen.

[GEJ.09_073,04] Wer demnach Mein Wort hört und es in seinem Gedächtnisse behält, der hält das Brot im Munde der Seele. Wenn er im Gehirnverstande darüber ernstlich nachzudenken anfängt, da zerkaut er das Brot mit den Zähnen der Seele; denn der Gehirnverstand ist für die Seele das, was die Zähne im Munde für den Leibmenschen sind.

[GEJ.09_073,05] Ist vom Gehirnverstande Mein Brot, also Meine Lehre, zerkaut oder als volle Wahrheit verstanden und angenommen, so muß sie dann auch von der Liebe zur Wahrheit im Herzen aufgenommen werden und durch den festen Willen in die Tat übergehen. Geschieht das, so wird das Wort in das Fleisch und durch den ernstfesten Tatwillen in das Blut der Seele, das da ist Mein Geist in ihr, umgestaltet, ohne das die Seele so tot wäre wie ein Leib ohne das Blut.

[GEJ.09_073,06] Der ernstfeste Tatwille aber gleicht einer guten Verdauungskraft des Leibmagens, durch die der ganze Leib gesund und stark erhalten wird; ist aber die Verdauungskraft des Magens schwach, so ist der ganze Leib schon krank und schwach und siecht selbst bei den besten und reinsten Speisen.

[GEJ.09_073,07] Ingleichen geht es der Seele, in deren Herzen der Wille zur Tat nach der Lehre ein mehr schwacher ist. Sie gelangt nicht zur vollen, gesunden, geistigen Kraft, bleibt so halb hin und halb her, gerät leicht in allerlei Zweifel und Bedenken und fängt bald die eine und bald eine andere Kost zu prüfen an, ob sie ihr nicht besser und stärkender anschlüge. Aber es ist damit der einmal schon schwächlichen Seele dennoch nicht völlig geholfen. ,Ja‘, aber fraget ihr nun in euch, ,ist denn einer schwächlichen Seele dann auch nicht mehr völlig zu helfen?‘ O ja, sage Ich. Wie aber?“

 

74. Kapitel

[GEJ.09_074,01] (Der Herr:) „Höret! So ein Mensch einen schwachen Magen hat, so nimmt er einmal einen euch wohlbekannten Kräutertrank, durch den die schlecht verdauten Speisen auf dem bekannten natürlichen Wege aus dem Magen und den Gedärmen hinweggeschafft werden; die schlecht verdauten Speisen aber gleichen den in der Seele erwachten Bedenken, ob sie dies und jenes wohl völlig glauben und danach tätig sein solle.

[GEJ.09_074,02] Wenn aber der natürlich schwache Magen einmal gereinigt ist, was ist dann zu tun, damit er wieder stark werde und stark bleibe? Der Mensch werde recht tätig und mache dabei in der frischen und reinen Luft eine rechte Bewegung, und der Magen wird dadurch zuerst seine volle und gesunde Kraft wieder erhalten. Und seht, das tue denn auch die Seele! Sie reinige ihr Herz von all den irrtümlichen Lehren, Begriffen und Ideen, nehme die Wahrheit, wie Ich sie euch lehre, liebewillig und vollgläubig auf und werde danach recht tätig und regsam, und sie wird dadurch bald sehr erstarken und auch völlig und unverändert bleibend gesund werden!

[GEJ.09_074,03] Darum sei denn keiner von euch nur Hörer, sondern sogleich auch ein ernstwilliger und emsiger Täter Meines Wortes, so werden dadurch auch ehest alle Bedenken und Zweifel aus seiner Seele entwichen sein.

[GEJ.09_074,04] Wie aber der natürliche Leibesmagen in seinem kräftig gesunden Zustande allerlei reine und im Notfalle auch unreine Speisen in sich aufnehmen kann, ohne einen Schaden zu leiden, weil er durch seine Tätigkeit alles Unreine entweder von sich wegschafft oder ins Reine verkehrt, ebenso tut das auch der kräftige und völlig gesunde Magen der Seele; und es ist demnach dem Reinen alles rein, und selbst der unreinste geistige Pestdunst der Hölle kann in ihm keinen Schaden bewirken.

[GEJ.09_074,05] So ihr denn im Vollbesitze Meines Reiches in euch sein werdet, da werdet ihr über Schlangen und Skorpionen einherwandeln und Gifte aus der Hölle trinken können, und es wird euch das nimmerdar schaden.

[GEJ.09_074,06] So ihr nun das alles wohl begriffen und aufgefaßt habt, so werdet ihr denn nun auch das der vollen und lebendigen Wahrheit nach einsehen, was Ich in Kapernaum unter dem ,Mein-Fleisch-essen‘ und unter dem ,Mein-Blut-trinken‘ von euch verstanden haben wollte, und ihr werdet das hinfort auch sicher keine harte Lehre mehr nennen.

[GEJ.09_074,07] Es sind aber für den puren Menschenverstand die Dinge und gar viele Erscheinungen schon in der sichtbaren Naturwelt grundursächlich schwer dahin zu erklären, auf daß er darauf von allen möglichen, den bösen Aberglauben nährenden Irrtümern frei werde und so den Weg der Wahrheit wandle; um wie vieles schwerer begreiflich erst sind dann die dem Fleischesauge des Menschen unsichtbaren, himmlisch geistigen Dinge, Kräfte, Wirkungen und Erscheinungen für den puren Gehirnverstand und für die Seele ersichtlich zu machen!

[GEJ.09_074,08] Darum sage Ich euch denn auch allzeit: In alle Weisheit in geistigen, himmlischen Lebensverhältnissen und in deren Kraft und Macht werdet ihr erst dann eingeweiht werden, so ihr auf die Art und Weise, wie Ich sie euch ausführlich klar gezeigt habe, in Meinem Geiste völlig neu geboren sein werdet. Und nun fraget euch selbst, ob ihr das alles auch in der rechten und vollen Wahrheitstiefe verstanden und begriffen habt!“

[GEJ.09_074,09] Sagten die Jünger: „Ja, Herr und Meister, wenn Du also vor uns die Geheimnisse des Reiches Gottes enthüllst, dann sind sie für uns denn auch leicht verständlich; aber so Du Deinen Mund in Gleichnissen auftust, dann ist der Sinn Deiner Worte für uns stets schwer und manchmal gar nicht verständlich. Aber so Du dann die Gleichnisse uns erklärst, da erst sehen wir ein, daß derlei Bilder und Gleichnisse zu geben nur der göttlichen Allweisheit möglich ist. O Herr, wir danken Dir aus dem tiefsten Herzensgrunde für Deine übergroße Geduld mit und für Deine Liebe zu uns! So wir aber als Menschen irgendwann schwach und müde werden sollten auf dem Wege zur wahren Neu- und Wiedergeburt Deines Geistes in uns, dann, o Herr, verlasse uns nicht, sondern stärke uns, und laß uns nimmerdar schwach werden! Und wenn unser Gemüt ängstlich und traurig wird, wenn Du in der Zukunft nicht mehr sichtbar unter uns wandeln wirst, dann komme mit Deiner Gnade und Erbarmung, und tröste uns, und belebe unsere Liebe, unsern Glauben und unser Hoffen und unser Erwarten!“

[GEJ.09_074,10] Sagten der Wirt und sein geheilter Oberknecht: „O Herr und Meister, um das, um was Dich die Jünger gebeten haben, bitten auch wir Dich!“

[GEJ.09_074,11] Sagte Ich: „Wahrlich, wahrlich sage Ich euch: Um was ihr den Vater in Meinem Namen bitten werdet, das wird euch auch gegeben werden! Wo aber ist ein Vater unter den Menschen, die doch zumeist eitel böse sind, der einem Kinde, das ihn um ein Stück Brot bittet, einen Stein gäbe, oder einer Tochter, die ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange?

[GEJ.09_074,12] So aber schon die Menschen, die – wie gesagt – eitel böse sind, ihren Kindern gute Gaben erteilen, um wieviel mehr wird der ganz allein übergute Vater im Himmel denen Gutes erweisen, die Ihn liebend und gläubig darum bitten.

[GEJ.09_074,13] Darum möget ihr allzeit fröhlichen Herzens und frohen Mutes sein; denn der heilige und übergute Vater wacht allzeit über euch und sorgt um euer Wohl und Seelenheil.

[GEJ.09_074,14] Der Vater aber ist in Mir, wie Ich allzeit und ewig in Ihm bin, und Ich gebe euch die volle Versicherung, daß Ich euch niemals als Waisen belassen werde bis ans Ende der Zeiten dieser Erde.

[GEJ.09_074,15] Wahrlich sage Ich euch: Wer Mich wahrhaft lieben und Meine Gebote halten wird, zu dem werde Ich kommen und Mich ihm selbst offenbaren, und es wird sich dann ein jeder überzeugen können, daß er sich nicht als Waise in der Welt befindet! Wem Ich Mich aber also offenbaren werde, der behalte das nicht für sich, sondern teile solchen Trost auch seinen Brüdern mit, auf daß auch sie dadurch getröstet und gestärkt werden.

[GEJ.09_074,16] Wer die Schwachen gerne stärkt, die Betrübten tröstet und den Leidenden gerne hilft, der wird in allem dem den zehnfachen Lebenslohn von Mir zu gewärtigen haben. Dessen könnet ihr allzeit völlig versichert sein!“

[GEJ.09_074,17] Diese Meine Worte machten alle fröhlich und heiter, und der Wirt ließ unsere Becher abermals mit seinem besten Weine füllen, und wir tranken denn auch und unterhielten uns noch bei einer Stunde lang.

 

75. Kapitel

[GEJ.09_075,01] Nach einer Stunde aber ward es unruhig auf der Straße; denn es entstand ein starker Wind und tobte mit großem Ungestüm durch die Türen und Fenster des Hauses. Darob entsetzten sich denn auch die Pharisäer so sehr, daß ein paar zu uns kamen und den Wirt ängstlich fragten, was daraus werde.

[GEJ.09_075,02] Der Wirt aber, der selbst ängstlich wurde über den so plötzlich entstandenen Sturm, sagte: „Wie möget ihr Gottesdiener mich darum fragen? Ihr kennet doch sonst alles und saget, daß Gott auf der Welt ohne euch, die ihr Seine einzigen Stellvertreter und Seine Diener und Knechte seid, nichts vermöge. So werdet ihr nun wohl auch am besten wissen, warum Gott diesen gewaltigen Sturm gar so plötzlich hat entstehen lassen, und was daraus werden wird. Was soll ich als ein von euch noch stets geächteter Halbsamariter da wissen, wo ihr Gott so nahe Stehende selbst voll Furcht und Angst zu fragen anfanget?“

[GEJ.09_075,03] Sagte einer der Pharisäer: „Nun, nun, so fahre als ein Bürger Roms nur nicht gleich so in die Höhe! Vielleicht weiß uns da der wundersame Nazaräer, der in alle Geheimnisse der Natur sicher sehr eingeweiht ist, etwas zu sagen? Denn so etwas ist ja noch gar nie dagewesen! Ein Sturm, wie er nun immer ärger zu wüten anfängt, fängt doch stets mit einem schwächeren Winde an, der immer heftiger wird, so lange, bis er in einen Orkan ausartet; aber diesem Sturm ist auch nicht das leiseste Lüftchen vorangegangen, sondern er kam wie eine mächtige Flut urplötzlich und tobt und rast nun mit stets zunehmender Heftigkeit fort, und da kann man denn doch wohl fragen, was daraus werden solle?“

[GEJ.09_075,04] Während der Pharisäer noch also fortreden wollte, entlud sich draußen ein starker Blitz, dem alsbald ein gar gewaltig dröhnender Donner folgte. Da stürzten die beiden Pharisäer, von Schreck und Angst genötigt, ganz zu uns hin und suchten bei uns Schutz und Trost. Es dauerte aber gar nicht lange, als sich ein zweiter Blitz mit noch größerer Heftigkeit entlud, der auch die andern Pharisäer und den Schriftgelehrten zu uns brachte. Alles im ganzen Hause war von Furcht und großer Angst erfüllt und drängte sich in unseren Saal, und die Pharisäer verkrochen sich unter den Tisch, an dem sie ehedem gesessen hatten.

[GEJ.09_075,05] Es fragte Mich aber darauf der Wirt, sagend: „Herr und Meister, die Zeit in der Nacht zu messen, wenn man keine Sterne sieht, ist eine schwere Sache; aber so nach meinem Gefühl dürfte es nun wohl schon in die Nähe der Mitternacht gekommen sein. Die meisten von der Tagesarbeit müden Menschen haben sich schon sicher vor zwei Stunden zur Ruhe begeben und sollten zur Nachtzeit Ruhe haben; dieser Sturm aber wird doch sicher niemanden in der Ruhe lassen, da sein Toben ein so heftiges ist, daß sogar ein Halbtoter wach und mit aller Angst und Furcht erfüllt werden muß. Warum ist denn doch nun dieser Sturm so urplötzlich entstanden? Sieh, ich bin doch ein Mensch, der so leicht nicht kleinmütig wird; aber ich gestehe es offen, daß ich nun trotz Deiner allmächtigen Gegenwart von dem Toben und Wüten dieses Sturmes, der sich nicht im geringsten legen will, in allerlei Besorgnisse versetzt werde. Kannst oder willst Du diesem Sturme nicht auch gebieten, sich zu legen? Denn die Nacht ist ja eine Zeit der Ruhe der ganzen Natur und nicht eine Zeit der gewaltigsten Unruhe. Warum müssen denn sicher gar viele Tausende von Menschen und Tieren von solch einem Nachtsturm in eine größte Angst und Furcht versetzt werden?“

[GEJ.09_075,06] Sagte Ich: „Siehst du nun auch Mir irgendeine Furcht und Angst an? Laß du diesen äußeren Sturm nur immerhin wüten und toben; denn es wird durch ihn keinem Gerechten ein Haar gekrümmt werden!

[GEJ.09_075,07] Um vieles ärger ist der innere Sturm eines großen Sünders, wenn sein Ende naht und er den ewigen Tod vor sich sieht und Gottes Zorn über seinem Haupte. Wird der bei Gott wohl auch noch eine Gnade und Erbarmung zu erlangen hoffen können, der nie einem Armen auch nur die kleinste Barmherzigkeit erwiesen, wohl aber gar viele Menschen ins größte Elend und in die drückendste Not gestürzt hat? Siehe, Freund, ein solcher Seelensturm ist ums unaussprechbare erschrecklicher denn ein solcher Natursturm, durch den der Erde eine große Wohltat und daneben hie und da nur ein sehr kleiner Schaden zugefügt wird. Darum lassen wir diesen Natursturm nun nur wüten und toben noch eine Weile, und wir werden dabei dennoch voll guter Dinge und voll guten Mutes sein!“

[GEJ.09_075,08] Als Ich damit den Wirt getröstet und beruhigt hatte, da entluden sich wieder mehrere gar gewaltige Blitze, denen ein gar mächtig erdröhnender Donner folgte, daß darob das ganze starke Haus des Wirtes erbebte.

[GEJ.09_075,09] Als die unter einem Tische zusammenhockenden Pharisäer das Erbeben des ganzen Hauses wahrnahmen, da fingen sie mit zitternder Stimme laut zu rufen an: „Jehova, Du Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, erbarme Dich unser, und laß uns nicht zugrunde gehen, etwa gar dieser zauberischen und frevelhaft kecken Essäer wegen, die sich Juden nennen, aber mit den Samaritern, Heiden, Zöllnern und anderen Sündern umgehen und sich über uns, Deine rechten Diener erheben und uns allerorts bei den Menschen verdächtigen, Deinen Namen eitel nennen und, wie wir es wissen, auch zu öfteren Malen den Sabbat schänden!“

[GEJ.09_075,10] Als die Pharisäer solches noch kaum ausgesprochen hatten, da entluden sich wieder mehrere noch heftigere Blitze mit starkem Gekrache, und ein Blitz hatte sogar in die dem Hause des Wirtes gegenüberstehende Synagoge geschlagen und das Holzwerk, das Dach und die Bänke, Tische und Kästen, in Brand gesteckt.

[GEJ.09_075,11] Der Wirt ersah das alsbald durch die Fenster des Saales und sagte zu den Pharisäern: „Erhebet euch, und gehet löschen; denn der letzte Blitz hat in die Synagoge eingeschlagen und das Holzwerk entzündet! Kurz, die Synagoge steht in Flammen; darum gehet hin, und suchet eure Schätze und Heiligtümer zu retten!“

[GEJ.09_075,12] Als die Pharisäer das vernahmen, da sprangen sie gleich auf, machten im Hause einen großen Lärm und wollten Mich und Meine Jünger zum Löschen des Feuers zwingen.

[GEJ.09_075,13] Ich aber sagte mit ernster Stimme: „Was kümmert Mich euer Feuer und eure Synagoge! Ihr habt ja ohnehin schon euren Gott angerufen. Warum erhört Er eure Bitte denn nicht? Wahrlich, so Ich, als ein von euch blinden Pharisäern vermeinter Essäer, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs bitten würde, daß Er dem Sturme geböte, aufzuhören, so würde der Sturm auch alsbald aufhören! Ich werde aber das nun nicht tun; denn ihr haltet mich für einen Ketzer und Sünder gegen euren Gott, an den ihr selbst in euren Herzen noch nie geglaubt habt. Wendet euch nun nur an euren Gott, und sehet, ob Er euch erhören und helfen wird!“

[GEJ.09_075,14] Auf das wurden die Pharisäer noch zudringlicher und baten uns, ihnen zu helfen, so da bei der schon starken Überhandnahme des Feuers noch eine Hilfe möglich wäre.

[GEJ.09_075,15] Auch der Wirt bat Mich, sagend: „O Herr und Meister, so Du auch diese blinden Pharisäer nicht erhören willst, so wolle doch mich erhören! Denn siehe, mein Haus ist nur bei siebzig Schritte von der brennenden Synagoge entfernt; wenn der heftige Wind umschlüge, so stünde auch mein Haus in Gefahr, Feuer zu fangen, und das um so leichter, weil der Sturmwind von keinem Regen begleitet ist!“

[GEJ.09_075,16] Sagte Ich: „Ich habe dir schon einmal die Versicherung gegeben, daß dem Gerechten kein Haar gekrümmt werde, und so der Wind zehnmal umschlüge, so wird dadurch dir und deinem Hause noch kein Unheil begegnen. Derlei Winde aber schlagen nicht so leicht um, was Ich wohl kenne, und so hast du nun nichts zu befürchten.

[GEJ.09_075,17] Es sind aber in dieser Synagoge gar viele ungerechte Schätze aufgehäuft, um die arme Witwen und Waisen, in der Fremde umherirrend, seufzen und wehklagen, während diese blinden Pharisäer, die sich von den Juden als Gottes Diener ehren lassen, sich hier ganz sorglos und um das wahre Wohl der Menschen unbekümmert mästen. Daher ist denn auch kein Schade um derlei Schätze, an denen Gott ewig nie ein Wohlgefallen haben kann. Diese hier aber, die nun zum gerechten Schaden kommen, werden in der Folge noch ebensogut leben, wie sie bisher gelebt haben!“

 

76. Kapitel

[GEJ.09_076,01] Als die Pharisäer das von Mir vernommen hatten, da sagte der eine, der unter ihnen noch der Bessere war, zu dem Schriftgelehrten: „Du, der Galiläer hat an und für sich wahrlich nicht unrecht. Seine Worte stechen zwar wie scharfe Pfeile; aber er spricht die Wahrheit! Warum hat der Blitz denn gerade unsere Synagoge treffen müssen? Der Galiläer kennt unsere Wirtschaft und kann ihr wahrlich kein Lob erteilen und weiß es denn auch recht wohl, daß Gott unsere Bitte unerhört lassen wird. Wir sollten uns ihm nun freundlicher nähern, und er könnte uns vielleicht doch wunderbar erretten. Wer von uns kann es denn nur mit einiger Gewißheit behaupten, daß er nicht eben Der ist, der uns verheißen worden ist?“

[GEJ.09_076,02] Sagte der Schriftgelehrte: „Fängst auch du an, wider uns zu zeugen? Steht es denn nicht geschrieben: ,Aus Galiläa steht kein Prophet auf!‘?“

[GEJ.09_076,03] Sagte der bessere Pharisäer: „Ja, ja, das steht wohl also geschrieben; aber das steht auch nirgends geschrieben, daß der Messias nicht in Galiläa erstehen könnte. So er aber Der wäre, da ist er dann aber auch kein Prophet, sondern der Herr Selbst, und es hätte dann das, was in der Schrift steht, auf ihn keinen Bezug!“

[GEJ.09_076,04] Sagte der Schriftgelehrte: „Ja, wenn es so wäre, dann freilich nicht; aber wer kann das erweisen, und wer getraute sich das?“

[GEJ.09_076,05] Sagte der Pharisäer: „Er selbst und nun schon vielleicht viele Hunderttausende von Zeugen! Für unsern Unglauben aber kann er nicht. Hier aber ist nun eine Gelegenheit, uns zu zeigen, daß er mehr denn ein Prophet ist, und wir wollen und werden dann auch an ihn glauben!“

[GEJ.09_076,06] Hierauf sagte der Schriftgelehrte nichts mehr, ging aber hinaus, um nachzusehen, welchen Schaden etwa das stets wachsende Feuer schon angerichtet habe. Da aber der Sturmwind gleichfort so heftig wehte, daß sich ein Mensch kaum aufrecht stehend halten konnte, und die Blitze auch beinahe unausgesetzt die Luft und das dichte Gewölk mit starkem Gedonner durchkreuzten, so blieb der Schriftgelehrte mit noch einem ihn begleitenden Pharisäer nicht lange draußen als ein Beobachter stehen, sondern kehrte bald wieder in den Saal zurück und zeigte es den andern an, daß nun von der Synagoge nicht viel mehr zu retten sein werde, indem das Feuer schon zu mächtig geworden sei und man im Orte zu wenig Wasser und zu wenig mutige Menschen zum Löschen besitze.

[GEJ.09_076,07] Der bessere Pharisäer aber trat wieder zu Mir und sagte: „Meister, Du hast es vernommen, was ich über Dich zu unserem Schriftgelehrten geredet habe, und er konnte mir darauf nichts irgend Haltbares erwidern, schwieg daher lieber, ging aber doch hinaus, um nachzusehen, ob es sich etwa noch der Mühe lohnte, die Synagoge zu löschen und so auch noch einige Kostbarkeiten zu retten. Damit hatte er andeuten wollen, daß er auch an Dich zu glauben anfinge, so Du durch Deine Wundermacht den Brand der Synagoge löschen und so denn auch einige wenige Schätze retten würdest. Da aber das böse Feuer nun schon bald alles verzehrt und zerstört haben wird, so wird er sich nun denken: ,Da ist weder mit natürlichen noch mit wunderbaren Mitteln mehr etwas zu retten, und so bleibe ich bei meinem Unglauben.‘

[GEJ.09_076,08] Ich für mich und meinen Teil aber denke und urteile da nun ganz anders; denn mir genügen die zwei Zeichen, die Du hier gewirkt hast, nämlich erstens die Reinigung der zehn Aussätzigen und zweitens die Heilung des Oberknechtes, und ich glaube, daß Du unwiderlegbar der Gesalbte Gottes bist und Dir darum auch nichts unmöglich ist. Und so glaube ich denn auch, daß Du den Sturm stillen und unsere Synagoge noch löschen und uns das Notwendigste zum Leben retten könntest, so Du das wolltest! Herr und Meister, vergib es mir, so ich mich ehedem irgend an Dir versündigt habe, und lasse wenigstens mich sehen, daß Du auch ein Herr der Elemente und der großen Natur bist!“

[GEJ.09_076,09] Sagte Ich: „Selig bist du, da du glaubest, und Ich will dir auch tun nach deinem Glauben! Gehe denn nun mit Mir hinaus ins Freie, und wir wollen sehen, was ein rechter Glaube vermag!“

[GEJ.09_076,10] Darauf ging Ich mit dem besseren Pharisäer hinaus ins Freie und besah mit ihm den starken Brand, der bereits im ganzen großen Gebäude wütete, und sagte zu ihm, der ohne Furcht und Angst mit Mir war: „Meinst und glaubst du noch, daß es Mir möglich wäre, mit einem Worte den gewaltigen Sturm zu stillen und den Brand zu löschen und dadurch zum wenigsten deine Habe zu retten?“

[GEJ.09_076,11] Sagte der Pharisäer ganz zutraulich: „Ja, Herr und Meister, jetzt erst glaube ich das ganz ohne etwelchen Zweifel! Sprich Du nur ein Wort, und es wird unfehlbar geschehen, was Du willst!“

[GEJ.09_076,12] Sagte Ich: „Nun, so geschehe denn, wie du es glaubest!“

[GEJ.09_076,13] Als Ich das ausgesprochen hatte, da legte sich urplötzlich der Sturm, und der Brand der Synagoge verlosch auch derart, daß im ganzen großen Gebäude auch nicht ein glühendes Fünklein aufzufinden war.

[GEJ.09_076,14] Hierauf fiel der Pharisäer vor Mir auf seine Knie nieder und pries laut die Kraft und Macht Gottes in Mir.

[GEJ.09_076,15] Ich aber hieß ihn aufstehen; denn es fingen nun auch alle, die die Furcht und Angst in den großen Saal getrieben hatte, an, sich ins Freie zu begeben, da sie es wohl merkten, daß der Sturm gänzlich nachgelassen hatte und durch die Fenster vom Brande der Synagoge auch nichts mehr zu entdecken war.

[GEJ.09_076,16] Als der Schriftgelehrte mit den anderen Pharisäern das merkte und auch den Himmel ganz wolkenlos erblickte, da sagte er: „Höret, das ist mehr, als was sich ein noch so weiser Mensch je hätte können träumen lassen! Was können wir aber nun tun? Glauben wir an den Galiläer, so wird uns bald der ganze Tempel mit glühenden Scheiten am Genicke sitzen, – und glauben wir ihm nun noch nicht, so haben wir das Volk der ganzen Umgegend wider uns. Da wird es nun schwer werden, die goldene Mittelstraße zu finden und auf ihr fortzuwandeln. Doch davon wollen wir erst morgen weiterreden. Nun aber schaffet uns Lichter, auf daß wir uns alsbald überzeugen mögen, welch einen Schaden wir durch den Brand erlitten haben!“

[GEJ.09_076,17] Da brachte der Wirt Lichter, aus Wachs angefertigt, und alles begab sich nach der Synagoge, um nachzusehen, was da alles durch das Feuer zerstört worden sei. Die Pharisäer fanden bald, daß das Feuer in ihren Wohnungen eine große Verheerung angerichtet hatte, und fingen darob sehr zu jammern an; als sie aber in die Wohnung des besseren und gläubigen Pharisäers kamen, in der Ich Mich mit ihm befand, da ergriff alle ein großes Staunen, als sie da alles unversehrt und in der besten Ordnung antrafen.

 

77. Kapitel

[GEJ.09_077,01] Da trat der Schriftgelehrte zu Mir und sagte: „Meister, warum hast denn Du nicht auch unsere Wohnungen also beschützt wie diese hier?“

[GEJ.09_077,02] Sagte Ich: „Warum habt denn ihr nicht auch also geglaubt wie dieser eine hier?“

[GEJ.09_077,03] Sagte der Schriftgelehrte: „Wir konnten uns doch nicht selbst zum Glauben zwingen! Zum vollen Glauben gehört eine gediegenere Überzeugung als die, die wir über dich haben konnten. In dieser von allerlei Zauberern und Wundertätern strotzenden Zeit ist es schwer – besonders für einen alten Schriftgelehrten –, die Wahrheit aus den vielen ähnlichen Erscheinungen herauszufinden und sie dann auch ungezweifelt als das, was sie sei, anzunehmen und ungezweifelt zu glauben!“

[GEJ.09_077,04] Sagte Ich: „Wer zwang denn diesen euren Gefährten zum Glauben, und wie fand denn er aus den vielen falschen Erscheinungen die Wahrheit heraus? Seht, das liegt nicht im Gehirnverstande des Menschen, sondern in seinem besseren und aufrichtigeren Herzen!

[GEJ.09_077,05] Ihr habt euch schon gar lange kein Gewissen mehr daraus gemacht, die Menschen zu eurem äußeren Weltvorteile auf alle nur mögliche Art und Weise zu belügen und zu betrügen; dieser allein tat das nicht, da er bei sich noch auf die Gebote Gottes etwas hielt und sie nicht also verkehrte, wie ihr sie verkehrt habt.

[GEJ.09_077,06] Ihr hattet in euren Herzen keinen Glauben und somit auch keine Lebenswahrheit mehr, und darin liegt der Grund, aus dem ihr Mich nicht erkennen mochtet und an Mich auch keinen Glauben fassen konntet; denn wo keine Wahrheit und kein Leben ist, da kann sich auch keine noch so helle Wahrheit mit ihrem Leben eine Aufnahme und eine bleibende Wohnung verschaffen.

[GEJ.09_077,07] Wo aber noch eine Wahrheit mit ihrem Leben in einem Menschenherzen wohnt, da greift denn auch bald und leicht eine höhere Wahrheit Platz und erzeugt den lebendigen Glauben und dessen Kraft. Und das war denn bei diesem eurem Gefährten der Fall, und Ich habe denn also auch geschehen lassen, wie er geglaubt hat. Da habt ihr nun den Grund eures Unglaubens und der Härte eures Herzens, der euch ebenso blind macht und erhält wie euresgleichen allenthalben im ganzen Judenlande. Ich habe nun geredet und werde Mich nun wieder in die Herberge begeben.“

[GEJ.09_077,08] Auf diese Meine Worte wußte der Schriftgelehrte samt seinem Anhange nichts zu erwidern; Ich aber begab Mich darauf im Geleit des bekehrten Pharisäers, des Wirtes und des geheilten Oberknechtes sogleich nach der Herberge, in der alle die Jünger noch am Tische saßen und sich über Meine Lehren und Taten besprachen.

[GEJ.09_077,09] Die andern Pharisäer und der Schriftgelehrte aber durchsuchten mit mehreren Hausleuten des Wirtes die Synagoge mit Hilfe der Lichter klein durch, um zu sehen, was alles ihnen durch den Brand zerstört worden sei. Sie hätten das auch am nächsten Tage tun können; aber da sie viel Gold, Silber und noch andere Schätze, in der Synagoge verschiedenen Winkeln und Mauerlöchern wohl versteckt, besaßen, so wollten sie sich überzeugen, inwieweit das Feuer etwa auch diese wohlverborgenen Schätze verschont oder unverschont gelassen habe. Als sie nach fleißigem Durchsuchen der Winkel und Mauerlöcher denn doch noch so manches unversehrt vorfanden, da ward es ihnen etwas wohler ums Herz; sie stellten aber dennoch eine Wache auf, die in etlichen Knechten des Wirtes gegen einen guten Lohn bestand, damit ihnen niemand etwas stehle und sie noch ärmer mache, als sie nun zu sein glaubten.

[GEJ.09_077,10] Wir aber hatten unterdessen noch über so manches Besprechungen angestellt, die hier sonderheitlich nicht wiedergegeben zu werden brauchen, weil sie ohnehin an den Orten, wo sie vorgekommen sind, mehr denn hinreichend klar dargestellt und erklärt worden sind.

[GEJ.09_077,11] Besonders ward hier unsere Reise von Jericho bis hierher von Meinen Jüngern klar und kurz und bündig erzählt, worüber der Pharisäer, der Wirt, sein Knecht und sein Weib und etliche seiner erwachsenen Kinder höchlichst erstaunten und der Pharisäer laut zu öfteren Malen ausrief: „Nein, das ist mehr als endlosmal zu viel, um selbst die Steine sehend zu machen! Und meine Gefährten bleiben noch blind und suchen ihre elenden Weltschätze zu verwahren, während die allerhöchsten und ewig unvergänglichen Schätze des Lebens hier in der überschwenglichsten Fülle aufgetischt werden. Aber was kann unsereiner da machen, wo der Herr des Lebens so oftmals vergeblich die größten Zeichen wirkt und den Menschen Lehren gibt, die allein nur aus dem Herzen und Munde Gottes kommen können? Ich lebe leider unter Wölfen und muß, um von ihnen nicht zerrissen zu werden, mit ihnen heulen. Aber sie werden mich von nun an nicht mehr zum Heulen bringen; denn ich weiß nun schon, was ich tun werde!“

[GEJ.09_077,12] Als unser Pharisäer noch solche Ausrufungen machte, da kam auch der Schriftgelehrte und wollte zu erzählen anfangen, wie das Feuer doch eine bedeutende Menge der Schätze unversehrt gelassen hätte.

[GEJ.09_077,13] Aber der Pharisäer erhob sich gleich gegen ihn und sagte: „Ich bitte dich, schweige hier an der heiligen Stätte von dem fluchwürdigsten Unflate der Welt! Dieser Unflat hat die Menschen zu Teufeln gemacht und ihre Seelen in den Pfuhl des ewigen Todes gestürzt. Hier unter uns aber weilt der Herr des Lebens, dem alle Macht über alles im Himmel und auf Erden innewohnt, und ist gekommen, um uns vom alten Joche der Hölle und des ewigen Todes zu erlösen durch Seine Liebe, Gnade und übergroße Erbarmung, – und du suchst den Unflat der Hölle wohl zu verwahren, auf daß du dann noch blinder, verstockter und toter wirst in deiner Seele, als du ohnehin schon bist! Hier stehen die Pforten der Himmel weit geöffnet, und du und die anderen Gefährten bemühet euch, für euch die Hölle wohl zu erhalten. Oh, wie groß muß da eure Seelenblindheit und Herzensverstocktheit sein!

[GEJ.09_077,14] Frage dich selbst! Wer kann Der wohl sein, dem Winde, Stürme, Blitze, Feuer und alle andern Elemente und Kräfte der Natur gehorchen? Ich habe Ihn erkannt und bin nun schon überselig darob; warum erkennest denn du Den noch nicht, der dich mit dem leisesten Hauche Seines allmächtigen Willens vernichten oder in die Hölle verstoßen kann? Weil du an dem bösen Unflate der Welt mit Leib und Seele hängest und tot und blind im Herzen bist!“

 

78. Kapitel

[GEJ.09_078,01] Als der Schriftgelehrte dieses von unserem bekehrten Pharisäer vernommen hatte, da ward er zwar dem Außen nach unwillig; aber innerlich fing er doch an nachzudenken und sagte nach einer Weile: „Glücklich der, dem ein offenes Herz gegeben ist; mir ist es bis jetzt noch nicht gegeben worden! Ich habe die Schrift wohl studiert und suchte die Wahrheit, – was kann nun ich darum, daß ich sie nicht finden konnte? Was nützte mir, so ich las: ,Gott hat mit Abraham, Isaak, Jakob und noch mit vielen andern so und so geredet und hat Sich durch Moses und durch die andern Propheten den Menschen geoffenbart.‘? Warum hat Er denn mit mir und vielen andern meinesgleichen nicht geredet? Bin ich denn weniger Mensch, als es die waren, mit denen Gott geredet und Sich ihnen geoffenbart hat?

[GEJ.09_078,02] Erst jetzt ist abermals ein Mensch unter uns aufgestanden, der uns von neuem wieder zeigt, daß die Schrift keine pure von herrschsüchtigen Menschen erfundene und erdichtete Fabel ist, und daß es einen Gott gibt, dem alle Himmel und alle Mächte und Kräfte der Natur untertan sind. Und so ist es auch nun an der Zeit, zu denken und zu forschen, wie und wodurch bewogen Gott nun wieder einen Menschen erweckt hat, der uns durch Taten und Worte zeigt, daß die Schrift Wahrheit und keine Fabel ist.

[GEJ.09_078,03] Ich bin Mensch geworden nicht durch meinen Willen und nicht durch meine Kraft, sondern durch einen unerforschlichen Willen und durch dessen ebenso unerforschliche Kraft und Macht. Kann ich denn dafür, wenn mich diese Kraft und Macht nicht auch also leitete, daß ich an ihrem Dasein nie hätte zweifeln können? Laß mich nun darum denken, auf daß ich in mir auf den Weg komme, auf dem die alte Wahrheit von neuem wohlerkennbar werde; dann erst rede du mit mir!“

[GEJ.09_078,04] Darauf sagte der bekehrte Pharisäer: „Wie groß muß denn die Herzens- und auch Verstandesblindheit bei einem Menschen sein, der bei solchen Erscheinungen und besonders bei solchen Lehren noch denken und alles genau erwägen will, ob und wie Gott bewogen werden konnte, in dieser Zeit von Seinem allmächtigen Dasein den Menschen dieser Erde wieder einmal ein Zeichen zu geben, und ob das Zeichen auch ein vollgültig wahres sei. O Herr und Meister voll rein göttlicher Kraft, sei auch den Blinden und Verstockten gnädig und barmherzig!“

[GEJ.09_078,05] Sagte Ich: „Freund, lasse du das; denn es hat auf dieser Welt alles seine Zeit! In der Seele deines Gefährten steckt noch zu viel Gold und Silber dieser Welt, und da kann das Reich Gottes nicht so leicht Platz greifen wie bei Menschen, deren Seelen nicht von dem Mammon dieser Welt verhärtet und blind geworden sind. Der schiebt die Schuld auf Gott, daß Er ihn vernachlässigt habe, – bedenkt aber nicht, daß auch er gar manche und sehr bedeutungsvolle Mahnungen von Gott aus erhalten hat, die ihm zu einer großen Leuchte für seine Seele hätten werden können, wenn sie nicht schon von Kindheit an mit aller Gold- und Silbergier wäre angefüllt worden.

[GEJ.09_078,06] Er war damals schon im Tempel, als das offenbare Wunder mit dem Hohenpriester Zacharias geschah, den sie, weil er die großen Mißbräuche und Betrügereien der herrschsüchtigen Pharisäer und ihrer getreuen Anhänger zu rügen und abzuschaffen anfing, zwischen dem Altare und dem Allerheiligsten erwürgt haben. Er war auch im Tempel, als Simeon und die alte Anna lebten, und hat ihre Worte gehört; er war auch noch im Tempel, als Ich als ein zwölfjähriger Knabe die unverkennbarsten Zeichen von dem Geiste gab, der in Mir wohnt, und er kannte Johannes, den Bußprediger in der Wüste, der ein Sohn des Zacharias und der alten, frommen Elisabeth war.

[GEJ.09_078,07] Aber er erkannte vor lauter Gold und Silber das Licht aus den Himmeln nicht, obschon es Tausende geradewegs mit Händen haben greifen können. Er dachte wohl recht viel in seinem Gehirne nach, – aber was nützet der Seele, deren Herz mit lauter Mammon verhärtet und verfinstert ist, ein solches Denken, das da gleicht einem flüchtigen Irrlichte, das wohl gleich einem Blitz die Nacht auf einen Augenblick erleuchtet, aber gleich darauf eine viel ärgere Finsternis zur Folge hat, als sie ehedem den Boden der Erde deckte?

[GEJ.09_078,08] Wahrlich aber sage Ich: So aber ein solches Verstandeslicht im Menschen schon die purste Finsternis ist, wie groß und stark muß dann erst die eigentliche Nacht des Herzens und der Seele selbst sein! Darum laß du diesen Schriftgelehrten mit seinem Irrlichte nur das Reich Gottes suchen; je länger er es also suchen wird, desto weniger wird er es finden! So er sein Herz und dadurch auch seine Seele nicht völlig von dem Mammon frei macht, so lange auch wird er ins Gottesreich nicht eingehen.

[GEJ.09_078,09] Seine Rede gleicht nur der eines Blinden, der auch teils Gott die Schuld gibt, daß er blind ist, und nicht begreift, wie da die andern Menschen sehen können, da doch er nichts sieht. Doch bei einem Leibesblinden ist solch eine Rede zu entschuldigen, wenn er sich nicht selbst mutwillig geblendet hat; aber bei einem Seelenblinden ist solch eine Rede nicht zu entschuldigen, indem er lange gleich vielen andern hätte sehend werden können, so er die ihm wohlbekannten Mittel dazu treulich gebraucht hätte. – Doch lassen wir nun das; morgen ist auch noch Zeit, über die Mittel zur Erlangung des inneren Lichtes zu reden. Die vier Stunden der noch übrigen Nachtzeit aber wollen wir der Ruhe unseres Leibes widmen!“

[GEJ.09_078,10] Es fragte nun schleunigst der Wirt, ob Ich in ein eigenes Schlafgemach Mich begeben wolle.

[GEJ.09_078,11] Sagte Ich: „Wir bleiben hier am Tische; denn Meine Jünger schlafen hier ohnehin schon zum größten Teile, und die Lampen fangen an, zu erlöschen.“

[GEJ.09_078,12] Mit dem war der Wirt zufrieden.

[GEJ.09_078,13] Der Pharisäer wollte auch bei uns bleiben; aber der Schriftgelehrte sagte zu ihm: „Komme du mit mir in deine unversehrt gebliebene Wohnung; ich werde diese Nacht bei dir Wohnung nehmen und mit dir noch so manches besprechen!“

[GEJ.09_078,14] Sagte der Pharisäer: „Ganz gut, – aber mit dem Besprechen wird sich in diesem Reste der Nacht nicht viel machen lassen; denn auch meine Augenlider haben angefangen, schwach zu werden!“

[GEJ.09_078,15] Sagte der Schriftgelehrte: „Nun, nun, das tut nichts zur Sache; gehen wir aber dennoch und nehmen die Ruhe! Vielleicht haben wir einen guten Traum zu gewärtigen, der uns mehr sagen kann, als wir uns gegenseitig; denn ich habe bei solchen gemütsaufregenden Gelegenheiten noch allzeit sehr sonderbare Träume gehabt und werde damit auch diesmal sicher nicht verschont werden.“

[GEJ.09_078,16] Mit dem gingen die beiden und nahmen die Nachtruhe.

 

79. Kapitel

[GEJ.09_079,01] Am Morgen, als die Sonne schon über die Berge gestiegen war und Ich und die Jünger wie gewöhnlich uns schon im Freien befanden, erwachten denn auch der Pharisäer und der Schriftgelehrte, wuschen sich nach der strengen Sitte der Juden, und der Pharisäer fragte dann den Schriftgelehrten, ob er wohl einen Traum gehabt hätte.

[GEJ.09_079,02] Und dieser sagte (der Schriftgelehrte): „Ja, Freund, wie ich es dir vor unserer Ruhenahme gesagt habe; aber es träumte mir nichts als lauter dummes Zeug durcheinander.

[GEJ.09_079,03] Höre! Ich befand mich zwischen hohen Bergen, und wo ich hinsah, waren lauter Gold- und Silberminen; und ich sah eine Menge Bergleute, die diese Metalle in großen Klumpen aus den Bergen schafften. Da ich aber dieses Metall in einer so übergroßen Menge vor mir sah, so hat es vor mir allen Wert zu verlieren angefangen, und als die Bergleute noch immer mehr und mehr dieser Metalle an das Tageslicht förderten, da ward es mir bange, und ich fing an, einen Ausweg zu suchen. Wo ich aber auch hinkam und einen Ausweg nehmen wollte, da war er mit den größten Klumpen Goldes und Silbers schon derart verrammt, daß es eine Unmöglichkeit war, je darüber ins Freie gelangen zu können.

[GEJ.09_079,04] Ich wandte mich denn in meiner großen Angst und nahe völligen Verzweiflung an einen Bergmann, der sich in meiner Nähe befand, und bat ihn, daß er mir einen Ausweg aus der Gold- und Silberschlucht zeige.

[GEJ.09_079,05] Aber der rollte mich mit einer sehr rauhen Stimme an, sagend: ,Da gibt es keinen Ausweg! Wer sich einmal in diese Schlucht verirrt hat, der kommt nicht mehr hinaus; denn wir merken das genau, von woher jemand zu uns herein gelangt, und verrammen ihm den Ausweg, sobald er unsere Schätze zu bewundern angefangen hat. In dieser Schlucht haben schon gar überaus viele Mächtige und Große der Erde ihren Untergang gefunden, und du wirst nicht einer der Letzten sein!‘

[GEJ.09_079,06] Auf diese sehr drohenden Worte des rauhen Bergmanns, der sich darauf auch alsogleich von mir entfernte, erreichten meine Furcht und Angst den höchsten Grad, so daß ich darob wie ganz besinnungslos zu Boden fiel und in diesem bösen Zustande abermals in einen neuen Traum im Traume verfiel.

[GEJ.09_079,07] Da kam ein Mann zu mir und fragte mich mit ernster Stimme, was ich an diesem Orte mache.

[GEJ.09_079,08] Ich aber sagte: ,Wie fragst du mich also, – weiß ich doch nicht, wann, wie und warum ich hierher gekommen bin. Ich habe das ja nie gewollt und befinde mich dennoch hier.‘

[GEJ.09_079,09] Darauf verschwand der Mann, und ich sah bald darauf ein arges Tier sich mir nahen. Da geriet ich in eine noch größere Angst. Darauf aber sah ich einen Blitz vom Himmel fahren, der traf das böse Tier, dessen Gestalt ich dir nicht beschreiben kann. Darauf fing dasselbe an, sich zu krümmen und zu bäumen und stürzte bald in einen tiefen Abgrund, und mir ward es behaglicher im Gemüte.

[GEJ.09_079,10] Ich richtete mich auf und eilte von dieser Stelle einem Orte zu, der sich in einer ziemlichen Ferne von mir befand und ein freundliches und einladendes Aussehen hatte. Ich kam bald in die Nähe des Ortes. Da ersah ich gar zierliche Gärten, in denen eine Menge von allerlei mir unbekannten Fruchtbäumen standen, deren Äste und Zweige von den seltsamsten Früchten strotzten.

[GEJ.09_079,11] In dem einen der Gärten ersah ich auch Weiber und Mägdlein von großer Schönheit, und es fing mich zu gelüsten an, mit ihnen zu reden. Aber mein Gelüsten hatte auch bald ein Ende; denn als mich die Mägdlein und die Weiber ersahen, da fingen sie an zu schreien und flohen vor mir.

[GEJ.09_079,12] Ich dachte bei mir, warum das?

[GEJ.09_079,13] Da vernahm ich eine Stimme wie aus irgendeinem Versteck: ,Das ist unser Feind! Fliehet vor ihm, damit er uns nicht auch hier raube unsere Habe und unsere Keuschheit und unsere Unschuld! Ihr, unsere Männer, aber ergreifet und bindet ihn, und werfet ihn in einen Kerker, darin Kröten und Schlangen hausen!‘

[GEJ.09_079,14] Als ich solches vernahm, da fing ich an zu fliehen über Steine und Stoppeln; ich fiel endlich vor Müdigkeit zu Boden und wurde darauf wach.

[GEJ.09_079,15] Wahrlich, das war denn doch ein dummer und böser Traum, und ich bin vom Angstschweiß noch ganz naß am ganzen Leibe!

[GEJ.09_079,16] Was sagst nun du, Freund, zu diesem meinem bösdummen Traum?“

 

80. Kapitel

[GEJ.09_080,01] Sagte der Pharisäer: „Freund, dieser von dir mir nun erzählte Traum scheint mir eben nicht so bösdumm zu sein, wie du das meinst, und hat eben für dich nach meinem Urteil eine gar tiefe Lebensbedeutung, die ich dir mit wenigen Worten zeigen könnte!“

[GEJ.09_080,02] Sagte der Schriftgelehrte: „So tue das; ich will dich recht gerne anhören!“

[GEJ.09_080,03] Sagte weiter der Pharisäer: „Höre! Die dich so sehr ängstigende Gold- und Silberschlucht, aus der du am Ende keinen Ausweg mehr finden konntest, zeigte dir den Zustand deiner mit lauter Goldgier umpanzerten Seele, die aus eben diesem Zustande keinen Ausweg trotz alles ihres Denkens und Suchens ins Freie der reinen und lebendigen Wahrheit aus Gott mehr finden kann. Die Bergleute, welche du die benannten Metalle in großen Klumpen aus den Bergen schaffen sahst, sind deine eigenen unersättlichen Begierden nach solchen Erdenschätzen. Der Bergmann aber, der zu dir sagte, daß aus dieser Schlucht kein Ausweg mehr führe, und dir auch mit unsanfter Stimme dein sicheres Zugrundegehen verkündete, ist dein eigenes Gewissen, das dich – wie zu einem letzten Mal – allerernstlichst ermahnte, weil du seine sanftere Mahnstimme nicht mehr achten wolltest.

[GEJ.09_080,04] Hierauf wurde es dir so sehr ängstlich und bange zumute, daß du wie besinnungslos zu Boden fielst. Das ist dir ein Zeichen, so zu verstehen nach meiner Ansicht: Weil du deine Gier zu verachten und zu fliehen begannst und dadurch deine Seele entpanzert hast, so hast du dich deiner alten Liebe und somit deines materiellen Lebens begeben und fielst wie tot zu Boden. Weil du aber das getan hast, so erwachte in dir alsbald ein anderes und schon freieres Leben.

[GEJ.09_080,05] Der Mann, der da bald zu dir kam und an dich eine ganz gewichtige Frage stellte, die du nicht beantworten konntest, war abermals dein Gewissen, dein jenseitiger Geist aus Gott. Als er sich von dir entfernte, da ersahst du alsbald ein böses Tier, das nichts anderes als deine alte Gier war, die dich trotz deines schon freieren Seelenzustandes in deinem Gemüte verfolgt. Aber weil du vor deiner alten Sünde nun einen Abscheu hast, so ist dir selbst die Rückerinnerung an sie widrig und verächtlich, und du bemühst dich, diesem bösen Tiere zu entfliehen, auf daß es dich nicht abermals ergreife und dich verderbe und töte. Solche deine gerechte Furcht vor deinem bösen Tier ersieht der Himmel und entsendet einen Blitzstrahl der lebendigen Wahrheit aus Gott. Dieser trifft dein böses Tier wohl, das sich darauf wohl noch eine Weile bäumt und krümmt, aber endlich doch in den Abgrund stürzt und in deiner Seele nicht mehr zum Vorschein kommt.

[GEJ.09_080,06] Nun zeigt sich dir, wie noch in einer Ferne, ein wohnlicher Ort, darob es dir ganz behaglich zumute wird. Du eilst dem Orte zu und in dessen Nähe zu gar schönen und an seltsamen Fruchtbäumen und Früchten reichen Gärten. Der wohnliche Ort ist die in dein Herz zurückgekehrte Ruhe, und die Gärten stellen die neuen Wahrheiten aus Gott dar, an denen du viel Wohlgefallen hast. Aber da sie durch das Tun danach nicht dein Eigentum sind, so erschaust du sie noch wie außer dir, und die Früchte getrauest du dir nicht anzugreifen.

[GEJ.09_080,07] In einem Garten ersahst du auch gar schöne Weiber und Mägdlein, mit denen du dich besprechen und in eine nähere Bekanntschaft setzen möchtest. Als sie aber, als innerste lebendige Wahrheiten, deiner als eines puren, äußeren Verstandesmenschen ansichtig werden, so fliehen sie vor dir, und du denkst: ,Warum wollen sie mich denn nicht, und warum fliehen sie vor mir?‘ Da erwacht wieder dein Gewissen und zeigt dir, wie arm du an den Werken der Liebe zu Gott und zum Nächsten dastehst, und wie viel Unrecht, das du den armen Witwen und Waisen zugefügt hast, du noch gutzumachen hast, worüber sich aber dein Verstand noch entsetzt.

[GEJ.09_080,08] Da sagt dir abermals dein Gewissen: ,Ergreifet und bindet ihn – deinen Außenverstand nämlich – und werfet ihn in einen finstern Kerker, darin Schlangen und Kröten hausen!‘ Das will mit andern Worten so viel sagen, als: Du selbst nimm deinen Weltverstand durch den lebendigen Glauben an Gott und Seinen zu uns gekommenen Gesalbten gefangen, und verbanne ihn, und gib ihn der finstern Welt und ihren giftigen Sorgen zurück; denn aus dem Worte Gottes muß ein neuer und rein geistiger Verstand werden, ansonst du in den Ort der wahren und trostreichen Seelenruhe nicht eingehen kannst.

[GEJ.09_080,09] Da erschrickst du freilich wie von neuem wieder, weil du all dein Leben in deinem Außenverstande zu besitzen wähnst, und fliehst daher noch eine Weile über harte und tote Stoppeln und Steine des Anstoßes. Die Stoppeln und Steine aber sind gleich den Torheiten der Weltweisheit, die dich ermüden und abermals zu Fall bringen. Wohl dir, so du durch diesen im Geiste der vollen Wahrheit aus Gott also wach würdest, wie du nun von deinem guten und für dich sehr bedeutungsvollen Traume ins irdische Leibesleben zurück erwacht bist!

[GEJ.09_080,10] Siehe, so habe ich die Bedeutung deines Traumes erkannt und sie dir denn auch ohne Rückhalt mitgeteilt! Sie ist aber freilich meinem guten Wahrnehmen nach nicht so ganz auf meinem eigenen Grund und Boden gewachsen; denn es kam mir deutlich vor, als hätte mir ein höherer Geist die Worte ins Herz und in den Mund gelegt. Und ich glaube auch, daß dich der Geist Dessen, dem die Kräfte der Himmel und alle Elemente dieser Erde gehorchen – wie wir das gesehen haben – in einen solchen Traumzustand hat kommen lassen.

[GEJ.09_080,11] Du aber kannst nun dennoch glauben, was du willst. Ich habe geredet und werde nun auch sogleich den großen Meister aufsuchen gehen und sehen, was Er macht; du aber kannst nun tun, was du willst!“

[GEJ.09_080,12] Sagte der über diese Traumdeutung ganz erstaunte Schriftgelehrte: „Höre, ich werde das tun, was du tust, – und so gehen wir!“

 

81. Kapitel

[GEJ.09_081,01] Als die beiden aus der Wohnung ins Freie kamen, da sahen sie die große Brandstätte und wie ihre Gefährten tätig waren, um ihre vom Feuer noch nicht zerstörten Schätze zu sammeln und irgend in eine gute Verwahrung zu bringen.

[GEJ.09_081,02] Einer rief dem Schriftgelehrten zu, sagend (ein Templer): „Kümmerst du dich um das Deinige denn gar nicht?“

[GEJ.09_081,03] Sagte der Schriftgelehrte: „Ich werde zu dem, was allenfalls mein ist, noch früh genug kommen; und ist von dem Meinen nichts zu finden, so werde ich mich darum auch nicht grämen. Arbeitet ihr nur zu für den Tod; ich aber werde mich nun um eine Arbeit fürs Leben umsehen!“

[GEJ.09_081,04] Mit diesen Worten begaben sich die beiden weiter.

[GEJ.09_081,05] Die andern Pharisäer aber sagten unter sich: „Hat der Galiläer etwa auch schon unseren einzigen Schriftgelehrten verrückt gemacht?“

[GEJ.09_081,06] Dieser achtete aber dessen nicht und begab sich in die Herberge mit dem ganz bekehrten Pharisäer, um da mit Mir reden zu können. Ich aber war mit Meinen Jüngern noch im Freien und daher nicht in der Herberge.

[GEJ.09_081,07] Da Mich die beiden vermißten, so fragten sie den Wirt, der mit dem Ordnen des großen Speisetisches beschäftigt war, wo Ich Mich befände, oder ob Ich etwa gar den Ort schon verlassen hätte.

[GEJ.09_081,08] Der Wirt aber sagte: „Der Herr des Lebens ist noch nicht fortgegangen! Er befindet Sich mit Seinen Jüngern irgendwo im Freien; wo aber, das kann ich euch nicht angeben, da Er schon eher diesen Saal verließ, als ich wach wurde. Es hatten aber einige Seiner Jünger Reisebündel bei sich, die ich noch in meiner Verwahrung habe, und das ist ein Zeichen, daß der Herr diesen Ort noch nicht verlassen hat, und ich glaube, daß Er bald wieder zurückkommen wird, indem das Morgenmahl bald vollends bereitet sein wird, darum Er sicher weiß. Gehet aber hinaus, und suchet Ihn auf; denn es lohnt sich da wohl der Mühe, den Herrn des Lebens aufzusuchen! Ich werde das selbst tun, sobald ich mit dem Ordnen dieses Tisches fertig sein werde. Mein geheilter Oberknecht hat das bereits getan.“

[GEJ.09_081,09] Sagte der Pharisäer: „Was machen denn die zehn Gereinigten? Sind sie noch hier, oder sind sie schon weitergezogen?“

[GEJ.09_081,10] Sagte der Wirt: „Oh, die sind schon mit dem Anbruch des Tages weitergezogen! Wohin, das wird auch der Herr am besten wissen!“

[GEJ.09_081,11] Auf diese Worte verließen die beiden eiligst den Saal und gingen, daß sie Mich irgendwo träfen. Sie gingen durch den Markt und fragten einen und den andern Menschen, ob er Mich nicht gesehen habe; aber es wußte ihnen keiner einen Bescheid zu geben.

[GEJ.09_081,12] Am Ende des Marktes begegnete ihnen ein armes Kind, das eine Waise war. Das fragten sie auch, ob es Mich in Gesellschaft von mehreren Männern nicht irgendwohin habe gehen sehen.

[GEJ.09_081,13] Und das Kind sagte: „O ja! Seht, dort auf dem Hügel gen Kana zu sitzen die fremden Männer, – und einer muß gar etwas Hohes sein; denn er hat mir die Augen plötzlich geheilt! Ihr wisset es ja, daß ich von Geburt an völlig blind war, und wie mich meine arme Mutter täglich vor des Marktes Tor hinaussetzte, auf daß ich von den Menschen ein Almosen erbettelte!“

[GEJ.09_081,14] Die beiden beschenkten das arme Kind reichlich und ließen es nun voll Freuden zu seiner Mutter ziehen, die das Kind bald ersah und ihm ganz erstaunt entgegeneilte und es um alles befragte.

[GEJ.09_081,15] Die beiden aber eilten darauf gleich dem Hügel zu und kamen gerade zu uns, als wir uns vom Boden aufrichteten, um in die Herberge zurückzukehren.

[GEJ.09_081,16] Als sie bei uns ankamen, da grüßten sie Mich auf das freundlichste und baten Mich, in Meiner Nähe sein zu dürfen.

[GEJ.09_081,17] Und Ich sagte: „So ihr das wollet, da bleibet! Wir aber werden nun auf einem andern Wege uns in die Herberge begeben und nicht durch den Markt ziehen. Denn Ich habe das blinde Mägdlein sehend gemacht; das wird dieses nun samt ihrer Mutter jedermann erzählen, und wenn wir nun durch den Markt zögen, würde alles Volk sich zu uns drängen, um Mich zu sehen und zu preisen, dem Ich nun vorbeugen will. Und so gehen wir!“

[GEJ.09_081,18] Auf diese Meine Worte verließen wir eiligst den Hügel und begaben uns schleunigst auf einem kleinen Umwege in die Herberge.

[GEJ.09_081,19] Als wir in den Saal traten, wollte eben der Wirt Mich auch aufsuchen gehen, da er mit dem Ordnen des Tisches zu Ende gekommen war. Da wir aber ihm zuvorgekommen waren, so bat er Mich um Vergebung, daß er so saumselig gewesen sei. Ich aber beruhigte ihn und sagte, daß er nun das Morgenmahl solle auf den Tisch setzen lassen, was denn auch sogleich geschah. Wir setzten uns zu Tische und nahmen guten Mutes das wohlbereitete Mahl zu uns.

[GEJ.09_081,20] Während des Mahles ward auch die Heilung des blinden Mägdleins besprochen, worüber sich der Wirt überaus verwunderte und sogleich nach dem armen Mägdlein und nach seiner Mutter jemanden senden wollte. Ich aber riet ihm, das vorderhand des Aufsehens wegen bleibenzulassen; wenn Ich aber aus dem Orte sein werde, dann werde es schon Zeit zur Genüge geben, der Armen zu gedenken. Und der Wirt tat das.

 

82. Kapitel

[GEJ.09_082,01] Als der Wirt aber von Mir vernahm, daß Ich den Ort etwa bald verlassen möchte, da ward er traurig und sagte: „O Herr und Meister, Du wirst etwa doch nicht heute noch diesen Ort verlassen?“

[GEJ.09_082,02] Sagte Ich: „Freund, es gibt noch gar viele Blinde und Taube im Herzen und in der Seele; zu denen muß Ich auch kommen und ihnen helfen. Wie es euch wohl tat, daß Ich zu euch kam, so wird es noch vielen wohl tun, wenn Ich zu ihnen kommen werde. Aber etwelche Stunden werde Ich dennoch in deinem Hause verweilen; und es wird sich in dieser Zeit noch so manches besprechen lassen. Laß uns aber nun noch einen frischen und reinen Wein auf den Tisch setzen!“

[GEJ.09_082,03] Sagte der Wirt: „O Herr und Meister, einen frischeren, reineren und besseren Wein besitze ich in allen meinen Kellern nicht! Was wird da zu tun sein?“

[GEJ.09_082,04] Sagte Ich: „Gehe du in den Keller, der sich unter diesem Saale befindet, da wirst du schon welchen finden!“

[GEJ.09_082,05] Sagte der Wirt: „O Herr und Meister, da unter diesem Saale ist wohl ein alter Keller; aber es befinden sich darin weiter nichts als alte, nahezu unbrauchbar gewordene Kellergerätschaften, als Schläuche, Krüge und noch andere Gefäße. Von einem Weine ist darin keine Spur!“

[GEJ.09_082,06] Sagte Ich: „Darum eben sollst du uns aus diesem Keller einen Wein bringen, auf daß du und alle, die in deinem Hause sich befinden, es noch mehr denn bisher merken sollen, daß derlei Dinge kein Essäer je zu bewirken imstande ist, wie der Schriftgelehrte bei sich noch meint!“

[GEJ.09_082,07] Hierauf sagte der Wirt: „O Herr und Meister, dieser Meinung ist außer unserem Schriftweisen nun wohl kein Mensch mehr in meinem ganzen Hause! Ich glaube, daß in Dir die Fülle des Geistes Gottes wohnet körperlich! Dein Wille ist Sein Wille, und Dein Wort ist Sein Wort, und es ist darum alles, was Du sagst, eine ewige Wahrheit, Licht, Liebe, Leben und so gut wie ein vollbrachtes Werk. Und so glaube ich denn auch, daß sich nun in diesem alten Keller Wein befindet, und das sicher von der allerbesten Sorte!“

[GEJ.09_082,08] Sagte Ich: „So gehe denn hinab, und bringe uns einen!“

[GEJ.09_082,09] Hierauf nahm der Wirt zwei große Krüge, und ebenso auch der Oberknecht, gingen in den besagten Keller und fanden zu ihrem größten Erstaunen alle die alten Schläuche, bei hundertundfünfzig an der Zahl, alle Krüge und andern Gefäße, die sich nun alle in gutem Zustande befanden, voll des besten Weines. Beide kosteten den Wein und fanden ihn über alle Maßen gut und wohlschmeckend. Sie füllten die mitgenommenen vier Krüge und brachten den Wein auf den Tisch und füllten unsere schon leeren Becher.

[GEJ.09_082,10] Der Pharisäer war der erste, der seinen Becher bis auf den letzten Tropfen leerte und darauf zu seinem Gefährten, der sich nicht recht getraute, einen etwa zauberischen Wunderwein zu trinken, sagte: „Versuche auch du den Wein, auf daß auch du erkennest, daß das Glaubensbekenntnis unseres Wirtes ein wahres ist!“

[GEJ.09_082,11] Da nahm der Schriftgelehrte denn auch seinen Becher, fing an, den Wein zu kosten, und da er ihm gar zu wohl schmeckte, so leerte auch er seinen Becher bis auf den letzten Tropfen.

[GEJ.09_082,12] Als er den Becher völlig geleert hatte, da sagte er (der Schriftgelehrte): „Wahrlich, dies ist eines jener Zeichen, das sich auf keine natürliche Art und Weise erklären läßt! Denn aller Art Kranke bloß durch einen überfesten Glauben und unbeugsamen Willen heilen, das ist nach alten Sagen und Traditionen unter den Menschen schon dagewesen; denn es gibt, wenn auch selten, hie und da noch gänzlich unverdorbene Menschen, die eine übergroße und ebenso starke Lebenskraft besitzen. Wenn derlei Menschen auf irgendeinen Kranken durch ihren Glauben und Willen einwirken wollen, so wird der Kranke wie von einem Lebensfeuerstrom durchdrungen und erfüllt und kann dadurch im Augenblick gesund werden, wie man um derlei Heilungen wohl so manches aus den alten Schriften beinahe aller uns bekannten Völker weiß. Also weiß man auch, daß es Menschen gegeben hat, die nach ihrem guten oder bösen Belieben am schönsten und heitersten Tage allerlei herzaubern und auch andere Dinge verrichten konnten, welche einem natürlichen Menschen wunderbar vorkommen mußten. Aber alte, leere Schläuche und andere Gefäße bloß durch den Willen erstens in einen brauchbaren Zustand setzen und sie dann aber auch mit dem reinsten, besten Weine füllen, das ist etwas, wovon alle Chroniken und alten Sagen nichts zu erzählen wissen. Und dieses Zeichen halte denn auch ich für ein übermenschliches, das ohne eine große Fülle wahrer göttlicher Kraft ni